Reichtum

06. März 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Alle Jahre wieder erfreuen sich die Nationen ihres Reichtums. Natürlich gehr es hier nicht um das Durchschnittseinkommen, welches medial ein Mauernblümchendasein fristet. Nein, es geht darum, wer der reichste Mensch der Welt ist – eine Frage mythischen Ausmaßes. Beantwortet wird diese alljährlich in der berühmten „Forbes Liste”. Weil kaum jemand „Vista“ haben will und Microsofts sonstige Produkte auch nicht gerade Reißer sind, ist Bill Gates seinen Platz am Firmament endlich los und Warren Buffet darf fortan als reichster Mann der Welt bewundert werden. Buffet ist Investmentbanker und dies ist ja bekanntlich ein sicheres Geschäft – vor allem im letzten Jahr.

Im Olymp des Mammons sind eher krude Zeitgenossen vertreten. Jede Menge Inder tummeln sich unter den Top10. Sie haben zwar viel Geld, können sich dafür auf einem ostdeutschen Volksfest noch nicht einmal eine Bratwurst kaufen - zumindest sollten sie es nicht versuchen. Auf Platz Nummer Sieben findet man einen kauzigen alten Schweden, der mal die Idee hatte, gepresste Holzspäne als Möbelbausets zu verkaufen. Eine geniale Idee - Menschen, die Plastikbrüste anbeten, lieben auch Möbel aus Presspappe. Neben vielen unrasierten Russen, die normalerweise in keinem besseren Hotel ein Zimmer bekämen, ohne im Voraus bezahlen zu müssen, gibt es dort noch die üblichen Verdächtigen: Alte Männer, alte und junge Witwen und deren junge und schnöselige Erben. So weit, so langweilig – interessant wird es dann, wenn man die Zahlen einmal statistisch auswertet.

Verfügten die deutschen Milliardäre im letzten Jahr noch über 245 Mrd. US$, so werden sie für 2008 auf stolze 285 Mrd. US$ taxiert – ein Einkommenszuwachs von beachtlichen 16% und dies selbstverständlich nicht wie bei Zumwinkels unter Sofa, sondern nach Steuern. Der Vermögenszuwachs dieser 59 Deutschen betrug also rund 40 Mrd. US$. Dies wären für jeden Deutschen, vom Säugling bis zum Greis 500 US$ - ein schönes Weihnachtsgeschenk, könnte man meinen. Natürlich haben die Albrechts nicht Tausende von Goldmünzen in ihrem Geldspeicher, den sie mit einer Schrotflinte gegen die Panzerknacker verteidigen müssen, sondern ihr Geld ist gut angelegt. Ein Vermögenszuwachs muss aber erwirtschaftet werden und dies wird im Allgemeinen über Gewinne gemacht, die irgendwo herkommen müssen. Schaut man auf die Betätigungsfelder der deutschen Milliardäre, weiß man, wo das Geld herkommt: ALDI, Tengelmann, die Metro-Gruppe, Schlecker, Deichmann, Tschibo, der Otto-Versand und Quelle sind dort an prominenter Stelle vertreten. Nicht zufällig engagieren sich die deutschen Milliardäre anscheinend gerne in Branchen, in denen der Mindestlohn ein Thema ist. Warum dieses Thema allerdings, genau so wie “Reichensteuer”, Erhöhung der Vermögenssteuer oder andere “kommunistische” Themen kaum diskutiert wird, erklären die Namen der anderen deutschen Milliardäre - Bertelsmann, Burda, Bauer, Springer und Holtzbrinck sind dort eben so zu finden, wie ihre internationalen Pendants. “Wer die Kapelle zahlt, bestimmt welche Musik gespielt wird” sagt der Volksmund - vielleicht ist da ja was dran.

