Wer Regimekritiker ist, bestimmen wir!

14. Mai 2008 von Spiegelfechter - Drucken

In Iran zensiert, im Westen gelöscht - wie der einst gefeierte iranische Blogger Hossein Derakhshan zunächst vom Westen vereinnahmt und dann fallen gelassen wurde.

Für viele im Westen ist Hossein Derakhshan ein Paradoxon. Der iranische Journalist, der im Jahr 2000 nach Kanada emigrierte, entwickelte im Jahre 2001 eine Methode, mit der Iraner auf Farsi bloggen können – heute gibt es 700.000 Blogs auf Farsi, von denen 10% auch aktiv geführt werden, eine Gegenöffentlichkeit zur oft gelenkten iranischen Medienlandschaft.
Derakhshan wurde unter dem Namen „Hoder“ selbst einer der ersten und erfolgreichsten iranischen Blogger. Er kritisiert damals die Unterdrückung der Meinungs- und Pressfreiheit im Iran. Seitdem wird sein Blog von den iranischen Behörden gefiltert und er wurde bei einem Iranbesuch 2005 kurzzeitig verhaftet und musste ein Entschuldigungsschreiben aufsetzen, um wieder ausreisen zu dürfen. Seine Stimme wurde damals nicht nur in Iran, sondern auch im Westen gehört. In westlichen Medien wurde er schnell zu einer Ikone des jungen, liberalen Iran. Er tourte durch TV-Sendungen, wurde auf Kongresse eingeladen und bekam als Journalist Aufträge von der Washington Post, der BBC und dem Guardian. Auch in Deutschland wurde enthusiastisch über den iranischen “Blogvater” geschrieben” - Derakhshans Kritik an der iranischen Führung wurde zur Pauschalanklage gegen den kompletten Staat umgedeutet und im Fahrwasser seiner Kritik schwammen Exiliraner, die seit der Absetzung des Schahs für einen prowestlichen Regime-Change in Iran eintreten. Die westlichen Medien benutzten ihn für ihre Anti-Iran Propaganda und Derakhshan hat sich damals einspannen lassen - er misstraute zwar der amerikanischen Politik, hielt aber den europäischen Ansatz, mit Soft-Power auf eine liberalere Demokratie hinzuarbeiten, für einen gangbaren Weg.

Weiter auf Telepolis

Kategorie: Iran, Medien | 1 Kommentar

Operation Obstgarten

29. April 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Man kann nur darüber spekulieren, was genau israelische Kampfflugzeuge in der Nacht zum 6. September 2007 im abgelegen Osten Syriens bombardiert haben. Fest steht nur, dass es ein quadratisches Gebäude war, das die Israelis als Bedrohung ansahen und dessen Bau immerhin so brisant war, dass Syrien sich nicht zu klaren Statements durchringen kann und den kriegerischen Akt der Israelis herunterspielt. Die letzte Woche veröffentlichten „Beweise“ der CIA, es handelte sich um einen Atomreaktor, die gestern durch Zusatzinformationen des CIA-Direktor Michael Hayden, der Reaktor hätte kurz vor der Fertigstellung gestanden und sollte die Kapazität haben, Plutonium für zwei Atombomben pro Jahr herzustellen, erscheinen angesichts der Vorgeschichte und der Hintergrundinformationen indes äußerst unwahrscheinlich. Die Frage, die sich somit stellt, lautet: Was wollen die USA mit dieser Veröffentlichung erreichen?

Wenn man die Medienberichte aus israelischen Insiderquellen betrachtet, hat sich die „Operation Obstgarten“ aus israelischer Sicht folgendermaßen abgespielt: Die israelischen Geheimdienste haben Anfang letzten Jahres Querverbindungen zwischen Nordkorea und Syrien aufgedeckt. Dabei nahm man besonders einen quaderförmigen Baukomplex in den agrarisch geprägten Gebieten Ostsyriens ins Visier, an dem Nordkoreaner mitarbeiteten. Auf Satellitenphotos hatte dieser Komplex Ähnlichkeiten mit dem nordkoreanischen Reaktor in Yongbyon, in dem Nordkorea bis vor kurzem Plutonium herstellte. Wenige hundert Meter abseits des Komplexes wurde direkt am Euphrat eine Pumpstation errichtet, die Wasser als Kühlmedium zur Verfügung stellen konnte. Drei Tage vor dem Bombardement beobachteten israelische Geheimdienste die Ankunft des nordkoreanischen Frachters „Al Hamed“ in der syrischen Hafenstadt Tartus. Laut israelischen Geheimdienstquellen, wurde die „Al Hamed“ seit dem Auslaufen aus einem nordkoreanischen Hafen von ihnen verfolgt, beim Löschen des Schiffes sollen syrische Soldaten mit Schutzkleidung beteiligt gewesen sein und Lastwagen hätten die mysteriöse Ladung zu der observierten Baustelle gebracht. Damit sei für Israel eine „rote Linie“ überschritten worden und man entschloss sich, wie bereits 1981 bei der irakischen Atomreaktorenbaustelle Osirak, einzugreifen, bevor es zu spät ist. In einer konzertierten Aktion mit acht Kampfflugzeugen die syrische Baustelle zu zerstören, was anhand der Satellitenbilder auch gelang.

