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  • Teile und herrsche

    geschrieben am 12. Oktober 2009 von Spiegelfechter

    Ein exponierter Vertreter des Großbürgertums pöbelt gegen die Unterschicht und die Mehrheit des Volkes ? darunter sicher auch viele Angehörige der angesprochenen Unterschicht ? gibt ihm recht. Die öffentliche Diskussion um die neuesten polemischen Spitzen des Bundesbankers, SPD-Politikers und ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin nimmt von Tag zu Tag abstrusere Formen an. Hatte Sarrazin früher mit Vorliebe gegen die gesamte Berliner Unterschicht gepöbelt, zerrte er in seiner neuesten Philippika türkische und arabische Migranten in den Mittelpunkt seiner Angriffe ? und siehe da, das Volk ist endlich auf einer Linie mit Pöbel-Thilo. Das alte Herrschaftsprinzip ?divide et impera? (teile und herrsche) hat anscheinend bis heute nichts von seiner Wirkmächtigkeit verloren.

    Provokation reloaded

    Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls durften zahlreiche Intellektuelle und Thilo Sarrazin im Berliner Kulturblatt ?Lettre International? über die Situation und die Zukunft der Bundeshauptstadt reflektieren. Wer Sarrazins regelmäßige Tiraden gegen das Berliner Subproletariat bereits kennt, für den bieten weite Teile des Interviews nichts Neues. Zunächst lässt sich Sarrazin langatmig über die Ursachen der Berliner Misere aus ? während des kalten Kriegs zogen die meisten ?Leistungsträger? weg und wurden durch die ?Achtundsechziger? ersetzt, ?Menschen, die gerne beruflich aktiv waren, wurden durch solche ersetzt, die gerne leben?, wie Sarrazin es ausdrückt. In der Folge sei keine andere Großstadt dermaßen deindustrialisiert und habe eine derartige Subventionsempfängermentalität wie Berlin. Für die Zukunft Berlins schwant dem Bundesbanker böses ? 40% aller Geburten fänden in der Unterschicht statt und da für Sarrazin der Begriff ?soziale Mobilität? schon immer ein Fremdwort war, bedeutet dies für ihn, dass Berlin über Generationen hinweg zu einem dystopischen Moloch werde, wenn man nicht gegensteuert. Als oberstes Primat hat der Bundesbanker dabei die Neuordnung der finanziellen Förderung von Kindern ausgemacht ? solange die Unterschicht für ihre Vermehrung finanziell alimentiert würde, wäre keine Änderung dieser Schieflage in Sicht. Kinder ja, aber nicht für jedermann, so Sarrazins schlichte Botschaft.

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    252 Kommentare

    Hörempfehlung: Die Blog-Konfrontation

    geschrieben am 11. Oktober 2009 von Spiegelfechter

    paintWie steht es um das Verhältnis zwischen Blogs und klassischen Medien? Ergänzen sich die neuen und die alten Publikationsformen, oder stehen sie miteinander in Konkurrenz? Diese Fragen versucht heute Abend um 22.05 die Radiosendung “Zündfunk – Generator” zu beantworten. Als Vertreter der politischen Blogosphäre durfte auch ich meinen Senf dazugeben – wer also den Spiegelfechter auch einmal im Radio hören will, sollte einschalten. Neben mir kommen auch noch Jakob Augstein (Herausgeber des Freitags) und die Alpha-Blogger Niggemeier und Sixtus zu Wort. Wer sich also nicht nur für Politik, sondern auch für die selbstreferentielle Mediendiskussion interessiert, wird heute Abend auf BR-2 den einen oder anderen An- und Aufreger mitnehmen können.

    Die Sendung ist über Radio und als Stream live im Web zu hören. Kurz nach der Ausstrahlung wird die Sendung auch als Podcast im Netz verfügbar sein.

