geschrieben am
30. Januar 2009 von
Spiegelfechter
In einer Woche ist es soweit ? am Donnerstag, dem 5. Februar, wird der ?Freitag? in einem neuen Gewand erscheinen. Sowohl die Printausgabe als auch der Online-Bereich wurden optisch und konzeptionell komplett überarbeitet. Die letzte ?links-intellektuelle? Wochenzeitung – die trotz beständig hoher Qualität – aufgrund niedriger Auflagenzahlen schon mehrfach vor dem Aus stand, will als erste renommierte Zeitung ein interaktives Medium werden. Neben den ?klassischen? Hintergrundartikeln, Analysen und Kommentaren von Redaktion und Gastautoren soll im neuen ?Freitag? erstmals der Leser aktiv mitgestalten dürfen ? online und in der Printausgabe. Wenn das Experiment glücken sollte, wäre der ?Freitag? die erste Zeitung, die sich glaubwürdig von der Vorstellung trennt, Journalismus sei eine Einbahnstraße und der Leser sei nicht mehr als ein Konsument. Ein ambitioniertes Ziel ? ob es erreicht werden kann, hängt vor allem von den Lesern selbst ab.
Augsteins Traum
Als im April vergangenen Jahres durchsickerte, dass Jakob Augstein, Sohn des verstorbenen SPIEGEL-Herausgebers Rudolf Augstein, den altehrwürdigen ?Freitag? übernommen hat, war die Aufregung groß. Der ?Freitag? gilt als letzter Vorposten ?links-intellektuellen? Denkens in einer breiigen und beliebigen Medienlandschaft, die sich in ihrer politischen Linie nur noch in Nuancen unterscheidet. Von einer ?feindlichen Übernahme? war zunächst die Rede. Augstein wolle ? einem römischen Cäsaren gleich ? die letzte Bastion des Widerstands überrollen. Allerdings wurde bereits früh klar, dass Augstein die Ecken und Kanten des ?Freitag? nicht etwa abschleifen, sondern auf der Basis des meinungsstarken Blattes ein neues Leuchtfeuer in der Medienlandschaft entfachen will.
In der deutschen Presselandschaft gibt es eine übergroße Marktlücke. Kein größeres Blatt deckt linke Positionen ab ? mit Ausnahme der ?taz?, die allerdings in inniger Hassliebe mit den Grünen auch deren Marsch in die Mitte mitgegangen ist. Glaubt man einer Umfrage, die TNS-Emnid im letzten Jahr für die ZEIT durchgeführt hat, bezeichnen sich 34% aller Deutschen aber explizit als ?links?, darunter überproportional viele Akademiker. Auch ?Linke? lesen Zeitung und wollen ein Blatt haben, das sich nicht für Sozialabbau und Kürzungen der Einkommenssteuer stark macht, das nicht jubiliert, wenn Frau Dr. Merkel einmal wieder die Welt rettet, und das nicht jedes Gedankenspiel der SPD, mit den Linken zusammenzuarbeiten, für den Untergang des christlichen Abendlandes hält.
Diese Lücke soll der Freitag füllen ? er soll ein undogmatisches linkes Medium werden, das sich allerdings nicht in der Irrelevanz linker Grabenkämpfe verstricken soll, wie es im ?alten? Freitag hin und wieder vorkam. Augstein benutzt dafür die Metapher des Schiffes vor der Küste.
Freitag war manchmal ganz schön weit draußen. Jetzt kreuzt er wieder in Sichtweite der Küste. Die Küste, das ist in meiner Metapher der Mainstream. Wenn wir außer Sichtweite sind, um mal in meinem Bild zu bleiben, dann sind wir nicht mehr Teil der Gesellschaft. Dann sind wir so weit draußen, dass unsere Ansichten zur Gesellschaft irrelevant werden. Weil wir uns selber nicht mehr als zugehörig begreifen.
Ich glaube nicht, dass man auf dieser Grundlage guten Journalismus machen kann. Das ist meine Überzeugung. Wenn wir aber in Küstennähe (!) sind, sind wir Mainstream. Das dürfen wir nicht sein. Und wollen es auch nicht. Wir müssen Abstand haben zum Mainstream. Aber in Sichtweite sein, um noch verstehen zu können, was dieser Mainstream denkt. Warum er so handelt, wie er es tut. Und dann können wir dagegen anschreiben. Es müssen im Freitag weiterhin Positionen zu lesen sein, die anderswo nicht zu finden sind.
Jakob Augstein im Kommentarbereich von f!xmbr
Nukleus Onlinejournalismus
Der Journalismus durchlebt einen Paradigmenwechsel. Mit der Konkurrenz durch das Internet hat sich nicht nur das Medium, in dem die meisten Inhalte der großen Verlagshäuser gelesen werden, sondern auch der Anspruch vieler Leser geändert. Online ist nicht die Verlängerung von Print, um Inhalte zweitzuverwerten. Online bietet die Möglichkeit der Interaktivität. Der alte Printjournalist, der seinen Sermon aus den Parteien und Verbänden niederschreibt, hat auf einmal einen Rückkanal, aus dem ihm die Stimme des Volkes kalt ins Gesicht weht. Wer die gut versteckten und verkrüppelten Online-Kommentarsektionen der großen Zeitungen anschaut, weiß, dass man dort nicht verstanden hat, was Interaktivität ist. Die Süddeutsche schließt ihren Kommentarbereich nach Feierabend und am Wochenende, Spiegel, Focus, Stern und Co. machen aus dem Kommentarbereich ein Klickfestival, bei dem man sich mühsam durch die Kommentare arbeiten muss ? schließlich bringt jeder Klick Werbeeinnahmen. Wahrscheinlich wollen diese Medien aber auch gar nicht verstehen, was Interaktivität ist. Das Gros der Kommentare setzt sich nämlich kritisch mit den Artikeln auseinander und holt die Herren des Qualitätsjournalismus nur all zu gerne aus ihrem Elfenbeinturm. So viel Erdung ist nicht gefragt.
