Iraks Schwarzes Gold
05. Juli 2008 von Spiegelfechter - Drucken
Im Jahre 1999 erklärte der spätere US-Vizepräsident Cheney den auf einer Konferenz in London anwesenden Ölmännern seine Vision vom Nahen Osten als Hauptgewinn im internationalen Kampf ums Schwarze Gold. Gemessen an seiner damaligen Vision, ist der Irakkrieg sowohl für die USA, als auch für die US-Ölindustrie, ein miserables Geschäft. Die Produktion dümpelte lange vor sich hin und konnte erst in diesem Jahr wieder „Vorkriegsniveau“ erreichen. Ausländische Ölfirmen warten indes immer noch auf die begehrten PSAs (Production Sharing Agreements), mit denen sie sich Teile des gigantischen Ölreichtums Iraks sichern können. Grundlage für Investitionen ausländischer Ölfirmen wäre ein Ölgesetz, das sowohl die Ansprüche ausländischer Firmen, als auch die Verteilung der Öleinnahmen innerhalb der Regionen des Iraks klären muss. Die ölreichen Nord- und Südprovinzen, die mehrheitlich von Kurden bzw. Schiiten bewohnt werden, haben bislang ein nationales Ölgesetz blockiert und es erscheint mehr als fraglich, ob und wann ein solches Gesetz beschlossen werden kann, das auch die Vergabe von Förderlizenzen der Zentralregierung in Bagdad überträgt.
Seit nunmehr zwei Jahren üben Washington und die internationalen Ölmultis spürbaren Druck auf die Regierung al-Maliki aus, PSAs an internationale Unternehmen zu vergeben, die in einem Ölgesetz festgeschrieben werden sollen. Eine Vergabe von PSAs an ausländische Ölfirmen ist momentan im Irak innenpolitisch allerdings nicht durchsetzbar. Dies musste auch der irakische Ölminister Hussain al-Shahristani einsehen, als er auf den internationalen Druck, Irak solle angesichts der Lieferengpässe auf dem Weltölmarkt schnellstens in seine Ölförderung investieren, mit einem Kompromissangebot antwortete, das „Big-Oil“ zwar ins Geschäft rund um das irakische Öl bringt, aber keinesfalls in der Form, die man sich in den Konzernzentralen der Ölgiganten gewünscht hätte.
Das irakische Ölministerium hat jetzt 41 internationale Ölfirmen – darunter auch die deutsche Wintershall – eingeladen, sich an den Ausschreibungen für diverse Projekte zu beteiligen. Der Inhalt dieser Ausschreibungen ist unbekannt – es ist allerdings anzunehmen, dass es hier lediglich um Service- und Förderverträge geht, die den Ölfirmen keine Beteiligung an den Ölfeldern selbst zugestehen. Dies ist nach gültigem irakischem Recht nämlich nicht möglich. Das große Ölgeschäft läuft auch abseits dieser neu ausgeschriebenen Projekte, die nächstes Jahr unterzeichnet werden sollen.
Zwei Drittel der aktuellen irakischen Ölförderung und ein bis zwei Drittel der vermuteten Erdölreserven des Landes konzentrieren sich auf sechs gigantische Ölfelder. Die Bohrtechnik auf diesen Feldern stammt zu einem großen Teil noch aus der Zeit, bevor Saddam Hussein die Ölwirtschaft verstaatlichte, da der Irak in den Zeiten des irakisch-iranischen Golfkrieges, der internationalen Sanktionen und in der jüngeren Zeit nach der US-Invasion kaum Zugang zu internationaler Beratung und technischer Ausrüstung hatte. Dementsprechend gering ist auch die Förderquote auf diesen Feldern. Die Verträge, die das irakische Ölministerium nun mit den internationalen Multis schließen will, sind sogenannte Dienstleisterverträge, bei denen die Multis lediglich Service- und Beratertätigkeiten ausführen – sie fördern nicht selbst und erwerben sich keine Rechte jedweder Art an dem geförderten Öl und den Reserven der betreffenden Felder. Für ihre Beraterrolle bekommen sie einen fixen Vertrag, der nicht mit der geförderten Ölmenge korrespondiert. Diese Verträge sind auf zwei Jahre abgeschlossen, danach soll neu verhandelt werden. Kritisch ist anzumerken, dass diese Verträge nicht ausgeschrieben wurden, sondern die Multis die Verträge exklusiv vom irakischen Ölministerium zugeteilt bekamen. Verträge dieser Art sind nicht ungewöhnlich – die staatlichen Ölgesellschaften Saudi-Arabiens und Kuwaits haben mit westlichen Öldienstleistern ganz ähnliche Verträge abgeschlossen. Der entscheidende Unterschied zu diesen Verträgen besteht jedoch in der Branche der Vertragspartner. Ölmultis, wie Shell oder BP, verfügen gar nicht über das Know-How für diese Tätigkeiten – sie haben diese Bereiche selbst ausgelagert und kaufen sie Bedarf bei Firmen wie Baker-Hughes, Schlumberger oder Saipem ein, die auch Vertragspartner der Saudis und Kuwaitis sind.