Die israelische Version hat bloß mehrere Schönheitsfehler. Experten der IAEO wissen weder etwas von einem syrischen Atomprogramm, noch halten sie ein solches Programm für realistisch. IAEO-Direktor Mohamed El Baradei gab ferner bekannt, dass seine Experten nach der sorgfältigen Auswertung der Satellitenphotos bezweifeln, dass es sich bei der syrischen Anlage um eine Einrichtung handelte, die etwas mit Kernkraft zu tun haben könnte. Joseph Cirincione, Verantwortlicher für Nuklearfragen am „Center for American Progress“, sagte dem Journalisten Seymour Hersh, dass Syrien weder die technischen, industriellen noch finanziellen Möglichkeiten habe, ein eigenes Atomprogramm aufzubauen. Er verfolge diese Frage seit über 15 Jahren und jedes Mal, wenn es wieder mal Hinweise gab, haben sich diese als falsch herausgestellt. Laut Cirincione gab und gibt es kein syrisches Atomprogramm – es handele sich vielmehr um politische Fragen.

Auch andere neutrale Experten hegen Zweifel an der These, es handelte sich bei dem zerstörten Gebäude um eine Nuklearfabrik. In den Medien machte aber vor allem die Interpretation des Washingtoner Proliferationsexperten David Albright die Runde, der es damals „für wahrscheinlich hielt“, dass es sich bei der Baustelle auf dem Satellitenphoto um etwas „nukleares“ handelte. Dies sorgte bei vielen anderen neutralen Experten und Mitarbeitern der IAEO für einigen Unmut. Später widerrief Albright diese Aussage und sagte, er sei falsch zitiert worden – er hätte es lediglich für „wahrscheinlich“ gehalten, dass die Israelis ernsthaft gemeint haben könnten, es handele sich um eine nukleare Anlage.

Es gibt weitere Indizien, die gegen eine Atomfabrik sprechen. Die Baustelle war komplett ungeschützt - keine Soldaten, keine Luftabwehr, keine Kasernen, keine Baracken und keine Straßensperren oder ähnliches, was man bei einem militärisch genutzten atomaren Komplex, der in Schlagweite Israels liegt, erwarten könnte. Auch fehlten sämtliche zusätzlichen Gebäude, die man bei einem Atomkomplex erwarten könnte. Vor allem stellt sich die Frage – wo sollte Syrien eigentlich die hoch angereicherten Uranbrennelemente herbekommen, die zum Betrieb eines Reaktors der typgleich mit Yongbyon ist, nötig sind? Die nordkoreanischen Atomanlagen stehen unter strenger Bewachung der internationalen Gemeinschaft. An einen regulären Export ist daher gar nicht zu denken. Was der israelische Geheimdienst dort in der syrischen Einöde zu finden glaubte, wäre nur ein kleiner Teil eines atomaren Brennstoffkreislaufes gewesen, der ohne hoch angereichertes Uran komplett wertlos gewesen wäre. Diese Brennelemente sollen wohl – so suggerieren es die Geheimdienste – mit dem Frachter „Al Hamed“ vom fernen Nordkorea nach Syrien gekommen sein.

