Exit-Strategie Bürgerkrieg
geschrieben am 13. Juni 2007 von Spiegelfechter
Die US-Irakpolitik ist von Tag zu Tag mehr und mehr von kognitiver Dissonanz geprägt. In der Ausgabe vom 11. Juni berichtet die New York Times über eine neue Strategie der US-Armee, die helfen soll, Ruhe im Irak herzustellen. Um dies zu erreichen, sollen sunnitische Milizen, die nicht direkt in Anschläge auf US-Truppen involviert waren, von den USA mit Waffen, Geld und Logistik unterstützt werden, um gegen das, was die USA ?Al-Qaida? nennen, ins Feld zu ziehen. Diese Strategie wurde – laut US-Generalstab – in der irakischen Anbar-Provinz erfolgreich getestet. Das erfolgreiche Anbar-Projekt? Die Washington-Post sieht dies etwas anders. In einem Interview mit der Post erklärt Ali Suleiman, der Führer des größten Stammes der Anbar-Provinz:
?Der Anbar Salvation Council wird sich wegen der wachsenden Unzufriedenheit der Mitglieder über die Kooperation mit den US-Streitkräften und dem Benehmen des prominentesten Ratsmigliedes Abu Risha, der ein ?Verräter? ist, der seine Glaubensgrundsätze, seine Religion und seine Leute gegen Geld verschachert, auflösen.?
Auf Nachfrage sagte Oberstleutnant Welch, ein Verbindungsoffizier bei den irakischen Stammesführern, ?die Stimmung innerhalb dieses Bündnisses sei angespannt und er erwarte eine grundlegende Neuordnung dieses Bündnisses in den nächsten Tagen?. Der Militäranalytiker Anthony H. Cordesman merkt zu diesen Bündnissen an, dass es fraglich sei, wie lange die gekauften Verbündeten wirklich loyal bleiben.

In der Anbar-Provinz scheint die Macht des US-Dollar ein Ende gefunden zu haben. Ali Suleiman berichtet der Post, dass die zwölf Stammesführer eine Einigung unterschrieben haben, ein neues Bündnis ohne Abu Risha zu gründen ? dieser habe sich an die US-Streitkräfte verkauft. Der feine US-Partner Abu Risha betreibt ?hauptberuflich? einen Ölschmuggelring und befehligt Straßenräuber, die die Verbindungsachse Bagdad-Amman unsicher machen. Kritische Stammesrivalen verkauft er gerne mittels Falschinformationen an die US-Armee. Dies bestätigt auch der Verbindungsoffizier Welch.
Ein äußerst fragiles Bündnis, in dem der beste Partner der USA ein käuflicher Krimineller ist, der kurz vor seinem Ausschluss aus diesem Bündnis steht, welches sich ?neu ordnen? will und der die Nähe zu den US-Truppen kritisiert. Von einem Erfolg kann man beim Anbar-Projekt also keinesfalls sprechen ? außer man legt die Messlatte derart tief, dass man sogar seine Minimalziele konterkariert.

Eine ?herausragende? Eigenschaft amerikanischer Strategen ist deren scheinbare Unfähigkeit, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das Modell ?Anbar? ist in ähnlicher Form bereits in Vietnam, Afghanistan, dem Kosovo und dem Libanon ausprobiert worden und es ist jedes Mal kläglich gescheitert. So kläglich, dass es ohne den afghanischen Vorläufer des Anbar-Projektes gar keine Al-Quaida gäbe, die man nun bekämpfen muss.
Kritik auf dieser Ebene ist leicht und offensichtlich ? sie geht aber an der Strategie, die hinter dem Anbar-Projekt steht vorbei. Das Anbar-Projekt ist der erste Vorbote des amerikanischen Teilabzugs und reiht sich in der ihm innewohnenden Strategie hervorragend in die neue amerikanische Nahoststrategie ein, die Seymour Hersh in seinem Artikel ?Die Neuausrichtung? skizziert. Die Aufteilung des Nahen Ostens in Sunniten und Schiiten, inklusive der damit verbundenen Bruchlinienkriege, die im Falle des Iraks einen manifesten und ewigen Bürgerkrieg nach sich ziehen würden, ist Teil der amerikanischen Außenpolitik. Primäres Ziel ist die Eindämmung des iranischen Einflusses.