Die deutschen Milliardäre stehen allerdings international eher bedauernswert da. Im boomenden Entwicklungsland Indien gibt es mittlerweile 47 Milliardäre, die über stolze 335 Mrd. US$ verfügen. Damit besitzen sie ungefähr soviel, wie 337 Mio. ihrer Landsleute innerhalb eines Jahres verdienen. Geradezu gigantisch ist auch die Milliardärswachstumsrate in Russland. Gab es dort im letzten Jahr “nur” 53 Milliardäre mit einem Gesamtbesitz von 282 Mrd. US$, so sind es dieses Jahr 88 Milliardäre, die über 484 Mrd. US$ verfügen. Das sind die Jahreseinkommen von 105 Mio. durchschnittlichen Russen. Nimmt man nur die 53 reichen Russen, die schon im letzten Jahr in der Forbes-Liste auftauchten, so sind diese innerhalb eines Jahres 155 Mrd. US$ reicher geworden. Somit haben 53 Russen innerhalb eines Jahres so viel “verdient”, wie 34 Mio. Durchschnittsrussen. Dagegen nehmen sich die deutschen Superreichen geradezu bescheiden aus. Die 59 reichsten Deutschen “verdienten” innerhalb eines Jahres so viel wie knapp 1 Mio. Durchschnittsdeutsche oder aber 1,35 Mio. Ostdeutsche. Von diesem Einkommen könnte man fast 10 Mio. Hartz-IV Empfängern ihren Regelsatz auszahlen.

Dies sind wohl die Folgen eines globalisierten Turbokapitalismus. Das Gesamtvermögen der Forbes-Liste stieg innerhalb eines Jahres von 900 Mrd. US$ im Jahre 2007 auf 4.400 Mrd. US$ im Jahre 2008 - eine Umverteilung sondergleichen. SPON hat es geschafft innerhalb eines einzigen Tages sieben Artikel und Bilderklickreihen zu diesem Thema zu verfassen - überflüssig zu erwähnen, dass kein einziger dieser Artikel nur den Hauch von Kritik enthielt. Die Familie Mohn, die über Bertelsmann auch am SPIEGEL beteiligt ist, steht selbstverständlich auch in der Forbes-Liste, aber das ist sicher nur Zufall. Dänemark hat übrigens nur einen Vertreter auf der Liste und der stellt politisch neutrales Plastikspielzeug her.

Jens Berger

Kategorie: Deutschland, Glosse | 36 Kommentare

Friendly Fire!

18. Februar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

In der Beletage der deutschen Wirtschaft geht die nackte Panik um und alles hat im entferntesten Sinne etwas mit ihrem gefallenen Engel Klaus Zumwinkel zu tun. Angst vor der Steuerfahndung hat man diesmal nicht, auch muss man sich nicht fürchten, im Soge des vagabundierenden Linksrucks dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen zu werden. Die Bedrohung kommt heute aus einer unerwarteten Ecke – Friendly Fire! Die Regentin höchstpersönlich hat über ihre Hofpresse verkünden lassen, sie würde sich ihre obersten Leistungsträger einmal in Einzelgesprächen „vorknüpfen“. Alleine der Gedanke an eine moralinsaure Plauderstunde bei Kaffee und Kuchen mit der Pastorentochter aus der Uckermark kann einem echten Angehörigen der Leistungselite schon mal den Tag versauen.

Wer will auf diesem Treffen eigentlich wem etwas über Moral erzählen? Vielleicht können Politik und Wirtschaft ja in einen fruchtbaren Dialog treten – auch die CDU hat so einiges an Liechtensteinerfahrung zu bieten. Zumwinkels Stiftung in Liechtenstein hieß „Devotion“, die der CDU hieß „Norfolk“. Ein Anruf bei Don Kohleone sollte genügen, um der Wirtschaft mal zu zeigen, was so ein richtiges Ehrenwort unter Freunden zu bedeuten hat. Der Großmeister des Bimbes würde selbst nach zwei Stunden Waterboarding bei Freund Bush nicht die Spendernamen nennen – ein wahres Vorbild für die Wirtschaft. Und diese Art von Vorbildern brauchen wir wieder – das finden diesmal nicht etwa die üblichen Verdächtigen, sondern Joe Ackermann höchstpersönlich. Der Moralbeauftragte des deutschen Großkapitals gibt sich in der deutschen Fachzeitung für Moral- und Ethikfragen, der BILD-Zeitung, die Ehre und appelliert an seine Kollegen, neues Vertrauen zu schaffen.

