Herr Malzahn versteht die Welt nicht mehr

05. Dezember 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Im Leben des Herrn Malzahn hat alles seine Ordnung: Der Ami ist gut und der Muselmane ist eine Bedrohung. Wenn das Volk seine Ansichten nicht teilt, kann der Herr Malzahn auch schon mal böse werden. Aber da Herr Malzahn Politik-Ressortleiter und Hauptstadtbüroleiter des SPIEGELS ist, passiert so etwas eher selten. Er und seine Kollegen sorgen schon dafür, dass das deutsche Volk nach ihren Vorstellungen erzogen wird und wenn es einmal eigenständig denkt, so tritt der Herr Malzahn für eine Re-Education ein.

Gestern war aber ein besonders schlechter Tag für Herrn Malzahn. Jahrelang warnte er vor dem bösen Mullah, der außer Koranversen nur die Zerstörung Israels im Kopf hat. Davor schützt uns zum Glück der liebe Ami, und wer das anders sieht ist Antisemit, Antiamerikaner und Antidemokrat. Nun hat der stets grundehrliche Ami aber so mir nichts, dir nichts über seine allwissenden Geheimdienste verlautbaren lassen, der Mullah hätte gar keine Atombombe und würde seit 2003 auch gar nicht mehr versuchen, so ein strahlendes Schätzchen zu bauen. Für Malzahn brach eine Welt zusammen - es kann doch nicht sein, was nicht sein darf.

Traurig stapfte Malzahn durch den Hamburger Regen und fing an zu weinen. Und weil das alles nichts half, versuchte er seine kognitiven Dissonanzen in Worte zu fassen. Heraus kam ein Artikel, der als melancholischer Selbstfindungsversuch in Kuriositätenkabinett des SPIEGELS gehört:

Herr Malzahn schrieb:

Über das innere Machtgefüge in Iran weiß man heute noch weniger als vor 30 Jahren über die politischen Strukturen im Kreml.

Dem ist so, wenn man nur den SPIEGEL liest. So ziemlich jeder interessierte Internetnutzer und die meisten Blogger wissen recht gut bescheid.

Damals wie heute grenzen politische Analysen bisweilen an Astrologie. Man hält sich an vordergründiger politischer Rhetorik fest, weil der Blick hinter die Kulissen verstellt ist.

Dieser Ausspruch repräsentiert die “journalistische” Arbeit des SPIEGELS sehr gut. Chapeau Herr Malzahn, beißende Selbstkritik im zweiten Absatz - das ist es, was man unter Selbstreflexion versteht.

[] Mahmud Ahmadinedschads Vernichtungsrhetorik vor allem gegenüber Israel wurde oft und gern mit Hitlers Genozidankündigungen vor 1939 verglichen.

… vor allem von einem gewissen Herrn Malzahn. Wer seriöse Quellen zur Verfügung hatte, kam zu einem anderen Ergebnis

Doch nach den jüngsten Erklärungen wirken die brachialen Drohungen des iranischen Präsidenten (”Eine Welt ohne Israel”) eher wie Einlassungen aus dem Führerbunker: Auch im April 1945 wurden dem deutschen Volk noch Wunderwaffen versprochen. Es gab keine, sowenig, wie es heute offenbar eine iranische Atombombe gibt.

… und auch dem Führer hat niemand geglaubt, außer Malzahns Vorgänger. Dass Iran über eine Bombe verfügen würde, hat indes noch nicht einmal der hartgesottenste NeoCon behauptet - Malzahns Welt gerät so langsam aus den Fugen. War er denn der einzige, der dies glaubte?

Gab und gibt es aber in Teheran den Willen, eine solche nukleare Wunderwaffe zu bauen? Bis ins Jahr 2003 offensichtlich schon. Noch im Dezember 2001 äußerte sich der ehemalige iranische Staatspräsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani wie folgt:

“Die Anwendung einer einzigen Atombombe würde Israel völlig zerstören, während sie der islamischen Welt nur begrenzte Schäden zufügen würde. Die Unterstützung des Westens für Israel ist geeignet, den Dritten Weltkrieg hervorzubringen, der ausgetragen wird zwischen den Gläubigen, die den Märtyrertod suchen, und jenen, die der Inbegriff der Arroganz sind.”

