<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Spiegelfechter &#187; Great Game</title>
	<atom:link href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/category/great-game/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Thu, 02 Sep 2010 16:31:17 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.0</generator>
		<item>
		<title>Genozid in Zentralasien</title>
		<link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/3251/genozid-in-zentralasien</link>
		<comments>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/3251/genozid-in-zentralasien#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 18:56:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Spiegelfechter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Great Game]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=3251</guid>
		<description><![CDATA[Am 10. Juni versank der Süden Kirgisiens im Bürgerkrieg. Die Bilder erinnern an die Balkankriege, die zeitliche und organisatorische Koordination der Ereignisse erinnert jedoch eher an den Völkermord in Ruanda. In den Abendstunden tauchten maskierte Männer in den Strassen der &#8230; <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/3251/genozid-in-zentralasien">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/genza_01.jpg" border="1" alt="" />Am 10. Juni versank der Süden Kirgisiens im Bürgerkrieg. Die Bilder erinnern an die Balkankriege, die zeitliche und organisatorische Koordination der Ereignisse erinnert jedoch eher an den Völkermord in Ruanda. In den Abendstunden tauchten maskierte Männer in den Strassen der Städte Osh und Dschalalabad auf. Die Killerkommandos, die teils mit schwarzen Bandagen am Unterarm uniformiert waren, kamen mit Pickups, schossen mit automatischen Waffen in die Menge, stürmten Häuser und Wohnungen, brandschatzten, vergewaltigten und verbreiteten mindestens vier Tage lang Angst und Schrecken. Die Opfer dieses Massakers gehörten beinahe ausschließlich zur usbekischen Minderheit, die in Osh und Dschalalabad allerdings rund 60% der Einwohner stellt. Wer die Täter waren, ist bis heute unbekannt. Fest steht lediglich, dass ihr blutiges Handwerk orchestriert wurde und die Drahtzieher sich im Süden Kirgisiens offensichtlich gut auskannten und einen Bürgerkrieg unter den Ethnien auslösen wollten.</p>
<p>Diese Informationen sind die einzigen, die als relativ gesichert gelten können. Was danach <a href="http://newtimes.ru/articles/detail/23431">passierte</a>, verliert sich im Rauschen von Propaganda und Gegenpropaganda. <a href="http://alexdockg.wordpress.com/2010/06/21/warten-in-ungewissheit/">Augenzeugenberichte</a> und Beiträge in russischsprachigen <a href="http://www.diesel.elcat.kg/">Internetforen</a> berichten von weiteren <a href="http://www.ferghana.ru/article.php?id=6619">Massakern</a>, die diesmal von der südkirgisischen Bevölkerung begangen wurden. Usbeken rächt sich an ihren kirgisischen Nachbarn, die sich wiederum an den Usbeken rächten. Gerüchte, die weder verifzier- noch falsifizierbar sind, heizten die Lage überdies an und lösten zeitweise sogar eine Pogromstimmung aus. Mehrere Quellen sprechen beispielsweise von Gerüchten, usbekische &#8220;Banditen&#8221; hätten kirgisische Studentinnen im Studentenwohnheim von Osh als Racheakt misshandelt. Dieses Gerücht konnte allerdings von den Journalisten vor Ort trotz Recherche nicht bestätigt werden. Ob diese Gerüchte gezielt gestreut wurden, um Hass zu säen, oder ob solche Vorgänge sich dynamisch entwickeln, wenn der Mensch seine Zivilisation abstreift und zum blutrünstigen Tier wird, ist indes nicht zu sagen.</p>
<p><span id="more-3251"></span></p>
<h3>Opfer und Vertriebene</h3>
<p>Die Zahl der Opfer lässt sich bestenfalls schätzen. Während die Übergangsregierung von einer Zahl von rund 2.000 Todesopfern spricht, schätzen Journalisten und Hilfsorganisationen vor Ort eine mindestens zehnmal so hohe Opferzahl. Da viele Leichname bereits auf der Strasse verbrannt wurden, wird man die genaue Zahl der Todesopfer auch nie in Erfahrung bringen. Todesopfer sind bei ethnischen Konflikten jedoch meist nur ein besonders dramatischer Nebeneffekt. Ziel jeder ethnischen Säuberung ist es, Menschen bestimmter Ethnien zu vertreiben. Die WHO <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/asien-und-ozeanien/Eine-Million-Kirgisen-sind-auf-der-Flucht/story/11820281">schätzt</a> die Zahl der Binnenflüchtlinge mittlerweile auf 700.000 und die Zahl der Flüchtlinge, die bereits die Grenze ins benachbarte Usbekistan überschritten haben, auf 300.000. Inwieweit diese Zahlen belastbar sind, lässt sich jedoch schwer sagen. Sollten sie korrekt sein, würde dies bedeuten, dass ein Großteil der Usbeken in Kirgisien auf der Flucht ist. Fakt ist jedoch, dass sich das Land momentan in einer humanitären Ausnahmesituation befindet. Die Hilfsorganisationen sind auf derlei Massen von Flüchtlingen nun einmal nicht eingestellt.</p>
<p>Während viele Quellen von der &#8220;plötzlichen Eruption&#8221; der Gewalt vollkommen überrascht scheinen, reicht bereits ein Blick in die jüngere Vergangenheit aus, um diese Überraschung aufzulösen. Als sich die Sowjetunion im Jahre 1990 langsam auflöste und sich ein kurzfristiges Machtvakuum bildete, kam es in Osh schon einmal zu einem Massaker an der usbekischen Minderheit. Russische Teile der sowjetischen Streitkräfte konnten die Ruhe im Lande im August 1990 wiederherstellen. Im Oktober wurde mit Askar Akajew der erste Präsident von Gnaden des Kremls &#8220;gewählt&#8221;, der die spätere selbstständige &#8220;Kirgisische Republik&#8221; mit eiserner Hand führte. Kirgisen wurden aus den leitenden Positionen des Sicherheitsapparates entfernt und durch Russen ersetzt. Diese Russen sind jedoch mittlerweile bereits alle im Ruhestand und wurden wieder durch Kirgisen ersetzt. Usbeken sind weder im Militär noch in der Polizei oder der Regierung vertreten. Sogar in der usbekisch dominierten Oblast Osh stellen ethnische Usbeken gerade einmal ein Prozent der Exekutive (Innenministerium, Regionalregierung, Polizei). Das Massaker von Osh wurde in Kirgisien von Medien und der Politik fortan totgeschwiegen. Doch die Spannungen im zentralasiatischen Kessel gärten unter der Oberfläche weiter. An dieser Vogel-Strauß-Politik scheint sich nichts geändert zu haben &#8211; auch heute <a href="http://alexdockg.wordpress.com/2010/06/15/1189/">gibt sich die Übergangsregierung</a> redlich Mühe, die Ereignisse zu marginalisieren.</p>
<h3>Ökonomische und demographische Probleme</h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/genza_02.jpg" border="1" alt="" />In den letzten zwanzig Jahren verließen viele Russen, Tataren, Juden und Deutsche die Region. Mit ihnen verließ jedoch auch ein Teil der Intelligenzija die Region, die industriell mehr und mehr zurückfällt. Neben der Landwirtschaft und der Förderung von Rohstoffen haben die zentralasiatischen Republiken nicht viel zu bieten. Verfallene Werke aus Sowjetzeiten bilden das industrielle Rückgrat und sogar naturgegebene Standortvorteile können den ärmeren Republiken keine Zukunft bieten. So wird der Großteil der Energie, die in kirgisischen Wasserkraftwerken erzeugt wird, ins Ausland verkauft, während es im Land selbst regelmäßig Blackouts gibt. 30% bis 45% des kirgisischen Bruttoinlandsprodukts bestehen aus Transferleistungen von kirgisischen Arbeitsmigranten aus Russland. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise verloren jedoch die Migranten als erstes ihren Job und kehrten heim. In einem Land mit einer Arbeitslosenquote von über 20%, und einem Durchschnittslohn von 150 Dollar im Monat, führt dies natürlich zu Spannungen &#8211; vor allem in der Oblast Osh, die <a href="http://www.rferl.org/content/Unemployment_Rising_In_Kyrgyzstans_Osh_Region/1566483.html">von der Arbeitslosigkeit</a> besonders betroffen ist.</p>
