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  • Offene Diskussion – März 09

    geschrieben am 03. März 2009 von Spiegelfechter

    Liebe Leser und Leserinnen,

    ab jetzt möchte ich Euch jeden Monat die Möglichkeit geben, innerhalb des Blogs frei zu diskutieren – eine Idee, die ich mir beim Moon of Alabama abgeschaut habe. In diesem “Open Thread” könnt ihr posten, was ihr wollt – Anregungen, Kritik, Themenvorschläge, Feedback, es gibt hier kein “Off-Topic”. Zugleich möchte ich monatlich die Chance nutzen, in eigener Sache zu sprechen.

    Einige Artikel der letzten Monate sind aufgrund von “sachdienlichen” Informationen von Lesern zustande gekommen. Dies ist eine feine Sache und ich möchte Euch daher bitten, Euch mit Ideen, Tipps und Hinweisen auch weiterhin an mich zu wenden. Natürlich kann ich nicht garantieren, dass ich jedes Thema auch aufgreifen kann, aber wenn das Thema gut ist und in das Blog passt, werde ich es sicher nicht links liegen lassen. Ihr könnt Eure Hinweise gerne per Mail an mich schicken.

    Zum Abschluss noch eine Bitte an alle mitlesenden Blogger: Die lieben Studenten an der Universität der Künste in Berlin benötigen für ein Studienprojekt noch ein paar Teilnehmer. Es geht dabei um politische Blogs. Alles, was ihr machen müsst, ist den Fragebogen auszufüllen.

    Viel Spaß beim Diskutieren, Euer Blogwart

    Jens Berger

    134 Kommentare
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    Merkel exkommuniziert Papst

    geschrieben am 05. Februar 2009 von Spiegelfechter

    ?Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner? so titelten in dieser Woche die deutschen Medien und dieses Thema, das eigentlich eher einen trockenen theologischen Grundsatzdiskurs behandelt, lässt sich sogar so schön ?aufsexen?, dass der SPIEGEL es in seiner, am Montag erscheinenden Ausgabe, zum Titelthema auserkoren hat ? ?Der Entrückte ? ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche?. Auch die Regentin konnte sich der Steilvorlage aus dem Vatikan nicht entziehen und forderte den Papst durch die Blume auf, seine innerkirchlichen Entscheidungen vor ihr zu rechtfertigen ? freilich nicht, ohne voher klarzustellen, dass sie sich in innerkirchliche Entscheidungen nicht einmischen wolle. Der Papst barfuß im Büßerhemd vorm Kanzleramt? Der SPIEGEL als Gradmesser für theologische Fragen? Das ist natürlich absurd – betrachtet man Ratzingers vermeintlichen Kardinalfehler unvoreingenommen, steht der bayerische Papst nämlich als dialogbereiter Kirchenfürst da und die kritischen Stimmen als Verfechter des Dogmatismus.

    Der merkelsche Bannstrahl

    Was ist eigentlich letzte Woche im Vatikan geschehen, das die Republik so entzürnt hat? Papst Benedikt der Viertelvorzwölfte hat die Exkommunikation von vier ?Bischöfen?, die 1988 von Johannes Paul II. vollzogen wurde, per Dekret rückgängig gemacht. Die vier ?Bischöfe? gehörten der ?Priesterbruderschaft St. Pius X? an. Diese traditionalistische, ?ultrakonservative? Glaubensgemeinschaft, die 1970 vom später exkommunizierten Erzbischof Lefebvre gegründet wurde, gilt für den Vatikan seit 1975 nicht mehr als Teil der katholischen Kirche. Die vier ?Bischöfe?, die von Lefebvre 1988 persönlich ihre Weihe erhielten, wurden daher auch nie von der katholischen Kirche als Bischöfe angesehen ? im Gegenteil, der Streit über Lefebvres eigenmächtige Bischofsweihe, die gegen den expliziten Willen des Papstes vorgenommen wurde, war Anlass der Exkommunikation Lefebvres und seiner vier ?Bischöfe?. Nach katholischer Lehre waren diese Personen bis letzte Woche noch nicht einmal Mitglieder der katholischen Kirche.