Dieses Zitat ist so nie gefallen, sondern wurde vom islamophob alarmistischen Journalisten und Buchautoren Bruno Schirra für seinen Bestseller “Iran - Sprengstoff für Europa” aus verschiedenen Passagen der Rede Rafsandschanis zusammengeschustert. In der konkreten Passage spricht er nicht über eine iranische Bombe, sondern über eine Bombe, die die islamische Welt vielleicht einmal haben wird, und geht damit auf die Proliferationen der USA und Großbritannien ein, die Israel mit ABC Waffen unterstützten. Freilich war es eigentlich Frankreich, das Israel mit “der Bombe” versorgte, aber warum sollte Herr Rafsandschani weniger Unfug erzählen dürfen, als Herr Malzahn?

Das Zitat galt nicht nur Politologen wie beispielsweise Daniel Jonah Goldhagen als klarer Beleg für den iranischen Vernichtungswillen gegenüber Israel.

Dass dies Herr Goldhagen - das Idol der Antideutschen - so sieht, ist wenig überraschend. Mit dieser Meinung steht er indes recht isoliert dar.

[] Doch seit gestern können auch die amerikanischen Neokonservativen die hetzerische Rhetorik und die praktische Politik in Iran nicht mehr gleichsetzen.

Die “hetzerische Rhetorik” - meist Produkt einer kruden Exegese der NeoCons - wird ja auch nur von Blättern wie dem SPIEGEL und Autoren wie Herrn Malzahn mit der praktischen Politik gleichgesetzt. Dass Herr Malzahn dies in Zukunft nicht mehr machen will, ehrt ihn. Die Botschaft hör´ ich gern, allein´ mir fehlt der Glaube.

Denn wenn die Informationen der US-Geheimdienste zutreffen, muss die iranische Führung im Jahr 2003 eine simple Kosten-Nutzen Rechnung aufgestellt haben, deren rationales Ergebnis auch Israel - trotz der eher zurückhaltenden Reaktion - verblüffen muss: Eine Atombombe lohnt sich nicht für das Mullah-Regime - jedenfalls nicht in einer Situation, in der Europa mit Sanktionen droht und die amerikanische Armee in Bagdad steht.

Wenn die iranische Führung so denken würde, wäre es eher irrational. Hätte der verschrobene Mann mit dem Altherrenjäckchen so gedacht, stünden die Amerikaner auch schon in Pjöngjang. Rational betrachtet, stellt die atomare Abschreckung immer noch den besten Schutz vor Invasoren dar. Da Herr Malzahn die Iraner aber per se für Täter und die Amerikaner per se für gerechte Weltpolizisten hält, ist ihm eine solche Form der defensiven Rationalität freilich fremd.

Bisher hatte man wegen der antisemitischen Kriegsrhetorik Ahmadinedschads kaum den Eindruck, dass Teheran Argumenten zugänglich ist oder auf ein Drohszenario reagieren würde.

Wenn man sich (s.o.) mit iranischer Politik nicht auskennt und den Demagogen Ahmadinedschad mit Iran gleichsetzt, könnte man durchaus zu solch kruden Schlüssen kommen. Aber wer so etwas tut, hat ja eigentlich nichts in der Redaktion des größten deutschen Nachrichtenmagazins zu suchen - nicht wahr, Herr Malzahn?

Darin steckt die eigentliche Brisanz der Geheimdienst-Erkenntnisse: Teheran reagiert offenbar rationaler, als man bisher angenommen hat.

Ei der Dautz! Potz blitz noch einmal - das ist ja kaum zu fassen. Teheran reagiert “offenbar” rational? Ist es nicht das, was Experten und Fachjournalisten seit Jahren schreiben? Und die sollen recht haben?

Dahinter steckt vermutlich kein heimlicher Anfall von Philantropie, sondern der Willen der Theokraten zum Machterhalt.

… und wer könnte schon glauben, dass dies nicht nur eine herausragende Eigenschaft der Schröders, Merkels, Blairs, Putins und Bushs ist, sondern auch auf die “Untermenschen” aus Teheran zutrifft? Hier bricht Malzahns Weltbild endgültig zusammen.