<p>Zentralasien hat nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein <a href="http://inright.ru/articles/id_227">demographisches Problem</a>. Die Einwohnerzahl der zentralasiatischen Republiken ist &#8211; trotz Abwanderung &#8211; seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion förmlich explodiert. Heute leben in Kirgisien rund 20% mehr Einwohner als zu Sowjetzeiten; die meisten von ihnen sind jung und arbeitslos. Die Einwohnerzahl Usbekistans ist um rund 40% gestiegen, in Turkmenistan leben heute beinahe doppelt so viele Menschen wie 1990. Turkmenistan und Usbekistan haben Öl und Gas, die den dortigen Despoten zumindest so viel Geld in die Kassen spülen, dass sie die Bevölkerung ruhigstellen können. Kirgisien hat nichts von alledem. Das wichtige Ackerland der Bergrepublik liegt ausgerechnet im südkirgisischen Ferghanatal, in dem es momentan zum Genozid kommt. Hinter derlei Grausamkeiten steckt oft nacktes Kalkül.</p>
<h3>Wer ist der Drahtzieher?</h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/genza_03.jpg" border="1" alt="" />Die Theorien, wer die Maskenmänner waren, die gezielt den Genozid auslösten, gehen weit auseinander. Je nach Quelle waren es Söldner im Auftrag der Familie des vertriebenen Despoten Bakijew, russische Elitetruppen oder Islamisten. All diese Theorien sind auf der einen Seite plausibel, tragen jedoch auch entscheidende Widersprüche in sich. Warum sollten Islamisten &#8220;inkognito&#8221; agieren und ausgerechnet die ebenfalls muslimischen Usbeken vetreiben? Es ist jedoch richtig, dass alle zentralasiatischen Republiken ein wachsendes Problem mit dem Islamismus haben. Einige Experten sprechen sogar schon von einer &#8220;Afghanisierung&#8221; der gesamten Region. Auch die Russen hätten ein Motiv, Unruhen auszulösen, um sich dann als Ordnungsmacht in Kirgisien unabdingbar zu machen. Kirgisien spielt jedoch für Russland kaum eine Rolle, und alleine der Umstand, dass Russland sich beharrlich weigert, Truppen ins Land zu schicken, ist das beste Indiz für die Unschuld des Kremls. Am wahrscheinlichsten ist es da noch, dass der Bakijew-Clan hinter den Vorfällen steckt. Im Mai wurde ein <a href="http://www.neweurasia.net/politics-and-society/uncomfortable-questions-in-kyrgyzstan/">Telefonat</a> von Maxim und Janysh Bakijew, Sohn und Bruder des <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0">gestürzten Despoten</a> Kurmanbeck Bakijew, veröffentlicht, in dem sie sich über die Möglichkeit unterhielten, bezahlte Unruhestifter zu engagieren, um das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen. All dies war aber im Juni bekannt und niemand erhofft sich eine Rettung durch die Bakijews. Im Gegenteil &#8211; die meisten Kirgisen warten sehnsüchtig auf das Eintreffen russischer Blauhelme, die endlich die Ordnung wiederherstellen. Noch jedoch zögert Russland. Sollte sich der Kreml eines Besseren besinnen, ist es jedoch mehr als unwahrscheinlich, dass die neue Ordnungsmacht ausgerechnet den gestürzten Despoten Bakijew wieder ins Amt hebt.</p>
<p>Die momentane Lage in Kirgisien ist absolut unübersichtlich. Die Kirgisen, mit denen ich heute sprach, wissen selbst nicht, ob das Morden in der südkirgisischen Region bereits gestoppt werden konnte. Die Stadt Osh ist fast komplett zerstört, sämtliche Cafés, Restaurants, Ladengeschäfte und Tankstellen wurden gebrandschatzt, viele Wohnhäuser sind niedergebrannt, die Infrastruktur ist zerstört. Selbst wenn das Morden aufhören sollte &#8211; wohin sollen die Flüchtlinge zurückkehren? Einen Eindruck der Geschehnisse geben <a href="http://www.nachdenkseiten.de/?p=5961#h15">Augenzeugenberichte</a>, die in der letzten Woche verfasst wurden. Dem westlichen Beobachter bleibt nur Trauer und Schrecken. Wäre Kirgisien ökonomisch oder strategisch wichtig, hätte es schon längst internationale Interventionsanstrengungen gegeben. So teilt Kirgisien eben das Schicksal Ruandas.</p>
<p><em>Jens Berger</em></p>
<p><a href="http://bigpicture.ru/?p=62245">Bildnachweis?</a></p>
<hr />
<p><small>© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/3251/genozid-in-zentralasien">Permalink</a> |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/3251/genozid-in-zentralasien#comments">82 Kommentare</a> |
<br/>
</small></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/3251/genozid-in-zentralasien/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>82</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ein Schurkenstück des Pentagon</title>
		<link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2902/ein-schurkenstuck-des-pentagon</link>
		<comments>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2902/ein-schurkenstuck-des-pentagon#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 15:03:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Spiegelfechter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[Great Game]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=2902</guid>
		<description><![CDATA[Afghanistan sitzt auf Rohstoffen im Wert von fast einer Billionen US$? Da ist den Pentagon-Strategen ein echter Scoop gelungen. Der Krieg in Afghanistan hat nunmehr seit Jahren einen toten Punkt erreicht. Selbst eingefleischte Falken glauben nicht mehr an den &#8220;Endsieg&#8221; &#8230; <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2902/ein-schurkenstuck-des-pentagon">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/afroh_01.jpg" border="1" alt="" width="200" />Afghanistan sitzt <a href="http://www.nytimes.com/2010/06/14/world/asia/14minerals.html">auf Rohstoffen im Wert von fast einer Billionen US$?</a> Da ist den Pentagon-Strategen ein echter Scoop gelungen. Der Krieg in Afghanistan hat nunmehr seit Jahren einen toten Punkt erreicht. Selbst eingefleischte Falken glauben nicht mehr an den &#8220;Endsieg&#8221; des Westens am Hindukusch. Die groß angekündigte Offensive im Süden verläuft mehr als <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-06/afghanistan-nato-grossbritannien">schleppend</a>, die Verluste der westlichen Allianz <a href="http://icasualties.org/OEF/ByMonth.aspx ">mehren sich</a>. Der Juni 2010 könnte als verlustreichster Monat in die Annalen des Kriegs in Afghanistan eingehen &#8211; in diesem Jahr sind bereits mehr westliche Soldaten gefallen, als in den ersten drei Kriegsjahren zusammen. Was die bröckelnde Heimatfront braucht, sind gute Nachrichten. Aber woher sollte solch eine gute Nachricht kommen? </p>