Warum sollte also der irakische Staat Verträge mit Ölmultis abschließen, von denen er gar nichts hat? Man könnte diese Verträge eher als eine Art Schutzgeld an „Big-Oil“ und deren politische Hintermänner verstehen, die langsam die Geduld mit dem Irak zu verlieren drohen. Für die Multis sind diese Verträge nicht der große Gewinn, den sie sich erhofft haben –sie wollen Förderrechte und PSAs, aber keine Beraterverträge.
Förderrechte in Form von PSAs werden derzeit allerdings im Nordirak von der Kurdischen Autonomieverwaltung abgeschlossen. Bereits 20 Verträge dieser Art sind unterzeichnet – die Unterzeichnerfirmen gehören eher zu den kleinen Fischen im Ölgeschäft. Unter ihnen finden sich z.B. drei türkische Unternehmen, die österreichische ÖMV, die ungarische MOL und koreanische Ölunternehmen. Keines dieser Unternehmen hat eine Einladung vom irakischen Ölministerium bekommen, sich an den Projekten zu beteiligen, die von der Zentralregierung ausgeschrieben wurden. Die kurdischen Ölabkommen sind nach irakischem Recht auch illegal und die Verträge demnach nichtig. Die kurdische Autonomiebehörde sieht dies allerdings diametral anders und somit stellen diese Verträge ein weiteres – scheinbar unüberwindbares – Hindernis für ein irakisches Ölgesetz dar, dem auch die Kurden zustimmen.
Die Verträge, die die Kurden aushandeln, sind für die kurdische Seite durchaus fair. 10% der projektierten Fördergewinne müssen im Voraus an die Kurdische Regierung überwiesen werden, danach kann der private Partner seine Kosten mit einer Umsatzbeteiligung wieder hereinholen – ist dies geschehen, muss er sich mit einer 15% Minderheitsbeteiligung begnügen. Rechtliche Ansprüche auf die Reserven hat der internationale Partner indes nicht. Verträge dieser Art sind momentan – sehr zum Ärgernis der Ölmultis – internationaler Usus. Bei den kurdischen Verträgen kommt indes eine Komponente hinzu, die an eine Art positives Schmiergeld erinnert. Der internationale Partner verpflichtet sich ebenfalls, auf eigene Kosten Infrastrukturprojekte in der kurdischen Autonomieregion umzusetzen. Die Kosten für diese verdeckten Zahlungen werden weder publik gemacht, noch mit den Einnahmen aus der Ölförderung verrechnet.
Die Kurden behaupten zwar, die Gewinne aus den Ölgeschäften würden in einen Fonds gehen, der auch an die mittel- und südirakischen Regionen ausbezahlt wird, wenn es erst einmal ein nationales Ölgesetz gibt. Dies ist allerdings kaum anzunehmen und die Komponente „Infrastrukturinvestitionen“ verbliebe in diesem Falle auch vollends in kurdischer Hand. Es wundert daher nicht, dass die irakische Zentralregierung das Treiben der Kurden mit äußerstem Argwohn beobachtet. Die USA stehen den kurdischen Verträgen ebenfalls ablehnend gegenüber, da sie nicht nur das gewünschte Ölgesetz behindern, sondern auch dem Separatismus im Irak Vorschub leisten. Umso peinlicher ist es da für die USA, dass die US-Firma Hunt-Oil, die dem Bush-Buddie und ehemaligen Haliburton-Vorstand Ray Hunt gehört, eine der Vertragspartnerinnen der kurdischen Autonomiebehörde ist. Um die Frage, ob die Regierung oder regierungsnahe Kreise Hunt grünes Licht für diese Aktion gegeben haben, spielt sich in den USA momentan eine regelrechte Politposse ab.
