Was macht eigentlich die Schweinegrippe?

geschrieben am 04. Januar 2010 von Spiegelfechter

Die Schweinegrippe schwächelt – bei der Wahl zum Unwort des Jahres belegte sie nur den dritten Platz und selbst im chronisch hysterischen Twitter-Netzwerk konnte sie als Hashtag nur den zweiten Platz in der Jahresbestenliste belegen. Für die Krankheit an sich interessiert sich derweil kein Schwein – kommunale Schweinegrippe-Hotlines werden bereits mangels Nachfrage wieder eingestellt. Bei genauerer Betrachtung ist die Schweinegrippe sogar ein medizinischer Segen. Der relativ ungefährliche H1N1-Virus hat gefährlichere saisonale Influenzaviren verdrängt, wodurch die Zahl der Grippetoten in diesem Jahr wohl ein historisch niedriges Niveau erreichen wird. Wenn die horrenden Kosten für die Allgemeinheit nicht wären, könnte man dieses Medienphänomen wohl getrost unter der Kategorie “Hype des Jahres” abheften. Die eigentliche Krankheit ist nicht die Schweinegrippe, sondern die Schweinengrippenpanik – sie hat zwar keine Menschenleben gefordert, aber dafür weltweit öffentliche Mittel in Richtung Pharmaindustrie umgelenkt. Der große Verlierer der Schweinegrippenpanik ist derweil die WHO. Wer einmal übertreibt, dem glaubt man nicht – bei der nächsten Pandemie werden die professionellen Hysteriker aus Genf vielleicht nicht mehr ernst genommen.

Wohin mit Pandemrix?

Manchmal ist das Volk doch klüger, als es sein Wahlverhalten bei Bundestagswahlen vermuten lässt. Da konnten die Experten in schillerndsten Farben Katastrophenbilder entwerfen, Politiker mit Sorgenfalten auf der Stirn zum Impfen aufrufen und BILD-Redakteure zu menschlichen Pharmatestern mutieren – das Volk blieb stur und die teuer bezahlten Impfstoffe stapeln sich nun in den Zentrallagern der Bundesländer. Nur fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung haben sich bis dato gegen die Schweinegrippe impfen lassen und es ist nicht anzunehmen, dass diese sich diese Zahl noch signifikant erhöhen wird. Warum auch? Schließlich haben sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums auch nur 15% der Ärzte impfen lassen – und die kommen berufsbedingt ständig mit Grippeinfizierten in Kontakt.

Der rationale Umgang mit dem adjuvantiengestärkten Zauberstoff Pandemrix droht nun jedoch für die Politik zu einem Desaster zu werden. In den Lagern der Länder stapeln sich bereits jetzt die Kartons mit dem Impfstoff und die Produktion bei Glaxo Smith Kline in Dresden läuft weiterhin auf vollen Touren. Schließlich haben die Länder und der Bund mit dem Pharmariesen einen Vertrag abgeschlossen, der die Abnahme von Impfrationen für die Hälfte der Bevölkerung vorsieht. Da man zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch davon ausgehen musste, dass zwei Impfungen pro Kopf nötig wären, stehen die Länder nun vor dem Problem, über 82 Millionen Impfdosen abnehmen und vor allem auch bezahlen zu müssen. Die Krankenkassen bezahlen nämlich nur die Impfdosen, die auch tatsächlich verabreicht wurden. Ende dieser Woche wollen die Länder nun in Verhandlungen mit Glaxo Smith Kline zumindest eine Halbierung der Abnahmemenge erreichen, da die klinischen Tests ja ergeben hätten, dass nur eine einzige Impfdosis pro Kopf ausreicht. Hier geht es immerhin um fast 300 Millionen Euro – wahrscheinlich werden sich die Gerichte noch mit diesem Fall beschäftigen. Auch wenn Glaxo Smith Kline den Ländern entgegenkommen sollte, stehen diese immer noch vor dem Problem, fast 90% der Materialkosten aus eigener Tasche zahlen zu müssen. Man kann nur hoffen, dass dieses Fiasko der Politik eine Lehre sein wird.