Deswegen bedeuten die US-Erkenntnisse auch nicht, dass die westliche Drohkulisse nun überflüssig geschweige denn unnötig gewesen wäre. Im Gegenteil. Sie hat offenbar Wirkung gezeigt - und zwar seit der Zeitenwende 1990 zum ersten Mal. In Bosnien, im Kosovo, in Afghanistan und im Irak haben sich die Despoten verschätzt und bezahlten dafür mindestens mit Machtverlust, manchmal mit dem Leben - in Iran war man offenbar klüger.

Da die Aufgabe des vermeintlichen Waffenprogramms im Jahre 2003 stattfand, muss Malzahn hier schon tief in die Schmierenkiste greifen. Dies war vor den US-Aggressionen und den EU-Drohungen gegen Iran, also muss der allgemeine amerikanische Eroberungswille als Motiv herhalten. Sicher, hätten die bosnischen, kosovarischen und afghanischen Despoten kein Atomwaffenprogramm gehabt, wären die Amerikaner nie und nimmer nicht auf die Idee gekommen, diese Länder plattzumachen. Über die irakischen Massenvernichtungswaffen wusste der iranische Geheimdienst sicher auch so viel, dass es klar war, dass man gar keine solchen Waffen braucht um überfallen zu werden. Es reicht ein amerikanischer Außenminister mit Powerpoint-Folien und schwupps, steht der Befreier vor der Tür.

Die jüngsten Erkenntnisse bedeuten sowohl für Bush wie für Ahmadinedschad eine Zäsur - beide befinden sich im Erklärungsnotstand. Denn wenn es stimmt, dass der amerikanische Präsident seit Monaten über den Stand der Erkenntnisse informiert ist, dann fragt man sich, warum und mit welchem Ziel er das böse Wort vom Dritten Weltkrieg noch im Oktober im Munde führte - und Sicherheitsberater gleichzeitig Richtung Israel durchstellen lassen, ein US-Angriff auf iranische Atom-Anlagen sei angesichts der neuen Lage eher unwahrscheinlich. Dazu muss Bush sich erklären - die Mikrofone sind bereits auf live geschaltet.

Diese “Erklärung” ist eigentlich nicht nötig - Bush lügt, wer hätte das gedacht? Herr Malzahn ganz gewiß nicht.

Für Ahmadinedschad aber ist die Sache wesentlich brenzliger. Ohne Bombe steht er fast so nackt da wie der Kaiser ohne Kleider

Ahmadinedschad und kein ernstzunehmender Mensch haben je behauptet, er besäße die Bombe.

Jetzt bleibt ihm bloß noch das Leugnen des Holocausts und die Verspottung der Nazi-Opfer als antiwestlicher Diskurs - ob er sich damit allein zum Zampano der islamischen Welt aufschwingen kann, darf man bezweifeln.

Ob Herr Malzahn trotz seiner im Kopf brennenden kognitiven Dissonanzen jemals einen Artikel über Iran schreiben wird, in dem keine Antisemitismusvorwürfe vorkommen, darf man ebenfalls bezweifeln.

Vielleicht wird es für Herrn Malzahn auch ganz einfach Zeit zu gehen - sein Chef ist gefeuert, sein Freund Herr Steingart mit einer Drittelstelle nach Washington verjagt worden und sein anderer Freund Herr Matussek ist auch schon weg. Bei der BILD ist bestimmt noch ein Platz für so “geniale” Journalisten und Manipulateure wie den Herrn Malzahn frei.

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Glosse, Iran, Medien | 24 Kommentare

Was macht eigentlich … Trupoli?

06. November 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Wir erinnern uns: In einem Beitrag im August dieses Jahres warf ich einen kritischen Blick auf eine hippe frisch angekündigte Web 2.0 Politikplattform mit dem Namen „Trupoli“, die durch sehr selbstbewusste Eigendarstellung auf sich aufmerksam machte.

Als offizieller Starttermin der Politik-Community und –Bewertungsplattform war der 1. Oktober vorgesehen. Dieser Termin ist schon lange verstrichen, aber mittlerweile befindet sich Trupoli seit zwei Wochen in einer „geschlossenen“ Beta-Phase und alles ist (wie sollte es auch anders sein) natürlich superdupertoll, wenn man dem Aufsichtsratsvorsitzenden Olaf Jacobi Glauben schenken mag. Anfang November soll Trupoli nun endlich fertig sein - wir sind gespannt.