Eigentlich beunruhigt den Herrn Ackermann natürlich keinesfalls die Infamie der Eliten, es geht ihm mehr darum, dass dies alles irgendwie besser vermittelt werden muss. Angst hat er vor einem Erstarken linker Gedanken, die den Wohlstand unseres Landes gefährden und am Ende nur alle ärmer machen, während die Ackermänner doch alles tun, um uns alle reicher zu machen. Na klar, glauben tut das niemand, aber daher muss ja auch die Kommunikation gestärkt werden, und dem Menschen erklärt werden, warum es eigentlich gut für ihn ist, wenn er entlassen wird und nur noch Hartz-IV bekommt. Joe Ackermann ist natürlich genau der richtige Mensch, um sich über den Zusammenhang von Recht, Moral und Wirtschaft zu äußern. Unvergessen ist sein Statement während des Mannesmannprozesses, in dem er wegen schwerer Untreue zwei Jahre Haft bekommen sollte, aber natürlich frei gesprochen wurde: „Dies ist das einzige Land, in dem diejenigen, die Erfolg haben und Werte schaffen, deswegen vor Gericht gestellt werden“ – ja, das gleiche wird sich Zumwinkel denken, wenn auch nicht öffentlich aussprechen. Ackermann als Vertreter wirtschaftlicher Moral – der Saulus soll zum Paulus werden? BILD weiß schon, was dahinter steckt, schließlich einigen BILD und Ackermann ja der Kampf gegen den Linksruck, da darf auch der Anwalt des kleinen Mannes nicht zimperlich sein, wenn es darum geht, mit wem man ins Bett steigt.

Blickt man dieser Tage in die Medien, so hat man das Gefühl auf einem Jahrestag der katholischen Päderastenpriester gelandet zu sein. Selten wird von Menschen mit einem derart geringen moralisch-ethischen Handlungsregister, derart lautstark Moral gefordert. Utz Claassen, der ehemalige Strombaron von Baden-Württemberg, ließ sich zu aktiven Zeiten bereits vom kleinen Stromkunden wie ein Pascha aushalten – über 4 Mio. Euro verdiente er im Jahre 2004. Und dies als Chef eines ehemaligen staatlichen Versorgers, der Monopolstellung genießt. Claassen lies sich in seinem Vertrag zusichern, dass er bei seiner Entlassung jährlich 400.000 Euro Übergangsgeld bekommt. Der gute Mann ist 44 Jahre alt und in diesem Alter bereits einer der bestbezahlten Rentner, der fortan dem kleinen Stromkunden auf der Tasche liegt. Ein eingestelltes Verfahren wegen Bilanzfälschung hat der gute Mann natürlich auch schon hinter sich. Klar, dass so ein hochmoralischer Mensch, wie der Herr Claassen, jetzt, da er zu viel Zeit hat, erst einmal ein Buch über „irgendwas mit Werten“ schreiben muss und für Zumwinkel „null Verständnis“ hat. Die ganze Schweineherde grunzt, welches von ihnen denn nun das dreckigste Schweinchen ist.

Im Falle Zumwinkel machen es sich alle sehr leicht – schuld und böse ist, wer gegen das Gesetz verstößt und dabei erwischt wird. Wer Gesetze ein wenig freier gestaltet oder mit Hilfe der Politik gestallten lässt, muss sich anscheinend keine Sorgen um die eigene Moral mehr machen. Wer wegen willkürlich gesetzter Renditeerwartungen seine ihm Anvertrauten in das wirtschaftlich Nichts stürzt, ist nach den selbstgesteckten Moralregeln der Eliten keineswegs unmoralisch. Sogar der lammfromme Jesus aus der Bibel wurde zum Beserker, als er die “Händler” und “Geldwechsler” mit einer “Peitsche aus Binsen” aus den Tempeln vertrieben hat. Die Moral der Eliten ist eine denkbar einfache – man stellt selbst die Regeln auf, gegen die man nicht verstoßen will, eine Art FSK für Wirtschaftsführer.

