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  • Zbigniew Brzezinski über den Gaza-Krieg

    geschrieben am 05. Januar 2009 von Jens Berger

    Der “Großmeister der Geostrategie” wird vom amerikanischen Mainstream gegrillt und feuert mit weisen und auch offenen Worten gegen den linientreuen Moderator Joe Scarborough zurück: “Sie haben ein solch atemberaubendes Halbwissen über die Geschehnisse, dass es geradezu peinlich ist, ihnen zuzuhören.” Wer sich über die amüsierten Reaktionen der blonden Co-Moderatorin wundert … die Dame heißt Mika Brzezinski und ist die Tochter des Mannes, der gerade eben ihren Kollegen lächerlich macht.

    Ein ausführlicher Artikel zum Thema Gaza folgt im Laufe des Tages.

    Jens Berger

    30 Kommentare

    So wird 2009

    geschrieben am 01. Januar 2009 von Jens Berger

    Das Jahr 2008 geht mitsamt der Finanzkrise als der Vorhof der Hölle in die jüngere Geschichte ein ? 2009 werden wir in deren Schlund blicken. In Deutschland werden nicht nur die Wirtschaftskrise, sondern auch das Superwahljahr die prägenden Themen sein und in der Weltpolitik wird der Amtswechsel im Weißen Haus für einen Paradigmenwechsel sorgen. Der SPIEGELFECHTER hat für seine Leser einen nicht ganz ernst gemeinten Blick in die große Glaskugel gewagt und Dinge gesehen, die die Menschen niemals glauben werden. Ein vorausschauender Rückblick auf das Jahr 2009.

    So wird 2009 ? die einen sagen so, die anderen so

    Die Finanzkrise wird sich im Jahr 2009 fortsetzen und das Weltfinanzsystem aus den Angeln heben. Präsident Obama wird nach dem Zusammenbruch der Citygroup im März des Jahres das komplette amerikanische Finanzsystem verstaatlichen ? das so genannte ?Island-Modell? wird daraufhin auch in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz kopiert werden. So viel Staatskapitalismus wird allerdings nicht überall nur Freunde finden ? China wird im Juni bei der Welthandelsorganisation einen Antrag einbringen, der den neuen ?Finanzsozialismus? des Westens als protektionistischen Schritt mit Sanktionen belegen soll. Daraufhin wird die OECD eine ?China-Tax? einführen ? einen 300 prozentigen Strafzoll auf chinesische Importprodukte. Von diesem Rückschlag wird China sich nie erholen. Dies sei eine große Chance für Deutschland, seine Rolle als Exportweltmeister zu festigen, so Professor Sinn in der Anne-Will Sendung vom 12. April 2009. Gemeinsam mit den Arbeitgeberverbänden fordert er, die Reformbemühungen nicht einschlafen zu lassen und unter dem Motto, ?von China lernen, heißt siegen lernen? die ?1 Euro Jobs? massiv auf den industriellen Bereich auszuweiten ? CDU, SPD und FDP sind von diesem Modell auch prompt begeistert und wollen die Reformen nach der Bundestagswahl umsetzen.