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

Als naheliegende Lösung käme nun ein Verkauf der überschüssigen Impfdosen in die Länder in Frage, die sich nicht Exklusivverträge mit den Pharmakonzernen erkauft haben. So steht der Bund denn auch bereits mit so zahlungskräftigen Staaten wie dem Kosovo, Moldawien, Mazedonien, Albanien, der Ukraine und der Mongolei in Verhandlung. Dass keiner dieser Staaten gewillt ist, den Lobbyistengedächtnispreis von sieben Euro pro Impfdosis zu zahlen, versteht sich von selbst. Der Markt für Schweinegrippeimpfstoffe zeichnet sich durch ein massives Überangebot aus, denn nicht nur die deutsche Politik ließ sich von der Pharmaindustrie ins Bockshorn jagen. Unser Nachbar Frankreich sitzt auf stolzen 70 Millionen Impfdosen, die nun zum freien Verkauf angeboten werden. Die großzügige Führung im Elysee-Palast hatte nämlich schwindelerregende 90 Millionen Dosen geordert, von denen sie nun maximal 20 Millionen benötigt. Dies ist aber kein Grund zur Schadenfreude – wenn die Länder sich in den Nachverhandlungen mit Glaxo Smith Kline nicht durchsetzen können, sitzen sie auch auf rund 70 Millionen Dosen Pandemrix, für die niemand Geld ausgeben will. Es ist daher wesentlich wahrscheinlicher, dass Deutschland den unbegehrten Impfstoff verschenken wird – wenn Staaten wie das Kosovo auch nur die Logistikkosten bezahlen würden, so wäre dies bereits ein Glücksfall.

Der frisch gebackene Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel verdankt der Schweinegrippe zumindest sein erstes Erscheinen in den Medien. Niebel will afrikanischen Staaten 13 Millionen Euro Entwicklungshilfe für deren Schweinegrippeimpfprogramme zur Verfügung stellen. Gerade so, als ob es in Afrika keine dringlicheren Probleme und keine gefährlicheren Krankheiten als die Schweinegrippe gäbe. Man könnte von dem Geld ganze Landstriche gegen Diphterie, Tetanus oder Keuchhusten impfen. Einem geschenkten Gaul schaut man aber nicht ins Maul – da kann man nur abwarten, wann Niebel endlich einen nationalen Hilfsplan zur Bekämpfung von Adipositas für Afrika südlich der Sahara aufstellt.

Danke, liebe Schweinegrippe!

Als erstes Zwischenfazit lässt sich feststellen, dass die Schweinegrippe tausende Menschenleben gerettet hat. Auch die Impfpanik, die von den üblich verdächtigen Verschwörungstheoretikern gesät wurde, hat sich als unbegründet herausgestellt. Die Schweinegrippe ist sogar ein Segen. Was auf den ersten Blick verwundert, lässt sich durch die geringen Mortalitätsziffern begründen. Die “normale” saisonale Grippe fordert hierzulande alljährlich zwischen 8.000 und 11.000 Todesopfer. Weltweit sind es zwischen 250.000 und 500.000. Die Basis dieser Zahlen ist jedoch problematisch, da die meisten Todesopfer nicht an der Grippe selbst, sondern an Sekundärkrankheiten sterben. Dies ist jedoch auch bei der Schweinegrippe nicht anders – nur dass die Opferzahlen wesentlich geringer sind. In Deutschland sollen bislang 132 Menschen der Schweinegrippe zum Opfer gefallen sein – und weltweit rund 20.000, wobei diese Zahl mit Vorsicht zu genießen ist, da die Hälfte aller Opfer aus den USA stammen, wo die Fallkriterien massiv aufgeweicht wurden. Die Schweinegrippe hat also eine wesentlich geringere Mortalität als die “normale” saisonale Grippe, und was für die Menschheit noch besser ist – sie ist derart omnipräsent, dass sie andere Subtypen der Grippe in diesem Jahr fast vollständig verdrängt hat. Wer im Winter 2009/2010 eine Grippe bekommt, bekommt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Schweinegrippe und darf sich über den meist milden Verlauf dieser Grippeform freuen.