Vielleicht gründen die Regentin und die Wirtschaftsfürsten ja eine gemeinsame Task-Group – so etwas klingt immer gut, lenkt von der eigentlich Problematik ab und verbreitet den Eindruck, man tue was. Diese „TG - Wirtschaft, Politik und Moral“ könnte Herrn Schäuble unterstehen, der kennt sich recht gut mit Bargeld in neutralen Umschlägen aus. Sein Vize könnte Herr Koch werden, der ja in Zukunft viel Zeit haben wird und als brutalstmöglicher Aufklärer mit guten Beziehungen zu „jüdischen Vermächtnissen“ eine gute Ergänzung geben könnte. Auch aktive und ehemalige Granden wie Kanther, Lambsdorf, Meyer oder die Amigos aus dem Süden wären würdige Vertreter der Politik. Aus den Reihen der Wirtschaft kann die Regentin ebenfalls aus dem Vollen schöpfen: Hartz, von Pierer, Esser, Kleinfeld und viele andere Leistungsträger sind sicher passende Kandidaten für einen Erfahrungsaustausch. Solange es immer nur Einzeltäter mit persönlichen Verfehlungen sind, ist es ja halb so wild. Da die Wunde mit den immer schneller aufplatzenden Eiterblässchen nichts Gutes erahnen lässt, lässt man es auch lieber bei der oberflächlichen Betrachtung. Alles andere würde die Menschen nur verwirren und die Kommunikationsoffensive der Ackermänner wird es schon schaffen, den Patienten denken zu lassen, es seien nur platzende Eiterblässchen und kein darunterliegendes Krebsgeschwür, dass ihn wegsiechen lässt.

Jens Berger

Bildnachweis: Alle Montagen CC Spiegelfechter

Kategorie: Deutschland, Glosse, Medien, Neoliberalismus | 74 Kommentare

Germans to the front

07. Februar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Gut, dass das der Kaiser nicht mehr miterleben muss. Die deutschen Soldaten in Afghanistan gelten mittlerweile weltweit als bettnässende Muttersöhnchen - Feiglinge, die lieber in ihren kuscheligen Stützpunkten Tee und Bier trinkend das Leben genießen, während draußen die tapferen Völker Amerikas, Kanadas, Englands und Norwegens das christliche Abendland im fernen Hindukusch verteidigen. So geht das natürlich nicht - mitgehangen, mitgefangen. Es geht ja schließlich auch um Deutschlands Sicherheit – nicht auszudenken, was in den Straßen Düsseldorfs, Passaus und Castrop-Rauxels passieren würde, wenn Afghanistan anstatt von Warlords, die den Exil-Paschtunen des Popalsai-Clan nahe stehen, plötzlich von usbekischen Warlords oder gar paschtunischen Mudshadeddin regiert würde.

Zum Glück muss der deutsche Michel aber nicht gleich in Panik verfallen, da jetzt im fernen Hindukusch die Weichen für seine sichere Zukunft neu gestellt werden - die Bundeswehr meint das ja nicht so. Natürlich sind wir Deutschen eher ein „Katsche Schwarzenbeck“, als ein „Andy Möller“ und gehen mannhaft dahin, wo es weh tut, anstatt uns heulend fallen zu lassen.

Deutschland will ja endlich auch wieder mit den großen Jungs mitspielen, nachdem es längere Zeit gesperrt war, weil es unter dem alten Spielführer zeitweise grob unfair gespielt hatte. Der Deutsche Michel ist aber leider ein unbelehrbarer Stiesel, der nicht einsehen mag, dass es eigentlich in seinem Interesse ist, wenn deutsche Panzer Dörfer in fernen Ländern mit exotischen Namen platt machen. Um ihn umzustimmen, bedarf es eines alten Taschenspielertricks.

