Iraks Schwarzes Gold

05. Juli 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Im Jahre 1999 erklärte der spätere US-Vizepräsident Cheney den auf einer Konferenz in London anwesenden Ölmännern seine Vision vom Nahen Osten als Hauptgewinn im internationalen Kampf ums Schwarze Gold. Gemessen an seiner damaligen Vision, ist der Irakkrieg sowohl für die USA, als auch für die US-Ölindustrie, ein miserables Geschäft. Die Produktion dümpelte lange vor sich hin und konnte erst in diesem Jahr wieder „Vorkriegsniveau“ erreichen. Ausländische Ölfirmen warten indes immer noch auf die begehrten PSAs (Production Sharing Agreements), mit denen sie sich Teile des gigantischen Ölreichtums Iraks sichern können. Grundlage für Investitionen ausländischer Ölfirmen wäre ein Ölgesetz, das sowohl die Ansprüche ausländischer Firmen, als auch die Verteilung der Öleinnahmen innerhalb der Regionen des Iraks klären muss. Die ölreichen Nord- und Südprovinzen, die mehrheitlich von Kurden bzw. Schiiten bewohnt werden, haben bislang ein nationales Ölgesetz blockiert und es erscheint mehr als fraglich, ob und wann ein solches Gesetz beschlossen werden kann, das auch die Vergabe von Förderlizenzen der Zentralregierung in Bagdad überträgt.

Seit nunmehr zwei Jahren üben Washington und die internationalen Ölmultis spürbaren Druck auf die Regierung al-Maliki aus, PSAs an internationale Unternehmen zu vergeben, die in einem Ölgesetz festgeschrieben werden sollen. Eine Vergabe von PSAs an ausländische Ölfirmen ist momentan im Irak innenpolitisch allerdings nicht durchsetzbar. Dies musste auch der irakische Ölminister Hussain al-Shahristani einsehen, als er auf den internationalen Druck, Irak solle angesichts der Lieferengpässe auf dem Weltölmarkt schnellstens in seine Ölförderung investieren, mit einem Kompromissangebot antwortete, das „Big-Oil“ zwar ins Geschäft rund um das irakische Öl bringt, aber keinesfalls in der Form, die man sich in den Konzernzentralen der Ölgiganten gewünscht hätte.

Das irakische Ölministerium hat jetzt 41 internationale Ölfirmen – darunter auch die deutsche Wintershall – eingeladen, sich an den Ausschreibungen für diverse Projekte zu beteiligen. Der Inhalt dieser Ausschreibungen ist unbekannt – es ist allerdings anzunehmen, dass es hier lediglich um Service- und Förderverträge geht, die den Ölfirmen keine Beteiligung an den Ölfeldern selbst zugestehen. Dies ist nach gültigem irakischem Recht nämlich nicht möglich. Das große Ölgeschäft läuft auch abseits dieser neu ausgeschriebenen Projekte, die nächstes Jahr unterzeichnet werden sollen.

Zwei Drittel der aktuellen irakischen Ölförderung und ein bis zwei Drittel der vermuteten Erdölreserven des Landes konzentrieren sich auf sechs gigantische Ölfelder. Die Bohrtechnik auf diesen Feldern stammt zu einem großen Teil noch aus der Zeit, bevor Saddam Hussein die Ölwirtschaft verstaatlichte, da der Irak in den Zeiten des irakisch-iranischen Golfkrieges, der internationalen Sanktionen und in der jüngeren Zeit nach der US-Invasion kaum Zugang zu internationaler Beratung und technischer Ausrüstung hatte. Dementsprechend gering ist auch die Förderquote auf diesen Feldern. Die Verträge, die das irakische Ölministerium nun mit den internationalen Multis schließen will, sind sogenannte Dienstleisterverträge, bei denen die Multis lediglich Service- und Beratertätigkeiten ausführen – sie fördern nicht selbst und erwerben sich keine Rechte jedweder Art an dem geförderten Öl und den Reserven der betreffenden Felder. Für ihre Beraterrolle bekommen sie einen fixen Vertrag, der nicht mit der geförderten Ölmenge korrespondiert. Diese Verträge sind auf zwei Jahre abgeschlossen, danach soll neu verhandelt werden. Kritisch ist anzumerken, dass diese Verträge nicht ausgeschrieben wurden, sondern die Multis die Verträge exklusiv vom irakischen Ölministerium zugeteilt bekamen. Verträge dieser Art sind nicht ungewöhnlich – die staatlichen Ölgesellschaften Saudi-Arabiens und Kuwaits haben mit westlichen Öldienstleistern ganz ähnliche Verträge abgeschlossen. Der entscheidende Unterschied zu diesen Verträgen besteht jedoch in der Branche der Vertragspartner. Ölmultis, wie Shell oder BP, verfügen gar nicht über das Know-How für diese Tätigkeiten – sie haben diese Bereiche selbst ausgelagert und kaufen sie Bedarf bei Firmen wie Baker-Hughes, Schlumberger oder Saipem ein, die auch Vertragspartner der Saudis und Kuwaitis sind.

