Regierungsfarce
geschrieben am 21. Juni 2010 von Spiegelfechter
ein Gastbeitrag von Dr. Richard Albrecht
Im Rückgriff auf eigene wissenschaftliche und publizistische Studien und Kommentare und in Erinnerung an das, was in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland (Artikel 20 [2] GG) Volkssouveränität genannt wird, versucht Richard Albrecht als heutiger Gastautor den in den letzten sechs Wochen seit der Landtagswahl am 9. Mai 2010 in Nordrhein-Westfalen geschaffenen Politnebel zu lichten.
Mehrheitslegende
Jürgen Habermas nannte 1973 das, was auch hierzulande seit Sommer 2009 auf der politischen Vorderbühne sichtbar wurde und was auf allgemeinen Mehrheitsverlust bei Wahlen aller drei politisch-parlamentarischen Ebenen verweist, abstrakt ?Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus?. Bei der letzten Kommunalwahl im größten ganzdeutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRWE) Ende August 2009 deutete sich an, was auch bundespolitisch bei der letzten Bundestagswahl Ende September 2009 durchschlug und was am 9. Mai 2010 bei der letzten NRWE-Landtagswahl offensichtlicher als offensichtlich wurde[1]: Das doppelte demokratische Defizit [2] zeigte seine Passivseite, die grundlegend mißachteten und verletzten demokratische Repräsentationsansprüche der Vielen.
Rückbezogen auf die Grundgesamtheit der amtlich registrierten Wahlberechtigten nichtwählten am 30. August 2009 in NRWE 47 Prozent. Am 27. September 2009 nichtwählten in Ganzdeutschland 29 Prozent. Und am 9. Mai 2010 nichtwählten bei der behaupteten, angeblichen oder wirklichen, letzten NRWE-?Schicksalswahl? etwa 41 Prozent. Auf die jeweilige Grundgesamtheit rückbezogen repräsentier(t)en die jeweiligen schwarzgelden Regierungen Merkel-Westerwelle (Bund) 34 Prozent und Rüttgers-Pinkwart (NRWE) 25 Prozent.


Wie Ihr sicher mitbekommen habt, hat der Besuchertrend der letzten Wochen den Server des Spiegelfechters ein wenig in die Knie gezwungen. Vor allem in der Mittagszeit kam es “dank” bis zu 5.000 Seitenaufrufen pro Stunde in der Spitze zu Engpässen. Um die Performance sicherzustellen, haben wir in dieser Woche einiges unter der Motorhaube geändert. So ist beispielsweise ein neues Cache-System im Einsatz und viele Plugins, teilweises Altlasten aus vergangenen Jahren, sind mittlerweile erfolgreich ausgemustert worden. Bislang scheint die Performance recht stabil zu sein – klare Aussagen kann man erst machen, wenn es wieder zu einem größeren Ansturm kommt.
Was die Kohlregierung in vielen kleinen Schritten vorantrieb, die Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben, trieb die rot-grüne Regierung ab 2002 mit Kanonenschlägen auf die Spitze. Agenda 2010 nannten sie ihr Reformwerk, was nichts anderes hieß, als die Sozialsysteme zu sprengen, das Lohn- und Rentenniveau drastisch zu senken, prekäre Arbeit zum Kern dieses Systems zu machen und Flexibilisierung zur erschöpfenden Norm eines Arbeitsalltags:
Um in Zeiten der Politiker- und Parteienverdrossenheit erfolgreiches Online-Campaigning machen zu können, braucht man einige Faktoren, die in Deutschland normalerweise nicht gegeben sind: Das Produkt (der Kandidat) sollte von der “Community” nicht all zu eng mit einer der etablierten Parteien verbunden werden. Daher sollte auch die Kampagne als solche sich nicht mit einer Kampagne einer Partei in Verbindung bringen lassen. Wenn dies gegeben ist und man dann auch noch willfährige Massenmedien vorfindet, die ebenso wie arglose Netzbewohner auf den Kampagnenzug aufspringen, ist die Gelegenheit günstig. Yes, we Gauck! Das Netz lässt sich gerne vergauckeln und freut sich bereits über seine vermeintliche Wirkmächtigkeit, denn “wir werden gehört”. Fragt sich nur, wer “wir” ist.
Am 31.5.2010 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg die Folterandrohung gegen Magnus Gäfgen während einer Vernehmung im Frankfurter Polizeipräsidium im Jahre 2002 als einen Verstoß gegen Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention, das Folterverbot, verurteilt. Auffallend kurz wurde in den Leitmedien darüber berichtet, ganz schnell war das Thema vom Tisch. Aus gutem Grund: Es ging um weit mehr als einen Vizepolizeipräsidenten, der ganz alleine und einsam mit Folter Leben retten wollte.