    Joseph Ratzinger war innerhalb der katholischen Kirche vor seiner Wahl zum Papst ein einflussreicher Kirchenrechtler und Vordenker in Glaubensfragen. Als wichtigstes Ziel für seine Zeit als Papst nannte Ratzinger immer wieder die Zusammenführung der katholischen Kirche ? also die Rücknahme von Schismen. Unter dieser Prämisse ist die Rücknahme der Exkommunikation der ?Pius-Bischöfe? nur logisch ? eröffnet doch nur sie den Beginn eines Dialoges zur Überwindung des Schismas und die Rückführung der Pius-Bruderschaft in die katholische Kirche. Seine Ex-Exkommunikation stellt daher auch keine ?Rehabilitierung? der Bischöfe dar. Die vier Pius-Bischöfe waren nie Bischöfe der Kurie. Der umstrittene ?Bischof? Williamson wurde von Lefebvre nicht nur zum Bischof geweiht, sondern erhielt von ihm persönlich auch 1976 die Priesterweihe. Da Lefebvre allerdings seit dem Ausschluss der ?Pius-Brüder? aus der katholischen Kirche keine Priester weihen konnte, die von dieser auch als solche anerkannt worden wären, war auch Williamson nie ein katholischer Priester. Bis zu seiner Exkommunikation im Jahre 1988 durfte er ? nach Lehrmeinung des Vatikan ? nur Laientätigkeiten vornehmen. Mit der Widerrufung der Exkommunikation wurden Williamson und seine drei Kollegen daher auch nicht als ?Bischof? rehabilitiert. Fortan gelten sie als ?normale? Katholiken ohne jegliche Legitimation, kirchliche Aufgaben wahrzunehmen, die über das Laienamt hinausgehen.

    Die Causa Williamson

    Ratzingers Entscheidung ist eigentlich eine innerkirchliche, die niemand wahrgenommen hätte, wäre da nicht die Personalie ?Williamson?. Richard Williamson ist nicht nur ein ultrakonservativer Christ ? er kann getrost auch als schwer verwirrt gelten. Der Mann, der auch unter dem selbstironischen Namen ?Dinoscopus? (auf Deutsch bedeutet dies frei übersetzt ?Weltbild eines Dinosauriers?) bloggt, ist sich für keine Dummheit zu schade. Nicht nur, dass er die Meinung vertritt, Frauen sollten nicht studieren und keine Hosen tragen ? ein Vorwurf, der die Regentin bis ins Mark ihres Hosenanzugs trifft, er vertritt auch so ziemlich jede Verschwörungstheorie, die die Welt zu bieten hat. Egal ob es sich um 9/11, das Kennedy-Attentat oder Verstrickungen der Freimaurer beim Tod von Papst Johannes Paul I. handelt ? Williamson ist beim munteren Spekulieren dabei, und Schuld ist immer ?der Jude?, der ? so wollen es Williamson und die ?Pius-Brüder? ? auch die Schuld am Tode Christi trägt und daher der ?Feind des Christentums? ist.

    Williamson hält demzufolge auch die ?Protokolle der Weisen von Zion? für authentisch und leugnete mehrfach den Holocaust. Klar, dass so viel ?Mut die Wahrheit auszusprechen? (sic!) in den düsteren Ecken des Internet Beifall findet. Williamson ist zweifelsohne ein Idiot und ein waschechter Antisemit ? keine Frage. Aber nirgends steht geschrieben, dass Idioten keine Christen sein dürfen. Bloße Idiotie ist daher auch kein Grund für eine Exkommunikation. Wer die Rücknahme der Exkommunikation Williamsons als solche kritisiert, fordert daher im Umkehrschluss, dass Idioten und Antisemiten exkommuniziert werden sollten. Das ist einerseits abstrus, andererseits eine Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten.

