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  • Wo bleiben die Gegenentwürfe?

    geschrieben am 23. Juli 2014 von Jens Berger

    Ist es das Sommerloch? Wie aus heiterem Himmel ist die Kapitalismusdebatte über uns hereingebrochen. Roberto von ad sinstram zofft sich mit Duke von Feynsinn. Meine Wenigkeit drischt auf Götz Eisenberg und Robert Kurz ein, worauf hin ich mächtig Prügel vom Duke und weniger mächtig von Joke Frerichs bekomme. Und nun haben auch noch Albrecht Müller und Wolfgang Lieb pflichtschuldig ihren Beitrag zur Debatte geleistet.

    Nun ja. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich diese Debatte nicht wirklich weiterbringt. Kritik am Kapitalismus – was das auch immer sein mag – ist wohlfeil … zumal es wohl niemanden gibt, der den Kapitalismus – was das auch immer sein mag – verteidigt. Kritik an der Kapitalismuskritik ist da schon interessanter und am interessantesten ist natürlich Kritik an der Kritik an der Kapitalismuskritik. Da kommt Schwung in das Kommentariat. Mich langweilt jedoch auch diese für die Mehrheit der Kommentatoren offenbar hochspannende Freizeitbeschäftigung. Man debattiert am Thema vorbei, baut munter und wortgewaltig Strohmänner, auf die man dann mit Inbrunst eindrischt. Viel interessanter wäre es doch, mal einen Gegenentwurf zum Kapitalismus – was das auch immer sein mag – aufzustellen. All Ihr Kritiker an der Kritik der Kapitalismuskritik: Wie sieht denn für Euch ein gerechtes und besseres Wirtschaftssystem aus? Und bitte erklärt das so, dass auch ein dummer Schmalspurökonom versteht, was gemeint ist. Nur zu, ich freue mich ;-)

    Euer Spiegelfechter,
    Jens Berger

    Und für alle, die – wie ich – eigentlich auch keine Lust auf diesen Metadiskurs haben – hier ein Videoblog von Robert Misik zum linken Metadiskurs:

    161 Kommentare

    Wenn Kapitalismuskritik zu kurz greift

    geschrieben am 18. Juli 2014 von Jens Berger

    Anlässlich des zweiten Todestages des Kapitalismuskritikers Robert Kurz würdigt Götz Eisenberg heute auf den NachDenkSeiten dessen Werk und Leben. Der Artikel „Der Sieg der Ökonomie über das Leben“ enthält fraglos sehr interessante Denkanstöße und lädt förmlich zur Debatte ein. Dennoch ist er auch exemplarisch für einen Teil der Kapitalismusmuskritik – die vorkapitalistische Vergangenheit wird verklärt und der Kapitalismus für Fehlentwicklungen in Haftung genommen, für die er monokausal gar nichts kann. Doch wer die Zukunft besser gestalten will, sollte die Fehler und Schwachstellen des Kapitalismus lieber ohne ideologische Scheuklappen analysieren.

    Wenn man Robert Kurz liest, könnte man glatt zu dem Schluss kommen, dass die vorkapitalistische Zeit ein – wenn auch mit Makeln behaftetes – Paradies auf Erden war. Der Mensch war mit seiner Tätigkeit in Harmonie vereint, nicht ein ausbeuterisches kapitalistisches System, sondern der Wechsel der Jahreszeiten und die sinnstiftende Aufgaben bestimmten den Tagesablauf. Arbeit wurde nicht als „Arbeit“ wahrgenommen, man produzierte überwiegend für den eigenen Bedarf und da der Bedarf Grenzen hatte, wusste man auch, wenn es „genug“ mit der Arbeit ist. Wer ohne materielle Wünsche glücklich ist und die Arbeit Arbeit sein lässt, hat natürlich auch Zeit für Müßiggang und lebt im Einklang mit der Natur. Das liest sich schön, zu schön um wahr zu sein.

    Der Mythos von der heilen vorkapitalistischen Zeit

    Mit Ausnahme von Naturvölkern, die auf dem Niveau von Jäger- und Sammlerkulturen ein recht primitives Leben führten, war das Leben in der vorkapitalistischen Zeit jedoch ein wenig anders. Je nach Periode waren rund 90% der europäischen Bevölkerung leibeigene Bauern, denen nicht viel mehr als ihre primitive Kleidung gehörte. Man ernährte sich von Brei, Brot, Hülsenfrüchten und Dünnbier und erreichte nur in Ausnahmefällen ein Alter, mit dem man heutzutage an die Rente denken kann. Der Tod war regelmäßiger Begleiter. Kein Wunder, dass man da „enthemmt“ feierte, wenn man denn einmal die Möglichkeit hatte.

