Blairs Schmierenstück
30. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Die Briten geben sich sehr sicher und behaupten, daß ihre Seeleute definitiv in irakischen Gewässern gekidnappt wurden. Auf einer PK wurden bunte Karten präsentiert, die dies beweisen sollten. Für die westlichen Medien und die westliche Politik war die Sache damit klar – so klar ist die Situation indes nicht. Selbst wenn die Koordinaten stimmen, so ist dies kein Beweis für die Aussage, es handele sich „definitiv um irakische Gewässer“.
In diesem Kontext äußerte sich auch der kommandierende Offizier der HMS Cornwall Commodore Lambert, bevor er von Blairs Spin-Doctors erwischt wurde:
“There is absolutely no doubt in my mind that they were in Iraqi territorial waters. Equally, the Iranians may well claim that they were in their territorial waters. The extent and definition of territorial waters in this part of the world is very complicated”.(1)

Mit dieser “verwirrenden” Aussage hat der gute Mann sogar recht. Beide Seiten können zweifelsfrei behaupten, der Vorfall hätte in ihren Gewässern stattgefunden – wobei man natürlich anmerken muss, dass die Briten sich Tausende von Seemeilen entfernt von ihren Gewässern befanden.
Es gibt in der betreffenden Seezone nämlich keine Grenzen, die „zweifelsfrei“ anerkannt wären. Und das behaupten nicht „irgendwelche Mullahs“, das sagt ein ehemaliger britischer Karrierediplomat, der früher Chef der Maritime Section des Foreign and Commonwealth Office war und dabei im Embargo Surveillance Centre dafür verantwortlich war, welche Schiffe von der Royal Navy in diesen Gewässern geboarded werden. Ein Kronzeuge, wie man ihn sich besser nicht vorstellen könnte.
Dieser Mann, Craigh Murray, sagt folgendes:
The Iran/Iraq maritime boundary shown on the British government map does not exist. It has been drawn up by the British Government. Only Iraq and Iran can agree their bilateral boundary, and they never have done this in the Gulf, only inside the Shatt because there it is the land border too. This published boundary is a fake with no legal force.
Accepting the British coordinates for the position of both HMS Cornwall and the incident, both were closer to Iranian land than Iraqi land. Go on, print out the map and measure it. Which underlines the point that the British produced border is not a reliable one.
None of which changes the fact that the Iranians, having made their point, should have handed back the captives immediately. I pray they do so before this thing spirals out of control. But by producing a fake map of the Iran/Iraq boundary, notably unfavourable to Iran, we can only harden the Iranian position.
Die Präsentation der Karte ist also nichts als ein Schmierentheater seitens des britischen MOD. Wie weiland bei “Powells Märchenstunde” vor dem UN-Sicherheitsrat, wurden optisch aufgesexte Präsentationen vorgelegt, die suggerieren sollten, „wir“ sind im Recht. Das die Briten nicht im Recht sind, lässt sich sogar aus dem „Stars and Stripes Magazine“ vom 24. Oktober 2006 erfahren, die Pflichtlektüre für den Falken von Welt:
‘Bumping into the Iranians can’t be helped in the northern Persian Gulf, where the lines between Iraqi and Iranian territorial water are blurred, officials said.
“No maritime border has been agreed upon by the two countries,” Lockwood said.’That is Royal Australian Navy Commodore Peter Lockwood. He is the Commander of the Combined Task Force in the Northern Persian Gulf.
Es handelte sich also um einen Grenzzwischenfall in einem umstrittenen Gebiet. Das macht die Aktion der Iraner keinen Jota besser – man hätte die Briten festnehmen können und unter Verweis auf die ungeklärte Seerechtslage wieder freilassen können. Natürlich spielen auch die Iraner ihr Spiel auf den Köpfen der armen Seeleute. Aber, was für einen Europäer von Bedeutung ist, der in seinen Medien immer wieder vorgekaut bekommt, die Briten seien Opfer und arme Unschuldsengel: Die Briten provozieren ebenso. Die Präsentation mit gefakten Karten und die Ankündigung einer härteren Gangart etc. pp. sind keine deeskalierenden sondern eskalierende Schritte. London muss sich keinesfalls wundern, wenn Teheran sich jetzt vors Schienbein getreten fühlt und seinerseits blockt.
Update: In der heutigen Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung bestätigt Prof. Khan von der Universität der Bundeswehr in München die Aussagen von Craigh Murray:
Die Briten haben bei Ihrer Präsentation, in der sie eindeutig zeigen wollten, wo sich die Soldaten bei der Gefangennahme befanden, im Grunde genommen eine fiktive Linie und keine klare Grenze gezeigt. Letzteres können Sie auch gar nicht. Der Grenzverlauf zwischen Iran und Irak um Bereich des Shatt el-Arab ist nicht eindeutig definierbar.