Trupoli tritt mit dem Slogan „Mehr Demokratie und transparente Politik“ an, das ist ein hehrer Anspruch, nur leider lässt die Intransparenz von Trupoli selbst die Hoffnungen schwinden, dass dieser Slogan ernst gemeint sein könnte. Die “offensichtlich” professionell aufgezogene Plattform, die 12 Mitarbeiter beschäftigt und in bester Münchener Citylage residiert, hat freilich ein Business-Modell - nur von Luft und Liebe leben weder die Mitarbeiter, noch der Vermieter und nur mit Werbeeinnahmen ist eine solche Plattform auch nicht finanzierbar.

In einem Interview mit dem Gründerblog der Wirtschaftswoche umreißt CEO Zumpe das Geschäftsmodell von Trupoli:

„Kern unseres Geschäftsmodells ist Meinungsforschung. Wir wollen die Meinung der Bürger an Politiker liefern in Form differenzierter Analysen und Studien. [] Wir beschäftigen professionelle Meinungsforscher, um das Ganze auf solide Beine zu stellen. Außerdem haben wir, wenn die Plattform etabliert ist, eine Datenbasis, die es in der Größe noch nicht gibt.“

Das hört sich ja spannend an, worüber wollen die Meinungsforscher denn solide Auskunft geben, wenn Trupoli seine Datenschutzerklärung wirklich einhalten will? Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit Meinungsforschung auseinandergesetzt hat, weiß, dass willkürliche Daten ohne Angaben anhand derer man Rückschlüsse auf die Repräsentativität der Primärdatenbasis anstellen kann, wertlos sind. Die „Analyse“ „Von 5.000 Besuchern finden 258 Besucher Kurt Becks neue Frisur toll“ hat keinen Wert für die SPD. Ohne Basisdaten, wie Alter, Geschlecht, Wohnort, Schulbildung und am besten auch das Haushaltseinkommen, können solche Rohdaten nicht zu brauchbaren Sekundärdaten aufbereitet werden. Wird Trupoli diese Daten bei der Registrierung abfragen? Werden Pop-ups die User zu separaten Umfragen weiterleiten, die diese Daten erheben? Das kann allerdings jede Seite und dies wäre nicht die riesige Datenbasis von der Zumpe spricht – wir sind gespannt.

Dass CEO Zumpe vor seinem Trupoli-Engagement als Projektmanager der Politikberatungsfirma des „umtriebigen“ Horst Teltschik tätig war, hatte ich im letzen Artikel bereits ausgeführt. In Blogs, die meinen Beitrag verlinkt haben, bezeichnete Zumpe dies als „goldfolienverpackte Verschwörungstheorie“. Er stellt dort fest „vieles [in meinem Artikel] [sei] inhaltlich falsch und das was richtig ist, [sei] für Trupoli irrelevant oder in irgendwelche Zusammenhänge hineinkonstruiert. Grade Verbindungen zu irgendwelchen Konzernen und Old Boys Netzwerken und weiß der Geier was noch sind zusammengereimt und aus der Luft gegriffen.”

Auf meine Aufforderung, den Vorwurf der „goldfolienverpackten Verschwörungstheorien“ gerade zu biegen, ist Zumpe natürlich nicht eingegangen. Es hätte auch unangenehme Fragen geben können. Warum beispielsweise residiert die Trupoli AG im gleichen teuren Bürogebäude, in dem auch Zumpes „ehemaliger“ Arbeitgeber Horst Teltschik mit seiner Politikberatungsfirma „Teltschik Associates“ ansässig ist? Warum hat ein so finanzstarkes Web 2.0 Unternehmen keinen eigenen Telefonanschluss, sondern ist unter einer Nebenstellennummer von „Teltschik Associates“ zu erreichen? Warum muss sich Trupoli einen Fax-Anschluss mit Herrn Teltschik teilen?

Teltschik Associates GmbH
Theatinerstrasse 14
80333 München
Fon.: +49 (0) 89 / 89 32 78 – 0
Fax: +49 (0) 89 / 89 32 78 – 10

Trupoli AG
Theatinerstr. 14
80333 München
Telefon: 089/893278-90
Telefax: 089/893278-10

Die Verbindungen zu „irgendwelchen Konzernen und Old Boys Netzwerken und weiß der Geier was noch sind [also] zusammengereimt und aus der Luft gegriffen“ Herr Zumpe? So so - wir sind gepannt.

