Kriegsgrund Petrodollar?

06. April 2007 von Spiegelfechter - Drucken

In Blogs, Foren und alternativen Newsseiten taucht immer wieder der Petro-Dollar als „wahrer“ Grund für einen möglichen Waffengang seitens der USA gegen Iran auf. Diese Argumentation hat gewissermaßen eine Tradition und wurde bereits als „wahrer“ Grund für den Überfall des Iraks genannt. Was damals falsch war ist heute nicht richtiger.

Der Petrodollar

The point was not that the US dollar became a “petro” currency. The point was that the reserve status of the dollar, now a paper currency, was bolstered by the 400% increase in world demand for dollars to buy oil.

F.W. Engdahl

Seit Jahrzehnten wurde Öl traditionell in Dollar gehandelt - dies hatte seine guten Gründe und war für die USA und auch für die ölimportierenden Länder durchaus von Vorteil. Ein Staat, der wichtige Ausgaben in einer Währung tätigt, muss seine Landeswährung nur gegen diese eine Währung gegen Kursschwankungen absichern, was wesentlich effektiver ist, als sich gegen mehrere Währungen absichern zu müssen. Auch Kredite der Weltbank und des IWF werden in Dollar ausgestellt und zurückbezahlt wodurch besonders ärmere Länder gezwungen werden, sich gegen Währungsschwankungen zum Dollar abzusichern. Das wichtige Importe auch in Dollar verrechnet werden macht da Sinn. Durch die Globalisierung und das exorbitante Handelsdefizit der USA hat sich die Bedeutung des Petrodollar als Stütze des Dollars allerdings marginalisiert. Die großen Ölimporteure haben mehr Dollar in ihren Reserven als es ihnen lieb sein kann und haben eher Sorgen davor, daß der Dollar noch mehr an Wert verliert.

Angebot und Nachfrage - eine simplifizierte Erklärung

Devisenkurse werden, wie alles, das auf Märkten gehandelt wird, durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Ein Geschäft in Dollar, das von zwei Staaten durchgeführt wird, kann unabhängig von der Transaktionswährung Dollar den Dollarkurs stärken, schwächen oder gar nicht beeinflussen. Tauscht z.B. Ungarn eine gewissen Menge Forint in Dollar um in Algerien Öl zu kaufen, so wird der Dollarkurs zunächst steigen (Nachfrage nach Dollar). Wenn Algerien diese Dollar in der USA anlegt, bleibt es auch dabei, wenn Algerien allerdings die Dollar in die eigene Landeswährung umtauscht oder im Euroraum investiert, werden diese Dollar wieder auf den Markt geschmissen (Angebot an Dollar steigt) und die Transaktion hatte keine Auswirkungen auf den Dollarkurs.

Warum ein Ölhandel in Dollar den Dollarkurs schwächen kann

As anyone familiar with the Organization of Petroleum Exporting Countries will know, the denomination of oil sales in currencies other than the dollar is not a new subject, and as anyone familiar with economics will tell you, the denomination of oil sales is merely a transactional issue: what matters is in what assets (or, in the case of the United States, liabilities ) these proceeds are then invested.

Chris Cook

Wenn Iran China Öl verkauft, so nimmt China das Geld dafür aus einem Devisenkorb, der dank der exorbitanten Exporte in den Dollar- und Euroraum prall gefüllt ist - zu prall, wie viele meinen. Dieses Geld “lagert” in Chinas Reservebanken und ist dem Markt entzogen. Wenn China nun 1 Mrd. US$ an Iran bezahlt und dieser das Geld in seiner Reservebank lagert, so hat sich am Angebot-/Nachfrageverhältnis nichts geändert. Entscheidend ist vielmehr was der Verkäufer mit dem Geld macht. Wenn Iran die 1 Mrd. US$ in Euro umrubelt, so wird de facto der Euro gestärkt (Nachfrage nach Euro steigt/Angebot an Dollar steigt). Ein Dollarhandel, bei dem ein Staat seine Reserven abbaut (China, Taiwan, Südkorea, Japan, der Euroraum) und der Verkäufer die Dollar in eine andere Währung umtauscht, schwächt also den Dollar. Wenn Iran jetzt nur Euro akzeptieren würde und diese Euro nicht umrubeln würde, so bliebe dies ein Nullsummenspiel ohne Auswirkungen auf die Währungen. Ein Staat wie Iran, der von den USA sanktioniert wird, tut natürlich gut daran keinen Dollar zu akzeptieren sondern Euro. Das ist auch der Grund warum “Feinde” der USA keinen Dollar wollen und nicht der Auslöser, warum die USA diese Staaten überfallen oder sanktionieren, so wie es Clark und Co postulieren. Hier wird eine Ursache-Wirkung Kausalität konstruiert, die nicht haltbar ist.

Ausnahmen

Länder, die die Devisen für Energieimporte nicht besitzen, also deren Handelsüberschuss zum Euro-/Dollarraum kleiner ist, als die Summe, die dieser Staat für Energieimporte aufbringen muss, müssen sich diese Devisen auf den Finanzmärkten besorgen, was zu einem Nachfrageplus führt und die betreffende Währung stärkt. Dies trifft aber eher auf kleine Staaten zu, die großen Energieimporteure haben allesamt genug Reserven und Überschüsse aus denen sie die Energieimporte bezahlen können, so Irans Top-Handelspartner China, Südkorea, Japan, Taiwan und Italien. Und letztendlich entscheidet auch hier der Exporteur über die Auswirkung auf die Transaktionswährung.

Was den Dollar gefährden kann

So today, at least for the present, there are no signs of Japanese, EU or other dollar holders engaging in dollar-asset liquidation. Even China, unhappy as it is with Washington’s bully politics, seems reluctant to rouse the American dragon to fury.

F.W. Engdahl

Eine echte Gefährdung für den Dollar bestünde natürlich, wenn die Ölexporteure ihre Öleinnahmen (gleich in welcher Währung) nicht mehr in den USA anlegen würden. Wallstreet ist natürlich ein Magnet für saudische Ölmilliarden und nicht nur für diese. Wenn z.B. durch einen Crash, der durch die Immobilienblase ausgelöst wurde, der amerikanische Finanzmarkt an Attraktivität verlieren würde und Geld in signifikanten Maße in andere Währungsräume fliessen würde, so hätte dies starke Auswirkungen auf den Dollarkurs. Das US-Handelsdefizit wird eigentlich nur noch durch Kapitalimporte halbwegs ausgeglichen, wenn diese wegfielen, hätten die USA ein echtes Problem.