Das schwarze Gold Iraks kann erst dann im Sinne der Besatzer und der internationalen Multis ausgebeutet werden, wenn die irakische Regierung ein Ölgesetz verabschiedet. Der aktuelle Entwurf, der ohne Zweifel aus den Federn amerikanischer Berater stammt, hat nicht die geringste Chance umgesetzt zu werden – neben den Kurden und Schiiten geht er sogar den amerikafreundlichen Sunniten in der Allparteienregierung zu weit. Sollte je ein Ölgesetz umgesetzt werden, so wird es eher die Handschrift der ölreichen Regionen tragen, die bereits Fakten schaffen, die kaum mehr rückgängig zu machen sind. Eine jedwede Beteiligung von „Big Oil“ an den großen Ölfeldern scheint ausgeschlossen zu sein – kein Politiker im Irak würde dies unterzeichnen. Dies aus gutem Grund – die Investitionen für diese bereits weitgehend erschlossenen Felder sind minimal. Das technische Know-How, sie professionell weiter zu erschließen ist international verfügbar – die Chinesen besitzen es, ebenso die Russen und diverse andere Staaten. Es besteht daher kein Grund, internationale Multis an einem lukrativen Feld zu beteiligen, das von vielen anderen Partnern mit Kusshand auch ohne eine Beteiligung erschlossen und betreut würde.
Die USA haben den Irakkrieg wegen Massenvernichtungswaffen, Demokratie, Terrorismus und Öl geführt. Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden, die Demokratie wird seitens der USA schon wieder abgemildert, da man keine demokratisch legitimierten iranfreundlichen Schiiten an der Macht sehen will, der Terrorismus wurde durch den Krieg massiv verstärkt und noch nicht einmal vom Ölreichtum des Landes bekommt man etwas ab. Der Irakkrieg wird wohl als Torheit ohne Gleichen in die Geschichte amerikanischer Außenpolitik eingehen. Aber im Weißen Haus sollte niemand sagen, man habe sie nicht im Vorfeld gewarnt.
Jens Berger
Bildnachweis (v.o.n.u.): Youth Climate Movement, US Army Forces Strategic Command, Unity 2008, Oilchange International
Kategorie: Ausland, Energie, Irak, USA | 46 Kommentare





























































„Wir ertrinken im Öl“ – so lautete die
Überträgt man dies auf alle vorhandenen Ölfelder, so erhält man eine Förderkurve, die die Weltölförderung darstellt. Verfechter der Peak-Oil Theorie gehen davon aus, dass es sich hierbei um eine Glockenkurve handelt. Die Ermittlung des Fördermaximums ist jedoch problematisch, da politische und ökonomische Faktoren die Förderung beeinflussen – vor allem die OPEC hat häufiger die Förderung „künstlich“ zurückgefahren, um durch Angebotsverknappung den Preis nach oben zu korrigieren. Heutzutage fördern jedoch fast alle Quellen auf maximalem Leistungsniveau. Nur Saudi-Arabien gibt an, noch über Reservekapazitäten in Höhe von 1,5 Mio. Barrel pro Tag zu verfügen. Dies wird allerdings von einigen Experten bezweifelt. Da viele der großen Ölfelder bereits die Phase erreicht haben, in der von Jahr zu Jahr die Förderung zurückgeht, müssen jedes Jahr mindestens so viele Ölfelder neu erschlossen werden, um den Produktionsrückgang der alten Felder zu kompensieren. Erst wenn die neu erschlossene Fördermenge den Förderrückgang der alten Felder übersteigt, steigt auch die Gesamtfördermenge.