<p>Jeder Spin-Doctor weiß, dass die besten &#8220;guten Nachrichten&#8221; diejenigen sind, die man sich selbst ausdenkt. Das kriegsmüde Volk glaubt nicht mehr an die Demokratisierung Afghanistans? Wir können mit Brunnen, Frauenrechten und Schulen nicht mehr punkten? Dann schwenken wir doch um auf die Köhler-Taktik und machen dem kriegsmüden Volk klar, dass der Krieg letztendlich unseren Reichtum mehrt. Anders als der Irak ist Afghanistan nun aber nicht unbedingt für sprudelnde Quellen schwarzen Goldes bekannt und es ist auch nicht eben einfach, Afghanistan als kommendes Paradies der Sweat-Shops oder gar als lukrativen Absatzmarkt zu verkaufen. Haben wir nicht noch irgendwelche alten Rohstoffanalysen im Schreibtisch, die wir ein wenig &#8220;aufsexen&#8221; können? Aber natürlich! Die New York Times veröffentlichte diesen PR-Gag mit Freude und heute sprangen auch die deutschen Qualitätszeitungen völlig unkritisch auf den Zug mit auf. </p>
<p><span id="more-2902"></span></p>
<h3>Alter Plunder aus Sowjetzeiten</h3>
<p>Im Jahre 2004 stolperten die Amerikaner in den Archiven des afghanischen Amtes für Geologie über <a href="http://www.bgs.ac.uk/downloads/browse.cfm?sec=7&#038;cat=83">alte Dokumente</a>, auf denen Rohstoffquellen kartiert waren. Urheber dieser Papiere waren sowjetische Bergbauexperten, die in den 1960ern das Land nach Rohstoffen abgesucht hatten. Sonderlich überzeugend waren diese Papiere offensichtlich nicht. Trotz der relativ ruhigen Sicherheitslage in dieser Zeit, unterließen es die Amerikaner, eigene Geologen zu entsenden, um Explorationsbohrungen zu unternehmen. Stattdessen ließ man die von den Sowjets markierten Regionen zwei Jahre später von ausgemusterten Bombern mit Spezialkameras überfliegen. Spätestens an dieser Stelle sollte jeder Journalist zum Telefonhörer greifen &#8211; Förderprognosen auf Basis von Luftbildern? Geologen der TU-Clausthal bezeichneten ein solches Vorgehen gegenüber dem Spiegelfechter als Vorgehensweise, die bestenfalls geeignet ist, um Daten zu erheben, die als grobe Vorlage für detaillierte geologische und mineralogische Untersuchungen dienen können. Aus solchen <a href="http://afghanistan.cr.usgs.gov/airborne.php">Luftbildanalysen</a> konkrete Förderprognosen zu erstellen, sei &#8220;bestenfalls kühn&#8221;.</p>
<p align="center"><img src="http://www.spiegelfechter.com/img/afroh_01q.jpg" /></p>
<p>Immerhin ordneten Briten und Amerikaner ein Jahr später eine zweite Luftbildanalyse an &#8211; diesmal überflog ein ausgemusterter britischer Bomber das Land mit einer Kamera, die angeblich sogar 3D-Analysen von den unterirdischen Minerallagerstätten machen konnte. Die abschließenden Studien liegen bereits seit über einem Jahr vor. Am 5. April 2009 berichtete das Fachportal <a href="http://paguntaka.org/2009/04/05/afghanistan-looking-mining-companies-to-exploration-iron-ore-mine/">Mining Exploration News</a> bereits von den &#8220;sensationellen&#8221; Funden, die am Wochenende in den Medien zitiert wurden. Jeder Minenkonzern kannte diese groben Schätzdaten demnach bereits seit über einem Jahr. Das Interesse an den &#8220;bis zu sechs Milliarden Tonnen Eisenerz&#8221; hielt sich jedoch in Grenzen. Mining Exploration News nennt auch gleich die Gründe: Die vermuteten Vorkommen sind weder qualitativ noch quantitativ gesichert, sondern basieren auf vagen und sehr hypothetischen Schätzungen, wie die Broschüre des afghanischen Bergbauministeriums explizit erwähnt. Von den sagenhaften Eisenreichtümern des Landes sind gerade einmal 111 Millionen Tonnen wirklich nachgewiesen. Damit löst sich die Hälfte des vermeldeten Billionen-Dollar-Rohstoffreichtums bereits in Wohlgefallen auf.</p>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/afroh_03.jpg" border="1" alt="" width="200" />Auch die anderen Rohstoffvorkommen, deren Wert am Marktpreis für geförderte, aufbereitete und zu einem der indexfähigen Häfen transportierten Rohstoffe, orientiert ist, haben bestenfalls Unterhaltungswert. Abgesehen davon, dass die Zahlen grob geschätzt sind und es nicht einmal Probebohrungen gegeben hat, befinden sie sich in einer zerklüfteten, bergigen und alles andere als sicheren Region, die weder Förder-, noch Weiterverarbeitungs- oder gar Transportkapazitäten aufweist. Selbst wenn man das Eisenerz aus dem Boden holen würde, wie soll man die Millionen Tonnen ohne Eisenbahn und ohne Seehafen zum Kunden bringen? Eisenerz wird nun einmal nicht per Luftfracht verschickt. Der Westen scheidet mangels Transportkorridor als Kunde ohnehin aus. Die potentiellen Kunden für die afghanischen Rohstoffe sind vielmehr Russland und China. Beide Staaten sind im Land &#8211; sehr zum Missfallen des Westens &#8211; auch bereits aktiv. Rosneft prüft die Exploration von Erdgasvorkommen im Norden des Landes und chinesische Minenkonzerne haben im Jahr 2008 die Ausschreibung für die Förderung von Kupfer in den Aynak-Minen südlich von Kabul gewonnen. Seit letztem Jahr fördern die Chinesen dort ihr Kupfer und transportieren es auf dem Landweg ins Reich der Mitte. Der Gewinn aus der Förderung wird nach guter alter zentralasiatischer Sitte zwischen korrupten afghanischen Beamten und den chinesischen Unternehmern aufgeteilt.</p>
<h3>Lithium &#8211; das Mineral, das die Phantasie anregt</h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/afroh_02.jpg" border="0" alt="" width="200" />Mit Eisen und Kupfer kann man jedoch noch nicht einmal all zu faule Qualitätsjournalisten hinter dem Ofen vorlocken. Um die ganze Story &#8220;aufzusexen&#8221;, bringt das Pentagon daher Lithium ins Spiel. Lithium ist knapp, teuer und nahezu vollkommen in der Hand des &#8220;Feindes&#8221;. Weder die USA noch die EU verfügen über nennenswerte Lithium-Vorkommen. Die größten nachgewiesenen Vorkommen liegen im Salz des bolivianischen Salar de Uyuni, der bislang noch nicht einmal erschlossen ist. Nennenswerte Vorkommen liegen ferner in den Salzseen der Atacama-Wüste in Chile und im Zhabuye-Salzsee in Tibet. Ob es in Afghanistan überhaupt Lithium in nennenswerter Menge gibt, ist indes ungewiss. Die einzige Quelle für die Lithium-Funde, die das Pentagon bereits von einem &#8220;Saudi-Arabien für Lithium&#8221; schwärmen lassen, sind Stichproben von hauseigenen Geologen, die <a href="http://mapsof.net/ab-e_istadeh-ye_moqor">am ?b-e ?st?deh-ye Moqor</a> genommen wurden. Daraus nun Lithium-Vorkommen &#8220;in der Größe von Bolivien&#8221; herzuleiten, ist ebenfalls bestenfalls kühn. Aber das Beispiel Bolivien kann durchaus dazu dienen, die Phantasien ein wenig abzukühlen. Logistische und technische Probleme sorgen selbst im vergleichsweise fortschrittlichen, friedlichen und logistisch nicht allzu abgelegenen Bolivien dafür, dass trotz nachgewiesener Vorkommen in gigantischem Volumen die Förderung noch nicht beginnen konnte. Sämtliche Bedingungen sind in der Ghazni-Provinz im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ungleich schlechter. All dies weiß offensichtlich sogar das Pentagon &#8211; in der Berechnung des afghanischen Rohstoffreichtums taucht &#8220;Lithium&#8221; erst gar nicht auf &#8211; selbst die 7,4 Milliarden Dollar, die kumuliert in &#8220;seltene Erdmetalle&#8221; eingehen, stehen in keinem Verhältnis zu den möglichen Explorations-, Verarbeitungs- und Transportkosten. </p>
<h3>Unkritische Berichterstattung</h3>
<p>Eigentlich sollten bei jedem Journalisten die Alarmglocken schrillen, wenn das Pentagon alte Papiere als neu verkauft und sie dann auch noch mit Superlativen versieht. Afghanistan könne eines &#8220;der wichtigsten Minenzentren&#8221; der Welt werden, zitiert die New York Times nicht näher benannte US-Offizielle. Ein Pentagon-Memo spreche gar von einem &#8220;Saudi-Arabien für Lithium&#8221;. General Petraeus sieht ein &#8220;erstaunliches Potential&#8221; und ein Berater des afghanischen Bergbauministers wird gar mit den Worten zitiert, dies werde &#8220;das Rückgrat der afghanischen Wirtschaft&#8221;. Bye bye Opium? Wohl kaum.</p>