Man bedenke folgendes: Die USA haben stolze 15 Milliarden US-Dollar in den Aufbau einer irakischen Armee und irakischer Polizeikräfte investiert. Diese staatlichen Institutionen haben 350.000 Mann unter Waffen. Aus Sicht der Masterminds im Pentagon ist es allerdings problematisch, dass die irakischen Streitkräfte sowohl bei den Soldaten selbst als auch in der Führungsspitze hauptsächlich schiitisch sind. Außerdem werden sie von einer schiitisch dominierten Regierung befehligt. Wenn die USA den Irak über kurz oder lang in großen Teilen verlassen werden ? und es besteht kein Zweifel, dass sie dies tun werden, wenn kein neuer Krieg (Iran) in der Region ausbricht bzw. ausgebrochen wird ?, wird die schiitisch-dominierte irakische Regierung samt ihrer Streitkräfte im direkten Einflussbereichs Teherans liegen. Ein iranisch beeinflusster Irak wäre indes der GAU amerikanischer Außenpolitik. Die systematische Bewaffnung sunnitischer Milizen ist in diesem Zusammenhang der Garant für einen langen Bürgerkrieg, bei dem sich die USA getreu Ihrer Taktik auf Seiten der Sunniten positionieren wird. Das die Anschläge auf die US-Besatzungstruppen im Irak nahezu ausschließlich von sunnitischen Gruppen verübt werden, ist dabei nur eine Randnotiz.
Wird das Anbar-Projekt auf den ganzen Irak ausgeweitet, ist dies eine kalkulierte Provokation der schiitischen Kreise. Eine Eskalation mit Iran wird dabei in vollem Wissen mit einkalkuliert. Wenn die Waffenlieferungen der USA sich zukünftig auf sunnitische Milizen fokussieren werden, die gegen Schiiten kämpfen, wird Iran im Gegenzug schiitische Milizen unterstützen und dies ist nach Definition der Amerikaner ein Casus Belli.
Die USA kamen mit den Bomben, sorgten für Chaos und sorgen nun dafür, dass dieses Land auch in Zukunft im Krieg versinkt. Das ist die Strategie der verbrannten Erde und diese wird sich nicht auf den Irak beschränken lassen. Gewinner ist dabei natürlich der militärisch-industrielle Komplex. Wenn im Irak die Regierungsarmee gegen die sunnitischen Milizen kämpft, schießen amerikanische Waffen auf amerikanische Ziele, jede Patrone ist amerikanische Munition und je länger der Bürgerkrieg dauert, desto kräftiger klingelt es in den Kassen.
Jens Berger
Bildnachweis: Al-Jazeera, Washington Post, IRNA, Whiteouse.org
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Gestern hat das US-Repräsentantenhaus einen neuen, mit dem Senat abgestimmten, Gesetzesentwurf verabschiedet, der eine Finanzierung der amerikanischen Kriege in Irak und Afghanistan in Höhe von 125 Mrd. US$ an einen US-Abzug aus dem Irak koppelt. Anders als im ersten Gesetzestext ist allerdings mittlerweile nicht mehr von einer harten Deadline (am 1. Oktober) die Rede, sondern nur noch von einem nicht bindenden Ratschlag, der zudem noch genügend
Bush spielt sein skrupelloses Spiel mit dem Leben der Soldaten – nicht, dass dies etwas Neues wäre, die Tausende von Toten, Verkrüppelten und Traumatisierten sind für ihn nur abstrakte Zahlen, die es gilt, demoskopisch zu entschärfen. Nicht das Leben der Untertanen, sondern Umfrage- und Wahlergebnisse sind es, die zählen. Dass die Mehrheit der Wählers für einen Abzug der Truppen ist? Was weiß schon das Volk – Vox Populi, Vox Rindvieh. Bush schickt lieber neue Truppen in den Irak und sorgt dafür, dass die vorhandenen Truppen dort länger Dienst schieben müssen. Demokratie? Was ist das? Checks and Balances? In Friedenszeiten mag so etwas Bedeutung haben. Die Abgeordneten der Demokraten haben sich mit diesem aufgeweichten zweiten Gesetzesvorschlag so weit Bush angenähert, wie es ihnen der Auftrag der Wähler gestattet hat. Durch Bushs Veto und die wohl folgende Einigung mit dem Kongress werden die Demokraten sich als Großmäuler outen müssen, die Versprechen machen ohne sie einhalten zu können.
Das ist neu, die grüne Zone wurde zwar schon häufiger von außen angegriffen (z.B. mit Mörsern vom gegenüberliegenden Tigris-Ufer), aber die Tatsache, dass die USA und die irakischen Behörden selbst das Regierungsviertel nicht mehr vor Attentätern sichern können, hat eine Außenwirkung, die die Impotenz der Besatzer offensichtlich macht. Derweil spielen Bush und Ahmadinedschad ein 



Ein exklusiver
Zugetragen hatte sich dieser Vorfall am 11. Januar. Am Vorabend hatte Bush in seiner Rede zur Lage der Nation angekündigt, gegen iranische Offizielle vorzugehen, die angeblich hinter Anschlägen auf Koalitionstruppen stünden. Interessanterweise wurden bei Anschlägen auf US-Truppen dutzende Staatsbürger aus arabischen Ländern als Täter ausgemacht, aber noch nie ein iranischer Staatsbürger. In diesem Kontext gibt die geplante aber misslungene Festnahme von zwei hohen iranischen Sicherheitsbeamten, die der reaktionären Seite zuzurechnen sind, durchaus Sinn. Sie liesse sich medienwirksam als Schlag gegen den “iranisch gesponserten Terror” verkaufen. Die Festnahme der fünf Legationsmitglieder macht indes keinen Sinn, da im kurdischen Gebiet um Arbil weder Anschläge auf US-Truppen, noch sunnitische oder schiitische Kämpfer zu verorten sind.