    Deutschland wird als einziges OECD-Land weiterhin privaten Banken mit immer neuen Rettungsfonds unter die Arme greifen. Dies ist auch bitter nötig, um die Weltwirtschaft vor dem Kollaps zu bewahren, nachdem US-Präsident Obama im März den Konsum der Amerikaner durch den neu eingeführten Gluttony-Act ankurbeln wollte. Amerikanische Staatsbürger sind fortan verpflichtet, jeden Monat Konsumgutscheine im Werte von mindestens 1.000 Dollar auf Pump zu erwerben, die bei Androhung von Haftstrafe innerhalb von 30 Tagen verkonsumiert werden müssen. Die Mittel für die Konsumgutscheine stammen aus dem neu aufgelegten staatlichen NBP-Fonds (National Bottomless Pit Fonds), dessen Finanzierung zu fast 100% über deutsche Banken erfolgt, die sich die Mittel zur Finanzierung aus dem deutschen Rettungsfonds für die Finanzindustrie zinslos leihen dürfen. Um den Rettungsfonds nicht austrocknen zu lassen und keine neuen Schulden aufnehmen zu müssen, wird die Große Koalition im April das Konsumsolidaritätsgesetz beschließen ? jeder Bundesbürger ist fortan verpflichtet, eine Konsumabgabe von 500 Euro pro Monat zu leisten, die allerdings steuerlich absetzbar sein wird. Um auch Hartz-IV Empfängern und Geringverdienern diese Abgabe zu ermöglichen, wird den Banken gestattet, bei Kreditvergaben auch die Kinder und die Organe der Kreditnehmer als Sicherheit zu akzeptieren. Kinderlose Kreditnehmer mit Organschäden dürfen von den Banken künftig auch ohne deren Einwilligung international als Leiharbeiter vermittelt werden. Bilaterale Verträge mit Bangladesh, Vietnam und den Philippinen können bereits im Mai umgesetzt werden. Die Börsen werden auf diese Innovationen mit einem Feuerwerk reagieren ? kurz vor den Europawahlen im Juni wird Kanzlerin Merkel erklären, man habe in einem unvorstellbaren Kraftakt, der so nur in Deutschland möglich sei, die Finanzkrise abgewendet.

    Die SPD löst sich auf

    Das Wahljahr 2009 beginnt mit einem Paukenschlag ? in Hessen erringt SPD-Kandidat Schlaffer-Bembel einen Achtungserfolg mit 18% der abgegebenen Stimmen. Generalsekretär Hubertus Heil sieht die SPD in der Elefantenrunde durch das solide Ergebnis gestärkt und gut vorbereitet für das Superwahljahr. Da Bundespräsident Köhler im April die Unterschrift unter das neue BKA-Gesetz verweigert, nachdem Innenminister Schäuble die Online-Durchsuchung auch auf Steuerstraftaten ausweiten will, die künftig unter die Terrorismusbekämpfung fallen sollen, wird er von der Union gegen Edmund Stoiber ausgetauscht, der bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen bekommt und sich selbst zum Präsidenten aller deutschen Stämme ernennt.

    Die Europawahlen am 7. Juni zeigen, dass der Optimismus der SPD nicht angebracht war ? die Sozialdemokraten stürzen auf 9,5% ab und sind damit nur noch fünfstärkste Kraft im Parteiensystem. Auf einem eilends einberufenen Parteitag wird sich die SPD bereits am Mittwoch nach der Wahl auflösen. Wegen Mangels an fähigem Personal wird Altkanzler Helmut Schmidt mit 100% der Stimmen zum Parteiverweser ernannt, der die ordnungsgemäße Abwicklung der Partei organisieren soll. Die meisten Landesverbände treten geschlossen der CDU bei, nur die Parteilinke, die für das Desaster verantwortlich gemacht wird, wechselt zur Linken, die sich daraufhin in einen gemäßigte NSDAP (Neue sozialdemokratische Alternativpartei) unter der Führung von Oskar Lafontaine, und die GLLSP (Gemeinsame Liste linker SplitterparteiINNEn) spaltet. Da beide Parteigründungen zu spät erfolgen, um bei den Bundestagswahlen im September antreten zu können, kann die CDU mit 75,8% ein Rekordergebnis erzielen. Die BILD jubelt ?Wir sind KANZLERIN? und der SPIEGEL spielt mit dem Gedanken, die Gunst der Stunde zu nutzen und das Grundgesetz endlich abzuschaffen, bevor ?ewig gestrige Bedenkenträger? wieder ins Parlament einziehen.