    Weiterlesen auf den NachDenkSeiten

    98 Kommentare

    Arbeitslosigkeit für Dummies: Leicht erklärt

    geschrieben am 02. April 2014 von Joerg Wellbrock

    Von Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf
    DummiesFoto: Wikipedia

    Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales will komplexe Sachverhalte auch einfacher gestrickten Menschen schmackhaft machen. Deshalb hat es den „Leitfaden in Leichter Sprache“ verfasst. Das ist wirklich nett, auch wenn nicht immer sofort alles deutlich wird. Und dass leichte Sprache noch ein bisschen leichter wird, wenn man das Wort groß schreibt, ist zumindest noch nicht bewiesen. Aber sei’s drum. Schauen wir uns doch mal ein bisschen um …

    Es beginnt mit einem „Herzlich Willkommen!

    Das ist erst mal eine feine Geste, auch wenn das Willkommen hier hätte klein geschrieben werden müssen. Aber hey, klammern wir uns nicht an Kleinigkeiten, weiß doch eh keiner, der es liest. Widmen wir uns lieber der „Leichten Sprache“. Die hat es in sich und macht aus dem Bundesministerium gleich mal ein Bundes-Ministerium. Was genau der Bindestrich erleichtern soll, erschließt sich dem Außenstehenden nicht auf den ersten Blick. Auf den zwei, dritten und vierten Blick übrigens auch nicht.
    Ok, jetzt aber zur Sache!

    Zunächst wird abgeklärt, wie diese komische URL überhaupt zustande kommt (die URL ist übrigens das, was immer da oben steht, das, wo immer mit „www“ anfängt, oder mit „http“ oder „https“ oder solche Sachen, wird aber so leider nicht erklärt) .

    Jedenfalls schreibt das Bundes-Ministerium:

    Sie sind auf der Internet-Seite vom Bundes-Ministerium für Arbeit und Soziales.
    Die Abkürzung ist: BMAS.
    Darum heißt die Seite auch www.bmas.de
    Wir sind für viele verschiedene Bereiche in der Politik da.
    Das sind unsere wichtigen Aufgaben:
    Viele Menschen sollen Arbeits-Plätze haben.
    Und niemandem soll es schlecht gehen.

    Das ist doch schon mal richtig gut! Arbeits-Plätze sind für viele da. Trotzdem kann eine anschließende Erläuterung nicht schaden, deshalb schreibt das Bundes-Ministerium weiter:

    Das bedeutet:
    Wir sind dafür da, dass alle Menschen in Deutschland zusammen halten.
    Und es muss Hilfen geben, dass alle Menschen überall dabei sein können.

    Halten wir fest: Alles Menschen müssen zusammenhalten und überall dabei sein können. Was genau das mit den Arbeitsplätzen zu tun hat, ist nicht hundert-prozen-tig klar, aber wenn viele Menschen Arbeit haben und es niemandem schlecht geht, dann sind eben alle zusammen dabei. Oder so.

    Der nächste Satz ist nur verwirrend, wenn man unkonzentriert ist. Er lautet:

    Wir wollen, dass es wenige Menschen ohne Arbeit gibt.

    Man muss wissen, dass das nur der Vervollständigung dient, denn oben steht ja schon, dass viele Menschen Arbeits-Plätze haben sollen. Da ist es nur konsequent und irgendwie folgerichtig, wenn nur wenige keine Arbeits-Plätze haben. Jetzt wird es dann aber doch etwas komplex:

    Und alle Menschen sollen die Möglichkeit haben, eine Arbeit zu finden.

    Also jetzt doch alle? Waren es eben nicht noch wenige, die keine Arbeits-Plätze bzw. viele, die Arbeits-Plätze haben sollen? Nein, da kann man schon mal rein geraten, in diese kleine rhetorische Falle. Viele Menschen sollen sollen Arbeits-Plätze haben, während gleichzeitig wenige Menschen Arbeits-Plätze nicht haben sollen, aber suchen dürfen in jedem Fall alle Menschen einen Arbeits-Platz. Gar nicht so leicht, diese Leichte Sprache.

    Um was es ganz konkret geht, wird ziemlich offensichtlich, wenn man Leicht weiter liest:

    Dafür machen wir vieles in Deutschland und Europa.
    Das sind unsere wichtigsten Aufgaben.
    Diese sind für viele Menschen in Deutschland wichtig.

    Was genau „vieles“ ist, dürfte für den geneigten Leser dann noch zu schwierig sein. Aber die wichtigen Aufgaben sind für viele Menschen in Deutschland wichtig. Oder doch für alle? Oder für wenige nicht? Es kommt wohl auf den Blickwinkel an.

    Jedenfalls ist das Bundes-Ministerium wirklich bemüht. Es schreibt:

    Wir versuchen, diese schweren Themen leicht zu erklären.“
    So können die meisten Menschen die Internet-Seite lesen.
    Darum gibt es auch diesen Teil in Leichter Sprache.

    Deutsche Sprache, Leichte Sprache.

    Nachtrag:
    Es geht mir bei diesem Text keinesfalls darum, Menschen mit Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten zu veralbern! Ich habe viele Jahre als gelernter Erzieher mit Menschen gearbeitet, die Behinderungen hatten (auch wenn ich nicht weiß, ob das heute noch der politisch korrekte Begriff ist).
    Vielmehr möchte ich aufzeigen, dass man beim Bundesarbeitsministerium weder in “schwerer” noch in “leichter” Sprache etwas Sinnvolles oder gar Nachvollziehbares kommuniziert.

