Heute hü, morgen hott
geschrieben am 21. Dezember 2009 von Spiegelfechter
Die hohe Kunst des “von sich selbst Distanzierens” beherrscht wohl niemand derart perfekt, wie der bayerische Baron zu Guttenberg. Mal will er Opel in die Insolvenz gehen lassen, dann wieder nicht. Mal will er ein Gesetz für Netzsperren durchsetzen, dann wieder nicht. Mal hält er den Luftangriff von Kundus für militärisch angemessen, dann wieder nicht. 2007 hielt der junge Politstar Gespräche mit den Taliban auch noch für eine “groteske Umkehr der Realität”, heute verkauft er den Plan, derlei Kommunikationskanäle aufzubauen, als seine neue Afghanistan-Strategie. Aber wer weiß, vielleicht distanziert der Mann, auf dessen Internetseite der Slogan “Richtschnur meines Handelns war und ist Prinzipienhaftigkeit und Grundsatztreue” prangt, sich schon morgen wieder von derlei Ansichten und will Afghanistan in die Steinzeit zurückbomben. Guttenberg ist ein politischer Glückskeks – jeden Tag erfährt man vom Baron eine neue Weisheit mit einer Halbwertszeit, die selbst ein Beryllium-Isotop langlebig erscheinen lässt.
Der Pfälzer und der Beau
Kurt Beck und Karl-Theodor zu Guttenberg – das ist wie Saumagen und Wagyu Kobe Filet an Ingwer-Bärlauch-Schaum oder wie Pfälzer Landwein und alkoholfreier Prosecco mit Aperol-Kaviar. Der eine gilt als grobschlächtiges Landei, der andere als adliger Society-Boy. Wenn Kurt Beck sich zu Zeiten, als er noch SPD-Vorsitzender war, einmal zu außen- und sicherheitspolitischen Themen geäußert hat, so wurde der “Hobbypolitiker aus der Provinz” (Zitat: Markus Söder) Zielscheibe von Spott und Hohn der Latte Macchiato schlürfenden Hauptstadtjournallie. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg ist dies freilich ganz anders, schließlich gilt der ehemalige Sprecher des transatlantischen Forums der CSU, der auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ist, als weltläufig und satisfaktionsfähig.
Als Kurt Beck im Frühjahr 2007 nach einem Ausflug an den Hindukusch mit dem visionären Vorschlag hausieren ging, man sollte sich doch vielleicht einmal darüber Gedanken machen, mit den “gemäßigten Taliban” zu sprechen, um Afghanistan zu stabilisieren, erntete er dafür nur Spott und Hohn. Doch der tumbe Pfälzer hat mit seinem Vorschlag einmal mehr visionäre Kräfte bewiesen. Kaum im Amt, wollte auch der Hoffnungsträger Obama mit den Taliban sprechen und wenig später griff der amerikanische Präsident sogar einen weiteren Punkt Becks auf, der seinerzeit von Union und Medien hämisch begleitet wurde – er stellte den Raketenabwehrschild in Osteuropa ein. Da Unionspolitiker immer ein wenig langsamer sind, wenn es um Visionen geht, verwundert es auch nicht, dass Karl-Theodor zu Guttenberg beinahe drei Jahre brauchte, um nun in einem Interview mit der Welt am Sonntag Becks seinerzeit verhöhnten Gesprächsvorschlag als seine neue Afghanistan-Strategie zu verkaufen.
Was schert mich mein Geschwätz von gestern
Vor drei Jahren tönte der adlige Verteidigungsminister, der damals noch Unions-Obmann im Auswärtigen Ausschuss war, noch von einer “grotesken Umkehrung der Realität”, da die Taliban schließlich “Träger einer menschenverachtenden Terrorherrschaft” seien. “Wer Afghanistan in einen Friedhof für ausländische Soldaten verwandeln will, [könne] kein Verhandlungspartner sein”. Ausnahmen von dieser Regel gäbe es nicht, er kenne “außer dem stellvertretenden Regierungssprecher [Thomas Steg] und dem SPD-Vorsitzenden niemanden, der je einen vernünftigen Taliban gesehen hätte”. In den letzten drei Jahren ist auch der Baron viel herumgekommen, vielleicht hat er in dieser Zeit ja noch weitere Menschen getroffen, die Stegs und Becks Meinung teilen.
Es wäre auch interessant zu erfahren, was Guttenbergs Parteifreunde von der neuen Afghanistan-Strategie ihres Shootingstars halten. Ronald Pofalla befand damals Becks Vorschlag als “abstrus”. Der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl setzte sogar noch einen drauf und nannte Becks Vorschlag “abenteuerlich” und “irreal”. Für das Unions-Entfant terrible Eckart von Klaeden war der Vorschlag einfach nur “nicht gut gedacht”. “Moderate Taliban” könne es – so Klaeden – per definitionem nicht geben, denn “wären sie moderat, dann wären es keine Taliban”, so der Unionsexperte für Außenpolitik und Semantik. Ob Pofalla, Uhl und Klaeden heute immer noch so denken? Man sollte sie einmal fragen, warum die Idee, mit gemäßigten Taliban zu verhandeln, vor drei Jahren noch abstrus, abenteuerlich, irreal und nicht gut durchdacht war, es heute aber nicht mehr ist. Oder reift in den Unionsreihen etwa eine Anti-Guttenberg-Fraktion heran, die im Baron nun eine Reinkarnation des Pfälzer Provinzpolitikers sieht?