Der Handel mit „Papieröl“ orientiert sich zwar am realen Ölhandel, die Papiere, die über die Warenterminbörsen gehandelt werden, sind jedoch fast ausschließlich reine Papiergeschäfte, bei denen keine der Seiten auf die physische Transaktion der Ware besteht. „Futures“ sind Nullsummenspiele. Was ein Spekulant gewinnt, verliert der andere Spekulant. Das real gehandelte Öl wird indes zwischen zwei „echten“ Markteilnehmern gehandelt. Wenn also ein Barrel Öl für 130 US$ den Besitzer wechselt, so „verdient“ ein Spekulant daran gar nichts, sondern nur der Verkäufer realen Öls. Ein typischer Ölfuture ist beispielsweise ein Kontrakt, in dem ein Marktteilnehmer den Titel erwirbt im Januar 2009 von einem anderen Marktteilnehmer ein Papier zu 150 US$ zu erwerben, das den Transfer eines Barrel “Brent Crude” Öls repräsentiert. Beträgt der Rohölpreis im Januar 2009 beispielsweise 180 US$, so hat der Käufer 30 US$ gewonnen – diese Summe hat der Verkäufer allerdings verloren, da er eine Ware, die der er sich zu 180 US$ am Handelstag “besorgen” muss, für 150 US$ weitergibt.
Will man nicht von marktwirtschaftlichen Preisfindungsmechanismen abgehen, so hat die Politik fast keinen Spielraum, wenn es darum geht, den Ölpreis auf ein gesundes Niveau zu senken. Die momentan in Europa diskutierte Senkung der Steuerlast auf Mineralölprodukte würde zwar die Binnenwirtschaft entlasten, da sie dem Endkunden mehr Geld in der Tasche belässt. Für den Ölmarkt hätte dies allerdings den ungewollten Effekt, die Nachfrage zu stimulieren. Eine Entkopplung des Gaspreises vom Ölpreis würde mittel- bis langfristig die Nachfrage nach Öl senken – dafür würde man sich noch stärker als jetzt in eine Abhängigkeit der großen Gasexporteure begeben, was aus dem Standpunkt der Energiesicherheit kaum zu verantworten wäre. Ein „Jahrhundertvertrag“ mit Russland – der beispielsweise die Steigerung des Gaspreises an die Entwicklung des Bruttoinlandproduktes beider Länder koppeln würde – wäre ein epochaler Schritt in Richtung Preissicherheit. Dann hätte die Gazprom allerdings eine Waffe in der Hand, mit der sie eine ganze Volkswirtschaft erpressen könnte. Ob dies eine sinnvolle Alternative ist?
Bei einem Spotmarktpreis von 130 US$ pro Barrel hat der weltweite Ölmarkt ein jährliches Volumen von über 4.000 Mrd. US$. Mit rund 10% des weltweiten Bruttoinlandproduktes ist er damit der größte Wirtschaftzweig. Noch vor wenigen Jahrzehnten kontrollierten die westlichen Erdölmultis diesen Wirtschaftssektor. Obwohl sich die Ölförderstaaten mit der Zeit emanzipierten, haben die internationalen Multis noch vor zehn Jahren die Spielregeln bestimmt. Sie hatten das Know How, die politische Protektion des Westens und vor allem das Kapital, um Erdölvorkommen zu erschließen. Länder wie Russland, Venezuela oder die Anrainer des Kaspischen Meeres mussten mit ihnen ins Geschäft kommen, um aus dem schwarzen Gold tief in der Erde die begehrten Petrodollar zu machen. Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich dies diametral geändert – westliche Multis werden von Staatsunternehmen aus bestehenden Verträgen gedrängt und in den „neuen“ Erdölländern Südamerikas, Asiens und Afrikas stehen die westlichen Multis einer neuen Konkurrenz aus chinesischen, indischen und russischen Staatsunternehmen gegenüber. Die politischen und ökonomischen Implikationen aus diesem Paradigmenwechsel sind von höchster Priorität, dennoch wirkt der Westen in seinem Handeln eher wie ein Kaninchen vor der Schlange.














