Direkt zum Inhalt

  • Suchen

  • RSS Feeds

  • Letzte Kommentare

  • ?Der Freitag? – auf zu neuen Ufern

    geschrieben am 30. Januar 2009 von Jens Berger

    In einer Woche ist es soweit ? am Donnerstag, dem 5. Februar, wird der ?Freitag? in einem neuen Gewand erscheinen. Sowohl die Printausgabe als auch der Online-Bereich wurden optisch und konzeptionell komplett überarbeitet. Die letzte ?links-intellektuelle? Wochenzeitung – die trotz beständig hoher Qualität – aufgrund niedriger Auflagenzahlen schon mehrfach vor dem Aus stand, will als erste renommierte Zeitung ein interaktives Medium werden. Neben den ?klassischen? Hintergrundartikeln, Analysen und Kommentaren von Redaktion und Gastautoren soll im neuen ?Freitag? erstmals der Leser aktiv mitgestalten dürfen ? online und in der Printausgabe. Wenn das Experiment glücken sollte, wäre der ?Freitag? die erste Zeitung, die sich glaubwürdig von der Vorstellung trennt, Journalismus sei eine Einbahnstraße und der Leser sei nicht mehr als ein Konsument. Ein ambitioniertes Ziel ? ob es erreicht werden kann, hängt vor allem von den Lesern selbst ab.

    Augsteins Traum

    Als im April vergangenen Jahres durchsickerte, dass Jakob Augstein, Sohn des verstorbenen SPIEGEL-Herausgebers Rudolf Augstein, den altehrwürdigen ?Freitag? übernommen hat, war die Aufregung groß. Der ?Freitag? gilt als letzter Vorposten ?links-intellektuellen? Denkens in einer breiigen und beliebigen Medienlandschaft, die sich in ihrer politischen Linie nur noch in Nuancen unterscheidet. Von einer ?feindlichen Übernahme? war zunächst die Rede. Augstein wolle ? einem römischen Cäsaren gleich ? die letzte Bastion des Widerstands überrollen. Allerdings wurde bereits früh klar, dass Augstein die Ecken und Kanten des ?Freitag? nicht etwa abschleifen, sondern auf der Basis des meinungsstarken Blattes ein neues Leuchtfeuer in der Medienlandschaft entfachen will.

    In der deutschen Presselandschaft gibt es eine übergroße Marktlücke. Kein größeres Blatt deckt linke Positionen ab ? mit Ausnahme der ?taz?, die allerdings in inniger Hassliebe mit den Grünen auch deren Marsch in die Mitte mitgegangen ist. Glaubt man einer Umfrage, die TNS-Emnid im letzten Jahr für die ZEIT durchgeführt hat, bezeichnen sich 34% aller Deutschen aber explizit als ?links?, darunter überproportional viele Akademiker. Auch ?Linke? lesen Zeitung und wollen ein Blatt haben, das sich nicht für Sozialabbau und Kürzungen der Einkommenssteuer stark macht, das nicht jubiliert, wenn Frau Dr. Merkel einmal wieder die Welt rettet, und das nicht jedes Gedankenspiel der SPD, mit den Linken zusammenzuarbeiten, für den Untergang des christlichen Abendlandes hält.

    Diese Lücke soll der Freitag füllen ? er soll ein undogmatisches linkes Medium werden, das sich allerdings nicht in der Irrelevanz linker Grabenkämpfe verstricken soll, wie es im ?alten? Freitag hin und wieder vorkam. Augstein benutzt dafür die Metapher des Schiffes vor der Küste.

    Freitag war manchmal ganz schön weit draußen. Jetzt kreuzt er wieder in Sichtweite der Küste. Die Küste, das ist in meiner Metapher der Mainstream. Wenn wir außer Sichtweite sind, um mal in meinem Bild zu bleiben, dann sind wir nicht mehr Teil der Gesellschaft. Dann sind wir so weit draußen, dass unsere Ansichten zur Gesellschaft irrelevant werden. Weil wir uns selber nicht mehr als zugehörig begreifen.

    Ich glaube nicht, dass man auf dieser Grundlage guten Journalismus machen kann. Das ist meine Überzeugung. Wenn wir aber in Küstennähe (!) sind, sind wir Mainstream. Das dürfen wir nicht sein. Und wollen es auch nicht. Wir müssen Abstand haben zum Mainstream. Aber in Sichtweite sein, um noch verstehen zu können, was dieser Mainstream denkt. Warum er so handelt, wie er es tut. Und dann können wir dagegen anschreiben. Es müssen im Freitag weiterhin Positionen zu lesen sein, die anderswo nicht zu finden sind.