Doch eine Besonderheit hat die Schweinegrippe – sie trifft nur sehr selten ältere Menschen, sondern eher Jugendliche. Im Median ist ein Schweinegrippeerkrankter in Deutschland gerade einmal 15 Jahre alt. Auch der Median beim schwereren Verlauf der Erkrankung liegt bei lediglich 16 Jahren. Die Rentner, die alljährlich von der normalen Grippe befallen werden, erfreuen sich hingegen bester Gesundheit, da sie oft sogar resistent gegen H1N1 sind. Für die Pharmaindustrie ist dies natürlich ein Glücksfall, da so ein ganz neuer Markt für die “normale” Grippeimpfung erschlossen wird, der bislang vornehmlich im Altersspektrum 65+ lag. Die Schweinegrippe wird nämlich nicht verschwinden und uns noch jahrelang erfreuen. Das Serum gegen die Schweinegrippe wird ab Herbst 2010 jedoch Bestandteil der normalen Grippeimpfung.

Apokalypse not now!


Im Mai 2009 befürchtete die WHO, dass binnen weniger Monate bis zu einem Drittel der Weltbevölkerung die Schweinegrippe bekommt und die Opferzahlen biblische Ausmaße annehmen würden. Nach dem Abklingen der ersten Grippewelle sieht die Zwischenbilanz jedoch ganz anders aus – noch nicht einmal jeder Hundertste hat sich infiziert und die Sterberate liegt im Mikrobereich. Doch bereits im Mai legten die Zahlen nahe, dass die Schweinegrippe einen eher milden Verlauf hat. Ihre Karriere verdankt die Schweinegrippe einer gewissen Margaret Chang, die als Vorsitzende der WHO gleich nach Bekanntwerden der ersten Opfer in Mexiko und den USA die Kriterien für die Pandemiewarnstufen der WHO änderte. Seit Mai letzten Jahres zählt nur noch die Virulenz, nicht aber die Mortalität einer Krankheit für die Pandemieeinstufung durch die WHO. So gesehen wäre jede Grippe eine Pandemie – wobei die meisten saisonalen Grippewellen deutlich gefährlicher wären, als die Schweinegrippe.

Was Frau Chang zu derlei hysterischem Übermut bewog, ist unklar. Vor ihrer Karriere bei der WHO ist Chang eher als dilettantische Abwieglerin in Erscheinung getreten. Als Gesundheitsdirektorin der Hong Konger Regierung hatte sie sowohl beim Ausbruch der Vogelgrippe, als auch beim Ausbruch von SARS geradezu episch versagt. In beiden Fälle waren es Experten der WHO, die den Ernst der Lage erkannten und Changs Behörde zu überlegten Maßnahmen nötigten. Nun hat sich Chang vom Saulus zum Paulus gewandelt und verspielt Woche für Woche ihre letzte Glaubwürdigkeit durch neuen Alarmismus, den schon längst niemand mehr hören will. Das ist mehr als problematisch, denn die gesamte Autorität der WHO basiert auf ihrer Glaubwürdigkeit. Was sollen die Regierungen nun tun, wenn im nächsten Jahr im chinesischen Hinterland die nächste Seuche ausgebrütet wird? Sollen sie der WHO glauben und wieder das Wohl und Wehe der Bevölkerung in einer Milliardenorder bei der Pharmaindustrie suchen oder sollen sie erst einmal abwarten? So lange, bis es vielleicht zu spät ist? Es ist an der Zeit, sich über eine Neuordnung der WHO ernsthafte Gedanken zu machen.