    Viel Spaß

    Euer Spiegelfechter,
    Jens Berger

    11.10.2009: Die Blog-Konfrontation: Über das Verhältnis der Blogosphäre zu den klassischen Medien. Sendung von Christian Schiffer

    Das Verhältnis der klassischen Medien zur Blogosphäre scheint kompliziert. Zwar werden Blogs durchaus als belebende Elemente in der Medienlandschaft wahrgenommen, oft werden sie aber auch misstrauisch beäugt – als unseriöse, besserwisserische und vor allem kostenlose Konkurrenz. Der Spiegel zum Beispiel urteilte im Juli 2008 über die Blogger Szene in Deutschland, diese sei irrelevant, unpolitisch und unprofessionell. Oft schweift der Blick dann in die USA, wo Blogs mit großem finanziellem Aufwand professionell geführt werden. Die hiesige Blogosphäre hält dagegen: In dutzenden von Watchblogs prangert sie ihrerseits die Fehler der etablierten Medien an und setzt sich kritisch mit deren Positionen auseinander. Was ist also dran am Bild des unpolitisch und wirkungslos vor sich hinschreibenden deutschen Blogger? Kratzt die Blogosphäre gar an der Position von Leitmedien wie Spiegel, FAZ und Co.? Und wie reagieren diese auf die neue Konkurrenz? Was ist dran an dem Versprechen, dass durch das Internet die Medienwelt demokratisiert wird?
    Quelle: Programmhinweis BR-2

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    Ratschläge vom Klempner

    geschrieben am 08. Oktober 2009 von Spiegelfechter

    Wirtschaftsexperten bereiten den angekündigten ?Reformen? der schwarz-gelben Regierungskoalition schon jetzt öffentlich den Weg, um den neuen Kurs hoffähig zu machen

    Die Koalitionsverhandlungen von Union und FDP hatten noch nicht begonnen, da setzte in den Medien ein alt bekanntes Rauschen ein. ?Wirtschaftsexperten? ließen ihre Ratschläge in die öffentliche Debatte tröpfeln.

    Da forderte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, die Rücknahme der Rentengarantie. Da plädierte Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für eine Agenda 2015, warnte vor Korrekturen an der rot-grünen Umbaupolitik und erklärte die Rente mit 67 zur verteidigungswürdigen ?Vernunft?. Da wünschte sich Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut eine Mindestsicherung statt Mindestlohn und die ?Grundsanierung der Sozialsysteme?. Da verlangte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, ?in drei Jahren muss der Staat wieder raus sein aus dem privaten Bankensektor?.

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    Die vier Konvertiten

    geschrieben am 27. August 2009 von Spiegelfechter

    Wenn man den Niedergang des SPIEGELs an Personen festmachen will, so fallen immer wieder die Namen Claus Christian Malzahn, Henryk M. Broder, Gabor Steingart und Reinhard Mohr. Die Genannten haben vieles gemeinsam ? sie waren früher einmal überzeugte Linke. Im Laufe der Zeit wurden sie jedoch zu Konvertiten, und nicht nur Innenminister Schäuble weiß, dass Konvertiten sich sehr häufig durch einen überbordenden Fanatismus auszeichnen. Die vier apokalyptischen Reiter des SPIEGELS gerieren sich heute als schärfste Kritiker der 68er-Bewegung, sozialdemokratischer Politik und allem, was auch nur ansatzweise im Ruf steht, irgendwie ?links? zu sein. Auch wenn sie die publizistische Speerspitze neokonservativer und neoliberaler Politik im deutschen Blätterwald sind, so haftet ihnen auch das Stigma des Versagens an.

    Malzahn – weggelobt

    Noch vor wenigen Jahren galt C. C. Malzahn als kommender Mann beim Print-SPIEGEL. Seine hausinterne Position als Leiter des Politikressorts bei SPIEGEL-ONLINE gilt zwar als einflussreich, aber wenig glamourös. Der boulevardeske Onlineableger gilt nicht nur bei den Kollegen des Print-SPIEGELs als Schmuddelkind der Verlagsgruppe. Doch Malzahns Karriereaussichten schmolzen wie Eis in der Sonne, als der ehemalige Chefredakteur Stefan Aust den Verlag verlassen musste. Ende des Jahres wird Malzahn seinen Schreibtisch räumen müssen und fortan als Korrespondent des SPIEGELs in einem Außenbüro in der deutschen Provinz versauern.