Django gegen die Hobbypolitiker
Mit besonders hartem Widerstand müsste zu Guttenberg nun aus den eigenen Reihen rechnen. Sein ehemaliger Chef, der vor drei Jahren erklärte, dass es “Unsinn sei”, überhaupt darüber nachzudenken, mit den Taliban reden zu wollen, ist zwar mittlerweile Politrentner im fernen Brüssel. Aber Guttenbergs parteiinterner Gegenspieler Nummer Eins, “Django” Söder, hyperventilierte vor drei Jahren wie ein ADS-gestörter Jungbulle, als er Kurt Becks Vorschlag vernahm. “Wer mit Terroristen kooperieren will, macht sie nur stärker. Man merkt, dass Herr Beck in Mainz sitzt und sich bislang mehr um Winzer gekümmert hat, als um Weltpolitik”, so der Kosmopolit aus Erlangen, dessen weltpolitische Taten sich auf die Forderung nach der Einführung des Singens der deutschen Nationalhymne in bayerischen Schulen und dem Fortbestehen des “Sandmännchens” in der ARD erstrecken. Becks Vorschlag sei “keine durchdachte Strategie, sondern blinde Panik”, “Hobbypolitiker [wie Beck] seien eine echte Gefahr”, so Söder. Ist zu Guttenberg nun in Söders Augen auch ein gefährlicher Hobbypolitiker aus der Provinz, der aus blinder Panik mit Terroristen kooperieren will? Man weiß so wenig – Herr Söder, übernehmen Sie!
Nichts Genaues weiß man nicht
Es wäre sicherlich interessant zu erfahren, wie die Kanzlerin zu diesem Thema steht. Doch die politische Meinung der ersten apolitischen Kanzlerin ist und bleibt nun einmal wohlgehütetes Staatsgeheimnis. Vielleicht hat sie auch gar keine Meinung zum Thema Afghanistan – auch das soll ja mal vorkommen. Immerhin hat die Regentin es geschafft, sich aus der Schusslinie zu halten, während ihr Nachwuchskonkurrent sich immer wieder von sich selbst distanzierte und seine Position mehrfach um 180° wenden musste. War es nun militärisch angemessen, bei einem gezielten Tötungsversuch dutzende Kollateralschäden in Kauf zu nehmen? Ob militärisch angemessen oder nicht, spielt dabei allerdings keine Rolle. Der Luftangriff von Kundus verstieß zum einen gegen das Völkerrecht, zum anderen hat die Bundeswehr in Afghanistan gar kein Mandat, das gezielte Tötungen von Kombattanten zulässt egal wie “militärisch angemessen” diese Manöver auch sind.
Diese und andere Fragen wird der galante Baron nun im Untersuchungsausschuss zu beantworten haben. Guttenberg wäre allerdings nicht Guttenberg, wenn er es nicht schaffen würde, sich auch im Untersuchungsausschuss von sich selbst zu distanzieren. Das gemeine Volk stört das Mäandern des Barons freilich nicht – er ist und bleibt der beliebteste Politiker des Landes, auf der Beliebtheitsskala darf neben ihm nur noch die Klimakanzlerin ohne Meinung residieren. Da interessiert es auch nicht, ob er lügt, wie es der ehemalige Generalinspekteur Schneiderhan behauptet, oder sich dann doch wieder von sich selbst distanziert. Für das Volk ist Guttenberg wie ein liebenswerter Lausbub, dem man alles verzeiht – der Kanzlerschaft steht damit eigentlich nichts mehr im Wege.
Jens Berger
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Die Bundesregierung will den Hinterbliebenen des Luftangriffs von Kundus angeblich drei Millionen Euro Schadensersatz zahlen – 16.850 Euro pro getöteten Afghanen*, weniger als die Reparatur einer defekten Panzerkette. Was ist ein Menschenleben eigentlich wert? Unendlich viel, der Wert eines Menschenlebens lässt sich nicht in barer Münze aufwiegen. Diese ethisch vollkommen korrekte Aussage nutzt den Hinterbliebenen von Gewalttaten aber nichts. Um diejenigen, die ein Menschenleben grob fahrlässig oder gar vorsätzlich ausgelöscht haben, auch materiell haftbar zu machen, ist es daher unumgänglich, Schadensersatzzahlungen zu beziffern. Dies gilt besonders für das Militär. Da in einem Krieg immer auch unschuldige Zivilisten ums Leben kommen, müssen sich im internationalen Recht endlich verbindliche Standards durchsetzen, wie die Hinterbliebenen von unschuldigen Opfern der Militärs entschädigt werden sollen. Der Status Quo gleicht nämlich eher einer Mischung aus Zynismus und Anmaßung – der Wert eines Menschenlebens wird vor allem aus dem Gesichtspunkt der Public Relations bemessen.
