Friendly Fire!

18. Februar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

In der Beletage der deutschen Wirtschaft geht die nackte Panik um und alles hat im entferntesten Sinne etwas mit ihrem gefallenen Engel Klaus Zumwinkel zu tun. Angst vor der Steuerfahndung hat man diesmal nicht, auch muss man sich nicht fürchten, im Soge des vagabundierenden Linksrucks dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen zu werden. Die Bedrohung kommt heute aus einer unerwarteten Ecke – Friendly Fire! Die Regentin höchstpersönlich hat über ihre Hofpresse verkünden lassen, sie würde sich ihre obersten Leistungsträger einmal in Einzelgesprächen „vorknüpfen“. Alleine der Gedanke an eine moralinsaure Plauderstunde bei Kaffee und Kuchen mit der Pastorentochter aus der Uckermark kann einem echten Angehörigen der Leistungselite schon mal den Tag versauen.

Wer will auf diesem Treffen eigentlich wem etwas über Moral erzählen? Vielleicht können Politik und Wirtschaft ja in einen fruchtbaren Dialog treten – auch die CDU hat so einiges an Liechtensteinerfahrung zu bieten. Zumwinkels Stiftung in Liechtenstein hieß „Devotion“, die der CDU hieß „Norfolk“. Ein Anruf bei Don Kohleone sollte genügen, um der Wirtschaft mal zu zeigen, was so ein richtiges Ehrenwort unter Freunden zu bedeuten hat. Der Großmeister des Bimbes würde selbst nach zwei Stunden Waterboarding bei Freund Bush nicht die Spendernamen nennen – ein wahres Vorbild für die Wirtschaft. Und diese Art von Vorbildern brauchen wir wieder – das finden diesmal nicht etwa die üblichen Verdächtigen, sondern Joe Ackermann höchstpersönlich. Der Moralbeauftragte des deutschen Großkapitals gibt sich in der deutschen Fachzeitung für Moral- und Ethikfragen, der BILD-Zeitung, die Ehre und appelliert an seine Kollegen, neues Vertrauen zu schaffen.

Eigentlich beunruhigt den Herrn Ackermann natürlich keinesfalls die Infamie der Eliten, es geht ihm mehr darum, dass dies alles irgendwie besser vermittelt werden muss. Angst hat er vor einem Erstarken linker Gedanken, die den Wohlstand unseres Landes gefährden und am Ende nur alle ärmer machen, während die Ackermänner doch alles tun, um uns alle reicher zu machen. Na klar, glauben tut das niemand, aber daher muss ja auch die Kommunikation gestärkt werden, und dem Menschen erklärt werden, warum es eigentlich gut für ihn ist, wenn er entlassen wird und nur noch Hartz-IV bekommt. Joe Ackermann ist natürlich genau der richtige Mensch, um sich über den Zusammenhang von Recht, Moral und Wirtschaft zu äußern. Unvergessen ist sein Statement während des Mannesmannprozesses, in dem er wegen schwerer Untreue zwei Jahre Haft bekommen sollte, aber natürlich frei gesprochen wurde: „Dies ist das einzige Land, in dem diejenigen, die Erfolg haben und Werte schaffen, deswegen vor Gericht gestellt werden“ – ja, das gleiche wird sich Zumwinkel denken, wenn auch nicht öffentlich aussprechen. Ackermann als Vertreter wirtschaftlicher Moral – der Saulus soll zum Paulus werden? BILD weiß schon, was dahinter steckt, schließlich einigen BILD und Ackermann ja der Kampf gegen den Linksruck, da darf auch der Anwalt des kleinen Mannes nicht zimperlich sein, wenn es darum geht, mit wem man ins Bett steigt.

Blickt man dieser Tage in die Medien, so hat man das Gefühl auf einem Jahrestag der katholischen Päderastenpriester gelandet zu sein. Selten wird von Menschen mit einem derart geringen moralisch-ethischen Handlungsregister, derart lautstark Moral gefordert. Utz Claassen, der ehemalige Strombaron von Baden-Württemberg, ließ sich zu aktiven Zeiten bereits vom kleinen Stromkunden wie ein Pascha aushalten – über 4 Mio. Euro verdiente er im Jahre 2004. Und dies als Chef eines ehemaligen staatlichen Versorgers, der Monopolstellung genießt. Claassen lies sich in seinem Vertrag zusichern, dass er bei seiner Entlassung jährlich 400.000 Euro Übergangsgeld bekommt. Der gute Mann ist 44 Jahre alt und in diesem Alter bereits einer der bestbezahlten Rentner, der fortan dem kleinen Stromkunden auf der Tasche liegt. Ein eingestelltes Verfahren wegen Bilanzfälschung hat der gute Mann natürlich auch schon hinter sich. Klar, dass so ein hochmoralischer Mensch, wie der Herr Claassen, jetzt, da er zu viel Zeit hat, erst einmal ein Buch über „irgendwas mit Werten“ schreiben muss und für Zumwinkel „null Verständnis“ hat. Die ganze Schweineherde grunzt, welches von ihnen denn nun das dreckigste Schweinchen ist.

Im Falle Zumwinkel machen es sich alle sehr leicht – schuld und böse ist, wer gegen das Gesetz verstößt und dabei erwischt wird. Wer Gesetze ein wenig freier gestaltet oder mit Hilfe der Politik gestallten lässt, muss sich anscheinend keine Sorgen um die eigene Moral mehr machen. Wer wegen willkürlich gesetzter Renditeerwartungen seine ihm Anvertrauten in das wirtschaftlich Nichts stürzt, ist nach den selbstgesteckten Moralregeln der Eliten keineswegs unmoralisch. Sogar der lammfromme Jesus aus der Bibel wurde zum Beserker, als er die “Händler” und “Geldwechsler” mit einer “Peitsche aus Binsen” aus den Tempeln vertrieben hat. Die Moral der Eliten ist eine denkbar einfache – man stellt selbst die Regeln auf, gegen die man nicht verstoßen will, eine Art FSK für Wirtschaftsführer.