    Jakob Augstein im Kommentarbereich von f!xmbr

    Nukleus Onlinejournalismus

    Der Journalismus durchlebt einen Paradigmenwechsel. Mit der Konkurrenz durch das Internet hat sich nicht nur das Medium, in dem die meisten Inhalte der großen Verlagshäuser gelesen werden, sondern auch der Anspruch vieler Leser geändert. Online ist nicht die Verlängerung von Print, um Inhalte zweitzuverwerten. Online bietet die Möglichkeit der Interaktivität. Der alte Printjournalist, der seinen Sermon aus den Parteien und Verbänden niederschreibt, hat auf einmal einen Rückkanal, aus dem ihm die Stimme des Volkes kalt ins Gesicht weht. Wer die gut versteckten und verkrüppelten Online-Kommentarsektionen der großen Zeitungen anschaut, weiß, dass man dort nicht verstanden hat, was Interaktivität ist. Die Süddeutsche schließt ihren Kommentarbereich nach Feierabend und am Wochenende, Spiegel, Focus, Stern und Co. machen aus dem Kommentarbereich ein Klickfestival, bei dem man sich mühsam durch die Kommentare arbeiten muss ? schließlich bringt jeder Klick Werbeeinnahmen. Wahrscheinlich wollen diese Medien aber auch gar nicht verstehen, was Interaktivität ist. Das Gros der Kommentare setzt sich nämlich kritisch mit den Artikeln auseinander und holt die Herren des Qualitätsjournalismus nur all zu gerne aus ihrem Elfenbeinturm. So viel Erdung ist nicht gefragt.

    Redaktion und Nutzer verschmelzen

    ?Der Freitag? wagt nun das kühne Projekt, redaktionelle Inhalte und Leserkommentare zum eigentlichen Inhalt zu verschmelzen. Artikel können kommentiert werden – wie in den meisten Online-Zeitungen. Beim ?Freitag? wird dies allerdings eher wie in einem Blog vonstatten gehen. Unter dem Artikel werden die Kommentare gelistet, die auf zweiter Ebene auch selbst kommentiert werden können. Das besondere am Konzept des ?Freitag? ist es, dass ausgewählte Kommentare auch auf den redaktionellen Seiten, und sogar der Startseite erscheinen werden. Den Lesern, die in der ?Freitag-Community? ihr eigenes Profil erstellen können, wird ferner die Möglichkeit gegeben, innerhalb des Angebots des ?Freitag? ihre eigenen Blogs zu erstellen. Die Inhalte dieser Blogs stehen dann gleichberechtigt mit den redaktionellen Inhalten auf den Seiten des ?Freitag? und die Beiträge mit den besten Bewertungen werden sowohl auf der Startseite, als auch in der Printausgabe des ?Freitag? erscheinen ? gegen eine bescheidene Honorierung, versteht sich. So viel ?Online? hat noch keine Zeitung gewagt.

    Im Internetangebot des ?Freitag? wird sich die Herkunft der Inhalte durch eine logisch erschließbare Farbkodierung bemerkbar machen. Content von Lesern wird durch rote Überschriften kenntlich gemacht, während redaktionelle Inhalte mit dunkelblauen Überschriften, und Inhalte des Syndikationspartners Guardian mit hellblauen Überschriften versehen werden. Ansonsten werden die unterschiedlichen Inhalte gleichwertig behandelt.

    Auch konzeptionell ändert sich einiges beim ?Freitag? ? die Wochenzeitung wird online zur Tageszeitung. Täglich wird es zwar neue Inhalte geben, aber es soll nicht der Versuch unternommen werden, mit auf Aktualität ausgerichteten Medien zu konkurrieren. Nicht die schnelle Agenturmeldung, sondern die Analyse zu tagesaktuellen Themen soll im Vordergrund stehen. Dieses Konzept ist schlüssig ? die Redaktion des ?Freitag? wurde zwar im Rahmen der Neustrukturierung verdoppelt, was aber noch lange nicht ausreicht, um den Großen der Branche in den Disziplinen Aktualität und Frequenz Paroli zu bieten. Qualität statt Quantität soll im Mittelpunkt stehen. Als Faustpfand könnte sich dabei die Medienpartnerschaft mit dem britischen Guardian erweisen. Der Guardian gehört zweifelsohne zu den besten Zeitungen der Welt und verfügt dank des exzellenten Onlinebereichs mit seiner umfassenden Kommentarsektion über hochwertigen Content en masse. Im Rahmen der Partnerschaft wird der ?Freitag? jeden Tag drei bis acht ausgesuchte Artikel, Kommentare oder Analysen aus dem Angebot des Guardian ins Deutsche übertragen und auf seine Seiten stellen.

