100 Zeilen Hass für Sabine Bätzing

02. Juni 2009 von Spiegelfechter - Drucken

„Das ist ein Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel“ – dieses Zitat wird dem Altkanzler Helmut Schmidt zugeschrieben. Für Sabine Bätzing ist die Welt ohne große Zweifel. Die Bundesdrogenbeauftragte hätte allerdings auch so ihre Probleme mit dem kantigen Altkanzler. Die Versuche der 34-jährigen, dem Souverän seine Entscheidungsfähigkeit in alltäglichen Dingen wie dem Tabakkonsum abzusprechen, würden bei ihrem 91-jährigen Parteifreund sicher nur ein abschätziges Augenbrauenzucken hervorrufen. Sabine Bätzing hat den Rauchern den Krieg erklärt. Für die Winteroffensive 2010 plant sie die Einführung sogenannter „Schockbilder“ auf Zigarettenschachteln. Mehr als die Hälfte der Packung soll dann mit Bildern von Lungenkarzinomen, faulenden Zähnen und toten Föten bedeckt sein. Früher zeigten Zigarettensammelbilder ästhetisch ansprechendere Motive – aber früher war ja auch alles besser. Früher trafen sich angesehene, kantige Journalisten zum Frühschoppen bei Werner Höfer, qualmten, tranken Wein und führten hitzige Debatten. Heute heißt der Nachfolger von Höfers Sendung Presseclub und die dort bei einem Glas Mineralwasser palavernden Journalisten langweilen den Zuschauer mit blutleeren Worthülsen – geraucht wird dabei natürlich nicht, Rauchen darf im Fernsehen nur noch der Altkanzler.

Wenn die Politik auf die elementaren Fragen unserer Zeit keine Antworten findet, dilettiert sie gerne auf Nebenkriegsschauplätzen herum. Besonders beliebt sind dabei solche Themen, bei denen sie auf ihre moralische Lufthoheit pochen kann. Galt es früher als selbstverständlich, dass der Bürger ein erwachsenes Individuum ist, dessen Freiheit nicht über Gebühr eingeschränkt werden darf, so definiert sich die heutige Politik als „gütiger Vater“, der den unmündigen Bürger an die Hand nimmt und ihm zeigt, was gut und was schlecht für ihn ist. Dass das Rauchen – pragmatisch betrachtet – schlecht für den Bürger ist, steht außer Zweifel. Noch nicht einmal der ignoranteste Kettenraucher würde die gesundheitsschädliche Wirkung des Rauchens abstreiten. Aber Freiheit bedeutet auch, unvernünftige Dinge tun zu dürfen. Verbote und Drangsalierungen sind immer ein Stück Unfreiheit, die nur dann in Betracht gezogen werden darf, wenn andernfalls die Freiheit der Anderen überproportional beeinträchtigt wird.

Ob das Anbringen von Schockbildern auf Zigarettenschachteln einen nützlichen Effekt hat, ist umstritten. In Ländern wie Belgien, Kanada oder Thailand, in denen dieses Instrument bereits eingesetzt wurde, sind die meisten Raucher auf Zigarettenetuis umgestiegen. Wer will auch schon täglich mit den potentiellen Negativfolgen seines Handelns konfrontiert werden. „Rauchen verursacht tödlichen Lungenkrebs“, so prangt es bereits heute auf den Zigarettenschachteln. Wenn solche drastischen Formulierungen, ohne Konjunktiv oder Fallwahrscheinlichkeit, auch auf Beipackzetteln von Medikamenten stünden, würde wohl niemand mehr zur Aspirin greifen, wenn ihn nach der Lektüre von Sabine Bätzings „Weisheiten“ der Kopf schmerzt. Für die „Volksgesundheit“ dürfte die Einführung von Schockbildern auf Zigarettenpackungen zumindest keinen negativen Effekt haben – aber muss die Politik alles tun, was im Zweifel nicht schadet?

Das Leben hat viele Nebenwirkungen und endet stets tödlich. Neben dem Rauchen gibt es viele andere Aktivitäten, die potentiell schädlich sind. Wie lange dauert es noch, bis Bilder von Leberzirrhosen auf Bierflaschen prangen? Wird der Schokoriegelkonsument bald mit Bildern von Magengeschwüren konfrontiert? Muss VW künftig 50% der Werbefläche in Hochglanzmagazinen mit Bildern von Gliedmaßen, die bei einem Autounfall abgetrennt wurden, ausfüllen? Oder schmücken bald Bilder mit toten Föten Viagra-Packungen? Sex kann schwanger machen, mit unberechenbaren Folgen. Auch gesellschaftlich geförderte Freizeitaktivitäten sind nicht risikolos. Warum näht man keine Bilder mit abgerissenen Patella-Sehnen auf Joggingschuhe? Sollte man die Hälfte der Werbefläche auf Fußballtrikots nicht mit Bildern offener Schienbeinbrüche plakatieren? Nein – einstweilen sind nur die Raucher die Parias der „Super-Nanny-Gesellschaft“. Man hat Raucher für moralisch vogelfrei erklärt und lebt an ihnen die abstoßende Sucht zur Maßregelung anderer Menschen aus. Schockbilder auf Zigarettenpackungen sollen auch keinesfalls den Raucher von seiner verwerflichen Genusssucht abhalten – sie sollen ihm ein schlechtes Gewissen verursachen damit letztendlich die Genussfeinde in einem „noch“ besseren Licht dastehen lassen.