Laut den Daten der „Lloyd’s Marine Intelligence Unit“, einem Schiffsinformationsdienst, der sich auf ein gigantisches Netzwerk von Informationen, Agenten und Häfen bezieht, war die „Al Hamed“ aber seit langem nicht mehr in Nordkorea. Der Frachter, der mit einem Transponder ausgestattet war, der Lloyd´s ständig die Position des Schiffes verriet, tourte in den letzten Jahren unter ständig wechselnder Flagge durch das Mittelmeer und besuchte Syrien im ersten Halbjahr 2007 fünf Mal. Den Suezkanal durchquerte die „Al Hamed“ 1998 zum letzten Mal. Das Schiff, das zum Zeitpunkt des Bombardements nicht mehr unter nordkoreanischer Flagge, sondern unter der Flagge der Komoren lief, ist auch Greenpeace aufgefallen, die in diesem Seegebiet illegale Fischerei verfolgen. Laut einem Greenpeace-Kapitän ist die „Al Hamed“ ein verrotteter Seelenverkäufer, der nicht einmal schwere Lasten transportieren könnte, da die Dohlen bereits zu stark verrostet seien.

Wenn es aber wahrscheinlich keine Atomfabrik war, die die Israelis bombardierten, was war es dann? Die syrischen Reaktionen auf das israelische Bombardement sind genau so uneinheitlich, wie unglaubwürdig. Zunächst hieß es, die israelischen Bomber hätten ihre Munition über unbewohntem Gebiet fallen lassen, da ihnen die syrische Luftabwehr zusetzte. Hier war wohl eher der Wunsch Vater des Gedanken und die Zerstörung des Komplexes ist ja auch durch Satellitenphotos dokumentierbar. Anfang Oktober äußerte sich zum ersten Mal der syrische Präsident Assad zu Wort und berichtete, israelische Bomber hätten ein nicht genutztes Gebäude des Militärs bombardiert. Damit blockte Assad auch die Wünsche der IAEO ab, sich die fragliche Stelle einmal näher anzuschauen. Zeitgleich begannen auch rege Aufräumarbeiten, die sich durch den Einsatz mehrerer Bulldozer auf Satellitenbildern dokumentieren lassen. An die Stelle des zerbombten Gebäudes wurde eilig eine Art Lagerhalle gebaut, um Spuren zu verwischen.

Laut des Berichts von Seymour Hersh waren tatsächlich Nordkoreaner an der Baustelle – seine syrische Quelle behauptet indes, es handelte sich um „normale“ Bauarbeiter, die im Rahmen eines Partnerschaftsprogramms in Syrien gearbeitet haben. Dies wird durch südkoreanische Geheimdienstberichte bestätigt, die von zehn getöteten Nordkoreanern sprechen. Laut syrischen Quellen könnte die bloße Anwesenheit der Nordkoreaner die Israelis davon überzeugt haben, es handele sich um ein verbotenes „Atomprojekt“. Obgleich in dieser Vermutung ein Kern Wahrheit stecken dürfte, erklärt dies nicht die syrische Zurückhaltung. Bei einem Angriff auf ein „normales ziviles“ Objekt durch die Israelis wäre der Aufschrei in der arabischen Welt sicher groß gewesen – nicht so bei der „Operation Obstgarten“. Zwei weitere syrische Quellen, die Hersh zitiert, kommen der eigentlichen Sache wohl schon näher. Eine Quelle behauptet, man habe dort eine Produktionsstätte für chemische Waffen errichten wollen. Das macht Sinn, nur spricht die quaderförmige Konstruktion des Gebäudes ohne Schornsteine und sichtbare Prozessanlagen nicht unbedingt der gemeinläufigen Vorstellung einer Chemiefabrik. Eine weitere Quelle behauptet, man habe dort mit Hilfe der Koreaner „Low-Tech Raketen“ hergestellt. Dies ist nicht unwahrscheinlich, zumal Nordkorea auf diesem Gebiet ein gewisses Know-How hat und Syrien unter Verdacht steht, eben diese Raketen an die Hamas und die Hisbollah zu liefern. Vor der Weltöffentlichkeit zuzugeben, zusammen mit Nordkorea eine geheime Produktionsstätte für diese „Terrorwaffen“ errichtet zu haben, würde Syrien das Gesicht kosten und wahrscheinlich strenge Sanktionen nach sich ziehen. Es erscheint verständlich, dass Syrien in diesem Falle lieber den Vorfall klein halten und Israel im Zweifel glauben lassen würde, es hätte wirklich einen Atomreaktor zerstört. Das bei der Bombardierung atomares Material getroffen wurde, ist auszuschließen - westliche Techniker einer nahe gelegenen Raffinerie berichteten, dass sie dort regelmäßige Routinemessungen auf Strahlung vornehmen, aber weder vor noch nach der Bombardierung etwas gemessen haben.

