Wohlfühlaktivismus

05. Mai 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) holt derzeit zum ultimativen Rundumschlag gegen die Menschrechtsverletzungen in China aus. Die Geheimwaffe der lutherischen Public Relations-Kreuzritter ist ein schwarzes Silikonarmband. Darauf prangt als Aufdruck das aktuelle Motto („Olympia 2008“), eine Werbe-Psalm und das Logo der EKD („Passkreuz“) – so viel Corporate Identity muss schon sein. Früher waren solche „Awareness-Bracelets“ mal für eine kurze Zeit total hip, starben aber den schnellen Tod vieler Modegags. Nachdem die sporttreibenden Wohlfühlaktivismus-Pioniere Lance Armstrong und Thierry Henry in Kooperation mit dem Sportartikelhersteller Nike Silikonarmbänder gegen Krebs und Rassismus populär machten, sprangen nach und nach unzählige Anbieter von Wohlfühlaktivismus-Generika auf diesen Trend auf. Spätestens als dauergewellte Besucher von BAP-Konzerten mit einer „rot-gelb-lila-weißen“ Kombination an Silikonarmbändern herumliefen, um aller Welt zu signalisieren, sie solidarisierten sich mit schwulen, dunkelhäutigen Diabetikern und seien gleichzeitig gegen Armut, Krieg und schlechtes Wetter, war der Trend endgültig tot und die Gummibändsel wurden ökologisch sinnvoll dem Wertstoffkreislauf zurückgeführt. Wie die bereits totgesagten Cordhosen und Pilotensonnenbrillen, feiern nun aber auch die Silikonarmbänder dank der EKD ein sensationelles Comeback.

Dass die Kampagne ein voller Erfolg werden musste, war klar. Christen sind erfahren darin, ihre Gesinnung samt der frohen Botschaft durch Symbolik kundzutun. War es früher das Kreuz, so ist es heute der symbolische Fischaufkleber am Fahrzeugheck, der dem Hinterherfahrenden verkündet: „Vorsicht – Christ an Bord!“ Ähnlich entschlossen gehen die Christen nun gegen die gottlosen Parteikader in Peking vor. Das schwarze Silikonarmband signalisiert ihnen, dass sie eine dünne rote Linie überschritten haben und nun die gute Seite der Macht gegen sich stehen haben. Der engagierte Menschenrechtsfreund, der es sich nicht nehmen lassen will, die Olympischen Spiele am heimischen Fernsehapparat zu verfolgen, kann dies nun garantiert politisch korrekt mit einem ums Handgelenk getragenen Trauerflor tun. So billig war selbstgerechtes Seelenheil seit Ablassprediger Tetzels Zeiten nicht mehr zu haben. Das kleine Schwarze ist nämlich kostenlos, wenn auch nicht umsonst – dem engagierten Wohlfühlaktivisten wird (Gott sieht alles!) nahe gelegt, den virtuellen Ablasshandel durch eine Spende an eine kirchnahe asiatische Menschenrechtsorganisation zu besiegeln.

Da wundert es kaum, dass alle Exemplare bereits vergriffen sind und zehntausende weitere Exemplare vorbestellt wurden und in wenigen Wochen ausgeliefert werden können. Das dauert halt ein wenig länger, die politisch korrekten Protestsymbole werden nämlich in Asien gefertigt. Bei der EKD habe man sich bereits nach vermehrten Anfragen bei der herstellenden Firma erkundigt, so eine Mitarbeiterin. Eigentlich hätte man das auch vor der Auftragsvergabe klären können – aber zum Glück meint man bei der EKD zu wissen, dass „die Bänder im asiatischen Raum, jedoch nicht in China gefertigt [werden].“ Na Gott sei Dank! Vielleicht werden die Bänder ja in einer Jugendbegegnungsstätte in Bangladesh gefertigt, in der weibliche Teenager dabei unterstützt werden, die Familie zu ernähren, oder man produziert in einer birmanischen Resozialisierungsanstalt - Armbänder von eingesperrten Aktivisten für freilaufende Aktivisten, ein Geschäftsmodell mit Zukunft. Zwei große Werbemittelimporteure beantworteten die Frage nach der Herkunft solcher Silikonarmbänder zwar damit, diese Art von Artikeln käme ihres Wissens nach, ausschließlich aus China – aber man sollte die Kirche manchmal ja auch im Dorfe lassen.

