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  • Schavan & Co.: Her mit den guten Leistungen!

    geschrieben am 11. Februar 2013 von Gastautor

    Ein Gastkommentar von Jörg Wellbrock

    Das Muster hat Wiedererkennungswert. Wir erleben es bei Annette Schavan, wir haben es auch schon bei Karl-Theodor zu Guttenberg erlebt: Weite Teile der Medien, der Politik und der Bevölkerung empfinden bei Plagiatsaffären offenbar vornehmlich Mitleid mit den Tätern. Und preisen deren großartige Leistungen an. Doch welche Leistungen genau sind damit gemeint?

    Schuld ist die Universität Düsseldorf! Sie hat – so war zu lesen – Annette Schavan nicht vernünftig betreut, sie hat eine viel zu lange Dissertations-Arbeit von ihr verlangt. Und überhaupt – warum gibt es im Gegensatz zu Kapitalverbrechen bei vorsätzlichen Täuschungsabsichten keine Verjährungsfrist? Das ist ungerecht! Schavan wird um die Früchte ihrer Arbeit als Bildungs- und Forschungsministerin gebracht. Und die könnten sich durchaus sehen lassen, wenn man sie denn sehen könnte.

    Keine großen Erfolge

    Dem SPIEGEL ONLINE gefiel es gar nicht, dass Annette Schavan zurücktreten musste. Allerdings musste der Redakteur Roland Nelles in erster Linie zur Feststellung gelangen, dass die Bildungsministerin während ihrer Amtszeit „keine großen Erfolge“ hatte erzielen können. Diese nüchterne Feststellung erinnert tatsächlich an die Affäre von Karl-Theodor zu Guttenberg, der wochenlang wegen seiner großartigen Leistungen angepriesen wurde, bevor der folgerichtige Rücktritt erfolgte. Doch diese Leistungen relativieren sich, wenn man bedenkt, dass zu Guttenberg heftige Kritik bei den Missständen auf der Gorch Fock einstecken musste. Die Sicherheit habe Lücken aufgewiesen, die Versorgung sei schlecht und die Hygiene ungenügend gewesen. Diese kritischen Worte kamen immerhin von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.

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    Kampf um die Seele der CDU

    geschrieben am 25. August 2011 von Stefan Sasse

    von Stefan Sasse

    Als Annette Schavan noch Kultusministerin von Baden-Württemberg war, ging ich noch zur Schule. Entsprechend gehörte sie in den Fundus jugendlicher Feindbilder fest verankert. Sie hat die Streichung der Studienfahrten zu verantworten, die neuen Lehrpläne und – vor allem – das neue Abitur, dass das alte Leistungskurssystem abgeschafft hat. Die Eltern hat sie spätestens mit der Einführung des G8 gegen sich aufgebracht. Niemand war deswegen übermäßig traurig, als sie Landespolitik in den relativ einflusslosen Posten der Bildungsministerin im Bund verließ. Als langjährige politische Alliierte Merkels war dieser Schritt, besonders nach der Niederlage im Landes-CDU-Machtkampf gegen Oettinger, nur konsequent. Inzwischen, so informiert uns ein Artikel in der FAZ, ist Schavan in der CDU unbeliebter denn je. Man macht sie, so das konservative Blatt, das Erwin Teufels Plädoyer gegen die “neue” CDU prominent gefeautered hat, mit für die “Profillosigkeit” der CDU verantwortlich. Es ist derzeit ein beliebtes Topic der Kritik an der CDU, auf ihren vermeintlichen Verlust guter alter Werte hinzuweisen. Allein, gut sind diese Werte selten, dafür aber alt. Nirgendwo ist das besser zu sehen als an Schavans Leib- und Magenthema, der Bildungspolitik.

    Spätestens seit dem Desaster um die Hamburger Schulreform ist vielen CDU-Strategen klar geworden, dass die Abschaffung der Hauptschule – realistisch absolut geboten – besonders bei den typischen CDU-Wählerschichten auf schweren Widerstand stößt. Nicht, weil man die Hauptschule so toll fände, sondern weil man den Bodensatz der Gesellschaft gerne dort halten würde, damit er nicht die Schulbank mit dem eigenen Nachwuchs drückt. Es gehört zum so genannten Markenkern der CDU, das dreigliedrige Schulsystem, das praktisch unisono von nationalen wie internationalen Experten ob seiner sozialen Selektion verdammt wird zu erhalten. An diesem Grundsatz hat Schavan gerüttelt, wohl in enger Abstimmung mit Merkel, bedenkt man die Nähe beider Frauen. Der Konservatismus, den Teile der CDU mit dem Widerstand gegen diese Reformen aber zelebrieren, ist ein falscher, gefährlicher. Mit aller Macht soll eine gesellschaftliche Schichtung, ein Gesellschaftsbild erhalten werden, das schon lange nicht mehr existiert: die Teilung der Gesellschaft in Arbeiter (Hauptschule), Angestellte (Realschule) und die Leitenden Angestellten und Beamten (Gymnasium) mit dem Mann als Haupternährer und der Frau als Hausfrau. Es erinnert ein wenig an die Versuche von Konservativen in den 1920er und 1930er Jahren, den Ständestaat nach Zunftvorbild wiederzubeleben: es völlig aus der Zeit gefallen.

