Die Djihad-Falle
21. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Die anderen Artikel der “Great Game”-Serie sind hier zu finden.

“Regret what? That secret operation was an excellent idea. It had the effect of drawing the Russians into the Afghan trap and you want me to regret it?”
Zbigniew Brzezinski – 1998 in einem Interview über die Unterstützung der Mudschaheddin
Von der afghanischen Falle …
Zbigniew Brzezinski war im Jahre 1979 Nationaler Sicherheitsberater der Carter-Regierung. In dieser Funktion war er einer der Architekten der heutigen Variante des Great Games. Mit der Operation Cyclone lockte er die Sowjets in Afghanistan in die Djihad- Falle. In einem Interview: mit dem Pariser Nouvel Observateur aus dem Jahre 1998 erklärt Brzezinski, man habe schon vor dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan die Mudschaheddin finanziell und materiell unterstützt und somit vorsätzlich diese Invasion provoziert. Man habe der Sowjetunion die „afghanische Falle“ gestellt und sie so in einen Krieg hineingezogen, den sie kaum hätten gewinnen könnten. Dies habe zur Demoralisierung und schlussendlich zum endgültigen Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums geführt.
Ausgehend vom Zusammenbruch der Sowjetunion entwarf Brzezinski als Hauptaufgabe der „einzig verbliebenen Weltmacht“ die Herstellung der Kontrolle über den Euroasiatischen Kontinent. Wer Eurasien beherrsche, beherrsche die Welt, so seine Grundthese. Wichtigstes Objekt solcher Interventionen ist für Brzezinski das, was er das „Schwarze Loch“ Eurasiens nennt, nämlich Russland. Russland, so Brzezinski, müsse unter allen Umständen daran gehindert werden, sich wieder zu einem eurasischen Imperium zu entwickeln. Brzezinksis Doktrin wird heute von den NeoCons in Washington in einer solchen Weise vorangetrieben, die selbst einen Brzezinski noch fast als Taube erscheinen lassen könnte.
.. zur Djihad-Falle
Im frühen 21. Jahrhundert scheint die USA Russland ein zweites Mal die „Djihad-Falle“ zu stellen und diesmal geht es um die südliche Flanke der Russischen Föderation. Russland ist vom „Krieg gegen den Terrorismus“, der ja de facto eher ein Krieg gegen den Islam ist, in einer besonderen Art und Weise betroffen. In Russland leben geschätzte 20 Millionen Muslime, rund 15% der Bevölkerung. Besonders stark sind die Muslime im Süden der Föderation vertreten, in den Kaukasusregionen Tschetschenien, Dagestan, Inguschetien und Nordossetien. Diese Regionen sind zwar wirtschaftlich eher unbedeutend, stellen aber die Schnittstelle zu den rohstoffreichen und geopolitisch wichtigen Südkaukasusrepubliken und dem Kaspischen Meer dar. Öl- und Gaspipelines vom Kaspischen Meer zu den Hochseehäfen des Schwarzen Meeres müssen diese Regionen durchkreuzen. Ein Ausscheiden dieser Regionen aus der Russischen Föderation würde also eine massive Kräfteverschiebung im Great Game bedeuten, da Russland keine Optionen mehr hätte, kaspische Energieströme ungehindert über sein Territorium zu transportieren.
Tschetschenien - Kampfgebiet der Wahabiten
Diese Aussicht lässt natürlich sowohl kalkulierende US-Geostrategen, wie Brzezinski, als auch die NeoCon-Falken in Washington frohlocken. Eine Destabilisierung des Nordkaukasus läge ganz in ihrem Interesse. Wie Seymour Hersh in seinem Artikel Die Neuausrichtung darlegt, sind die neuen Partner der USA im verdeckten Kampf für US-Interessen und gegen Gott und die Welt, die gleichen, die auch 79 bei der Operation Cyclone schon ihre Partner waren – die Saudis. Neben Erdöl hat Saudi-Arabien ein Exportgut, das vor allem in den mittelasiatischen Raum exportiert wird, den Wahabismus, eine radikale Form des Islam, der auch auf politische Einflussnahme aus ist. Unterstütz durch saudische Petro-Milliarden (auch als eine Art Schutzgeld vor einheimischen Extremisten, die der saudischen Königsfamilie ihr prunkvolles Leben übel nehmen) haben die Wahabiten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den nordkaukasischen Regionen eine Reislamisierungskampagne gestartet. Mit saudischem Geld werden wahabitische Imame bezahlt, Moscheen gebaut und Koranschulen unterhalten. Aber auch wahabitische Freischärler sickerten in den Kaukasus ein – die Parallelen zu Afghanistan in den 80ern sind offensichtlich. Der Freiheitskampf der Tscheschenen gegen Russland mag sicher auch historische Gründe haben. Der aggressive Islam in der Region, ist jedenfalls nicht traditionell sondern ein Import aus Saudi-Arabien. Die Protagonisten in diesem Kampf sind auf tscheschenischer und dagestanischer Seite auffällig häufig wahabitisch, genau so wie die ausländischen Kämpfer, die dort die lokalen Rebellen schulen. Prominente Rebellenführer wie Bassajew, Sadulajew und Maschadow (alle mittlerweile liquidiert) schlossen sich den Wahhabiten an und sind verantwortlich für Aktionen wie die Geiselnahme von Beslan oder den Angriff auf Dagestan, der den zweiten Tschetschenienkrieg auslöste. Man kann also mit Fug und Recht von einem Stellvertreterkrieg auf russischen Boden sprechen.