    Risikofaktor ?User?

    Das Konzept des neuen ?Freitag? ist schlüssig. Eine undogmatische linke Zeitung mit hochwertigen Inhalten, die den Nutzer aktiv mit einbezieht ? das hat was. Wer allerdings die Netzlebewesen kennt, weiß, dass dieser Plan nicht frei von Risiko ist. Interaktivität, Communities und ?User-Generated-Content? funktionieren nur, wenn die Anzahl der Nutzer eine kritische Masse übersteigt, und vor allem die Qualität der Nutzer mit der Qualität der Inhalte Schritt hält. Viele Leser dieses Blogs wissen es zu schätzen, dass in den Kommentaren meist auf hohem Niveau diskutiert wird. Gute Diskussionen kommen aber nur dann zustande, wenn die richtigen Diskutanten aufeinander treffen und dabei nicht von weniger freundlich gesinnten Netzbewohnern gestört werden. ?Der Freitag? ? der künftig übrigens tatsächlich nicht mehr ?Freitag?, sondern ?der Freitag? heißt ? wird aufgrund seiner Leserschaft sicher die ?richtigen? Diskutanten anziehen. Fraglich ist es allerdings, ob er die zu erwartende Flut von Trollen bewältigen kann. Internetforen, Blogs und Kommentarbereiche gehorchen auf gespenstische Art und Weise der ?Broken-Windows-Theorie?. Wo ein Troll ungestraft sein Häuflein machen darf, wird es kurze Zeit später von Trollen nur so wimmeln. ?Der Freitag? wird moderieren, will die Moderation aber auf ein nötiges Minimum beschränken. Warten wir ab, ob das Experiment glückt ? zu wünschen wäre es dem ?Freitag? und seinen Lesern.

    Jens Berger

    Drucken Kontakt Artikel kaufen Projekt unterstützen

    50 Kommentare

    Die Wahrheit? über Obama

    geschrieben am 29. Januar 2009 von Jens Berger

    no comment ;-)

    19 Kommentare

    Patt im Pazifik?

    geschrieben am 28. Januar 2009 von Jens Berger

    Bedrohen chinesische Raketen in Zukunft die maritime Vormachtstellung amerikanischer Trägergruppen?

    Nach Alfred Thayer Mahan bildet eine starke Flotte das Rückgrat politischer Macht, da sie jederzeit militärische Macht in jeder Ecke der Welt projizieren kann. Das militärische Rückgrat der weltweiten Schlagkraft der USA stellen ihre 11 Trägergruppen dar. Sechs dieser maritimen Verbände, die üblicherweise aus einem Flugzeugträger, zwei Lenkwaffenkreuzern, zwei oder drei Lenkwaffenzerstörern, einer Fregatte, zwei atomaren Jagd-U-Booten und einem Versorgungsschiff bestehen, gehören mittlerweile der amerikanischen Pazifikflotte an. Der schlagkräftige Kern dieser Trägergruppen ist der Flugzeugträger selbst ? die nuklear-getriebenen ?Supercarrier? der Nimitz-Klasse beherbergen bis zu 85 Kampfflugzeuge. Die Begleitschiffe sind im Wesentlichen dazu vorgesehen, die verletzlichen Flugzeugträger gegen feindliche U-Boote, Schiffe, Flugzeuge, und auch Raketen zu verteidigen.