Warum aber kommen die USA diese Woche mit offensichtlich falschen Geheimdienstberichten, die Syrien und Nordkorea als kooperierende Atommächte in spe darstellen? Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass Israel sich ungewöhnlich bedeckt hält. Die CIA-Berichte, der Reaktor sei kurz vor der Fertigstellung und hätte Material für zwei Atombomben pro Jahr produzieren können, sind offensichtlich falsch und werden nicht einmal von den Kollegen der anderen Geheimdienste geteilt. Wen wollten die USA also treffen? Syrien, Nordkorea oder etwa Iran? Fest steht, dass die „6-Parteien Gespräche“ über die nukleare Abrüstung Nordkoreas auf der Stelle treten und es durchaus Sinn machen könnte, Nordkorea durch eine öffentliche Anschuldigung in die Ecke zu treiben. Auch Syrien ist auf Bushs Achse des Bösen und für Falken ist es durchaus von Vorteil diese Position zu zementieren, zumal sich in den Reihen der Washingtoner Tauben und auch der Israelis durchaus einen Trend zur Gesprächsbereitschaft entwickelt. Unter türkischer Moderation sind Syrien und Israel sogar einem Friedensvertrag näher gekommen, in dem unter anderem die ungeklärte Frage der Golan-Höhen gelöst werden soll. Für Falken ist dies ein Albtraum, da die Anerkennung Syriens als Moderator in der Region auch den Druck auf Iran mindern würde. In diesem Falle wäre die Zurückhaltung der israelischen Seite zwar für die offizielle Seite verständlich – geheimdienst- und armeenahe Kreise und die Falken der Knesset würde hier aber kaum mitspielen und die Medien schon mit ihren Informationen anfüttern.

Als letzte Erklärung bleibt ein Warnschuss Richtung Teheran. Die USA und andere Staaten wissen, dass man Israel im Zweifelsfalle nicht zurückhalten kann. Die Botschaft an Iran lautet daher: Auch wenn ihr vielleicht gar nichts Böses tut – Israel wird bereits beim Hauch eines Verdachtes zuschlagen und wir wollen dies bereits im Vorfeld verhindern. Also hört, was wir zu sagen haben und versucht lieber gar nicht erst, uns herauszufordern. Ein solches Vorgehen wäre sicher im Sinne der USA und Israels. Auch müssten die israelischen Falken und Tauben bei diesem Plan schweigen, da es in beider Sinn ist, dass die Drohkulisse aufrecht erhalten bleibt. Fraglich nur, ob Iran sich auf diese Art und Weise einschüchtern lässt.

Quellen: A Sourcebook on the Israeli Strike in Syria

Jens Berger

Bildnachweis: Moon of Alabama, Wikicommons

Kategorie: Ausland, Iran, USA | 16 Kommentare

Die USA erklären Iran den Kontenkrieg

24. April 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Die USA-Behörden verschärfen die Sanktionen gegen Iran und setzen große Teile des iranischen Bankensektors auf eine Schwarze Liste

Obwohl selbst iranische Regimekritiker an der Wirksamkeit von Wirtschaftssanktionen zweifeln, verschärften die USA unilateral die Finanzsanktionen gegen Iran. Internationale Banken, die mit iranischen Banken Geschäfte machen, laufen von nun an Gefahr, auf einer Schwarzen Liste von Unterstützern des Terrorismus zu landen und selbst Objekt von Sanktionen zu werden. Bei einer weltweiten Akzeptanz könnten diese Sanktionen Iran hart treffen, es mag aber bezweifelt werden, ob China und einige europäische Staaten sich an diese Sanktionen halten, die allen voran ihnen selbst schaden.

Weiter auf Telepolis

Kategorie: Ausland, Iran | 149 Kommentare

Die Laptop-Lüge

05. März 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Am Montag haben die Vereinten Nationen die dritte Runde der Iran-Sanktionen abgenickt - damit ist der Weg frei für „unangemeldete” Einfuhrkontrollen auf dem Seeweg des Persischen Golfs. In dem schmalen Seegebiet mit umstrittenen Seegrenzen sind sowohl eine komplette amerikanische Flotte, die auch zwei Trägergruppen beinhaltet, als auch ein französischer Marineverband vor Ort - dies ist eine hochbrenzlige Lage, die sehr schnell eskalieren kann. Basis des UN-Sicherheitsratsbeschlusses ist die Vorgabe, dass die kontrollierenden Streitkräfte sich an die Regulationen des internationalen Seerechts und der daraus resultierenden Seegrenzen halten - nur in internationalen Gewässern darf kontrolliert werden.