Vielleicht gründen die Regentin und die Wirtschaftsfürsten ja eine gemeinsame Task-Group – so etwas klingt immer gut, lenkt von der eigentlich Problematik ab und verbreitet den Eindruck, man tue was. Diese „TG - Wirtschaft, Politik und Moral“ könnte Herrn Schäuble unterstehen, der kennt sich recht gut mit Bargeld in neutralen Umschlägen aus. Sein Vize könnte Herr Koch werden, der ja in Zukunft viel Zeit haben wird und als brutalstmöglicher Aufklärer mit guten Beziehungen zu „jüdischen Vermächtnissen“ eine gute Ergänzung geben könnte. Auch aktive und ehemalige Granden wie Kanther, Lambsdorf, Meyer oder die Amigos aus dem Süden wären würdige Vertreter der Politik. Aus den Reihen der Wirtschaft kann die Regentin ebenfalls aus dem Vollen schöpfen: Hartz, von Pierer, Esser, Kleinfeld und viele andere Leistungsträger sind sicher passende Kandidaten für einen Erfahrungsaustausch. Solange es immer nur Einzeltäter mit persönlichen Verfehlungen sind, ist es ja halb so wild. Da die Wunde mit den immer schneller aufplatzenden Eiterblässchen nichts Gutes erahnen lässt, lässt man es auch lieber bei der oberflächlichen Betrachtung. Alles andere würde die Menschen nur verwirren und die Kommunikationsoffensive der Ackermänner wird es schon schaffen, den Patienten denken zu lassen, es seien nur platzende Eiterblässchen und kein darunterliegendes Krebsgeschwür, dass ihn wegsiechen lässt.

Jens Berger

Bildnachweis: Alle Montagen CC Spiegelfechter

Kategorie: Deutschland, Glosse, Medien, Neoliberalismus | 74 Kommentare

Tabubruch reloaded

13. Februar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Kampagnenjournalismus ist ein einträgliches Geschäft für moderne Medienhäuser. Man erzielt eine gute Auflage, setzt politische Themen und kann Bücher der eigenen Autoren „crosspromoten“. Neben der BILD und der FAZ zählt der SPIEGEL zu den Leuchttürmen des Kampagnenjournalismus. Das Thema „Integration“ eignet sich perfekt für eine Kampagne – es polarisiert, hat politische und gesellschaftliche Relevanz, eignet sich aufgrund von vorhandenen Ressentiments hervorragend für Polemiken und oberflächlichen Betrachtungen. Zudem ist ein gewisser Nachholbedarf in der Diskussion sicher vorhanden, weshalb Brodermann und die Brandstifter sich gerne als Tabubrecher aufspielen, was zwar ihrem profilneurotischen Ego schmeicheln mag, aber gänzlich falsch ist. Das Thema „Integration“ ist kein Tabu und wer sich des Themas in polemisierender Art annimmt, bricht keine Tabus, sondern verstößt höchstens gegen den guten Geschmack.

Nachdem Roland Koch mit seinem populistisch geprägten Wahlkampf rund um das Thema „Integration“ vom Wähler zu Recht abgestraft wurde, beruhigten sich die Reihen der CDU, die sich so gerne als Hüterin der deutschen Leitkultur verkauft, merklich. Natürlich wurde anlässlich des Erdogan-Besuchs pflichtgemäß an dessen „Integrationsvorschlägen“ gekrittelt, aber dies ist man seiner Basis halt schuldig – dass sich Politiker wie Bosbach oder Huber echauffieren würden, war natürlich vorhersehbar und ist nicht weiter bemerkenswert. Ob türkischsprachige Schulen und Universitäten einen Beitrag zur Integration leisten, mag natürlich angezweifelt werden – das Bundesamt für Auslandsschulwesen betreibt 117 deutsche Auslandsschulen (natürlich auch in der Türkei), die 70.000 Schüler unterrichten und es gibt 439 weitere Schulen im Ausland, die 203.000 Schüler deutschsprachig unterrichten. Ob diese Schulen unbedingt „integrativ“ wirken, mag auch dahingestellt sein, aber manche Staaten sind halt gleicher als andere und was dem Deutschen recht ist, kann dem Türken noch lange nicht billig sein.

Sogar Wolfgang Schäuble hielt sich erfreulich zurück, als es darum ging, vorschnelle Vorverurteilungen bezüglich des Brandes eines Mehrfamilienhauses in Ludwigshafen zu vermeiden, bei dem neun Menschen zu Tode kamen. Es wäre wünschenswert, wenn Schäuble beim nächsten Vorfall mit vermeintlich islamistischem Hintergrund so ruhig bliebe – aber dies ist wohl mehr ein Wunschtraum.

Während Roland Koch seinen politischen Suizid verüben durfte, führen seine Sekundanten BILD und SPIEGEL ihre Kampagne weiter. Natürlich findet SPON-Islamexperte Henryk M. Broder wieder eine Gelegenheit, sein Mantra vom Untergang des Abendlandes zu predigen – „Scharia ist für alle da!“ und Broder macht sich mit seinem kulturkämpferischen „ceterum censeo“ eigentlich nurmehr lächerlich. Der kalkulierte Tabubruch, der keiner ist, als wöchentlicher Mehrteiler? Gebt dem Mann doch endlich einen Grimme-Preis, wenn er sich dann ein neues Thema sucht.

Die Mutter aller kalkulierten Tabubrüche in der islamophoben Diskussion erlebt derweil bei SPON ihre Reinkarnation und gerade das Thema „Karikaturenstreit“ hat es wirklich in sich. Niemand hat das Recht, die Veröffentlichung einer Karikatur, die die religiösen Gefühle einiger Menschen beleidigt, verbieten zu wollen – schon gar nicht mittels Morddrohungen. Die Zeitungen, die die Karikaturen veröffentlich haben, haben insofern auch nicht grundsätzlich falsch gehandelt. Satire darf (beinahe) alles, ansonsten wäre es keine Satire. Wenn man den kategorischen Imperativ auf Satire anwendet, so gelten gleiche Rechte und Pflichten für alle Formen der Satire. Wenn man Mohammed-Karikaturen verbieten will, muss man auch jede Form der Satire, die fundamentalistische Christen beleidigt ebenfalls verbieten. Streng genommen, müsste man sogar jede Satire verbieten, die eine einzelne Bevölkerungsgruppe beleidigt – womit dann aber auch jede Satire an sich verboten wäre, da es immer jemanden gibt, der sich verletzt fühlt.