Warum sollte also der irakische Staat Verträge mit Ölmultis abschließen, von denen er gar nichts hat? Man könnte diese Verträge eher als eine Art Schutzgeld an „Big-Oil“ und deren politische Hintermänner verstehen, die langsam die Geduld mit dem Irak zu verlieren drohen. Für die Multis sind diese Verträge nicht der große Gewinn, den sie sich erhofft haben –sie wollen Förderrechte und PSAs, aber keine Beraterverträge.

Förderrechte in Form von PSAs werden derzeit allerdings im Nordirak von der Kurdischen Autonomieverwaltung abgeschlossen. Bereits 20 Verträge dieser Art sind unterzeichnet – die Unterzeichnerfirmen gehören eher zu den kleinen Fischen im Ölgeschäft. Unter ihnen finden sich z.B. drei türkische Unternehmen, die österreichische ÖMV, die ungarische MOL und koreanische Ölunternehmen. Keines dieser Unternehmen hat eine Einladung vom irakischen Ölministerium bekommen, sich an den Projekten zu beteiligen, die von der Zentralregierung ausgeschrieben wurden. Die kurdischen Ölabkommen sind nach irakischem Recht auch illegal und die Verträge demnach nichtig. Die kurdische Autonomiebehörde sieht dies allerdings diametral anders und somit stellen diese Verträge ein weiteres – scheinbar unüberwindbares – Hindernis für ein irakisches Ölgesetz dar, dem auch die Kurden zustimmen.

Die Verträge, die die Kurden aushandeln, sind für die kurdische Seite durchaus fair. 10% der projektierten Fördergewinne müssen im Voraus an die Kurdische Regierung überwiesen werden, danach kann der private Partner seine Kosten mit einer Umsatzbeteiligung wieder hereinholen – ist dies geschehen, muss er sich mit einer 15% Minderheitsbeteiligung begnügen. Rechtliche Ansprüche auf die Reserven hat der internationale Partner indes nicht. Verträge dieser Art sind momentan – sehr zum Ärgernis der Ölmultis – internationaler Usus. Bei den kurdischen Verträgen kommt indes eine Komponente hinzu, die an eine Art positives Schmiergeld erinnert. Der internationale Partner verpflichtet sich ebenfalls, auf eigene Kosten Infrastrukturprojekte in der kurdischen Autonomieregion umzusetzen. Die Kosten für diese verdeckten Zahlungen werden weder publik gemacht, noch mit den Einnahmen aus der Ölförderung verrechnet.