In Afghanistans Norden herrscht momentan die Ruhe vor dem Sturm. In der einen Ringecke steht Dostum, der Usbeke – ein Warlord, ehemals Führer der Nordallianz, der die Taliban vertrieben hat und zum Dank von den neuen Herren aus dem westlichen Exil weggeputscht wurde. In der anderen Ecke Juna Khan Hamdard , der Paschtune – ein Warlord, während der „dunklen Jahre“ hat er mit den Taliban fraternisiert, im Angesicht der vorrückenden Nordallianz wechselte er allerdings die Seiten und wurde dafür von den neuen Herren mit einem Gouverneursamt belohnt. Ladys and Gentlemen, get ready to rumble …

Um die Sache zusätzlich noch so richtig undurchsichtig zu machen, haben sich die Taliban anscheinend vorgenommen, ihre Rückeroberung Afghanistans in einer Zangenbewegung zu gestallten, bei der die eine Zangenseite mitten durch die deutschen Linien geht. Zwei Warlords, die sich bekriegen und dazwischen auch noch die Taliban – langweilig wird es der Bundeswehr im Norden sicher nicht werden.

Da deutsche Söhne und Töchter also künftig auch im Norden hervorragend ihr Leben fürs Vaterland lassen können, ist ein deutsches Engagement im Süden nicht einmal notwendig um den geforderten Blutzoll zu zahlen, so dass so glorreiche Militärnationen wie Holland oder Kanada endlich wieder mit uns sprechen. In den Wilden Süden sollen deutsche Landser ja auch gar nicht – das widerspräche der Strategie der NATO.

Setzt man dem Michel aber die Pistole aus Washington auf die Brust und stellt ihm die Frage „Entweder schickst Du Deine Söhne zum glorreichen Sterben in den Süden, oder wir schmeißen Dich mit Schimpf und Schande aus der NATO raus“, so atmet der Michel erleichtert durch, wenn seine Minister es doch tatsächlich in all ihrer Genialität schaffen, mit einem blauen Auge aus der Sache herauszukommen, das in einer Entsendung zusätzlicher Kontingente für den Kampfeinsatz im Norden besteht, der natürlich noch nebenbei in einer Nacht- und Nebelaktion vom Parlament neu formuliert werden muss. Aber gemessen an dem, was Washington eigentlich wollte, sind wir ja noch mal glimpflich davongekommen. Sind wir das? Gut, dass das der Kaiser nicht mehr miterleben muss.

Jens Berger

Bildnachweis: Wikicommons; Montage: Spiegelfechter (CC)

Kategorie: Deutschland, Glosse | 134 Kommentare

Passivraucher gegen die Welt

25. Januar 2008 von Achel - Drucken

Es ist soweit, die militanten Nichtraucher zeigen ihr wahres Gesicht. Bisher ist es ihnen gelungen, sich als Opfer einer immer und überall qualmenden Gesellschaft darzustellen. So bezeichnen sie sich auch nicht mehr als Nichtraucher, was irgendwie eine unsympathische Verweigerungshaltung impliziert, sondern als Passivraucher. Passiv, klingt schon besser und erinnert an Gandhi. Der Raucher gehörte fortan zur Achse des Bösen, schließlich pustet er seinen Qualm ständig in das Gesicht der armen, wehrlosen Passivraucher.

Andererseits ist der Begriff „Passivraucherschutz“ ein klassisches Oxymoron. Anders als der Nichtraucher ist der Passivraucher nur existent, wenn es aktive Raucher gibt. Verbietet man nun aber den Rauchern ihre existenzgebende Tätigkeit, gibt es auch keine Passivraucher mehr. Es geht also streng genommen nicht um den Schutz, sondern um die Abschaffung der Passivraucher – aber „Passivraucherbeseitigungsgesetz“ hört sich auch nicht so toll an.

