Was macht eigentlich die Schweinegrippe?
geschrieben am 04. Januar 2010 von Spiegelfechter
Die Schweinegrippe schwächelt – bei der Wahl zum Unwort des Jahres belegte sie nur den dritten Platz und selbst im chronisch hysterischen Twitter-Netzwerk konnte sie als Hashtag nur den zweiten Platz in der Jahresbestenliste belegen. Für die Krankheit an sich interessiert sich derweil kein Schwein – kommunale Schweinegrippe-Hotlines werden bereits mangels Nachfrage wieder eingestellt. Bei genauerer Betrachtung ist die Schweinegrippe sogar ein medizinischer Segen. Der relativ ungefährliche H1N1-Virus hat gefährlichere saisonale Influenzaviren verdrängt, wodurch die Zahl der Grippetoten in diesem Jahr wohl ein historisch niedriges Niveau erreichen wird. Wenn die horrenden Kosten für die Allgemeinheit nicht wären, könnte man dieses Medienphänomen wohl getrost unter der Kategorie “Hype des Jahres” abheften. Die eigentliche Krankheit ist nicht die Schweinegrippe, sondern die Schweinengrippenpanik – sie hat zwar keine Menschenleben gefordert, aber dafür weltweit öffentliche Mittel in Richtung Pharmaindustrie umgelenkt. Der große Verlierer der Schweinegrippenpanik ist derweil die WHO. Wer einmal übertreibt, dem glaubt man nicht – bei der nächsten Pandemie werden die professionellen Hysteriker aus Genf vielleicht nicht mehr ernst genommen.
Wohin mit Pandemrix?
Manchmal ist das Volk doch klüger, als es sein Wahlverhalten bei Bundestagswahlen vermuten lässt. Da konnten die Experten in schillerndsten Farben Katastrophenbilder entwerfen, Politiker mit Sorgenfalten auf der Stirn zum Impfen aufrufen und BILD-Redakteure zu menschlichen Pharmatestern mutieren – das Volk blieb stur und die teuer bezahlten Impfstoffe stapeln sich nun in den Zentrallagern der Bundesländer. Nur fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung haben sich bis dato gegen die Schweinegrippe impfen lassen und es ist nicht anzunehmen, dass diese sich diese Zahl noch signifikant erhöhen wird. Warum auch? Schließlich haben sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums auch nur 15% der Ärzte impfen lassen – und die kommen berufsbedingt ständig mit Grippeinfizierten in Kontakt.
Der rationale Umgang mit dem adjuvantiengestärkten Zauberstoff Pandemrix droht nun jedoch für die Politik zu einem Desaster zu werden. In den Lagern der Länder stapeln sich bereits jetzt die Kartons mit dem Impfstoff und die Produktion bei Glaxo Smith Kline in Dresden läuft weiterhin auf vollen Touren. Schließlich haben die Länder und der Bund mit dem Pharmariesen einen Vertrag abgeschlossen, der die Abnahme von Impfrationen für die Hälfte der Bevölkerung vorsieht. Da man zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch davon ausgehen musste, dass zwei Impfungen pro Kopf nötig wären, stehen die Länder nun vor dem Problem, über 82 Millionen Impfdosen abnehmen und vor allem auch bezahlen zu müssen. Die Krankenkassen bezahlen nämlich nur die Impfdosen, die auch tatsächlich verabreicht wurden. Ende dieser Woche wollen die Länder nun in Verhandlungen mit Glaxo Smith Kline zumindest eine Halbierung der Abnahmemenge erreichen, da die klinischen Tests ja ergeben hätten, dass nur eine einzige Impfdosis pro Kopf ausreicht. Hier geht es immerhin um fast 300 Millionen Euro – wahrscheinlich werden sich die Gerichte noch mit diesem Fall beschäftigen. Auch wenn Glaxo Smith Kline den Ländern entgegenkommen sollte, stehen diese immer noch vor dem Problem, fast 90% der Materialkosten aus eigener Tasche zahlen zu müssen. Man kann nur hoffen, dass dieses Fiasko der Politik eine Lehre sein wird.
Wer will nochmal, wer hat noch nicht?