Die Kurden behaupten zwar, die Gewinne aus den Ölgeschäften würden in einen Fonds gehen, der auch an die mittel- und südirakischen Regionen ausbezahlt wird, wenn es erst einmal ein nationales Ölgesetz gibt. Dies ist allerdings kaum anzunehmen und die Komponente „Infrastrukturinvestitionen“ verbliebe in diesem Falle auch vollends in kurdischer Hand. Es wundert daher nicht, dass die irakische Zentralregierung das Treiben der Kurden mit äußerstem Argwohn beobachtet. Die USA stehen den kurdischen Verträgen ebenfalls ablehnend gegenüber, da sie nicht nur das gewünschte Ölgesetz behindern, sondern auch dem Separatismus im Irak Vorschub leisten. Umso peinlicher ist es da für die USA, dass die US-Firma Hunt-Oil, die dem Bush-Buddie und ehemaligen Haliburton-Vorstand Ray Hunt gehört, eine der Vertragspartnerinnen der kurdischen Autonomiebehörde ist. Um die Frage, ob die Regierung oder regierungsnahe Kreise Hunt grünes Licht für diese Aktion gegeben haben, spielt sich in den USA momentan eine regelrechte Politposse ab.

Das schwarze Gold Iraks kann erst dann im Sinne der Besatzer und der internationalen Multis ausgebeutet werden, wenn die irakische Regierung ein Ölgesetz verabschiedet. Der aktuelle Entwurf, der ohne Zweifel aus den Federn amerikanischer Berater stammt, hat nicht die geringste Chance umgesetzt zu werden – neben den Kurden und Schiiten geht er sogar den amerikafreundlichen Sunniten in der Allparteienregierung zu weit. Sollte je ein Ölgesetz umgesetzt werden, so wird es eher die Handschrift der ölreichen Regionen tragen, die bereits Fakten schaffen, die kaum mehr rückgängig zu machen sind. Eine jedwede Beteiligung von „Big Oil“ an den großen Ölfeldern scheint ausgeschlossen zu sein – kein Politiker im Irak würde dies unterzeichnen. Dies aus gutem Grund – die Investitionen für diese bereits weitgehend erschlossenen Felder sind minimal. Das technische Know-How, sie professionell weiter zu erschließen ist international verfügbar – die Chinesen besitzen es, ebenso die Russen und diverse andere Staaten. Es besteht daher kein Grund, internationale Multis an einem lukrativen Feld zu beteiligen, das von vielen anderen Partnern mit Kusshand auch ohne eine Beteiligung erschlossen und betreut würde.

Die USA haben den Irakkrieg wegen Massenvernichtungswaffen, Demokratie, Terrorismus und Öl geführt. Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden, die Demokratie wird seitens der USA schon wieder abgemildert, da man keine demokratisch legitimierten iranfreundlichen Schiiten an der Macht sehen will, der Terrorismus wurde durch den Krieg massiv verstärkt und noch nicht einmal vom Ölreichtum des Landes bekommt man etwas ab. Der Irakkrieg wird wohl als Torheit ohne Gleichen in die Geschichte amerikanischer Außenpolitik eingehen. Aber im Weißen Haus sollte niemand sagen, man habe sie nicht im Vorfeld gewarnt.

Jens Berger

Bildnachweis (v.o.n.u.): Youth Climate Movement, US Army Forces Strategic Command, Unity 2008, Oilchange International

Kategorie: Ausland, Energie, Irak, USA | 46 Kommentare

Das Ölpreisorakel

11. Juni 2008 von Spiegelfechter - Drucken

„Wir ertrinken im Öl“ – so lautete die Titelstory des Economist im März 1999. Damals wurde Rohöl zu rund 10 US$ das Barrel an den Börsen gehandelt und die Analysten des Economist träumten damals von gigantischen Ölfeldern, die in Saudi-Arabien neu entdeckt würden und schlossen aus alledem, der Ölpreis würde langfristig auf 5 US$ sinken und auf diesem Niveau bleiben. Experten liegen häufig daneben und heutzutage schwanken die Preisprognosen der Experten für das kommende Jahr zwischen 40 US$ und 250 US$. Die Erklärungen, die Experten für die hohen Preisen nennen, reichen von „Spekulationsblase“ bis „Peak Oil“ und die Politik hat das Thema “Ölpreise” auch erkannt und schlachtet es wahlkampfgerecht aus. Die Aussichten auf eine baldige Entspannung auf dem Ölmarkt sind allerdings mehr als vage. Saudi-Arabien hat wegen der hohen Preise eilends einen Krisengipfel einberufen - was die Saudis dem Westen zu sagen haben, dürfte sehr unerfreulich sein.