Die armen, wehrlosen Opfer sind aber nun in der Rolle der Machthabenden. Sie haben die Raucherlobby besiegt und aus den Gaststätten der Republik verwiesen. Und das muss gefeiert werden. Allerdings nicht in den jetzt rauchfreien Gaststätten, denn die besucht der Passivraucher eigentlich aus Prinzip nicht. Deswegen wird in den Städten mangels Kundschaft ein Kneipensterben eintreten, vor allem die kleineren Pinten sind davon heute schon betroffen.

Also sitzt der Passivraucher zu Hause bei einem Glas Sekt und sieht fern. Und erblickt Helmut Schmidt sowie seine Frau Loki, die dreisterweise bei einer Hamburger Neujahrs-Gala ihre Zigaretten wegquarzen. Das passt dem Passivraucher nun gar nicht. Er ist so erbost, dass er sich Nichtraucherinitiative nennt und den Uralt-Kanzler wegen Körperverletzung anzeigt. Da ist es ihm auch egal, dass er in Wiesbaden saß, während Helmut Schmidt in Hamburg rauchte. Von Passivrauchen kann da ja keine Rede sein. Aber so ist er, der Passivraucher, geht nicht in Kneipen und zeigt alte Männer an.

Doch warum wurde Helmut Schmidt in Hamburg nicht daran gehindert, in der Öffentlichkeit zu rauchen? Erst einmal, weil man gar nicht die Möglichkeit dazu hat, weder finanziell noch personell. Auf Hamburg.de gibt es einen Frage-Antwort-Katalog zum „Passivraucherschutzgesetz“. Auf die Frage „Gibt es eine Raucherpolizei“ ist die Antwort zu lesen: „Nein. Die Ordnungsbehörden führen keine speziellen Kontrollen durch, sondern werden anlassbezogen bzw. im Rahmen der ordnungsrechtlichen Kontrollen tätig.“ Das heißt, die Behörden werden nur tätig, wenn ein Denunziant sie einschaltet, wie eben jene Nichtraucherinitiative aus Wiesbaden.

„Wie wird das Gesetz dann umgesetzt?“ fragt der Fragekatalog. Die Antwort: „Die Verantwortlichen der Einrichtungen bzw. die Betreiber sind verpflichtet, das Rauchverbot durchzusetzen… Für die Verfolgung und der Zuwiderhandlung sind die Ordnungsbehörden zuständig“, die allerdings nicht speziell kontrollieren.

Übrigens darf in Wasserpfeifencafés keine Wasserpfeife mehr geraucht werden. Denn „ein Wasserpfeifencafé fällt unter den Begriff Gaststätte.“ Zumal entstünden durch das Glimmen der Wasserpfeife krebserzeugende Stoffe, was das Passivrauchen ähnlich gefährlich machen würde wie das Passivrauchen von Zigarettenqualm. Da können sich die vielen Passivraucher, die Wasserpfeifencafés besuchen, ja glücklich schätzen. Geraucht werden darf allerdings in Friseursalons. Es sei denn, hier würden Getränke verkauft, dann wäre es nämlich eine Gaststätte.

Zurück zu Helmut Schmidt. Hätte er nicht draußen rauche können? Im Prinzip ja, aber was das Aufstellen von Heizstrahlern angeht, sagt die Stadt Hamburg folgendes: „Für das Aufstellen von Heizstrahlern auf öffentlichem Grund der Gaststätte wäre eine Genehmigung des zuständigen Bezirksamtes einzuholen. Manche Bezirke genehmigen aufgrund der Menge von Heizstrahlern das Aufstellen vor Lokalen nicht mehr.“ Man weiß nicht, vor allem nicht die Denunzianten in Wiesbaden, ob vor der Tür ein Heizstrahler stand. Aber ganz ehrlich, einen alten Mann (89) nach draußen in die Kälte zu schicken, grenzt wahrscheinlich eher an Körperverletzung als das Rauchen des Alt-Kanzlers.

Doch das ist dem Passivraucher schlicht egal. Auch, dass die Anzeige keine Auswirkungen haben wird, sondern nur ärgerlich für die Staatsanwaltschaft ist. Hauptsache laut sein und die netten Genussmenschen ärgern.