Die grüne Atombombe

Die zweite Gefährdung ist eher abstrakt. Natürlich könnte China mit nur 4 Worten die USA in ihren Grundfesten zerstören “Sell all Dollars now!”. Aber die Chinesen wären ziemlich dumm, wenn sie dies täten, würden sie damit doch den dukatenscheissenden Esel schlachten. China lebt von seinen Exporten und legt großen Wert darauf, daß sich dies nicht ändert. Außerdem wäre ein großangelegter Dollarverkauf der chinesischen Reservebanken schlichtweg eine Kriegserkärung gegen die USA. So sind die chinesischen Dollarreserven eine grüne Atombombe. Sie einzusetzen wäre verheerend, aber der Einsatz würde die eigene Nation zerstören. So bleibt die grüne Atombombe in den Panzerschränken der chinesischen Reservebanken - als Abschreckung, die die USA von irgendwelchen Dummheiten gegenüber China abhalten wird.

Iranische Ölbörsen und der IOB-Hoax

Vor rund einem Jahr tauchten inflationär Meldungen in Foren und Blogs auf, die die geplante Iranische Ölbörse als „ultimative“ Bedrohung für die Stabilität des Dollars ausgemacht haben wollten. Diese Meldungen kann man als Hoax einstufen, der willfährig von Edelmetallspekulanten und ihren Newslettern weiterverbreitet wurde und in vielen alternativen Medien aufgegriffen wurde. Mit Erstaunen mußte ich jüngst feststellen, daß dieser Hoax immer noch nicht tot ist sondern wieder aufgefrischt wird. Daher greife ich im folgenden einen alten Beitrag von mir aus dem TP-Forum auf:

Die IOB

Die IOB als solche ist/war eine sehr gute Idee, die auf den Ideen von Chris Cook (dem ehemaligen Chef der Londoner Ölbörse IPE) basiert, eine Handelsplattform zu entwickeln, die den Produzenten und Kunden gehört und an der Preisfindungsmechnismen und Handelsformen eingeführt werden, die den Produzenten und Kunden Vorteile verschaffen, da Spekulanten und Investmentbanken keine Profite über die Handelsmechanismen “erwirtschaften” können. (1)

Auch war die IOB nicht als iranische Börse geplant, sondern als Handelsplattform für die ganze Region. Die IOB war keinesfalls angelegt, um den Dollar als Öltransaktionswährung in Frage zu stellen, zumal die direkten Effekte der Markerwährung auch irrelevant sind. (2)

Das Iran, sich wesentlich später auf den Euro als Markerwährung entschied (was nicht wirklich verifizierbar ist) ist vor allem im Sinne Irans und durch die bestehenden Sanktionen der USA gegen Iran bedingt. Die Hauptabnehmer Irans sind China, Taiwan, Japan und Südkorea - Länder die Dollarreserven en masse haben und teilweise (China hat dies angekündigt) in Zukunft die Währungsreserven weg vom Dollar hin zum Euro umschichten wollen. Für dieses Anliegen ist eine Transaktionswährung Euro eher kontraproduktiv.(3) Für einen Erfolg der IOB wäre es unerlässlich, daß andere Produzenten ebenfalls über die IOB handeln, dies ist momentan unwahrscheinlicher denn je, da sowohl Norwegen als auch Dubai an Konkurrenzbörsen arbeiten und diese beiden Länder für Verkäufer und Käufer sicherer und attraktiver als Iran sind. Während Norwegen anscheinend den Ideen von Chris Cook Spielraum gewährt, ist die DME eine 50% Tochter der New Yorker NYMEX, also sind sowohl ein Dollarmarker als auch altbewährte Handelsmechanismen wahrscheinlich. (4)

Ob die IOB jemals realisiert wird ist momentan eher unwahrscheinlich - eine Börse ohne Händler und Kunden ist keine Börse. Keine Ölhandelsfirmen sind an dieser Börse akkreditiert und Iran ist ein unsicherer Finanzplatz - zudem ist die reale Mengen, die gehandelt werden kann zu gering um Liefergarantien zu gewährleisten, die über Erfolg und Misserfolg einer solchen Börse entscheiden. (5)

Der Mythos IOB

Die mythischen Geschichten der IOB basieren im wesentlichen auf einem Bericht von William Clark, der (nach dem Irakkrieg) einen Aufsatz und mehrere Bücher veröffentlichte, die den Euro als “neue” Ölexportwährung Iraks als “wahres” Kriegsziel der USA erklärte. Eine These, die ein keinster Weise haltbar ist, sich aber in den alternativen Medien toll verkauft hat; das Buch scheint auch recht erfolgreich zu sein. Nun wollte er wohl den Erfolg steigern und ergänzte sein falsche ex-post Analyse des Irakkriegs mit einer falschen ex-ante Theorie über einen spekulativen Irankrieg. (6) (7)

It is therefore with wry amusement that I have seen a myth being widely propagated on the Internet that the genesis of this “Iran bourse” project is a wish to subvert the US dollar by denominating oil pricing in euros.

Chris Cook - Initiator der IOB

Der Auflage wird es geholfen haben. Zwei Autoren (Straka und Petrov), die beide keine Fachleute für Währungsfragen und Ölhandel sind, griffen diese Theorie auf und schon war das Lauffeuer nicht mehr zu stoppen. Aus dem bulgarischen Hiwi Petrov, der sich eigentlich mit dem europäischen Milchmarkt beschäftigt wurde schon mal ein russischer Öl-Experte. Über Blogs und Medien, die sich mit Gold und Goldanlagen beschäftigen, wurden diese Geschichten weiter publiziert. Klar - wer kein Vertrauen zum Dollar hat, weicht auf Goldanlagen aus. Die Goldhändler haben sich die Hände gerieben.

Jens Berger

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Die kaspische Ellipse – Quell schwarzen Goldes

20. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Teil 1 der Serie “The Great Game” ist hier zu finden.

Die kaspische Ellipse – Quell schwarzen Goldes

Neben den geopolitischen Fragen spielt in der neuen Variante des Great Games vor allem die Sicherung der Energieressourcen die Hauptrolle. Im Kaukasus und der Kaspischen Region werden große Mengen an Erdöl und Erdgas gefördert und es wird angenommen, dass dort auch noch große Reserven auf die Entdeckung und Erschließung warten.