Jens Berger

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Morgen Kinder wird´s nichts geben

geschrieben am 23. Dezember 2009 von Spiegelfechter


Ein frohes Weihnachtsfest meinen lieben Lesern! Ich werde mir über die Feiertage ein wenig Ruhe gönnen. Außer mit vorab geschriebenen Artikeln für Telepolis wird der Spiegelfechter also vorraussichtlich erst wieder am 28. Dezember mit neuem Inhalt aufwarten können, um sich dann auch gleich in die Neujahrspause zu verabschieden. Nutzt die Zeit für eine besinnliche Pause vom Alltag, oder tobt Euch im Kommentarbereich der alten Artikel aus ;-)

Euer Spiegelfechter
Jens Berger

Und da ein Weihnachten ohne Gedicht kein Weihnachten ist, “schenke” ich Euch noch ein paar Strophen Erich Kästner:

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen -
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht -
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Erich Kästner

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Buchempfehlungen

geschrieben am 15. Dezember 2009 von Spiegelfechter

Weihnachten – das Fest der Liebe und des hemmungslosen Konsums – steht vor der Tür. Die Innenstädte gleichen einem Tollhaus, in dem unzählige uniformierte “Jack Wolfskins” ihr Seelenheil im käuflichen Erwerb von neuen Habseligkeiten suchen – Tand und Nippes für die Einen, Pretiosen und Galanteriewaren für die Anderen, abhängig vom Volumen des Geldbeutels und vom Geschmack des Schenkenden. Wer seine Lieben – und vielleicht auch seine nicht ganz so Lieben – in diesem Jahr einmal nicht mit den üblichen Krawatten, Socken, Duftwässerchen oder Alkoholika “überraschen”, sondern ausnahmsweise mal etwas Geistreiches verschenken will, sollte vielleicht zu einem guten alten Buch greifen. Buch? Ja, bedrucktes Papier zwischen zwei Deckeln aus Hartpappe. Genau das Richtige, um im Winter einmal der Schirrmacherschen-Hirnzermanschung zu entfliehen.

Für die Leser, die sich grundsätzlich zwar so ein anachronistisch wirkendes Geschenk vorstellen können, aber nicht so recht wissen, was da denn in Frage kommen könnte, hat der Spiegelfechter eine Liste mit Empfehlungen zusammengestellt. Ursprünglich sollten einige dieser Bücher hier im Blog noch vor dem Fest ausführlich vorgestellt werden, dafür reichte die Zeit aber nicht. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben – auch ich werde die Feiertage mit Muße verbringen und mich den noch zu lesenden Büchern widmen.

Ich zähle darauf, dass meine lieben Leser im Kommentarbereich auch ihre persönlichen Bücherempfehlungen abgeben, so dass für jeden Interessierten etwas dabei sein sollte.

Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes

Der Großmeister der geostrategischen Analyse hat wieder zugeschlagen. In seinem neuesten Buch blickt Peter Scholl-Latour auf den asiatisch-pazifischen Raum und prophezeit das baldige Ende von 500 Jahren europäischer Dominanz. Doch Peter Scholl-Latour wäre nicht Peter Scholl-Latour, wenn er es bei Allgemeinplätzen, wie dem Siegeszug der Globalisierung und dem wachsenden Einfluss Chinas in einer Periode des Abstiegs der USA, belassen würde. Scholl-Latour geht weiter und stellt die Universalität westlicher Ideale als Leitbild für die Welt in Frage. Demokratie, Menschenrechte und die Werte der Aufklärung werden in der neuen Ära relativierbare Begriffe sein.

Der Grandseigneur eckt mit diesem Buch in unserer ideologisch verbrämten Scheuklappenwelt wohltuend an, doch er provoziert nicht um der Provokation und der Auflage willen – Scholl-Latours Nekrolog auf den Eurozentrismus glänzt durch seine wache Beobachtungsgabe und messerscharfe Analysen. Wenn es ein Autor vermag, liebgewonnene Erklärungsmuster hinter sich zu lassen und die erzählerische Position eines neutralen Analytikers einzunehmen, dann ist es Scholl-Latour. Auch sprachlich kann dieses Buch überzeugen – alleine schon wegen der oft antiquiert wirkenden liebevollen Wortwahl, die den Leser in den wuchtigen Ohrensessel einer Akademie entführt.