Achel

Montagen: Spiegelfechter (CC)

Kategorie: Glosse | 140 Kommentare

Schweinchen Babe im Exklusivinterview

14. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

SF: Herzlich willkommen Herr Koch. Ihr Wahlkampfthema “gewalttätige jugendliche Ausländer” entwickelt sich langsam zum Boomerang. Erst heute distanzierte sich ihr Kollege Wulff …

Koch: Kollege? Ein feiner Kollege ist das, dieser Streber. Politiker, wie dieser Wulff, werden gewählt, weil sie so schön lächeln können und schick aussehen, wenn sie sich den Strickpulli um die Schultern legen. Ein Koch muss hingegen durchgreifen und Stärke demonstrieren - mir ist nie etwas geschenkt wurden.

SF: Ihr Vater war hessischer Justizminister und einflussreicher CDU-Landespolitiker.

Koch: Das tut jetzt hier nichts zur Sache.

SF: Was hätte ihr Vater als Jurist eigentlich zu ihrer Kampagne gesagt, die ja von sämtlichen namenhaften Juristen als Populismus abgewatscht wurde?

Koch: Ach, was wissen diese Gutmenschen denn. Hier herrscht Krieg! Auf den Strassen herrscht Krieg! Jung gegen alt, Ausländisch gegen Deutsch! Jeder gegen Jeden! Krieg!

SF: Herr Koch, so beruhigen Sie Sich doch.

Koch: Ich bin ruhig! Ich spreche für die schweigende Mehrheit des Volkes. Wer in Deutschland lebt, muss sich auch an deutsche Sitten und Gebräuche halten.

SF: Was stellen Sie Sich konkret darunter vor? So etwas, wie in ihrem berüchtigten “6-Punkte Programm”?

Koch: Ganz genau - den Müll trennen, im Bus aufstehen, wenn eine alte Dame keinen Platz findet, ordentlich grüßen.

SF: Ordentlich grüßen. So wie 1937?

Koch: Genau. Ähm, nein - natürlich nicht.

SF: Ihr Wahlkampf baute seit Beginn auf Ressentiments. Ursprünglich sollte das Burka-Verbot an hessischen Schulen Wahlkampfschlager werden.

Koch: Ja, das ist ein Hammerthema - nicht wahr? Das war meine ganz persönliche Idee!

SF: Aber an hessischen Schulen gibt es doch keine einzige Lehrerin in Burka.

Koch: Seh´nse? Und wem hat Hessen das zu verdanken? Ich sage ja, ein Hammerthema.

SF: In der Tat. Nur kamen dann zwei Jugendliche im entfernten München und gaben ihnen eine Steilvorlage …

Koch: München ist überall! Deutsche U-Bahnen müssen wieder sicher sein. Man darf da keine Scheuklappen tragen und den Finger in die Wunde legen.

SF: In welche Wunde?

Koch: Was dem Deutschen sein Kegelabend, ist dem Ausländer seine U-Bahn Schlägerei. Da hilft nur eins: Zick Zack! Einsperren und Abschieben!

SF: Glauben Sie das, was Sie sagen, eigentlich selbst?

Koch: Darum geht es hier doch nicht. Denken Sie etwa Frau Merkel würde an ihr Geschwätz glauben? Es geht doch letztendlich darum, dieses leidige Mindestlohn-Geschwafel der Sozen aus den Schlagzeilen zu verdrängen.

SF: Und um das zu erreichen, wollen sie jetzt Kinder ins Gefängnis sperren?

Koch: Ganz genau! Wenn diese Blagen im Knast sitzen, können sie nicht auf dumme Ideen kommen. Mein Referent ist bereits im Gespräch mit einigen Industriebetrieben, die gerne ihr Werksgelände für unsere Kinderorientierungslager öffnen würden.

SF: Orientierungslager? Das weckt aber böse Assoziationen.

Koch: Ach papperlappap. Denken sie doch bitte nur an den Standortvorteil für Hessen. Sie glauben gar nicht, wie geschickt diese kleinen Finger bestimmte Tätigkeiten ausführen können. Mein Kollege Rütgers hatte mit seinem Hammerthema “Kinder statt Inder” schon ganz recht.