Peak Oil

Die Förderquote eines typischen Ölfeldes verändert sich mit der Zeit. Das Öl in unerschlossenen Ölfeldern hat einen Überdruck. Wenn ein Ölfeld erschlossen wird, sorgt dieser Überdruck dafür, dass das Öl einfach gefördert werden kann. Wenn aus diesem Feld eine bestimmte Menge gefördert wurde, sinkt der Druck. Die Ölvorkommen im betreffenden Feld weisen dann auch eine hohe Viskosität auf. Wenn dieser Zeitpunkt erreicht ist, kann man das Öl nur noch mit technischen Hilfsmitteln fördern. Zu diesen Techniken gehören Horizontalbohrungen, das Einleiten von Wasser, Gasen und chemischen Hilfsmitteln. Bei konventionellen Ölfeldern geht man davon aus, dass bis zu 10 - 15% des Ölvorkommens in einem Ölfeld durch den Eigendruck und weitere 30 – 40% mit technischen Hilfsmitteln gefördert werden können. Bis dieses Niveau abgeschöpft ist, bleibt die Fördermenge pro Tag (Förderquote) auf hohem Niveau. Steigern lässt sich die Förderquote indes nicht mehr. Danach nimmt die Förderquote kontinuierlich und irreversibel ab. Je nach technischem Aufwand zwischen 4 und 10% pro Jahr, wobei die Ölfelder, die mit hohem technischem Aufwand erschlossen wurden (z.B. Tiefseefelder, die von teuren Ölplattformen angezapft werden) einen besonders hohen Produktionsrückgang haben.

Überträgt man dies auf alle vorhandenen Ölfelder, so erhält man eine Förderkurve, die die Weltölförderung darstellt. Verfechter der Peak-Oil Theorie gehen davon aus, dass es sich hierbei um eine Glockenkurve handelt. Die Ermittlung des Fördermaximums ist jedoch problematisch, da politische und ökonomische Faktoren die Förderung beeinflussen – vor allem die OPEC hat häufiger die Förderung „künstlich“ zurückgefahren, um durch Angebotsverknappung den Preis nach oben zu korrigieren. Heutzutage fördern jedoch fast alle Quellen auf maximalem Leistungsniveau. Nur Saudi-Arabien gibt an, noch über Reservekapazitäten in Höhe von 1,5 Mio. Barrel pro Tag zu verfügen. Dies wird allerdings von einigen Experten bezweifelt. Da viele der großen Ölfelder bereits die Phase erreicht haben, in der von Jahr zu Jahr die Förderung zurückgeht, müssen jedes Jahr mindestens so viele Ölfelder neu erschlossen werden, um den Produktionsrückgang der alten Felder zu kompensieren. Erst wenn die neu erschlossene Fördermenge den Förderrückgang der alten Felder übersteigt, steigt auch die Gesamtfördermenge.

Als Peak-Oil wird der Zeitpunkt bezeichnet, an dem der Rückgang der Fördermenge der alten Felder größer ist, als die Fördermengen neu erschlossener Felder und die Gesamtförderquote irreversibel abnimmt. Während die Gesamtförderquote noch in den Jahren 2002 bis 2005 stark zunahm, konnte die Fördermengen seitdem nur noch gering gesteigert werden. Vor allem die großen Felder in der Nordsee und im Golf von Mexiko verzeichnen einen substantiellen Rückgang bei den Förderquoten. Bislang kann dies durch die Erschließung neuer Felder in Afrika und am Kaspischen Meer und die Intensivierung des Abbaus von Ölsand in Kanada ausgeglichen werden. Dennoch kann die Steigerung der Fördermenge nur noch mühsam mit der Steigerung der Nachfrage mithalten.