Wer heute noch seiner Genusssucht frönen will, wird am Arbeitsplatz oder in der Kneipe wie ein Hund mit Verdauungsstörungen vor die Tür geschickt. Selbst auf den offenen Bahnsteigen darf der arme Sünder trotz steifer Brise nur in gelben Aussätzigenzonen rauchen. Das gesellschaftlich geförderte Genörgel über „die Raucher“ ist dabei kaum mehr als verlogene Selbstgerechtigkeit. Während das Rauchen in der Ober- und Unterschicht weitgehend toleriert wird, hat sich in der Mittelschicht eine leise Pogromstimmung eingestellt. Wer seine vermeintliche moralische Überlegenheit so sorgsam pflegt, wie die Gartenzwerge in seinem Vorgarten, hat in „den Rauchern“ ein denkbar dankbares Opfer gefunden. In einer Gesellschaft mit Hang zum Paternalismus und Kontrollwahn ist sich jeder selbst der nächste, und das berühmt-berüchtigte Zitat von Henryk M. Broder wird zur kollektiven Positionsbestimmung – „es macht mehr Spaß Täter statt Opfer zu sein“. Wer sich in die wirkmächtige Schar der Raucherbasher einreiht, ist oberflächlich auf der Seite der Sieger – Täter sind meistens Sieger.

Würde Rosa Luxemburg heute noch leben, sie würde immer noch sagen: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Für Nichtraucher wäre Freiheit somit auch immer die Freiheit der Raucher. Würde Voltaire heute noch leben, so würde sein Credo auch heute noch lauten: „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ Der moderne Voltaire wäre vielleicht Nichtraucher – aber trotz seiner Verachtung für Raucher würde er auch heute sein Leben dafür geben, dass sie rauchen dürfen.

Es ist natürlich unfair, heutige Politiker an einem großen humanistischen Denker wie Voltaire zu messen. Man ist ja schon bescheiden geworden und schon froh, wenn sie ihre Arbeit ohne allzu große Fehler machen. Würde man das deutsche Volk hassen, so würde man sagen, es hat mit Sabine Bätzing genau die Politiker, die es verdient. Kein Volk der Erde hat allerdings Politiker wie Sabine Bätzing verdient. Warum eine lustfeindliche Puritanerin vom Posten der Bundesdrogenbeautragten aus gegen ihre sinnenfrohen Mitmenschen Amok laufen kann, ist allerdings unerklärlich. Wer bei Frau Bätzing nach irgendeiner noch so geringen Qualifikation für das Amt einer Drogenbeauftragten sucht, sucht vergebens. Die junge Dame hat nach einer Ausbildung im gehobenen nichttechnischen Staatsdienst eine Stelle in der EDV-Verwaltung ihrer Heimatgemeinde bekleidet. Dafür gehört sie zu den „Netzwerkern“ innerhalb der SPD – einem Interessenverband, dem es zuvörderst um die eigene Karriere geht, wobei politische Themen eine untergeordnete Rolle spielen. Wäre Frau Bätzing in der „richtigen“ Partei, so wäre sie eine heiße Kandidatin für die Nachfolge für “Zensursula” von der Leyen, die Insidern zufolge nach den Wahlen Gesundheitsministerin werden will. Zum Glück hat Frau Bätzing aber das falsche Parteibuch und es bleibt zu hoffen, dass ihre Karriere im Herbst ein jähes Ende nimmt.

P.s.: “100 Zeilen Hass” war der Name einer legendären Kolumne des Autoren Maxim Biller in der längst eingestellten “Tempo”. Manchmal möchte man Biller durchaus beim Wort nehmen.

Jens Berger

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Kategorie: Allgemein, Glosse | 242 Kommentare

Oink! Oink!

30. April 2009 von Spiegelfechter - Drucken

Man kann nicht eben sagen, dass die Welt sich momentan in einem Sommerloch befände. Im Kielwasser der Finanzkrise werden momentan Gesetzte im Eiltempo durch die parlamentarischen Gremien gepeitscht, mit denen Steuergelder in Höhe des Bundeshaushaltes den Banken übereignet werden. Aber welches Thema bestimmt die Medien? In Mexiko sind neun Menschen an der Grippe gestorben! Ei der Daus, das ist wirklich fürchterlich! In den Entwicklungsländern sterben zwar jeden Tag 4.000 Kinder durch verschmutztes Wasser, aber das interessiert schon lange niemanden mehr – schon gar nicht, wenn gleichzeitig die „Schweinegrippe“ wütet. Man kennt das Szenario – in Zentralasien fällt ein Vogel vom Baum und in Deutschland herrscht die nackte Panik. Fakten interessieren dann kein Schwein mehr, denn wenn wieder einmal die Seuchenhysterie grassiert, schaltet der Verstand ab – und morgen wird die nächste Sau durchs mediale Dorf getrieben.

Gib mir Tiernamen!

Die „normale“ Grippe ist etwas Alltägliches – jedes Jahr sterben weltweit rund 250.000 bis 500.000 Menschen – meist Säuglinge und Greise – an der Grippe. Auch in Deutschland sterben jedes Jahr Tausende, und wenn die Grippe mal wieder grassiert, erkranken zwischen 5 und 15% der Bevölkerung. Eine Schlagzeile ist das den Zeitungen nicht wert und auf einen Brennpunkt mit dem Titel „Todesvirus Grippe!“ wird man auch vergeblich warten. Um den Grippevirus sexy, quoten- und auflagensteigernd zu machen, braucht es einen Tiernamen. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Meerschweinchengrippe – das hat etwas Bedrohliches, denn in der Natur ruht ein Abgrund an Boshaftigkeit, wie jeder Großstädter bestätigen kann. Ob die „Schweinegrippe“ je ein Schwein gesehen hat, wissen die Virologen zwar nicht, aber das „Branding“ passt schon mal – für Tamiflu-Hersteller Roche könnte es kaum besser laufen.

Kein Schwein niest mich an!