    Das von den Amerikanern verwendete AEGIS-Combat System, das auf Kreuzern und Zerstörern eingesetzt wird, hat jedoch seine Grenzen, da es für die Abwehr klassischer Seezielflugkörper, wie beispielsweise der französischen Exocet, konzipiert ist. Diese Anti-Schiff-Raketen nähern sich dem Ziel mit bis zu 3.600 km/h Fluggeschwindigkeit. Gegen ballistische, oder semi- und quasiballistische Raketen ist das normale AEGIS-System nutzlos, da sich diese Raketen ihrem Ziel im Endstadium mit bis zu 24.000 km/h nähern. Bislang gibt es allerdings keine einsatzfähigen ballistischen Raketen, die fähig wären, in der letzten Flugphase präzise ein Ziel zu erfassen, das sich so schnell bewegt wie eine Trägergruppe. Mit einer Weiterentwicklung der chinesischen Dong-Feng 21 Rakete könnte, Analysten des Pentagon [extern] zufolge, China bereits in diesem Jahr die erste ballistische Anti-Schiff-Rakete (ASBM) in Dienst stellen ? und damit wären die stolzen Träger der US-Navy im Ernstfall wohl nur noch lahme Enten.

    Weiter auf Telepolis

    Drucken Kontakt Artikel kaufen Projekt unterstützen

    77 Kommentare

    Eine vergiftete Diskussion

    geschrieben am 22. Januar 2009 von Jens Berger

    Nach ganzen drei Wochen Krieg und 1.400 Toten in Gaza hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen sein vielsagendes Schweigen zum Krieg beendet und dem Thema endlich einen Sendeplatz in einer der populären politischen Talkshows gegeben. Letzten Sonntag wurde das Thema kurzfristig aus dem Sendeplan genommen. Sonntagabendtalkerin Anne Will durfte stattdessen über das ?Tabu Freitod? talken, das laut ihrer Produktionsfirma ?größere Relevanz [als der Gaza-Krieg] für die Menschen in unserem Land? hat. Diese Erklärung verwundert ? ein Thema ohne aktuellen Bezug, das bislang kaum beachtet wurde, soll relevanter für ?unser Land? sein, als ein Krieg, der weltweit seit Wochen die Schlagzeilen bestimmt? Das eigentliche Tabuthema in unserem Lande scheint nicht der Freitod zu sein, sondern die öffentliche Meinung zum Thema Israel.

    Um dieses mediale Tabu zu brechen, lud Moderator Frank Plasberg gestern zum Thema ?Blutige Trümmer in Gaza – wie weit geht unsere Solidarität mit Israel? zu seiner Talkrunde “hart aber fair” ein. Um es vorwegzunehmen ? die Diskussion drehte sich weniger um den Gaza-Krieg, dafür umso mehr um die Unfähigkeit deutscher Intellektueller, unvoreingenommen über Israel und dessen Politik zu diskutieren. Plasberg und sein Team machten durch die Themenführung und die Auswahl der Gäste bereits klar, dass es ihnen eigentlich nicht so sehr um den Krieg in Gaza, als vielmehr um die deutschen Besonderheiten in der Diskussion geht. Eingeladen waren der Orientexperte Udo Steinbach, der ehemalige deutsche Botschafter in Israel, Rudolf Dreßler, der ehemalige Nahost-Korrespondent Ulrich Kienzle, Norbert ?Hans Dampf in allen Gassen? Blüm und der ehemalige Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman.

    Während Steinbach stets bemüht war, die Diskussion zum eigentlichen Thema zurückzuführen und auch Kienzle immer wieder auf die historischen Hintergründe des Nahost-Konflikts hinwies ? wobei er stets vom Moderator oder seinem Sitznachbarn Friedman abgewürgt wurde ? war der Rest der Runde eine reine Fehlbesetzung. Dreßler, der offensichtlich als ruhender Pol Seriosität in den Krawalltalk bringen sollte, trug wenig bis nichts zum aktuellen Thema bei und erschöpfte sich in Erklärungen über die Besonderheiten der israelischen Situation. Dies ist ein interessanter und durchaus ernst zu nehmender Nebenaspekt, hat aber mit dem Ereignisse in Gaza nur wenig zu tun. Der palästinensische Terrorismus, der mit den Anschlägen während der zweiten Intifada seine grauenerregende Fratze offenbarte, wird von allen Seiten aufs Schärfste verurteilt ? als Casus Belli für den Gaza-Krieg wird er allerdings noch nicht einmal von den israelischen Falken angeführt.

