Am Wochenende ging in Istanbul das fünfte Welt-Wasser-Forum zu Ende. 20.000 Experten aus aller Welt tagten dort unter der Ägide des Weltwasserrates, einem Think-Tank, dessen Träger neben der UN und nationalen Regierungen auch die großen Wasserdienstleister und die Weltbank sind. Die Ergebnisse waren mager, wie bei allen Welt-Wasser-Foren zuvor. Die beim ersten Welt-Wasser-Forum 2000 verabschiedete Definition, Wasser sei ein „grundlegendes Bedürfnis“ und kein Menschenrecht, gilt weiterhin und Rahmenbedingungen, künftige Konflikte rund um das Wasser zu vermeiden, wurden nicht gesetzt. Hochkonjunktur hatten auch im Umfeld dieses Forums wieder einmal NGOs, die weit verbreitete Wissensdefizite über das hochemotionale Thema „Wasser“ für PR in eigener Sache zu nutzen wissen.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint
Das Thema „Wasser“ ist in den letzten Jahren zu einem Spielball zwischen den Interessen der Wirtschaft und den weltanschaulichen Interessen einiger Globalisierungsgegner geworden. Das verwundert nicht, schließlich lässt sich mit „dem blauen Gold“ Geld verdienen und Wasserknappheit ist ein Thema, das die Welt noch lange beschäftigen wird. Lösungen sind nicht immer einfach, an Ansätzen mangelt es jedoch nicht. Allerdings sind diese Ansätze nur selten durchdacht. Auch im Umfeld des Welt-Wasser-Forums tauchte wieder das indifferente Rauschen des kritischen Weltgewissens auf. Das äußert sich dann beispielsweise folgendermaßen: „Kommst du aus Indien und bist Vegetarier, brauchst du nur 2.500 Liter. Kommst du aus den USA oder vielen europäischen Staaten und bist kein Vegetarier, verbrauchst du doppelt so viel Wasser“ – so ein Sprecher einer NGO in Istanbul. Das klingt natürlich einleuchtend – die Industriestaaten verbrauchen natürlich den Großteil der Rohstoffreserven, warum sollte das beim Wasser anders sein? So einleuchtend dieser aber Satz klingt, so falsch ist er.
Wasser ist, anders als Kohle oder Erdöl, keine endliche, sondern eine regenerative Ressource. Wasser kann nicht verbraucht, sondern nur genutzt werden. Wenn ein Düsseldorfer sich eine Wassersparspülung auf seinem stillen Örtchen installiert, hilft dies dem Inder keinen Jota. Der natürliche Wasserkreislauf sorgt dafür, dass genutztes Wasser über Versickerung oder Verdunstung dem Kreislauf wieder zugeführt wird. In Deutschland wird beispielsweise lediglich 3% des verfügbaren Wasserangebotes durch die öffentliche Wasserversorgung genutzt. Fast 80% des Dargebots werden gar nicht genutzt. Der größte Nutzer sind Wärmekraftwerke, die fast 14% des Wassers nutzen. Diese Nutzung ist aber kein Verbrauch. Das Wasser wird an einer Stelle eines Flusses entnommen und an einer anderen Stelle dem Fluss wieder zugeführt – die kleine Differenzmenge verdunstet und bleibt somit ebenfalls Teil des Wasserkreislaufs.
Auch bei der Tierzucht und der landwirtschaftlichen Produktion der Futtermittel, die das Gros des „Wasserverbrauchs“ bei der Tierzucht ausmacht, wird kein Wasser verbraucht. Bei der Beregnung der Felder - egal ob natürlich oder künstlich – geht der absolute Großteil des Wassers ins Erdreich, wo er den Grundwasserstock füllt, der andernorts wieder abgezapft wird. Auch das Wasser, das die Zuchttiere trinken, geht in diversen Formen wieder in den Kreislauf zurück. In Regionen, in denen das Wasserdargebot größer als die Wassernutzung ist, stellt weder die Viehzucht noch der Ackerbau, oder die Nutzung als Kühl- oder Nutzwasser für die Energieerzeugung oder die Industrie ein ökologisches Problem dar. Die 5.000 Liter, die ein Europäer dem NGO-Sprecher zufolge „verbrauchen“ soll, sind noch nicht einmal die Nutzung des Wassers, sondern schlichtweg das Angebot an nutzbarem Wasser. Einem Deutschen stehen pro Tag 6.273 Liter Wasser zur Verfügung, von denen er allerdings nur 127 Liter nutzt.
