geschrieben am
02. April 2008 von Nick Abbe
Die Realität des Krieges und die Reaktionen der amerikanischen Medien
Vom 13. bis 16.März dieses Jahres fanden in Washington D.C. die ?Winter Soldier Testimonies? statt. Irakkriegs-Veteranen der Gruppe ?Iraq Veterans Against the War? organisierten diese Veranstaltung, um insbesondere gegen den Irakkrieg zu protestieren. Auf der Webseite der ?IVAW? führen sie zehn Gründe für ihre Ablehnung der Kriege an, unter anderem, dass der Krieg ?auf Lügen und Verrat? basiert, dass er internationales Recht verletzt, dass enorme Steuergelder dafür ausgegeben werden, während einige wenige Unternehmen riesige Profite machen und dass sowohl die amerikanischen Soldaten als auch die Iraker entmenschlicht und missbraucht werden.
Die Organisation orientiert sich bei der Aktion ?Winter Soldier? am Vorbild der ?Winter Soldier Investigation?, die Anfang 1971 drei Tage lang in Detroit stattfand. Mehr als einhundert Mitglieder der ?Vietnam Veterans Against the War? ? darunter John Kerry, der spätere Präsidentschaftskandidat der Demokraten ? versuchten damals, durch die Veröffentlichung ihrer Erfahrungen von Kriegsverbrechen und Massakern der US-Streitkräfte in Vietnam, Laos und Kambodscha aufzuzeigen, dass diese Ereignisse die Regel und eine unmittelbare Folge der militärischen Strategie der USA waren.
Die damalige Veranstaltung wurde von den landesweiten Medien kaum oder überhaupt nicht erwähnt ? bis ein daraus entstandener Dokumentarfilm 1972 schließlich dafür sorgte, dass man die Thematik nicht mehr ignorieren konnte. Dies führte schließlich zum ?Fulbright-Hearing?, einer Reihe von öffentlichen Anhörungen, bei denen der demokratische US-Senator J.William Fulbright auch ausführlich Mitglieder von ?Vietnam Veterans Against the War? zu Wort kommen ließ; bei diesen Anhörungen stellte John Kerry seine berühmte Frage: ?Wie fragt man einen Mann, als Letzter für einen Fehler zu sterben??
Patriotismus vs. Opportunismus
Die Bezeichnung ?Winter Soldier? ist an ein Zitat des amerikanischen Revolutionärs und Intellektuellen Thomas Paine angelehnt, der im ersten Band seiner Schriftenreihe ?The American Crisis? (1776) feststellt: ?Jetzt ist die Zeit, in der sich Männer erweisen. Der Sommersoldat und der Sonnenscheinpatriot werden sich in dieser Krise vom Dienst am Vaterland drücken; aber nur wer jetzt durchhält, verdient die Zuneigung und den Dank von Mann und Frau?.
Paine ? aufgrund des Einflusses seiner Streitschrift ?Common Sense? auch als ?Vater der [amerikanischen] Revolution? bezeichnet ? war einer der ersten, der auch den Widerspruch zwischen den Idealen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der ?peculiar institution? der Sklaverei öffentlich anprangerte. Er bezeichnete die Sklaverei, die zu dieser Zeit einen einträglichen und wichtigen Wirtschaftszweig und -Faktor darstellte, u.a. als Monstrosität, derer sich die Nation vor Gott zu verantworten hätte ? womit er sich nicht nur Freunde machte.
Gemäß dieses Vorbildes, welches lehrt dass gerade die unbequemen Wahrheiten von wahrhaftigen Patrioten ausgesprochen werden müssen, versuchen die Veteranen von ?Iraq Veterans Against the War? nun, durch die schonungslose Offenlegung ihrer traumatischen Erlebnisse im Irak einen öffentlichen Stimmungswandel zu verstärken. Zwar ist momentan eine Mehrheit der Amerikaner gegen den Irak-Krieg im Allgemeinen, aber die Realität der Zustände unter denen ihre Soldaten dienen, sowie die Ausmaße der Verbrechen, die durch G.I.s im Irak verübt werden, sind immer noch ein Tabu – oder werden als bedauerliche Einzelfälle abgetan.
