geschrieben am
30. April 2009 von
Spiegelfechter
Man kann nicht eben sagen, dass die Welt sich momentan in einem Sommerloch befände. Im Kielwasser der Finanzkrise werden momentan Gesetzte im Eiltempo durch die parlamentarischen Gremien gepeitscht, mit denen Steuergelder in Höhe des Bundeshaushaltes den Banken übereignet werden. Aber welches Thema bestimmt die Medien? In Mexiko sind neun Menschen an der Grippe gestorben! Ei der Daus, das ist wirklich fürchterlich! In den Entwicklungsländern sterben zwar jeden Tag 4.000 Kinder durch verschmutztes Wasser, aber das interessiert schon lange niemanden mehr ? schon gar nicht, wenn gleichzeitig die ?Schweinegrippe? wütet. Man kennt das Szenario ? in Zentralasien fällt ein Vogel vom Baum und in Deutschland herrscht die nackte Panik. Fakten interessieren dann kein Schwein mehr, denn wenn wieder einmal die Seuchenhysterie grassiert, schaltet der Verstand ab ? und morgen wird die nächste Sau durchs mediale Dorf getrieben.
Gib mir Tiernamen!
Die ?normale? Grippe ist etwas Alltägliches ? jedes Jahr sterben weltweit rund 250.000 bis 500.000 Menschen ? meist Säuglinge und Greise ? an der Grippe. Auch in Deutschland sterben jedes Jahr Tausende, und wenn die Grippe mal wieder grassiert, erkranken zwischen 5 und 15% der Bevölkerung. Eine Schlagzeile ist das den Zeitungen nicht wert und auf einen Brennpunkt mit dem Titel ?Todesvirus Grippe!? wird man auch vergeblich warten. Um den Grippevirus sexy, quoten- und auflagensteigernd zu machen, braucht es einen Tiernamen. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Meerschweinchengrippe ? das hat etwas Bedrohliches, denn in der Natur ruht ein Abgrund an Boshaftigkeit, wie jeder Großstädter bestätigen kann. Ob die ?Schweinegrippe? je ein Schwein gesehen hat, wissen die Virologen zwar nicht, aber das ?Branding? passt schon mal ? für Tamiflu-Hersteller Roche könnte es kaum besser laufen.
Kein Schwein niest mich an!
Ob die aktuelle ?Schweinegrippe? nun besonders gefährlich oder besonders ansteckend ist, lässt sich aufgrund der bisherigen Erkenntnisse nicht sagen. Die Infizierten, die außerhalb Mexikos ausgemacht wurden, hatten jedenfalls nur milde Symptome ? milder jedenfalls als bei ?normalen? Grippeerkrankungen. Alleine der Umstand, dass ein Grippevirus, der bereits über einen Monat mitten im 25 Millionen-Menschen-Moloch Mexiko City ?wütet?, nur 99 bestätigte Grippe- und acht Todesfälle mit sich brachte, spricht gegen die Gefahr dieses Grippetypus. Die ?normale? Grippe, die 2002/2003 alleine in Deutschland fünf Millionen Menschen infizierte und rund 20.000 Todesopfer forderte, war im Vergleich zur ?Schweinegrippe? geradezu ein apokalyptischer Reiter ? aber sie hatte nun einmal keinen zündenden Tiernamen, was sie für Medien und Politik unsexy machte. Erste Vorschläge, künftig Grippeviren analog zu Hoch- und Tiefdruckgebieten mit Tiernamen zu versehen, konnten bis jetzt noch nicht bestätigt werden ? obgleich es sicherlich etwas hätte, wenn die BILD im Herbst vor dem neuen Killervirus ?Karnickelgrippe? warnen könnte.
Müssen wir nun alle sterben?
Die ?normale? Grippe ist so alltäglich, dass man wegen ihr noch nicht einmal eine Pandemie-Warnstufe bemühen würde – anderenfalls müsste man jedes Jahr mehrfach die Alarmglocken läuten, da die ?normale? Grippe stets global verbreitet wird und tausende Opfer mit sich bringt. Die milde Grippeform, die momentan als ?Schweinegrippe? in den Medien wütet, macht da natürlich keine Ausnahme. Es würde daher schon an ein Wunder grenzen, wenn es in den kommenden Wochen nicht noch weitere Verdachtsfälle auf der ganzen Welt geben würde. Wahrscheinlich wird es auch noch weitere Todesopfer geben, vielleicht sogar in Deutschland. Wenn die ?normale? Grippe Oma Erna hinrafft, so erfährt von ihrem Ableben meist nur der aufmerksame Leser des Todesanzeigenteils der Lokalzeitung. Wenn unsere Oma Erna nun aber durch die ?Schweinegrippe? sterben sollte, so wird sie es problemlos auf die Titelseiten aller großen Zeitungen schaffen und für sie wird die ARD dann sogar ihr Programm um 15 Minuten verschieben, da dies nach einem Brennpunkt verlangt: ?Schweinegrippe fordert erstes Todesopfer in Deutschland! Wie sicher sind wir noch??. Wir sind dem Tode geweiht, aber don´t panic! Wir haben ja zum Glück verantwortungsvolle Politiker, die uns vor aller Unbill schützen.