Alleine in diesem Punkt steckt ein hohes Maß an Konfliktpotential, da die USA das internationale Seerecht bislang nicht ratifiziert haben und es im Persischen Golf gar keine völkerrechtlich verbindlichen Seegrenzen gibt, was bereits während des Cornwall-Zwischenfalls zu internationalen Spannungen geführt hat.

Ziel der verschärften Sanktionen ist es, Iran zu zwingen, sein Atomprogramm einzustellen, da der Westen nachwievor davon überzeugt sein will, Iran nutze sein ziviles Atomprogramm nur als Deckmantel für militärische Nuklearaktivitäten. Diesem Vorwurf widersprach zwar der Sonderbericht der US-Geheimdienste (NIE) in aller Deutlichkeit, aber die Machthaber in Washington, Tel Aviv, London, Paris und Berlin wollen dies nicht akzeptieren. Dabei beruft man sich einzig alleine auf ein „Beweisstück”, dessen Seriosität stark an die fabrizierten WMD-Dossiers und getürkten Yellow-Cake Bestellungen aus dem Vorfeld des Überfalls auf den Irak erinnert - einen mysteriösen Laptop mit atomaren Inhalt.

US-Spezialisten wollen auf diesem Laptop 1000 Seiten hochbrisante Dokumente gefunden haben. Zeichnungen und Pläne für den Bau einer Fabrikationsanlage für „Green Salt” (Urantetrafluorid), technische Unterlagen zum Bau einer Testanlage für hochwirksame Sprengstoffe und Blaupausen für die Konstruktion einer „Wiedereintrittsgruppe” für den Raketenbau, die fähig sein soll, Raketen mit Atomsprengköpfen auszurüsten, sollen auf diesem Laptop gespeichert gewesen sein. Der Laptop war ein Geschenk deutscher Geheimdienste, die ihn nach eigenen Angaben von einer iranischen Widerstandsgruppe namens MEK bekommen haben, wie auch der Koordinator für deutsch-amerikanische Beziehungen Karsten Voight 2004 dem Wallstreet Journal bestätigte.

Die MEK (Volksmudschaheddin) ist eine marxistisch-islamistische iranische Terrorgruppe, die auch auf der Liste terroristischer Organisationen der EU steht, obgleich von ihr seit mehreren Jahren keine Aktionen mehr ausgehen. In den Jahren 2003/2004 war die MEK ein Lieblingskind der neokonservativen Falken in Washington, die sie für einen Regimesturz in Teheran instrumentalisieren wollten. Dass die MEK an derart brisante Informationen kommen konnte, wird von allen Seiten bezweifelt. Der ehemaliger Geheimdienstleiter der Nahost-Abteilung des US-Außenministeriums Wayne White kann nicht daran glauben, dass die MEK Kontakte in höhere Regierungskreise hat und ein leitender IAEO-Beamter sagte der LA-Times, dass sich jeder Hinweis, den man seit 2002 aus dieser Quelle erhalten habe, als falsch herausgestellt habe.

Im November 2004 wurde den deutschen Schlapphüten der mysteriöse Laptop übergeben, der angeblich aus höchsten iranischen Regierungskreisen stammen soll. Nach einer Erstuntersuchung durch die Behörden wurde das brisante „Beweisstück” an die Amerikaner weitergeleitet, obgleich bereits deutsche Forensiker Zweifel an der Integrität der Daten hatten. Ein hoher europäischer Diplomat, der mit den Dokumenten befasst war, wurde bereits 2005 von der New York Times mit den Worten „Auch ich könnte diese Daten fabrizieren - sie sehen zwar toll aus, kein Zweifel; aber ob sie echt sind, wage ich zu bezweifeln” zitiert. Ein deutscher Kollege, der zuerst mit den Daten zu tun hatte, äußerte sich damals auch eher skeptisch über die Authentizität der Daten. Damit stand er nicht alleine - auch der französische Geheimdienst zweifelte an der Authentizität und die russischen Geheimdienste hielten die Daten gar für nicht beweiskräftig. Nur die Briten waren von der Beweiskraft überzeugt, aber das ist ja nichts Neues.