Virtuelles Wasser
In einem wasserreichen Land wie Deutschland braucht also niemand ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er ein Rumpsteak deutscher Herkunft isst. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn man hierzulande Rosen aus Kenia, Orangen aus Südspanien oder Zitronen aus Israel kauft. In Gebieten mit Wasserknappheit steht die landwirtschaftliche Produktion in Konkurrenz zur Trinkwasserversorgung, und vielerorts wird dem Kreislauf zu viel Wasser entnommen. Dem globalen Kreislauf kann man freilich nicht mehr entnehmen, als in ihn zurückfließt – regional ist dies allerdings möglich. Wenn beispielsweise in Südspanien Zitrusfrüchte angebaut werden, so wird dort mehr Wasser für die künstliche Beregnung verwendet, als auf natürlichem Wege in das regionale Wasserdargebot zurückfließt. Ein großer Teil dieses Wassers verdunstet und regnet sich nicht über Südspanien, sondern anderswo ab – zum Beispiel in Deutschland oder den Alpen. Die Folge ist ein rapide sinkender Grundwasserspiegel und eine schleichende Desertifikation. Es ist daher ökologisch unsinnig, in Regionen mit einem zu geringen natürlichen Wasserdargebot wasserintensive Landwirtschaft zu betreiben.
Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist der Handel mit virtuellem Wasser. Nur ist dies häufig wirtschaftlich kontraproduktiv. Mais aus dem wasserreichen mittleren Westen der USA hat beispielsweise einen exzellenten ökologischen Fingerprint. Für die Produktion einer Tonne Mais benötigt man dort nur 489 m³ Wasser – und dies in einer Region, in der das Wasserdargebot wesentlich größer als die Nutzung ist. Um die gleiche Menge Mais in Indien zu produzieren, benötigt man 1.927 m³ Wasser – die fünffache Menge. Ferner sind große Teile Indiens von Wasserknappheit gekennzeichnet. Amerikanischen Mais nach Indien oder Afrika zu exportieren ist also ökologisch sinnvoll, wenn man sich auf die Wasserbilanz bezieht. Ähnlich verhält es sich mit beinahe allen agrarwirtschaftlichen Produkten Mittel- und Osteuropas und weiten Teilen der USA und Kanadas. Globalisierungsgegner stehen hier freilich vor einem Dilemma – der Handel mit virtuellem Wasser ist zwar ökologisch sinnvoll, für die wasserarmen Entwicklungsländer jedoch ist er ökonomisch katastrophal, da weite Teile der eigenen Wirtschaft ausgelagert werden. Problematischer als die Eigenversorgung ist indes der Export von Gütern aus wasserarmen in wasserreiche Regionen. Ägyptische Erdbeeren auf deutschen Esstischen sind eine Sünde wider die Natur und die Nachhaltigkeit.
Trinkwasser – Handelsware oder Grundrecht?