Woody Allen soll einmal gesagt haben, „wem Hungerstreik zu drastisch ist, der könne ja schon einmal mit der Salatbeilage anfangen“. Den Wohlfühlaktivisten unserer Tage würde dies wahrscheinlich bereits zu weit gehen und man würde einfach eine Hungerstreiksolidaritätsnote im Internet anklicken. Symbolprodukte, die offen zur Schau gestellt werden können und in ihrer Aussagekraft eher kryptisch sind, erfreuen sich bei ihnen auch höchster Beleibtheit. Bunte Ansteck- und Aufklebschleifen und Armbändsel sind da sehr beliebt. Man weiß, der Träger eines solchen Betroffenheitsaccessoires ist ein guter Mensch, denn er ist gegen Aids, Hunger, Menschenrechtsverletzungen, Abtreibungen oder will die US-Truppen im Irak unterstützen - jedem Tierchen sein Pläsierchen. Protestsymbole verlieren allerdings ihren Protestcharakter, wenn sie kommerzielle Modetrends oder beliebig werden und dies ist heutzutage fast immer der Fall, stört die Wohlfühlaktivisten aber nicht weiter.

Betroffenheitssymbolik und Wohlfühlwiderstand sind viel zu renditeträchtig, als dass man als Anbieter in diesem Segment die Olympischen Spiele als Highlight dieses Jahres tatenlos verstreichen lassen könnte. Aber „leider“ werden sich die üblichen Verdächtigen dieses Jahr bedeckt halten müssen – kein großer Modekonzern, Sportartikelhersteller oder Lifestylevermarkter lässt nicht in China fertigen und selbst die Nischenanbieter haben Probleme. Der potentielle Sommerhit ist natürlich die tibetische Flagge, nur kommen dummerweise auch die meisten tibetischen Flaggen und Artikel mit Flaggenaufdruck aus China. Damit hat der Importeur zwar gar keine Probleme, dennoch könnte es ihm das Geschäft vermiesen, denn der Kunde kauft schließlich weniger den Artikel selbst, sondern die Symbolik und den Anspruch auf ein gutes Gewissen als ganzheitliches Wohlfühlpaket.

Die Silikonarmbänder der EKD werden auch an aktive Athleten bei den Spielen ausgegeben. Die christlichen deutschen Aktivisten werden aber nicht die Einzigen sein, die in Peking durch kryptische Symbolik auffallen werden. Athleten und Funktionäre haben sich darauf geeinigt, man dürfe zwar politische Symbole tragen, diese sollen aber nicht als solche erkenntlich sein. Dies war der Startschuss für den internationalen „Awareness-Wettlauf“. Eine deutsche Sportlerinitiative hat bereits 10.000 grün-blaue Silikonbändchen bestellt um für Menschenrechte und für Tibet zu „demonstrieren“ – damit treten sie zu den deutschen Christen mit schwarzen Bändseln und vielen anderen, die ebenfalls buntbeschmückt für dieses Ziel „kämpfen“ in Konkurrenz. Zusätzlich verwässert wird die Außenwirkung durch die anderweitigen buntbebänselten multipel engagierten, betroffenen und solidarischen Aktivisten, mit denen immer zu rechnen ist. Durch diesen symbolischen Overkill droht so jede einzelne Aktion zum kryptischen Privatamüsement zu werden, das eher an torjubelnde Fußballer erinnert, die mit „geheimen“ Gesten ihren frischen Nachwuchs „grüßen“ - zumindest wird dies die Sportjournalisten freuen, da ihr Standardrepertoir an Fragen dadurch ergänzt wird.