    Politrentner Blüm versuchte in der Diskussion immer wieder, die Verbrechen der israelischen Besatzungsmacht in Gaza und im Westjordanland zu thematisieren. Ihm stand dabei allerdings seine eigene Bräsigkeit im Weg, die ihn immer wieder beim deutschen Enfant terrible der Rabulistik ? Michel Friedman ? auflaufen ließ. Wer mit Friedman den offenen Kampf sucht, sollte entweder selbst die Waffen wählen, oder Schopenhausers Kunstgriffe der eristischen Dialektik aus dem Effeff können ? Blüm konnte dies nicht. Darin unterschied er sich allerdings nicht vom Rest der Runde, der mit dem brillanten Rhetoriker Friedman nicht mithalten konnte und sich von ihm die Diskussionsthemen diktieren ließ.

    Moderator Plasberg setzte bereits mit seinem Eingangsstatement die Agenda der vergifteten Diskussion. Nicht etwa die 1.400 toten Palästinenser, oder die Kriegsverbrechen der israelischen Armee wurden thematisiert, sondern semantische Fehlgriffe deutscher ?Israel-Kritiker?. Natürlich sind der ?Ghetto-Vergleich?, oder Blüms Ausspruch von einem ?Vernichtungskrieg?, unglückliche Wendungen, wenn man einen ernsthaften Dialog führen will. Wer die Diskussion über den Gaza-Krieg allerdings mit solchen semantischen Spitzfindigkeiten beginnt, zeigt, was für eine Diskussion er eigentlich führen will. So ging es auch in der gesamten Sendung nicht um die 1.400 getöteten Menschen, sondern meist um Begrifflichkeiten. Man kann in der deutschen Öffentlichkeit sehr wohl über Israel und Palästina diskutieren ? aber bitte nicht in Form einer Sachdiskussion.

    Friedmans Welt

    In diese Kerbe schlug erwartungsgemäß auch Michel Friedman. Natürlich habe er ?kein Problem damit, dass man kritisch mit den Israelis [umginge]?, so Friedman. Jegliche Kritik an Israel schmetterte er jedoch wahlweise mit Nazi-Vergleichen, oder mit Verweis auf hinlänglich bekannte Verbrechen der palästinensischen Seite ab. Dabei blieb er der Öffentlichkeit erwartungsgemäß auch die Antwort auf die Frage schuldig, ob der spärliche Beschuss mit Kassam-Raketen einen militärischen Brachialeinsatz rechtfertigt, bei dem bereits Hunderte Kinder getötet wurden. Über so etwas spricht Herr Friedman nicht gerne, aber seine Gegner machten es ihm auch leicht und boten durch Bräsigkeit und rhetorisches Ungeschick stets eine offene Flanke für seine rabulistischen Meistergriffe.

    Sowohl Kienzle als auch Blüm unterlief im Eifer des Gefechts der Fehler, Friedman, der sich als Anwalt der israelischen Position gerierte, direkt anzusprechen, wenn es um die Kritik an Israel ging. Deutsche Juden mit Israel gleichzusetzen, ist natürlich nicht nur ein Kardinalfehler in einer Debatte, sondern auch antisemitisch ? kein Frage. Kienzle und Blüm deswegen Antisemitismus vorzuwerfen, wäre allerdings töricht, da sie dem zungenfertigen Friedman nur dank ihrer – vielleicht altersbedingten – Tapsigkeit in die Falle gingen. Nicht ihre Aufzählungen israelischer Verbrechen waren plötzlich das Thema, sondern Friedmans nicht unberechtigter Vorwurf, Juden mit Israel gleichzusetzen.

    Vermintes Terrain

    Meisterstücke der Rabulistik bestimmten die weitere Diskussion. Trotz mehreren Einwürfen Steinbachs, doch bitte zum Thema zurückzufinden, diskutierte man lieber über Sprache und sprachliche Bezüge zum Nationalsozialismus, als über den Gaza-Krieg. Auch das Wort ?Rabulistik? stellt einen solchen rhetorischen Fettnapf dar. Eigentlich beschreibt das Wort, das sich aus dem lateinischen ?rabula? (unredlicher Anwalt) herleitet, eine Kunstform der Rhetorik, in der es nicht um den Inhalt als solchen, sondern ausschließlich um die Kunst recht zu haben geht. Dieses Wort wurde im Dritten Reich von Propagandaminister Goebbels in antisemitischem Kontext benutzt ? und damit ist es für die Diskussion ?verbrannt?. Michel Friedman als ?Rabulisten? zu titulieren, wäre in einer Diskussion mit einem Rabulisten ein unverzeihlicher Fehler.