Ob die aktuelle „Schweinegrippe“ nun besonders gefährlich oder besonders ansteckend ist, lässt sich aufgrund der bisherigen Erkenntnisse nicht sagen. Die Infizierten, die außerhalb Mexikos ausgemacht wurden, hatten jedenfalls nur milde Symptome – milder jedenfalls als bei „normalen“ Grippeerkrankungen. Alleine der Umstand, dass ein Grippevirus, der bereits über einen Monat mitten im 25 Millionen-Menschen-Moloch Mexiko City „wütet“, nur 99 bestätigte Grippe- und acht Todesfälle mit sich brachte, spricht gegen die Gefahr dieses Grippetypus. Die „normale“ Grippe, die 2002/2003 alleine in Deutschland fünf Millionen Menschen infizierte und rund 20.000 Todesopfer forderte, war im Vergleich zur „Schweinegrippe“ geradezu ein apokalyptischer Reiter – aber sie hatte nun einmal keinen zündenden Tiernamen, was sie für Medien und Politik unsexy machte. Erste Vorschläge, künftig Grippeviren analog zu Hoch- und Tiefdruckgebieten mit Tiernamen zu versehen, konnten bis jetzt noch nicht bestätigt werden – obgleich es sicherlich etwas hätte, wenn die BILD im Herbst vor dem neuen Killervirus „Karnickelgrippe“ warnen könnte.

Müssen wir nun alle sterben?

Die „normale“ Grippe ist so alltäglich, dass man wegen ihr noch nicht einmal eine Pandemie-Warnstufe bemühen würde - anderenfalls müsste man jedes Jahr mehrfach die Alarmglocken läuten, da die „normale“ Grippe stets global verbreitet wird und tausende Opfer mit sich bringt. Die milde Grippeform, die momentan als „Schweinegrippe“ in den Medien wütet, macht da natürlich keine Ausnahme. Es würde daher schon an ein Wunder grenzen, wenn es in den kommenden Wochen nicht noch weitere Verdachtsfälle auf der ganzen Welt geben würde. Wahrscheinlich wird es auch noch weitere Todesopfer geben, vielleicht sogar in Deutschland. Wenn die „normale“ Grippe Oma Erna hinrafft, so erfährt von ihrem Ableben meist nur der aufmerksame Leser des Todesanzeigenteils der Lokalzeitung. Wenn unsere Oma Erna nun aber durch die „Schweinegrippe“ sterben sollte, so wird sie es problemlos auf die Titelseiten aller großen Zeitungen schaffen und für sie wird die ARD dann sogar ihr Programm um 15 Minuten verschieben, da dies nach einem Brennpunkt verlangt: „Schweinegrippe fordert erstes Todesopfer in Deutschland! Wie sicher sind wir noch?“. Wir sind dem Tode geweiht, aber don´t panic! Wir haben ja zum Glück verantwortungsvolle Politiker, die uns vor aller Unbill schützen.

Don´t panic!

Die Hysterie hat viele Profiteure – Virologen und Mikrobiologen können im offenen Laborversuch in Echtzeit betrachten, wie sich ein Grippevirus ausbreitet. Beim Tamiflu-Hersteller Roche glüht die Bestellhotline und Online-Apotheken melden Rekordumsätze – ob Tamiflu überhaupt gegen den A/H1N1-Virus hilft, weiß zwar niemand, aber wenn die Hysterie um sich greift, interessieren solche Detailfragen nicht. Für die krisengeschwächte Politik ist die „Schweinegrippe“ jedenfalls ein Segen. Anders als bei dieser komischen Krise kann man bei der „Schweinegrippe“ nicht viel falsch machen. Der Erfolg oder Misserfolg lässt sich nicht messen und die Medien greifen dankbar jedes noch so absurde Statement auf – wichtig ist nur, dass man am Ende seiner hysterischen Rede den nun vollends panischen Zuschauer darauf hinweist, dass man beileibe keine Panik schüren wolle. „Es ist nicht die Frage, ob Menschen sterben, sondern wie viele“ – aber bitte verfallen sie jetzt nicht in Panik.

Gripp(e)/in mit amerikanischen Migrationshintergrund

„Schweinegrippe“ ist ein so schöner Name für eine Krankheit, dass er sich sowohl im deutsch- wie im englischsprachigen Raum durchgesetzt hat. Das ist natürlich diskriminierend und nicht zu tolerieren – was kann das gemeine Hausschwein denn dafür, dass sich ein Genstrang seiner Krankheit in ein Humaninfluenzagen verirrt hat? Die EU schlägt daher vor, lieber den Namen “Neue Grippe” zu verwenden. Laaaangweilig! So etwas blutleeres können sich auch nur Brüssler Technokraten ausdenken - abgelehnt! Auch den deutschen Bauer hat bereits die nackte Panik ergriffen – wenn der Michel nun denkt, dass er vom Schnitzel Schnupfen bekommt, lässt er das „Stück Lebensqualität“ im Kühlregal liegen, so die Befürchtung. Oberbauer Sonnleitner schlägt daher vor, dem Virus doch lieber den geographisch korrekten Namen „Mexiko-Grippe“ zu geben, was auch gar nicht so schlecht wäre, da Mexiko so schön exotisch klingt. „Kongo-Grippe“ wäre aber irgendwie gefährlicher, nur leider kommt der Virus ja nicht daher. Was geographisch korrekt ist, kann aber politisch fürchterlich unkorrekt sein – „Mexiko-Grippe“ diskriminiert das gesamte stolze Volk der Mexikaner, und in den USA ist der Virus ja auch schon aufgetaucht. „Nordamerika-Grippe“, oder gar „Amerika-Grippe“, wie die ZEIT den Virus nennt, ist da schon politisch korrekter – obgleich dies ja die weiblichen Viren diskriminiert, wie wäre es mit „Gripp(e)/-in mit amerikanischen Migrationshintergrund“?