Redaktion und Nutzer verschmelzen
?Der Freitag? wagt nun das kühne Projekt, redaktionelle Inhalte und Leserkommentare zum eigentlichen Inhalt zu verschmelzen. Artikel können kommentiert werden – wie in den meisten Online-Zeitungen. Beim ?Freitag? wird dies allerdings eher wie in einem Blog vonstatten gehen. Unter dem Artikel werden die Kommentare gelistet, die auf zweiter Ebene auch selbst kommentiert werden können. Das besondere am Konzept des ?Freitag? ist es, dass ausgewählte Kommentare auch auf den redaktionellen Seiten, und sogar der Startseite erscheinen werden. Den Lesern, die in der ?Freitag-Community? ihr eigenes Profil erstellen können, wird ferner die Möglichkeit gegeben, innerhalb des Angebots des ?Freitag? ihre eigenen Blogs zu erstellen. Die Inhalte dieser Blogs stehen dann gleichberechtigt mit den redaktionellen Inhalten auf den Seiten des ?Freitag? und die Beiträge mit den besten Bewertungen werden sowohl auf der Startseite, als auch in der Printausgabe des ?Freitag? erscheinen ? gegen eine bescheidene Honorierung, versteht sich. So viel ?Online? hat noch keine Zeitung gewagt.
Im Internetangebot des ?Freitag? wird sich die Herkunft der Inhalte durch eine logisch erschließbare Farbkodierung bemerkbar machen. Content von Lesern wird durch rote Überschriften kenntlich gemacht, während redaktionelle Inhalte mit dunkelblauen Überschriften, und Inhalte des Syndikationspartners Guardian mit hellblauen Überschriften versehen werden. Ansonsten werden die unterschiedlichen Inhalte gleichwertig behandelt.
Auch konzeptionell ändert sich einiges beim ?Freitag? ? die Wochenzeitung wird online zur Tageszeitung. Täglich wird es zwar neue Inhalte geben, aber es soll nicht der Versuch unternommen werden, mit auf Aktualität ausgerichteten Medien zu konkurrieren. Nicht die schnelle Agenturmeldung, sondern die Analyse zu tagesaktuellen Themen soll im Vordergrund stehen. Dieses Konzept ist schlüssig ? die Redaktion des ?Freitag? wurde zwar im Rahmen der Neustrukturierung verdoppelt, was aber noch lange nicht ausreicht, um den Großen der Branche in den Disziplinen Aktualität und Frequenz Paroli zu bieten. Qualität statt Quantität soll im Mittelpunkt stehen. Als Faustpfand könnte sich dabei die Medienpartnerschaft mit dem britischen Guardian erweisen. Der Guardian gehört zweifelsohne zu den besten Zeitungen der Welt und verfügt dank des exzellenten Onlinebereichs mit seiner umfassenden Kommentarsektion über hochwertigen Content en masse. Im Rahmen der Partnerschaft wird der ?Freitag? jeden Tag drei bis acht ausgesuchte Artikel, Kommentare oder Analysen aus dem Angebot des Guardian ins Deutsche übertragen und auf seine Seiten stellen.

Risikofaktor ?User?
Das Konzept des neuen ?Freitag? ist schlüssig. Eine undogmatische linke Zeitung mit hochwertigen Inhalten, die den Nutzer aktiv mit einbezieht ? das hat was. Wer allerdings die Netzlebewesen kennt, weiß, dass dieser Plan nicht frei von Risiko ist. Interaktivität, Communities und ?User-Generated-Content? funktionieren nur, wenn die Anzahl der Nutzer eine kritische Masse übersteigt, und vor allem die Qualität der Nutzer mit der Qualität der Inhalte Schritt hält. Viele Leser dieses Blogs wissen es zu schätzen, dass in den Kommentaren meist auf hohem Niveau diskutiert wird. Gute Diskussionen kommen aber nur dann zustande, wenn die richtigen Diskutanten aufeinander treffen und dabei nicht von weniger freundlich gesinnten Netzbewohnern gestört werden. ?Der Freitag? ? der künftig übrigens tatsächlich nicht mehr ?Freitag?, sondern ?der Freitag? heißt ? wird aufgrund seiner Leserschaft sicher die ?richtigen? Diskutanten anziehen. Fraglich ist es allerdings, ob er die zu erwartende Flut von Trollen bewältigen kann. Internetforen, Blogs und Kommentarbereiche gehorchen auf gespenstische Art und Weise der ?Broken-Windows-Theorie?. Wo ein Troll ungestraft sein Häuflein machen darf, wird es kurze Zeit später von Trollen nur so wimmeln. ?Der Freitag? wird moderieren, will die Moderation aber auf ein nötiges Minimum beschränken. Warten wir ab, ob das Experiment glückt ? zu wünschen wäre es dem ?Freitag? und seinen Lesern.
Jens Berger