SF: Herr Koch, sie machen mir Angst. Was sagen Sie eigentlich zu den Kritikern, die ihnen vorwerfen, mit falschen Zahlen zu operieren? Herr Pfeiffer kann belegen, dass die Zahl der schweren Straftaten von Jugendlichen in Hessen nicht etwa gesunken ist sondern gestiegen und dies nicht auf ausländische, sondern auf deutsche Jugendliche zurückgeht.

Koch: Die Zahl der KFZ-Diebstähle ist aber rückläufig, und das interessiert die Wähler. Wer fährt denn schon U-Bahn? Außerdem zitieren sie nicht vollständig. Herr Pfeifer sagt ja auch, dass besonders viele Aussiedler in Hessen durch viele Gewalttaten auffielen. Leider hat mir die Chefin persönlich verboten, dieses Fass aufzumachen, obwohl das natürlich ein Hammerthema wäre.

SF: Der Wahlkampf dauert ja noch ein paar Tage. Habe Sie noch ein paar Überraschungen im Ärmel, um vom leidigen Mindestlohn, wie Sie es nennen, abzulenken?

Koch: Na klar, Zick Zack! Hammerthemen noch und nöcher! Eigentlich darf ich das ja nicht sagen, aber ihr Internetkäseblatt liest ja eh niemand. Also, unser nächster Aufreger wird die Todesstrafe für Ausländer sein, die wir nicht abschieben können.

SF: Aber das widerspricht doch dem Grundgesetz.

Koch: Ach papperlappap - wen interessiert denn das Grundgesetz, wenn es um Wahlkampf geht. Wir haben das schon mit den Kollegen von der BILD abgesprochen - das wird ein echtes Hammerthema! Gammelfleisch ist auch noch so ein Thema. Haben Sie Sich noch nie gefragt, warum das immer im Döner gefunden wird und nie in der deutschen Bockwurst?

SF: Nun ja, es kommt aber doch meist aus bayerischen Schlachthöfen.

Koch: Da kamen die Münchner U-Bahn Schläger auch her, das zählt nicht. Haben Sie Sich noch nie gefragt, warum die armen deutschen Schlachthofbetreiber Gammelfleisch verkaufen müssen?

SF: Um ehrlich zu sein nein - aber Sie werden es mir bestimmt verraten.

Koch: Ganz genau! Das liegt an den hohen Löhnen in Deutschland. Deutsche Arbeiter sind zu teuer, daher arbeiten nur Ausländer in deutschen Schlachthöfen und die sind so faul, dass das Fleisch vergammelt.

SF: Och Herr Koch, das ist doch Unsinn.

Koch: Egal - das wird die Hammerkampagne! Passen Sie auf, eine Breitseite auf den Mindestlohn, die unsere Kernwähler hinter uns scharrt und die Sozen dumm aussehen lässt.

SF: Herr Koch, wir bedanken uns für das Gespräch.

Das Gespräch führte natürlich nicht Jens Berger für den SF, sondern es ist ein pures Produkt des Borderline-Journalismus.

Alle Montagen: SPIEGELFECHTER (CC)

Kategorie: Deutschland, Glosse, Politclowns | 69 Kommentare

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  • misterL @SF # 68 ein bänker, der seine “eigenen” produkte nicht versteht, sollte diese produkte...
  • Spiegelfechter @67 klml Das mag jetzt zynisch klingen - aber wer keine Ahnung von der Materie hat, sollte das gute...
  • klml @62 SF Machen wir uns mal da nichts vor - die Papiere, die Privatkunden halten konnten, die beim Lehman-Crash...
  • misterL @SF. ja, die ölpreise purzeln und wie wird es gewertet in den wirtschaftsmedien? oh schreck, die preise...
  • Spiegelfechter @J. Berger Iiiek - mein “Lieblingsfehler” ;-) Danke

SR2 - Fragen an den Autor: Das Ende der Massenarbeitslosigkeit

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