US-amerikanische Experten schätzen, daß sich in der kaspischen Region Reserven von bis zu 235 Milliarden Barrel Erdöl befinden (1), dies ist vergleichbar zu den momentanen Reserven in Saudi-Arabien und entspricht ungefähr 20% der weltweiten Ölreserven, nach aktuellem Stand. Es gibt allerdings auch wesentlich pessimistischere Schätzungen, die von einem Anteil von 4% ausgehen. Die gesicherten Reserven betragen 47 Mrd. Barrel (2) – aber selbst dieser Anteil ist höchst interessant, da dies immerhin hinter den OPEC-Staaten und Russland die weltweit größten gesicherten Reserven sind. Die Erdgasvorkommen sind ähnlich gewaltig. 10% der momentanen Erdgasförderung konzentriert sich auf die Gasfelder rund um das Kaspische Meer (1). Die prognostizierten Reserven dieser Region sind äquivalent zum Gasverbrauch der EU-25 für einen Zeitraum von fast 30 Jahren (auf heutigem Verbrauchsniveau). Würde man mit Iran den zweitgrößten Erdgasproduzenten und das Land mit den zweitgrößten Reserven hinzuzählen (Iran wäre relativ einfach an die vorhandenen und projektierten Pipelines anzuschließen), so verdoppelten sich diese eindrucksvollen Zahlen. Da Erdgas vornehmlich über leitungsgebundene Transportsystem verteilt wird, lässt sich hier der geopolitische Sprengstoff der Trassenführung der großen Pipelines abschätzen. Wenn Europa ernsthaft nach einer Alternative bzw. Ergänzung zu russischen Gaslieferungen sucht, so wäre hier im Zusammenspiel mit der Türkei und Georgien die perfekte Lösung griffbereit – aber Europa scheint sich nicht sonderlich anzustrengen die USA aus dem „Spiel“ herauszuhalten und die Chinesen und Inder schlafen ebenfalls nicht und loten bereits mögliche Trassen aus.

Das Jahrhunderprojekt

Aserbaidschan kann auf eine sehr lange Öltradition zurückblicken. Bereits im 10. Jahrhundert wurde in der Gegend Erdöl gewonnen und am Ende des 19. Jahrhunderts kamen über 50% der Weltölförderung aus der Gegend um Baku. Damals war Aserbaidschan eine Boomregion, dies ebbte erst ab, als man in Westsibirien ebenfalls Erdöl fand, dass näher an den Märkten lag und somit günstiger zu transportieren war. Sogar im Zweiten Weltkrieg spielte das kaukasische Öl eine Hauptrolle. Hitlers Unterfangen die Ölquellen im Kaukasus in Besitz zu nehmen war für das erdölarme Deutschland von höchster Priorität – der Versuch scheiterte jedoch kläglich im harten Winter des Kaukasus und durch die Überdehnung der Front, war dies der Todesstoß für die militärischen Abenteuer der Nazis an der Ostfront.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dauerte es nicht lange, bis internationale Ölmultis ihre Hände nach dem Filetstück der abtrünnigen GUS-Staaten ausstreckten. Und dies war für die Republiken auch durchaus sinnvoll, brachten die Ausländer doch modernes Know-How und die nötige Finanzkraft mit und gelang es den lokalen Politikern (neben fürstlichen Schmiergeldern) doch meist, recht ordentliche Verträge abzuschließen. So wurde das erste Großprojekt (das Tengiz-Feld in Kasachstan) als Joint-Venture zwischen Chevron und einer staatlichen kasachischen Ölgesellschaft projektiert. Chevron verpflichtete sich ca. 20 Mrd. $ über einen Zeitraum von 30 Jahren in die Erschließung zu investieren und dennoch bleiben rund 80% der Gewinne im Land (3). Kasachstan profitiert nicht unerheblich von diesen Geldern. Das Land weist mittlerweile ein BIP pro Kopf von 6.560 Dollar auf. Russland reagierte allerdings, gelinde gesagt, „pikiert“ auf die Avancen gegenüber dem ehemaligen Klassenfeind. Ein Umstand, der später beinahe das Aus für die kasachische Ölförderung bedeutet hätte.

Das Modell „Tengiz“ wurde auch bei dem größten Erdölprojekt, dem aserbaidschanischen „Jahrhundertprojekt“ als Vorbild genommen. Nur wollte man hier nationale Interessen nivellieren und entschied sich für ein multinationales Konsortium anstatt für einen Partner. Der AIOC (Azerbaijan International Operating Company) gehörten ursprünglich neben BP, Chevron und der aserbaidschanischen SOCAR noch weitere Unternehmen aus Norwegen, Japan der Türkei und den USA an.

Pipelines - die Lebensadern des 21. Jahrhunderts

In Europa, das seit der Ölkrise von 1973 seine Abhängigkeit von der OPEC und insbesondere vom politisch instabilen Persischen Golf mindern will, hat der Ölreichtum am Kaspischen Meer Euphorie ausgelöst. Nur ein Problem gibt es – Das Öl liegt tausende Kilometer von Hochseehäfen entfernt, aus denen es Tanker zu den Märkten der Welt bringen können. Die Pipelines, die das schwarze Gold des Kaspischen Meeres zu den Hochseehäfen befördern sollen, sind ein Politikum erster Güte und besonders für die Staaten Aserbaidschan und Georgien die Eintrittskarte in westliche Gefälligkeitsscheckbuchdiplomatie.

Ursprünglich wollte Chevron das kasachische Öl über Turkmenistan und Iran zu den iranischen Verladeterminals im Persischen Golf transportieren. Hier machte Washington aber einen Strich durch die Rechnung. Amerikanische Unternehmen müssen Washingtons Boykott gegenüber Iran einhalten, da wird auch nicht (bzw. schon gar nicht) für eine Ölpipeline eine Ausnahme gemacht. Die einzige Alternative stellt Russland dar, über dessen Gebiet das Öl zum schwarzen Meer gepumpt werden konnte. Russland fühlte sich allerdings wegen der Nichtmiteinbeziehung bei der Exploration kasachischer Ölfelder gehörig auf den Schlips getreten. Eine alternative Route durch das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und von dort aus über Georgien in die Türkei blockierte Russland durch seine Marine auf dem Kaspischen Meer – Kanonenbootdiplomatie der Neuzeit. Die USA mussten dem schwachen Präsidenten Jelzin eine signifikante Beteiligung am Pipelinekonsortium und hohe Transitgebühren versprechen, so das dieser einlekte.

Das kasachische Öl von den Tengiz-Feldern wird seit 2001 von der Pipeline des Caspian Pipline Consortium zum 1500 km entfernten russischen Schwarzmeerhafen Novorossiysk gepumpt. Eigner des Konsortiums sind neben dem russischen und dem kasachischen Staat, das Förderunternehmen Chevron, diverse russische und europäische Unternehmen, sowie der Staat Oman. In der ersten Baustufe befördert die Pipeline bis zu 560.000 b/t (Barrel pro Tag). Eine zweite Stufe, die für 2010 projektiert ist, wird die Kapazität auf 1.300.000 b/t erweitern. Interessant an dieser Pipeline ist die, ursprünglich nicht freiwillige, Kooperation von Russland mit dem amerikanischen Ölmulti Chevron. Diese Pipeline ist aber mittlerweile Russlands Lieblingskind im Süden – Russland ist direkt beteiligt, die Trasse verläuft größtenteils über russisches Gebiet und das Öl wird über einen russischen Schwarzmeerhafen exportiert. Russland hat also die Kontrolle über diese Trasse.
Ähnlich wie für den östlichen Teil des Kaspischen Meers, war auch für den westlichen Teil der direkte Weg über Iran politisch blockiert. Für die ersten Stufen des „Jahrhundert-Projektes“ wählte Aserbaidschan eine politisch neutrale Lösung. Über die „Western Early“ und die „Northern Early“ Pipelines gingen die Lieferungen einerseits über Georgien und andererseits über Russland zu Schwarzmeerhäfen. Beide Pipelines zusammen können aber jährlich lediglich 230.000 b/t transportieren. Ein Bruchteil der potentiellen Förderung. Außerdem verläuft die russische „Northern Early“ quer durch Tscheschenien, ist also alles andere als sicher.