Natürlich darf auch Satire nicht alles, aber da die Karikaturen in einer europäischen Zeitung erschienen sind, gelten auch europäische Regeln. Europa hat eine lange Satire-Tradition - von den Hoffnarren, die den Herrschenden mit dem Werkzeug der Komik und Satire den Spiegel vorhielten, über die Komödie, das Kabarett bis hin zu Satirezeitschriften wie Kraus “Die Fackel” und letztendlich der Titanic. In der islamischen Welt gibt es diese abendländische Satire-Tradition und Reflektion nicht und man hebt die Karikaturen im interkulturellen Diskurs auf den Sockel der Ernsthaftigkeit. Das kann nicht gut gehen und Ärger ist vorprogrammiert. Dennoch gibt es kein universelles Recht auf „Beleidigtsein“ – in Europa gibt es Meinungs- und Pressefreiheit und diese kann und darf nicht von kulturellen Vorbehalten an anderen Stellen der Welt ausgehebelt werden.

Aber diese Diskussion wird von den Apologeten des Kulturkampfes nur vorgeschoben. Die Intention der Veröffentlichung war ja nicht, Satire auszuüben, sondern zu provozieren. Es ging um kalkulierte Provokation und dieses Ziel konnte nicht verfehlt werden, da die Kulturkämpfer der „anderen Seite“ ebenfalls die Spielregeln der kalkulierten Provokation verstehen. Kulturkämpferische Leitmedien, wie Dänemarks „Jylland-Posten“, Frankreichs „Le Soir“ und Deutschlands „Welt“ wussten, was sie mit der Veröffentlichung erreichen wollten - Auflage und Kulturkampf, eine Win-Win Situation. Natürlich agierten die „Beleidigten“ keinen Deut besser. Im Gaza-Streifen und Pakistan findet jeder Journalist mindestens einen Idioten, der dänische Flaggen (wo kommen die eigentlich bei einem spontanen Protest in der paschtunischen Pampa her?) oder Uncle-Sam Puppen verbrennt und dabei den „Großen Satan“ verflucht. Diese Leute würden auch Teletubbies verbrennen, wenn man sie ihnen reichen würde. Kalkulierte Provokation ist kein westliches Alleinstellungsmerkmal.

Die Neuauflage des Karikaturenstreits durch den SPIEGEL verfolgt die gleichen Motive – kann man sich etwa vorstellen, dass dieses Blatt für die Veröffentlichung antisemitischer Karikaturen das Schwert der Meinungs- und Pressefreiheit führt? Wäre es nicht konsequent, Karikaturisten aufzurufen, ihre „besten“ Karikaturen einzureichen, die Juden, Christen, Deutsche, Franzosen, Frauen und Behinderte beleidigen? Wenn man dem Islam eine hohe Toleranzschwelle abverlangt, so muss dies konsequenterweise auch von anderen „Gruppen“ fordern. Aber wer könnte sich einen Broder vorstellen, der für die Veröffentlichung von antisemitischen Cartoons eintritt, einen Bischoff Lehmann, der sich bei MTV für die Fortsetzung von „Popetown“ stark macht? Meinungsfreiheit ist für die Kulturkämpfer immer nur die Freiheit, ihre eigene Meinung kundtun zu dürfen – wer anderer Meinung ist, hat diese Recht noch lange nicht. Wie sagte doch einst ein Voltaire – „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Aber die Aufklärung war noch etwas für Kulturkämpfer.

Jens Berger

Bildnachweis: Alle Bilder sind Copyright des endgültigen Satiremagazins Titanic, das sich über jeden neuen Abonnenten freuen würde ;-)

Kategorie: Deutschland, Medien | 121 Kommentare

Habemus Papas

17. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Es war eine schwere Geburt und heraus kam eine bizarre Missbildung mit zwei Köpfen und einem Rumpf. Nach einer langen Findungsphase und schmerzenden Absagen sind die SPIEGEL-Gesellschafter endlich fündig geworden und an der Hamburger Brandstwiete konnte Rauch aus dem Schornstein aufsteigen. In der Nachfolge des scheidenden SPIEGEL-Chefredakteurs Stefan Aust teilen sich zukünftig zwei SPIEGEL-Männer die Führung des Blattes, das einst als „Sturmgeschütz der Demokratie“ bezeichnet wurde, nach dem Abgang des Herausgebers Rudolf Augstein aber jäh zur „Spritzpistole des Neoliberalismus“ mutierte.

Der erste Nachfolger ist gleichzeitig eine kleine Sensation – Georg Mascolo ist als ernst zu nehmender investigativer Journalist bekannt. Er gilt als ein „Ziehsohn“ Austs, der nach verschiedenen Stationen im Juli 2007 gemeinsam mit Dirk Kurbjuweit das einflussreiche Berliner Hauptstadtbüro leitete. Dort trat er die Nachfolge von Gabor Steingart an – dem neoliberalen Ikarus, der so schnell so hoch stieg, dass das Wachs, das seine Flügel zusammenhielt, schmolz und er noch schneller wieder abstürzte. Als interne Lösung kann Mascolo durchaus als gute Wahl gelten, steht er doch von den momentanen SPIEGEL-Journalisten am ehesten für die altbewährten Qualitäten des Blattes – die Reportage, die Dokumentation und den investigativen Journalismus. Führungsqualitäten musste er allerdings bislang nie beweisen und ob er sich in diesem Punkt gegen die zweite Spitze durchsetzen kann, mag bezweifelt werden.