Die Chinesische Führung braucht sich jedenfalls keine Sorgen zu machen, da der einzige bleibende Eindruck dieser vielfältigen Solidaritätsbekundungen ein „diffuses Bunt“ ist, das in seiner eigenen Beliebigkeit untergeht. Chinesische Produzenten von Wohlfühlaktivismusaccessoires werden sich bereits die Hände reiben. Wenn es nach ihnen ginge, könnte die ganze Welt sich gegen oder für irgendetwas solidarisieren – auch wenn es Tibet ist.

Jens Berger

Bildnachweis: Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover, Netzathleten.de, Sentinel

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Irre Wissenschaftler wollen Welt zerstören!

01. April 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Irak, Tibet, Finanzkrise und Problembär Beck – über all dies muss die Welt sich nicht mehr lange ärgern, da die Erde in diesem Sommer wahrscheinlich von „Seltsamer Materie“ verschlungen wird und dann zu einem Schwarzen Loch implodiert, das vielleicht sogar das komplette uns bekannte Universum aufsaugt. Schuld daran ist einzig und allein die Hybris des Menschen – größenwahnsinnige schweizer Physiker haben im Genfer CERN einen gigantischen Hadronen-Beschleuniger gebaut, mit dem sie künstliche Schwarze Löcher erzeugen wollen, die dann außer Kontrolle geraten. Diese beunruhigende Nachricht stammt nicht etwa von per se unglaubwürdigen Wissenschaftlern, sondern von den einzigen Menschen, die immer die Wahrheit sprechen – Anwälten. Ein idealistischer hawaiianischer Anwalt - in seinem Vorleben angeblich Nuklearphysiker – kämpft gegen den Weltuntergang.

Laut seiner Theorie können die ominösen Schwarzen Löcher unbemerkt aus dem CERN entweichen … plopp plopp plopp, jede Sekunde eins. Und da sie ja winzig klein sind, werden sie nicht von Türen, Sicherheitszäunen oder der Erdkruste aufgehalten und wandern wegen der Gravitation gen Erdmittelpunkt. Dort könnten sie sich vereinigen und auch weitere subatomare Partikel in sich aufsaugen und wenn sie erst einmal eine kritische Masse erreicht haben … schwupps, in Bruchteilen einer Sekunde ist die Erde zu einem 9 Millimeter großem Schwarzen Loch implodiert und die Besatzung der ISS wird nicht schlecht staunen. Diese Theorie hat allerdings einen entscheidenden Schönheitsfehler – nach wissenschaftlicher Lehrmeinung sind solch kleine Schwarze Löcher instabil und lösen sich in Sekundenbruchteilen selbst auf. Aber was ist schon die Lehrmeinung von weltfremden Wissenschaftlern wert? Früher konnten Wissenschaftler ja auch beweisen, dass die Erde flach ist und Hexen aus Holz sind.

Da aber viele Amerikaner sogar an der Evolutionstheorie so ihre Zweifel haben, überrascht es kaum, dass sich zumindest ein klagefreudiger Skeptiker gefunden hat, der für die Rettung der Welt vor Gericht zieht. Und das ist natürlich auch gut so, man kennt ja die wirren Wissenschaftler, die bei ihren Berechnungen immer irgendetwas Wichtiges vergessen und reihenweise Laboratorien in die Luft sprengen. Die Welt und ihr Schicksal gehören in die Hände von seriösen, guten und altruistischen Menschen … Anwälten halt.

Das perfide Treiben des CERN ist in Wahrheit™ allerdings noch verabscheuungswürdiger, als es sich Anwälte vorstellen können, die ja von Natur aus eher gutmütig sind und nur an das Gute im Menschen glauben. Die echte Wahrheit™ erinnert eher an das Skript für einen James Bond Film. Die Bösewichte sind skrupellose schweizer Forscher, die einen starken deutschen Akzent haben, nach jedem Satz die Hacken zusammenknallen und deren Chef eine weiße Perserkatze auf dem Schoß hat. Für geschätzte 5 Mrd. Euro hat ein internationale Syndikat, das sich CERN nennt, in einer abgelegenen Region in den schweizer Alpen einen gigantischen unterirdischen Tunnelkomplex errichten lassen. Der Komplex hat einen Umfang von 27km und dort herrscht eine Umgebungstemperatur von -271°C. CERN will dort Protonen und Bleiionen von überdimensionalen Magneten auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, die dann mit allerlei seltsamen Dingen kollidieren sollen.