    Die EU expandiert und der persische Golf wird deutsch

    Nachdem die Iren im Sommer 2009 den Vertrag von Lissabon wiederholt ablehnen, werden sie kurzerhand aus der EU geschmissen ? dafür werden in einem Schnellverfahren Island, Afghanistan, die Ukraine, die Schweiz und Kanada in die EU aufgenommen. Der Euro avanciert bereits im nächsten Jahr zur Weltleitwährung, nachdem das kollabierte Britische Pfund, das im Oktober 2009 nur noch 2 Cent wert ist, der Schweizer Franken, der russische Rubel und zwanzig kleinere Währungen aufgegeben und gegen den Euro eingetauscht werden. Der Dollar wird im Vertrag von Bielefeld 1:1 an den Euro gekoppelt, um das Erfolgsmodell des amerikanischen Konsums auf Kosten der deutschen Steuerzahler nicht zu gefährden.

    Als der Ölpreis am 9. November auf 5 US$ pro Barrel sinkt und die OPEC einen kompletten Förderstopp beschließt, erklärt die Weltgemeinschaft der OPEC den Krieg ? der nun nahezu unbewohnte Persische Golf wird in einen amerikanischen, einen europäischen und einen russischen Sektor aufgeteilt. Die kurzzeitigen Lieferengpässe beim Erdöl können schnell mit Hilfe deutscher Leiharbeiter überbrückt werden, die die deutschen Banken den Ölgesellschaften zur Verfügung stellen, um im atomar verstrahlten Arabien die Ölförderung wieder in Gang zu setzen. CDU-Außenminister von Klaeden begrüßt in einer Grundsatzrede im Dezember 2009 das Engagement der Weltgemeinschaft, endlich die Demokratie auch in die letzen Winkel der Erde zu exportieren und kündigt die Gründung einer arabischen Schwesterpartei der CDU an. Da deutsche Leiharbeiter die Bevölkerungsmehrheit am Golf stellen, wollte von Klaeden auch eine Wiedervereinigung nicht mehr komplett ausschließen.

    Am 31. Dezember 2009 ernennt die sichtbar aufgewühlte Kanzlerin Merkel das Jahr 2009 zum Deutschen Jahr und sich selbst zur Kanzlerin auf Lebenszeit ? BILD und SPIEGEL jubeln.

    Jens Berger

    Bildnachweis: Bild 2 (v.o.): Titanic Magazin

    Lesetipp: Der Oeffinger Freidenker hat seine Leser in die Glaskugel blicken lassen

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    61 Kommentare

    Dialog unter Feinden

    geschrieben am 28. Dezember 2008 von Jens Berger

    Sollte es Obama mit seinem Angebot für einen Dialog zwischen Washington und Teheran ernst meinen, stünden die Chancen für einen Erfolg sehr gut

    Der Traum eines nach westlichen Vorstellungen geprägten Nahen Ostens ist mit der Ära Bush untergegangen. Beim Versuch, den Nahen Osten mit militärischen Mitteln zu demokratisieren, hinterließ der Westen verbrannte Erde. Vor allem das Verhältnis zwischen den USA und Iran ist in den letzten fünf Jahren vergiftet. Die Pragmatiker in Washington haben bereits seit längerem erkannt, dass eine Schadensbegrenzung des politischen Desasters nur möglich ist, wenn man mit der regionalen Hegemonialmacht Iran kooperiert. Der künftige Präsident Barack Obama hatte bereits im Wahlkampf angekündigt, die diplomatische Eiszeit mit Iran zu beenden und den Dialog zu suchen, obgleich die Ernennung außenpolitischer Hardliner in Schlüsselpositionen Zweifel an einem echten Willen zur Kooperation wecken. Wenn die USA Iran die Hand entgegenstrecken sollten, wird diese Hand von den iranischen Machthabern mit Freude ergriffen werden. Die Wirtschaftssanktionen des Westens haben das Land geschwächt und der Wille zur Kooperation ist in Teheran vorhanden.