    Ratzingers Kardinalfehler

    Da Ratzinger und der mit der Aufgabe betraute Kardinal Hoyos keine Anfänger auf dem Gebiet ?Pius-Brüder? sind ? beide wurden im Laufe ihrer Karriere mehrfach direkt mit dieser Causa betraut ?, ist es offensichtlich, dass sie auch die Personalie ?Williamson? in allen Details kannten. Die Rücknahme der Exkommunikation ohne gleichzeitige Distanzierung von Williamsons Äußerungen war daher auch eine schwere Kommunikationspanne. Wer berät eigentlich den Vatikan in PR-Angelegenheiten? Der Umstand, dass Ratzinger ? gelinde gesagt ? unglücklich agierte, ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Rücknahme der Exkommunikation ein Akt der Dialogbereitschaft war. So kritikwürdig auch die Positionen Williamsons und der Pius-Brüder sind, – die sich übrigens neuerdings von Williamson distanzieren, da dessen extrem ausgeprägter Antisemitismus ihren stark ausgeprägten Antisemitismus zu sehr ins Rampenlicht rückt -, wenn man nicht einmal mit ihnen spricht, wird man nichts an ihnen ändern können.

    Exkommuniziert die Idioten

    War es nicht Jesus, der gesagt hat, dass man seine Feinde lieben soll? War es nicht Jesus, der im Gleichnis vom verlorenen Sohn fordert, dass man auch einen reuigen Sünder wieder in die Familie aufnehmen soll? Der Papst handelt nach der Maxime, Brücken zu bauen und auf ?Andersgläubige? zuzugehen. Die ?Pius-Brüder? sind Andersgläubige, und woher nehmen SPIEGEL und Kanzlerin die Chuzpe, richten zu wollen, mit welchen Andersgläubigen der Papst sprechen darf und mit welchen nicht?

    In Deutschland gibt es den Paragrafen 130 des Strafgesetzbuches, der die Holocaust-Leugnung unter Strafe stellt. Man kann sich trefflich darüber streiten, warum die Meinungsfreiheit nicht auch für Idioten gilt, aber letztendlich ist dies eine Frage weltlicher Gerichtsbarkeit. Kirche und Staat sind in Deutschland gemäß der Verfassung getrennt. Wenn deutsche Politiker die Rücknahme einer Exkommunikation kritisieren, die aus innerkirchlichen Beweggründen heraus ausgesprochen wurde, fordern sie im Umkehrschluss die Exkommunikation für Idioten. Das ist nicht nur Dogmatismus in Reinkultur, damit werden auch die Grenzen von weltlicher und kirchlicher Gerichtsbarkeit überschritten. Und die Bibel kann das deutsche Parlament auch mit Zweidrittelmehrheit nicht ändern.

    Jens Berger

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    Hitler – off the records

    geschrieben am 31. Januar 2009 von Spiegelfechter

    Es gibt tausende von Rundfunk- und Filmaufnahmen von Adolf Hitler. Wenn man diese Dokumente heute betrachtet, fragt man sich unweigerlich, was vor nunmehr fast 80 Jahren große Teile des deutschen Volkes bewogen hat, diesen hysterischen Schreihals für den Heiland des deutschen Volkes zu halten. Seine schnarrend aggressive Rhetorik, gepaart mit einer überzogen pathetischen Mimik und Gestik, wirken heute eher wie eine groteske Parodie. Hitler wurde inszeniert und hat sich selbst inszeniert. Private Filmaufnahmen sind rar und bis vor kurzem war kein einziges Tondokument bekannt, das Adolf Hitler abseits der Inszenierung zeigt. Dies hat unter anderem zur Folge, dass in den heutigen Köpfen dieses inszenierte Hitler-Bild spukt ? ein kleiner Hans-Wurst mit schnarrender, sich überschlagender Stimme.