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    51 Kommentare

    Weiterführende Schulen

    geschrieben am 10. August 2011 von Stefan Sasse

    Von Stefan Sasse

    Es ist immer wieder schön, wenn eigene Vermutungen durch Studien belegt werden. Den Plan der grün-roten Baden-Württembergischen Regierung, die bisher verpflichtenden Grundschulempfehlungen von Lehrern unverbindlich zu machen und den Eltern freie Schulwahl zu geben halte ich für falsch, und eine in der FAZ besprochene Studie belegt mir das: freie Schulwahl verstärkt den durch Lehrerempfehlungen ohnehin gegebenen Effekt der sozialen Zementierung. Kinder von Hauptschülern landen wahrscheinlicher auf der Hauptschule, auch wenn sie eigentlich für das Gymnasium geeignet wären, und umgekehrt. Überraschend ist das eigentlich nicht: auf der einen Seite steht der Dünkel von höhergebildeten Eltern, für die ein Kind, das “nur” Hauptschule oder Realschule besucht undenkbar ist. Auf der anderen Seite stehen Eltern aus bildungsfernen Schichten, für die Gymnasium elitäres Kokolores ist und die es auch mit ihrem eigenen Selbstbewusstsein nicht vertragen können, dass ihre Kinder “besser” sind als sie.

    Ich kenne beide Fälle aus Bekanntschaft und Verwandtschaft. Die Studienergebnisse überraschen mich deswegen nicht. Es überrascht mich auch nicht, dass Grüne und SPD die unverbindliche Empfehlung durchziehen wollen; das gehört seit Adam und Eva zur bildungspolitischen Haltung dieser Parteien und ist fester Teil dessen, was man gerne als “Markenkern” der Parteien begreift, ebenso wie der Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems, der verbindlichen Empfehlung und der Kopfnoten sich in jedem CDU-Wahlprogramm finden werden. Bevor hier Missverständnisse aufkommen: ich gehe mit der CDU nur insofern d’accord, als dass ich die verbindliche Empfehlung beibehalten würde, vielleicht sogar ergänzt durch eine unabhängige Prüfungseinrichtung, die immer dann angerufen wird wenn Lehrerempfehlung und Elternwunsch voneinander abweichen.

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    Die Ausbeutung der Bildungselite

    geschrieben am 14. März 2011 von Spiegelfechter

    ein Gastartikel von Anuschka Guttzeit

    Bildung wird uns ständig als Schlüssel zum Erfolg verkauft. Bildung soll angeblich vor Armut und Arbeitslosigkeit schützen. Wie kommt es da, das die gebildetsten Köpfe in Deutschland zum Teil so schlecht bezahlt werden wie ungelernte Hilfsarbeiter? Die “Bettel-Dozenten” stemmen an manchen Universitäten bis zu 50 % des akademischen Lehrbetriebs. AkademikerInnen, die promovieren oder bereits den Doktortitel haben, arbeiten als Lehrbeauftragte für real knapp 5 Euro die Stunde an deutschen Universitäten! Manche nennen sie deshalb „Dr. Pleite“. Wie soll man auch von sowenig Geld leben?

    Die Lehrbeauftragten sind keine Angestellten der Hochschule, sondern Selbstständige mit Honorarvertrag. Deshalb haben sie auch keine Interessenvertretung. Die Gewerkschaft ver.di prangert außerdem an: “85 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an deutschen Hochschulen haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Sie leben in ständiger Unsicherheit, eine vernünftige Lebensplanung ist nicht möglich.”

    Die Studentenzahlen steigen, die Hörsäle platzen aus allen Nähten. In vielen Bundesländern zahlen die Studierenden üppige Studiengebühren für ihre akademische Ausbildung, aber die Studienbedingungen werden trotzdem immer schlechter. Mehr ProfessorInnen werden nicht beschäftigt. Es werden auch nicht mehr feste, adäquat bezahlte Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau an den Unis geschaffen, was eigentlich dringend nötig wäre. Im Gegenteil: Diese Stellen werden seit Jahren abgebaut. Die Leidtragenden sind die akademischen Hungerlöhner, die rund 75.000 Lehrbeauftragten in Deutschland.

    Die Politikwissenschaftlerin Frau Dr. Silke Gülker fordert in einer Studie, in der sie sich mit dem künftigen Personalbedarf der Hochschulen beschäftigt, die Lehre aufzuwerten. „Ein Wissenschaftssystem, in dem allein gute Forschung belohnt wird, kann den künftigen Anforderungen nicht gerecht werden“, berichtet sie. Um in der „internationalen Wissenschaftsgemeinschaft präsent zu sein“ müsste die Betreuungsquote verbessert werden. Dazu müßten bis zum Jahr 2025 mindestens 23.000 mehr ProfessorInnen eingestellt werden und ca. 14.000 wissenschaftliche MitarbeiterInnen.