Der zweite Kopf „neben“ Mascolo könnte verschiedener gar nicht sein – es handelt sich um den Chefredakteur von SPIEGEL-ONLINE Mathias Müller von Blumencron (MvB). MvB steht für Tittitainment, Boulevard und Erfolg – er hat SPON zur digitalen BILD gemacht. Die Mischung aus Aktualität, Boulevard, Übertreibung, Propaganda und Hetze ist sehr erfolgreich. SPON hat selbst in schlechten Zeiten pro Sekunde rund 450 Besucher, schreibt schwarze Zahlen und gilt als Leitmedium der Onlinewelt. SPON wird nicht nur häufig besucht, sondern auch von der Konkurrenz als Erfolgsmodell gesehen. Der Relaunch des Online-Angebots der Süddeutschen vereinigt zum Beispiel fast sämtliche schlechten Eigenschaften von SPON (Boulevard, Sex, Crime und sinnfreie halbseidene Photoserien) ohne die durchaus vorhandenen Qualitäten zu adaptieren. Auch SPON besteht zu rund drei Vierteln aus Agenturmaterial. SPON schafft es allerdings „echte“ Journalisten an die Texte zu lassen, die diesen einen eigenen Charakter geben (auch in Sprache und Form) und Texte auch nacharbeiten, wenn sich die Nachrichtenlage geändert hat.

MvB ist allerdings nicht nur für die Boulevardisierung von SPON verantwortlich, sondern gab dem Online-Magazin auch einen inhaltlichen Stempel. Unter MvB wurde der unsägliche Henryk „Millhouse“ Broder Stammautor – seine islamophobe Linie wird vom Online-Ableger wesentlich stärker aufgegriffen als vom “Mutterschiff”. Claus Christian Malzahn wurde unter MvB Politik-Chef von SPON. MvB steht für eine (beinahe bedingungslose) transatlantische Ausrichtung, eine wirtschaftspolitische Linie, die zwar mit dem Neoliberalismus „kungelt“, ihn aber auch kritisiert, wenn er mal wieder all zu wilde Blüten treibt und eine konsequente Anti-Iran und Anti-Russland Linie. Wenn es um Quote, Page Impressions oder künftig Auflage geht, so würde MvB auch seine Mutter verkaufen, um Auflage zu erzielen - es ist also schwer, eine politische Richtung auszumachen.

Der Print-SPIEGEL ist natürlich keinesfalls mit dem Online-Angebot zu vergleichen. Eine Mischung aus Politik, Glamour, Tittitainment und Sex & Crime wäre eine konsequente Folge von Blumencrons Politik. Dies mag Erfolg versprechen, würde aus dem SPIEGEL aber endgültig eine BILD im Magazinformat machen. Dies wollen weder die Augsteins, die immer noch mit 25% am Blatt beteiligt sind, noch die Mitarbeiter des SPIEGELS, deren KG der SPIEGEL-Verlag mehrheitlich gehört. Es ist anzunehmen, dass Mascolo als Korrektiv in die Spitze berufen wurde, um Blumencrons Niveauabsenkungen im „erträglichen“ Rahmen zu halten. Von daher hätte die Entscheidung auch wesentlich “schlimmer” ausfallen können - nicht auszudenken, was wäre, wenn Malzahn oder gar Steingart in die Chefetage berufen worden wären.

Wer mit dem Ende der Ära Aust auf ein neues goldenes Zeitalter des SPIEGELS gehofft hat, wird vielleicht enttäuscht sein. Allenfalls eine journalistische Lichtgestalt wie Heribert Prantl hätte es vielleicht vermocht, den SPIEGEL in seine glorreichen alten Zeiten zurückzuversetzen. Ein solches Qualitätsblatt wäre aber anachronistisch, da auch der Journalismus keine Insel der Glückseligkeit im Meer der Renditeforderungen mehr ist. Die Doppelspitze könnte aus dem SPIEGEL eine renditestarke Medienmacht machen. Wer den Anspruch in Medien sucht, die für den Massenmarkt gemacht werden, wird auch künftig lange suchen müssen. Das Fernsehen hat es vorgemacht – Quote und Anspruch schließen sich weitestgehend aus. Wer Geld verdienen will, der muss wohl den Massenmarkt abgreifen. In den Nischen können aber auch in Zukunft durchaus ansehnliche Pflänzlein gedeihen – diese werden aber nicht SPIEGEL heißen.

Jens Berger

Kategorie: Medien | 40 Kommentare

Herr Malzahn, Herr Obama und Frau Clinton

08. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Das erstaunliche Experiment des ehemaligen Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL ging heute in seine nächste Runde. Claus Christian Malzahn, ein ehemaliger Journalist, der den Abstieg des SPIEGELS maßgeblich mitbegleitet hat und darüber seinen Verstand verlor (DER SPIEGELFECHTER berichtete), darf in diesem wohl einzigartigen Projekt seine krude Sicht der Dinge, zum Zwecke der Selbstfindung und Verarbeitung der berufsbedingten Traumata, ungefiltert auf die Leserschaft loslassen. Ein mutiges und löbliches Experiment, dessen Ergebnis exklusiv im SPIEGELFECHTER kommentiert wird. Die behandelnden Ärzte plädieren nach Informationen des SPIEGELFECHTERS sogar für eine Schocktherapie, bei der der Patient künftig Chefredakteur spielen darf. Heute wurde Malzahn erst einmal die Aufgabe gestellt, den US-Präsidentschaftswahlkampf zu kommentieren. Das Ergebnis war leider wenig überraschend, woraus man schliessen kann, dass die Therapie noch lange dauern wird.

Für falschen Beifall kann man nichts. Andererseits gilt: Sage mir, wer dich lobt – und ich sage dir, wer du bist.