Das alles ist ja nicht per se verwerflich, sondern leider sogar üblich. Aber mit dem Anspruch „Transparenz“ zu bringen, ist es sicher nicht zu vereinbaren. Sowohl die Contentlieferanten aka Blogger, die auf Trupoli etwas schreiben sollen, als auch die User, die sich dort engagieren, wären sicher dankbar, wenn der Nebel etwas gelichtet würde. Aber vielleicht wäre auch genau dies das Ende der Glaubwürdigkeit von Trupoli – wir sind gespannt.

p.s.: Schönen Dank an die Kommentatoren, die mich auf die “sachdienlichen Hinweise” gestoßen haben.

Jens Berger

Bildnachweis: Screenshot “Trupoli.com”, Region*Muenchen.de, Shops-Muenchen.de

Kategorie: Allgemein, Medien | 46 Kommentare

TITANIC und der britische Humor

01. November 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Hin und wieder bringen sogar seriöse Medien wochenlang Storys über irgendwelche Dinge, bei denen man sich ernsthaft fragt, wen denn so etwas eigentlich interessiert und warum solch boulevardeske Unwichtigkeiten journalistisch ausgeschlachtet werden, während wirklich wichtige Fragen gar nicht behandelt werden - Dieter Bohlen, irgendwelche Casting-Deppen, Britney Spears, Paris Hilton und seit längerem ein britisches Kind, das irgendwie in Portugal verschwand - wahrscheinlich wurde es umgebracht, vielleicht sogar von seinen Eltern selbst - wer weiß, wen interessiert es? Für die Eltern ist dies natürlich tragisch und so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann. Aber jeden Tag sterben 25.000 Menschen an Hunger, darunter 13.000 Kinder. Keine Titelseite verliert auch nur einen Kommentar darüber.

Problematisch wird es in Fällen von vermissten oder ermordeten Kindern immer dann, wenn die Eltern entweder geschäftstüchtig, skrupellos und profilneurotisch sind, geschäftstüchtige, skrupellose und profilneurotische Berater und Anwälte haben oder auf geschäftstüchtige, skrupellose und profilneurotische Journalisten treffen. Im Fall McCann trafen wahrscheinlich alle dieser Punkte zu, anders ist der mediale Hype, der sich nun schon über ein halbes Jahr hinstreckt, kaum zu erklären. Ein gefundenes Fressen für die Medien, um das verschwundene Kind geht es dabei schon lange nicht mehr. Die Eltern sind Stars, Personen im Fokus des öffentlichen Interesses und werden gnadenlos verramscht, um Quote zu machen. Durch private Spenden hat das Ärzteehepaar mittlerweile über eine Million Pfund für einen Fonds eingesammelt, der Medienkampagnen, Medienberater, Anwälte und die Hypotheken für das Haus der McCanns bezahlt – letzteres stieß allerdings auf öffentliche Kritik, als die McCanns selbst unter Mordverdacht gerieten. Mit dem Geld einen Fonds für Kinder in Not einzurichten, ist den McCanns sicher nie in den Sinn gekommen.

Während der Hype Deutschland wie ein nicht schwächer werdender Sturm überzieht, trifft er Großbritannien wie ein Orkan. Kein Tag ohne „Breaking-News“, über faule portugiesische Beamte, arabische Sklavenhändler, marokkanische Kinderhändler und alles, was ins xenophobe Bild des britischen Boulevards passt. Alles? Nein, das Lieblingsthema des britischen Boulevards ließ sich bis jetzt noch nicht verwursten – „Don´t mention the war“, wo bleiben die Pickelhauben, Nazis und humorlose Hunnen? Zum Glück gibt es noch die Titanic, das Urgestein der Satire, das sich stets zynisch und im stetigen Kampf mit der geschmacklichen Schmerzgrenze über gesellschaftliche und politische Themen lustig macht. In ihrer aktuellen Ausgabe persifliert die Titanic den Medienhype um Maddie McCann anhand einer doppelseitigen Anzeigenparodie, in der Produkte mit dem „bekanntesten Gesicht der Welt“ – Maddie McCann - werben. Dürfen die das? Ja, sie dürfen!