Als naheliegende Lösung käme nun ein Verkauf der überschüssigen Impfdosen in die Länder in Frage, die sich nicht Exklusivverträge mit den Pharmakonzernen erkauft haben. So steht der Bund denn auch bereits mit so zahlungskräftigen Staaten wie dem Kosovo, Moldawien, Mazedonien, Albanien, der Ukraine und der Mongolei in Verhandlung. Dass keiner dieser Staaten gewillt ist, den Lobbyistengedächtnispreis von sieben Euro pro Impfdosis zu zahlen, versteht sich von selbst. Der Markt für Schweinegrippeimpfstoffe zeichnet sich durch ein massives Überangebot aus, denn nicht nur die deutsche Politik ließ sich von der Pharmaindustrie ins Bockshorn jagen. Unser Nachbar Frankreich sitzt auf stolzen 70 Millionen Impfdosen, die nun zum freien Verkauf angeboten werden. Die großzügige Führung im Elysee-Palast hatte nämlich schwindelerregende 90 Millionen Dosen geordert, von denen sie nun maximal 20 Millionen benötigt. Dies ist aber kein Grund zur Schadenfreude – wenn die Länder sich in den Nachverhandlungen mit Glaxo Smith Kline nicht durchsetzen können, sitzen sie auch auf rund 70 Millionen Dosen Pandemrix, für die niemand Geld ausgeben will. Es ist daher wesentlich wahrscheinlicher, dass Deutschland den unbegehrten Impfstoff verschenken wird – wenn Staaten wie das Kosovo auch nur die Logistikkosten bezahlen würden, so wäre dies bereits ein Glücksfall.
Der frisch gebackene Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel verdankt der Schweinegrippe zumindest sein erstes Erscheinen in den Medien. Niebel will afrikanischen Staaten 13 Millionen Euro Entwicklungshilfe für deren Schweinegrippeimpfprogramme zur Verfügung stellen. Gerade so, als ob es in Afrika keine dringlicheren Probleme und keine gefährlicheren Krankheiten als die Schweinegrippe gäbe. Man könnte von dem Geld ganze Landstriche gegen Diphterie, Tetanus oder Keuchhusten impfen. Einem geschenkten Gaul schaut man aber nicht ins Maul – da kann man nur abwarten, wann Niebel endlich einen nationalen Hilfsplan zur Bekämpfung von Adipositas für Afrika südlich der Sahara aufstellt.
Danke, liebe Schweinegrippe!
Als erstes Zwischenfazit lässt sich feststellen, dass die Schweinegrippe tausende Menschenleben gerettet hat. Auch die Impfpanik, die von den üblich verdächtigen Verschwörungstheoretikern gesät wurde, hat sich als unbegründet herausgestellt. Die Schweinegrippe ist sogar ein Segen. Was auf den ersten Blick verwundert, lässt sich durch die geringen Mortalitätsziffern begründen. Die “normale” saisonale Grippe fordert hierzulande alljährlich zwischen 8.000 und 11.000 Todesopfer. Weltweit sind es zwischen 250.000 und 500.000. Die Basis dieser Zahlen ist jedoch problematisch, da die meisten Todesopfer nicht an der Grippe selbst, sondern an Sekundärkrankheiten sterben. Dies ist jedoch auch bei der Schweinegrippe nicht anders – nur dass die Opferzahlen wesentlich geringer sind. In Deutschland sollen bislang 132 Menschen der Schweinegrippe zum Opfer gefallen sein – und weltweit rund 20.000, wobei diese Zahl mit Vorsicht zu genießen ist, da die Hälfte aller Opfer aus den USA stammen, wo die Fallkriterien massiv aufgeweicht wurden. Die Schweinegrippe hat also eine wesentlich geringere Mortalität als die “normale” saisonale Grippe, und was für die Menschheit noch besser ist – sie ist derart omnipräsent, dass sie andere Subtypen der Grippe in diesem Jahr fast vollständig verdrängt hat. Wer im Winter 2009/2010 eine Grippe bekommt, bekommt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Schweinegrippe und darf sich über den meist milden Verlauf dieser Grippeform freuen.
Doch eine Besonderheit hat die Schweinegrippe – sie trifft nur sehr selten ältere Menschen, sondern eher Jugendliche. Im Median ist ein Schweinegrippeerkrankter in Deutschland gerade einmal 15 Jahre alt. Auch der Median beim schwereren Verlauf der Erkrankung liegt bei lediglich 16 Jahren. Die Rentner, die alljährlich von der normalen Grippe befallen werden, erfreuen sich hingegen bester Gesundheit, da sie oft sogar resistent gegen H1N1 sind. Für die Pharmaindustrie ist dies natürlich ein Glücksfall, da so ein ganz neuer Markt für die “normale” Grippeimpfung erschlossen wird, der bislang vornehmlich im Altersspektrum 65+ lag. Die Schweinegrippe wird nämlich nicht verschwinden und uns noch jahrelang erfreuen. Das Serum gegen die Schweinegrippe wird ab Herbst 2010 jedoch Bestandteil der normalen Grippeimpfung.
Apokalypse not now!