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    71 Kommentare

    Der Spiegelfechter wünscht seinen Lesern ein frohes Fest

    geschrieben am 24. Dezember 2008 von Jens Berger

    Ein ereignisreiches Jahr neigt sich dem Ende zu ? für den SPIEGELFECHTER war das Jahr 2008 ein erfolgreiches Jahr. Die Anzahl der durchschnittlichen Leser hat sich in diesem Jahr verdreifacht – wenn diese Tendenz anhält, überholt der SPIEGELFECHTER im Jahre 2013 erstmals den SPIEGEL ;-)
    Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei meinen Lesern und vor allem bei meinen Kommentatoren zu bedanken ? ein Blog ist lebendiges Medium, ohne Euch wäre der SPIEGELFECHTER nichts. Ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachtsfest. In diesem Jahr werde ich mich aber auch noch mit einem ausführlicheren Jahresrückblick zu Wort melden. Da ich trotz ausgiebiger 10 Minuten-Recherche im Netz nichts ?lustiges? oder ?besinnliches? oder ?lustig besinnliches? finden konnte, um meinen Blog zu Weihnachten mit fremden Federn zu schmücken, schicke ich Euch mit Monty Pythons ?Christmas in Heaven? ins Fest:

    Und weil´s so schön ist: Die ?süßen Tiere von der BBC?:

    Frohes Fest!

    27 Kommentare

    Der menschliche Makel

    geschrieben am 21. Dezember 2008 von Jens Berger

    Besondere Situationen sind es, die aus einem Menschen entweder einen Helden oder ein Monster werden lassen. Das Spannungsverhältnis zwischen Gehorsam und Gewissen ist eine solche Konfliktsituation. Angetrieben von der Frage, wie im Dritten Reich tausende normale Menschen zu kaltblütigen Mördern und Verwaltern des Massenmordes werden konnten, hat im Jahre 1962 der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein wissenschaftliches Experiment entworfen, das seinerzeit für Aufsehen und Schrecken sorgte. Auch in den demokratischen und liberalen Vereinigten Staaten der frühen 1960er Jahre haben sich 65% der Probanden des Milgram-Experiments in einer konstruierten Konfliktsituation zwischen Gehorsam und Gewissen für den Gehorsam entschieden und wären bereit gewesen, einen ihnen unbekannten Menschen bis zum Tode zu foltern. Aufgrund der potentiell traumatisierenden Wirkung auf die Probanden wurde eine wissenschaftliche Wiederholung des Experimentes jahrelang verboten. In diesem Jahr wurde das Experiment erstmals unter wissenschaftlichen Bedingungen in einer entschärften Version, die von der Ethik-Kommission genehmigt wurde, an der Universität von Santa Clara wiederholt. Die Ergebnisse entsprechen beinahe haargenau denen, die Milgram in der 1960ern in Yale verzeichnen konnte. Hat der Mensch nichts dazugelernt oder steckt der Gehorsam gegenüber Autoritäten so tief im menschlichen Bewusstsein, dass er unabhängig von der Gesellschaftsform und dem ethischen ?Common Sense? in Konfliktsituationen die Oberhand gewinnt?

    Das Milgram-Experiment

    Ist der Deutsche besonders obrigkeitshörig und aufgrund seiner Sozialisation in der ersten Hälfte bis zur letzten Jahrhunderts besonders anfällig für Kadavergehorsam? Dies war bis in 1960er Jahre wissenschaftlichee Konsens, wenn es darum ging, zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass sich so viele Menschen während des Dritten Reiches zu aktiven und passiven Handlangern des Holocausts machen ließen. Um der Frage, ob die These der ?deutschen Besonderheit? haltbar ist, auf den Grund zu gehen, hatte der Yale-Psychologe Stanley Milgram ein Experiment entworfen, das er in den 1960ern in verschiedenen Variationen durchführen ließ.