Unterstützung aus Washington
Medial sekundiert werden die wahabitischen Freischärler von einer prominenten Riege aus Kulturkämpfern, Falken, kalten Kriegern, Geostrategen und Medienprofis – meist aus den Think Tanks der NeoCons, die sich u.a. zum American Committee for Peace in the Caucasus (ACPC) (früher American Committee for Peace in Chechnya, gleiche Abkürzung) zusammenschlossen um Lobbyarbeit und mediale Propaganda zu leisten – was hinter den Türen dieses „Komitees“ noch so vor sich geht, darf allenfalls vermutet werden. Die Mitgliedschaft des „Afghanistan-Veteranen“ Brzezinski lässt eine direkte Beteiligung erahnen. Weiter prominente Mitglieder sind:
- Richard Perle, NeoCon (Project for the New American Century (PNAC) und American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI)) und Ex-Berater des Pentagons
- Elliott Abrams, NeoCon (alter Straussianer), Iran-Contra “Veteran” und Bushs Mann für geopolitische Fragen
- Kenneth Adelman, NeoCon (PNAC) und ehemaliger UN-Botschafter (der Mann, der sagte, daß der Irak-Krieg ein „Spaziergang“ werde)
- Midge Decter, NeoCon (Committee for the Free World und Heritage Foundation) und Rumsfeld-Biograph
- Frank Gaffney, NeoCon (Center for Security Policy, PNAC)
- Bruce Jackson, NeoCon (AEI, PNAC und andere) und ehemaliger Lockheed Martin Chef, momentan US-Repräsentant bei der NATO
- Michael Ledeen, NeoCon (AEI) und Wortführer der Falken in punkto Iran-Krieg
- R James Woolsey, NeoCon (PNAC), ehemaliger CIA-Chef und Mitinitator des Irak-Kriegs
Auch der Rest der Liste liest sich, wie ein “Who is Who“ der NeoCons und von Soros und Co bezahlten NGOs.
Nach dem Drama von Beslan machte ein „offener Brief“ in den Medien die Runde, mit dem „Persönlichkeiten des öffentlichen“ Lebens sich in einer Tonlage gegen Putin wandten, die an Zeiten des kalten Krieges erinnert. Man klagt Putin als Diktator an, der die demokratischen Werte verrate, während der Westen überall auf der Welt für Demokratie interveniere und wandte sich an die NATO und die EU mit der Aufforderung, ihre bisherige Politik mit Russland zu überprüfen. Bei Durchsicht der Unterschriftenliste stellt sich heraus, dass die Unterzeichner bis auf wenige Ausnahmen aus den Reihen der aktivsten NeoCons der USA stammen, von denen auch die Initiative für den „offenen Brief“ ausging; nicht wenige von ihnen finden sich auch als Mitglieder im American Committee for Peace in the Caucasus (ACPC) wieder. Auch namhafte Personen aus dem EU-Raum unterschrieben – u.a. der Grünen-Chef Bütikofer, Cem Ozdemir und Friedbert Pflüger. (1)
Politische Kampfbegriffe
Zu den Unterstützern der „tschetschenischen“ Sache zählt sich auch der Exil-Oligarch Boris Beresowski, ein Mann zweifelhaften Rufes, der mit krummen Geschäften rund um den Tscheschenien-Krieg zum Milliardär wurde. Ebenso wie die NeoCons hat er beste Verbindungen zu den Medien-Imperien und ebenso wie die NeoCons weiß er, wie man NGOs finanziert, die mit politischen Kampfbegriffen, wie „Demokratie“ und „Menschenrechten“ mediale Stimmung gegen Russland machen. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen. Das russische Vorgehen in Tschechenien ist zu verurteilen. Menschenrechtsverletzungen finden dort statt und müssen unterbunden werden – nur sind es sicher nicht die NeoCons oder Beresowski, die leuchtende Vorbilder der „Demokratie“ oder der „Menschenrechte“ wären. Darum geht es ihnen nicht. Ihnen geht es um Geopolitik, Öl, Geld und Macht. Daher sollten wir die Medien bei Berichten über den Nordkaukasus aufmerksam prüfen, inwieweit Meldungen vom Spin und Kampagnen seitens der Falken instrumentalisiert wurden.
Anlässlich des Geiseldramas von Beslan sprach Putin von fremden Mächten, „die sich beste Filetstücke aus uns herausschneiden wollen“. Die westlichen Medien wollten das als Hinweis auf Bin Laden und Al Quaida verstehen. Eine klare Anspielung auf Brzezinkis Formulierung der Filetstücke, die sich die USA auf dem „Eurasischen Balkan“ und im Kaukasus sichern müssten, erscheint indes wesentlich wahrscheinlicher.
tbc in Teil 4 - “Die SCO - Anti-NATO oder Todgeburt?” (in kürze online)
Jens Berger
Tags:
Tschetschenien Putin Kaukasus Wahabiten Krieg NeoCons Medien
Posted in Ausland, Geopolitik, Great Game, Russland, USA |














































































Danke, dass Sie darüber schreiben! Es ist schade, dass diese knappe, aber informative Aufstellung nicht von den großen Zeitungen gedruckt wird.
So hatte ich noch nicht darüber nachgedacht. Wirklich perfide. “Wenn zwei sich streiten…” bekommt so ganz neue Dimensionen.