    Da Friedman in Plasbergs Talkshow kein adäquater Gegner gegenüberstand, konnte er schnell die Lufthoheit über der deutschen Befindlichkeitsseele erobern. Laut Friedman sei in keinem anderen Land der Welt Kritik an Israel immer wieder derart in Bezug auf den Nationalsozialismus bezogen. Wenn es Herrn Friedman zum Vorteil gereicht, benutzt er allerdings selbst nur all zu gerne Nazi-Vergleiche, so z. B., als die Diskussionsrunde den ?Flaggenskandal? aufgriff. Bei einer pro-palästinensischen Demonstration in Duisburg stürmte die Polizei eine Wohnung am Rande, deren Bewohner eine israelische Flagge am Fenster befestigt hatten. Dies ist ohne Zweifel nicht nur taktlos, sondern ein beunruhigender Eingriff in die Meinungsfreiheit. Herr Friedman hatte allerdings nicht besseres zu tun, als diesen ?riesigen Skandal? (Friedman) mit einem Nazi-Vergleich zu würzen. Was wäre denn, wenn man Juden aus einem Haus, vor dem Nazis demonstrieren, deportieren würde ? das hätte man hier in Deutschland doch schon mal gehabt. Mit diesem Griff in die ?Nazi-Vergleichskiste? diskreditierte Friedman sich und seine Kernthese selbst ? aber leider war keiner der Mitdiskutanten so wach, dies zu merken.

    Stattdessen schrie man sich lieber gegenseitig an ? Friedman gegen den Rest, einem nach dem anderen. Nur der ruhige Dreßler, und der Moderator selbst, blieben verschont. Wenn es schon mal um das eigentlich Thema ging, konnte Friedman den Spieß durch krude Vergleiche stets umdrehen ? nicht die Israelis, sondern die Araber seien die wahren Unterdrücker der Palästinenser. So kann man es natürlich auch sehen. Dann haben die Araber sicher auch die 1.400 toten Palästinenser auf dem Gewissen.

    Die Diskussion konnte ? wie zu erwarten war ? in keinem Punkt etwas zur Mehrung des geistigen Nährwertes über den Gaza-Krieg beitragen. Was die Sendung aber par excellence konnte, war es, einen Beweis anzutreten, dass in der deutschen Öffentlichkeit keine ernsthafte Diskussion über das Thema Israel möglich ist. Dabei hätte die ARD durch eine geschicktere Auswahl der Diskussionsteilnehmer durchaus etwas zum eigentlichen Thema beitragen können. Hätte man z. B. statt Blüm eine Person wie Uri Avnery eingeladen, und statt Friedman einen moderaten Vertreter der israelischen Linie, wie Avi Primor, seines Zeichens ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, hätte man durchaus eine interessante Diskussion erwarten dürfen. Aber so etwas scheint in Deutschland eher etwas fürs Spartenprogramm nächtens auf arte oder 3Sat zu sein, da es keine ?größere Relevanz für die Menschen in unserem Land? hat.

    Als Ehrenrettung für die Öffentlich-Rechtlichen sei an dieser Stelle auf die ganz hervorragende Radiosendung “HR2-Der Tag” hingewiesen, bei der es am Montag um das Thema ?Welches Opfer hätten´s denn gern? Propagandakrieg um Gaza? ging.

    Jens Berger

    Drucken Kontakt Artikel kaufen Projekt unterstützen

    182 Kommentare

    George W. Beelzebub

    geschrieben am 21. Januar 2009 von Jens Berger

    Was für ein Spektakel! Die gesamte Welt blickte gestern nach Washington, wo unter den hoffnungsvollen Blicken von fast zwei Millionen Amerikanern der Messias der Neuzeit die Weltherrschaft übernahm. George W. Bush und sein mächtiger Mentor Dick Cheney, der zur Feier des Tages im Rollstuhl erschien und damit die Metamorphose zum ultimativen Bösewicht abgeschlossen hat, sind nunmehr Geschichte. Nur diese ? so will es Bush ? soll über sie richten. Die Geschichte wird richten ? hart und ohne Erbarmen. Bush wird als inkompetenter Stümper, Massenmörder und Totengräber Amerikas und der westlichen Werte in die Geschichte eingehen. Doch wie wird sich die Welt ohne ihren Lieblingsschurken weiterdrehen? Wohl keine andere Persönlichkeit der jüngeren Geschichte hat derart polarisiert wie George W. Bush. Gegen ihn zu sein, war nicht nur ein politisches Statement, sondern ein sehr einfaches Glaubensbekenntnis ? wer Bush kritisiert hat, konnte sich des Beifalls sicher sein und gehörte zu den Guten. Mit dem Ende der Ära Bush wird der politische Dialog wieder komplexer und Inhalte rücken erneut in den Mittelpunkt. Dies wird vielen nicht gefallen, die momentan noch ganz besoffen sind vor Freude, dass Bush nunmehr Geschichte ist.