<p>In die phantastische Zahl von 908 Milliarden US$, die ohnehin jeglicher Basis entbehrt, gehen noch nicht einmal die Förderkosten mit ein. Was ist eine Tonne Eisenerz wert, die tief im zerklüfteten, umkämpften Hindukusch lagert? Gar nichts. Ohne moderne Minentechnik, ohne die industriellen Kapazitäten, die Erze aufzubereiten und vor allem ohne nutzbare Transportwege haben die afghanischen Rohstoffvorkommen keinen realen Wert. Noch ungewöhnlicher als die fehlende Recherche der schreibenden Zunft ist jedoch die kritiklose Akzeptanz des Paradigmenwechsels der westlichen Afghanistan-Doktrin. Was General Petraeus und Co. der New York Times dort durch die Blume zu verstehen geben, ist nichts anderes als &#8220;Köhler reloaded&#8221;.</p>
<h3>China in Wartestellung</h3>
<p>Führt der Westen seinen Krieg in Afghanistan nun für die Sicherheit Deutschlands, für die Zwangsdemokratisierung oder doch wegen Rohstoffen? Der Westen hat zwar keinen Transportkorridor für die afghanischen Rohstoffe, egal welche Qualität und Quantität sie haben mögen. Der große Konkurrent China verfügt jedoch dank seiner geographischen Nähe über die benötigten Transportwege. Was mit den Rohstoffen passiert, wenn der Westen abzieht und die Taliban wieder die Macht übernehmen, ist leicht zu erahnen. Kann es sein, dass der Afghanistan-Einsatz nicht viel mehr als eine moderne Form der Doktrin der verbrannten Erde ist? Solange &#8220;unsere Jungs&#8221; vor Ort sind und vor Ort in die Luft gesprengt werden, kann sich China nicht an den Rohstoffen des Hindukuschs bereichern. Aber diese Strategie hat einen Fehler &#8211; wer stets den freien Markt predigt, muss ihn auch bei Ausschreibungen am Hindukusch gelten lassen. Für chinesische Unternehmen mag die Exploration und Förderung afghanischer Erze in Einzelfällen rentabel sein &#8211; westliche Unternehmen müssen aufgrund der gigantischen Folgekosten hier allerdings passen. Peking muss sich also nicht grämen. Außerdem ist der beste Verbündete der Chinesen der Faktor Zeit. Ob sie die Rohstoffe bereits in fünf oder doch erst in fünfzehn Jahren bekommen, spielt kaum eine Rolle. </p>
<p><em>Jens Berger</em></p>
<hr />
<p><small>© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2902/ein-schurkenstuck-des-pentagon">Permalink</a> |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2902/ein-schurkenstuck-des-pentagon#comments">50 Kommentare</a> |
<br/>
</small></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2902/ein-schurkenstuck-des-pentagon/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>50</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Tulpenrevolution 2.0?</title>
		<link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0</link>
		<comments>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 09 Apr 2010 16:18:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Spiegelfechter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausland]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Great Game]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=2350</guid>
		<description><![CDATA[Alle Jahre wieder zieht es die Menschen in einer zentralasiatischen Republik, die dem deutschen Nachrichtenkonsumenten bestenfalls namentlich bekannt ist, auf die Strasse. Mal werden derlei Eruptionen der Unzufriedenheit mit brutalster Gewalt erstickt, mal schwingt sich in der temporären Anarchie ein &#8230; <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/kirg_01.jpg" border="1" alt="" width="200" />Alle Jahre wieder zieht es die Menschen in einer zentralasiatischen Republik, die dem deutschen Nachrichtenkonsumenten bestenfalls namentlich bekannt ist, auf die Strasse. Mal werden derlei Eruptionen der Unzufriedenheit mit brutalster Gewalt erstickt, mal schwingt sich in der temporären Anarchie ein ehemaliges Regierungsmitglied zum Hoffnungsbringer auf, übernimmt die Macht, verspricht Friede, Freude, Eierkuchen und richtet kurze Zeit später eine erneute Despotie ein, die wenige Jahre später wieder gestürzt wird. </p>
<h3>Und täglich grüßt das Murmeltier</h3>
<p>Vor fünf Jahren waren es die Kirgisen, die gegen ihren Präsidenten Askar Akajew auf die Strasse gingen. Akajew, ein waschechter Intellektueller mit gutem Leumund, ehemals Präsident der Akademie der Wissenschaften, hatte es zu weit getrieben. Er startete als Demokrat und endete als Despot, der den ?Reichtum? des Landes an mafiöse Cliquen verteilte, die Wünsche des Volkes missachtete und die Menschenrechte mit Füßen trat. Im Jahre 2005 brachte er das Fass zum Überlaufen, aus spontanen Demonstrationen wurde ein Volksaufstand, Akajew floh ins Moskauer Exil und ein neuer Despot im Demokratengewand betrat die Bühne.</p>
<p>Auch Kurmanbek Bakijew sprach anfangs oft über Demokratie und das Wohl des Volkes. Bereits nach kurzer Zeit übertrumpfte er seinen Amtsvorgänger jedoch in den Disziplinen Korruption, Nepotismus, Despotismus und Unterdrückung der Menschenrechte mühelos. Noch vor wenigen Tagen dozierte Bakijew fröhlich darüber, dass die Demokratie nun einmal kein Modell für Kirgisien (oft auch Kirgistan oder Kirgisistan genannt) wäre und demokratische Organe für ihn bestenfalls eine beratende Funktion hätten. Die Worte ?Demokratie? und ?Menschenrechte? haben in Zentralasien allerdings noch nie eine Funktion gehabt, die über die von Public Relations für westliche Ohren hinausgingen.</p>
<p><span id="more-2350"></span></p>
<h3>Willkommen in der Vorhölle</h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/kirg_02.jpg" border="1" alt="" width="200" />Als die Sowjetunion noch existierte, gab es keine Demokratie und auch die Menschen- und Bürgerrechte existierten nur auf dem Papier ? dafür gab es aber zumindest einen funktionierenden Staatsapparat, an den man Beschwerden über korrupte Funktionäre richten konnte und ? was noch wichtiger ist ? eine bescheidene materielle Sicherheit. Die Renten kamen relativ pünktlich, niemand musste hungern oder konnte sich elementare Dinge wie Wasser, Strom oder Heizung nicht leisten. Mit den neuen postsowjetischen Republiken kam der Despotismus. Demokratie und Menschenrechte spielten gar keine Rolle mehr, der Staatsapparat war selbst korrupt und die materielle Basis implodierte. In den rohstoffreichen zentralasiatischen Republiken schmierten wenigstens die üppigen Exporterlöse die marode Volkswirtschaft, Kirgisien entwickelte sich jedoch zum hoffnungslosen Fall.</p>
<p>Ein Land wie Kirgisien bezieht 47% seines Bruttoinlandsprodukts durch Transferleistungen im Ausland lebender Kirgisen. Dies sind meist junge Männer, die beispielsweise auf den Baustellen Moskaus zu ? selbst für russische Verhältnisse ? Dumpinglöhnen arbeiten und sich jeden Morgen auf einer Art Straßenstrich von interessierten Bauunternehmern anheuern lassen. Doch die Wirtschaftskrise ist auch an der pulsierenden russischen Metropole nicht vorbeigegangen. Die Baustellen für neue Prunk- und Glaspaläste stehen mangels finanzieller Reserven der Bauherren und dank mangelnder Nachfrage still und als erstes waren es natürlich die Gastarbeiter, die ihren Job verloren. All dies interessierte den Präsidenten Bakijew herzlich wenig. Als er jüngst die Energiekosten um stolze 50% erhöhte, um seiner Familie und seinen Freunden noch mehr Geld in die Taschen zu spülen, lief das Fass über. </p>