Jeder Mensch ist gleich, aber nicht gleich viel wert – diesen Schluss lässt zumindest ein Vergleich vergangener Schadensersatzzahlungen zu. Vor allem amerikanische Gerichte geizen nicht, wenn die Opfer Amerikaner und die Täter sinistere Gestalten im Ausland sind. So wurde einem Amerikaner, der bei einem vermeintlichen PLO-Attentat an der Hand verletzt wurde, von einem US-Gericht ein Schmerzensgeld in Höhe von
Im Irakkrieg galten 2.500 US-Dollar als maximaler Schadensersatz für die Angehörigen irakischer Zivilisten, die von GIs umgebracht wurden. Weitaus höhere Summen erhielten lediglich Opfer besonders delikater Todesfälle – so wurden der Mutter eines Irakers, der von britischen Militärs zu Tode gefoltert wurde, immerhin 8.000 US-Dollar Schmerzens- oder besser Schweigegeld angeboten. Die durchschnittliche Summe pro getöteten Zivilisten bewegt sich allerdings weitaus niedriger. Im Monat nach der Invasion zahlte beispielsweise die 82nd Airborne Division 106.000 US-Dollar an 176 Kläger aus, knapp 600 US-Dollar pro Todesfall. Alleine im Jahre 2005 zahlte das US-Verteidigungsministerium
Der Bremer Anwalt Karim Popal, der die Opfer des Massakers von Kundus vertritt, weiß genau, auf welch tönernen Füßen die rechtliche Position der Bundeswehr steht. Seine Drohung, die Bundesrepublik vor dem Internationalen Gerichtshof auf Schadensersatz zu verklagen, wurde in Berlin nur allzu genau verstanden. Nun spricht die Presse von einer Gesamtentschädigung in Höhe von 3 Millionen Euro, die den Opfern zugutekommen soll. Dies sind 16.850 Euro für jedes der 178 zivilen Opfer, der Gegenwert eines VW-Golfs – Peanuts für das Verteidigungsministerium, das im letzten Jahr 360.000 Euro ausgegeben hat, um das Camp in Kundus von mongolischen Rennmäusen zu
Das freie amerikanische Volk kann die volle Wahrheit vertragen. Es weiß, wie schwierig es um die Lage des Landes bestellt ist, und seine Führung kann es deshalb auch auffordern, aus der Bedrängtheit der Situation die nötigen harten, ja auch härtesten Folgerungen zu ziehen. Wir Amerikaner sind gewappnet gegen Schwäche und Anfälligkeit, und die Schläge und Unglücksfälle der Wirtschaftskrise verleihen uns nur zusätzliche Kraft, feste Entschlossenheit und eine seelische und kämpferische Aktivität, die bereit ist, alle Schwierigkeiten und Hindernisse mit dem Elan der Gründerväter zu überwinden.
Wären die internationalen Friedenstruppen nicht in der Lage, die Gefahr des Terrorismus zu brechen, so wäre damit Amerika und in kurzer Folge die gesamte freie Welt dem Islamismus verfallen.
Ihr also, meine Zuhörer, repräsentiert in diesem Augenblick die freie Welt. Und an euch möchte ich zehn Fragen richten, die ihr mir mit dem amerikanischen Volke vor der ganzen Welt, insbesondere aber vor unseren Feinden, die uns auch an ihrem Rundfunk zuhören, beantworten sollt:
Fünftens: Einige Medien behaupten, das amerikanische Volk hat sein Vertrauen zum Kapitalismus verloren. Ich frage euch: Ist euer Vertrauen in den Kapitalismus heute größer, gläubiger und unerschütterlicher denn je? Ist eure Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen und alles zu tun, was nötig ist, um den Krieg zum siegreichen Ende zu führen, eine absolute und uneingeschränkte?
Bereits letzte Woche wurde, wie
Bevor jedoch mit einem Abzug begonnen werden soll, sollen paradoxerweise zunächst die US-Truppen weiter verstärkt werden, im Gespräch sind zwischen 10.000 bis 40.000 Mann; über die genaue Zahl wird Präsident Obama wohl bis zum 7. Dezember
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Kommentare
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Nun müssen dies jedoch auch die Eliten feststellen, die schon immer dachten, sie könnten...
Ich stimme die in der Analyse absolut zu, wäre aber nicht sicher, ob Westerwelle sich nicht...
Haha, ich steige ein bei der Wette gegen die Amtszeit des Wellensittichs. Kann man nicht...
Wow – der Stürmer – sorry … Spiegel, ich verwechsele die immer –...
“Freut Euch nicht zu früh. Er wird erst gehen wenn er die volle Pension bekommt. Da...