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07. September 2009 von Spiegelfechter
Krieg ist nie sauber, Angriffe sind nie chirurgisch genau, Zivilisten sind immer unter den Opfern ? im Kriege gilt Kriegsgebrauch, c´est la guerre. Ein Zwischenfall, bei dem am Freitag dutzende Afghanen Opfer eines Luftangriffs wurden, wird nun zum Politikum. Die zwei lasergesteuerten Bomben trafen nicht nur eine kleine Sandbank im Kundus, sondern platzten auch mitten in die heiße Phase des Wahlkampfs. Franz Josef Jung geht der derweil bei der Verteidigung seiner Männer in die Frontaloffensive und gibt den Rumsfeld. Die Bundeswehr wiederum zeigt wenig Reue und Einsicht, ist dafür aber tödlich beleidigt, dass die Amerikaner nicht nur Transparenz einfordern, sondern sie auch noch umsetzen. Es ist natürlich löblich, dass die Amerikaner versuchen, den Schleier des Schweigens zu lüften. Warum keilen sie aber so offen gegen den Bündnispartner aus und nehmen noch nicht einmal Rücksicht auf den Wahlkampf?
Am Donnerstagabend zwischen 21.00 und 22.00 Uhr entführten Kombattanten der Taliban an einem fingierten Checkpoint auf der Schnellstrasse zwischen Kundus und der tadschikischen Grenze zwei Tanklastzüge. Vermutlich waren die Tanklastzüge in Tadschikistan beladen worden und sollten den Treibstoff bei einem Stützpunkt der ISAF abliefern. An dem Überfall waren – Bundeswehrangaben zufolge – rund 60 Kämpfer der Taliban beteiligt, drei der vier LKW-Fahrer kamen bei dem Überfall ums Leben. Die Bundeswehr erfuhr kurze Zeit später von dem Überfall und bat auch die verbündeten Lufteinheiten, nach den Tanklastzügen Ausschau zu halten. Über zwei Stunden später wird ein B1-Bomber der US-Airforce die beiden Tanklastzüge 13 Meilen südlich von Kunduz entdecken.
Tanklastzüge können auch als rollende Bomben eingesetzt werden, wie erst jüngst ein Vorfall in Kandahar unter Beweis stellte. Aber natürlich werden Tanklastzüge, die in Afghanistan vor allem im Süden des Landes in erschreckender Regelmäßigkeit entführt werden, meist nicht als Bombe, sondern als Beutegut verwendet. Entscheidend bei der Frage, ob eine konkrete Bedrohungslage durch die Tanklastzüge vorlag, ist daher auch der Kurs, den die Entführer genommen haben. Da die Lastzüge in einer Furt des Flusses Kundus aufgefunden wurden, der westlich vom Tatort liegt, ist davon auszugehen, dass die Taliban in den westlich gelegenen Distrikt Chahar Darah fliehen wollten. Dies bestätigen auch Quellen aus dem NATO-Untersuchungsteam. Daraus lässt sich jedoch schließen, dass keine unmittelbare Bedrohung für das Feldlager der Bundeswehr oder die Stadt Kundus bestand, die beide auf der Ostseite des Flusses liegen.
Nach der Sichtung der Tanklastzüge, die bei der Überquerung des Kundus offenbar ? je nach Quelle – auf einer Sandbank oder einer kleinen Insel steckenblieben, forderte der zuständige deutsche Oberst Georg Klein die Luftunterstützung der Amerikaner an. Diese Entscheidung wirkt zumindest merkwürdig. Warum konnten NATO-Truppen oder Soldaten der afghanischen Armee die Taliban nicht am Boden stellen? Da keine unmittelbare Gefährdung von Tanklastzügen ausgeht, die sich nicht einmal aus eigener Kraft bewegen können, hätte ein Bodeneinsatz der ISAF-Direktive entsprochen, nach der ?Kollateralschäden? bei der Zivilbevölkerung unter allen Umständen zu vermeiden sind. Die ?German Angst? und die ewigen Beschwichtigungen der Offiziellen, es handele sich um keinen Kriegseinsatz, ist vielleicht Ursache für die Entscheidung Kleins, die Drecksarbeit lieber den Amerikanern zu überlassen und deutsche Soldaten nicht mit dem Einsatz in Verbindung zu bringen. Dies ist allerdings gründlich gescheitert.