    Wir haben einen Schuldigen!

    Jedes Schulkind kennt die Antwort auf die komplexen Fragen der Welt: Wer ist verantwortlich für die Klimakatastrophe? George W. Bush! Wer ist schuld daran, dass es in Nahost keinen Frieden gibt? George W. Bush! Wer ist für die Finanzkrise verantwortlich? George W. Bush! Wer sorgte dafür, dass die westlichen Werte nur noch als Karikatur ihrer selbst wahrgenommen werden? George W. Bush! Bush der Jüngere erfüllte in den letzen Jahren die Aufgabe des prominenten Sündenbocks ? einem biblischen Messias gleich, nahm er unfreiwillig die Sünden der Welt auf sich. Immer, wenn auf der Welt etwas grandios in die Hose ging und es Querverbindungen zur US-Politik gab, war der Schuldige schnell gefunden – George W. Bush, der in seinem letzten Amtsjahr eher ein schwarzes Loch für Antimaterie als ein Präsident war. Sogar seine Parteifreunde konnten im Kampf der Diadochen nur eine Chance haben, wenn sie sich möglichst unzweideutig vom Prinzen der Dunkelheit distanzierten

    Sich von George W. Bush zu distanzieren ist auch relativ einfach. Nun gut, vielleicht nicht für den neue Vize Biden und die neue Außenministerin Clinton. Beide sind in Fernsehaufnahmen einer ?Address to the Nation? zu sehen, bei der sie dem Präsidenten enthusiastisch Beifall klatschen. Auf dieser Rede wurde die Nation auf den Irak-Krieg eingeschworen. Opposition und auch innere Emigration sehen anders aus. Der neue Präsident Obama kann hingegen dankbar sein, dass er die Gnade der späten Geburt genießen kann ? er klatschte nicht im Capitol, sondern vor dem heimischen Fernsehgerät. Ein Großteil der Bush-Kritiker aus den politischen Eliten diesseits und jenseits des Atlantik machte den Mund auch erst auf, als das Kind offensichtlich in den Brunnen gefallen war. Auch das amerikanische Volk, das nun nichts mehr von Dubya wissen will, und ihm mit 29% Zustimmung eine Beliebtheit attestiert, die nur noch von Naturkatastrophen unterboten wird, hat George W. Beelzebub dennoch zwei mal ins Amt gewählt.

    Von Deutschland lernen heißt siegen lernen

    Hitler-Vergleiche sind ein böses Fettnäpfchen, um das man lieber einen großen Bogen machen sollte. Justizministerin Däubler-Gmelin mußte einst den Hut nehmen, als sie Bush indirekt mit ?Adolf Nazi? verglich. Schaut man aber nicht auf die Person Bush, sondern auf die Projektionsfläche Bush, so ist ein Vergleich durchaus statthaft.

    Auch die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich wurden vor allem auf die Person Adolf Hitler projiziert. Der Oberschurke, der ein ganzes Volk in seinen Bann zog, lud ? so die gefällige Geschichtsklitterung der jungen Bundesrepublik ? alle Schuld auf sich. Die jubelnden Massen waren demnach nur Opfer. Auch den Amerikaner gefällt die Opferrolle gut. Wer hätte denn wissen können, dass die Regierung Bush die ?Beweise? für den Irak-Krieg nur erfunden hat? Wer wußte von Folter in Guantanamo und anderswo? Die halbe Welt wußte davon, nur die Amerikaner wollten dies nicht wahrhaben, sie wollten es nicht einmal wahrnehmen. Die düsteren Seiten der eigenen Geschichte lassen sich viel leichter verarbeiten, wenn man sie auf eine einzelne Person abwälzen kann. Was Hitler für die Deutschen und seine Mitläufer, ist Bush für die Amerikaner und seine Mitläufer ? eine Projektionsfläche, auf der man seine eigene Schuld abladen kann. Das ist sehr bequem.

    Einzelfall Bush?