    “Deutschland wird Bildungsrepublik”, schreibt Frau Bundeskanzlerin Merkel vollmundig auf ihrer Homepage. Und: “Eine erstklassige Bildung ist der wichtigste Rohstoff in unserem Land.”

    Aber Deutschland, das sich als Innovations- und Wissenschaftsstandort im globalen Qualifikationswettbewerb durchsetzen will, investiert zu wenig Geld in die Universitäten. „Wollte Deutschland zu den anderen westlichen Industriestaaten aufschließen, müsste es jedes Jahr 10 Milliarden Euro mehr in Bildung investieren“, heißt es nicht nur bei ver.di.

    “Die Zahl der Lehrbeauftragten ist in zehn Jahren um 40 Prozent gewachsen. Sie unterrichten umsonst oder für fast nichts und hoffen doch auf eine Karriere an der Uni”, schreibt Annett Krause auf Zeit-Online.

    Scham und die harte Konkurrenz um eine der sehr rar gewordenen akademischen Karrieren führten nach Erfahrung der Potsdamer Lehrbeauftragten und Doktorandin Sabine Volk dazu, dass sich die Lehrbeauftragten bisher nicht zusammen taten, um gemeinsam angemessene Löhne einzufordern.

    Jetzt regt sich zumindest an der Uni Potsdam Widerstand. In einer Petition an das Brandenburgische Wissenschaftsministerium fordert Sabine Volk mit ihren MitstreiterInnen endlich eine bessere Bezahlung der Lehrbeauftragten. Sie fordern einen – immer noch eher bescheidenen – Stundenlohn von 10,98 Euro und sagen: „Exzellente Lehre speist sich nicht aus Hungerlöhnen“.

    Anuschka Guttzeit

    Anuschka Guttzeit ist Politikwissenschaftlerin und beschäftigt sich u.a. mit Umweltpolitik sowie mit den Chancen und Risiken von mehr direkter Demokratie. Sie ist Mitbegründerin der Berliner Bürgerinitiative “Bäume am Landwehrkanal”, die sich für ein “Modellprojekt ökologische Sanierung der Bundeswasserstraße Landwehrkanal” einsetzt.

    Links zum Thema:
    - Bericht im Deutschlandfunk vom 10.03.2011: “Das wissenschaftliche Prekariat protestiert”
    - Ende der Ausbeutung? Mindestlohn für Lehrbeauftragte in Disskussion
    - Die Arbeitssammler
    - Arm aber sexy
    - Dr. Silke Gülker: Wissenschaftliches und künstlerisches Personal an Hochschulen: Stand und Zukunftsbedarf.

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    Operation am offenen Geschichtsbuch

    geschrieben am 10. Februar 2011 von Spiegelfechter

    Wie eine Wissenschaftsdisziplin ihre eigene Geschichte schreibt und ein DDR-Mythos bis heute nachwirkt.

    ein Gastartikel von Fabian Russin

    Dresden ist nicht nur die Landeshauptstadt Sachsens, sondern auch eine Stadt, in der das Streitgespräch gepflegt wird. Der Leser wird sich an dieser Stelle unter Umständen an den ausufernden Streit um die Waldschlösschenbrücke erinnern. Es wird jedoch nicht nur um aktuelle Ereignisse gestritten, sondern auch um die wechselhafte Geschichte.

    Zankapfel ist die Person Rainer Fetscher. Der gebürtige Wiener wirkte seit 1922 in Dresden als Arzt wie auch als Eugeniker (siehe auch Rassenhygiene). Im Zuge seiner Tätigkeit erstellte er unter anderem eine „Erbbiologische Kartei“, in der er Kriminelle und deren Familien erfasste. Ziel dieser Kartei war die Erfassung von sogenannten „biologisch Minderwertigen“, welche im Dritten Reich massenweise sterilisiert und später im Rahmen der Aktion T4 vergast wurden. Fetscher fiel jedoch bei führenden Nationalsozialisten in Ungnade, da er in einer Schrift behauptet hatte, dass eine rein nordische Ehe nicht möglich sei. Wahrscheinlich aus diesem Grund wurde er 1934 in den Ruhestand versetzt.

    Daraufhin versuchte Fetscher auf verschiedene Weise sich dem System anzudienen. So trat er noch im selben Jahr in die SA ein. In dem ebenfalls 1934 erschienenen Buch „Rassenhygiene – Eine Einführung für Lehrer“ legte Fetscher seine Etikette schließlich zur Gänze ab. Hier fordert er Lehrer auf „sterilisierungsbedürftige“ Kinder anzuzeigen, er spricht von Juden als Parasiten in „Wirtsvölkern“ und fordert zudem die „Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes“. Für diese Ausmerze biete sich, laut Rainer Fetscher, die Erfassung kranker Familien in „besonderen Karteien“ an. Fetscher offeriert hier offensichtlich seine Kartei für die Vorbereitung der massenweisen Ermordung kranker Menschen! Schreibt der Arzt hier auch in einer Radikalität, die den Nationalsozialisten hätte gefallen können, so blieb ihm die berufliche Rehabilitation dennoch verwehrt. Er fand schließlich 1945 unter nicht genau geklärten Umständen den Tod.

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