    Ein Leser schickte mir gestern ein Tondokument, auf dem Hitler ?off the records? spricht. Ein einmaliges Zeitdokument, das ich meinen Lesern nicht vorenthalten will. Die Aufnahme entstand am 6. Juni 1942 im finnisch-sowjetischen Grenzgebiet. Hitler, dessen Russlandfeldzug zu diesem Zeitpunkt noch erfolgreich schien, wollte seinem finnischen Verbündeten Carl Gustaf Mannerheim einen spontanen Besuch zu dessen 75. Geburtstag abstatten und ihn zu einem verstärkten Einsatz der finnischen Truppen im Krieg gegen die Sowjetunion bewegen. Mannerheim, dessen Bündnis mit Deutschland im eigenen Lande nicht unumstritten war, wollte dieses Treffen tief hängen, um nicht den Eindruck zu erwecken, es handele sich um einen offiziellen Staatsbesuch. Finnland und Deutschland waren zwar Waffenbrüder im Krieg gegen die Sowjetunion, aber es wurde nie ein formelles Bündnis geschlossen. Daher wurde auch kein Treffen in Helsinki oder dem Hauptquartier der finnischen Armee in Mikkeli abgehalten. Stattdessen wählte Mannerheim einen Speisewagen in der Nähe des Flugplatzes Immola in Südost-Finnland. Eine Stunde lang unterhielten sich Hitler, Mannerheim und der finnische Ministerpräsident Risto Ryti informell im Speisewagen. Ein finnischer Radiotechniker hatte damals heimlich Teile des Gesprächs aufgezeichnet. Dieses Tondokument, das vor vier Jahren vom finnischen Radiosender YLE in den Archiven entdeckt wurde, ist das einzig bekannte Tondokument, das Hitler in einem vertraulichen Gespräch, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, wiedergibt.

    Teil 1: Hitlers Geburtstagsrede zu Ehren Mannerheims
    [audio:http://www.spiegelfechter.com/wordpress/audio/hitler_mannerheim_1.mp3|titles=Gespräch Hitler-Mannerheim am 6. Juni 1942 - Teil 1]

    Teil 2: Ein Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Hitler und Mannerheim
    [audio:http://www.spiegelfechter.com/wordpress/audio/hitler_mannerheim_2.mp3|titles=Gespräch Hitler-Mannerheim am 6. Juni 1942 - Teil 2]

    Aus historischer Perspektive ist der Gehalt dieses Tondokumentes nicht sonderlich ergiebig. Hitler schwadroniert über seine Erfolge im Krieg gegen die Sowjetunion, macht dabei einen siegessicheren Eindruck und antichambriert bei seinen finnischen Verbündeten. Er erwähnt allerdings die Schwäche der deutschen Armee im Winterkrieg und spricht von ?Schönwetterwaffen? ? dieses Urteil ist zwar durch Zeitgenossen Hitlers belegt, aber direkt aus seinem Munde kannte man es noch nicht. Historisch interessant ist auch Hitlers Bemerkung, dass die Sowjetunion im Falle eines Überfalls auf Rumänien im Jahre 1940 die deutsche Kriegsmaschine lahmgelegt hätte, womit der Krieg für Deutschland verloren gewesen wäre.

    Historisch interessant ist allerdings die Art des Tondokumentes. Im zweiten Teil des Gespräches plaudert Hitler vertraulich mit Mannerheim. Hitler im Plauderton, das kannte man bislang noch nicht. Seine Stimme ist kontrolliert und eher leise im Ton – ein Mann, der sich selbst offensichtlich gerne reden hört und keine Zweifel an sich selbst und seinen Taten hegt. Das ist zwar keineswegs neu ? Zeitzeugen berichteten ausführlich über Hitler ?off the records?. Die Besonderheit an diesem kaum bekannten Tondokument ist vielmehr, dass man sich selbst einen Eindruck machen kann.

