Winterkorns Ernte auf den Äckern Amazoniens
geschrieben am 20. Februar 2013 von Gastautor
Ein Crosspost von Doppelpod – Netzkultur zwischen Deutschland und China
Wie Fefe bemerkt hat, ist es jetzt endlich soweit. Yippie Yah Yei, die chinesischen Staatsmedien berichten über die erschreckenden Zustände auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die staatlichen Propagandatröten zelebrieren ja schon länger genüsslich jeden Fleischskandal in Deutschland, als wären die abgelaufenen und umetikettierten Schweineschnitzel und die Lasagne à la Fumier de Cheval ein Beleg dafür, dass die Situation in der westlichen Nahrungsmittelindustrie ähnlich desaströs ist, wie in der heimischen Volksrepublik. Es wird aber wohl noch ein ganzes Weilchen dauern, bis die deutschen Mütter aus Angst um ihre Kinder die Milchpulverregale der chinesischen Supermärkte plündern. Die Chinesen haben nicht vergessen, wie man 2008 das Leben unschuldiger Kinder aufs Spiel gesetzt hat, um in der Olympiavorbereitung das Gesicht zu wahren. Niemand glaubt heute in China daran, dass die verfilzten Behörden gewillt oder überhaupt in der Lage sind, durch Kontrollen die üblen Machenschaften der Konzerne aufzudecken. Und die chinesischen Medien? Darauf einen Roflcopter!
Ich kenne persönlich viele Chinesen, denen die Gesundheit ihrer Kinder am Herzen liegt und die daher versuchen, Milchpulver aus dem Ausland zu besorgen. Diese Story ist also keineswegs an den Haaren herbeigezogen. OK, die BILD ist mal wieder deutlich übers Ziel hinausgeschossen mit der Behauptung, dass „die Chinesen den deutschen Babys die Milch wegtrinken.“ Aber die Schmierlappen von der Idiotenpost haben irgendwann wohl auch gemerkt, dass ihre Überschrift selbst gemessen an ihren eigenen Ansprüchen extrem bekloppt ist. Derzeit nennt sich der Artikel „Chinesen-Babys trinken deutsche Milch“. Ursprünglich hieß er aber tatsächlich genau so: „Chinesen trinken den deutschen Babys die Milch weg! (in der URL heißt der Text auch immer noch so)“ Das Ganze wurde natürlich mit dem BILD-typischen Empörungsausrufezeichen versehen, damit auch jeder geistige Schattenparker versteht, dass es jetzt an der Zeit ist, die von Gabor Steingart in seiner Zeit beim Spiegel verbrochene Metaphorik vom „Weltkrieg um Wohlstand“ wieder zu aktivieren. „Oh nein, jetzt ist es soweit. Der Chinese mit seinem immerwährenden Hunger nach Macht und seinem unstillbaren Durst nach Ressourcen macht sich in seiner Gier an die Milch unserer Kinder heran. Oh nein, Dr. Fu Manchu, die gelbe Kralle und Gong aus der Lindenstraße planen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Oh nein, als erstes sind die Kinder dran. Mit einem gewaltigen Saugrüssel saugen sie die Baby-Milch aus Deutschland ab…“
Hallo? Wie wäre es, wenn Milupa einfach mal die Regale etwas schneller wieder nachfüllt und eine Dankesrede an die neuen Kunden aus China verfasst. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo etwas von „Peak Milk“ gelesen zu haben. Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Milchproduktion in Europa wegen deutlicher Überschüsse immer noch quotiert.


Dass mit den Chinesen nicht zu spaßen ist, konnten Ende September die Japaner am eigenen Leibe spüren. Nachdem der Kapitän eines chinesischen Fischkutters in japanischen Hoheitsgewässern nahe der territorial umstrittenen Senkaku-Inseln die japanische Küstenwache rammte und von den japanischen Behörden festgenommen wurde, erließen die chinesischen Behörden ein Exportverbot für eine Reihe von Metallen. Diese Metalle gehören zur Gruppe der Metalle der Seltenen Erden und sind für Japans High-Tech-Industrie ungemein wichtig. Kein Wunder, dass der chinesische Kapitän schon am nächsten Tag freigelassen wurde. Doch dieser diplomatische Affront ist nur die Spitze des Eisbergs einer protektionistischen chinesischen Handelspolitik rund um die Seltenen Erden.
Schon der von den Göttern bestrafte Sisyphos wusste, dass er seinen Felsbrocken nur deshalb tagaus, tagein steil bergauf schieben konnte, weil dieser stets kurz vor dem Höhepunkt wieder in die Tiefe rauschte. Auch die deutsche Wirtschaftspolitik ist eine Sisyphosarbeit. Die Konjunktur durchläuft ihren Schweinezyklus, mal geht es bergauf, mal geht es bergab – je steiler es bergauf geht, desto steiler geht es bergab und umgekehrt. Seit das Statistische Bundesamt am Freitag das Wirtschaftswachstum für das zweite Quartal des laufenden Jahres mit +2,2% beziffert hat, ist Deutschland aus dem Häuschen. Wirtschaftsminister Brüderle spricht von einem “Aufschwung XL”, die Medien feiern den Superstar Deutschland, der ganz Europa abgehängt hat und die Wirtschaftsverbände suchen bereits nach Argumenten, warum es auf keinen Fall Lohnsteigerungen geben darf.
Alle Jahre wieder zieht es die Menschen in einer zentralasiatischen Republik, die dem deutschen Nachrichtenkonsumenten bestenfalls namentlich bekannt ist, auf die Strasse. Mal werden derlei Eruptionen der Unzufriedenheit mit brutalster Gewalt erstickt, mal schwingt sich in der temporären Anarchie ein ehemaliges Regierungsmitglied zum Hoffnungsbringer auf, übernimmt die Macht, verspricht Friede, Freude, Eierkuchen und richtet kurze Zeit später eine erneute Despotie ein, die wenige Jahre später wieder gestürzt wird.
Heute Morgen hat der Internetsuchdienst Google seinen Dienst in Deutschland eingestellt und leitet Suchanfragen über die deutsche Google-Adresse ins benachbarte Holland weiter. Grund dafür war ein langjähriger Streit mit den deutschen Behörden über die Filterung bestimmter Suchergebnisse, die gegen deutsche Gesetze verstoßen. Neben Inhalten, die nach Meinung der Machthaber in Berlin gegen den Jugendschutz verstoßen, trifft die deutsche Internetzensur ? “Digital Berlin Wall” ? vor allem politische Inhalte. So werden die Thesen rechtsextremer Dissidenten und sogenannter Holocaustleugner in Deutschland per Gesetz verfolgt. Bislang kooperierte der Suchmaschinengigant Google mit den deutschen Behörden und enthielt deutschen Internetnutzern Suchergebnisse vor, die auf entsprechende Seiten verweisen. In den benachbarten Niederlanden existieren derlei politische Zensurmaßnahmen nicht. Es bleibt abzuwarten, wie die deutschen Behörden auf Googles Kampfansage reagieren. Insider gehen davon aus, dass Berlin sämtliche Google-Angebote auf den Index jugendgefährdender Schriften setzt, was den Softwaregiganten aus Mountain View vom lukrativen deutschen Markt ausschließen würde. Google will mit dieser Kehrtwende zu seinem ehemaligen Firmenmotto “sei nicht böse” zurückkehren und sämtlichen Zensurbestrebungen nationaler Regierungen eine Absage erteilen.