Die Angst des weißen Mannes: Ein Abgesang ist im Propyläen-Verlag erschienen und kostet als 424seitige gebundene Ausgabe 24,90 Euro. Eine ausführliche Rezension des Buches folgt im Januar.

Heike Groos: Ein schöner Tag zum Sterben

Heike Groos war von 2003 bis 2008 mehrfach als Oberstabsärztin im Dienste der Bundeswehr in Afghanistan stationiert. Heute lebt sie in Neuseeland und will von ihrem Vaterland und dessen Krieg am Hindukusch am liebsten so weit wie nur irgendwie möglich entfernt sein. Schwer traumatisiert kämpfte sie anfangs gegen die Trauer, den Schmerz und die unbändige Wut an, die sich in ihr aufgestaut haben. Ihr Buch “Ein schöner Tag zum Sterben” ist nicht nur ein oft verzweifelt wirkender Blick auf ihre Erlebnisse, sondern auch ein Stück Selbstfindung. Nur wer seinem Schmerz ins Auge blickt, kann mit ihm leben.

Die Schilderungen von Heike Groos sind in ihrer ganzen Authentizität erschreckend und weit entfernt von einer politischen korrekten Wohlfühllektüre. Wenn sie ihren zeitweiligen Hass auf das afghanische Hilfspersonal im ISAF-Camp beschreibt, der in den Tagen nach einem Anschlag auf einen Bundeswehrbus in Kabul, bei dem vier ihrer Kameraden ums Leben kamen, in ihr hochkochte, so kann der Leser mit ihr fühlen. Wenn sie dann ihre eigenen Emotionen analysiert und zu dem Schluss kommt, dass Kriege genau so funktionieren, da ein Soldat mit Empathie in der kalten militärischen Logik kein guter Soldat sein kann, hat sie zweifelsohne recht. Diese Verrohung beim “gemeinen Landser” ist ein zentrales Motiv des Buches. Vom überzeugten Aufbauhelfer in Uniform zum Rambo in Flecktarn – fünf Jahre Afghanistan haben auch das Erscheinungsbild der Bundeswehr verändert. “Ein schöner Tag zum Sterben” begleitet diesen Transformationsprozess kritisch und erinnert den Leser auch an die deutschen Opfer, die nicht im Zinksarg oder im Lazarett-Airbus zurück in die Heimat geflogen wurden – über die unzähligen traumatisierten Veteranen spricht in diesem Lande nämlich kaum jemand.

Ein schöner Tag zum Sterben: Als Bundeswehrärztin in Afghanistan ist bei Krüger erschienen und kostet als 272seitige gebundene Ausgabe 18,95 Euro. Eine ausführliche Rezension des Buches folgt im Januar.

Ibrahim Evsan: Der Fixierungscode

Wer einen “Anti-Schirrmacher” sucht, ist bei Ibrahim Evsan bestens aufgehoben. Denn dort, wo der konservative Schöngeist Fragen aufwirft und Probleme erkennt, liefert der Web-Fachmann Evsan Antworten und Problemlösungen. Mit Schirrmachers “Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen” hat Evsans “Der Fixierungscode – Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen” eigentlich nur den sperrigen Untertitel gemein.

Hätte Frank Schirrmacher nur den “Fixierungscode” gelesen, bevor er zu Feder und Tinte griff. Ibrahim Evsan gibt sich nämlich redlich Mühe, den digitalen Kosmos Internet zu erklären, bevor er auf die zwangsläufigen Probleme zu sprechen kommt. Die Sucht nach dem Netz, die trügerische Heimeligkeit sozialer Netzwerke und vor allem die unfreiwillige Preisgabe vertraulicher und teilweise sogar intimer Details sind auch für Evsan Probleme. Probleme allerdings, denen man mit ein wenig Hintergrundwissen aus dem Weg gehen kann.