Angebot und Nachfrage

Abseits jeglicher Spekulationen wird der Ölpreis über Angebot und Nachfrage bestimmt. Das Handelsgut Öl weist eine sehr geringe Preiselastizität in der Nachfrage auf – wenn der Preis stark steigt, sinkt die Nachfrage nur leicht. Grund dafür ist unter anderem die Ölpreisbindung bei den Substituten. Es bringt beispielsweise dem Endkunden keinen großen preislichen Vorteil, wenn er seine Heizung auf Erdgas umstellt, da der Preis des Gases an den Ölpreis gekoppelt ist. Vermehrte Nutzung des Schienenverkehrs, der Kauf verbrauchsreduzierter Automobile und andere Ausweichstrategien drosseln die Nachfrage ferner nur in geringem Maße. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, Indiens und vieler anderer ehemaliger Entwicklungsländer ist die Weltnachfrage in den letzen Jahren stark angestiegen. Dies wäre kein großes Problem, hätten die OPEC-Staaten Reservekapazitäten, mit denen sie dieses Nachfrageplus bedienen könnten – diese Kapazitäten sind allerdings seit 2005 nicht mehr vorhanden. Die Folge ist die Drosselung der Nachfrage über den steigenden Ölpreis. Da Öl eine sehr geringe Preiselastizität aufweist, „explodiert“ auch der Ölpreis.

Spekulation

Neben den Handel mit realem - also physischem - Öl gibt es noch den Warenterminhandel. Wenn man die Statements der Politik und vieler Medien (unter anderem im aktuellen SPIEGEL) vernimmt, so entsteht der Eindruck, Spekulanten seien maßgeblich für den stark steigenden Ölpreis verantwortlich. Zweifelsohne haben Spekulanten Einfluss auf den Ölpreis – auf den kurzfristigen Ölpreis (Tageskurs) haben Spekulationen sogar einen sehr großen Einfluss, bei der langfristigen Preisentwicklung ist der Einfluss von Spekulationen indes überschaubar. Wer über den Einfluss von Spekulationen debattiert, der sollte sich erst einmal verdeutlichen, was Warentermingeschäfte (Futures) überhaupt sind.

Der Handel mit „Papieröl“ orientiert sich zwar am realen Ölhandel, die Papiere, die über die Warenterminbörsen gehandelt werden, sind jedoch fast ausschließlich reine Papiergeschäfte, bei denen keine der Seiten auf die physische Transaktion der Ware besteht. „Futures“ sind Nullsummenspiele. Was ein Spekulant gewinnt, verliert der andere Spekulant. Das real gehandelte Öl wird indes zwischen zwei „echten“ Markteilnehmern gehandelt. Wenn also ein Barrel Öl für 130 US$ den Besitzer wechselt, so „verdient“ ein Spekulant daran gar nichts, sondern nur der Verkäufer realen Öls. Ein typischer Ölfuture ist beispielsweise ein Kontrakt, in dem ein Marktteilnehmer den Titel erwirbt im Januar 2009 von einem anderen Marktteilnehmer ein Papier zu 150 US$ zu erwerben, das den Transfer eines Barrel “Brent Crude” Öls repräsentiert. Beträgt der Rohölpreis im Januar 2009 beispielsweise 180 US$, so hat der Käufer 30 US$ gewonnen – diese Summe hat der Verkäufer allerdings verloren, da er eine Ware, die der er sich zu 180 US$ am Handelstag “besorgen” muss, für 150 US$ weitergibt.

„Futures“ beinhalten noch stärker als andere Wertpapiere bereits vorweggenommene Entwicklungen. Die momentan zu beobachtende „Rally“ am Ölmarkt ist auf die allgemeine Erwartung zurückzuführen, dass die Angebotsseite mittel- bis langfristig die Nachfrage zum momentanen Preis nicht decken kann. Dennoch sollte man sich dessen bewusst sein, dass es für jeden Käufer auch einen Verkäufer gibt, also einen professionellen Marktteilnehmer, der die Wette annimmt.