Was darf die Satire?
Alles!
Kurt Tucholsky

Wer die Titanic liest, erwartet genau das von ihr: Böse Satire, mit politisch unkorrekter Häme, die sich über den Rest der Medien und deren geistlose Berichterstattung und verwerfliche Aufmerksamkeitsökonomie lustig macht. Schwarzer Humor in Reinkultur – früher ein Paradefeld der Briten, wer erinnert sich nicht an Monty Pythons Flying Circus? Die Redakteure britischer Zeitungen fanden die Satire vielleicht auch lustig, aber das dürfen sie freilich nicht sagen, so etwas passt nicht ins Vermarktungskonzept. Wer täglich den Fall „Maddie“ auf die Titelseite bringen muß, braucht Nachschub und dafür eignet sich eine solche Satire – zumal, wenn sie von den „Hunnen“ kommt - natürlich hervorragend. „Disgusting“ findet die SUN, freilich nicht ohne ihren Ekel mit ihren Millionen Lesern zu teilen. Wie kann man dies den netten McCanns zumuten? Die netten McCanns werden kaum Abonnenten der Titanic sein, da ist es doch schon ausgesprochen taktvoll von SUN und Co. ihnen die Satire zu präsentieren, um sich anschließend über den Schmerz der McCanns über eben diese Satire auslassen zu können. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis aufgebrachte Briten vor der deutschen Botschaft Fahnen verbrennen und Volkswagen in Großbritannien boykottiert wird.

Der Anwalt der McCanns zeigte indes, wie recht die Titanic mit ihrer Satire doch hat. Ihn stört weniger der Inhalt, als mehr die Copyrightverletzung. „Das Magazin hat nicht nach einer Abdruckgenehmigung gefragt“, denn, so weiß Anwalt Clarence Mitchell, „diese wäre nahezu sicher (almost certainly) nicht erteilt worden“. „Nahezu sicher“ … so so – alles ist wohl nur eine Frage des Preises?

Wahrscheinlich wusste die Titanic selbst nicht, wie sehr ihre Anzeigenparodie mit dem Kindergesicht auf diversen Produkten doch am Kern der Sache rührt. Im Jahre 2005 ging der Fall „Ricky Holland“ durch die amerikanischen Medien. Der 7jährige verschwand spurlos, das Thema wurde Medienhype, tausende Freiwillige spendeten und halfen bei der Suche, das Bild Rickys wurde auf Milchtüten und andere Produkte gedruckt und ein halbes Jahr später gestanden die Eltern den Mord und führten die Polizei zur Leiche.

Update: In einem Interview im Stern erklärt sich Mitherausgeber Martin Sonnenborn, nebenbei Vorsitzender der PARTEI und derjenige, dem Deutschland die WM 2006 zu verdanken hat. Zitat:”Ich würde sogar sagen, es handelt sich um eine Kriegserklärung an England.”

Jens Berger

Bildnachweis: Bilder 2,3 und 5 (von oben): Montage Spiegelfechter (CC) und Bild 1 und 4:Titanic

Kategorie: Medien | 61 Kommentare

Der Qualitätsjournalismus wird gegen das böse Internet obsiegen

30. Oktober 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Als Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert den mechanischen Buchdruck erfand, nahm er dem Medium „Buch“ seine Exklusivität. Ideen konnten sich fortan mit einem wesentlich geringeren Kapitaleinsatz und ohne Zustimmung der klösterlichen Schreibstuben vervielfältigen. Diese „dritte Medienrevolution“ hat nicht nur maßgeblich zur Reformation, sondern auch zur Aufklärung geführt. Zu Gutenbergs Zeiten fühlten sich die schönschreibenden Mönche ihrer Deutungshoheit beraubt - eine Demokratisierung des Wissens und eine Relativierung der herrschenden Meinung waren für sie und ihre Position gefährlich.