BTC - Contra Russland, aber pro USA?

Die USA wollten, aus geopolitischem Kalkül, sowohl Iran umgehen, als auch dem Konkurrenten im Great Game, Russland, keine Einflussmöglichkeit auf die zu erwartenden Reichtümer aus Aserbaidschan überlassen. Damit man auch die regionalpolitisch wichtige Türkei mit einspannen wollte, wählte man eine wirtschaftlich unsinnig erscheinende Variante, die allerdings den Vorteil hat, dass man den Bosporus umgehen kann, der ein wahres Nadelöhr für Supertanker ist. Russland hat als Alternative zum Bosporus übrigens in der letzten Woche die Burgas-Alexandroupolis Pipeline mit Bulgarien und Griechenland abgesegnet. (4)

Aserbaidschans westlicher Nachbar Georgien gehört seit längerem zu Washingtons Einflussbereich, als NATO und EU Kandidat (in weiter Ferne) bietet sich dieses Land natürlich als Transitroute an. Der weitere Verlauf kreuzt das türkische Hochland, in dem 2.000 Höhenmeter überwunden müssen (3). Denkt man an die Energie, die die Pumpstationen hierfür benötigen, ist dies ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. Endstation der 1.700 km langen Pipeline ist der türkische Mittelmeerhafen Ceyhan, der mitsamt seinen ansehnlichen Ölverladeterminals seit Beginn des Irak-Boykotts (Oil for Food) sehr wenig zu tun hatte (eine Pipeline vom Irak geht nach Ceyhan). Nach ihrer Trassenführung wurde diese Pipeline BTC (Baku-Tiblissi-Ceyhan) genannt. Bei den Russen stieß dieses Projekt, wie kaum anders zu erwarten, aus eine Mischung aus Unverständnis (hatten die Amerikaner nicht im Rahmen der Globalisierung auf Kosteneffizienz gepocht) und blankem Hass. Die russische Variante wäre mit rund 2 Mrd. $ übrigens rund halb so teuer wie die BTC gewesen. Gegen die russische Variante sprach, neben geopolitischen Ressentiments der USA, allerdings auch die Trassenführung via Tschechenien, hier wäre die Pipeline Anschlägen und illegalen Entnahmen gegenüber schwer zu schützen gewesen, so die Argumente der USA – von der durch Tschechenien verlaufenden „Northern Early“ sind jedenfalls keine Dinge dieser Art bekannt.

Gas und Öl für Europa

Betrieben wird die BTC von einem Konsortium, das von der britischen BP angeführt wird. Für BP gab die Möglichkeit einer parallel verlaufenden Gaspipeline den Ausschlag, sich bei der BTC finanziell zu engagieren. Die Parallelleitung führt ab Erzurum zu den europäischen Märkten. Für die europäische Energiepolitik ist dies eine gute Alternative zu den russischen Lieferungen. Die propagierte Diversifizierung der Erdgasimporte kann über diese Pipeline zu einem guten Teil erfolgen. Die Anbindung Europas an die Erdgasvorkommen des kaspischen Raumes ist ansonsten eher suboptimal. Eine Pipeline von Turkmenistan über Iran in die Türkei, ist bereits in den 90ern am Widerstand Washingtons gegen das Transitland Iran gescheitert. Nachdem Russland die turkmenische Erdgasproduktion in den 90ern durch eine Weigerung der Durchleitung stark eingeschränkt hat, hat Gazprom in den letzen Jahren Turkmenistan als preiswerte Quelle entdeckt. 2003 haben Gazprom und Turkmenistan einen 25jährigen Vertrag über die komplette Förderkapazität Turkmenistans abgeschlossen – damit sind eine Südtrasse oder eine alternative Route nach China erst einmal passé.

Bei der Ölversorgung hat nicht etwa die USA sondern Europa die besten Karten im Ölpoker am Kaspischen Meer. Die beiden wirklich großen Pipelines CPC und BTC führen nach Westen zum Schwarzen Meer und Mittelmeer. Da Russland selbst ein Nettoexporteur ist und deshalb kein Interesse am Import dieser Erdölmengen hat, ist Europa die Region, in die am günstigsten exportiert werden kann und in der deshalb das meiste kaspische Öl gekauft wird. Der Mythos, dass die USA sich in der Region so sehr engagiert haben, um das kaspische Öl für den eigenen Verbrauch zu sichern, widerspricht aller ökonomischer und sicherheitspolitischer Vernunft. Für die USA ist es um ein Vielfaches günstiger, die Öltransporte aus dem Persischen Golf oder aus Westafrika militärisch zu sichern, und auch die Exportkosten sind dort niedriger. So betragen die Exporte der kaspischen Region in die USA auch lediglich 6% und für die Zukunft wird auch keine Steigerung erwartet (1). Aber die USA engagieren sich natürlich nicht als rein altruistischen Gründen in der Region. Ein Verbündeter, der von ihnen abhängig ist, ist ihnen natürlich wesentlich genehmer als ein Verbündeter, der an Russlands Energietropf hängt – und jeder Barrel, der nach Europa geht, erreicht den großen Konkurrenten auf der Bühne der Weltwirtschaft, China, nicht. Jedes Prozent, dass Chinas Wirtschaft aufgrund mangelnder Ölimporte nicht wachsen kann, ist ein Erfolg für die amerikanische Politik.

(1) Energy Information Administration (EIA) - World Energy Outlook 2006
(2) BP World Energy Review – 2005
(3) Friedemann Müller: Machtspiele um kaspische Energie?

Vertiefende Informationen zu diesem Thema bietet das Buch “The new Great Game” des deutschen Authors Lutz C. Klevemann.

Jens Berger

Fortsetzung in Teil 3 “Die Djihad-Falle”

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The Great Game

19. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

“Now I shall go far and far into the North, playing the Great Game…“
Rudyard Kipling, Kim

Im 19. Jahrhundert gab es eine Auseinandersetzung, die englische Historiker „The Great Game“, das Große Spiel, genannt haben – die Russen sprechen vom Schattenturnier. Es ging um die Kontrolle Zentralasiens und die Spieler waren Großbritannien und Russland.