Groß lanciert wurde die „Bedrohung aus dem Laptop” im November 2005 von den New York Times Journalisten Sanger und Broad. Bereits im Februar 2006 äußerte David Albright, Direktor des Instituts für Wissenschaft und internationale Sicherheit (ISIS) in Washington in der ARD-Sendung „Report Mainz” scharfe Kritik an der „Laptop-Bedrohung”. Albright muss es wissen, gehörte er als scharfer Kritiker des iranischen Atomprogramms doch zu den wenigen Wissenschaftlern, die den Inhalt des Laptops auswerten durften.

“Diese Dokumente beinhalten keinerlei Informationen, die besagen, dass es sich um eine nukleare Waffe, einen nuklearen Sprengkopf handelt. Die Begriffe ‘nuklear’, ‘Atomwaffe’ oder ‘Atomsprengkopf’ werden nie in dem Dokument erwähnt.”

Scott Ritter, ehemaliges Mitglied des US-Militärgeheimdienstes und ehemaliger UN Chef-Waffeninspektor im Irak, bestätigte, dass die CIA Mittel und Wege hätte, die Authentizität der Daten zweifelsfrei zu belegen - allerdings gelang dies, laut Ritter, der CIA nicht; woraus man schließen kann, dass diese Tests entweder nie gemacht wurden, oder (was wahrscheinlicher ist) negativ ausfielen.

Wenn nun aber die Dokumente höchstwahrscheinlich gefälscht sind und nicht aus iranischen Regierungskreisen kommen, woher haben die deutschen Schlapphüte den Laptop dann? Bereits im Februar 2006 berichtet die Journalistin Dafna Linzer in der Washington Post von Spekulationen in den Reihen der CIA, die Dokumente stammten von „einem befreundeten Drittstaat” - diese Theorie wurde aber nicht weiter verfolgt. Dieser „Drittstaat” scheint Israel zu sein. Die israelischen Autoren und Geheimdienstfachleute Yossi Melman und Meier Javadanfar berichten in ihrem neu erschienen Buch „The Nuclear Sphinx of Tehran. Mahmoud Ahmadinejad and the State of Iran” über eine mögliche Verwicklung des Mossad in die Verbreitung der vermeintlich iranischen Atompläne.

Angeblich haben „Sicherheitsbedenken” die Israelis davon abgehalten, diese Dokumente zu veröffentlichen. Der Journalist Connie Bruck geht im „New Yorker” einen Schritt weiter. Ein von ihm interviewter ehemaliger Berater des Schahs offenbarte ihm, dass ein „befreundetes Land” Quelle der „Beweise” gegen Irans Nuklearprogramm sei. Auf die Frage, ob dieses „befreundete Land” vielleicht Israel sei, lächelte sein Interviewpartner und fügte süffisant hinzu, das „befreundete Land” sei sich bewusst, dass Informationen seiner Geheimdienste in der amerikanischen Öffentlichkeit kritisch betrachtet würden, da sei es besser, es so aussehen zu lassen, sie kämen von einer iranischen Oppositionsgruppe.

Die „Smoking Gun” mit der Sanktionen gegen Iran beschlossen wurden, ist also wahrscheinlich ein zweifelhaftes Konstrukt des israelischen Geheimdienstes, mit tatkräftiger Hilfe der Deutschen verbreitet, an dessen Integrität noch nicht einmal die Geheimdienste glauben. Auch wenn die „Weltöffentlichkeit”, wie sich der Westen gerne in alter Kolonialherrlichkeit nennt, „noch” nicht an militärische Mittel denken mag, die wieder einmal mit mehr als zweifelhaften „Beweisen” begründet werden, so stellt das Einläuten der nächsten Eskalationsstufe eine eklatante Missachtung sämtlicher internationaler Standards dar, die schnell zu einer militärischen Eskalation führen könnte. Ist es das, was der der Westen will?

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Deutschland, Iran, USA | 27 Kommentare

Bushs Tour de Blamage

16. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Während George W. Bush auf seiner Nahost-Tour den Dämon des kriegslüsternen Terror-Staates Iran an die Wand malen will und gerne ein antiiranisches Bündnis unter den arabischen Staaten formen würde, hat Iran selbst das Heft des Handelns in die Hand genommen und gleich mehrere bi- und multilaterale Gespräche geführt, die die Position Washingtons unterminieren.