<h3>Revolution? Aber nicht doch!</h3>
<p>Spontan erhoben sich am Dienstag in einigen Provinzstädten die Menschen und ließen ihrer Wut freien Lauf. Regierungsmitglieder, die den Mob beruhigen wollten, wurden unversehens verdroschen ? der Innenminister wurde derartig malträtiert, dass NGOs bereits über seinen Tod berichteten (er wurde später allerdings schwer zugerichtet, aber lebendig gesichtet) und dem Vizepremier wurde (Berichten zufolge) ein Auge ausgeschlagen. Als die Aufstände am Mittwoch auf die Hauptstadt Bischkek (ehemals Frunse) übergriffen, war schnell klar, dass die Zeit von Bakijew abgelaufen war. Dieser rief eine Ausgangssperre aus, an die sich niemand hielt und flog kurz darauf in seinem Privatjet davon. Ob er sich im Westen des Landes, in der Nachbarrepublik Kasachstan oder bereits in den USA aufhält, ist nicht bekannt. </p>
<p>Ebenso schnell wie Bakijew die Bühne verließ, betraten sie seine potentiellen Nachfolger. Rosa Otunbajewa, selbst ehemals Außenministerin unter Bakijew und zuvor Botschafterin in Washington, rief sich zur Oppositionsführerin aus, übernahm im Namen eines 13köpfigen Komitees die Amtsgewalt und versprach dem Volk noch am selben Abend Neuwahlen und eine neue ? diesmal wirklich ? demokratische Verfassung. Die Botschaft hört der Beobachter wohl, allein ihm fehlt der Glaube. Es war keine Revolution, die sich in den letzen zwei Tagen in Kirgisien abspielte, sondern eine spontane Eruption der Unzufriedenheit. Otunbajewas wohl einzige Legitimation begründet sich aus ihrem Versprechen, die Energiepreiserhöhungen mit sofortiger Wirkung rückgängig zu machen. Damit ist die Ursache der Ausschreitungen beseitigt und das Volk erst einmal besänftigt. Wer nun aber glaubt, in Kirgisien brächen neue Zeiten an, der sollte nicht allzu enttäuscht sein, wenn das Murmeltier bereits in Kürze wieder grüßt.</p>
<h3>Etappensieg im Great Game für Moskau</h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/kirg_03.jpg" border="1" alt="" width="200" />Noch vor wenigen Jahren war Kirgisien ein umworbenes Terrain im Great Game. Moskau und Washington schmierten die Despoten im Hintergrund so lange, bis sie ihr Ziel erreicht hatten oder als schmollender Verlierer das Feld räumen mussten. Der letzte Schlagabtausch ging 1:0 für Washington aus. Nach den Anschlägen von 9/11 brauchte man die zentralasiatischen Republiken als Hub im Krieg gegen Afghanistan. Auch in Kirgisien eröffneten die Amerikaner eine Airbase ? heute die letzte in dieser Region. Dies kam beim ehemaligen Gegenspieler der USA, den Russen, natürlich überhaupt nicht gut an ? US-Militärbasen im eigenen ?Vorgarten? waren dem wieder erstarkten Kreml ein Dorn im Auge. Wladimir Putin nahm den Ball auf und bot Bakijew Kredite über zwei Milliarden US$ an, wenn er die Amerikaner aus dem Land wirft. Bakijew dachte nicht daran, pokerte allerdings mit Moskau und Washington und gewann. Die Amerikaner durften bleiben, mussten allerdings fortan die dreifachen Pachtgebühren für ihre ? nun umbenannte &#8211; Airbase bezahlen. Putins Geld behielt Bakijew ebenfalls. Er bemächtigte sich dabei eines Taschenspielertricks, da er den Russen lediglich die Schließung der alten Airbase versprochen hatte, die es nun dank des Namenswechsels ja auch nicht mehr gab. So sieht wohl zentralasiatische Geschäftstüchtigkeit aus &#8211; im Westen würde man dies wohl Bauernschläue nennen.</p>
<p>In Moskau weint man Bakijew daher auch keine Träne nach. Der Machtwechsel kommt den Russen sehr gelegen. Ob diese Freude nachhaltig sein wird, darf jedoch auch bezweifelt werden. Rosa Otunbajewa gilt nicht eben als anti-amerikanisch oder pro-russisch und ihre erste Amtshandlung bestand darin, den Amerikanern zu versichern, die Pachtverträge für die US-Airbase in Kirgisien zu achten. Im Juli laufen diese Verträge aus, dann kann der nächste Poker beginnen, mit dem Otunbajewa das nötige Kleingeld einsammeln kann, um sich die Macht zu sichern.</p>
<p>Kirgisien ist zwar immer noch ein wichtiger Hub für die US-Armee und ihren Afghanistan-Krieg. Die zentrale Bedeutung des kleinen Landes ist jedoch längst passé. Die USA haben das Great Game in Zentralasien mit Pauken und Trompeten verloren. Nun sind es die Russen und die Chinesen, die sich um die rohstoffreiche Region streiten. Die Region Zentralasien ist jedoch nicht nur als Exporteur von Rohstoffen bedeutend, sondern auch als Brut- und Keimzelle des Islamismus. Usbekistan und Tadschikistan haben bereits sehr ernste Probleme mit den Gotteskriegern und auch in Kirgisien entwickelt sich der Islamismus zu einem ernsten Problem. Verantwortlich für diese Entwicklung ist neben den Kriegen der USA und der Spendierlaune saudischer Ölprinzen, die sich damit einen Ablassbrief bei den saudischen Gotteskriegern erkaufen, allerdings auch das russisch-amerikanisch-chinesische Geschacher im Great Game.</p>
<h3>Vom Etappen- zum Pyrrhussieg? </h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/afg.jpg" border="1" alt="" width="200" />Solange diese Staaten Despoten stützen, nur um der anderen Großmacht eins auszuwischen, entwickelt sich eine kritische Masse in der religiösen Bevölkerung. Auch in Kirgisien hat der Islamismus beim normalen Volk, das unter der Despotie am meisten leidet, der Demokratie schon lange den Rang als erste Alternative abgelaufen. Wenn die Großmächte es nicht schaffen, in ihren zentralasiatischen Protektoraten lebenswerte Verhältnisse entstehen zu lassen, könnten diese Staaten bald wie Dominosteine umfallen. Es ist zwar nicht damit zu rechnen, dass Islamisten dort mittelfristig einen Gottesstaat errichten, Bürgerkriege und eine Destabilisierung der Region wären jedoch eine denkbare Folge. Schon heute vergeht in Tadschikistan und Usbekistan kaum ein Tag, an dem es keine Gefechte zwischen Islamisten und Regierungstruppen gibt. Sollte Otunbajewa nicht Wort halten, wird auch Kirgisien in diesem Sumpf versinken.</p>
<p>Heute mag sich der Kreml über den Machtwechsel freuen ? diese Freude könnte Medwedjew und Putin jedoch schon bald im Halse stecken bleiben. Nicht Deutschland, sondern Russland und im kleineren Maße auch China werden am Hindukusch verteidigt. Es ist natürlich vollkommen absurd, dass Kreuzberg oder Neu-Kölln bei religiösen Unruhen in Zentralasien zu neuen Nebenkriegsschauplätzen im Kampf der Kulturen werden könnten. Russlands gesamte Südflanke bis hin zur Wolga ist jedoch akut durch den politischen Islam bedroht. Die autonomen Kaukasusrepubliken Dagestan, Inguschetien und Tschetschenien sind dabei lediglich die akutesten Epizentren eines erstarkenden Islamismus ? das Zentrum des russischen Islams ist die Stadt Kasan an der Wolga, die von Moskau ungefähr so weit entfernt ist wie das weißrussische Minsk. Aber auch China sieht sich durch den Islamismus bedroht ? die Unruheprovinz Xingjiang (chin. ?Westmark?) grenzt direkt an Kirgisien. </p>