    Eine ? unbestätigte ? Anekdote am Rande: Während des Gesprächs soll sich Mannerheim eine Zigarre angezündet haben. Es war ihm hinlänglich bekannt, dass Hitler normalerweise geradezu allergisch auf Tabakrauch in seiner Umgebung reagierte. Mannerheim testete Hitler ? hätte dieser ihn aufgefordert, die Zigarre auszumachen, wäre Hitler aus einer Position der Stärke heraus bei ihm erschienen und Mannerheim hätte seine Bitte nach einem gesteigerten militärischen Engagement kaum ausschlagen können. Hitler ließ Mannerheim allerdings weiterrauchen, er kam aus einer Position der Schwäche. Mannerheim verweigerte ihm die Hilfe.

    Jens Berger

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    ?Der Freitag? – auf zu neuen Ufern

    geschrieben am 30. Januar 2009 von Spiegelfechter

    In einer Woche ist es soweit ? am Donnerstag, dem 5. Februar, wird der ?Freitag? in einem neuen Gewand erscheinen. Sowohl die Printausgabe als auch der Online-Bereich wurden optisch und konzeptionell komplett überarbeitet. Die letzte ?links-intellektuelle? Wochenzeitung – die trotz beständig hoher Qualität – aufgrund niedriger Auflagenzahlen schon mehrfach vor dem Aus stand, will als erste renommierte Zeitung ein interaktives Medium werden. Neben den ?klassischen? Hintergrundartikeln, Analysen und Kommentaren von Redaktion und Gastautoren soll im neuen ?Freitag? erstmals der Leser aktiv mitgestalten dürfen ? online und in der Printausgabe. Wenn das Experiment glücken sollte, wäre der ?Freitag? die erste Zeitung, die sich glaubwürdig von der Vorstellung trennt, Journalismus sei eine Einbahnstraße und der Leser sei nicht mehr als ein Konsument. Ein ambitioniertes Ziel ? ob es erreicht werden kann, hängt vor allem von den Lesern selbst ab.

    Augsteins Traum

    Als im April vergangenen Jahres durchsickerte, dass Jakob Augstein, Sohn des verstorbenen SPIEGEL-Herausgebers Rudolf Augstein, den altehrwürdigen ?Freitag? übernommen hat, war die Aufregung groß. Der ?Freitag? gilt als letzter Vorposten ?links-intellektuellen? Denkens in einer breiigen und beliebigen Medienlandschaft, die sich in ihrer politischen Linie nur noch in Nuancen unterscheidet. Von einer ?feindlichen Übernahme? war zunächst die Rede. Augstein wolle ? einem römischen Cäsaren gleich ? die letzte Bastion des Widerstands überrollen. Allerdings wurde bereits früh klar, dass Augstein die Ecken und Kanten des ?Freitag? nicht etwa abschleifen, sondern auf der Basis des meinungsstarken Blattes ein neues Leuchtfeuer in der Medienlandschaft entfachen will.

    In der deutschen Presselandschaft gibt es eine übergroße Marktlücke. Kein größeres Blatt deckt linke Positionen ab ? mit Ausnahme der ?taz?, die allerdings in inniger Hassliebe mit den Grünen auch deren Marsch in die Mitte mitgegangen ist. Glaubt man einer Umfrage, die TNS-Emnid im letzten Jahr für die ZEIT durchgeführt hat, bezeichnen sich 34% aller Deutschen aber explizit als ?links?, darunter überproportional viele Akademiker. Auch ?Linke? lesen Zeitung und wollen ein Blatt haben, das sich nicht für Sozialabbau und Kürzungen der Einkommenssteuer stark macht, das nicht jubiliert, wenn Frau Dr. Merkel einmal wieder die Welt rettet, und das nicht jedes Gedankenspiel der SPD, mit den Linken zusammenzuarbeiten, für den Untergang des christlichen Abendlandes hält.

    Diese Lücke soll der Freitag füllen ? er soll ein undogmatisches linkes Medium werden, das sich allerdings nicht in der Irrelevanz linker Grabenkämpfe verstricken soll, wie es im ?alten? Freitag hin und wieder vorkam. Augstein benutzt dafür die Metapher des Schiffes vor der Küste.