Wäre die Weltpolitik ein amerikanisches Computerspiel, so könnte der Held den Level „Naher Osten“ erst meistern, wenn er den „Bossgegner“ Iran besiegt hätte. Solange dies nicht geschafft wurde, bleiben die höheren Level „Mittlere Osten“, „Ferner Osten“ und schließlich das Finale „Weltherrschaft“ unerreichbar. In der realen Welt haben sich die Amerikaner bei ihrem Griff nach der „Weltherrschaft“ bislang im Nahen Osten nur böse die Finger verbrannt. Von den mit Rosen schmeißenden Araber, die, endlich von der Tyrannei befreit, den Segen der Demokratie genießen wollen, blieb nur ein Wunschtraum weltfremder neokonservativer Vordenker aus Washingtoner Think-Tanks. Die „echten“ Araber schmissen nicht mit Rosen, sondern mit Granaten und die gesamte Washingtoner Elite weiß – wenn man weiterkommen will, so geht dies nur mit dem Iran zusammen oder aber über dessen Leiche. Während die Falken rund um Vizepräsident Cheney nur all zu gerne „Attacke“ blasen würden, sind sich die Realisten im Weißen Haus darüber klar, dass das bestmögliche Auskommen für die USA ein arabischer „Isolationsring“ wäre, in dem die USA nicht personell, dafür aber materiell zur Sicherheit beitrügen und so nebenbei auch die Kontrolle über die weltweit größten Energiereserven hätten und gute Waffengeschäfte machen könnten.

Bushs Hauptargument bei der Suche nach arabischen Bündnispartnern war die unmittelbare Bedrohung der arabischen Welt durch das iranische Atomprogramm. Dieses Argument wurde von den eigenen Geheimdiensten im Dezember 2007 konterkariert. Auf den Staat Israel und dessen Falken kann sich Bush natürlich dennoch verlassen - der amerikanisch-israelische Dialog geht weit über so profane Dinge wie die Wahrheit hinaus. Die Zustimmung Israels wiegt in der arabischen Welt allerdings eher kontraproduktiv. Hätte Bush den Israelis gewisse Konzessionen im israelisch-palästinensischen Friedensprozess abringen können, so wäre dies ein guter Einstieg für die schwierigen Verhandlungen mit den arabischen Staaten gewesen. Da unter der momentanen israelischen Regierung aber kein Entgegenkommen möglich zu sein scheint, haben die USA es auf die altbekannte Tour versucht. Die Spin-Doktoren und Wahrheitsabstinenzler in den dunklen Hinterräumen des Weißen Hauses haben einen militärischen Zwischenfall erfunden. Iran sollte als akute Bedrohung, als ein Staat, der nicht berechenbar ist und dessen pubertäre Aggressionen eine echte Gefahr für die Nachbarschaft darstellen, gebrandmarkt werden. Dieser Plan scheiterte kläglich – der saudische Außenminister rief die Amerikaner sogar mit dem erhobenen Zeigefinger eines Schulmeisters, der einen querulanten Pausenhofschläger ermahnt, zur Ordnung. Eine Blamage sondergleichen für das Weiße Haus.

In Riad rennt Bush mit seinem Plan für ein anti-iranisches Bündnis vor die Wand. Saudi-Arabien ist sich seiner labilen inneren Sicherheit bewusst und will es auf jeden Fall vermeiden, Konflikte zu schüren, die dem Land keine Vorteile bringen. Saudi-Arabien scheint sich endlich von den USA emanzipiert zu haben. Der saudische Außenminister wies die Begehren der USA schroff zurück und formulierte selbstbewusst, dass es ihm primär um saudische Interesse geht. Er werde Bush „Vorschläge“ zur Kenntnis nehmen und mit den saudischen Interessen vergleichen. Bush sei als „Mann des Friedens“ in Riad willkommen, nicht aber als „Mann des Krieges“ – so harte Worte hörte man noch nie aus der saudischen Hauptstadt.

Kaum besser steht es für die USA in den anderen arabischen Staaten. Vor Bushs Ankunft in Bahrain hatte die Hälfte aller Parlamentarier des Emirats einen offenen Brief verfasst, der Bush vorwirft, ein „beispielloses Chaos“ in der Welt geschaffen zu haben. Einen Tag nachdem Bush die arabischen Staaten aufrief, sich der Bedrohung durch Iran bewusst zu sein und dementsprechend zu handeln, reiste Kuwaits Außenminister nach Teheran, um auf höchster Ebene Kooperationsabkommen zu schließen, die die Zusammenarbeit beider Länder intensivieren sollen. Zeitgleich startete Iran eine Initiative an die GCC-Staaten Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Emirate – Ziel ist die gemeinsame Zusammenarbeit in wirtschafts-, kultur- und sicherheitspolitischen Fragen. In Bagdad machen derweil von oben gestreute Gerüchte die Runde, der oberste General der iranischen Revolutionsgarden - die immerhin von den USA als terroristische Vereinigung eingestuft werden - wäre letzte Woche zu einem Treffen mit US-Vertretern in die “Grüne Zone” Bagdads gereist. Wenn sich dies bewahrheiten sollte, so ist dies zweifelsohne ein richtiger Schritt seitens der USA. Aber wie will man ernsthaft von anderen Staaten verlangen, ihre eigenen Interessen zurückzustellen, um einem abstrakten Bösewicht zu trotzen, wenn die USA selbst mit einem der “Oberbösewichte” verhandeln?