<p>Gleich welchen Namen der neue Machthaber von Kirgisien tragen wird, es ist vor allem im Interesse Russlands und Chinas, dass in der zentralasiatischen Republik stabile Verhältnisse einkehren. Im Great Game mag Moskau einen kleinen Etappensieg verbucht haben. Dieser Sieg könnte sich jedoch schon bald als Pyrrhussieg herausstellen. Es scheint fast so, als spielten die Großmächte ihr Great Game in Zentralasien ohne Netz und doppelten Boden. Dies könnte sich als ein fataler Fehler  herausstellen ? ein Siegeszug des Islamismus in Zentralasien wäre für keine der Großmächte eine wünschenswerte Entwicklung. Eine Alternative wäre die Stärkung der zivilgesellschaftlichen Kräfte in diesen Staaten. Russland und China stehen mit diesen Kräften jedoch auf Kriegsfuß und auch die USA und Europa lassen nur allzu gerne mal Fünfe gerade sein, wenn sie sich davon einen Vorteil im Great Game versprechen. Die westliche Öffentlichkeit schreit zwar Zeter und Mordio, wenn China ethnische Unruhen in Tibet niederschlagen lässt &#8211; wenn die deutschen Außenminister Fischer und Steinmeier jedoch erwiesenen &#8220;Menschenrechts- und Demokratiefreunden&#8221; wie Islam Karimow (Spitzname: Der Schlächter von Taschkent) und dem skurrilen Despoten Saparmurat Nijasov, der sogar einen Monat nach sich benennen ließ, die Hände zu schütteln, herrscht dröhnendes Schweigen. So hat die Zivilgesellschaft in Zentralasien freilich keine Chance. Die Saat für die nächste ?Revolution? in Kirgisien könnte bereits in diesen Tagen gesät werden ? nur dass die nächste Revolution auch eine grüne sein könnte.</p>
<p>Leseempfehlungen zum Thema:</p>
<p>M.K. Bhadrakumar &#8211; <a href="http://www.thehindu.com/2009/07/20/stories/2009072055470800.htm">Islamist fighters on the Silk Road</a><br />
M.K. Bhadrakumar &#8211;  <a href="http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/KB18Ag01.html">US and Russia see common cause</a><br />
Simon Tisdall &#8211; <a href="http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/apr/08/kyrgyzstan-vladimir-putin-barack-obama">Kyrgyzstan: a Russian revolution?</a><br />
Owen Matthews &#8211; <a href="http://www.newsweek.com/id/236021">Despotism Doesn?t Equal Stability</a><br />
David Stern &#8211; <a href="http://www.realclearworld.com/articles/2009/07/26/an_inevitable_outcome_in_kyrgyzstan_96982.html">An Inevitable Outcome in Kyrgyzstan</a></p>
<p>Zum Thema auf dem Spiegelfechter:</p>
<p><a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden">Das Great Game ist entschieden</a><br />
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/92/djihad_falle">Die Djihad-Falle</a> </p>
<p><em>Jens Berger</em></p>
<hr />
<p><small>© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0">Permalink</a> |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0#comments">71 Kommentare</a> |
<br/>
</small></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>71</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Türkei &#8211; der starke Mann am Bosporus?</title>
		<link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1649/turkei-der-starke-mann-am-bosporus</link>
		<comments>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1649/turkei-der-starke-mann-am-bosporus#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 17 Jan 2010 00:41:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Spiegelfechter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausland]]></category>
		<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Great Game]]></category>
		<category><![CDATA[Türkei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=1649</guid>
		<description><![CDATA[Die Türkei emanzipiert sich vom Westen und entwickelt eine eigenständige außenpolitische Doktrin Während Guido Westerwelle sich bei seinem Besuch in Ankara einmal mehr in Hinhaltetaktik übte, wetterte CSU-Generalsekretär Dobrindt aus der bayerischen Provinz einmal mehr gegen einen EU-Beitritt der Türkei. &#8230; <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1649/turkei-der-starke-mann-am-bosporus">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px" src="http://www.spiegelfechter.com/img/turkey.jpg" border="1" width="200" alt="" />Die Türkei emanzipiert sich vom Westen und entwickelt eine eigenständige außenpolitische Doktrin<br />
Während Guido Westerwelle sich bei seinem Besuch in Ankara einmal mehr in Hinhaltetaktik übte, wetterte CSU-Generalsekretär Dobrindt aus der bayerischen Provinz einmal mehr gegen einen EU-Beitritt der Türkei. Doch die bayerischen Christsozialen sind mit ihrer kategorischen Ablehnung nicht alleine &#8211; auch die französische Regierung und die britischen Tories, die aller Voraussicht nach in diesem Jahr die Regierungsgeschäfte übernehmen werden, lehnen einen EU-Beitritt der Türkei ab. In der Türkei hat sich derweil Ernüchterung breit gemacht. Auch wenn die Regierung Erdo?an nach wie vor auf eine Vollmitgliedschaft drängt, konstruiert Außenminister Davuto?lu bereits mit Hochdruck eine neue außenpolitische Doktrin. Bilaterale Verträge mit Russland, dem Libanon und den Kaukasusstaaten Aserbaidschan und Turkmenistan, die in den ersten Wochen des neuen Jahres geschlossen wurden, umreißen die neuen Ziele der Türkei &#8211; zum einen will das Land der weltgrößte Energiehub und -Transitstaat werden, zum anderen strebt die Türkei eine aktive Rolle als muslimische Schutzmacht im Nahen Osten an. Israel, den USA und der EU dürfte diese Wende gar nicht gefallen. Noch ist es aber nicht zu spät &#8211; sollte sich die EU eines Besseren besinnen, kann sie sogar massiv von der neuen Stärke der Türkei profitieren.</p>
<h3><span id="more-1649"></span></h3>
<h3>Energiesicherheit ist ohne die Türkei nicht möglich</h3>
<p>Europa wird noch viele Jahrzehnte von fossilen Brennstoffen abhängig sein. Deutschland bezieht nicht nur den Großteil seiner Gasimporte aus Russland, sondern auch bei den Ölimporten hat sich Russland über die Jahre hinweg zum Lieferanten Nummer Eins entwickelt. Die russischen Energielieferungen haben jedoch einen strategischen Nachteil &#8211; je größer der Anteil der Importe aus Russland ist, desto abhängiger ist Deutschland von Moskau. Da die deutsche Politik eine transatlantische Ausrichtung bevorzugt, ist dies natürlich nicht unproblematisch. Vor allem im Gassektor hat die EU die &#8220;Kaspische Ellipse&#8221; als Alternative zu Russland gewählt. Über die geplante Nabucco-Pipeline sollte Erdgas aus den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres über die Türkei und den Balkan ins Herz Europas gepumpt werden. Dieser Plan scheiterte zunächst an der erfolgreichen Blockadepolitik Russlands, das sich die verfügbaren Liefermengen der ehemaligen Sowjetrepubliken an seiner Südflanke über Jahre hinweg sicherte. Nur Aserbaidschan liefert über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline Erdöl an Europa, das nicht über russisches Staatsgebiet transportiert werden muss.</p>
<p>Durch das verstärkte Engagement Chinas in der kaspischen Region sind die ursprünglichen Nabucco-Pläne endgültig gestorben. Noch könnte Nabucco jedoch eine Chance haben &#8211; man müsste die Pipeline lediglich mit iranischem Gas füllen. Wie man es dreht und wendet &#8211; am Transitland Türkei führt jedenfalls kein Weg vorbei, wenn Europa Alternativen zu russischen Lieferungen sucht.</p>
<h3>Transitland und Energiehub</h3>