Dies ist ein zweifelsohne falscher Satz – kein Wunder, hat sich doch Malzahn mit dem ihm innewohnenden Hang zur Rabulistik über Lenin hergemacht, der einst sagte: „Sage mir, wer dich lobt, und ich sage dir, worin dein Fehler besteht.“ Einen solchen Satz könnte ein SPIEGEL-Redakteur natürlich nicht äußern, würde dies doch die eigenen Lobhudeleien in einem sträflich ehrlichen Licht dastehen lassen.

Dreht man Lenins Satz indes um, so ergibt Malzahns sinnfreie Einleitung plötzlich doch einen Sinn: „Sage mir, wer dich kritisiert, und ich sage dir, was du richtig gemacht hast.“ Ich gebe zu, für Barak Obama bislang nicht all zu große Sympathien empfunden zu haben. Wenn allerdings niemand anders als der bekennende Bush- und Merkel-Groupie Malzahn extra wegen Obama zum Stift greift, um ihn zu kritisieren und Miss Clinton zu verteidigen, kann Obama kein schlechter Mensch sein.

Da hätten wir zum Beispiel David Brooks, einen der wichtigsten konservativen Essayisten in den USA, der den eher liberalen Lesern der “New York Times” mit seinen kernigen Kolumnen regelmäßig das Frühstück vergällt.

Also eine Art Malzahn auf amerikanisch, so der SPIEGEL denn noch liberale Leser hat. Brooks als „konservativen“ Essayisten darzustellen, mag einem deutschen Konservativenbild entsprechen, in den USA stellt Brooks eher einen gemäßigten Rechtsliberalen dar. Wirklich konservative Essayisten sind da eher William F. Buckley oder Ben Shapiro.

Neuerdings hat er sein Herz für einen führenden Demokraten entdeckt. Barack Obama wäre seiner Ansicht nach ein besserer Präsident als Hillary Clinton, weil er keine “Widersprüche in seiner Vergangenheit” aufweise und von dem “pessimistischen Optimismus” vergangener Jahre gelernt habe.

„Widersprüche in der Vergangenheit“ - so etwas kann einem konservativen Merkel-Anhänger wie Malzahn natürlich das Frühstück vergällen.

Brooks nennt Obama dabei in einer Reihe mit Abraham Lincoln und Martin Luther King.

Was auch nicht weniger albern ist, als die „Luther-King“ und „Kennedy“ Vergleiche des SPIEGELS.

Wenn aber der Vordenker der amerikanischen Konservativen so viel Lametta über einen Demokraten ausschüttet – dann muss man dahinter keinen plötzlichen Anfall von Philantropie vermuten.

Brooks ist also jetzt bereits der „Vordenker“ der amerikanischen Konservativen – das wird ihn sicher freuen. Ansonsten könnte man diesen Satz auch 1:1 auf den Nachdenker der deutschen Neoliberalen ummünzen. Wenn Malzahn Lametta über Sozen wie Steinbrück oder Grüne wie Metzger ausschüttet, so hat auch das wenig mit Philantropie zu tun. Brooks und die USA sind allerdings von Malzahn und Good Old Germany zu unterscheiden. Während in Deutschland noch immer der Schein erweckt wird, es handele sich bei der CDU um eine rechte und bei der SPD um eine linke Partei – die sich allerdings selbst in der Mitte wähnen -, sind diese Grenzen in den USA schon längst aufgesprengt. Die Grenzen zwischen Demokraten und Republikanern sind fließend – was allerdings viele Republikaner auszeichnet, ist ihre Religiösität und das damit verbundene Wertesystem. Brooks ist Jude und die jüdischen Konservativen in den USA stehen der christlichen Rechten traditionell skeptisch gegenüber. Wenn Romney/Huckabee gegen Obama stünden, so würde ein Großteil der jüdischen Konservativen Obama bevorzugen.

Mit dem Irak-Desaster hat bei vielen amerikanischen Konservativen auch ein Umdenken eingesetzt – hier sind an erster Stelle die Neokonservativen zu nennen, die sich fast alle von alten Idealen verabschiedet haben. Ihre Ziele sind zwar noch die gleichen, aber die Mittel, diese zu erreichen, werden neu definiert. Brooks war vor dem Irakkrieg ein überzeugter Befürworter einer militärischen Intervention, der davon überzeugt war, die amerikanischen Soldaten würden in Bagdad eher mit Blumen als mit Granaten totgeschmissen. Brooks hat seinen Standpunkt geändert. Für einen deutschen Transatlantiker wie Malzahn, der unerschütterlich in Nibelungentreue zu „seinem Amerika“ steht, wäre ein solches Umdenken schlicht unvortellbar. Malzahns Scheuklappen behindern seine Wahrnehmung, und wer in seiner Wahrnehmung behindert ist, muss sich über so einiges in der Welt wundern.

Brooks ist nicht allein im konservativen Obama-Fanclub. Da hätten wir noch George Will, “Washington-Post”-Kolumnist der ersten Garde und bekennender Bewunderer des früheren New Yorker Bürgermeisters und jetzigen republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Rudy Giuliani. Will freut sich jetzt schon darauf, dass Barack Obama die Clinton-Epoche gnadenreich beenden werde.

Anders als Brooks gehört Will den „echten“ Konservativen an – er war schon Redenschreiber für Reagan und kann zu den „späten“ Bush-Kritikern gezählt werden. Von daher passt seine Unterstützung für Obama zu 100% ins Bild. Miss Clinton steht zweifelsohne für die 68er-Generation, die bei Konservativen in etwas so beliebt ist wie Malzahns Artikel bei intelligenten Menschen. Als Giuliani-Anhänger hat er gleich doppelten Grund, Obama Miss Clinton vorzuziehen. Obama gilt vielen Konservativen als Greenhorn, das das „alte Schlachtroß“ Giluiani mit List, Tücke und Erfahrung schlagen kann. Miss Clinton ist erfahrener und verfügt über Berater ihres Mannes, die mit allen Wassern gewaschen sind. Wer will, dass Giuliani Präsident wird, würde aus rein taktisch-strategischen Gründen lieber Obama als Miss Clinton zum Gegner haben.