In vielen Ländern der Welt ist sauberes Trinkwasser ein Luxus. Bakterien, Arsen und andere unerwünschte Inhaltsstoffe sind dort die Regel und die WHO schätzt, dass täglich 6.000 Kinder an Krankheiten sterben, die durch verschmutztes Trinkwasser verursacht werden. In Industriestaaten und vielen Schwellenländern ist Wasser eine begehrte Handelsware. Nicht etwa das Wasser selbst, sondern die Dienstleistungen rund um das Wasser können profitabel sein. Allerdings eignet sich Trinkwasser denkbar schlecht für die moderne renditeorientierte Wirtschaft. Um einen Haushalt mit Trinkwasser zu versorgen, sind immense Investitionen in das Verteilungsnetz notwendig. Die Einnahmen sind verhältnismäßig gering, so dass sich der Neubau eines Wasserversorgungsnetzes aufgrund des sehr langen Abschreibungszeitraums kaum rentiert. Eine derart langfristige Bindung von Investitionskapital ist heutzutage nicht eben populär. Darum haben sich renditeorientierte Wasserversorger auf die Betreuung von Wasserversorgungsnetzen verlegt. Meist hat der Steuerzahler diese Netze finanziert, die dann von privaten Unternehmen renditeorientiert betrieben werden. Da Investitionen in die Erhaltung des Netzes Geld kosten, hat der Betreiber oft kein Interesse an einer vorbildlichen Pflege des Netzes. Nötige Investitionen werden so auch schon häufiger nach hinten verschoben. Betreiberverträge, die nach bestimmten Perioden neu ausgeschrieben werden, sind in diesem Zusammenhang besonders problematisch. Der Betreiber hat kein Interesse daran, Investitionen zu tätigen, deren Abschreibungsperiode länger als die vertragliche Nutzungsperiode ist. Wenn diese Investitionen unterbleiben, sinkt das Interesse der Privatwirtschaft am Betrieb des Netzes allerdings rapide, so dass bei der nächsten Ausschreibung öfters die Kommune wieder den Zuschlag erhält und vor einem Berg nötiger Investitionen steht. Solche Dummheiten sind allerdings hausgemacht.
Sackgasse Privatisierung
Wer sich ein Bild von falscher Privatisierung machen will, der sollte sich die Erfahrungen Großbritanniens zu Gemüte führen. Dort wurde Ende der 80er Jahre die Wasserversorgung radikal privatisiert. In der Folge stiegen die Wasserpreise inflationsbereinigt binnen zehn Jahren um 46%. Die Gewinne der Versorger stiegen im gleichen Zeitraum um 142%, einige Unternehmen zahlten ein Viertel der Einnahmen direkt als Dividende an die Aktionäre aus. Gespart wurde allerdings an den Investitionen ins Versorgungsnetz. Nach 10 Jahren privater Bewirtschaftung hatten einige britische Städte ein maroderes Netz als die meisten Drittweltstaaten – in London war das Netz derart heruntergewirtschaftet, dass die Leitungsverluste sich auf 40% summierten, was, neben immensen Schäden durch das auslaufende Wasser, dazu führte, dass ganze Teile Londons nicht mehr mit dem nötigen Wasserdruck versorgt werden konnten. Die Regierung erließ daraufhin neue Gesetze, die den Raubbau am „blauen Gold“ erschwerten und Investitionen in das Netz gesetzlich vorschrieben. Die Privaten verließen daraufhin größtenteils das Spielfeld und die milliardenschweren Investitionen mussten vom Steuerzahler getätigt werden.
Auch in vielen Schwellenländern schlugen internationale Wassermultis auf diese Art und Weise zu. Generell sind Schwellen- und vor allem Entwicklungsländer aber weniger interessant für diese Konzerne. Die Bereitschaft, für Wasser hohe Summen zu bezahlen, ist vielerorts nicht vorhanden. Einem großen Teil der Bevölkerung fehlt es auch schlichtweg am nötigen Geld. Investitionen in Entwicklungsländern haben sich daher auch häufig als Fehlinvestitionen herausgestellt. Als Beispiel hierfür eignet sich Bolivien. Die Weltbank sorgte dort dafür, dass in der Provinz Cochabamba, die von 1,5 Mio. Menschen bewohnt wird, die Wasserversorgung privatisiert wird. Den Zuschlag erhielt das US-Unternehmen Bechtel. Flankiert von Gesetzen, die die Eigenversorgung verboten, führte Bechtels Politik dazu, dass ärmere Familien bis zu einem Drittel ihres Einkommens für Wasser bezahlen sollten. Es kam in der Folge zu gewalttätigen Protesten und die Regierung musste nachgeben. Man widerrief den Vertrag mit Bechtel und wurde daraufhin auf 25 Mio. US$ Schadensersatz verklagt. In der Hauptstadt La Paz erhielt der französische Wassermulti Suez den Zuschlag. Für einen Anschluss an das Wassernetz verlangte Suez rund vier Monatsgehälter. Die Anzahl der Kunden nahm ab, und da Suez vertraglich 12% Rendite zugesichert worden sind, mussten die Preise erhöht werden. Auch in La Paz kam es zu Unruhen und auch Suez verlor die Konzession. Die Ausflüge westlicher Multis in Entwicklungsländer haben sich meist für niemanden gelohnt – nicht für die Multis, nicht für die Regierungen und schon gar nicht für die Bevölkerung.