<p>Geht es der EU &#8220;nur&#8221; um Energiesicherheit und Alternativrouten, so hat die Türkei selbst wesentlich ambitioniertere Pläne. Die Türkei will künftig zum größten Energiehub der Welt werden. Dies geht natürlich nur, wenn man mit Iran und vor allem mit Russland kooperiert. Um die türkisch-russischen Energiepläne zu umreißen, reiste Staatschef Erdo?an am Dienstag nach Moskau &#8211; was er mitbrachte, dürfte den Nabucco-Planern gar nicht gefallen. Erdo?an und Medwedjew unterschrieben ein gemeinsames Abkommen, das Russland den Bau der Nabucco-Alternative South Stream schon im Herbst dieses Jahres gestattet. Das russisch-italienische Projekt South Stream soll Erdgas durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und von dort aus in zwei Trassen über den Balkan nach Österreich und durch die Adria nach Italien transportieren. </p>
<p>Weiter auf <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31902/1.html">Telepolis</a></p>
<hr />
<p><small>© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1649/turkei-der-starke-mann-am-bosporus">Permalink</a> |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1649/turkei-der-starke-mann-am-bosporus#comments">72 Kommentare</a> |
<br/>
</small></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1649/turkei-der-starke-mann-am-bosporus/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>72</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Great Game ist entschieden</title>
		<link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden</link>
		<comments>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 08 Jan 2010 18:03:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Spiegelfechter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausland]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Great Game]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=1582</guid>
		<description><![CDATA[Das neue Jahr beginnt mit einem geostrategischen Paukenschlag, der in Europa allerdings bestenfalls als Randnotiz wahrgenommen wird. Das überrascht nicht, schließlich gehört die EU zu den großen Verlieren der jüngsten Entwicklungen in Zentralasien. Binnen dreier Wochen entschied sich das &#8220;Great &#8230; <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px" src="http://www.spiegelfechter.com/img/grega_01.jpg" border="1" width="200" alt="" />Das neue Jahr beginnt mit einem geostrategischen Paukenschlag, der in Europa allerdings bestenfalls als Randnotiz wahrgenommen wird. Das überrascht nicht, schließlich gehört die EU zu den großen Verlieren der jüngsten Entwicklungen in Zentralasien. Binnen dreier Wochen entschied sich das &#8220;Great Game&#8221; um die Energiereserven rund um das Kaspische Meer. China ist der große Gewinner, Russland gewinnt an Bedeutung, verliert aber die Kontrolle über die ehemaligen Sowjetrepubliken der Region, Iran entwickelt sich zum ernsthaften geostrategischen Akteur und die EU und die USA schauen in die Röhre. Die Karten sind neu gemischt und die neue Konstellation wird vor allem Deutschland noch Kopfschmerzen bereiten.</p>
<p>Vor ein paar Jahren war die Welt noch überschaubar. Der Westen <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/177/merkels-traum-einer-eu-energieimportpolitik-ist-ausgetraumt">hatte die zentralasiatischen Republiken</a> bei seinem &#8220;Kampf gegen den Terrorismus&#8221; mit ins Boot geholt, baute Militärbasen, <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/440/katerstimmung-in-georgien">unterstützte</a> Georgien als künftiges NATO-Mitglied, schloss Verträge mit Aserbaidschan ab und baute neue Pipelines, die kaspisches Öl über Georgien und die Türkei zum Mittelmeer transportieren sollten.</p>
<h3><span id="more-1582"></span></h3>
<p>Der Plan war offensichtlich ? man wollte Zentralasien aus den Klauen des Russischen Bären &#8220;befreien&#8221;. Doch der Westen unterschätzte den russischen Präsidenten Putin auf ganzer Linie. Putin <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/576/nabucco-die-unvollendete">torpedierte</a> nicht nur die Pipeline-Pläne des Westens, er stutzte die Expansionsgelüste auch jäh, als Georgiens Präsident Saakaschwilli frech wurde und militärisch gegen die russischen Protektorate Südossetien und Abchasien vorging. Doch auch Russland musste Rückschläge hinnehmen ? mit der neuen asiatischen Supermacht China kann es vor allem ökonomisch nicht konkurrieren und muss nun tatenlos mit ansehen, wie China seinen Hinterhof ökonomisch überrollt.</p>
<h3>Iran ? der neue Mitspieler</h3>
<p>Am 6. Januar weihten Irans Präsident Ahmadinedschad und sein turkmenischer Kollege Berdimuhammedow feierlich eine neue Erdgaspipeline zwischen den beiden Nachbarstaaten ein. Bislang hatte Iran jährlich rund 6 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Turkmenistan importiert, nun kann sich diese Menge schrittweise auf bis zu 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erhöhen. Damit wäre nicht nur der komplette Energiebedarf Nordirans gedeckt, Iran könnte auch noch turkmenisches Gas unter Umgehung russischen Staatsgebietes direkt in die Türkei weiterleiten ? eine entsprechende Trasse ist vorhanden und muss nur noch an die iranisch-turkmenische Trasse angeschlossen werden. Iran ? der auch von seinem Nachbarn Aserbaidschan Gas importiert ? ist damit in der glücklichen Situation, sein eigenes Erdgas aus dem Persischen Golf beinahe komplett gegen Devisen verkaufen zu können und den Energiehunger seines Nordens auch im Winter decken zu können. Wenn es das Ziel des Westens war, Iran zu isolieren, ist dieses Ziel gründlich in die Hose gegangen. Iran ist für die europäische Energiesicherheit wichtiger denn je. Seit feststeht, dass die Nabucco-Pipeline nur mit iranischem Gas oder Gas, das über iranisches Territorium transportiert wird, gefüllt werden kann, ist Iran der einzige Konterpart zu Russland. Wenn Europa seine Gasimporte diversifizieren will, führt an Iran kein Weg mehr vorbei.</p>
<h3>Turkmenistan ? begehrter Knotenpunkt</h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px" src="http://www.spiegelfechter.com/img/grega_03.jpg" border="1" width="200" alt="" />Die Weltwirtschaftskrise ging auch an Turkmenistan nicht spurlos vorbei. Bislang hat der Staat nahezu sein komplettes Gas und Öl über Russland verkauft ? teils nach Russland, teils in die Ukraine, teils nach Westeuropa. Den größten Teil des Kuchens konnte sich allerdings der russische Exklusivpartner Gazprom sichern. Als die Gasnachfrage im Zuge des Produktionsrückgangs in den Keller ging, blieb Turkmenistan sogar auf seinem gesamten Gas sitzen. Neun Monate lang, wollte Russland keinen einzigen Kubikmeter, da die Gazprom die Nachfrage aus dem In- und Ausland mühelos aus der eigenen Förderung befriedigen konnte. Damit ist nun Schluss, denn Turkmenistan hat nun einen neuen Abnehmer, dessen Energiehunger größer ist als der des Westens ? China.</p>
<p>Am 14. Dezember letzten Jahres eröffnete Berdimuhammedow zusammen mit seinem chinesischen Kollegen Hu Jintao die Turkmenistan-China-Pipeline, über die einmal 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Turkmenistan ins Reich der Mitte fließen sollen ? dies entspricht der Hälfte des momentanen chinesischen Verbrauchs. Zusätzlich wird Uzbekistan weitere 10 Milliarden Kubikmeter in diese Pipeline einspeisen, die nun Chinas energetische Schlagader darstellt. </p>
<p>China ist damit Turkmenistans Premiumkunde und das zentralasiatische Land hat die freie Wahl, ob es die Restmengen lieber über Russland oder über Iran exportieren will ? eine Frage, die wahrscheinlich über den Preis entschieden wird. Welch glückliche Lage für das Land, das vor wenigen Jahren noch als Vasallenstaat Moskaus galt.</p>
