Die kreative Grenzkontrolle
geschrieben am 29. März 2007 von Spiegelfechter
Warum hat Iran die britischen Seemänner gefangen genommen? Dies ist die Frage, die Blogs und Foren sich momentan stellen. Die Mainstreammedien heucheln zwar auch ein Interesse an dieser Frage vor, sind aber nicht ernsthaft an einer Antwort interessiert. Um auf diese Frage eine Antwort zu erhalten, sollte man sich zunächst einmal die Reaktionen auf die „kreative“ iranische Grenzkontrolle anschauen und vor allem für einen Moment den Eurozentrismus über Bord werfen. Europa spielt nur eine Statistenrolle.
Der verbale Sturm im Wasserglas
Die USA wollen die Spannungen mit Iran nicht weiter eskalieren und halten ein Großmanöver vor dessen Küste ab. Großbritannien generiert sich medienwirksam als Prototyp der unverbindlich höflichen Kolonialherren, der mit britischer „stiff upper lip“ schon mal mit den aufbrausenden Eingeborenen zu sprechen bereit ist, verkündet im gleichen Atemzug aber eine „härtere Gangart“, ruft den UN-Sicherheitsrat ein, was ebenso sinnlos wie unangebracht ist, Russland und China werden sich vom Tony nicht beeindrucken lassen. Die uckermärische Landfrau verkündet schon mal in vorauseilendem Gehorsam die uneingeschränkte Solidarität mit Großbritannien – ja weiß den Frau Merkel nicht mehr, wie das mit der nahezu gleichklingenden Solidaritätsbekundung ihres Vorgängers ausgegangen ist? Sie weiß es wohl und das ist das Problem.
Die rote Linie
Auf der anderen Seite hat (von den westlichen Medien beinahe unbeachtet) sich eine ganze Phalanx von Staaten gebildet, die sich teils lautstark für ein Ende der westlichen Aggressionslinie stark machen.

Am Montag trafen sich Russlands Präsident Putin und der chinesische Staats- und Parteichef Hu in Moskau und hatten einiges zu bereden. Heraus kamen gleich mehrere Absichtserklärungen, die dem Westen gar nicht gefallen werden. Als wichtigste Meldung wäre da die Weigerung Pekings und Moskaus zu nennen, daß im Rahmen der neunen UN-Resolutionen keine Gewalt gegen Teheran ausgeführt werden darf. Über diesen Punkt machte Putin auch gegenüber Bush in einem Telefongespräch keine Abstriche (1).
Moskau lässt auch in anderen Punkten so langsam die diplomatische Zurückhaltung in puncto US-Aggression gegen Iran fallen, so als sei vom Westen eine unsichtbare Grenze überschritten wurden. Eine gemeinsame Linie zwischen USA, EU-3 und Russland scheint immer unwahrscheinlicher zu werden. Wenn Blair die EU jetzt in der „Cornwall-Affäre“ zu einem Wirtschaftsboykott gegen Iran überreden kann, werden sich viele Geschäftsleute in Moskau, Shanghai und Dehli gewiss schon mal die Hände reiben.
Einem iranischen Analysten zu folge, trifft der Streit zwischen Teheran und London zu dem Zeitpunkt, an dem die Manipulation und Einflussnahme des Westens im Nahen Osten einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Iran hat ein klares Signal ausgesendet – Bis hierhin und keinen Schritt weiter!
Dieses Signal kam nicht nur in Iran gut an, es wurde vor allem in der arabischen Welt gut aufgenommen. Das Video mit den entführten Seeleuten wurde interessanterweise auch nur im arabischsprachigen iranischen Auslandsfernsehen ausgestrahlt und nicht im nationalen Fernsehen, das in Farsi sendet. Die arabische Welt ist Empfänger des Signals und sie hat es verstanden.
Auf dem momentan stattfindenden Arabischen Gipfeltreffen in Riad wurden erstmals deutliche Worte gegen die USA gefunden. Der saudische König warnte die “ausländischen Mächte”, endlich damit aufzuhören, sich in die Angelegenheiten der Region einzumischen.
Irans Aussenminister Mottaki wurde noch im letzten Moment zum Gipfel eingeladen – erst nach dem Ausbruch der Krise mit Großbritannien. Libyens Premier Muammar al Gaddafi hatte sich z.B. am Vorabend des Gipfels geweigert an einer „Anti-Iran“ Veranstalltung teilzunehmen, die auf ein Keil zwischen Sunniten und Schiiten hinauslaufen soll (3). Sowohl iranische als auch arabische Zeitungen hatten im Vorfeld über die Versuche von US-Beamten berichtet, die Geheimdienstchefs von Ägypten, den VAR, Jordanien und Saudi-Arabien zu einem „Anti-Iran Netzwerk“ zu bewegen.