Als die Sowjetunion zusammenbrach erinnerte sich der zum US-Sicherheitsberater avancierte polnischstämmige Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski an diese alte Auseinandersetzung. Schon in den frühen Achtzigerjahren propagierte er eine Einkreisungsstrategie gegenüber der UdSSR, in deren Rahmen u.a. die Unterstützung der afghanischen Mudschahidin als Mittel eingesetzt wurde, die UdSSR an ihrer Südflanke zu schwächen. Neben dem ressourcenintensiven Krieg in Afghanistan, sollten auch sie islamischen Sowjetrepubliken im Süden, durch den Kampf des Islams inspiriert, sich gegen die atheistische Sowjetunion auflehnen.

Zumindest was Afghanistan anging hatte seine Strategie durchgreifenden Erfolg – ein Erfolg der sich allerdings später als Boomerang erwies. In den späten Neunzigerjahren inspirierte Brzezinski die USA dazu, die Nationalismen der kleineren Völker der UdSSR als Mittel zur Zersetzung des großen Gegners zu unterstützen, von den Balten bis zu den Tadschiken. Er entwickelte die These, dass die USA ohne die Kontrolle über den eurasischen Kontinent ihre Weltmachtposition nicht würden halten können. Im Geiste dieser These und hungrig auf die Energieressourcen Zentralasiens, haben die USA seit dem Zusammenbruch der UdSSR ihre Politik in Russlands einstigen kolonialen Hinterhof intensiviert. Hier in Zentralasien prallen alte russische Großmachtinteressen und die imperialen Weltmachtansprüche der USA direkt aufeinander. Neue Akteure, wie China und Indien, aber auch Mittelmächte, die an die Region grenzen, wie Iran, die Türkei und Pakistan, mischen im Great Game mittlerweile auch immer entschiedener mit.

Die Einkreisung Russlands

„Schon der Fakt, dass wir bereit sind, die NATO-Streitkräfte nicht hinter den Grenzen der BRD zu stationieren, gibt der Sowjetunion feste Sicherheitsgarantien.“
Manfred Wörner, NATO-Generalsekretär 1990

Die Balten waren für Russland, nachdem sie sich 1991 für unabhängig erklärt hatten, so wie so verloren. In der Ukraine gelang es Ende 2004 einer Koalition amerikanischer NGOs, mit hohem materiellen Einsatz und professioneller Medienmacht, den Unmut der Massen über Korruption und Armut zu einem Wahlerfolg des, mit einer Amerikanerin liierten, Viktor Juschtschenko umzufunktionieren – die Zeichen standen gut, dass die prowestlichen Kräfte, unter ihnen die „Gasprinzessin“ Julia Tymochenko und andere Oligarchen, von denen niemand so recht weiß (wissen will), wie sie zu ihrem Reichtum gekommen sind, das Land westlichen „Investoren“, „Medienkonglomeraten“ und letztendlich Militärs ausliefern würden. Aber der von Juschtschenko eingeschlagene Westkurs der Ukraine stagniert mittlerweile und in den letzten Wahlen mussten die prowestlichen Gruppierungen herbe Niederlagen einstecken. Ministerpräsident Janukowytsch tendiert eher nach Russland und nach wie vor wollen breite Mengen der Bevölkerung der Ukraine von einer NATO-Mitgliedschaft ihres Landes nichts wissen.

Georgien - Washingtons Musterschüler

Günstiger sieht die Lage für Washington in Georgien aus. Dort herrscht seit der so genanten Rosen-Revolution Ende 2003 ein junger Mann, der praktisch von George Washington University in die Politik katapultiert wurde, Micheil Saakaschwili. Auch hier waren Vorwürfe der Korruption und Wahlfälschung gegen den alten Präsidenten Schewardnadse der Auslöser – zumindest an der Korruption hat sich nach Darstellung von Experten seitdem in Georgien nichts wesentliches geändert. Dafür gilt Georgien als Washingtons Musterschüler. Es wurden Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in Anspruch genommen und dadurch hat sich Georgien der Wirtschaftspolitik des „Freien Marktes“ mit allen Konsequenzen unterworfen. Mit der NATO schloss man eine strategische Partnerschaft ab, deren stufenweises Endziel eine Vollmitgliedschaft ist. Georgien wurde Mitglied im Europarat und will sich bis 2008 auf den Beitritt zur Europäischen Union vorbereiten. Das Land erhält US-amerikanische Militärhilfe, US-Militärberater und –ausbilder sind vor Ort und man gehört zur „Koalition der Willigen“ – Georgien ist mit 850 Soldaten im Irak vertreten und engagiert sich in Afghanistan.

Russland musste seine Militärstützpunkte in Georgien aufgeben und zuletzt hat es auch seine Unterstützung für zwei abtrünnige georgische Regionen in Frage gestellt. Die Beziehung beider Länder spitzte sich in letzter Zeit dramatisch zu.

Objekt der Begierde: Erdöl

Georgien ist für die USA wichtig, weil hier eine Pipeline für zentralasiatisches Öl und Gas verläuft. Ausgangspunkt für diese Pipeline ist Georgiens nördlicher Nachbar Aserbaidschan, an sich eine Diktatur der Familiendynastie des letzten amtierenden regionalen KP-Chefs Heydar Aliyev. Der ist inzwischen gestorben und sein Sohn Ilham hat die Präsidentschaft in einer „nach den üblichen Umständen organisierten“ Wahl übernommen. Wegen der regionalpolitischen Bedeutung Aserbaidschans haben die USA in diesem Fall aber Abstand genommen, die Wahlfälschungen zum Anlass für größere Kritik oder Anstrengungen zum Regimewechsel zu machen.

Kasachstan, ein Land mit großen Öl- und Gasvorkommen, versucht sich in Äquidistanz zu Russland, Amerika und China. Das südlich benachbarte Usbekistan hatte nach dem 11.9.2001 den USA Luftstützpunkte für den Afghanistan-Krieg zu Verfügung gestellt. Als aber Washington die gewaltsame Niederschlagung eines Aufstandes in der usbekischen Stadt Anidschan zum Anlass nahm, Präsident Karimov über Menschenrechte und Demokratie zu belehren, da kündigte der den Stützpunktvertrag auf und räumte demonstrativ Russland wieder eine Basis ein.

Auch im benachbarten Kirgisien brachte eine so genannte Revolution 2005 keine machtpolitisch eindeutigen Ergebnisse. Der alte Präsident Askar Askajiew wurde zwar verjagt und ging nach Russland ins Exil, seine Nachfolger scheinen aber eher verschiedene regionale Clans zu repräsentieren als unterschiedliche geopolitische Bündnisoptionen. Kirgisien handelte den USA immerhin eine deutlich höhere Pacht für ihren dortigen Luftstützpunkt ab, zum Ausgleich gewährte es aber auch Russland eine Basis.