Während der Warenterminhandel noch vor wenigen Jahren größtenteils aus einem geschlossenen Kreis aus Zockern bestand, strömen seit dem Platzen der Kreditblase vermehrt professionelle Anleger aus verschiedenen Hedgefonds auf den Markt. Es ist zu viel Geld vorhanden, das eine Anlagemöglichkeit sucht. Wenn Hedgefonds nur mit einem geringem Portfolioanteil in den Ölmarkt einsteigen, der ein überschaubares Volumen hat, so sorgt dies bereits für hektische Kursentwicklungen. Sie spekulieren momentan auf langfristig steigende Preise und sorgen dadurch für einen massiven Kursanstieg. Da der Markt allerdings ein Nullsummenspiel ist, gibt es für jeden „Gewinner“ auch einen „Verlierer“. Es bleibt daher abzuwarten, ob die „alten Hasen“ im Markt ihr Spekulationskapital wirklich den Fonds überlassen, oder ob die Fonds sich auf diesem Markt eine blutige Nase holen. Neu aufgelegte „strukturierte Produkte“, die es dem Kleinanleger erlauben „mit zu zocken“, sind daher auch mit äußerster Vorsicht zu genießen. Kleine Fische werden in einem Teich voller Haie in der Regel gefressen – der Ölmarkt wird da keine Ausnahme machen.

In den letzten fünf Jahren hat die Menge an „Papieröl“, das von Spekulanten gehalten wird, sich um 684 Mio. Barrel auf 830 Mio. Barrel gesteigert. Dies sind im Schnitt 1,83 Mio. Barrel pro Tag. Dies ist ungefähr die Nachfrage Großbritanniens, aber weniger als ¼ der Nachfrage Chinas. Würde beispielsweise Saudi-Arabien seine Förderquote um diese Menge steigern, wäre der Einfluss der Spekulanten auf den langfristigen Preis neutralisiert und der Ölpreis würde vorerst wieder auf ein erträgliches Niveau sinken. Spekulationen sind sicher ein Bestandteil der Ölpreisexplosion – gemessen an der realen Nachfrageentwicklung allerdings ein eher geringer. Desweiteren generieren diese Spekulationen keine luftleere Nachfrage bei den momentanen Preisen. Hätte der reale Ölsektor die Möglichkeit, über Angebotsausweitung auf die Preise zu reagieren, gäbe es diese Spekulationen gar nicht. Wer Spekulationen als Ursache für die Ölpreisexplosion angibt, übersieht nicht nur die reale Grundlage, die diese Spekulationen ermöglicht, sondern streut dem Leser/Zuhörer Sand in die Augen. Der Ölpreis wäre auch ohne die Einwirkung von Spekulationen massiv gestiegen – ob er jetzt bei 80 US$ , 100 US$ oder 120 US$ läge, ist indes schwer zu sagen.

Der Umstand, dass Spekulanten Einfluss auf ein Gut haben, an dessen Preis die gesamte Weltwirtschaft hängt, ist nichtsdestotrotz zu kritisieren. Niemand kann marktnahen Teilnehmern verbieten, mit „Futures“ zu handeln – Spieler, Hedgefonds und Kleinanleger haben auf diesem Spielfeld allerdings nichts zu suchen, da der Schaden, den sie durch ihr Handeln anrichten könnten gewaltig ist.

Politischer Handlungsspielraum

Will man nicht von marktwirtschaftlichen Preisfindungsmechanismen abgehen, so hat die Politik fast keinen Spielraum, wenn es darum geht, den Ölpreis auf ein gesundes Niveau zu senken. Die momentan in Europa diskutierte Senkung der Steuerlast auf Mineralölprodukte würde zwar die Binnenwirtschaft entlasten, da sie dem Endkunden mehr Geld in der Tasche belässt. Für den Ölmarkt hätte dies allerdings den ungewollten Effekt, die Nachfrage zu stimulieren. Eine Entkopplung des Gaspreises vom Ölpreis würde mittel- bis langfristig die Nachfrage nach Öl senken – dafür würde man sich noch stärker als jetzt in eine Abhängigkeit der großen Gasexporteure begeben, was aus dem Standpunkt der Energiesicherheit kaum zu verantworten wäre. Ein „Jahrhundertvertrag“ mit Russland – der beispielsweise die Steigerung des Gaspreises an die Entwicklung des Bruttoinlandproduktes beider Länder koppeln würde – wäre ein epochaler Schritt in Richtung Preissicherheit. Dann hätte die Gazprom allerdings eine Waffe in der Hand, mit der sie eine ganze Volkswirtschaft erpressen könnte. Ob dies eine sinnvolle Alternative ist?