    Broder – in der Schmuddelecke

    Henryk ?Milhouse? Broder hat es da besser. Als Hauspolemiker des SPIEGELs kokettiert er stets mit der Rolle des Underdogs. Wer jedoch Broders zügellose Überheblichkeit und seinen offen zur Schau gestellten Narzissmus kennt, weiß, dass der Rechtspopulist Broder vor allem nach gesellschaftlicher Anerkennung strebt. Die bleibt ihm als islamophobem Schreihals allerdings weitestgehend versagt. Broder teilt somit das Schicksal vieler Konvertiten ? sie werden zwar gerne und willfährig genutzt, wenn es darum geht, ein Ausrufezeichen zu setzen, aber die gesellschaftliche Anerkennung wird ihnen verweigert. Von seinen Mitstreitern beim SPIEGEL unterscheidet Broder jedoch ein wesentlicher Punkt ? Broder kann schreiben, und dies sogar sehr gut. Das weiß auch Broder und umso verbitterter ist er, weil sein Talent in der selbst gewählten Schmuddelecke verpufft.

    Steingart – abgeschoben

    Kaum ein anderer SPIEGEL-Journalist kam der Sonne so nahe und fiel dann so tief. Vor zwei Jahren galt Gabor Steingart noch als möglicher Nachfolger seines Förderers Stefan Aust. Sein Vorhaben, die Spitze des größten deutschen Nachrichtenmagazins zu übernehmen, scheiterte jedoch an seinen Kollegen. Austs Kronprinz, der es immerhin bis zum Leiter des Hauptstadtbüros des SPIEGELs brachte, war im Verlag als neoliberaler Claquer verschrien. Als Steingart sich 2007 als Vertreter der Redaktion in die Geschäftsführung der Mitarbeiter KG, der über 50% des SPIEGEL-Verlags gehören, wählen lassen wollte, wurde er von seinen Kollegen abgestraft ? mit 69 von 327 Stimmen erhielt er das zweitschlechteste Ergebnis. Steingart wurde daraufhin auf eine Drittelstelle im Washingtoner Außenbüro abgeschoben, wo er sich nebenberuflich vor allem seinen leidlich erfolgreichen Büchern widmet. Sein jüngstes Buch ?Die Machtfrage? ging als potentieller Bestseller an den Start. Doch das Buch floppte jäh ? momentan belegt es nur Platz 6.457 der Amazon-Verkaufscharts und auch Steingarts Traum, als Vertreter der Nichtwähler durch die Talksshows der Republik zu geistern, platzte.

    Mohr – belächelt

    Anders als seine Kollegen ist Reinhard Mohr lediglich freier Mitarbeiter des SPIEGEL-Verlags. Bei SPIEGEL-ONLINE ist für ihn die Rolle des neoliberalen Kettenhundes vorgesehen, der unter dem Deckmäntelchen der Medienkritik polemisieren darf. Während Broder publizistisch den Degen schwingt und Malzahn und Steingart mit dem Breitschwert um sich schlagen, ist für Mohr der Dreschflegel reserviert. Undifferenzierte polemische Hetze gegen ?links? ist in den USA das Spezialgebiet erzkonservativer und libertärer ?Radio-Hosts?. In Deutschland bietet SPIEGEL-ONLINE derlei publizistischer Grabenkampfrhetorik eine Plattform.

    Mohrs Aufgabe bei SPIEGEL-ONLINE beinhaltet die Rezension politischer Talkshows. Der SPON-Polemiker erklärt dort der gelangweilten Meute in leiernder Penetranz, dass Merz, Guttenberg und Professor Unsinn die Verkünder der einzig glückseligmachenden Wahrheit sind, und Politiker der LINKEN oder des linken Flügels der SPD nur gefährliche Populisten sind, die aus unserem wunderschönen Deutschland einen Unrechtsstaat á la DDR reloaded machen wollen. Das ist als polemische Satire recht unterhaltsam, langweilt aufgrund der Vorhersehbarkeit aber bereits nach kurzer Zeit. Manchmal darf Reinhard Mohr auch richtige Kommentare schreiben. Wenn Mohr den Wahlkampf messerscharf analysiert, stellt er schon mal nüchtern fest, dass ?die Sozialdemokratisierung Deutschlands abgeschlossen? und es ein Zeichen der demokratischen Abgeklärtheit sei, wenn man der Politik nicht mehr glaubt und sein Kreuzchen bei den üblichen Verdächtigen macht.