Es ist klar, dass die vorgebliche Aufgabe – die Ursprünge des Universums zu erforschen – nur vorgeschoben ist. Als Bond-Kenner weiß man, CERN will die Regierungschefs der Welt erpressen. Wenn diese nicht mehrere hundert Mrd. US$ (natürlich in lupenreinen Diamanten oder Goldbarren) bezahlen, werden sie ihren Hadronen-Beschleuniger anwerfen und die Welt zerstören.

Die fiktionale Welt könnte auf 007 vertrauen, den Agenten ihrer Majestät mit der Lizenz zum Töten. Irgendwo am CERN wird es eine schmucke blonde Forscherin geben, die dem Charme des britischen Schwerenöters verfällt und ihn befreit, nachdem er von den CERN-Schergen gefesselt wurde und dabei vom Oberbösewicht persönlich in dessen Pläne samt Schwachstellen eingeweiht wurde. Aber wir leben nicht in einer Welt, in der es smarte britische Geheimagenten gibt, die ihren Wodka-Martini lieber geschüttelt, als gerührt trinken und schmucke Blondinen in Forschungsinstituten gibt es natürlich auch nicht. Wer rettet also die Welt? Und was ist eigentlich „Seltsame Materie“?

Es hat keinen Zweck, dass wir uns die verbleibende Zeit auch noch verderben, weil wir uns vorher schon in eine Weltuntergangsstimmung versetzen
Wolfgang Schäuble

Jens Berger

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Raser Ackermann auf der Finanzlandstraße

21. März 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Eine goldene Regel des Finanzsystems besagt, dass man zusätzliche Rendite nur über ein gesteigertes Risiko erkaufen kann. Wer sein Erspartes auf ein Sparbuch bei der heimischen Sparkasse bringt, bekommt dafür nur 4% Zinsen; ähnlich verhält es sich bei Staatsanleihen von solventen und politisch stabilen Staaten. Dafür hat man allerdings eine nahezu 100% Sicherheit, dass man das Geld samt Zinsen auch wirklich ausbezahlt bekommt. Wer einem politisch und wirtschaftlich instabilen Staat Geld leiht, bekommt dafür eine Risikoprämie. Statt der 3,5%, die der deutsche Staat an Zinsen für geliehenes Geld bezahlt, muss beispielsweise Venezuela 11,2% Zinsen zahlen. Der Sparer bekommt deutlich mehr, wenn er das Geld denn auch ausbezahlt bekommt. Bei Aktienfonds oder abenteuerlichen Konstrukten auf dem Offenmarkt bekommt man zwar keine feste Rendite, hat aber – je nach Risikoneigung – die Chance wesentlich mehr Rendite zu erzielen. Aber je riskanter die Anlagestrategie ist, desto höher ist auch das Risiko, dass man am Ende mit leeren Händen dasteht, oder gar noch drauf bezahlen muss.

Auf deutschen Landstraßen gibt es ein Tempolimit von 100 km/h. Dieses Tempolimit wurde aufgestellt, um risikofreudige Raser davon abzuhalten, sich selbst und andere zu gefährden. Bei normalem Verkehr erreicht man eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 bis 80 km/h. Wer diese Durchschnittsgeschwindigkeit steigern will, muss sowohl das Risiko eingehen, geblitzt zu werden, als auch mit seinen Wagen zu verunglücken. Wer beispielswiese sagt, ich will eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 130 km/h erreichen, der erkauft diesen Geschwindigkeitsvorteil mit dem Risiko, bei einem riskanten Überholmanöver in der Kurve, frontal mit dem Gegenverkehr zu kollidieren.