Jens Berger

Fortsetzung: Die kaspische Ellipse – Quell des schwarzen Goldes
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“Die Neuausrichtung” von Seymour Hersh Teil 5/5

02. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Fortsetzung von Teil 4: Der Scheich

Anhörung vor dem Kongress

Die Vorliebe der Bush-Regierung ihre Aussenpolitik mittels Tarnoperationen, die dem Kongress nicht gemeldet werden müssen, und Unterhändlern mit fraglichem Ruf zu betreiben, haben bei vielen in Washington, ein früheres Kapitel in der Geschichte der Vereinigten Staaten wieder ins Gedächnis gerufen. Vor zwei Jahrzehnten versuchte die Reagan-Regierung, die Contras in Nicaragua mittels geheimer Waffenverkäufe in den Iran illegal zu finanzieren. Saudisches Geld spielte ebenfalls eine Rolle in dem Skandal, der als Iran-Contra Affäre bekannt wurde. Und einige der Spieler von damals, sind auch heute in die Operationen des Weißen Hauses verstrickt – vor allem Prinz Bandar und Elliott Abrams.

Die Iran-Contra Affäre war vor zwei Jahren ein Thema auf einer informellen „Lektion gelernt“ Diskussion unter Veteranen des Skandals. Abrams führte diese Diskussionsrunde. Ein Ergebnis war, dass es möglich gewesen war, das Projekt am Kongress vorbei durchzuführen, obgleich es schließlich doch ans Licht kam. Hinsichtlich der Frage, welche Lektionen für künftige Operationen aus der Affäre gezogen werden können, kam man auf folgende Thesen:

1. Man kann keinem Freund trauen
2. Man muss die CIA komplett heraushalten
3. Man kann dem uniformierten Militär nicht trauen
4. Solche Operationen sollten vom Büro des Vize-Präsidenten aus geleitet werden

„Letzteres ist als Wink auf Cheneys Rolle zu verstehen“, sagte mir ein ehemaliger leitender Geheimdienstler.

Mir wurde später sowohl von zwei Regierungsberatern als auch von dem ehemaligen Geheimdienstler berichtet, dass dieses Echo auf die Iran-Contra Affäre ein wichtiger Faktor für Negropontes Entschluss war, vom Posten des National Intelligence Director zurückzutreten und eine niedrigere Position als stellvertretender Staatssekretär anzunehmen. (Negroponte weigerte sich dies zu kommentieren.)

Der ehemalige leitende Geheimdienstler erzählte mir, dass Negroponte nicht wünsche, dass seine Erfahrungen aus den Reagan-Zeiten eine Wiederholung fänden, damals diente er als Botschafter nach Honduras. Negroponte soll gesagt haben, „auf keinen Fall. Diesen Weg beschreite ich nie wieder – wenn der Nationale Sicherheitsrat wieder Operationen, vorbei an allen Büchern und ohne rechtliche Legitimation durchführen will, so soll er das ohne mich tun.“ (Im Falle verdeckter CIA-Operationen muss der Präsident eine schriftliche Legitimation unterschreiben und darüber den Kongress informieren.) Negroponte nahm allerdings das Amt eines stellvertretenden Staatssekretärs an, um positiven Einfluss auf die Regierung zu nehmen“.

Der Regierungsberater sagte mir, dass Negroponte zwar „die Ziele der Regierung teile, diese allerdings auf legalem Wege zu erreichen gedenke.“ Der Pentagonberater erzählte mir, „dass auch es einen Verdacht bei den höheren Beamten gab, dass Negroponte nicht hundertprozentig hinter den abenteuerlicheren Geheimoperationen stand.“ Es sei auch zutreffend, dass Negroponte „Probleme mit der Fixierung auf einem Festsetzen im Nahen Osten hatte.“

Der Pentagonberater fügte hinzu, dass es seit Beginn des Irak-Kriegs Unmengen an schwarzen Kassen gebe, die auf der ganzen Welt verstreut sind. „Das Haushaltschaos bezüglich des Irak-Kriegs, bei dem Milliarden Dollar ohne konkrete Zuordnung aus den Büchern verschwanden, hat die Basis geschaffen, diese Kassen zu füllen.“

„Dieses geht zurück auf Iran-Contra,“ so ein ehemaliger Assistent des Nationalen Sicherheitsrates, „und bei vielen Dingen, halten sie die CIA komplett außen vor“. Er sagte, dass der Kongress nicht über den vollen Umfang der amerikanisch-saudischen Operationen informiert sei.“ Er sagte „die CIA fragt sich, Was ist hier los? Sie machen sich Sorgen, da sie denken, jetzt seien die Amateure mit im Spiel.“

Das Problem der mangelnden Aufsicht über die Aktionen der Regierung, erregt immer mehr Aufmerksamkeit im Kongress. Im letzten November gab der „Congressional Research Service“ einen Report an den Kongress heraus, der sich mit der Verschleierung der Grenzen zwischen CIA-Operationen und rein militärischen Operationen befasst (letztere müssen nicht immer dem Kongress gemeldet werden). Der Geheimdienst-Ausschuss des Senats, den Senator Jay Rockefeller vorsteht, hat eine Anhörung für den 8. März angesetzt, in der es um die geheimdienstlichen Aktivitäten des Verteidigungsministeriums geht.

Senator Ron Wyden, ein Demokrat, der ein Mitglied des Geheimdienstausschusses ist, erzählte mir, „die Bush-Regierung hat mehrfach gegen die gesetzliche Pflicht verstossen, den Geheimdienstausschuss vollständig und zeitnah zu informieren. Oft genug lautete die Antwort „Vertraut uns nur.“ Wyden sagte, „es fällt mir schwer dieser Regierung zu vertrauen.“

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“Die Neuausrichtung” von Seymour Hersh Teil 4/5

01. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Fortsetzung von Teil 3: Djihadis im Libanon