    Freitag war manchmal ganz schön weit draußen. Jetzt kreuzt er wieder in Sichtweite der Küste. Die Küste, das ist in meiner Metapher der Mainstream. Wenn wir außer Sichtweite sind, um mal in meinem Bild zu bleiben, dann sind wir nicht mehr Teil der Gesellschaft. Dann sind wir so weit draußen, dass unsere Ansichten zur Gesellschaft irrelevant werden. Weil wir uns selber nicht mehr als zugehörig begreifen.

    Ich glaube nicht, dass man auf dieser Grundlage guten Journalismus machen kann. Das ist meine Überzeugung. Wenn wir aber in Küstennähe (!) sind, sind wir Mainstream. Das dürfen wir nicht sein. Und wollen es auch nicht. Wir müssen Abstand haben zum Mainstream. Aber in Sichtweite sein, um noch verstehen zu können, was dieser Mainstream denkt. Warum er so handelt, wie er es tut. Und dann können wir dagegen anschreiben. Es müssen im Freitag weiterhin Positionen zu lesen sein, die anderswo nicht zu finden sind.

    Jakob Augstein im Kommentarbereich von f!xmbr

    Nukleus Onlinejournalismus

    Der Journalismus durchlebt einen Paradigmenwechsel. Mit der Konkurrenz durch das Internet hat sich nicht nur das Medium, in dem die meisten Inhalte der großen Verlagshäuser gelesen werden, sondern auch der Anspruch vieler Leser geändert. Online ist nicht die Verlängerung von Print, um Inhalte zweitzuverwerten. Online bietet die Möglichkeit der Interaktivität. Der alte Printjournalist, der seinen Sermon aus den Parteien und Verbänden niederschreibt, hat auf einmal einen Rückkanal, aus dem ihm die Stimme des Volkes kalt ins Gesicht weht. Wer die gut versteckten und verkrüppelten Online-Kommentarsektionen der großen Zeitungen anschaut, weiß, dass man dort nicht verstanden hat, was Interaktivität ist. Die Süddeutsche schließt ihren Kommentarbereich nach Feierabend und am Wochenende, Spiegel, Focus, Stern und Co. machen aus dem Kommentarbereich ein Klickfestival, bei dem man sich mühsam durch die Kommentare arbeiten muss ? schließlich bringt jeder Klick Werbeeinnahmen. Wahrscheinlich wollen diese Medien aber auch gar nicht verstehen, was Interaktivität ist. Das Gros der Kommentare setzt sich nämlich kritisch mit den Artikeln auseinander und holt die Herren des Qualitätsjournalismus nur all zu gerne aus ihrem Elfenbeinturm. So viel Erdung ist nicht gefragt.

    Redaktion und Nutzer verschmelzen

    ?Der Freitag? wagt nun das kühne Projekt, redaktionelle Inhalte und Leserkommentare zum eigentlichen Inhalt zu verschmelzen. Artikel können kommentiert werden – wie in den meisten Online-Zeitungen. Beim ?Freitag? wird dies allerdings eher wie in einem Blog vonstatten gehen. Unter dem Artikel werden die Kommentare gelistet, die auf zweiter Ebene auch selbst kommentiert werden können. Das besondere am Konzept des ?Freitag? ist es, dass ausgewählte Kommentare auch auf den redaktionellen Seiten, und sogar der Startseite erscheinen werden. Den Lesern, die in der ?Freitag-Community? ihr eigenes Profil erstellen können, wird ferner die Möglichkeit gegeben, innerhalb des Angebots des ?Freitag? ihre eigenen Blogs zu erstellen. Die Inhalte dieser Blogs stehen dann gleichberechtigt mit den redaktionellen Inhalten auf den Seiten des ?Freitag? und die Beiträge mit den besten Bewertungen werden sowohl auf der Startseite, als auch in der Printausgabe des ?Freitag? erscheinen ? gegen eine bescheidene Honorierung, versteht sich. So viel ?Online? hat noch keine Zeitung gewagt.