Auch zum Thema Rechtslage äußert er sich:
Die britische Regierung hat wenig Einflußmöglichkeiten, falls eine Grenzverletzung nachgewiesen werden könnte. Dann wäre iranisches Strafrecht anwendbar; Kriegsrecht hingegen nicht, denn zwischen Iran und Großbritannien besteht kein militärischer Konfikt.
Jens Berger
















































































Die Medien in toto machen einen beschissenen Job. So etwas wie Recherche, verschiedene Blickwinkel beleuchten usw. findet kaum noch statt.
So etwas wie das hier könnte im Prinzip jede Redaktion machen - wenn sie denn wollten.
Stattdessen werden einfach Agenturmeldungen zusammenkompiliert.
Man kriegt so langsam ein Geführ dafür, wie es den DDR-Bürgern gegangen sein muss. Die offizielle Parteilinie bekam man in der AK oder im ND beigepult - meisten ziemlich langweilig. Wenn man eine Idee behommen wollte, was wirklich los ist, musste man das kontrastieren mit anderen Informationsquellen, die aber als irgendwie “schmuddelig” galten.
Für uns sind Blogs und Foren und alternative Berichterstattung im Internet das, wass West-Radio für den DDR Bürger war. Das muss auch nicht alles stimmen - aber beides gegeneinander gehalten und zwischen den Zeilen gelesen, kann man zumindest eine Ahnung bekommen, worum es wirklich geht.
Scheiß Zustände, das.
Das ein Blog wie dieses überhaupt nötig ist, ist ein Armutszeugnis für weite Teile der Medienlandschaft. Die machen schlicht den Kern ihres Jobs nicht mehr.
@leider_heiser
Sehr schön gesagt - dem kann ich zu 100% zustimmen.
Neulich hatte ich mit einem Freund das gleiche Thema und wir kamen auch auf den DDR/AK Vergleich. Sein Kommentar war “Aber die hatten wenigstens den Schwarzen Kanal” - wie recht er doch hat.
Hoffentlich wachen die Medien bald auf - dieser Zustand ist ja nicht mehr tragbar. Wie paradox ist es denn bitteschön, daß mittlerweile die erste offizielle Anlaufstelle für umfassende Nachrichten die russische RIA Novosti ist? Ein Organ des Landes, das in unseren Medien immer wieder als Land ohne Pressefreiheit dargestellt wird.
danke für diesen differenzierenden beitrag. ich stimmer leider_heiser zu, dass unsere medien hier einen ganz, ganz miesen job machen.
Für “leider_heise(r)” und “jolly rogers”:
Wieso “miesen Job”? DIE machen ihre Arbeit doch recht gut, - fragt sich halt nur für wen… ;-)
Aohuuh!
l.
@lycantropus
Nein, ich denke nicht. Auch aus der Sicht der Propaganda machen Sie ihren Job eher schlecht. Sie überziehen, sie werden immer unglaubwürdiger. Selbst für eher unkritische Konsumenten der Nachrichtenberichterstatter …
Ich nehme da immer - pars pro toto - meine Mutter. Selbst die glaubt nicht mehr alles, was “von Tagesschau bezeugt” daher kommt.
Sie kann es meist nicht gut in Worte fassen. Es ist mehr so ein Gefühl. Das äußert sich dann eher so: “Also ich weiß nicht, irgenwie ist das nicht richtig was die da machen … ”
Also selbst in dem von dir gemeinten Sinn machen Sie keinen “guten job”.
@leider_heiser
Das kann ich bestätigen. Auf dem Arbeitsplatz höre ich selbst bei politisch weniger interessierten Kollegen/Kolleginnen immer wieder eine neuerliche Skepzis gegen “die Medien” heraus. Und ich möchte dafür mal drei Gründe herauspicken:
- der meist schonungslose Kampganenjournalismus zugunsten einer neoliberalen Revolution hat sich abgenutzt. Vieles, das die Apologeten der libertären Wirtschaftsordnung in Sendungen wie Christiansen gepredigt haben und das in den Sprachgebrauch der Medien übergegangen ist (Euphemismen wie Reform, Umstrukturieren oder Rationalisierung) ist umgesetzt wurden und hat sich für das Individuum als fauler Budenzauber herausgestellt.
- die “großen” Lügen der Politik sind als solche intuitiv erkannt wurden. Die Unfähigkeit “der Medien” Alternativen zu präsentieren und das Ausbleiben systematischer Kritik hat zu einer Politk-, Politiker- und auch Medienverdrossenheit geführt.
- nicht zuletzt die Irak-Lüge der Herren Bush, Blair und Powell hat das letzt bisschen Vertrauen in die sicherheitspolitischen Schwüre des Westens zerstört.
Mit anderen Worten: Die Lebenslüge unserer Gesellschaft lässt sich nicht mehr verheimlichen.