Obama sei “erfrischend geistreich”, er sei ein lebender Vertreter des “nicht-paranoiden” Politikstils. Obama sei ein Erwachsener, der die echte Welt reformieren wolle und kein Adoleszent, der pseudo-heroische Kämpfe gegen fiktive Bösewichter führe (wie diese ganzen 68er, die im Schlepptau der Clintons nach Washington gekommen sind).

Hier müsste Malzahn doch eigentlich feuchte Äuglein bekommen - die 68er-Schelte ist ganz nach seinem Geschmack.

Um die Truppe endgültig abzurunden gäbe es da noch Karl Rove. Ja, Karl Rove, der ehemalige Chefberater des amtierenden Präsidenten. Anfang Dezember gab er dem Newcomer Obama in der “Financial Times” ein paar wichtige Tipps. Der Frischling aus Illinois müsse unbedingt Iowa gewinnen - und in seinen Attacken auf die ehemalige First Lady viel härter und präziser werden.

Bei Karl Rove ist der Grund für die „Obama-Freundschaft“ ziemlich offensichtlich. Er äußerte sich bereits seit Monaten negativ über Miss Clinton, da er hofft, ihre Kandidatur zu verhindern. Der Grundgedanke ist der gleiche, wie bei Will – er hat Angst, dass eine ausgeschlafene Kandidatin ihren republikanischen Konterpart an die Wand fährt, während er Obama für einen zu schlagenden Kandidaten hält.

Brooks, Will und Rove erhoffen sich von Barack Obama, was sie selbst nie geschafft haben. Es geht nicht nur darum, die verhasste Clinton-Dynastie zu entmachten, sondern die noch immer gültigen Bezugspunkte amerikanischer Politik zu den Umbrüchen von 1968, zum Vietnam-Desaster und zur Watergate-Katastrophe, für immer aus der aktuellen Politik zu tilgen.

Zumindest Will und Rove treibt wohl eher das Kalkül an, mit Obama einen händelbaren Gegner für die Präsidentschaftswahlen zu bekommen. Um dies zu erreichen, wird er „hochgelobt“ – eine recht durchschaubare Taktik, die Malzahn freilich nicht in den Sinn kommt.

Wenn Obama die Vorwahlen gewonnen hat, werden seine neuen Freunde vermutlich über ihn herfallen - und ihm mangelnden Patriotismus wegen seiner kritischen Haltung zum Irak-Krieg vorwerfen.

Messerscharf erkannt! Das Sie, Herr Malzahn, dennoch anscheinend nicht Eins und Eins zusammenzählen wollen, ist ihr Privileg als SPIEGEL-Kommentator. Jeder andere Journalist wäre für so viel Weitsicht zum hauseigenen Anzeigenblättchen „weggelobt“ worden.

Es ist geradezu unglaublich: Barack Obama hat es geschafft, diese Wahl, die eine Anti-Bush-Wahl werden sollte, in eine Anti-Clinton-Wahl zu verwandeln. Vielleicht war das gar nicht seine Absicht, aber es ist passiert.

Kunststück, tritt doch bekanntlich kein Bush bei den Wahlen an. Er wäre folglich ziemlich dumm, wenn er etwas als Wahlkampfziel ausgeben würde, das sowieso eintritt. Da ist seine „Change“-Kampagne, mit der er zwei Fliegenfamilien mit einer Klappe schlägt, doch irgendwie sinnvoller. Gut, dass Obama nicht Malzahn als Wahlkampfleiter hat, sonst wäre er wahrscheinlich schon nach dem Iowa-Desaster nicht mehr als ernsthafter Präsidentschaftskandidat wahrgenommen worden.

Es geht nicht darum, Obamas Anliegen zu verteufeln oder ihn in eine Verschwörungskiste mit führenden Konservativen zu stecken.

Potzblitz! Welch Wunder! Die Verschwörungskiste wäre auch sehr hohl.

Und natürlich wäre es eine historische Zäsur, wenn ein Schwarzer ins Weiße Haus ziehen würde. Dasselbe gilt natürlich für den Fall, wenn eine Frau im Oval Office als Chefin ihre Koffer auspackt.

Gott bewahre das amerikanische Volk vor Zäsuren. Eine ostdeutsche Frau im Kanzleramt war gleich eine doppelte Zäsur für das peinerprobte deutsche Volk.

Obamas Aufstieg hat jedenfalls einen hohen Preis – die Rechnung werden die Demokraten noch bekommen. Denn der Mann aus Illinois präsentiert sich immer mehr als Kandidat einer imaginären Independent-Bewegung, eine politische Verankerung auf dem Boden der Demokratischen Partei ist nicht erkennbar – da finden sich nur Luftwurzeln.

Welch interessante Theorie. Hat Herr Obama etwa keine Hausmacht im SPD-Ortsverband Wanne-Eickel? Malzahn weigert sich beharrlich das amerikanische Politiksystem verstehen zu wollen. Wenn Obama bei der Convention der Demokraten gewählt wird, ist er der Kandidat dieser Partei. In den USA sind Parteien nun einmal reine Wahlvereine und keine mächtigen Vereinigungen, die Grundsatzprogramme herausgeben und mit deren Vorsitzenden, Fraktionsvorsitzenden und Generalsekretären ein Kandidat sich herumschlagen muß.

Obamas Strategie bestand bisher darin, vom Konkreten ins Allgemeine zu flüchten

… nennen wir es einmal „das Merkel-Prinzip“. Eigentlich findet Herr Malzahn so etwas doch faszinierend …

Für Obama gibt es nicht etwa acht Jahre Bill Clinton (Kampf für Chancengleichheit, staatliche Entschuldung und militärische Intervention bei Genozidgefahr)

Militärische Intervention bei Genozidgefahr? Meint Malzahn hier die amerikanische Intervention in Ruanda, von der man so viel gehört hat? Oder meint er die Bombardierung des Irak, die von der zeitgleich stattgefundenen Lewinski-Affäre ablenken sollte? Oder geht es hier um die Bombardierung einer sudanesischen Arzneimittelfabrik? Vielleicht spielt Malzahn hier aber auch nur auf die hellseherischen Fähigkeiten der NATO an, einen Hufeisenplan ausgemacht zu haben, den es nie gab? Wir werden es wohl nie in Erfahrung bringen.