    Das [abgeklärtes Wählen] freilich geht nur, wenn man sich regelmäßig informiert hat [?] Wie schnell kann reflektierte Gelassenheit in desinteressierte Gleichgültigkeit umschlagen. Ihr Tiefpunkt ist jene wohlfeile Politik(er)verachtung, die sich in Boulevardmedien genauso austobt wie in gedankenlosen, ressentimentgeladenen Internet-Blogs.

    Was will der Mohr uns damit sagen? Wer sich regelmäßig informiert, wählt abgeklärt neoliberale Parteien und weiß bereits im Vorfeld, dass Wahlkampfaussagen Lügen sind? Ein eigentümliches Demokratieverständnis, das Grundlage jener Politik(er)verdrossenheit ist, für die Mohr ausgerechnet die ?gedankenlosen, ressentimentgeladenen Internet-Blogs? mitverantwortlich macht. Wenn ein gedankenloser, ressentimentgeladener Schmalspurfeuilletonist derart unreflektiert auf die Blogosphäre eindrischt, scheint der Ruf nach mehr Information und mehr Partizipation ja bereits in Berlin angekommen zu sein.

    Malzahn, Broder, Steingart und Mohr sind die wütenden alten Männer des Schmierenjournalismus ? nicht anerkannt, belächelt, abgekanzelt und weggelobt. In einer vielschichtigen Medienlandschaft wäre natürlich Platz für vier wütenden Männer ? als Autoren von ?Op-Eds? in einer speziellen Rubrik, in der rechte und linke Polemiker ihre Klingen kreuzen. Im redaktionellen Teil von ?Qualitätsmedien? haben derlei Extrempositionen allerdings nichts verloren.

    Jens Berger

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    Sommerposse in blau-weiß

    geschrieben am 06. August 2009 von Spiegelfechter

    Es liegt wohl am Sommerloch, dass der vermeintliche Streit um die Fanhymne des Fußballvereins Schalke 04 ihren Weg in die Medien fand. Kaum war aber der Geist aus der Flasche, empörte sich die Republik. Ein paar versprengte und verbohrte Muslime gaben vor, beleidigt zu sein, und die BILD-Zeitung kämpft derweil für den Erhalt deutschen Gaga-Liedtums. Extremisten aller Lager vereinigt Euch ? das Sommerloch gehört Euch, für Kollateralschäden wird keine Haftung übernommen.

    Was ist eigentlich passiert? Seit dem Jahre 1963 singen die Schalker Fans ihre Vereinshymne. Eine Textzeile dieser Hymne lautet:

    ?Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht, hat er sich das Blaue und Weiße ausgedacht.?

    Wer anfängt, etwas in eine Fußballhymne hineinzuinterpretieren, hat von vornherein verloren. Das seltsam anmutende Auftauchen des muslimischen Propheten hat einen ganz einfachen Grund. Die Schalke-Hymne geht auf das alte Volkslied ?Lob der grünen Farbe? zurück, das Ludwig Karl Eberhard Heinrich von Wildungen im Jahre 1797 geschrieben hatte. Dort heißt es:

    ?Mahomed ist mein Patron! Aechte Schönheit kannt´ er schon.
    Er, dem aus der Farbenschaar, nur die grüne heilig war.
    Leben soll er, Herr Prophet, der auf Farben sich versteht!?

    Der Text der Schalke-Hymne ist also eine schmissige ? vielleicht nicht eben tiefgründige ? Persiflage auf ein Volkslied des späten 18. Jahrhunderts. Populäres Liedgut aus dem Umfeld des Fußballs, gesungen und gegröhlt aus zehntausenden von Kehlen.