<p>Chinas Sieg kommt allerdings nicht ganz überraschend. Der chinesisch-turkmenische Handel hat sich im letzten Jahrzehnt vervierzigfacht. Ganze 35 chinesische Großkonzerne sind in Turkmenistan aktiv. Neben dem Öl- und Gassektor, sind die Chinesen auch in den Bereichen Telekommunikation, Transport und Logistik, Landwirtschaft, Textil, Chemie, Nahrungsmittel, Gesundheitswesen und im Bausektor tätig. Während Russland Druck ausübte und der Westen an die Menschenrechtslage appellierte, hat China die Situation genutzt und besitzt nun nicht nur ein zentralasiatisches Standbein, sondern auch einen weiteren Absatzmarkt für seine Produkte.</p>
<h3>Kasachstan ? in der Zwickmühle</h3>
<div style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px"><script type="text/javascript"><!--
google_ad_client = "pub-5297724921840688";
/* 200x200, Erstellt 05.01.10 */
google_ad_slot = "8297778038";
google_ad_width = 200;
google_ad_height = 200;
//-->
</script><br />
<script type="text/javascript"
src="http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js">
</script></div>
<p>Neben Turkmenistan und Usbekistan konnte China vor allem den gigantischen Flächenstaat Kasachstan für sich gewinnen. Kasachstan will nicht nur weiteres Gas in die Turkmenistan-China-Pipeline einspeisen, sondern über eine 6.000-Kilometer-Pipeline auch Öl in das Reich der Mitte liefern. Damit hat Kasachstan ebenfalls die freie Wahl des Kunden ? bislang war der Staat auf russische Pipelines angewiesen, die das Öl ans Schwarze Meer transportierten. Wer von nun an die Regeln bestimmt, machte Präsident Nasarbajew seinen westlichen Partnern bei einem Treffen in Astana klar. &#8220;Wir werden nur noch mit Unternehmen Geschäfte machen, die uns helfen, unsere Wirtschaft zu diversifizieren.&#8221; Die Vertreter von Chevron und TotalFina staunten nicht schlecht und wussten natürlich sofort, an wen Nasarbajew dabei denkt ? auch in Kasachstan floriert die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China.</p>
<p>Die beiden Staaten haben nun sogar ein Gemeinschaftsprojekt der besonderen Art beschlossen. Eine Million Hektar fruchtbaren kasachischen Landes soll chinesischen Bauern zur Verfügung gestellt werden, um dort Soja und Raps anzubauen, der nach China exportiert werden soll. Doch gegen diese Pläne laufen vor allem die Kasachen selbst Sturm, die Angst vor einer Überfremdung haben. China hat jedoch nicht nur den Fuß in der Tür, sondern sitzt bereits gemütlich im kasachischen Wohnzimmer. Über die letzten vier Jahre hinweg hat China mehr als 20 Milliarden Dollar in die Hand genommen, um sich in die kasachische Energiewirtschaft einzukaufen, während der Westen um die letzten Joint-Ventures bangen muss. Von einer transkaspischen Pipeline, die Öl und Gas gen Europa liefern soll, spricht heute verständlicherweise niemand mehr. Aber auch Russland steht mit leeren Händen da und versucht Kasachstan nun über den Weg einer Zollunion mit Russland und Weißrussland nicht vollends Richtung China abdriften zu lassen.</p>
<h3>Russland ? weder Gewinner, noch Verlierer</h3>
<p><img style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px" src="http://www.spiegelfechter.com/img/grega_02.jpg" border="1" width="200" alt="" />Bei der momentanen wirtschaftlichen Lage, in der das Energieangebot größer als die Nachfrage ist, kann es Russland relativ egal sein, ob die zentralasiatischen Republiken ihr Gas und Öl an China und Iran verkaufen oder nicht. Aber wenn die Nachfrage wieder anzieht, wird Russland den Bedarf seiner Kunden nicht mehr in vollem Umfang decken können. Schlechte Zeiten für Russlands weniger finanzkräftige Kunden, wie die Ukraine. Aber auch Deutschland ist künftig voll und ganz auf russische Gaslieferungen angewiesen. Wenn die EU sich nicht dazu durchringen kann, mit Iran eine potente Alternative zu wählen, wird sie komplett vom Gashahn Russlands abhängen ? die Anrainer des Kaspischen Meeres sind spätestens seit Beginn dieses Jahres keine Alternativen mehr.</p>
<p>Russland setzt jedoch auf Kooperation und nicht auf Konfrontation ? egal, ob es sich um die EU oder um China handelt. Ein ebenfalls in den letzten Tagen von Wladimir Putin eingeweihtes Ölterminal bei Nadhodka an der Nähe der nordkoreanisch-russischen Grenze soll künftig vor allem die chinesische Nachfrage decken und eine geographisch und geostrategisch sinnvolle Alternative zum Transport von arabischem Öl durch das Nadelöhr der Straße von Malakka darstellen. Der erste Tanker verließ unter Putins Augen das Terminal mit russischem Öl für Hong Kong. </p>
<h3>China ? Gewinner mit Achilesferse</h3>
<p>Chinas energetische Schlagadern führen von Zentralasien über den Alataw-Pass in die chinesische Provinz Xinjiang und von dort aus ins Landesinnere. Diese Trassenführung ist für China suboptimal, denn Xinjiang gilt als Unruheprovinz. Die gewalttätigen Aufstände der Uiguren, die im letzten Juli in der Provinzhauptstadt Ürümqi <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/571/tibet-reloaded">stattfanden</a>, waren nur die Spitze eines Eisbergs von Problemen, die sich immer wieder Luft machen. Es ist unmöglich, mehrere Tausend Kilometer Pipelines in der Unruheprovinz gegen terroristische Anschläge abzusichern. China wird wohl auf die Wünsche der Uiguren eingehen müssen, so lange diese sich mäßigen. Mit den Pipelines haben die Uiguren ein gewaltiges Druckmittel gegen Peking in der Hand.</p>
<h3>Der Westen guckt in die Röhre</h3>
<p>Während sich die geostrategische Karte Zentralasiens neu ordnet, führt der Westen einen komplett sinnlosen Krieg in der südlichen Peripherie, die nicht nur arm an Rohstoffen ist, sondern auch wegen der Sicherheitslage auf absehbare Zeit als Transitland für Energietransporte ausscheidet. Die USA haben das &#8220;Great Game&#8221; verloren, Europa spielt nicht mehr als eine Statistenrolle. Ohne einen Kotau vor den neuen geostrategischen Akteuren in Teheran &#8211; und auch in Ankara &#8211; wird Europa sich künftig wohl besser mit Russland vertragen müssen, will es nicht im Winter im Kalten sitzen.</p>
<p>Quellen und Hintergrund:</p>
<p>- <a href="http://www.stratfor.com">Stratfor</a><br />
- M K Bhadrakumar &#8211; <a href="http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/LA08Ag01.html">Russia, China, Iran redraw energy map</a><br />
- Vladimir Socor &#8211; <a href="http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/LA06Ag02.html">Russia resumes gas imports from Turkmenistan</a><br />
- <a href="http://www.rferl.org/content/Putin_Opens_First_Section_Of_SiberiaPacific_Pipeline__/1915199.html">Putin opens oil-export route</a><br />
- M K Bhadrakumar &#8211; <a href="http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/KL24Ag04.html">China resets terms of engagement in Central Asia</a><br />
- Bruce Pannier &#8211; <a href=" http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/KL19Ag01.html">Kazkhstan mulls China land deal</a></p>
<p><em>Jens Berger</em></p>
<hr />
<p><small>© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden">Permalink</a> |
<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden#comments">161 Kommentare</a> |
<br/>
</small></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>161</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