Der statistische vorläufige Rückgang der durch Gewalt verursachten Toten im Irak trägt weiterhin dazu bei, dass viele amerikanische Mainstream-Medien die ? trotzdem ? schlechten Nachrichten aus dem Irak weitestgehend ignorieren ? sei es aus ideologischen Gründen oder aufgrund eines Mangels an Courage. Der britische Autor und Journalist Ian Williams erklärt in einem Interview, dass der Staat in Gestalt des Kongresses die tatsächlichen Zustände im Irak thematisieren müsse, da sich die Mehrheit der Medien am Konsens in Washington orientiert. Diese Beobachtung wird von den oben geschilderten Ereignissen 1971/72 bestätigt: erst als die Problematik der Kriegsverbrechen von Kongressabgeordneten und Senatoren angesprochen wird, veränderte sich die zurückhaltende Haltung vieler Medien und man begann zu realisieren, dass das Massaker von My Lai eben kein Einzelfall darstellte.
Willkommen in der Hölle
Bei den jetzigen öffentlichen Auftritten der etwa 200 Veteranen, die dieses Jahr in Washington stattfanden, berichteten diese ausführlich über die entsetzlichen Erfahrungen, die sie in diesem Krieg machen mussten und über die Art und Weise, wie seitens ihrer Vorgesetzten auf die Guerilla-Taktiken der Aufständischen reagiert wurde. Die Zuhörer erfuhren, wie Verwechselungen und Fehler bei Einsätzen im Gassengewirr von Bagdad oder anderen Orten zu zivilen Toten durch US-Soldaten führten (?Es war das erste Mal, dass ich ein totes sechsjähriges Mädchen sah [?] erschossen von einer Gruppe amerikanischer Teenager?), für die der Tod Unschuldiger zur Normalität wurden.
Jon Michael Turner, ein ehemaliger Marine, sagte aus, der erste Mensch, den er im Irak getötet habe, wäre ein unbewaffneter Zivilist gewesen. Nachdem er ihn verwundet hatte, erschoss er ihn, woraufhin ihm sein Kompanie-Chef gratulierte und erklärte, dass jeder, der seinen ?first kill? mit dem Messer ?absolvierte?, vier Tage Heimaturlaub in den Staaten erhalten würde. Turner präsentierte Videoaufnahmen und Bilder zum Beleg seiner Geschichten. Auf einem der Videos hört man einen Marine prahlen: ?Ich glaube, ich habe eben die halbe Bevölkerung von Nord-Ramadi getötet?. Auch Aufnahmen von Marines, die ? laut Turner ? unprovoziert auf Minarette in der Provinz Al-Anbar schießen, gehören dazu.
Ein anderer Veteran erzählt, wie seine Vorgesetzten im Vorfeld der Invasion im Irak rassistische Beschimpfungen wie ?Sandnigger? für Iraker zu benutzen begannen, trotzdem hatten die Streitkräfte bis dahin den Anschein eines rigorosen Kampfes gegen Rassismus im Militär gewahrt. Weitere Aussagen beschreiben so genannte ?free fire zones?, Gebiete in denen jedwede Personen, die sich in der Öffentlichkeit bewegten, sofort erschossen werden sollten. Dabei wurde auch das Feuer auf Bauern eröffnet, die in der Nacht auf ihren Feldern arbeiteten, weil sie nur dann Strom für ihre Wasserpumpen bekamen.
?Shovel planting?, also die nachträgliche Platzierung von Schaufeln, Zünddrähten oder Kalaschnikows bei erschossenen Zivilisten sei, laut den Teilnehmern, die Regel. Ehemalige Scharfschützen berichten vom ?baiting?, sprich ?ködern?, von Irakern durch die Ablage von Munition oder Ausrüstung im Zielbereich der Scharfschützen. Wer dann danach griff, galt als Feind und wurde erschossen. All diese Aussagen sind auf der Website von ?Iraq Veterans Against the War? abrufbar, bzw. auf Youtube. Die Veteranen erklärten, sie ständen gerne für Aussagen unter Eid zur Verfügung.
