geschrieben am
14. März 2011 von Spiegelfechter
ein Gastartikel von Anuschka Guttzeit
Bildung wird uns ständig als Schlüssel zum Erfolg verkauft. Bildung soll angeblich vor Armut und Arbeitslosigkeit schützen. Wie kommt es da, das die gebildetsten Köpfe in Deutschland zum Teil so schlecht bezahlt werden wie ungelernte Hilfsarbeiter? Die “Bettel-Dozenten” stemmen an manchen Universitäten bis zu 50 % des akademischen Lehrbetriebs. AkademikerInnen, die promovieren oder bereits den Doktortitel haben, arbeiten als Lehrbeauftragte für real knapp 5 Euro die Stunde an deutschen Universitäten! Manche nennen sie deshalb „Dr. Pleite“. Wie soll man auch von sowenig Geld leben?
Die Lehrbeauftragten sind keine Angestellten der Hochschule, sondern Selbstständige mit Honorarvertrag. Deshalb haben sie auch keine Interessenvertretung. Die Gewerkschaft ver.di prangert außerdem an: “85 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an deutschen Hochschulen haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Sie leben in ständiger Unsicherheit, eine vernünftige Lebensplanung ist nicht möglich.”
Die Studentenzahlen steigen, die Hörsäle platzen aus allen Nähten. In vielen Bundesländern zahlen die Studierenden üppige Studiengebühren für ihre akademische Ausbildung, aber die Studienbedingungen werden trotzdem immer schlechter. Mehr ProfessorInnen werden nicht beschäftigt. Es werden auch nicht mehr feste, adäquat bezahlte Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau an den Unis geschaffen, was eigentlich dringend nötig wäre. Im Gegenteil: Diese Stellen werden seit Jahren abgebaut. Die Leidtragenden sind die akademischen Hungerlöhner, die rund 75.000 Lehrbeauftragten in Deutschland.
Die Politikwissenschaftlerin Frau Dr. Silke Gülker fordert in einer Studie, in der sie sich mit dem künftigen Personalbedarf der Hochschulen beschäftigt, die Lehre aufzuwerten. „Ein Wissenschaftssystem, in dem allein gute Forschung belohnt wird, kann den künftigen Anforderungen nicht gerecht werden“, berichtet sie. Um in der „internationalen Wissenschaftsgemeinschaft präsent zu sein“ müsste die Betreuungsquote verbessert werden. Dazu müßten bis zum Jahr 2025 mindestens 23.000 mehr ProfessorInnen eingestellt werden und ca. 14.000 wissenschaftliche MitarbeiterInnen.
“Deutschland wird Bildungsrepublik”, schreibt Frau Bundeskanzlerin Merkel vollmundig auf ihrer Homepage. Und: “Eine erstklassige Bildung ist der wichtigste Rohstoff in unserem Land.”
Aber Deutschland, das sich als Innovations- und Wissenschaftsstandort im globalen Qualifikationswettbewerb durchsetzen will, investiert zu wenig Geld in die Universitäten. „Wollte Deutschland zu den anderen westlichen Industriestaaten aufschließen, müsste es jedes Jahr 10 Milliarden Euro mehr in Bildung investieren“, heißt es nicht nur bei ver.di.
“Die Zahl der Lehrbeauftragten ist in zehn Jahren um 40 Prozent gewachsen. Sie unterrichten umsonst oder für fast nichts und hoffen doch auf eine Karriere an der Uni”, schreibt Annett Krause auf Zeit-Online.
Scham und die harte Konkurrenz um eine der sehr rar gewordenen akademischen Karrieren führten nach Erfahrung der Potsdamer Lehrbeauftragten und Doktorandin Sabine Volk dazu, dass sich die Lehrbeauftragten bisher nicht zusammen taten, um gemeinsam angemessene Löhne einzufordern.
Jetzt regt sich zumindest an der Uni Potsdam Widerstand. In einer Petition an das Brandenburgische Wissenschaftsministerium fordert Sabine Volk mit ihren MitstreiterInnen endlich eine bessere Bezahlung der Lehrbeauftragten. Sie fordern einen – immer noch eher bescheidenen – Stundenlohn von 10,98 Euro und sagen: „Exzellente Lehre speist sich nicht aus Hungerlöhnen“.
Anuschka Guttzeit
Anuschka Guttzeit ist Politikwissenschaftlerin und beschäftigt sich u.a. mit Umweltpolitik sowie mit den Chancen und Risiken von mehr direkter Demokratie. Sie ist Mitbegründerin der Berliner Bürgerinitiative “Bäume am Landwehrkanal”, die sich für ein “Modellprojekt ökologische Sanierung der Bundeswasserstraße Landwehrkanal” einsetzt.
Links zum Thema:
- Bericht im Deutschlandfunk vom 10.03.2011: “Das wissenschaftliche Prekariat protestiert”
- Ende der Ausbeutung? Mindestlohn für Lehrbeauftragte in Disskussion
- Die Arbeitssammler
- Arm aber sexy
- Dr. Silke Gülker: Wissenschaftliches und künstlerisches Personal an Hochschulen: Stand und Zukunftsbedarf.