Der Scheich

In einer warmen, klaren Nacht Anfang Dezember letzten Jahres, in einem ausgebombten Vorort einige Meilen südlich vom Beiruter Stadtzentrum, bekam ich einen Eindruck davon, wie sich die neue Regierungslinie für den Libanon abspielen könnte. Scheich Hassan Nasrallah, der Hisbollah Führer, hatte einem Interview zugestimmt. Die Sicherheitsmaßnahmen für dieses Treffen waren hoch und durchdacht. Ich wurde, auf dem Rücksitz eines abgedunkelten Autos, zu einer beschädigten Tiefgarage irgendwo in Beirut gefahren, mit einem Handscanner überprüft und in ein zweites Auto verfrachtet, das zu einer anderen zerbombten Tiefgarage fuhr, wo ich weiterverladen wurde. Im letzten Sommer wurde berichtet, Israel versuche Nasrallah zu töten, aber die außerordentlichen Vorkehrungen waren nicht nur wegen dieser Drohung. Adjutanten Nasrallahs erklärten mir, dass sie glauben, er sei mittlerweile ein Hauptziel der arabischen Nachbarn, hauptsächlich jordanischer Agenten, sowie sunnitischer Djiahdis, die, ihrer Überzeugung nach, mit Al Quaida zusammenarbeiten. (Der Regierungsberater und ein pensionierter Viersternegeneral sagten mir, dass der jordanische Geheimdienst, mit Unterstützung von den USA und Israel, versucht hatte, schiitische Gruppen zu infiltrieren um gegen die Hisbollah zu arbeiten. König Abdullah II von Jordanien hatte bereits gewarnt dass eine schiitische Regierung im Irak zum Hervortreten eines schiitischen Halbmonds führen würde.) Dies hat etwas von einer ironischen Umdrehung: Nasrallahs Kampf mit Israel im letzten Sommer machte ihn – einen Schiiten – zur populärsten und einflussreichsten Person unter Sunniten und Schiiten in der Region. In den letzten Monaten jedoch ist er in zunehmendem Maße für viele Sunniten nicht mehr das Symbol der arabischen Einheit, sondern ein Akteur eines sunnitisch-schiitischen Vormachtkampfes.

Nasrallah, gekleidet wie üblich in einer religiösen Tracht, erwartete mich in einer schlichten Wohnung. Einer seiner Berater sagte, dass er dort wahrscheinlich nicht über Nacht zu bleiben gedenke; er ist seit seiner Entscheidung, im letzten Juli die Entführung zweier israelischer Soldaten anzuordnen, ständig in Bewegung. Nasrallah sagte seitdem mehrfach öffentlich – und auch mir sagte er dies -, dass er die israelische Antwort auf die Entführung für ungerechtfertigt hält. „Wir wollten nur Geiseln für einen Austausch gefangennehmen“, erklärte er mir. „Wir wollten nie die Region in einen Krieg stürzen.“

Nasrallah beschuldigte die Bush-Regierung zusammen mit Israel auf eine fitna hinauszuarbeiten, ein arabisches Wort, das soviel wie „Aufstand und Zerteilung innerhalb des Islams“ bedeutet.“ „Meiner Meinung nach, läuft zur Zeit weltweit eine große Kampagne durch die Medien, die jede Seite gegen die andere aufhetzen soll“, sagte er. „Ich glaube, dass alles dies vom amerikanischen und israelischen Geheimdienst ersonnen wurde.“ (Er lieferte allerdings keinen spezifischen Beweis für diese Behauptung.) Er sagte, dass der US-Krieg im Irak sektiererische Spannungen ausgelöst hatte, aber er versicherte, dass die Hisbollah versucht habe, den Libanon vor einem Übergreifen dieser Spannungen zu bewahren. (die sunnitisch-schiitische Konfrontationen nahmen in den Wochen nach unserem Gespräch merklich zu).

Nasrallah sagte mir, er glaube, Präsident Bushs Ziel sei es „die Karte der Region neu zu zeichnen. Sie wünschen eine Zersplitterung des Iraks. Der Irak ist nicht auf der Schwelle eines Bürgerkrieges. Dort ist Bürgerkrieg. Die ist eine ethnische und religiöse Reinigung. Das tägliche Töten, das im Irak stattfindet, dient dem Ziel, Irak in drei Teile zu zerteilen, die religiös und ethnisch homogen sind und als Vorspiel einer Aufteilung des Iraks dienen. Innerhalb von ein oder maximal zwei Jahren wird es rein sunnitisch Gebiete, rein schiitische Gebiete und rein kurdische Gebiete geben. Sogar in Bagdad herrsche die Furcht vor, dass es in zwei Bereiche geteilt wird, einen sunnitischen und einen schiitischen.“

Er fuhr fort, „ich kann sagen, dass Präsident Bush lügt, wenn er sagt, dass er den Irak nicht aufteilen will. Alle Fakten, die momentan zu Tage treten, lassen keinen anderen Schluss zu, er will den Irak teilen. Und es wird der Tag kommen, an dem er sagt, „ich kann nichts anderes tun, die Iraker wünschen die Teilung ihres Landes und ich ehre die Wünsche der Bürger Iraks.“

Nasrallah sagte, er glaube auch, dass Amerika auch die Teilung des Libanon und Syriens voranbringen will. In Syrien würde das Resultat so aussehen, dass das Land „in Chaos und Bürgerkrieg versinkt, wie der Irak.“ Im Libanon müsste es dann „einen sunnitischen Staat, einen alawischen Staat, einen christlichen Staat und einen drusischen Staat geben.“ „Aber“, so sagte er, „ich weiß nicht, ob es einen schiitischen Staat geben würde.“ Nasrallah erzählte mir, dass er vermutete, dass es ein Ziel der israelischen Bombardierung des Libanons im letzten Sommer gewesen sei „die schiitischen Gebiete zu verwüsten um eine Flucht der Schiiten aus dem Libanon zu provozieren. Die Idee war, dass die Schiiten aus dem Libanon und aus Syrien in den Südirak fliehen“, der von Schiitischen dominiert wird. „Ich bin mir zwar nicht sicher, aber ich habe da so einen Verdacht“, sagte er zu mir.

Eine Zersplitterung würde Israel von kleinen ruhigen Staaten umgeben zurücklassen.“, sagte er. „Ich kann Ihnen versichern, dass das saudische Königreich ebenfalls zerteilt wird. Und das geht bis zu den nordafrikanischen Staaten. Es gibt dann nur noch kleine, ethnische und konfessionelle Staaten, “ sagte er. „Das hieße, Israel wäre der wichtigste und stärkste Staat in einer Region, die in die ethnische und konfessionelle Ministaaten zersplittert ist. Dieses ist der neue Nahe Osten.“

Tatsächlich hat die Bush-Regierung bislang den Gedanken einer Aufteilung des Iraks immer abgelehnt, und ihre öffentlichen Verlautbarungen sehen auch vor, dass das Weiße Haus einen zukünftigen Libanon eher intakt sieht, mit einer schwachen, entwaffneten Hisbollah, die nur noch eine kleine politische Rolle spielt. Es gibt auch keinen Beweis, der Nasrallahs Idee stützen würde, die Israelis versuchten die Schiitischen in den Südirak zu treiben. Dennoch erinnern Nasrallahs Vorstellungen, eines größeren sunnitisch-schiitischen Konflikts, in dem die Vereinigten Staaten Feuer schüren, an eine mögliche Konsequenz der neuen Strategie des Weißen Hauses.