Zwanzig Minuten nach der Sichtung der Tanklastzüge trafen zwei Kampfjets vom Typ F-15 ?Strike Eagle? im Luftraum über den Zielen ein. Die Videoaufzeichnungen, die live in die deutsche Kommandozentrale übertragen wurden, zeigten neben den feststeckenden LKWs dutzende kleiner Punkte ? Menschen, aber handelte es sich um bewaffnete Kombattanten oder um Zivilisten? Es ist unklar, wie lange die Tanklastzüge schon feststeckten, aber das Vorhandensein von Traktoren, die versucht hatten, die schweren Gefährte aus dem Schlamm zu ziehen, weist darauf hin, dass mindestens eine Stunde vergangen sein musste, bevor die Kampfjets vor Ort eintrafen. Oberst Klein verließ sich ? amerikanischen Angaben zufolge ? auf einen einzigen afghanischen Informanten, der den Deutschen versicherte, es handele sich bei den ?dutzenden Punkten? ausschließlich um Kombattanten der Taliban. Klein zögerte nicht und befahl die Bombardierung ? wenigstens konnte er die Piloten davon abhalten, Bomben mit einer Sprenglast von 2000 Pfund abzuwerfen, die noch mehr Todesopfer gefordert hätten. Klein wählte die 500 Pfund-Variante in doppelter Ausführung ? für jeden Tanklastzug eine Bombe. Der infernalische Feuerball vernichtete die Tanklastzüge und brachte die ?dutzenden Punkte? zum Erlöschen.
Was der Bundeswehr offensichtlich nicht bekannt war, war der Umstand, dass die Taliban mit den Lastzügen keinesfalls mehr alleine waren. Zeugenaussagen legen folgende Variante nahe: Als die Taliban merkten, dass sie die Tanklastzüge nicht ohne Hilfe aus dem Fluss bekommen, fragten sie in den benachbarten Dörfern um Hilfe nach ? dabei gingen sie offensichtlich teilweise auch mit Gewalt vor. Aber auch mit Hilfe von Zivilisten und Traktoren konnten sie die festgefahrenen Gefährte nicht aus dem Flussbett bekommen. Daraufhin riefen die Taliban in ?befreundeten? ? also paschtunisch dominierten ? Dörfern an und gaben die Ladung zum Plündern frei. Zum Zeitpunkt des Bombeneinschlags waren daher nicht nur Kombattanten, sondern auch Zivilisten vor Ort, viele davon Kinder. Zivilisten, die den Taliban helfen wollten oder mussten, Zivilisten, die sich Treibstoff abzapfen wollten, Zivilisten, die aus purer Neugierde am Ort der Katastrophe eintrafen. Konnte die Bundeswehr wirklich nicht ahnen, dass zwei havarierte Tanklastzüge zumindest auch Schaulustige anziehen?
Die Bombardierung war ein tragischer Unglücksfall – ein Unglücksfall, wie er im Krieg nun einmal vorkommt. In Afghanistan ist Krieg, die Bundeswehr ist eine Kriegspartei, und es ist mehr als naiv anzunehmen, dass schwer bewaffnete Soldaten in einem Kriegsgebiet nur freundliche Aufbauhelfer wären. Wo gehobelt wird, da fallen Späne und wer nun Krokodilstränen über die getöteten Zivilisten vergießt, sollte sich lieber die Frage stellen, was deutsche Soldaten überhaupt in Afghanistan machen. Bauen sie Brunnen – oder führen sie Krieg? Wenn sie Krieg führen, wird die Tragödie von Kundus nicht der letzte Vorfall sein, bei dem Bundeswehrsoldaten ?dutzende Punkte? auslöschen ? meist wird man nicht einmal erfahren, welcher dieser Punkte ein Kombattant und welcher dieser Punkte ein Zivilist war.