Es ist zu erwarten, dass der Ölpreis so lange ansteigt, bis die Nachfrage signifikant nachlässt. Dies wird aber erst dann passieren, wenn die Weltwirtschaft sich aufgrund dieser Preisentwicklung merklich abkühlt. Wenn der deutsche Endkunde sich wegen hoher Energiekosten weder den Flug in den Sommerurlaub leisten kann, noch die Spritztour am Wochenende, sinkt der Ölbedarf. Wenn er auch kein Geld mehr für chinesische Importprodukte hat, kühlt die Wirtschaftsentwicklung in China ab, Leute müssen dort entlassen werden und können sich keine Motorräder und Autos mehr kaufen. In einer globalisierten Weltwirtschaft hängt alles zusammen und nur durch eine Rezession wird der Ölpreis nachhaltig sinken. Sollte der „Worst Case“ eintreten und diese Entwicklung von einem Rückgang der Förderquote in den OPEC-Ländern begleitet werden, wie es die „Peak-Oil“ Fraktion prognostiziert, dann könnte dies der Auslöser einer langanhaltenden weltweiten Depression sein – das Ende des Karbonzeitalters. Dies ist allerdings nur eine mögliche Entwicklung, die technische Fortschritte außer acht lässt. Auf der Abnehmerseite ermöglicht der hohe Ölpreis die Entwicklung und Markteinführung von Substituten (Wasserstoff, Holz, Solarenergie u.a.) und auch auf der Angebotsseite steht die Technik nicht still. Neben neuen Techniken, Öl aus Ersatzstoffen herzustellen, arbeitet die Mineralölbranche auch an neuen Techniken, den Rest aus „versiegten“ Ölfeldern zu fördern und die Menge, um die es dabei geht, ist immerhin genau so groß, wie die Menge sämtlichen Öls, das die Menschheit bis heute verbrannt hat.

Quellen: Matthew Simmons, EIA

Jens Berger

Bildnachweis: Spiegelfechter, Matthew Simmons

Kategorie: Energie | 106 Kommentare

Der Untergang von Big Oil

05. Juni 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Die großen privaten Ölmultis aus den USA und Europa verlieren Jahr für Jahr Marktanteile an eine immer stärker und selbstbewusster werdende Konkurrenz aus staatlichen Ölkonzernen.

Bei einem Spotmarktpreis von 130 US$ pro Barrel hat der weltweite Ölmarkt ein jährliches Volumen von über 4.000 Mrd. US$. Mit rund 10% des weltweiten Bruttoinlandproduktes ist er damit der größte Wirtschaftzweig. Noch vor wenigen Jahrzehnten kontrollierten die westlichen Erdölmultis diesen Wirtschaftssektor. Obwohl sich die Ölförderstaaten mit der Zeit emanzipierten, haben die internationalen Multis noch vor zehn Jahren die Spielregeln bestimmt. Sie hatten das Know How, die politische Protektion des Westens und vor allem das Kapital, um Erdölvorkommen zu erschließen. Länder wie Russland, Venezuela oder die Anrainer des Kaspischen Meeres mussten mit ihnen ins Geschäft kommen, um aus dem schwarzen Gold tief in der Erde die begehrten Petrodollar zu machen. Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich dies diametral geändert – westliche Multis werden von Staatsunternehmen aus bestehenden Verträgen gedrängt und in den „neuen“ Erdölländern Südamerikas, Asiens und Afrikas stehen die westlichen Multis einer neuen Konkurrenz aus chinesischen, indischen und russischen Staatsunternehmen gegenüber. Die politischen und ökonomischen Implikationen aus diesem Paradigmenwechsel sind von höchster Priorität, dennoch wirkt der Westen in seinem Handeln eher wie ein Kaninchen vor der Schlange.

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Kategorie: Ausland, Energie, Wirtschaft | 3 Kommentare

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SR2 - Fragen an den Autor: Das Ende der Massenarbeitslosigkeit

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