    Die türkische Zeitung Hürriyet fand es jedenfalls mitten im Sommerloch berichtenswert, dass im fernen Gelsenkirchen der Prophet besungen wird. In einem unaufgeregten Artikel berichtete ein Gelsenkirchner Journalist über die Schalke-Hymne. Wäre es dabei geblieben, man hätte nichts mehr über das Thema gehört. Die Hürriyet wird allerdings auch von ein paar Berufsbeleidigten gelesen, die das umstrittene Blog ?Muslim-Markt? herausgeben. Dort empörten sich die üblichen Verdächtigen und witterten eine Verhöhnung ihres Propheten. Um nicht alleine empört zu sein, bat man die Leser auch gleich, dem FC Schalke 04 ?in aller Freundlichkeit und Sachlichkeit? Protestmails zu schicken. Natürlich blieben nicht alle Leser freundlich und sachlich, und einige der 350 Mails, die den Verein erreichten, waren wohl so unfreundlich und unsachlich, dass der Fußballverein einen ?Islam-Experten? hinzuzog.

    Auf einen solchen Vorfall hatten Teile der Presse natürlich nur gewartet. Natürlich spielt es keine Rolle, dass 350 Mails aus dem Umfeld eines umstrittenen Weblogs keinesfalls die Stimme ?der Muslime? verkörpern ? so etwas stört die Medien aber nicht, wenn es gilt das Sommerloch zu füllen, und den Streit der Kulturen hochkochen zu lassen. ?Nach dem Protest der Muslime ? Muss Schalke-Hymne umgeschrieben werden?? titelte beispielsweise die BILD-Zeitung. BILD-Kolumnist F. J. Wagner fühlte sich gar dazu berufen, einen offenen Brief an den FC Schalke 04 zu schreiben: ?Was mich nervt, ist dieses Einbrechen vor dem Islam. Ah, der Islam! Vorsicht! Kopf einziehen! Kein falsches Wort! Kein Leichtsinn! Kein Schweinefleisch! Kein Witz!? Wagner versäumt natürlich zu erwähnen, dass niemand vor dem Islam ?eingebrochen? ist ? niemand auf Schalke spielte auch nur mit dem Gedanken, die Hymne zu ändern. Die einzigen Stimmen, die dies forderten, waren die Sparring-Partner der BILD, die im Blatt auf Befehl ihre Bedenken zu Papier gaben.

    Muslim-Markt und BILD führen ein Scheingefecht aus, das eigentlich niemanden interessiert. Nur durch die Popularität der BILD wurde aus dieser vermeintlichen Posse überhaupt erst ein Thema. Man mag nurmehr den Kopf schütteln, wenn nun sogenannte ?Islam-Experten? Parallelen zum Karikaturenstreit aufzeigen. Im schlimmsten Falle könnte so etwas zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden ? die Extremisten beider Lager lieben es, sich gegenseitig eine Steilvorlage zu geben. Ohne sie wäre die Welt ja schließlich vernünftig ? und Vernunft ist der Feind des Extremismus. Wahrscheinlich muss Deutschland nicht lange warten, und auch Berufsextremist Henryk M. Broder meldet sich zu Wort und beklagt das Einknicken vor ?dem Islam?, der dem Teutonen sein Liedgut verbieten will. Momentan ist Broder allerdings mit anderen Scheingefechten beschäftigt.

    Dabei sieht ?der Moslem? das ganze Spektakel gänzlich unaufgeregt und humorvoll. Aiman A. Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, sieht sich keineswegs beleidigt. Es läge in der Natur der Sache, dass der Prophet vom Fußball nichts verstehen könne, schließlich lebte er ja lange vor der Erfindung des Fußballs. Er hätte über die Schalke-Hymne wahrscheinlich zustimmend gelacht, so Mazyek. Man solle nun aber die Moschee im Dorfe lassen und sich wichtigeren Dingen zuwenden. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Bleibt abzuwarten, wann Muslim-Markt und BILD-Zeitung etwas von dem alten Kinderreim “Allah ist groß, Allah ist mächtig, wenn er auf den Stuhl steigt, ist er ein Meter und sechzig” Wind bekommen. Stoff genug für das nächste Scheingefecht im Sommerloch gibt es an jeder Ecke.

    Jens Berger

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