Ist die Bombardierung noch ein normales Kriegsereignis, so stellt die Aufklärung der Tat eine Posse sondergleichen dar. Die Bundeswehr hatte entweder kein gesteigertes Interesse an einer sofortigen Aufklärung oder schlichtweg die Hosen voll. Bis zum nächsten Mittag waren keine Soldaten am Tatort ? am Vormittag schickte die Einsatzleitung zumindest eine unbewaffnete Drohne los, die Bilder machen sollte. In die Krankenhäuser und in die umliegenden Dörfer durften deutsche Soldaten auch nicht ? zu gefährlich! Woher die Bundeswehr bei einem solch demonstrativen Desinteresse überhaupt die Chuzpe hernimmt, ihre Version als die einzig wahre darzustellen, ist nicht ersichtlich.
Alles wäre wohl unter dem Teppich geblieben, wenn die Amerikaner nicht urplötzlich eine PR-Offensive in Sachen Transparenz gestartet hätten. Niemand anderes als der, als ?harter Hund? verschriene, ISAF-Kommandeur General Stanley A. McChrystal erschien höchstpersönlich vor Ort, ein Untersuchungsteam der NATO und einen Reporter der Washington Post im Schlepptau. Dies ist nicht weniger als ein Affront gegen die bei den Amerikanern unbeliebte Bundeswehr, die sich stets über die ?ruppigen? Amerikaner beschwert und mit ihrem Mantra des bewaffneten Aufbauhelfers die Alliierten nervt, während sie sich selbst gerne aus dem Staub macht, wenn Gefahr droht.
McChrystal grillte die Deutschen vor den Augen und Ohren der Weltpresse. Nun kann niemand im Verteidigungsministerium mehr verhindern, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Die Versuche der Deutschen, die Amerikaner und die NATO-Ermittler vom Ort der Katastrophe und den Krankenhäusern der Region fernzuhalten, wirken mehr als unbeholfen. Mittlerweile ermitteln die NATO, die UNO, lokale Behörden und NGOs. Die Zahl der getöteten Zivilisten bewegt sich derweil immer mehr nach oben ? die Menschenrechtsgruppe Afghanistan Rights Monitor (ARM) kam vor Ort zu dem Ergebnis, dass zwischen 60 und 70 Zivilisten durch die Bomben getötet wurden. Ein Bericht der Provinzregierung legt eine ähnliche Größenordnung nahe. Dabei ist es schwer, Kombattanten und Zivilisten post mortem zu unterscheiden. Außerdem wurden viele getötete Zivilisten von ihren Verwandten bereits beerdigt, bevor die NATO-Ermittler überhaupt vor Ort eintrafen. Um sich selbst ein Hintertürchen offen zu lassen, spricht die Bundeswehr mittlerweile von Waffendieben, die den Leichnamen die Waffen abgenommen hätten, um den Eindruck zu erwecken, es handele sich um Zivilisten. Nicht nur die deutschen Militärs haben versagt ? das Krisenmanagement des Verteidigungsministeriums ist geradezu erbärmlich.
Ein bedächtiger, um Transparenz bedachter, amerikanischer Vier-Sterne-General und ein deutscher Verteidigungsminister, der in bester ?Haudrauf-Manier? den Luftschlag mit martialischen Worten rechtfertigt ? verkehrte Welt am Hindukusch. Warum die Amerikaner die Deutschen derart bloßstellen, ist eine der interessantesten Fragen rund um das Unglück. Wollen sie die Deutschen mit aller Macht wachrütteln? Wollen sie den Deutschen mehr Kampfeinheiten abfordern? Wollen sie ein Bekenntnis der Deutschen zum Krieg, mit allen Konsequenzen? Oder wollen sie den besserwisserischen und oft arroganten Deutschen schlichtweg nur eins auswischen? Es ist bereits bekannt, dass Kanzlerin Merkel direkt nach den Wahlen ein Gesuch der Amerikaner zugestellt bekommt, in dem sie um weitere Truppen gebeten wird. Und hierbei wird es sich nicht um Brunnenbauer, sondern um schwer bewaffnete Kampfeinheiten handeln. Es wird noch viele Zwischenfälle dieser Art geben ? sicherer wird dadurch weder Afghanistan, noch Deutschland.
Jens Berger
