Der Krieg, der keiner sein darf
24. Juni 2009 von Spiegelfechter - Drucken
“When I see a bird that walks like a duck and swims like a duck and quacks like a duck, I call that bird a duck” – von James Whitcomb Riley und seiner simplen Logik könnte sich auch so mancher Politiker in Berlin eine Scheibe abschneiden. Vor allem im Verteidigungsministerium spricht man dann, wenn in Afghanistan wieder einmal deutsche Soldaten im Kampf gefallen sind, meist von tragischen Unfällen oder feigen Anschlägen von Terroristen, bei denen deutsche Soldaten getötet wurden. Deutsche Soldaten fallen nicht im Kampf. Sie kämpfen auch nicht, sondern sie bauen Kindergärten, Strassen und Brunnen. Folgerichtig führt Deutschland in Afghanistan auch keinen Krieg, sondern eine „Stablisierungsmission“. Bundeswehrtruppen sind keine Besatzer, sie sind Befreier. So will es zumindest Verteidigungsminister Franz-Josef Jung. Deutlichere Worte für die deutsche Afghanistan-Mission findet da ein Bundeswehrangehöriger, der vom Wehrbeauftragten Reinhold Robbe mit den Worten zitiert wird: „Wir bauen hier im Moment keine Brücken und bohren keine Brunnen. Wir befinden uns hier im Krieg“. Sein oberster Dienstherr in Berlin sieht dies freilich anders, aber worauf Jung seine abstruse Semantik baut, ist nicht ersichtlich. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan erfüllt alle Kriterien eines Krieges.
Im Hauptquartier der ISAF-Mission der NATO vergeht in letzter Zeit kaum ein Tag, an dem die Flagge nicht auf Halbmast weht, weil ein Soldat der westlichen Koalition im Kampf gefallen ist. Allein die britische Armee hat seit Beginn des Jahres 130 Gefallene zu beklagen. Jeden zweiten Tag stirbt ein britischer Soldat in Afghanistan im Kampfeinsatz. Die Zahl der deutschen Soldaten, die in Afghanistan ihr Leben lassen mussten, hat mit sich mit dem jüngsten Vorfall in der Region Kundus, bei dem drei Soldaten fielen, auf 35 erhöht, wobei fast jeder Beobachter davon ausgeht, dass sich diese Zahl in den nächsten Monaten drastisch erhöhen wird. Die Region Kundus ist zum Kriegsgebiet geworden und deutsche Soldaten gehören dabei zu einer der beiden Kriegsparteien. Heute haben es die deutschen Soldaten nicht nur mit Sprengfallen und Selbstmordattentätern zu tun – die Taliban haben aufgerüstet und greifen die NATO-Truppen frontal an. Bundeswehrsoldaten sprechen – halb anerkennend, halb verstört – mittlerweile von „offenen Gefechten“.
Alleine für die erste Juniwoche verzeichnete die Statistik der ISAF 400 Angriffe auf ihre Soldaten. Obgleich die NATO die ISAF-Truppen seit dem Jahr 2003 von damals 5.000 auf heute 61.000 Mann aufgestockt hat, hat die Intensität des Widerstands in den letzen Monaten ein bisher nicht gekanntes Ausmaß erreicht. Die Mahner haben recht behalten und naive Politiker wurden Lügen gestraft – von ziviler Aufbauhilfe und der Ausbildung afghanischer Regierungstruppen ist kaum mehr die Rede. Der Afghanistaneinsatz der NATO ist in einer Sackgasse angekommen. Die Befriedung des Landes ist ferner denn je und nun droht der Konflikt auch auf die Atommacht Pakistan überzugreifen. Wie Goethes Zauberlehrling ist die NATO in einer Situation angekommen, bei der sie die Geister, die sie rief, nicht mehr loswerden kann. Aber der helfende Meister ist, anders als beim Zauberlehrling, nirgends in Sicht. Mit seiner Strategie, den Fokus vom Irak auf den Hindukusch zu verlagern, könnte US-Präsident Obama die NATO in eine neue „Mission Impossible“ manövrieren. Wie würde der Bundestag entscheiden, wenn die USA Deutschland förmlich bitten würden, die amerikanischen Truppen in den Südprovinzen Afghanistans, die nun in Pakistan gebraucht werden, zu ersetzen? Hat Deutschland überhaupt den Mut, sich – wie weiland 2003 Kanzler Schröder – gegen seine Verbündeten und zu stellen und eine einseitige „Exit-Strategie“ auszuarbeiten?