Die Investmentabteilung der Deutschen Bank und andere Investmentbanken rühmen sich damit, 25% Kapitalrendite zu erzielen. Verglichen mit Omas sicherem Sparbuch ist das immens viel. Wenn Omas Sparbuch der sichere Fahrer im Volvo-Kombi ist, so stellt Ackermanns Investmentgeschäft einen BMW-Raser dar, der gewillt ist, Risiken einzugehen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Wer, wie Ackermann, 25% als Vorgabe nimmt, der überholt auch auf nasser Fahrbahn in der Kurve – anders kann er die Vorgaben nicht erreichen. Das Ganze geht vielleicht auch eine Zeit lang gut, und Ackermann hat den Ruf eines Teufelsfahrers, der in kritischen Momenten seinen Wagen recht gut beherrscht. Aber irgendwann passiert es einmal – ein Crash, der nicht nur Joe Ackermanns BMW zerfetzt, sondern auch die entgegenkommende langsam fahrende Oma in ihrem Volvo.

Jahrelang hat der Staat meist darauf verzichtet, auf der „Finanzstrasse“ Geschwindigkeitsbegrenzungen aufzustellen. Dort, wo er doch mal tätig wurde, kontrollierte er die Einhaltung aber nicht. Bestimmte Fahrer, wie Hedge-Fonds, hatten sogar die staatliche Genehmigung, so schnell zu fahren, wie sie wollten. Man sagte sich in Berlin und anderen Hauptstädten – „dann geht es halt etwas zügiger zu auf unseren Straßen – da passiert schon nichts“.

In den letzten Monaten herrschen sehr schlechte Straßenverhältnisse. Einige Raser sind schon im Straßengraben gelandet – manchmal sogar mit tödlichen Folgen. Joe Ackermann hält allerdings nicht viel von Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber ein wenig mulmig wird auch ihm, zumal andere Raser, die nicht so gut fahren können wie er, mittlerweile auch ihn gefährden. Daher hat Ackermann nun Berlin vorgeschlagen, der Staat könne doch für die Unfallkosten seiner Raserei aufkommen, so dass er sich im Falle eines Crashs gleich wieder in einen neuen BMW setzen kann. Jeder Verkehrspsychologe würde Herrn Ackermann wahrscheinlich den Führerschein wegnehmen, da er mit seinem Verhalten und seiner Einstellung sich und andere gefährdet.

Finanzminister Steinbrück scheint von Ackermanns Vorschlag aber recht angetan zu sein. Man verständigte sich schon darauf, dass die Raser auch ein wenig Eigenbeteiligung leisten müssten, aber da es auch auf deutschen Landstraßen flott zugehen muss, kann man den Rasern kaum Vorschriften machen.

Das ist natürlich falsch – rigide Geschwindigkeitsbegrenzungen müssen her und an jeder Ecke sollte eine Radarfalle stehen. Notorische Raser wie Ackermann könnte man sogar mit einem GPS-Gerät pausenlos kontrollieren. Natürlich kann sich Raser Ackermann dann nicht mehr mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 130 km/h rühmen, aber die Sicherheit auf deutschen Straßen hätte dadurch gewonnen. Und wenn niemand mehr schneller als 80 km/h ist, dann können die Raser um Ackermann auch nicht mehr in ihren Cliquen mit ihren Raserabenteuern angeben und können so resozialisiert werden.

p.s.: Der Vergleich stammt vom Wirtschaftsweisen Bofinger. Er hat ihn in der Radiosendung “HR2-Der Tag: Ackermann, geh Du voran” geäußert, die auch Podcastempfehlung der Woche ist.

p.p.s.: Mit diesem Artikel verabschiede ich mich in die Osterfeiertage und tauche auch so schnell nicht wieder auf ;-)

Allen Lesern wünsche ich “Frohe Ostern!