Don´t panic!
Die Hysterie hat viele Profiteure ? Virologen und Mikrobiologen können im offenen Laborversuch in Echtzeit betrachten, wie sich ein Grippevirus ausbreitet. Beim Tamiflu-Hersteller Roche glüht die Bestellhotline und Online-Apotheken melden Rekordumsätze ? ob Tamiflu überhaupt gegen den A/H1N1-Virus hilft, weiß zwar niemand, aber wenn die Hysterie um sich greift, interessieren solche Detailfragen nicht. Für die krisengeschwächte Politik ist die ?Schweinegrippe? jedenfalls ein Segen. Anders als bei dieser komischen Krise kann man bei der ?Schweinegrippe? nicht viel falsch machen. Der Erfolg oder Misserfolg lässt sich nicht messen und die Medien greifen dankbar jedes noch so absurde Statement auf ? wichtig ist nur, dass man am Ende seiner hysterischen Rede den nun vollends panischen Zuschauer darauf hinweist, dass man beileibe keine Panik schüren wolle. ?Es ist nicht die Frage, ob Menschen sterben, sondern wie viele? ? aber bitte verfallen sie jetzt nicht in Panik.
Gripp(e)/in mit amerikanischen Migrationshintergrund
?Schweinegrippe? ist ein so schöner Name für eine Krankheit, dass er sich sowohl im deutsch- wie im englischsprachigen Raum durchgesetzt hat. Das ist natürlich diskriminierend und nicht zu tolerieren ? was kann das gemeine Hausschwein denn dafür, dass sich ein Genstrang seiner Krankheit in ein Humaninfluenzagen verirrt hat? Die EU schlägt daher vor, lieber den Namen “Neue Grippe” zu verwenden. Laaaangweilig! So etwas blutleeres können sich auch nur Brüssler Technokraten ausdenken – abgelehnt! Auch den deutschen Bauer hat bereits die nackte Panik ergriffen ? wenn der Michel nun denkt, dass er vom Schnitzel Schnupfen bekommt, lässt er das ?Stück Lebensqualität? im Kühlregal liegen, so die Befürchtung. Oberbauer Sonnleitner schlägt daher vor, dem Virus doch lieber den geographisch korrekten Namen ?Mexiko-Grippe? zu geben, was auch gar nicht so schlecht wäre, da Mexiko so schön exotisch klingt. ?Kongo-Grippe? wäre aber irgendwie gefährlicher, nur leider kommt der Virus ja nicht daher. Was geographisch korrekt ist, kann aber politisch fürchterlich unkorrekt sein ? ?Mexiko-Grippe? diskriminiert das gesamte stolze Volk der Mexikaner, und in den USA ist der Virus ja auch schon aufgetaucht. ?Nordamerika-Grippe?, oder gar ?Amerika-Grippe?, wie die ZEIT den Virus nennt, ist da schon politisch korrekter ? obgleich dies ja die weiblichen Viren diskriminiert, wie wäre es mit ?Gripp(e)/-in mit amerikanischen Migrationshintergrund??
350.000 Opfer alleine in Ägypten
Sonnleitners Sorgen teilen auch die Israelis ? schließlich gilt das Schwein dort als unkoscher. Da der Begriff ?Schweinegrippe? bereits den bloßen Verdacht in sich trägt, die Krankheit von einem Schwein bekommen zu haben, was für eine echten Israeli eine Beleidigung sei, hat der israelische Gesundheitsminister ebenfalls Sonnleitners Wortschöpfung von der ?Mexiko-Grippe? aufgenommen. In diesem Punkt sind sich im Nahen Osten sogar einmal die notorischen Streithanseln einig. Auch die muslimische Welt sieht in der ?Schweinegrippe? eine historische Chance, den Endsieg über das unbeliebte Rüsseltier zu erringen. Das ägyptische Parlament hat beschlossen, dass binnen weniger Tage alle 350.000 Schweine des Landes getötet werden sollen ? Hysterie ist kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Die ägyptische Muslimbruderschaft warnte gar, dass die ?Schweinegrippe gefährlicher als die Wasserstoffbombe [sei]?. Da kann man nur hoffen, dass es islamistischen Terroristen nicht gelingt, sich den ?Schweine-Virus? zu beschaffen, sonst könnte schon bald Israels letztes Stündlein schlagen.
Oink! Oink!
Jens Berger