[] und anschließend acht Jahre George W. Bush (zwei grotesk vorbereitete Kriege in Afghanistan und Irak, die drohende Wirtschaftskrise).

Nur „grotesk vorbereitet“? So spricht der Ewiggestrige – Angriffskriege bleiben Angriffskriege und sind per Völkerrecht verboten. Folter, die teilweise Abschaffung der Bürgerrechte, die Zerstörung des amerikanischen Images auf lange Zeit und die vielen anderen Sünden der Bush-Regierung scheinen Malzahn noch nicht einmal zu stören. In einem Satz wie diesen, drückt sich Malzahns widerliches Weltbild aus. Und das schlimmste ist: Er merkt es wahrscheinlich noch nicht einmal.

Für Obama gibt es einfach nur 16 Jahre “Washington-Kultur”, das “kaputte System” der US-Hauptstadt. Die Wunde in Washington “eitert” schon länger als die Ära Bush, ruft Obama in die Menge – was für ein unglaublicher Revisionismus, der von manchen Demokraten sogar noch beklatscht wird.

Warum auch nicht? Es wäre auch nicht gerade abartig (allerdings überraschend), wenn ein SPD-Politiker sich über die Schrödersche Agenden-Ära dereinst so äußern würde.

Immerhin: Vor nicht allzu langer Zeit verhalf sie einem jungen, talentierten schwarzen Rechtsanwalt aus Illinois zu einem Senatorenposten im US-Kongress. Dass dieser junge Mann kaum zwei Jahre später eine Kampfkandidatur gegen seine Ziehmutter ankündigen würde, hat sie wohl in ihren schlimmsten Alpträumen nicht geahnt.

Undank, Dein Name ist Obama. Der schwarze Ziehsohn, der seine gütige weiße Mutter rücklings meuchelt, um ihre Ämter zu übernehmen – ein Stoff, der einer griechischen Tragödie zu Ehre gereichen würde. Dass Miss Clinton Obamas Ziehmutter sei, ist indes ebenso falsch, wie die Aussage, sie hätte ihn in Amt und würden gebracht. Gegen sein Erzreaktionären Gegner Keyes, der Homosexuelle als selbstsüchtige Hedonisten bezeichnete, Obamas Meinung zu Abtreibungen als Position der Sklavenhalter charakterisierte, und meinte, Wähler von Obama würden sich genauso schuldig machen wie Deutsche, die 1933 die NSDAP gewählt hatten, hätte wahrscheinlich sogar Kurt Beck gewonnen – und das will was heißen.

Malzahn bräuchte auch gar nicht über den Teich schauen, um einen eklatanten Fall von Undank im politischen Geschäft auszumachen. Der gütige Altkanzler Kohl hievte einst eine junge Physikerin aus dem Osten ins politische Rampenlicht. Zum Dank für so viel Altruismus stieß sie ihn nicht nur vom Thron, sondern sorgte auch dafür, dass er nicht den Friedensnobelpreis bekommt. „An Schäbigkeit kaum zu überbieten“ – so lautet Kohls Charakterisierung des Merkels. Herr Malzahn nimmt solche Kritik an seiner Heldin natürlich nicht so gerne wahr.

Obama kritisiert Bill Clinton gern für dessen Kompromissbereitschaft - dabei biedert sich der Senator schon jetzt unverhohlen den Republikanern an. Dick Cheneys Energiegesetz fand seine Zustimmung, die Mehrheit der Demokraten lehnte ab. Man kann das Wahltaktik nennen, um die Mitte zu gewinnen - oder Opportunismus.

Und Opportunismus ist Miss Clinton natürlich total fremd. Dass sie jeder Irak-Vorlage der Bush-Regierung zugestimmt hat, ist natürlich kein Opportunismus, sondern echte patriotische Überzeugung? Oder wie würde Malzahn dies interpretieren?

In Europa, vor allem in Deutschland, hat sich das Gerücht verbreitet, der Mann sei ein Linker. Welch ein Irrtum!

Wenn sich dies wirklich so verbreitet haben sollte, ist dies in der Tat ein Irrtum. Da aber sogar die Google-Suche „Obama ist ein Linker“ erwartungsgemäß keinen einzigen Treffer ergibt, darf man Malzahns „Gerüchte“ wohl in das Reich der Phantasie verbannen. Kein ernstzunehmendes Medium hat je behauptet, Obama sei „links“. Vielleicht sieht man das in der SPIEGEL-Redaktion so, wo ja auch die SPD als linke Partei, Mindestlöhne als linke Politik und Becks Sonntagsreden als Linksruck gesehen werden.

[] Der Mann steht in dieser Frage, die für die Zukunftsaussichten des kleinen Mannes in Amerika vermutlich wichtiger ist als der Truppenabzug aus Bagdad – rechts vom Mormonen und Republikaneraspiranten Mitt Romney.

Republikaneraspirant? Das wird Herrn Romney jetzt aber nicht gerade erfreuen, war dieser doch schon vor 14 Jahren republikanischer Senator. Nun ja, Malzahn ist demnach wohl ein Journalistenaspirant. Dass Obama ein äußerst schwammiges Programm in punkto „Gesundheitssystem“ hat, ist freilich richtig. Ob man die Unterschiede zu Romneys Programm in rechts und links bemessen kann, ist hingegen mehr als fraglich. Diese Anleihe an die Gesäßgeographie der alten Franzosen ist bei SPIEGEL natürlich immer noch beliebt – das ändert allerdings nichts daran, dass sie überholt ist.

Kein Wunder, dass Mrs. Clinton die Tränen in die Augen steigen. Hat man je Jimmy Carter, Ronald Reagan, George Bush oder Bill Clinton an ihrer “Gefühlskälte” gemessen? Was für eine politische Kategorie ist das eigentlich? Solche Fragen muss sich wohl nur eine Frau gefallen lassen.