Anscheinend hat Teherans Affront gegen London Iran zahlreiche Sympathien in der Region eingebracht. Die Araber auf der Strasse sehen Iran als Fels in der Brandung, der dem „imperalistischen Westen“ widersteht, den Aggressoren die Stirn bietet und nicht, so wie die Führer ihrer Länder, einknickt – Sunnit oder Schiit, diese Unterscheidung scheint anlässlich der Bedrohung von aussen an Bedeutung zu verlieren. Da die arabischen Potentaten alles andere als sicher im Sessel sitzen, müssen sie auf Iran zugehen und sich vom Westen distanzieren – und das tun sie zusehends:
- Katar verbietet es den USA, den See- und Luftraum für etwaige Angriffe auf Iran zu nutzen (4)
- Die Vereinigten Arabischen Emirate schliessen ihren Luftraum für das amerikanische Militär (5)
- Die Vereinigten Arabischen Emirate widerstehen amerikanischen Drohungen, die Zusammenarbeit mit Iran einzustellen (6)
- Der saudische König kritisiert die “illegale ausländische Besetzung“ des Irak (7)
- Der irakische Präsident sagt, die amerikanische Invasion des Iraks sei in eine Okkupation mit schweren Folgen hinüberwachsen(8)
Die Araber sind heute wesentlich weniger bereit mit den USA oder Israel gegen Iran zusammenzuarbeiten, als vor einer Woche – das ist es was Iran erreicht hat. Aus iranischer Perspektive ist das in jedem Fall ein sehr großer Vorteil. Sollte der Krieg gegen Iran bereits entschiedene Sache sein, so wird es dem Westen noch schwerer fallen, wenn sie ohne Unterstützung ihrer sunnitischen Verbündeten gegen Iran vorgehen müssten. Sollte der „Point of no Return“ noch nicht überschritten sein, so besteht dadurch mehr Hoffnung denn je, dass die Strategen im Weißen Haus und in der Downing Street es sich noch einmal anders überlegen. Die nächste diplomatische Offensive gegen die Araber wird bereits in Kürze starten – mal schauen, ob sie ihre Distanz bewahren können. Denn eins ist sicher: Mit einem brennenden Nahen Osten ist ihnen nicht geholfen. Die US-freundlichen Potentaten würden ernsthafte innenpolitische Probleme bekommen.
Zu diesem Thema sei auch noch einmal Seymour Hershs Artikel “Die Neuausrichtung” empfohlen – lang aber sehr informativ.
Update: Wie im Artikel prognostiziert hat sich der UN-Sicherheitsrat dank russischer Vorbehalte gegen eine harte Gangart gegen Iran entschieden. Da musste SPON arg enttäuscht feststellen: “Mit einer ausgesprochen milden Erklärung hat der Uno-Sicherheitsrat auf die Geisel-Krise zwischen Iran und Großbritannien reagiert. Er drückte lediglich “tiefe Besorgnis” aus und lehnte die Forderung nach sofortiger Freilassung ab.”
Jens Berger
| Tags: Ausland Iran | |
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Kommentare
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Aktuell: Süddeutsche sperrt Kommentarfunktion bei Artikel zu britischen Gefangenen:
http://www.sueddeutsche.de/,tt2m3/ausland/artikel/66/107958/
Wo ist denn das Bush-Plakat “Four More Wars!” her?
@sum1
Von Whitehouse.com
Hmmm, wohl nicht mehr da.
Wenn Du es noch hast, könntest Du es hier hochladen für unsere Community:
http://sum1bur.ning.com
@sum1
Oooops – ich meinte natürlich Whitehouse.org ;-)
Im Büro sind Seiten wie diese leider gefiltert, daher konnte ich das nicht gegenchecken.
Der Link zu den Postern ist folgender.
Hi
erst ma finde ich es klasse das du dir so viel mühe für die Artikel machst und etc.
aber ich möchte eine frage in die runde stellen :
Würdet ihr euer autoradio entfernen wenn der staat sagt du musst das machen und euch immer mit diesem thema konfrontiert und es eurem nachbarn auch gesagt wird aber da keiner drauf rumreitet .
Nartürlich würde ich es nicht raus nehmen . und so ist es auch mit dem Iran .Israel geht schon seit 30 Jahren nicht mehr auf Un resulotionen ein ,warum sollte es denn iran machen.
zu “angi” kann ich nur sagen : wenn wer keine peilung hat dann diese dame. ich meine ich kann auch Kanzler werden und tolle reden halten(nicht mal das kann sie).
Russland China & Bush
Wenn Us&a denn iran vorhaben anzugreifen wird China sicherlich nicht mitmachen bzw. sie lassen sich keine weiter tankstelle wegnehmen und auch china will militärische stärke zeigen .
Russland würde iran zuspottpreisen ihre waffensysteme verkaufen .
zu den Arabern :
sie Können zwar verbieten den Luftraum zu nutzen ,aber wer soll die Amys denn davor abhalten es nicht doch zutuhn ? die Uno? LOL
auf die hört doch keiner mehr. und mal erlich, die stärkste armee ist nach syrien die Hizbollah wenn man es glauben will oder net.
ich will garnicht pro-iran stehn aber das amerika denn iran ohne a bomben bezwingen kann ist eher unwarscheinlich .
mfg nassem