Nach Sicht der Großkoalitionäre wird der deutsche Afghanistaneinsatz noch zwischen zwei Jahren (Steinmeier) und zehn Jahren (Jung) fortgeführt werden müssen. Doch derlei Zahlen haben keinen Wert, da sie explizit an die „Erfolge“ des Einsatzes gekoppelt sind. Erfolge sind allerdings auf breiter Flur nicht auszumachen. Deutschland verfügt nicht nur nicht über eine „Exit-Strategie“ – überhaupt existiert unter den NATO-Partnern noch nicht einmal eine realistische Strategie, wie man auf die geänderte Gemengelage reagieren soll. Das westliche Militärbündnis droht eher kopf- und planlos in den Wirren am Hindukusch zu versinken. Die Zahl der Besatzungstruppen hat bereits fast das Niveau der sowjetischen Besatzer in den 1980er Jahren erreicht. Die Sowjetunion verließ nach zehn Jahren das Land – die NATO-Staaten führen nun seit acht Jahren Krieg in Afghanistan.

Wenn eine Nation Krieg führt, kann sie sich natürlich nicht bei den ersten Verlusten aus dem Staub machen. Aber ein Abzug aus Afghanistan wäre keine Feigheit vor dem Feind. Dass die Bundeswehr in dieser Truppenstärke nicht ewig am Hindukusch bleiben kann, ist auch der Bundesregierung klar. Längst geht es eigentlich nur mehr darum, sich zurückzuziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Bis sich eine Gelegenheit findet, den Kriegseinsatz zu beenden, muss die Regierung allerdings in aller Klarheit Farbe bekennen, was der „Staatsbürger in Uniform“ eigentlich so fern der Heimat macht. Wer den Krieg nicht beim Namen nennt, täuscht nicht nur die Bevölkerung – er verhöhnt auch die Bundeswehrsoldaten, die am Hindukusch tagtäglich um ihr Leben bangen müssen. Berufssoldaten müssen damit rechnen, von ihrem Land in einen Krieg geschickt zu werden, aus dem sie vielleicht nur im Zinksarg zurückkehren. Wer sein höchstes Gut – sein Leben – für sein Land gibt, hat allerdings verdient, dass die Demokratie, für die er sein Leben opfert, offen und ehrlich die Argumente für und wider diesen Kriegseinsatz diskutiert.
Der NATO-Einsatz in Afghanistan ist eine direkte Folge der Anschläge auf das World Trade Center, da das westliche Bündnis den Terrorakt als Angriff auf einen seiner Verbündeten interpretiert. Die Anschläge von New York wurden allerdings nicht von afghanischen Freischärlern, sondern von saudischen Koranschülern ausgeführt. Nach dem momentanen Erkenntnisstand waren auch die Hintermänner und die Finanziers Saudis. Wenn Afghanistan nun aber bei den Anschlägen nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat, ist der ganze Kriegseinsatz der NATO weder mit ihren Statuten noch mit dem deutschen Grundgesetz zu vereinbaren. Die Öffentlichkeit und die Bundeswehr haben eine Erklärung verdient, wofür deutsche Soldaten sterben und wofür sie im Namen der Bundesrepublik töten. Über die Zahl der von deutscher Hand getöteten afghanischen Freischärler und die Zahl der ermordeten Zivilisten gibt es wohlweislich keine ISAF-Statistik. Deutschland führt in Afghanistan Krieg – warum fällt dieser Satz deutschen Politikern so schwer? Anstatt das Kind beim Namen zu nennen, führt man in Berlin lieber wieder Tapferkeitsmedallien für deutsche Soldaten ein – erstmals seit 1945.