350.000 Opfer alleine in Ägypten

Sonnleitners Sorgen teilen auch die Israelis – schließlich gilt das Schwein dort als unkoscher. Da der Begriff „Schweinegrippe“ bereits den bloßen Verdacht in sich trägt, die Krankheit von einem Schwein bekommen zu haben, was für eine echten Israeli eine Beleidigung sei, hat der israelische Gesundheitsminister ebenfalls Sonnleitners Wortschöpfung von der „Mexiko-Grippe“ aufgenommen. In diesem Punkt sind sich im Nahen Osten sogar einmal die notorischen Streithanseln einig. Auch die muslimische Welt sieht in der „Schweinegrippe“ eine historische Chance, den Endsieg über das unbeliebte Rüsseltier zu erringen. Das ägyptische Parlament hat beschlossen, dass binnen weniger Tage alle 350.000 Schweine des Landes getötet werden sollen – Hysterie ist kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Die ägyptische Muslimbruderschaft warnte gar, dass die „Schweinegrippe gefährlicher als die Wasserstoffbombe [sei]“. Da kann man nur hoffen, dass es islamistischen Terroristen nicht gelingt, sich den „Schweine-Virus“ zu beschaffen, sonst könnte schon bald Israels letztes Stündlein schlagen.

Oink! Oink!
Jens Berger

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Kategorie: Glosse, Medien | 66 Kommentare

50.000.000.000.000

16. März 2009 von Spiegelfechter - Drucken

Fünfzig Billionen! Noch vor wenigen Monaten wussten allenfalls Astrophysiker und Buchhalter in Zimbabwe, was das eigentlich ist. 1 Millionen Sekunden sind 11 Tage, 1 Milliarde Sekunden sind 32 Jahre, eine Billion Sekunden sind somit 32.000 Jahre. In Deutschland verbindet man mit der Billion vor allem die Hyperinflation zu Anfang der 1920er Jahre. Am 20. November 1923 bekam man für eine Goldmark 1 Billion Papiermark – dies war der Höhepunkt der Hyperinflation und einen Tag später bezahlte Deutschland mit der Rentenmark, die wieder einen normalen Nominalwert hatte. Eine Billion hat 12 Nullen – das sind 1.000 Milliarden oder 1 Million Millionen. Journalisten und Blogger sollten aber aufpassen, die englische „Billion“ nicht mit der deutschen „Billion“ zu verwechseln. Die englische „Billion“ entspricht nämlich der deutschen „Milliarde“, während das englische Wort „Trillion“ das Pendant zur deutschen „Billion“ ist.

Die Berichterstattung über die Finanzkrise ist bereits im Billionenbereich angekommen. Die Asiatische Entwicklungsbank schätzt die Summe des Geldes, die bislang durch die Finanzkrise vernichtet wurde, auf 50 Billionen US$, was rund 38 Billionen Euro entspricht. Dies sind 5.680 Euro für jeden Bewohner des blauen Planeten. Wenn man für diese Summe Weizen einkaufen würde, so könnte man 15 Milliarden Tonnen Brot damit backen – was rund 1.500 Laibe Brot für jeden Erdenbürger entspräche. Der Hunger der Welt wäre gestillt. Für fast ein ganzes Jahr könnte man mit diesem Geld jedem Menschen das Existenzminimum nach europäischen Preisen zahlen.

Würde man die Summe des vernichteten Geldes in 1-Euro Münzen stapeln, so hätte man einen Turm von fast 9.000.000 Kilometer Höhe – dies ist die 23-fache Entfernung der Erde zum Mond. Stapelte man 1-Cent Münzen, so käme man auf 600 Millionen Kilometer – beinahe viermal die Entfernung von der Erde zur Sonne. Wenn man 10-Euro Scheine im Wert der vernichteten Summe aneinanderlegen würde, so würde dies eine 48,7 Millionen Kilometer lange Geldstrecke ergeben; damit könnte man 1.200mal die Erde umspannen. Wenn man mit diesen Scheinen den Boden bedecken würde, so wäre die Fläche 32.600 km² groß – was ungefähr der Fläche Nordrhein-Westfalens entspricht. Nimmt man stattdessen 500-Euro Scheine, könnte man damit ganz Berlin bedecken.

50 Billionen, da muss eine alte Frau lange für stricken - wenn sie den angedachten Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde bekäme, 583 Millionen Jahre lang. Die rund 40 Millionen Werktätigen in Deutschland müssten bei einem Durchschnittslohn von 3.064 Euro brutto pro Monat 26 Jahre arbeiten, um diese Summe zu verdienen, die die Banker innerhalb kurzer Zeit verzockt haben. Bei einem Preis von 150.000 Euro für ein Einfamilienhaus, könnte man damit 255 Millionen Häuser bauen – damit könnte man nicht nur jedem der 150 Millionen Haushalte in der EU ein Eigenheim schenken, für Russland und die Türkei würde es auch noch reichen.

Dies sind natürlich alles Vergleiche aus dem zivilisatorischen Bereich – wenn man sich die Umwelt anschaut, so verlieren die 50 Billionen schnell ihren Schrecken. Forscher schätzen die Anzahl der Ameisen auf dem blauen Planeten auf 200 Billionen. Die Magier der Finanzmagie haben also nur 0,25 US-Dollar pro Ameise vernichtet, so gesehen sind dies Peanuts. Und wenn die genialen Herren in den Glaspalästen des Finanzkapitalismus’ einmal bei diesen gigantischen Zahlen den Überblick verlieren sollten, so können sie sich ohne große Probleme Nachwuchskräfte aus Zimbabwe besorgen, die sich mit solchen Zahlen gut auskennen. Ökonomen des Cato-Instituts schätzen die dortige Inflation mittlerweile auf 89,7 Trilliarden Prozent. Nachdem dort die Gehälter für Beamte und Soldaten bei 30 Trillionen angekommen sind, ersetzte man sie allerdings durch den US-Dollar. Für die Zukunft hat die Mathematik zum Glück noch einiges in petto – wenn die Banker sich Mühe geben, so erreicht die Summe der Verluste irgendwann einmal ein Googol – diese nicht ganz zufällig ähnlich wie die Suchmaschine klingende Zahl steht für eine 1 mit 100 Nullen. Das sollten die Nullen in den Banken doch sicher schaffen.