Kriegsverbrechen und Verantwortliche
Wer ist nun Schuld an diesem Wahnsinn? Die Veteranen, die bei den ?Winter Soldier Testimonies? aussagen, sind ? insofern sie direkt an Kriegsverbrechen teilgenommen haben ? schuldig, denn auch die Ausführung von Befehlen gilt nicht als Ausrede für die Teilnahme an Kriegsverbrechen. Doch wer geständig ist, verdient zumindest eine Strafmilderung. Mehr noch: wer angesichts dieser Erlebnisse den Mut aufbringt, öffentlich darüber auszusagen, dem gebührt Respekt.
Eines jedoch zieht sich wie ein roter Faden durch die Aussagen der Veteranen: man gewinnt den Eindruck, dass es sich eben nicht ?nur? um Einzelexzesse, bedingt durch die unvermeidliche Verrohung von Soldaten im Krieg handelt. Stattdessen drängt sich der Eindruck auf, dass Vorgesetzte der Soldaten systematisch die angeblich so sauberen ?rules of engagement? der US-Streitkräfte unterlaufen haben ? diese verbieten nämlich beispielsweise das Schießen auf unbewaffnete Zivilisten. Angeblich sollen sogar neue ?rules of engagement? eingeführt worden sein, die das Erschießen von Personen, die beispielsweise Schaufeln mit sich führten, oder auf Hausdächern telefonieren, erlaubt haben sollen.
All dies lässt darauf schließen, dass die gesamte militärische Kommandokette involviert ist ? was nicht heißen soll, sämtliche Militärs unterstützten Kriegsverbrechen, aber: es ist schlichtweg unvorstellbar, dass die höhere Kommandohierarchie des Pentagon davon nichts gewusst haben könnte. Mehr noch: der oberste Kommandeur der Truppen ist bekanntlich der Präsident höchstpersönlich. Normalerweise trägt der Kommandeur auch die Verantwortung für das, was unter seinem Kommando passiert ? vielleicht sollte er seinem Kommentar, er wäre ?neidisch? auf das ?fantastische Erlebnis?, an den ?Frontlinien der Demokratisierung? zu dienen, Taten folgen lassen ? um sich persönlich von den Auswirkungen seiner Kriege zu überzeugen.
Präsident Bush und alle jene, die seine Linie nach Kräften unterstützen, sind verantwortlich für die Kriegsverbrechen, die in diesem mit Lügen gerechtfertigten Krieg stattfinden. Wie auch schon im Falle der Folter-Kontroverse sind ihre Handlungen nicht nur kriminell, sondern auch kontraproduktiv; sie schaden dem Ansehen und dem Ruf der Vereinigten Staaten von Amerika und vor allem auch den Ideen, in deren Namen dieser Krieg geführt wird ? Demokratie und Freiheit ? wahrscheinlich noch mehr, als der Vietnam-Krieg und Präsident Nixon zusammen. Die eigentliche Stärke der ?Marke? USA war einmal, andere Menschen für sich zu begeistern. Und obwohl man Land, Leute und Regierung nicht undifferenziert gleichsetzen darf, muss man doch konstatieren, dass diese – eher positive – Rezeption der Vereinigten Staaten schwer gelitten hat.
Nicht das erste Mal aber werden ausgerechnet diejenigen, die von der amerikanischen Regierung so gerne als authentische Kulisse für ?patriotische? Reden benutzt werden ? und natürlich für profitable Kriege ? zur möglicherweise größten Bedrohung für jene Regierung. Die ?Winter Soldiers? folgen ihrem Gewissen und vertrauen auf Vorbilder wie Thomas Paine. Es bleibt abzuwarten, ob die ?Winter Soldier Testimonies? noch mehr Soldaten zu Aussagen bewegen und vor allem: ob, wann und wie ihre Schilderungen von den US-Medien oder von der Filmindustrie aufgegriffen werden.
Nick Abbe
Bildnachweis: Iraq Veterans Against the War und Wikicommons