Jens Berger

Kategorie: Deutschland, Glosse, Podcasts, Wirtschaft | 68 Kommentare

Trainersuche bei den Roten

14. März 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Kurt Beck, der beliebte Teamchef der „Roten“, leidet unter chronischem Misserfolg. In seiner Amtszeit rutschten die „Roten“ von einem soliden UEFA-Cup Rang in die abstiegsbedrohte Region des unteren Mittelfelds ab. Kritiker bemängeln vor allem seine Strategie, das Spiel in der Offensive zu sehr von der Mitte auf den linken Flügel abdriften zu lassen. Ihnen wäre die Fokussierung auf eine solide Abwehr mit einem starken rechten Mittelfeld lieber. Zu diesen Kritikern gehören auch die einflussreichen Sportjournalisten von BILD und SPIEGEL, die den sympathischen Pfälzer auf ihrer Abschussliste haben.

Deutschland, das Land der 80 Millionen Bundestrainer, weiß natürlich alles besser als Beck. Harte Zeiten für den liebenswürdigen Übungsleiter aus Mainz. Dabei hatte er es auch nicht einfach. Sein Vorgänger hinterließ große Fußstapfen – zu groß für Beck. Gerd Schröder (Spitzname „Acker“) war ein moderner Trainer, der sich viel vom Handwerk des legendären britischen Coachs Tony Blair abschaute. Er brachte das Spielsystem der „Neuen Mitte“ nach Deutschland und wurde damit zweimal deutscher Meister. Bei den Fans und Vereinsmitgliedern der „Roten“ war der elegante Niedersachse, der stets im adretten Brioni-Anzug auf der Trainerbank Platz nahm und teuere kubanische Zigarren bevorzugte, allerdings nie sonderlich beliebt.

Schröder brach mit alten Traditionen. Er strickte das gesamte Spielsystem der „Roten“ um. Waren sie doch seit Ewigkeiten für ihre offensive Spielweise über links bekannt und beliebt, so ließ Schröder durch die Mitte spielen und machte in der Defensive selbst vor Spielzügen über rechts außen nicht halt. Das nahm ihm das Publikum krumm. Endgültig überspannte er den Bogen, als er die beliebten Stehplätze im Deutschland-Stadion abreißen ließ und durch teure überdachte Tribünen und VIP-Logen hinter Panzerglas ersetzen ließ. Dieses neue Vereinskonzept, von Schröder „Agenda 2010“ getauft, ließ die treuen alten Fans im Regen stehen, da sie sich keine Karten mehr leisten konnten. Der traditionsreiche „Malocherklub“ wurde zum modernen „Profit-Center“, das eng mit Sponsoren aus der Wirtschaft kooperierte.

Seit Schröders Sündenfall sind mittlerweile fünf Jahre vergangen und seit drei Jahren bleibt der Erfolg bei den „Roten“ aus. Eine seelenlose Söldnertruppe sei dies, so die Fans. Einige Spieler, wie der flexible Mittelfeldregisseur Sigmar Gabriel (Spitzname „Marzipanschweinchen“) sind offensichtlich in schlechter konditioneller Verfassung, andere, wie die viel gelobte Mitte-Rechts Achse Steinbrück-Steinmeier, wirken fad, uninspiriert und ohne Esprit. Beck schafft es offensichtlich nicht mehr, seine Mannschaft zu motivieren und ihr neue Impulse zu geben. Fehleinkäufe, wie die talentfreie Offensivkraft Hubertus Heil, die nur noch in der Defensive eingesetzt wird, und der farblose Olaf Scholz, werden ebenfalls Beck zu Last gelegt. Von den Fans wird nun gefordert, den Linksaussen “Wowi” zum Kapitän zu machen - er versteht sich hervorragend in Manndeckung und ist erfahren im Spiel über den linken Flügel.