    Beim Standardexperiment wurde über Zeitungsannoncen ein freiwilliger Proband für ein psychologisches Experiment gesucht. In der ehrwürdigen Yale-Universität wurde der Proband dann Opfer eines Theaterplots. Ein Schauspieler gab sich als zweiter Proband aus und ein weiterer Schauspieler mimte den Versuchsleiter. Bei einer fingierten Auslosung wurde dem Probanden die Rolle des ?Lehrers? in einem Versuch zugeteilt, als dessen Ziel die Erforschung des Einflusses von Schmerz auf die Lernfähigkeit vorgegeben wurde. Der Schauspieler nahm die Rolle des ?Schülers? in diesem Experiment ein und wurde in einem Nebenraum auf einen fingierten elektrischen Stuhl gesetzt. Dem Probanden wurde erklärt, dass er als ?Lehrer? dem ?Schüler? simple Assoziationsaufgaben stellen sollte und ihn bei falschen Antworten zu bestrafen hätte. Die Bestrafung sollte über einen elektrischen Schlag stattfinden, der über ein Regelpult mit angeordneten Mischhebeln ausgeführt wurde. Mit jeder falschen Antwort sollte sich die Spannung des Stromstoßes um 15 Volt steigern. Über Tonband wurden dem Probanden ab bestimmten Stromstärken zunächst Grunzen und später Schmerzensschreie aus dem Nebenraum vorgespielt, die er für echt halten musste.

    Bei einer Stromstärke von 150 Volt ließ der ?Schüler? den ?Lehrer? wissen, dass er am Experiment nicht mehr teilnehmen wolle. Der Versuchsleiter forderte den Probanden bei Rückfragen in einem neutralen, aber bestimmten Ton auf, das Experiment fortzusetzen. Mit höheren Stromstärken wurden die Schmerzenschreie Schritt für Schritt intensiver, bis der ?Schüler? es ab der Stufe 300 Volt ablehnte zu antworten. Ab 330 Volt wurden keine Geräusche mehr eingespielt, der Versuchsleiter ließ den Probanden jedoch das Experiment bis zur Stufe von 450 Volt fortführen. Dem Probanden musste dabei klar sein, dass der Schüler ab 330 Volt besinnungslos oder gar tot war. Beinahe jeder Proband hatte während des Experiments deutliche Stresssymptome ? Schweiß, Unruhe, unkoordinierte Bewegungen, Zittern, Tränen und nervöses Lachen waren bei den meisten Probanden zu beobachten. Den offensichtlichen inneren Kampf zwischen Gehorsam und Gewissen gewann allerdings meist der Gehorsam.

    Das Ergebnis des Milgram-Experiments war verstörend ? 82,5% der Probanden machten trotz der eindeutigen Aufforderung des ?Schülers? bei 150 Volt weiter, 79% von ihnen sogar bis zum Maximallevel von 450 Volt. Im relativ aufgeklärten Amerika der 1960er Jahre hätten also 65% aller Probanden einen ihnen nicht bekannten Menschen auf Aufforderung durch einen Wissenschaftler zu Tode gefoltert. Milgram variierte das Experiment mehrfach, um herauszufinden, was es ist, das einen Menschen in einer Konfliktsituation zum Mörder machen kann. Die höchste Rate erzielte er mit einem Versuchsaufbau, bei dem der Proband gar keinen Kontakt zum ?Schüler? hat und nur bei der Stromstufe 300 Volt einen Schlag an der Wand des Nebenraumes ausmachen konnte. Von 40 Probanden sind in diesem Versuch fünf bei 300 Volt ausgestiegen ? 26 gingen bis zum bitteren Ende.

