Horst Seehofer, seines Zeichens Verbraucherschutzminister dieses unseres Landes, hat es recht schwer. Nicht nur, dass seine Ambitionen, König von Bayern zu werden, durch seine außereheliche Affäre stark gelitten haben. Es ist ja auch ärgerlich, dass dieser, nun ja, Skandal, in eben diesem Moment ans Licht kam, als er seine Ambitionen sowohl in der CSU als auch vor dem Volke kundtun wollte. Doch das war bestimmt reiner Zufall und nicht von irgendwelchen Becksteins oder Hubers gesteuert.
Aber auch ansonsten hat es der Seehofer nicht leicht, sich zu profilieren. Nirgendwo lauert eine fiese Vogelgrippe, kein Gammelfleisch wurde in letzter Zeit entdeckt, sogar die Gurken bei Aldi sehen nicht schlecht aus. Es gibt also derzeit keine Möglichkeit für den Seehofer, durch sinnlos-hysterischen Aktionismus zu glänzen.
Also schickte er seine chronisch unterbezahlten Handlanger in die Welt hinaus, um ein Thema zu finden, das seiner würdig ist. Der aktuelle Handlanger des Monats traf dann in einer schummrigen Bar die Studie der International Association for the Study of Obesity, die ihm erzählte, dass der Deutsche an sich zu dick sei.
Dagegen muss etwas unternommen werden, teilte kurz darauf der Seehofer der Presse mit und kündigte für den 10. Mai einen „nationalen Aktionsplan zur Prävention von Fehlernährung und Bewegungsmangel“ (Reuters) an. So hat der, nun ja, Verbraucherminister noch etwas Zeit, sich zu überlegen, wie denn dieser nationale Aktionsplan überhaupt aussehen soll. Aber ankündigen ist ja schon mal eine gute Sache, nicht, dass irgendeine Pfeife aus einer anderen Partei ihm die Idee wegschnappt.
Renate Künast etwa lauert ebenfalls seit geraumer Zeit darauf, mal wieder in den Medien zu erscheinen. Und damals, als sie noch denselben Posten innehatte, war sie ja auch von der Idee besessen, einen Kampf gegen Karies und Übergewicht zu führen.
Was ja eigentlich nur bedeutet, dass Renate Künast des Anblicks dicker Menschen mit schlechten Zähnen überdrüssig war und ist, und dass sie ein Volk aus gestählten Model-Typen will, die in ihrer ästhetischen Erhabenheit über die Unzulänglichkeiten der Politik hinwegstrahlen können. Ihr damaliger Plan war, dass der uneinsichtige Konsument für seine ungesunden Lebensmittel teuer bezahlen sollte. Und das nicht nur bildlich, sondern im tatsächlichen monetären Sinne. Ja, mit Geld. Die Mehrwertsteuer sollte speziell für staatlich geprüftes und für ungesund erklärtes Essen drastisch erhöht werden. Gesetzt den Fall, Pommes und ähnliches wären unermesslich teuer. Dann könnten sich nämlich nur noch die Besserverdiener den Wanst mit Fettigkeiten vollschlagen. Gut, sie würden über kurz oder lang fiese Krankheiten wie etwa Übergewicht erleiden, aber sie hätten auch das Geld, diese behandeln zu lassen.
Der nicht so gut Verdienende macht dagegen einen weiten Bogen um das dekadente ungesunde Essen. Damit bleibt er gesund, was ein Riesenvorteil ist, da er sich eventuell anfallende Arztkosten eh nicht leisten könnte. Gesundheit als finanzieller Selbsterhaltungstrieb.
Der Plan wurde aber ähnlich wie das 1000-jährige Reich nicht bis zu Ende gedacht und daher auch nicht umgesetzt. Bis auf die Mehrwertsteuer, aber da kann die Künast wohl nichts dafür.
Doch wie mag der nationale Aktionsplan des Seehofer wohl aussehen?
Werfen wir doch einen Blick in die Zukunft. Es werden Lager eingerichtet, sogenannte Abnehm-Camps unter dem Motto „Sport macht glücklich“. Sadistische Fitnesstrainer trietzen fettleibige Deutsche mit seelisch aufbauenden Schrei-Attacken wie „Du fette Sau schaffst keine Klimmzüge?“ Dabei werden die der Dickheit schuldigen Insassen, äh, Teilnehmer des Camps durch eine Folterkammer der Fitnessgeräte gejagt. Am Nachmittag steht Aerobic oder Power-Stepp auf dem Programm. Eigens für diesen Zweck ausgebildete Trainer protzen dabei mit ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit und betonen fortwährend die Wichtigkeit des Konzeptes, das diesem, nun ja, Sport zugrunde liegt.
Wenn die Delinquenten körperlich völlig am Ende sind, gilt es, ihren Geist zu brechen. Ähnlich wie in dem Film „Clockwork Orange“ müssen sie endlose Aneinanderreihungen von Bildern kalorienreicher Süßspeisen anstarren, bis ihr Gehirn soweit gewaschen ist, dass der pure Anblick einer Torte sie schlicht zusammenbrechen lässt, und sie nur noch ein sich auf dem Boden windendes, sabberndes Etwas darstellen.
Doch damit nicht genug, schließlich enthält der nationale Aktionsplan auch das wundervolle Wort „Prävention“. Und darunter muss die Industrie leiden. Produzenten kalorienreicher und fetthaltiger Lebensmittel ereilt ein absolutes Werbeverbot, klappt ja auch bei Zigaretten. Und ebenso wie bei Zigaretten werden die Leckereien mit Todesdrohungen der Marke „Wer dieses Snickers isst wird fett und impotent, kriegt keine Frau ab und wird außerdem einen einsamen, qualvollen Tod sterben“ versehen. Das Wort „Leckereien wird aus dem Duden gestrichen und darf nie wieder gesagt werden.
Zucker hat fortan denselben Status wie Kokain und ist nur auf dem illegalen Weg zu bekommen. Eisdielen fristen ihr Dasein in dunklen Gassen neben Pornokinos und Sado-Maso-Studios. In jeder Küche der Republik sitzt ein Ernährungskontrolleur. Dieser sieht zwar wohlwollend auf das Tomaten-Mozzarella-Brötchen, schreibt aber bei Überwürzung mit Salz und Pfeffer Strafpunkte auf, die die Krankenkassenbeiträge in die Höhe schnellen lassen.
Ernährungsberater, die nachweislich schlechtesten Menschen der Welt, besuchen Schulen und behaupten dreist, ihre berüchtigten Ernährungspyramiden sprechen die Wahrheit. Das leicht zu beeinflussende Jungvolk beginnt dann auch die Eltern zu denunzieren, wenn diese trotz der ganzen Prävention ein paar Kilo zugenommen haben.
Eigentlich soll auch das Bier gänzlich verboten werden. Da aber Seehofer den Plan, zum König von Bayern gewählt zu werden noch nicht völlig aufgegeben hat, hat er sich in letzter Minute umentschieden. Bier gibt es auch weiterhin, allerdings nur an Menschen, die nachweislich zehn Kilo Untergewicht haben. Das ist für die Schankwirte leicht festzustellen, denn im Personalausweis ist neben Pupillen-Scan, Stimmprobe, Fingerabdruck, DNA-Probe und Kaufgewohnheiten auch der Body-Mass-Index enthalten.
Und der Deutsche wird fortan schlank, gesund, irgendwie verhärmt und diffus glücklich, lebt er doch endlich in der schönen, dünnen Welt.
Achel
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