NSU-Opfer: Gauck trauert 70 Mal gleichzeitig
geschrieben am 19. Februar 2013 von Spiegelfechter
Gastbeitrag von Jörg Wellbrock
Ein intimes Treffen sollte es werden, als Bundespräsident Joachim Gauck die Hinterbliebenen der NSU-Morde in seine heiligen Hallen einlud. Doch es kamen nicht alle Gäste, denn statt Betroffenheit wünschen sich einige der Angehörigen lieber Taten. Genau die blieben bisher weitgehend aus oder führten in die falsche Richtung.
Aysen Tasköprü, die Schwester des durch den NSU ermordeten Süleyman Tasköprü, mochte nicht ins Schloss Bellevue reisen. Sie sah den Sinn darin nicht, und es fällt tatsächlich schwer, diesen zu erkennen. Insgesamt 70 Angehörige wollte der Bundespräsident empfangen, eine Menge betroffener Trauerarbeit gleichzeitig, die sich der ehrgeizige Gauck vorgenommen hatte. Doch Betroffenheit wollte Aysen Tasköprü nicht, sie erwartet Taten und sah sich durch die Einladung Gaucks hauptsächlich der Gefahr ausgesetzt, instrumentalisiert zu werden. Wenn man liest, was Gauck den Opfern so sagte, erhärtet sich dieser Verdacht.
Gauck will neues Vertrauen
Es tat ihm leid, dem Bundespräsidenten, und man glaubt ihm das auf eine Art sogar, wenn man sich Mühe gibt. Dennoch: Gaucks Wunsch, die Angehörigen mögen wieder Vertrauen fassen, ist nicht mehr als eine öffentlichkeitswirksame Seifenblase. Spätestens wenn Politiker auf die persönliche Ebene abdriften, wird es schwer mit der Glaubwürdigkeit. So sagte Gauck: “Ich will mithelfen, dass Ihr Leid weiter wahrgenommen und anerkannt wird. Und dass aufgeklärt wird, wo es Fehler und Versäumnisse gegeben hat, dass darüber gesprochen und wenn nötig auch gestritten wird, was wir daraus lernen müssen.”
Es würde Monate, eher Jahre brauchen, die Gauck sich täglich mit dem NSU und den Versäumnissen beschäftigen müsste, um seine Aussage glaubwürdig zu machen. Doch noch eklatanter blumig bis schwammig klingt es, wenn Gauck sagt, es müsse darüber gesprochen und notfalls sogar gestritten werden, um Versäumnisse und Fehler aufzudecken. Wenn das bisher noch nicht geschehen ist, dürfte der Besuch der Hinterbliebenen im Schloss des Bundespräsidenten daran wohl auch nicht viel ändern.


Nach seinem Sommerinterview im ZDF feierte Spiegel Online den Bundespräsidenten Joachim Gauck als unbequemen Mahner, weil Gauck die Kanzlerin aufgefordert habe, sie möge ihre Politik besser
Deutschland ist diese Woche ein wenig englischer geworden. Auf der Insel kennt man das Problem mit der fürstlichen Apanage mal mehr, meist jedoch weniger honoriger Mitglieder des Königshauses nur allzu gut. Dank Christian Wulff hat nun auch Deutschland ein Problem mit der standesgemäßen Honorierung eines nicht honorigen Mannes. Mit rechten Dingen geht es dabei nicht zu, verstößt der Ehrensold für den ehemaligen Bundespräsidenten doch gegen Wortlaut und Sinn des Gesetzes. Mehr noch – die Anerkennung des Ehrensolds ist ein Schlag ins Gesicht der normalen Bürger und ein Schritt zurück in feudale Zeiten.