Nach der deutlichen Niederlage gegen die „Schwarzen“ in Hamburg und einem denkwürdigem Spiel in Hessen, bei dem der Sieg durch taktische Fehler in letzter Minute noch verschenkt wurde, wackelt der Stuhl des drolligen Pfälzers Beck. Auf die Frage, wer sein Nachfolger werden könnte, wissen allerdings weder die traditionalistischen Fans noch die Sponsoren und die Medien eine gescheite Antwort. Jahrelang hat man die Nachwuchsarbeit schleifen lassen, so dass sich aus den eigenen Reihen kein Nachfolger aufdrängen würde. Die goldenen Zeiten, als die „Roten“ Erfolge feiern konnten, verblassen angesichts der trüben Gegenwart immer mehr. Namen ehemaliger Trainergrößen, wie Friedrich „Fritze“ Ebert, Hans-Jochen „Jupp“ Vogel, Johannes „Hennes“ Rau oder der des legendären Herbert Frahm (genannt „Willy“ Brandt), schmücken nur noch die Pokale im Trophäenraum der „Roten“.

Der weitere Niedergang der Roten scheint unvermeidlich zu sein. Was macht eigentlich Willi Entenmann?

Jens Berger

Update: Die Roten in Bildern:

Bildnachweis: Alle Montage Spiegelfechter (CC)

Kategorie: Deutschland, Glosse | 40 Kommentare

Reichtum

06. März 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Alle Jahre wieder erfreuen sich die Nationen ihres Reichtums. Natürlich gehr es hier nicht um das Durchschnittseinkommen, welches medial ein Mauernblümchendasein fristet. Nein, es geht darum, wer der reichste Mensch der Welt ist – eine Frage mythischen Ausmaßes. Beantwortet wird diese alljährlich in der berühmten „Forbes Liste”. Weil kaum jemand „Vista“ haben will und Microsofts sonstige Produkte auch nicht gerade Reißer sind, ist Bill Gates seinen Platz am Firmament endlich los und Warren Buffet darf fortan als reichster Mann der Welt bewundert werden. Buffet ist Investmentbanker und dies ist ja bekanntlich ein sicheres Geschäft – vor allem im letzten Jahr.

Im Olymp des Mammons sind eher krude Zeitgenossen vertreten. Jede Menge Inder tummeln sich unter den Top10. Sie haben zwar viel Geld, können sich dafür auf einem ostdeutschen Volksfest noch nicht einmal eine Bratwurst kaufen - zumindest sollten sie es nicht versuchen. Auf Platz Nummer Sieben findet man einen kauzigen alten Schweden, der mal die Idee hatte, gepresste Holzspäne als Möbelbausets zu verkaufen. Eine geniale Idee - Menschen, die Plastikbrüste anbeten, lieben auch Möbel aus Presspappe. Neben vielen unrasierten Russen, die normalerweise in keinem besseren Hotel ein Zimmer bekämen, ohne im Voraus bezahlen zu müssen, gibt es dort noch die üblichen Verdächtigen: Alte Männer, alte und junge Witwen und deren junge und schnöselige Erben. So weit, so langweilig – interessant wird es dann, wenn man die Zahlen einmal statistisch auswertet.

Verfügten die deutschen Milliardäre im letzten Jahr noch über 245 Mrd. US$, so werden sie für 2008 auf stolze 285 Mrd. US$ taxiert – ein Einkommenszuwachs von beachtlichen 16% und dies selbstverständlich nicht wie bei Zumwinkels unter Sofa, sondern nach Steuern. Der Vermögenszuwachs dieser 59 Deutschen betrug also rund 40 Mrd. US$. Dies wären für jeden Deutschen, vom Säugling bis zum Greis 500 US$ - ein schönes Weihnachtsgeschenk, könnte man meinen. Natürlich haben die Albrechts nicht Tausende von Goldmünzen in ihrem Geldspeicher, den sie mit einer Schrotflinte gegen die Panzerknacker verteidigen müssen, sondern ihr Geld ist gut angelegt. Ein Vermögenszuwachs muss aber erwirtschaftet werden und dies wird im Allgemeinen über Gewinne gemacht, die irgendwo herkommen müssen. Schaut man auf die Betätigungsfelder der deutschen Milliardäre, weiß man, wo das Geld herkommt: ALDI, Tengelmann, die Metro-Gruppe, Schlecker, Deichmann, Tschibo, der Otto-Versand und Quelle sind dort an prominenter Stelle vertreten. Nicht zufällig engagieren sich die deutschen Milliardäre anscheinend gerne in Branchen, in denen der Mindestlohn ein Thema ist. Warum dieses Thema allerdings, genau so wie “Reichensteuer”, Erhöhung der Vermögenssteuer oder andere “kommunistische” Themen kaum diskutiert wird, erklären die Namen der anderen deutschen Milliardäre - Bertelsmann, Burda, Bauer, Springer und Holtzbrinck sind dort eben so zu finden, wie ihre internationalen Pendants. “Wer die Kapelle zahlt, bestimmt welche Musik gespielt wird” sagt der Volksmund - vielleicht ist da ja was dran.