Dort, wo es möglich ist, zeigt Evsan Problemlösungen auf, vor den “Supermächten” im Internet muss allerdings auch der Fachmann kapitulieren. Die Macht von Goolge und Konsorten ist ein reales Problem des Netzes und wird selbst von Netzveteranen meist entweder negiert oder bagatellisiert. Als einzigen Ausweg aus der Umarmung der Krake sieht Evsan die digitale Selbstbestimmung der Netzbürger. Vor allem für Newbies und interessierte Laien ist dieses Buch eine gelungene Einführung in den digitalen Kosmos.

“Der Fixierungscode: Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen” ist im Zabert Sandmann-Verlag erschienen und kostet als 200seitiges Hardcover 16,95 Euro. Eine ausführliche Rezension des Buches folgt im Januar.

Albrecht Müller: Meinungsmache

Albrecht Müller ist zweifelsohne das Schwergewicht unter den politischen Bloggern. Seine Nachdenkseiten, die er zusammen mit Wolfgang Lieb betreibt, sind nicht nur das meistgelesene, sondern auch das wichtigste politische Blog im deutschen Sprachraum. Unermüdlich arbeiten Müller und Lieb an einer Gegenöffentlichkeit, die dem medialen Mainstream Kontra geben soll.

Nach seinen erfolgreichen Büchern “Die Reformlüge” und “Machtwahn” hat sich Müller in seinem jüngsten Werk an eine Analyse des Systems der Meinungsmache gewagt. Mit welchen Mitteln arbeiten die Kampagneros und welche medialen Kanäle nutzen sie? Welche Auswirkungen hat diese Meinungsmache im politischen Leben? Wie beeinflussen die Wünsche einer kleinen Elite unser alltägliches Leben?

Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Müller die Möglichkeiten der Meinungsmacher auf. Wer immer noch an die Mitbestimmung des Volkes im politischen Willensbildungsprozess glaubt, wird von Müller eines Besseren belehrt. Dieses Buch ist vor allem als Geschenk für überzeugte Demokraten und gläubige Zeitungsleser genau die richtige Wahl. Aber auch diejenigen, die sich immer schon gefragt haben, wie es so weit kommen konnte und was man dagegen unternehmen kann, sind bei Müller gut aufgehoben.

“Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen” ist im Droemer Verlag erschienen und kostet als 448seitige gebundene Ausgabe 19,95 Euro.

Jens Berger

Update: Empfehlungen der Spiegelfechter-Leser:

“Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere” von Günter Wallraff

Wehe dem Sieger: Ohne Osten kein Westen” von Daniela Dahn

“Die gefährdete Republik: Von Bonn nach Berlin 1949 – 1989 – 2009″ von Albrecht von Lucke

“Krieg ohne Fronten: Die USA in Vietnam” von Bernd Greine

“Ich erhebe meine Stimme: Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan” von Malalai Joya

“Was war die DDR wert?: Und wo ist dieser Wert geblieben?. Versuch einer Abschlußbilanz” von Siegfried Wenzel

“Die Welt ohne uns: Reise über eine unbevölkerte Erde” von Alan Weisman

“Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen: Zentrale Schriften zur Politik” von Noam Chomsky

“Das Paradies am Rande der Stadt” von Volker Strübing

“Der Hass auf den Westen: Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren” von Jean Ziegler

“Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen” von Jared Diamond

“Die blinden Flecken der Ökonomie: Wirtschaftstheorien in der Krise” von Bernd Senf

“Brandherd Pakistan: Wie der Terrorkrieg nach Deutschland kommt” von Christoph R. Hörstel

“Volksparteien ohne Volk: Das Versagen der Politik” von Hans Herbert von Arnim

“I wouldn’t start from here
The 21st Century and Where It All Went Wrong” von Andrew Mueller