Pünktlich zu Bushs Nahost-Tour wurde auch der IAEO-Vorsitzende Muhammed ElBaradei nach Teheran eingeladen. Noch sind keine Details über die Verhandlungen nach außen gedrungen, aber iranische Äußerungen mehren Hoffnungen, dass ein Ende des Atomstreits in absehbare Nähre gerückt ist. Der erste westliche Politiker, den ElBaradei nach seiner Nahost-Mission treffen wird, ist der deutsche Außenminister Steinmeier. Besonders Deutschland dürfte die Annährung an die US-Position bereits bitter bereut haben. Eines der wichtigsten außen- und sicherheitspolitischen Ziele der Bundesregierung war und ist die Divsersifikation der Energieimporte.

Auf diesem Gebiet musste die Bundesregierung allerdings bislang eine herbe Niederlage nach der anderen einstecken. Iran verfügt neben Katar über den Zugang zum größten Erdgasfeld der Welt. Die iranischen Vorkommen sind bislang kaum erschlossen und über den EU-Beitrittskandidaten Türkei bestünde eine direkte Landverbindung, über die mittels Pipelines eine Alternative zum Quasi-Monpolisten Gazprom aufgebaut werden könnte. Die Pläne dafür liegen bereits in den Aktentaschen der EU-Außenpolitiker – nur mit einem Anschluss Irans hat das österreichische Nabucco-Projekt reale Chancen auf eine Verwirklichung. Wenn Europa es ernst meinen würde, von der russischen Vormachtstellung bei den Gasimporten wegzukommen, so wäre ein Schritt in Richtung Iran ganz sicher kein falscher Schritt. Sollte ElBaradei Steinmeiers Bedenken bezüglich Irans IAEO-Akte ausräumen können, so gäbe es für die EU keinen Grund mehr, die selbst auferlegte Zurückhaltung aufrechtzuerhalten. An einer Nibelungentreue zu Washington kann den Europäern nicht gelegen sein, zumal die Zeit drängt.

Gestern hat der iranische Ölminister Gholam-Hossein Nozari angekündigt, dass Iran Gespräche mit Gazprom aufgenommen hat, in denen die Russen eine weitere Beteiligung am zweitgrößten Gasfeld der Welt- dem „Südlichen Pars-Feld“, anstreben und den Transport iranischen Gases mittels russischer Pipelines übernehmen wollen. Sollten die Europäer sich taub stellen und weiter an Washingtons Seite feindlich gegenüber Iran auftreten, so ist der europäische Traum einer diversifizierten Gasversorgung endgültig ausgeträumt. Die Uhr tickt – es ist 5 vor 12.

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Deutschland, Geopolitik, Great Game, Irak, Iran, Russland, USA | 13 Kommentare

Seite 1 von 1012345»...Ende »

Sollte der Westen die Olympischen Spiele in China boykottieren?

View Results

Loading ... Loading ...
  • COPOKA Zu letztem Absatz in dem Artikel. Da wirfst du meines Erachtens Ursache und Wirkung durcheinander. Die...
  • HUNDEPOPEL Diejenigen, die jubelten, als Burma sich in Myanmar umtaufte, vertrauten darauf, daß der Name alles zum...
  • Spiegelfechter @Corax Yep, da stimme ich Dir absolut zu - es muss ein verbindliches Regelwerk geschaffen werden....
  • corax SF, nein einfach ist das nicht. Und ich will auch nicht auf dem Status Quo beharren. Die Gedanken die man sich...
  • Anindo Was mich nur stört, nicht bei dir, ist aber überhebliche Unterton in der westlichen Presse, der wirklich...
Recent Forum Posts

HR2 - Der Tag: Ackermann, geh Du voran!