    Bushs katastrophale Politik hat die USA in eine tiefe Krise gestürzt ? aber ist sie historisch singulär? Bush hat den Afghanistan- und den Irak-Krieg aus politischen Erwägungen heraus geführt und die Welt belogen, um dies rechtfertigen zu können. Everybodys Darling John F. Kennedy hat aber auch bereits militärische Operationen jenseits der Legalität durchführen lassen (z.B. Schweinebucht) und hat aus politischen Erwägungen heraus die Krise in Vietnam zum Krieg eskalieren lassen. Lyndon B. Johnson begründete den Krieg mit dem berüchtigten Tonkin-Zwischenfall ? einer Lüge, wie man heute weiß. Bush setzte auf Unilateralismus, als er den Irak ohne Zustimmung der UN überfiel. Auch Everybodys Darling Bill Clinton erklärte Jugoslawien den Krieg, ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates. In Deutschland mag dieser Völkerrechtsbruch gnädiger bewertet werden, da Deutschland damals selbst auf der Seite der Aggressoren stand ? beim Irak-Krieg bewahrte nur die Kanzlerschaft Schröders das Land vor einer Teilnahme an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Angela Merkel war damals in ihrer Rolle als Oppositionsführerin nur all zu erpicht darauf, der Koalition der Willigen beizutreten. Bush galt als Verfechter des Neoliberalismus, und die Kredit- und Finanzkrise wird ihm ebenfalls angelastet. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass die Entwicklungen, die zur Finanzkrise führten, keineswegs von George W. Bush ausgelöst wurden, sondern in ihrem Kern auf die marktliberale Politik der Reagan-Ära zurückgehen und auch Everbodys Darling Bill Clinton kräftig am Liberalisierungsrad drehte.

    All dies wird aber in den USA ? und auch in Europa ? nicht so gern gehört, da es viel einfacher ist, die Person George W. Bush für alle Sünden der Vergangenheit verantwortlich zu machen und die Geschichte zu verklären. Ansonsten bestünde die Gefahr, zu entdecken, dass man sich selbst die Hände schmutzig gemacht hat. Nun, da der universelle ?Schmutzmagnet? in Rente gegangen ist, wird einiges schwieriger. Frau Merkel wird ihren zu Unrecht verliehenen Ruf als ?Klimakanzlerin? wohl bald abgeben dürfen, wenn sie nicht mehr jedes Scheitern auf George W. Bush schieben kann, und auch die Öffentlichkeit erkennt, dass sie selbst auch nur eine Erfüllungsgehilfin der Lobbyinteressen aus der deutschen Automobilwirtschaft ist.

    Besonders spannend wird die Entwicklung der ?liberalen? und ?progressiven? Strömungen in den USA werden. Bislang war man im Widerstand gegen den übermächtigen Gegner George W. Bush vereint, nun aber muss man Farbe bekennen und nicht nur sagen, was man nicht will, sondern auch sagen, was man will. Dabei wird es ohne Zweifel zu Rissen in der bisher relativ homogenen ?linken? Szene Amerikas kommen. Obama war bislang nur die Antipode zu Bush ? nämlich ebenfalls eine Projektionsfläche. Dass Obama die Hoffnungen, die in ihn gesetzt werden, nicht erfüllen kann, ist offensichtlich. Er steht erst einmal nur für eine Rückkehr zur Normalität. Die Weltlichkeit der quasi-spirituellen Projektionsfläche Obama wird daher für viele Anhänger eine große Enttäuschung darstellen. Wenn Bush das omnipotente Böse darstellte, stellte Obama als Projektionsfläche die Antipode zu Bush ? also das omnipotente Gute ? dar. Ähnliches konnte man in Deutschland mit dem Regierungswechsel von Kohl zu Schröder, und in Großbritannien mit dem Wechsel von den Tories zu Labour beobachten. In beiden Ländern erwachte ein Großteil der Sympathisanten nach den Siegesfeiern mit einem schweren Kater. In Großbritannien wird von den ?Progessiven? immer noch die Person Margaret Thatcher für einen Großteil der Fehler im Lande verantwortlich gemacht ? ob auch George W. Bush 20 Jahre lang als leibhaftiger Beelzebub taugt?

    Jens Berger

    Drucken Kontakt Artikel kaufen Projekt unterstützen

    98 Kommentare

    Seite 207 von 278« Erste...1020...206207208209...220230...Letzte »