Krieg ums blaue Gold?
In einigen Regionen der Welt birgt das Thema Wasser ein gehöriges Konfliktpotential. Von den zehn Anrainerstaaten des Nils verfügt beispielsweise lediglich Ägypten über ausreichende Wasserentnahmerechte. Äthiopien, in dem der „blaue Nil“ entspringt, hat gar kein Entnahmerecht für das Wasser. Auch im wasserarmen Nahen Osten bestehen Wasserkonflikte. Die Türkei streitet sich mit Syrien und dem Irak um das Wasser von Euphrat und Tigris und staut 50% des Wassers des Euphrat im Attatürk-Staudamm. Syrien bezieht 90% seines Oberflächenwassers aus den Nachbarstaaten, der Irak 60%. Israel verweigert den Palästinensern im Westjordanland Förderrechte für das dortige Wasser, und zwischen Syrien und Israel tobt ein Streit um die Wasserquellen der Golan-Höhen. Wenn Israel die Golan-Höhen räumen sollte, liegen drei der vier Quellen auf syrischem Gebiet und die vierte Quelle im geräumten Südlibanon. Das Schicksal der Jaffa-Orangen läge dann in den Händen der Syrer – daran hat Israel verständlicherweise kein Interesse. Israel ist allerdings in punkto Trinkwasserversorgung in der glücklichen Lage, über High-Tech zu verfügen. Mit dem Ashkelon-Projekt betreibt Israel eine der modernsten Seewasserentsalzungsanlagen. Das Projekt ist auf eine Jahresleistung von 110 Mio. m³ ausgelegt, wobei das entsalzte Trinkwasser mit 0,52 US$/m³ sehr preiswert ist – für die wasserintensive Landwirtschaft ist dies allerdings zu teuer.
Müssen wir nun alle Vegetarier werden?
Wasserknappheit ist vielmehr ein finanzielles Problem als ein natürliches. Küstenanrainer können Seewasser mit fortschrittlichen Entsalzungsanlagen in Trinkwasser umwandeln – da diese Technik sehr energieintensiv ist, ist sie allerdings auch sehr teuer. Normalerweise werden diese Großanlagen mit Kohle oder Erdöl betrieben. In China sind allerdings auch bereits atomare Entsalzungsanlagen projektiert und solare Entsalzungsanlagen sind vor allem für den Nahen Osten und Nordafrika ökologisch unproblematische Alternativen. Staaten, die sich fortschrittliche Entsalzungsanlagen und die nötige Versorgungsinfrastruktur leisten können, werden auch bei fortschreitendem Klimawandel keine Wasserkrisen durchleiden müssen – für intensiven Ackerbau wird dies allerdings nicht reichen. Auch im „Dust-Belt“ Nordafrikas, den Dürreregionen Chinas und den Hochlagen Südamerikas ist die Landwirtschaft hauptverantwortlich für Wasserknappheit. Hier könnte der Handel mit virtuellem Wasser Linderung schaffen. Wenn die Futtermittel für Rinder im chinesischen Binnenland beispielsweise aus wasserreichen Regionen importiert werden, können auch die Chinesen ihr Rumpsteak essen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Aber das klingt natürlich nicht so sexy für NGOs.
Jens Berger