Zu diesem Thema auch:
Lutz Herden: Das Vokabular holt auf
Peter Scholl Latour: Raus aus Afghanistan
Jens Berger
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Kategorie: Ausland, Deutschland, Geopolitik | 123 Kommentare







































































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Das Kosovo im August 2004 – nachdem Albaner seit Mitte März 2004 unter den Augen der NATO schwere Pogrome vornahmen, bei denen über 4.000 Serben vertrieben wurden, nahm der serbische Präsident Milosevic das Heft des Handelns in die Hand. Am 13. August 2004 eröffnete serbische Artillerie das Feuer auf kosovarische Stellungen und die Hauptstadt Pristina. Milosevic verkündete, er wolle die verfassungsmäßige Integrität des Landes wiederherstellen, dessen integraler Teil auch das Kosovo sei. Die NATO berichtete, dass im Laufe des Tages rund 15 Soldaten der KFOR-Friedenstruppen von serbischen Waffen getötet wurden, während die serbische Armee auf Pristina marschiert. In einer eilends in Brüssel einberufene Krisensitzung verurteilten die Staatschefs der NATO-Länder die serbische Aggression scharf und kündigten einen umfassenden Militäreinsatz an. Serbien rief die Weltgemeinschaft an, die provozierte Aggression der NATO zu verurteilen.
Als der Name Saakaschwili im Westen noch einen guten Klang hatte, sah man eine Chance, Russland an der Südflanke zu schwächen und einen Energiekorridor zum Kaspischen Meer unter eigene Kontrolle zu bekommen, der hilft, die Abhängigkeit von russischen Öl- und Gasimporten zu verringern. Saakaschwilis Pläne, Georgien in die EU und die NATO zu bringen, wurden gern gehört. In Osteuropa und in den USA war man bereit, Georgien sofort aufzunehmen, obwohl Saakaschwili nach der Niederschlagung oppositioneller Demonstrationen bereits ernste Zweifel an seinem Leumund offenbarte. „Old Europe“ war da vorsichtiger, man wollte Russland nicht brüskieren und sich in ein Abenteuer begeben, dessen Ausgang man selbst nicht kontrollieren konnte. „Old Europe“ hat weise gehandelt. Wäre Georgien nach dem Wunsch der USA und Osteuropas jetzt NATO-Mitglied, Brüssel hätte ein ernstes Problem. Der einstige Musterschüler hat den Verstand verloren. Galt er früher als „Heißsporn“, der gerne bei Provokationen überreagiert, so ist seine De-Facto Kriegserklärung an Russland nurmehr mit totaler Realitätsferne zu erklären. Russland und die “Sezessionisten” in den Entitäten haben Saakaschwili zweifelsohne bis an die Grenze gereizt. Die Überreaktion des Staatsmannes ist aber nicht so einfach mit einem überschäumenden Temperament zu erklären - er versagte auf staatsmännischer Ebene kläglich.
Auch wenn das militärische Abenteuer scheitert, so kann dies als Aggression gegen den eigenen Staat verkauft werden, wenn man das Meinungsmonopol hat – und dies hat Saakaschwili weitestgehend. Wahrscheinlich rechnete er am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele auch nicht mit einer derart konsequenten Antwort Russlands und spekulierte auf diplomatischen Flankenschutz seiner „Freunde“ aus dem Westen. Die ehemaligen Freunde haben ihn allerdings fallengelassen wie eine zu heiße Kartoffel. Selbst US-Präsident Bush spricht lieber mit Russland, als es zu verurteilen. Bush
Am 30. August wird im tadschikischen Duschanbe turnusgemäß das Gipfeltreffen der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) stattfinden. Die SCO ist ein regionales eurasisches Bündnis mit dem Ziel, die bilateralen Beziehungen zu stärken und in Wirtschafts- sowie Militär- und Sicherheitsfragen enger zu kooperieren. Der SCO gehören neben den großen Staaten China und Russland noch die postsowjetischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan an. Die Nachbarstaaten Indien, Iran, Mongolei und Pakistan haben bei der SCO Beobachterstatus. Lange galt es als wahrscheinlich, dass China und Russland in diesem Jahr Iran eine Vollmitgliedschaft anbieten würden. Wirtschaftlich würde dies durchaus Sinn machen, da chinesische und russische Unternehmen die Lücken gefüllt haben, die westliche Konzerne aufgrund der EU- und US-Sanktionen hinterlassen haben. Am Freitag trafen sich die Außenminister der SCO-Staaten bereits zu einem Arbeitstreffen, in dem die Agenda beschlossen wurde, über die Ende August in Duschanbe verhandelt werden soll – eine Vollmitgliedschaft Irans steht nicht auf dieser Agenda.
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