“Hirn ist aus” von Urban Priol

“Wer’s glaubt, wird selig”von Dieter Nuhr

“Denken Sie selbst!” von Vince Ebert

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Open Thread im Dezember

geschrieben am 02. Dezember 2009 von Spiegelfechter

Das Jahr geht dem Ende zu und ich möchte eine alte Tradition wieder aufnehmen, die im letzten halben Jahr ein wenig eingeschlafen ist – den offenen Thread, in dem jeder seinen Senf zu Themen abgegeben darf, die nicht Gegenstand eines meiner Artikel sind. Doch der Open Thread ist nicht nur für die thematische Diskussion gedacht. Ich hoffe ja auch stets, dass Leser mich auf interessante Themen hinweisen – natürlich kann ich nicht garantieren, dass ich diese Themen auch aufgreifen kann. Aber auch in der Vergangenheit haben mich meine “Spürnasen” auf das eine oder andere wirklich interessante Thema gelenkt, das mir und den Lesern ansonsten verborgen geblieben wäre. Daher: Tipps in den Open Thread oder ganz einfach per Mail an mich – wenn ich nicht sofort antworte, nicht verzagen, ich habe mein Mailprogramm nun einmal hin und wieder abgeschaltet, um der Schirrmacherschen “Hirnzermanschung” zu entfliehen.

Empfehlungen:

Wer ihn noch nicht kennt, sollte unbedingt einmal vorbeischauen: Mein Freund und Lektor Frank hat seit ein paar Monaten sein eigenes Blog in die virtuelle Welt gestellt und bereits einige interessante Co-Autoren gewonnen. Der “Auto-Anthropophag” ist immer einen Besuch wert und besser als sein Name vermuten lässt ;-)

Von Frank, der von uns beiden der literarische Schöngeist ist, kommt auch eine weitere Empfehlung: Christians Blog glänzt täglich mit selbst geschriebenen Aphorismen und Sentenzen. Wer jenseits des Spiegelfechters der Freude an Sprache und Kritik nachgehen will, dem ist ein Besuch empfohlen.

Und da Weihnachten vor der Tür steht: Wer seine Lieben mit etwas wohl Duftenden überraschen will, der sollte mal beim Online-Shop von Susanne vorbeischauen. Sie will 3% der Einnahmen des alljährlichen Weihnachtskaufrausches der Kinderkrebshilfe spenden.

Fröhliches Diskutieren wünscht Euch Euer
Spiegelfechter Jens Berger

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In eigener Sache: Moderationsrichtlinien

geschrieben am 26. November 2009 von Spiegelfechter

Der Spiegelfechter ist kein Einwegmedium, sondern lebt von den Kommentaren seiner Leser – und das ist gut so. Die Kommentarfunktion ist ein elementarer Bestandteil jedes Blogs. Sie dient nicht nur mir als Korrektiv, sie dient vor allem auch den Lesern als Kommunikations- und Diskussionsplattform. Diese Möglichkeit wird auch rege angenommen und das Niveau der Diskussionen in diesem Blog ist meines Erachtens auch erfreulich hoch. Das ist kein Bonusfeature des Spiegelfechters, sondern ein zentrales Qualitätsmerkmal.

Um das Niveau der Diskussion zu halten, sind Moderationen unumgänglich. Nicht jeder Leser kommt in “guter Absicht” hier her und nicht jeder Leser hat ein Interesse daran, anderen Lesern ihre Diskussion zu gönnen. Neben Spamkommentaren, die heute dank technischer Hilfsmittel kaum noch eine Rolle spielen, sind es vor allem aggressive, beleidigende und wenig fundierte Kommentare, die moderiert werden müssen. Daraus ergibt sich natürlich ein Problem, da sich nicht jeder Kommentator darüber bewusst ist, dass sein Kommentar gegen diese Richtlinien verstößt. Hier Transparenz zu schaffen, ist allerdings nicht möglich, da es kein sinnvolles Moderationsmittel außer der Löschung gibt. Ein selektives Korrigieren der beanstandeten Passagen ist nicht nur arbeitsaufwendig, es löst auch einen ganzen Wust von Folgekommentaren aus. “Warum werde ich zensiert und nicht der der?”, “Hier werden nur politisch missliebige Kommentare zensiert”, “XYZ hat aber angefangen” und so weiter und so fort. Ich bin Blogger und kein Pädagoge, auf derartige Diskussionen lass ich mich im Blog nicht ein. Vor allem, da Trolle damit genau ihr Ziel erreicht haben – die Diskussion ist zerstört und es geht nur noch um sie. Das heißt allerdings nicht, dass ich die Diskussion scheue. Wer mich per Mail kontaktiert, wird von mir eine Erklärung bekommen, warum ich moderierend in seinen Kommentar eingegriffen habe.