Jens Berger

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Kategorie: Glosse, Wirtschaft | 67 Kommentare

Sie sterben, wir lachen!

19. Februar 2009 von Spiegelfechter - Drucken

Die Darwin-Awards sind eine zynische Angelegenheit. Sie werden postum an Zeitgenossen verliehen, die ihre Gene auf besonders dämliche Art und Weise aus dem Genpool entfernen. Seit 1994 werden skurrile Fälle, die von den Betreibern der Webseite auf Authentizität überprüft werden, ausgezeichnet. In diesem Jahr konnte der brasilianische Priester Adelir Antonio de Carli den Hauptpreis abräumen. Der 51jährige Geistliche wollte den Rekord im “Cluster-Ballonfliegen” aufstellen. Dabei setzt man sich auf einen Stuhl, der an mehrere kleine Heliumballons befestigt ist. De Carli hatte sich zum Ziel gesetzt, 19 Stunden auf seinem Stuhl über Brasilien zu fliegen. Dabei verließ er sich nicht nur auf Gottes Gnade, sondern legte sich auch hochprofessionelle Ausrüstung zu. Fallschirm, wasserfeste, warme Kleidung, eine Schwimmweste, ein Satellitentelefon, und sogar einen GPS-Empfänger, mit dem er im Notfall seine Position hätte durchgeben können. De Carli hob ab und ward nie mehr gesehen. Nachdem er mit seinen 1.000 Ballons 6.000 Meter Flughöhe erreicht hatte, brach der Kontakt zur Bodenstelle ab. Später meldete er sich über sein Satellitentelefon beim Rettungsdienst, konnte aber nicht seine Position durchgeben, da er offensichtlich nicht wusste, wie man den GPS-Empfänger bedient. Bevor man ihm weiterhelfen konnte, war der Akku des Telefons leer. Wochen später konnten Teile de Carlis´ von einer Ölplattform 100 km vor der brasilianischen Küste gefunden werden. Seine Gene hat er damit erfolgreich und hinlänglich skurril aus dem Genpool entfernt. Aber auch de Carlis´ Vorgänger haben/hatten durchaus ihren Unterhaltungswert.

In der Wüste Arizonas herrscht unter einigen Waffenliebhabern die Unsitte vor, Riesenkakteen als Zielscheiben für ihre Schießübungen zu missbrauchen. Um die Kakteen zu schützen, stellte der Staat Arizona dieses seltsame Freizeitvergnügen unter Strafe – uneinsichtige Pistoleros riskieren eine Geldstrafe bis zu 100.000 US$, und eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Dies alles konnte allerdings den 27jährigen David nicht davon abhalten, seinen Freunden imponieren zu wollen. Mit seinem Gewehr schoss er zwei Schneisen in den unteren Teil einer rund 6 Meter hohen Kaktee. Sein letztes Wort war „Timber!“, was so viel heißt wie „Baum fällt!“. Die Kaktee fiel – auf David, und begrub ihn unter sich.

Eine weitere amerikanische Unart ist das Dynamit-Fischen. Eine Handgranate oder ein anderer Sprengkörper – und man kann sich das lästige Angeln ersparen. Man sollte die explosiven Anti-Fisch-Waffen allerdings in sicherer Entfernung zum eigenen Boot verwenden. Der 29jährige David aus Illinois und sein Freund wußten dies anscheinend nicht. Durch eine plötzlich aufziehende starke Windböe wurde ihr Boot direkt über die ins Wasser geworfenen Dynamitladung getrieben. Der Rumpf des Aluminiumbootes wurde aufgerissen und das Boot sank. Davids Freund konnte an Land schwimmen, David allerdings konnte überhaupt nicht schwimmen und ertrank.

Nicht nur Dynamit-Fischen ist gefährlich. Fische lassen sich auch durch Strom töten. Ein ordentlicher Stromstoß und schon kann man die leckere Beute mit einem Netz einsammeln. Das hatte auch ein 43jähriger Ukrainer in der Nähe von Kiew vor. Um mit einem maritimen Mahl den ersten Todestag seiner Schwiegermutter zu feiern, ging er mit einem blanken Verlängerungskabel an den nahen Fluss und vollzog sein listiges Handwerk. Leider vergaß er, den Strom abzustellen, bevor er sich die Beute aus dem Wasser holte. So teilte er das Schicksal der Fische und starb an einem [elektrischen] Schlag.

Einen schönen Abend wollten sich Carol und Mark in ihrem Heim in Washington machen. Um sich zu entspannen, inhalierten sie Lachgas. Das aus Zahnarztpraxen bekannte Narkotikum ist bekannt für seine entspannende Wirkung. Carol und Mark hatten allerdings übersehen, dass Lachgas in Zahnarztpraxen natürlich nicht pur, sondern mit Luft vermischt angewendet wird. Carol und Mark mischten ihr Lachgas natürlich nicht mit Luft. Man fand sie mit Atemmasken auf ihrem Gesicht – die angeschlossenen Gasflaschen waren leer. Mark arbeitete vor seinem Tod seit 10 Jahren als Rettungsarzt bei der Washingtoner Feuerwehr. In einer Pressemeldung rühmte ein Sprecher der Feuerwehr den Toten mit den Worten „Er war einer unser bestausgebildetsten und fähigsten Kräfte“ – für die Bürger Washingtons mag dies nicht sonderlich sonderlich beruhigend klingen.