    Bei einer Variation, bei der der ?Schüler? im gleichen Raum saß und die Schmerzen spielte, gingen ?nur? 40% bis 450 Volt. Bei einer weiteren Variante, bei der der Proband an einem Punkt aufgefordert wurde, dem ?Schüler? die Elektrokontakte, die sich angeblich gelöst hätte, persönlich zu befestigen, wobei also während der Stresssituation körperlicher Kontakt zwischen Täter und Opfer hergestellt wurde, waren ?nur? noch 30% bereit, den ?Schüler? bis zur Maximalstufe zu bestrafen. Milgram führte auch Experimente durch, bei denen ein weiterer Schauspieler einen zweiten ?Lehrer? darstellte ? stimmte dieser dem Versuchsleiter zu, gingen 90% der Probanden bis zum Maximum, während nur 10% dies taten, wenn der zweite ?Lehrer? dem Versuchsleiter Widerstand entgegen brachte. Kein einziger Proband ging bis zum Maximum, wenn ein zweiter ?Wissenschaftler? den Raum betrat und insistierte, dass das Experiment abgebrochen werden sollte. Auch bei Varianten des Experiments, die nicht in Yale sondern in einem heruntergekommenen Bürogebäude unter der Adresse eines privaten Instituts vorgenommen wurden, war die Zahl derjenigen, die bis zum Maximum gingen, signifikant kleiner als im angesehen Umfeld der Yale-Universität.

    Die Macht der Obrigkeit

    Milgram fand auf diese Art und Weise heraus, was es ist, das Menschen bis zur Selbstaufgabe gehorchen lässt. Die Autorität muss anerkannt sein ? in diesem Falle war es die Wissenschaft, aber auch der Staatsapparat stellt eine solche anerkannte Autorität dar. Die Autorität muss eine klare Linie vertreten ? sobald es innerhalb der Autorität erkennbare Zweifel an der eingeschlagenen Linie gibt, schlägt sich der Proband auf die Seite, die seinem Gewissen näher steht. Will man maximalen Gehorsam, muss man die Beziehung zwischen Täter und Opfer möglichst abstrahieren. Sobald Opfer und Täter sich gegenüberstehen oder gar körperlich in Berührung kamen, sinkt die Bereitschaft des Täters, Gehorsam über Gewissen zu stellen, merklich.

    Die Ergebnisse Milgrams lassen sich in beängstigender Weise auf die Ausführung der Massenmorde der Deutschen im Dritten Reich übertragen. Aus den menschlichen Opfern wurden Nummern gemacht ? Menschentransporte wurden wie Warentransporte behandelt und Massenerschießungen wurden nicht nur aus Rationalisierungsgründen durch die Vergasung der Opfer ergänzt. Die Zahl der Täter, die direkten Kontakt zu den Opfern hatten, konnte so reduziert und der Grad der persönlichen Täter-Opfer-Bindung minimiert werden. Die Selektion der Mörder wurde auch so durchgeführt, dass es auf der letzen Exekutionsebene niemanden gab, der den Autoritäten widersprechen würde. Milgram hat mit seinem Experiment den psychologischen Masterplan der Nationalsozialisten nachgezeichnet und gezeigt, dass sich nicht nur die obrigkeitshörigen Deutschen in einen solchen Masterplan einspannen ließen, sondern auch normale Amerikaner durchaus obrigkeits- und autoritätshörig genug sind, um sich zu Mördern im Auftrag der Obrigkeit machen zu lassen. Wäre ein Massenmord auf Befehl der Obrigkeit auch heute noch möglich? Wäre er auch in einem aufgeklärten Land möglich? Milgram und seine Experimente lassen nur den Schluss zu, dass beide Fragen bejaht werden müssen.

    Aufgrund der psychologischen Extrembelastung bei den Probanden dürfen Experimente, wie Milgram sie durchführte, seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gemacht werden. Die Gefahr einer Traumatisierung für die Probanden ist einfach zu hoch. Anders als die Wissenschaft mit ihren Ethikkommissionen haben die Medien seichtere Richtlinien, wenn es darum geht, Menschen für die Unterhaltung der Masse zu Opfern zu machen. So hat der britische Zauberkünstler und Illusionist Derren Brown das Milgram-Experiment jüngst für den britischen Chanel 4 nachgestellt und auch die BBC hat für eine Dokumentation das Experiment bis zur 450 Volt-Grenze wiederholen lassen ? ausgestrahlt wird diese Dokumentation im nächsten Jahr.