Ein Standardreflex bei Autoren gelöschter Kommentare ist der Vorwurf der Zensur oder der Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Dieser Vorwurf geht ins Leere. Zensieren kann nur der Staat, ein Blogger kann per definitionem nicht zensieren. Er hat das Hausrecht und kann nach eigenem Gutdünken entscheiden, wer bei ihm was sagen darf und wer nicht. Von diesem Hausrecht mache ich allerdings nur in sehr seltenen Fällen Gebrauch. Nichts ist langweiliger, als mit seinen Diskussionspartnern immer einer Meinung zu sein. Daher schätze ich kritische Kommentare auf der Sachebene auch sehr und gehe meist auch ausführlich auf sie ein. Umso schlimmer finde ich es, wenn der Inhalt dieser Kommentare bei anderen Lesern Beißreflexe auslöst. Wenn jede Meinung und jedes Argument, das sich abseits des eigenen Meinungshorizontes bewegt, holzschnittartig mit Unterstellungen (“XYZ arbeitet für die INSM”, “wie viel Geld kriegst Du eigentlich für Deine Kommentare”) angefeindet wird, so entspricht dies nicht meinen Vorstellungen einer gesitteten Diskussion und auch derartige Kommentare werden kommentarlos gelöscht. Ansonsten würde das Blog schnell zu einer inzestuösen Veranstaltung, bei der jeder einer Meinung ist und man sich die Chance verbaut, von außen geistig befruchtet zu werden.

Ich vermeide es – aus gutem Grund –, Moderationsrichtlinien in Paragraphenform zu verfassen. So etwas mag in großen Foren mit verschiedenen Administratoren sinnvoll sein, für ein Einmannblog ist so etwas unnötig. Ich entscheide vielmehr nach dem Common Sense. Das Idealbild des Spiegelfechters ist das eines gepflegten Diskussionsclubs, in dem Jedermann und gerne auch –frau mitdiskutieren darf, solange er nicht die Regeln des Anstands verletzt oder die Diskussion mit rabulistischen Einwürfen stört. Die Anonymität des Netzes verleitet einige Zeitgenossen nun einmal dazu, sich daneben zu benehmen und hier muss dann der virtuelle Rausschmeißer eingreifen.

Die Pflege eines Blogs funktioniert nach der “Broken-Windows-Theorie”. Wenn die Atmosphäre gesittet und anspruchsvoll ist, benehmen sich auch unbequeme Zeitgenossen meist gesittet. Wenn allerdings die ersten Trolle im Blog ihre Duftmarken setzen, dauert es nicht lange, bis andere Trolle folgen. Dann ist es allerdings bereits zu spät, hier moderierend einzugreifen. Ist die Kommunikationsplattform erst einmal gekapert, wird man die Trolle nie wieder los – Heise und SPON können wohl ein Lied davon singen. Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, moderiere ich “präemptiv”, um das Trollproblem bereits zu beseitigen, bevor es erst richtig beginnt. Noch liegt die Zahl der moderierten Kommentare unter 2% und ich hoffe, dass dies auch so bleibt.

P.s.: In diesem Thread moderiere ich – aus gutem Grund – nicht, wer Probleme mit den Moderationsrichtlinien hat kann hier – aber auch nur hier! – seinen Dampf ablassen.

Jens Berger

 

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