Wenig Glück mit den Verlockungen des weiblichen Geschlechts hatte auch ein 29jähriger in einer Rotlichtbar in Phillipsburg. Vor lauter Übermut schleckte er die mit speziellem Klebstoff befestigten Pailletten vom Leib einer Tänzerin und erstickte. Der Polizei gegenüber sagte die Tänzerin: „Ich bin im Traum nicht auf die Idee gekommen, dass er die Dinger essen würde – ok, er war ziemlich betrunken.“

Alkohol und Schneemobile sind eine tödliche Kombination - wenn dann auch noch ein Hase dazukommt, ist die Katastrophe vorprogrammiert. Eine Gruppe betrunkener Wintersportler entdeckte bei ihrem Ausflug einen Hasen. Aus Jux und Dollerei wollten sie ihn fangen, was aufgrund des Alkoholpegels allerdings nur dazu führte, dass sie sich ineinander verkeilten. Nur ein Schneemobilfahrer war geschickt genug, die Fährte aufzunehmen. Der Hase, clever wie eh und je, flüchtete in Richtung eines Highways. Sich seiner Sache sicher, beschleunigte Mr. Snowmobil auf Höchstgeschwindigkeit. Dadurch muss ihm entgangen sein, dass der Hase nicht auf, sondern unter den Highway flüchtete. Ein lauter Knall und eine Explosion folgten - der Schneemobilfahrer war mit Höchstgeschwindigkeit in den Eingang eines “Krötentunnels” gerast. Der Hase überlebte mit einem Schrecken in den Knochen …

Betrunken waren auch zwei Möchtegernpiloten in Chilliwack, Kanada. Nach etlichen Drinks kamen sie auf die glorreiche Idee fliegen zu wollen - mit einem gestohlenen Flugzeug vom nahen Flughafen. Es ist überflüssig, zu erwähnen, dass keiner der beiden Bruchpiloten je in einem Cockpit saß. Immerhin schafften sie es, die kleine Maschine in die Luft zu bringen und ein paar Ehrenrunden über der schlafenden Kleinstadt zu drehen. Mit dem Landen klappte es allerdings nicht so gut. Sie suchten sich einen Grünstreifen neben dem breiten Highway der Stadt aus, vergaßen dabei allerdings, dass über diesem Highway Stromleitungen gespannt sind. Das kostete sie zunächst das Leitwerk, und dann das Leben. Das Flugzeug rammte mit der Nase in den Boden. Über den Wolken ist die Freiheit zwar grenzenlos, aber auf dem Boden endet sie abrupt.

Überirdische Leitungen sind auch indirekt für das frühzeitige Ableben zweier weiterer Darwin-Preisträger verantwortlich. Eine amerikanische Telefongesellschaft ließ ihre überirdischen Leitungen unterirdisch neu verlegen. Dafür wurde in einer amerikanischen Provinzstadt eine kleine Strasse aufgerissen - eine Fahrbahn war freigegeben, die andere wurde abgesperrt, da dort bereits ein Graben ausgehoben wurde. Dies veranlasste zwei Hillbillies, sich einen seltsamen Spaß zu leisten. Auf dem abendlichen Weg in ihre Stammkneipe versetzten sie die Absperrung, so dass die Fahrbahn gesperrt war, und der Graben offen lag. Nur dumm, dass sie ihren eigenen Scherz vergaßen, während sie sich betranken. Auf der Rückfahrt fuhren sie mit stark überhöhter Geschwindigkeit - und stark erhöhtem Alkoholpegel - in besagten Graben und starben noch am Unfallort. Wer anderen eine Grube gräbt …

Seine Liebe zum Automobil wurde dem 68jährigen Gerhard zum Verhängnis. In einem Stau blieb er mit seinem schönen Porsche Cayenne auf einem Bahnübergang stehen. Als sich die Schranken senkten, wusste Gerhard, dass nur noch eine heldenhafte Aktion seinen Porsche retten könne. Gerhard stieg aus seinem Luxusvehikel aus, und rannte auf den Schienen in Richtung des ankommenden Zuges. Das letzte, was man von ihm sah, war wildes Gestikulieren. Zumindest seinen Porsche konnte er retten. Die eingeleitete Notbremsung nach dem Aufprall sorgte dafür, dass der Porsche mit weniger Schäden davonkam als sein Besitzer.

Eines Tschechen Schicksal war es, dass er im Physik-Unterricht wohl geschlafen hat. Als im letzten Jahr die Stahlpreise explodierten, verdienten sich viele findige Schrotthändler eine goldene Nase. Dies spornte auch einen Mann im tschechischen Zatec an. In einem stillgelegten Werk fand er seine persönliche Goldmine in einem Fahrstuhlschacht. Um an das massive stählerne Halteseil zu kommen, stieg er auf die Kabine des Fahrstuhls, und machte sich an die schweißtreibende Arbeit. Als er endlich mit seiner Metallsäge das Seil durchkappte, setzte sich der Aufzug in Gang und zerschellte am Boden des Schachts - schnell und tödlich. Ob der Mann durch den Sturz, oder durch das herabfallende schwere Metallseil getötet wurde, ist nicht bekannt.

Ein australischer Kung-Fu Schüler schenkte in den 90ern den weisen Worten seines Lehrers ein wenig zuviel Glauben. Nach einer Übungsstunde, in der er offensichtlich gute Fortschritte gemacht hatte, lobte ihn der Lehrer mit den Worten „Nun bist Du so weit, dass Du wilde Tiere mit bloßen Händen töten könntest“. Der Schüler nahm den Lehrer beim Wort und brach nachts in den Melbourner Zoo ein. Ob es zwischen ihm und den Löwen zu einem Zweikampf nach allen Regeln der Kampfkunst kam, ist nicht bekannt – Tierpfleger fanden seine Überreste am nächsten Morgen im Löwengehege. Zwischen den Fingern fanden sie Haare, die der Mähne eines Löwen entstammten.