Die deutschen Milliardäre stehen allerdings international eher bedauernswert da. Im boomenden Entwicklungsland Indien gibt es mittlerweile 47 Milliardäre, die über stolze 335 Mrd. US$ verfügen. Damit besitzen sie ungefähr soviel, wie 337 Mio. ihrer Landsleute innerhalb eines Jahres verdienen. Geradezu gigantisch ist auch die Milliardärswachstumsrate in Russland. Gab es dort im letzten Jahr “nur” 53 Milliardäre mit einem Gesamtbesitz von 282 Mrd. US$, so sind es dieses Jahr 88 Milliardäre, die über 484 Mrd. US$ verfügen. Das sind die Jahreseinkommen von 105 Mio. durchschnittlichen Russen. Nimmt man nur die 53 reichen Russen, die schon im letzten Jahr in der Forbes-Liste auftauchten, so sind diese innerhalb eines Jahres 155 Mrd. US$ reicher geworden. Somit haben 53 Russen innerhalb eines Jahres so viel “verdient”, wie 34 Mio. Durchschnittsrussen. Dagegen nehmen sich die deutschen Superreichen geradezu bescheiden aus. Die 59 reichsten Deutschen “verdienten” innerhalb eines Jahres so viel wie knapp 1 Mio. Durchschnittsdeutsche oder aber 1,35 Mio. Ostdeutsche. Von diesem Einkommen könnte man fast 10 Mio. Hartz-IV Empfängern ihren Regelsatz auszahlen.

Dies sind wohl die Folgen eines globalisierten Turbokapitalismus. Das Gesamtvermögen der Forbes-Liste stieg innerhalb eines Jahres von 900 Mrd. US$ im Jahre 2007 auf 4.400 Mrd. US$ im Jahre 2008 - eine Umverteilung sondergleichen. SPON hat es geschafft innerhalb eines einzigen Tages sieben Artikel und Bilderklickreihen zu diesem Thema zu verfassen - überflüssig zu erwähnen, dass kein einziger dieser Artikel nur den Hauch von Kritik enthielt. Die Familie Mohn, die über Bertelsmann auch am SPIEGEL beteiligt ist, steht selbstverständlich auch in der Forbes-Liste, aber das ist sicher nur Zufall. Dänemark hat übrigens nur einen Vertreter auf der Liste und der stellt politisch neutrales Plastikspielzeug her.

Jens Berger

Kategorie: Deutschland, Glosse | 36 Kommentare

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Sollte der Westen die Olympischen Spiele in China boykottieren?

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  • COPOKA Zu letztem Absatz in dem Artikel. Da wirfst du meines Erachtens Ursache und Wirkung durcheinander. Die...
  • HUNDEPOPEL Diejenigen, die jubelten, als Burma sich in Myanmar umtaufte, vertrauten darauf, daß der Name alles zum...
  • Spiegelfechter @Corax Yep, da stimme ich Dir absolut zu - es muss ein verbindliches Regelwerk geschaffen werden....
  • corax SF, nein einfach ist das nicht. Und ich will auch nicht auf dem Status Quo beharren. Die Gedanken die man sich...
  • Anindo Was mich nur stört, nicht bei dir, ist aber überhebliche Unterton in der westlichen Presse, der wirklich...
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