Wenn eine Frau denkt, „Frau zu sein“ sei eine politische Kategorie, muss sie wohl damit leben können. Man(n) kann nicht einerseits stets darauf hinweisen, wie bahnbrechend progressiv es sei, eine Frau als Mächtigste aller Mächtigen zu küren, und im gleichen Atemzug negieren, dass in einer Gesellschaft, die nun einmal nicht geschlechtsneutral denkt, das Frausein auch gewisse Nachteile mit sich bringen kann. Man kann sich halt nicht nur die süßen Kirschen herauspicken, Herr Malzahn.

[] Dass jemand mit einem Null-ouvert-Programm durch die Vorwahlen segelt, darauf war sie nicht eingestellt.

So geht es halb Deutschland, wenn Merkel zum Wahlkampf trötet. Dann hat ein Herr Malzahn allerdings vollstes Verständnis für „Null-ouvert-Programme“.

Man darf gespannt sein, mit welchen Weisheiten Malzahn in seiner nächsten Therapiestunde aufwarten wird.

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Medien, US-Wahlen 08, USA | 28 Kommentare

Ein Moderator soll her

08. Dezember 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Claus Kleber soll Medienberichten zufolge von Gruner+Jahr und der SPIEGEL-Mitarbeiter KG zum neuen SPIEGEL-Chef auserkoren worden sein. Dies überrascht, hat Kleber doch gar keine Erfahrungen im Printbereich und kaum Erfahrung als Führungskraft. Die Erben Rudolf Augsteins lehnen ihn daher auch ab, haben aber mit 24% Beteiligung keine Sperrminorität.

Zugesagt hat Kleber noch nicht, aber es ist wohl kaum zu erwarten, dass er einen der wichtigsten Jobs in der deutschen Medienlandschaft ausschlagen wird. Aus seiner politischen Einstellung macht Kleber ein Geheimnis - anstatt dezidiert Stellung zu nehmen, ist er eher als guter Moderator bekannt, der zwischen politischen Richtungen als “ehrlicher Makler” vermitteln kann. Von Kleber sind auch die Worte überliefert, ein Journalist dürfe keine eigene Meinung haben. Aber ist es das, was einen Journalisten zur wohl einflussreichsten Stelle im deutschen Mediengeschäft qualifiziert? Es ist anzunehmen, dass man den Vizes die politische Tagesarbeit und den Spin überlassen will und Kleber als blauäugiger Engel über dem propagandistischen Molloch der Redaktionen nach außen strahlen, und dem SPIEGEL ein nettes Gesicht verpassen soll. Der Kreis der Vizes soll dafür auf drei erweitert werden. Neben dem jetzigen eher unaufälligen Vize Doerry, soll auch der amtierende SPON-Chef Mathias Müller von Blumencron in die Position des Vizes aufrücken - der dritte Vize wird noch bekannt gegeben. Claus Christian Malzahn darf als heißer Kandidat gelten. Wer die vakanten Positionen im SPEIGEL-Karussel auffüllen wird (auch der Posten des Kulturchefs ist seit dem Rauswurf von Matussek vakant) ist ebenfalls noch offen. Allein die Ernennung Blumencrons lässt eine weitere “Boulevardisierung” des SPIEGELS erwarten, hat er doch aus SPON schon ein Portal der Belanglosigkeiten gemacht, bei dem man eher den neusten Klatsch über die Beckhams und Frau Hilton erfährt, als Hintergrundinformationen über politisch und gesellschaftlich relevante Themen.

Viel ist über Kleber nicht bekannt. Seit seines Studiums ist er Mitglied der katholischen Studentenverbindung AV Guestfalia. Er gilt auch als bedingungsloser Amerikafan, der vor den Kameras im ZDF-Studio schon mal bei der amerikanischen Nationalhymne die Hand aufs Herz legt. Aus diesem Gesichtspunkt passt er natürlich prächtig in den Kreis der Fähnchenschwenker rund um Malzhan, Broder und Steingart.

Neues wird vom Neuen wohl nicht zu erwarten sein. Schade, dass die Gesellschafter die Chance verpasst haben, mit der wichtigsten Personalentscheidung einen Wechsel im journalistischen Profil des SPIEGELS vorzunehmen. Nach Angaben der TAZ war auch der Innenpolitikchef der Süddeutschen - Heribert Prantl - unter den letzten Kandidaten. Prantl wäre die bestmögliche Lösung gewesen, ein Journalist mit Profil und Ansehen, ein Printjournalist mit langer Erfahrung und vor allem ein bedingungsloser Verteidiger der Bürgerrechte. Quo vadis SPIEGEL?

p.s.: Es hätte auch noch schlimmer kommen können - auch Johannes Baptist Kerner gilt als “guter” Moderator.

Jens Berger

Kategorie: Medien | 43 Kommentare

Seite 3 von 11«12345»...Ende »

Wie würdest Du bei einem Referendum über den "Vertrag von Lissabon" abstimmen?

View Results

Loading ... Loading ...
  • COPOKA @CHR, #40 Aus meiner Sicht bietet sich eine Alternative, die die Bedingungen ebenfalls erklären könnte. Dann...
  • COPOKA @SF Jö, capice. Ich wollte ‘priono’ nur noch darauf hinweisen, dass Windows auf den Clients zwar...
  • Spiegelfechter @COPOKA Nee, es geht um die Client-Systeme und nicht um den Server. Das WP ein Leck hat ist klar, aber...
  • COPOKA @SF Na ja, wordpress läuft ja unter Linux ;) Das Sicherheitsleck war ja nicht auf deinem PC. Es sei denn,...
  • Spiegelfechter @alle Diskutanten Leider komme ich erst am WE dazu, mir die Beweisdokumente des FBI näher...
Recent Forum Posts

SR2 - Fragen an den Autor: Das Ende der Massenarbeitslosigkeit

Hitmeister Superblogs 2008