    Im Internetangebot des ?Freitag? wird sich die Herkunft der Inhalte durch eine logisch erschließbare Farbkodierung bemerkbar machen. Content von Lesern wird durch rote Überschriften kenntlich gemacht, während redaktionelle Inhalte mit dunkelblauen Überschriften, und Inhalte des Syndikationspartners Guardian mit hellblauen Überschriften versehen werden. Ansonsten werden die unterschiedlichen Inhalte gleichwertig behandelt.

    Auch konzeptionell ändert sich einiges beim ?Freitag? ? die Wochenzeitung wird online zur Tageszeitung. Täglich wird es zwar neue Inhalte geben, aber es soll nicht der Versuch unternommen werden, mit auf Aktualität ausgerichteten Medien zu konkurrieren. Nicht die schnelle Agenturmeldung, sondern die Analyse zu tagesaktuellen Themen soll im Vordergrund stehen. Dieses Konzept ist schlüssig ? die Redaktion des ?Freitag? wurde zwar im Rahmen der Neustrukturierung verdoppelt, was aber noch lange nicht ausreicht, um den Großen der Branche in den Disziplinen Aktualität und Frequenz Paroli zu bieten. Qualität statt Quantität soll im Mittelpunkt stehen. Als Faustpfand könnte sich dabei die Medienpartnerschaft mit dem britischen Guardian erweisen. Der Guardian gehört zweifelsohne zu den besten Zeitungen der Welt und verfügt dank des exzellenten Onlinebereichs mit seiner umfassenden Kommentarsektion über hochwertigen Content en masse. Im Rahmen der Partnerschaft wird der ?Freitag? jeden Tag drei bis acht ausgesuchte Artikel, Kommentare oder Analysen aus dem Angebot des Guardian ins Deutsche übertragen und auf seine Seiten stellen.

    Risikofaktor ?User?

    Das Konzept des neuen ?Freitag? ist schlüssig. Eine undogmatische linke Zeitung mit hochwertigen Inhalten, die den Nutzer aktiv mit einbezieht ? das hat was. Wer allerdings die Netzlebewesen kennt, weiß, dass dieser Plan nicht frei von Risiko ist. Interaktivität, Communities und ?User-Generated-Content? funktionieren nur, wenn die Anzahl der Nutzer eine kritische Masse übersteigt, und vor allem die Qualität der Nutzer mit der Qualität der Inhalte Schritt hält. Viele Leser dieses Blogs wissen es zu schätzen, dass in den Kommentaren meist auf hohem Niveau diskutiert wird. Gute Diskussionen kommen aber nur dann zustande, wenn die richtigen Diskutanten aufeinander treffen und dabei nicht von weniger freundlich gesinnten Netzbewohnern gestört werden. ?Der Freitag? ? der künftig übrigens tatsächlich nicht mehr ?Freitag?, sondern ?der Freitag? heißt ? wird aufgrund seiner Leserschaft sicher die ?richtigen? Diskutanten anziehen. Fraglich ist es allerdings, ob er die zu erwartende Flut von Trollen bewältigen kann. Internetforen, Blogs und Kommentarbereiche gehorchen auf gespenstische Art und Weise der ?Broken-Windows-Theorie?. Wo ein Troll ungestraft sein Häuflein machen darf, wird es kurze Zeit später von Trollen nur so wimmeln. ?Der Freitag? wird moderieren, will die Moderation aber auf ein nötiges Minimum beschränken. Warten wir ab, ob das Experiment glückt ? zu wünschen wäre es dem ?Freitag? und seinen Lesern.

    Jens Berger

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    50 Kommentare
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    Die Wahrheit? über Obama

    geschrieben am 29. Januar 2009 von Spiegelfechter

    no comment ;-)

    19 Kommentare
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