    Nachtrag II:
    Wer sich die Seite einmal genauer anschauen will, wird hier fündig.

    Den Artikel weiterlesen »

    83 Kommentare

    Funktioniert Kapitalismus? Ein Dialog mit Duke Erdmann

    geschrieben am 12. Februar 2013 von Jens Berger

    Eines Tages fragte mich der liebe Kollege Duke aka flatter vom Blog Feynsinn, ob wir beide nicht mal einen Dialog zu einem grundsätzlichen Thema machen wollen, bei dem wir keine nennenswerte Schnittmenge haben. “Feyn”, so war mein erster Gedanke und dies war der Startschuss zu einem ungewöhnlichen Experiment: dem Dialog zwischen zwei Bloggern zumm komplexen und doch eher abstrakten Thema “Funktioniert der Kapitalismus?” Klar, da dies ein Streitgespräch werden sollte, musste ich die Rolle des “Advocatus Diaboli” übernehmen. Aber ich kann nicht sagen, dass mir diese Rolle keinen Spaß macht ;-)
    Jens Berger vom Blog Spiegelfechter

    Es ist ein Abtasten; wir haben versucht, uns aufs Wesentliche zu konzentrieren und viel Wichtiges am Rande liegen lassen. Vielleicht liegt in den “Nebenkriegsschauplätzen” erst der wahre Reiz, aber der Text ist auch so mehr als lang genug geraten. Mir hat es Spaß gemacht und Lust auf mehr – in diesem oder einem anderen Medium. Das Experiment wird heute auch beim Spiegelfechter gepostet. Leider haben wir technisch nicht die Möglichkeit, die Diskussionen zusammenzufassen und machen halt zwei daraus. Mal sehen, was wir dabei lernen.
    Duke Erdmann aka flatter vom Blog Feynsinn

    flatter: Zur Terminologie vorab: Ich nenne Kapitalismus beim Namen. Die Bezeichnung „Marktwirtschaft“ meint dasselbe. Sollte es zu einer sinnvollen Unterscheidung der Begriffe kommen, können wir diese noch nachreichen. Wo beide synonym sind, verwende ich den deutlicheren.
    Die Grundfrage, die ich diskutieren möchte, ist: „kann Kapitalismus funktionieren?“. Ich bin der Überzeugung, dass dies nicht der Fall ist und verstehe dich so, dass du anderer Meinung bist. Am Ende wird meine Frage an dich daher sein: „Wie soll Kapitalismus funktionieren“?
    Eines meiner Hauptargumente ist dabei folgendes:
    - Kapitalismus gerät zwangsläufig in eine Phase, in der er sich nicht mehr regulieren lässt. Sobald die Profite unter ein bestimmtes Maß sinken – bei dem behauptet werden kann, es lohne sich nicht mehr zu investieren – durchbricht er die gegebenen Grenzen. Die Deregulierungen, die von Kritikern des Neoliberalismus beklagt werden, waren also tatsächlich alternativlos. Sie sind kein Ausdruck von Gier, sondern systembedingt und unvermeidlich.

    Spiegelfechter: Eingangs sollten wir uns darauf verständigen, was mit dem Begriff “Kapitalismus” gemeint ist. Ich würde den Begriff ungern als Kampfbegriff benutzen, sondern ihn als Synonym für den trennschärferen Begriff “Marktwirtschaft” verwenden. Dagegen hast Du ja offenbar keine Einwände.
    Deine Eingangsthese nehme ich zwar offen zur Kenntnis, kann sie aber nicht teilen. Warum sollte der Kapitalismus nicht regulierbar sein? Steht der Kapitalismus über dem Gesetz? Gar über der Verfassung? Gibt es denn überhaupt starre Grenzen oder sind diese nicht vielmehr dynamisch? Und warum sollte es “systemimmanent” problematisch sein, wenn die Profite unter ein gewisses Maß fallen? Daher würde ich vorschlagen, dass Du diese Thesen eingangs einmal kurz erläuterst. In die Details können wir danach einsteigen.

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    243 Kommentare

    Lesetipp und Debattenanregung

    geschrieben am 07. Februar 2013 von Jens Berger

    Liebe Leser,

    es kam noch nie vor, dass ich Gastartikel der NachDenkSeiten auch noch einmal auf dem Spiegelfechter zur Diskussion stelle. Der Artikel “Die GroßeMittelKlasse” von Karl-Heinz Klär hat es meines Erachtens aber verdient, noch weiter verbreitet zu werden. Sicher, er ist lang und sprachlich anspruchsvoll. Inhaltlich ist er jedoch ganz hervorragend. Schaut ihn Euch ruhig mal an und lest ihn durch, wenn Ihr ein wenig Zeit habt. Es lohnt sich. Und wenn Ihr mögt, könnt Ihr den Artikel hier auch gerne diskutieren.

    liebe Grüße,
    Euer Spiegelfechter Jens Berger

    37 Kommentare

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