Wenig Glück mit Raubkatzen hatten auch die zwei Inder Rai und Tiwari. Beseelt von religiösem Eifer wollten sie einen Tiger im Zoo von Kalkutta ehren. Um diese hochehrenwerte Handlung vorzunehmen, überwanden sie den Sicherheitszaun des Zoos und tänzelten auf einen 13jährigen bengalischen Tiger namens „Shiva“ zu. Um den Tiger zu huldigen, hängte ihm Rai einen Kranz aus Ringelblümchen um den Hals – so viel Ehre war dem Tiger wohl nicht genehm, er griff Rai an und verbiss sich in ihn. Sein Freund Tiwari legte alle Verehrung beiseite und attackierte den Tiger mit Fußtritten um Rai zu retten. Die Katze entledigte sich des tretenden Verehrers mit einem Biss in den Hals …

Ein 34jähriger Australier hatte eine tödliche Vorliebe – alte Lastwagen. Um in den Besitz eines Original-Motors eines alten Bedford-Trucks zu kommen, brach er nächtens in eine Glas-Recycling-Firma ein und machte sich an die Arbeit. All zuviel schien er aber nicht von Lastwagen zu verstehen. Er legte sich unter den Wagen und begann zu schrauben. Irgendwann hatte er sein Ziel erreicht, und der Motorblock, der so schwer ist, dass es eigentlich drei Mann benötigt, um ihn anzuheben, zerquetschte den Motordieb in spe. Der Firmeninhaber sagte der Polizei: „Er hätte nur fragen müssen – ich wollte den alten Laster eh verschrotten. Er hätte ihn mitnehmen können.“

Schlechte Erfahrungen mit der Unterseite von Lastwagen musste auch der 34jährige James Burns aus Alamo/Michigan machen. Um herauszufinden, woher die seltsamen Geräusche seines Trucks kommen, hängte er sich unter dem Fahrzeug ein und bat einen Freund, den Truck zu fahren. Auf seinem Horchposten muss Burns sich mit seiner Kleidung in einem beweglichen Teil verfangen haben. Sein Freund fand ihn tot – um die Antriebsachse gewickelt.

Der 39jährige Anwalt Garry war begeistert von der Sicherheitsverglasung seines Büros im „Dominion Bank Tower“ im kanadischen Toronto. Um auch seine Gäste von der erstaunlichen Stabilität der Fenster zu begeistern, sprang Garry schon mal gerne mit Anlauf gegen seine gläsernen Büroaußenwände. So auch beim Besuch einer Studentengruppe. Dummerweise zerbrach diesmal das Fenster und man fand Garry im Hof des Wolkenkratzers wieder – 24 Stockwerke tiefer. Seinen Vorgesetzten zufolge war Garry eines der besten und cleversten Mitglieder ihrer Kanzlei.

Wenige Meter entfernt stürzte sich ein paar Monate später der 55jährige Stefan aus dem 23. Stockwerk unfreiwillig in den Tod. Er wollte auf dem Balkon seines Appartements in Toronto den Vogelkasten reinigen. Stefan stellte sich dabei auf einen Bürostuhl mit Rollen – keine gute Idee, wie sich zeigte.

Zu viele Kriminalfilme hat wohl ein Insasse des Allegheny County Gefängnisses in Pittsburgh gesehen – ein hochmodernes Gefängnis, das von außen eher an einen Wolkenkratzer erinnert. Er knotete sich aus Bettlaken ein 30 Meter langes Seil und schaffte es, in einem der obersten Stockwerke ein Fenster aus Sicherheitsglas zu zerbrechen. Es ist zwar nicht bekannt, ob er bei seinem Ausbruchsplan die verwunderten Autofahrer auf der Hauptverkehrsstrasse vor dem Gefängnis miteingeplant hatte, die seinen hollywoodreifen Ausbruchsversuch mit Interesse verfolgten. Mit Sicherheit hatte er aber die Höhe des Gebäudes nicht mit eingeplant – das Ende des Seiles baumelte 30 Meter über dem Erdboden. Seinen Fehler bemerkte der Flüchtling allerdings nicht. Er hatte nämlich ebenfalls nicht mit eingeplant, dass sein Seil aus Bettlaken von den scharfen Glaskanten des zerbrochenen Fensters zerschnitten werden könnte. Als er fiel, waren noch 50 Meter zwischen ihm und dem harten Asphalt.

Skurril mutet auch der Tod eines 50jährigen Jägers aus Upstate New York an. Während einer Zigarettenpause fand sein Jagdhund einen schönen, großen Knochen. Doch der Jäger missgönnte seinem Hund das Vergnügen. Wie Hunde aber so sind, dachte auch besagter Jagdhund nicht im Traum daran, die Beute seinem Herrchen auszuhändigen. Der Jäger packte sein geladenes Gewehr am Lauf und machte Jagd auf seinen Hund. Dabei wedelte er wie wild mit seiner geladenen “Keule”. Als er schließlich dem Hund einen Schlag verpassen wollte, löste sich ein Schuss und traf den Jägersmann tödlich in den Unterleib. Zumindest der Hund kam ohne Schaden aus der Sache heraus.

Deutsche Hunde sind da konsequenter. Ein 51jähriger Jäger wurde im Schwarzwald von seinem Hund erschossen. Die Polizisten fanden Hund und Gewehr im Wagen des Jägers – das Gewehr ragte aus dem geöffneten Fenster heraus, Laufrichtung Herrchen. Ob der Hund im Tierheim Sicherheitsverwahrung bekam, ist allerdings nicht bekannt.