Im Interview machte Nasrallah besänftigende Gesten und Versprechungen, die wahrscheinlich bei seinen Gegnern Skepsis herrufen werden. „Wenn die Vereinigten Staaten sagen würden, dass Gespräche mit uns nützlich und hilfreich sein können, wenn es darum geht, die amerikanische Politik für die Region zu erörtern, hätten wir keinen Einwand gegen diese Gespräche“, sagte er. „Aber, wenn es ihr Ziel sein sollte, durch diese Gespräche uns ihre Politik aufzuerlegen, wäre es eine Zeitverschwendung.“ Er sagte, dass die Hisbollah Miliz nur innerhalb der Grenzen des Libanons agieren würde, so lange sie nicht von außen angegriffen wird. Nasrallah sagte, dass er kein Interesse hätte, einen weiteren Krieg mit Israel anzufangen. Jedoch fügte er hinzu, dass er damit rechne, dass er noch in diesem Jahr, einen weiteren israelischer Angriff abwehren müsse, und er sei darauf vorbereitet.

Nasrallah beharrte weiter darauf, dass die Straßendemonstrationen in Beirut weitergehen würden, bis die Siniora-Regierung zurücktritt oder den politischen Forderungen der Opposition nachgibt. „Diese Regierung hat keine Legitimation. Sie kann Beschlüsse erlassen, aber die Mehrheit der libanesischen Menschen hält sich nicht daran und erkennt nicht die Legitimität dieser Regierung an. Siniora bleibt nur wegen der internationalen Unterstützung im Amt , aber das bedeutet nicht, dass Siniora den Libanon regieren kann.“

Präsident Bushs wiederholtes Lob für die Siniora-Regierung, so sagte Nasrallah, „sei der beste Dienst, den er der libanesische Opposition erfüllen kann, da dies die Position der Regierung als gleichwertigen Partner unter arabischen Ländern schwächt. Sie setzen darauf uns zu zermürben. Wir zermürbten nicht während des Krieges, warum also sollten wir während der Demonstrationen zermürben?“

Es gibt komplett unterschiedliche Ansichten innerhalb und außerhalb der Bush-Regierung, darüber wie man am besten mit Nasrallah umgeht und ob er tatsächlich ein Partner in einem politischen Prozess sein könnte. Der scheidende Director of National Intelligence, John Negroponte, sagte im Januar in einem Abschiedsbriefing vor dem Senats-Geheimdienstausschuss, dass Hisbollah „in der Mitte der Terrorismusstrategie des Irans läge…. Sie könnten beschließen, Angriffe gegen US-Interessen zu führen, wenn sie glauben ihr Überleben hinge davon ab oder wenn sie glauben, der Iran sei bedroht. Die libanesische Hisbollah sieht sich als Partner Teherans.“

Im Jahre 2002 nannte Richard Armitage, damals stellvertretender Sicherheitsberater, Hisbollah das „A-Team des Terrorismus“. In einem neueren Interview räumte er ein, dass die Lage ein wenig komplizierter sei. Armitage sagte mir „Nasrallah sei zu einer politischen Kraft herangewachsen, die eine bedeutende politische Rolle innerhalb des Libanons spielen könnte, wenn er dies wollte.“ In politischer PR-Sprache sagte Armitage nichts anderes als, „Nasrallah ist der cleverste Mann im Nahen Osten.“ Aber er fügte hinzu, „Nasrallah muss aber auch klar sagen, dass er eine ehrliche Rolle als loyale Opposition zu spielen wünscht. Meines Erachtens gibt es noch eine Blutschuld, zu tilgen“ — eine Anspielung auf den ermordeten Oberst und das Bombenattentat auf die Marinekaserne.

Robert Baer, ein ehemaliger CIA-Agent im Libanon, ist immer ein strenger Kritiker der Hisbollah gewesen und hat vor ihrer Verbindungen zu iranisch-gefördertem Terrorismus gewarnt. Aber jetzt, erzählte er mir, „wir haben die sunnitischen Araber, die sich für einen unheilvollen Konflikt vorbereiten und wir benötigen jemanden, der die Christen im Libanon beschützt. Früher waren es die Franzosen und die Vereinigten Staaten und jetzt werden es Nasrallah die Schiiten sein.

„Die wichtigste Geschichte des Nahen Osten ist die vom Aufstieg Nasrallahs, von einem Straßenjungen zu einem Anführer – von einem Terroristen zu einem Staatsmann, “ fügte er hinzu. „Der Hund, der diesen Sommer“ - während des Krieges mit Israel – „nicht bellte, war der schiitische Terrorismus.“ Baer bezog sich auf die Furcht, dass Nasrallah, zusätzlich zu den Raketen auf Israel und der Entführung der zwei Soldaten, eine weltweite Welle des Terrors gegen israelische und amerikanische Ziele auslösen würde. „Er hätte den Abzug drücken können, aber er hat es nicht“, sagte Baer.

Die meisten Mitglieder der Geheimdienste und der diplomatischen Gemeinschaft erkennen die fortwährende Verbindung der Hisbollah zum Iran. Aber es gibt unterschiedliche Sichtweisen darüber, inwieweit Nasrallah die Interessen der Hisbollah zugunsten Irans Interessen verletzen würde. Ein ehemaliger CIA-Agent, der im Libanon Dienst tat, nennt Nasrallah „ein libanesisches Phänomen“ und fügte hinzu „ja, er wird von Iran und Syrien unterstützt aber Hisbollah ist bereits weit darüber hinaus.“ Er erzählte mir, dass es eine Periode Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger gab, als die CIA in Beirut in der Lage war, heimlich die Gespräche Nasrallahs abzuhören. Er beschrieb Nasrallah als eine Art Gangleader, der im Stande war Abkommen mit den anderen Gangs zu schließen. Er hatte Kontakte mit jedem.“

Fortsetzung: Anhörung vor dem Kongress

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Kategorie: Ausland, Geopolitik, Grundlagen, Iran, USA | Kommentieren

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  • COPOKA @CHR, #40 Aus meiner Sicht bietet sich eine Alternative, die die Bedingungen ebenfalls erklären könnte. Dann...
  • COPOKA @SF Jö, capice. Ich wollte ‘priono’ nur noch darauf hinweisen, dass Windows auf den Clients zwar...
  • Spiegelfechter @COPOKA Nee, es geht um die Client-Systeme und nicht um den Server. Das WP ein Leck hat ist klar, aber...
  • COPOKA @SF Na ja, wordpress läuft ja unter Linux ;) Das Sicherheitsleck war ja nicht auf deinem PC. Es sei denn,...
  • Spiegelfechter @alle Diskutanten Leider komme ich erst am WE dazu, mir die Beweisdokumente des FBI näher...
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