    Die Neuauflage

    Der amerikanische Psychologe Jerry Burger konnte mit der Ethikkommission der Universität in Santa Clara eine Neuauflage des Milgram-Experiments in abgeschwächter Form aushandeln ? die Ergebnisse dieser ?Milgram-Light? Studie wurden nun in einer Pressemeldung der American Psychological Association öffentlich gemacht. Burger durfte sein Experiment nur bis zur 150 Volt Stufe durchführen ? dies ist im Versuchsaufbau der Punkt, an dem der ?Schüler? vernehmbare Schmerzensschreie von sich gibt und sagt, er wolle nicht weiter am Experiment teilnehmen. Da das Milgram-Experiment in der Psychologie weitreichend bekannt ist, wurden Probanden, die Psychologiekurse absolviert hatten, ausgefiltert ? ebenso durften Menschen mit psychischen Erkrankungen und Dispositionen nicht an der Studie teilnehmen. Anders als beim ?klassischen? Milgram-Experiment mussten die Probanden an mehreren Stellen darauf hingewiesen werden, dass sie jederzeit den Versuch abbrechen können ? in der klassischen Variante wurde dies nur einmal am Beginn des Experiments gesagt. Der geänderte Versuchsaufbau macht die Ergebnisse daher auch nur annährend vergleichbar ? man sollte alleine aufgrund des mehrfachen Hinweises, jederzeit aufhören zu dürfen, ohne Nachteile befürchten zu müssen, mit einer wesentlich höheren Abbrecherquote rechnen ? dies war aber kaum der Fall. Während bei Milgram 82,5% der Probanden nach der 150 Volt Stufe weitermachten, waren in Burgers Versuch 70% bereit, dem ?Schüler? entgegen dessen Willen schwere Schmerzen zuzufügen ? der Unterschied ist statistisch nicht signifikant.

    Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.
    Schopenhauer

    Burger führte auch eine zweite Versuchsreihe durch, bei der ein zweiter Schauspieler einen zweiten ?Lehrer? spielte, der beharrlich Bedenken gegen den Versuch äußerte. Auch in diesem Versuch waren 63,3% der Probanden bereit, gegen ihr eigenes Gewissen und gegen die Bedenken des zweiten ?Lehrers? über die 150 Volt Stufe zu gehen ? das Ergebnis dieses zweiten Versuchsaufbaus gibt dem Forscher besonders zu denken. Burgers Wiederholung des Milgram-Experiments zeigt dessen Zeitlosigkeit. Auch heute würde die Mehrheit aller Amerikaner einem ihnen unbekannten Menschen auf Befehl schwere Schmerzen zufügen ? Guantanamo lässt grüßen.

    Die Ergebnisse der Experimente sind desillusionierend ? auch in einer aufgeklärten Gesellschaft gehorchen die Menschen in bestimmten Situationen eher den Autoritäten als dem Gewissen. Die Ergebnisse der Experimente widersprechen damit idealistischen Wunschvorstellungen, eine freie individualistische Gesellschaft würde ?bessere Menschen? hervorbringen. Der Mensch scheint in Konfliktsituationen dazu zu neigen, sein eigenes Gewissen und den ?Common Sense? einer Obrigkeit unterzuordnen. Wäre Auschwitz auch heute noch möglich? Wahrscheinlich nicht, aber in einer vergleichbaren Situation würden unsere Zeitgenossen wahrscheinlich genau so handeln wie ihre Vorfahren.

    P.s.: Eine sehr gelungene Verfilmung des Milgram-Experiments gelang Henri Verneuil in seinem Spielfilm ?I wie Ikarus? aus dem Jahre 1979. Die betreffende Szene gibt es als Dreiteiler in deutscher Sprache auf Youtube – leider lässt die Bildqualität zu wünschen übrig. Denjenigen, die der französischen Sprache mächtig sind, sei die Originalversion mit guter Bildqualität empfohlen.

    Jens Berger

    Abstract der Studie von Milgram
    Abstract der Studie von Burger
    Editorial von Arthur Miller
    Editorial von Alan Elms

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