Man sollte Nachrichten nicht nur verfolgen, sondern auch versuchen, sie zu verstehen. Die Missachtung dieses Grundsatzes wurde einer Dänin zum Verhängnis. Über Dänemark zog im Winter 1999 einer der schlimmsten Stürme des Jahrhunderts. Das dänische Fernsehen brachte eine Sondersendung zu diesem Thema. Da das Fernsehbild der wagemutigen Dänin durch den Sturm gestört war, sie aber keinesfalls die Sondersendung über den Sturm verpassen wollte, stieg sie aufs Dach und richtete die Antenne neu aus - der Sturm erledigte den Rest.

Zwei unfreiwillige Selbstmordattentäter in Israel wurden Opfer von zeitlicher Konfusion. Im Jahre 1999 stellte Israel die Winterzeit eine Woche vor dem normalen Termin um. Diese „zionistische Zeit“ galt natürlich nicht für die stolzen Palästinenser im Westjordanland. Davon wussten allerdings die beiden palästinensischen Fahrer nichts, die die Autobomben an ihr Ziel bringen sollten. Sie hatten ihre Uhren ordnungsgemäß umgestellt und starben auf dem Weg zu ihrem Zielort.

To be continued ;-)

Jens Berger

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Kategorie: Glosse | 35 Kommentare

Der Superduper-Gümbel-Twitter

14. Januar 2009 von Spiegelfechter - Drucken

Twitter ist in, Twitter ist hip! Wofür man eigentlich so ein Twitter braucht, weiß zwar kaum jemand, aber wenn sogar schon das hippe, innovative Nachrichtenportal SPIEGEL-ONLINE twittert, kommt man als innovativer und durchaus hipper Nachwuchspolitiker natürlich auch nicht an Twitter vorbei. Thorsten Schäfer-Gümbel ist so ein innovativer und hipper Nachwuchspolitiker, der - so wollen es die PR-Strategen mit ihren dicken Hornbrillen - die Möglichkeiten neuer Medien in seinem Wahlkampf voll ausschöpfen lässt. So wurde dem Gümbel von der zuständigen Werbeagentur das volle Paket angedreht - YouTube, MeineVZ, Wer-kennt-wen, Twitter und natürlich Facebook - dort hat der Gümbel auch schon 774 Freunde. Das ist natürlich superdupertoll, die kann er alle zu seiner Wahlparty einladen und Freibier ausschenken, die Old-School-Variante, “Freunde” zu gewinnen. Peinlich ist es allerdings für Gümbels Agentur, dass die Links auf der Gümbel-Seite zu MeineVZ und Wer-kennt-wen ins Leere laufen. Auf Facebook hat auch Roland Koch sein neues Zuhause gefunden. Der beliebte Oberhesse hat bei Facebook (vielleicht ja auch in der Realität?) keine Freunde, er hat nur Befürworter - und davon auch nur 51 an der Zahl. Die Bloggosphäre jubelt und den Online-Wahlkampf hat der Gümbel damit haushoch gewonnen - ob das am Sonntag eine Rolle spielen wird?

Gümbels Wahlkampfstrategen haben das Trash-Potential ihres Produktes erkannt. Die Videos auf YouTube sind betont schlecht ausgeleuchtet und der Gümbel gibt sich jede nur erdenkliche Mühe, “authentisch” zu wirken. In einem Land, in dem Dieter Bohlen monatelang die Literatur-Hitparade anführt und seine Kunstwesen die Musik-Charts dominieren, kommt so etwas natürlich gut an.

Konsequent fortgesetzt wird diese Trash-Strategie im Gümbel-Twitter. In diesem “Miniblog” twittert der Gümbel munter vor sich hin - “Twittern” ist ein Neologismus für das Verfassen von sinnentleerten Kurznachrichten ohne Einhaltung orthographischer Regeln. Komplexe politische Themen werden dann schon mal aufs brachialste “heruntergetwittert”:

- Heute bildungstag. Mehr ganztagsschulen, talentförderung. 16 Uhr, Konferenz in Frankfurt.

Der Mann ist gut, den wähle ich! Fehlt nur, dass der zuständige Praktikant “Heute mit obama gesprochen. weltfrieden ist beschlossen. Mehr geld und freibier für alle!” twittert - obgleich dies kaum einen Unterschied machen würde.

Das humoristische Potential des Gümbel-Twitter-Unfugs hat die Titanic (wer auch sonst?) erkannt. In ihrer täuschend echt aussehenden Kopie (oder ist dies das Original?) nimmt sie Sinn und Unsinn des Onlinewahlkampfs der hessischen SPD mit Witz und Schneid aufs Korn.

- Seit 1 Stunde Appetit auf Essiggurken mit Sahne. Woher mag das kommen? Mutter angerufen - falsch verbunden, irrtümlich Wählerin gewonnen
- Mißverständnis! Habe Mutter gerade erzählt, daß ich öffentlich twittere und bis zu 300 Leute zuschauen - Ohrfeige erhalten!

Wenn die Gümbel-Strategie die vielzitierte deutsche Antwort auf Obamas Wahlkampf im Netz sein soll, so ist Deutschland in der Tat zu bemitleiden.

Jens Berger

Kategorie: Glosse, Medien, Politclowns | 64 Kommentare

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  • Nur_mal_so @salvo Na zumindest die Qualität und die Wünsche der “Zeit” kann man den Leuten im Iran...
  • Nur_mal_so @SF Danke für deine Antwort, und hatte natuerlich auch schon den vorigen Artikel gelesen ;-) Weiss...
  • salvo p.s ich zitiere aus dem im Artikel verlinkten Artikel von U. Ladurner in der zeit “Der Aufstand in Iran...
  • name Klar total Jens, immer und überhaupt, MA ist Hitler und noch viel mehr. Mich kotzt es an, wenn hier...
  • Max Krapp @ 65 Zu einem Teil der Vorwürfe hat sich ja JB schon geäußert. Ich kann mich nicht daran erinnern,...

SR2 - Fragen an den Autor: Das Ende der Massenarbeitslosigkeit

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