Im Mai 2009 befürchtete die WHO, dass binnen weniger Monate bis zu einem Drittel der Weltbevölkerung die Schweinegrippe bekommt und die Opferzahlen biblische Ausmaße annehmen würden. Nach dem Abklingen der ersten Grippewelle sieht die Zwischenbilanz jedoch ganz anders aus – noch nicht einmal jeder Hundertste hat sich infiziert und die Sterberate liegt im Mikrobereich. Doch bereits im Mai legten die Zahlen nahe, dass die Schweinegrippe einen eher milden Verlauf hat. Ihre Karriere verdankt die Schweinegrippe einer gewissen Margaret Chang, die als Vorsitzende der WHO gleich nach Bekanntwerden der ersten Opfer in Mexiko und den USA die Kriterien für die Pandemiewarnstufen der WHO änderte. Seit Mai letzten Jahres zählt nur noch die Virulenz, nicht aber die Mortalität einer Krankheit für die Pandemieeinstufung durch die WHO. So gesehen wäre jede Grippe eine Pandemie – wobei die meisten saisonalen Grippewellen deutlich gefährlicher wären, als die Schweinegrippe.
Was Frau Chang zu derlei hysterischem Übermut bewog, ist unklar. Vor ihrer Karriere bei der WHO ist Chang eher als dilettantische Abwieglerin in Erscheinung getreten. Als Gesundheitsdirektorin der Hong Konger Regierung hatte sie sowohl beim Ausbruch der Vogelgrippe, als auch beim Ausbruch von SARS geradezu episch versagt. In beiden Fälle waren es Experten der WHO, die den Ernst der Lage erkannten und Changs Behörde zu überlegten Maßnahmen nötigten. Nun hat sich Chang vom Saulus zum Paulus gewandelt und verspielt Woche für Woche ihre letzte Glaubwürdigkeit durch neuen Alarmismus, den schon längst niemand mehr hören will. Das ist mehr als problematisch, denn die gesamte Autorität der WHO basiert auf ihrer Glaubwürdigkeit. Was sollen die Regierungen nun tun, wenn im nächsten Jahr im chinesischen Hinterland die nächste Seuche ausgebrütet wird? Sollen sie der WHO glauben und wieder das Wohl und Wehe der Bevölkerung in einer Milliardenorder bei der Pharmaindustrie suchen oder sollen sie erst einmal abwarten? So lange, bis es vielleicht zu spät ist? Es ist an der Zeit, sich über eine Neuordnung der WHO ernsthafte Gedanken zu machen.
Jens Berger
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Weihnachten – das Fest der Liebe und des hemmungslosen Konsums – steht vor der Tür. Die Innenstädte gleichen einem Tollhaus, in dem unzählige uniformierte “Jack Wolfskins” ihr Seelenheil im käuflichen Erwerb von neuen Habseligkeiten suchen – Tand und Nippes für die Einen, Pretiosen und Galanteriewaren für die Anderen, abhängig vom Volumen des Geldbeutels und vom Geschmack des Schenkenden. Wer seine Lieben – und vielleicht auch seine nicht ganz so Lieben – in diesem Jahr einmal nicht mit den üblichen Krawatten, Socken, Duftwässerchen oder Alkoholika “überraschen”, sondern ausnahmsweise mal etwas Geistreiches verschenken will, sollte vielleicht zu einem guten alten Buch greifen. Buch? Ja, bedrucktes Papier zwischen zwei Deckeln aus Hartpappe. Genau das Richtige, um im Winter einmal der Schirrmacherschen-Hirnzermanschung zu entfliehen. 




















Das Jahr geht dem Ende zu und ich möchte eine alte Tradition wieder aufnehmen, die im letzten halben Jahr ein wenig eingeschlafen ist – den offenen Thread, in dem jeder seinen Senf zu Themen abgegeben darf, die nicht Gegenstand eines meiner Artikel sind. Doch der Open Thread ist nicht nur für die thematische Diskussion gedacht. Ich hoffe ja auch stets, dass Leser mich auf interessante Themen hinweisen – natürlich kann ich nicht garantieren, dass ich diese Themen auch aufgreifen kann. Aber auch in der Vergangenheit haben mich meine “Spürnasen” auf das eine oder andere wirklich interessante Thema gelenkt, das mir und den Lesern ansonsten verborgen geblieben wäre. Daher: Tipps in den Open Thread oder ganz einfach per
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@Wat. #164: Danke übrigens auch für #151 :-) Ich stimme dir in Allem vollkommen zu, was du hier...
@ Axel Ich kann Dir nur zustimmen. Leider ist das nicht nur “idealistischer...
In Brasilien sind die Reaktionen eher verhalten. Kaum eine grössere Tageszeitung hat über...
Ein mal wieder sehr schöner Artikel, den ich mit Gewinn gelesen habe. Wobei es eigentlich nicht...
Der Mann ist eine glatte Fehlbesetzung, denn er ist alles andere als ein Diplomat. Das er das...