Frank Schirrmacher, seines Zeichens Mitherausgeber der FAZ, konservativer Schöngeist und gnadenloser Agenda-Setter und Kampagniero, ist ein schönschreibender Mönch des frühen 21. Jahrhunderts. Sein deutungshoheitliches Medium ist der „Qualitätsjournalismus“, wie er die großen ehrenwürdigen Tageszeitungen bezeichnet. Dieser „Qualitätsjournalismus“ ist laut Schirrmacher bedroht, nicht etwa durch sich selbst und seine Versäumnisse, sondern durch das Internet – ein Medium, von dem Schirrmacher wenig weiß und von dem er so ziemlich nichts verstanden hat, außer das es eine Bedrohung für den Schirrmacherschen „Qualitätsjournalismus“ sei. Wenn dieser seiner Linie treu bliebe und das Internet “erobere” (sic!), so würde er allerdings über die neue Technik obsiegen, die von Schirrmacher als „Saurons Auge“, also als „Kraft des Bösen“ metaphorisiert wird.

Mit diesen kruden Thesen eröffnete Schirrmacher in seiner Dankesrede, anlässlich der Verleihung des „Jacob-Grimm-Preises“ am letzten Samstag, eine neue Debatte über Journalismus in Zeiten des Internets – und wer Schirrmacher kennt ahnt Böses heraufziehen. Die Medienzaren Schirrmacher, Aust und Döpfner verbindet ein dunkles Band, und wenn es um Kampagnenjournalismus geht, arbeiten sie Hand in Hand mit gefälschten Daten, falschen Interpretationen und rufmörderischen Lügen. Wenn die Vertreter der Deutungshoheit im deutschen Blätterwald ins gleiche Horn blasen, bleibt die Wahrheit stets auf der Strecke.

Auch in seinem Kasseler Sermon blieb der demographiefixierte Kassandraruf vom Untergang des Abendlandes nicht aus. „Die wenigen Kinder“, die „wir haben“, müssen vor dem Internet geschützt werden, da sie vom Netz mit einem „seelischen Extremismus programmiert werden“, so Schirrmacher. Dabei spielt er auf Gewalt und Pornographie an, die im Netz zweifelsohne leichter zu bekommen sind, als anderswo. Freilich hat dies kaum einen Heranwachsenden in der „kuscheligen“ Zeit, als das „Internet“ nicht nur Herrn Schirrmacher nicht bekannt war, davon abgehalten, sich mit eben diesen Inhalten zu versorgen. Splatterfilme und harte Pornos hatten damals zumindest eins, was sie heute nicht mehr haben – sie waren offensichtlich verboten und übten damit einen Reiz aus, den das Netz heute dank seines Überangebotes nicht erfüllen kann. Generationen sind damit herangewachsen, ohne seelisch zu verrohen, wie Schirrmacher es in einem moralinsauren Ton, der Kardinal Meisner zu Ehre gereichen würde, der heutigen Jugend unterstellt. Aber als Konservativer muß man wohl so sprechen wie Schirrmacher – schon Sokrates soll sich über die Jugend von damals echauffiert haben.

Schirrmacher wäre allerdings nicht Schirrmacher, wenn er Sätze wie diese beiläufig in eine Rede einstreuen würde, in der es eigentlich um die Zukunft der Tageszeitung respektive der „Qualitätsmedien“ geht. Mit aller Macht versucht er das Thema „Internet“ auf die Themen „Pornographie“, „Gewalt“ und „halbseidene Nachrichten (sic!)“ herunter zu brechen, um die „Qualitätsmedien“ als einzig seriöse Content-Lieferanten diesem Sodom und Gomorra gegenüberzustellen.

Schirrmacher schafft es nicht zwischen Inhalt und Medium zu unterscheiden. Das Internet sei weniger glaubhaft, weil neben einem Online-Artikel im gleichen technischen Kommunikationskanal auch Sex und Gewalt ihr Dasein frönen – gut, dass die FAZ im Kiosk immer separat von Schmuddelerzeugnissen, wie der BILD oder den Trucker-Pornos vertrieben wird. Man könnte ja sonst vom Medium auf den Inhalt schließen. In typisch feuilletonistisch aufgeblasener Schönschwätzer-Entrücktheit erkennt Schirrmacher in dem Medium „Zeitung“ ein „retardierendes“ Moment der gesellschaftlichen Kommunikation, das gerade aus diesem Grunde „unverzichtbar“ sei. Mit der Geschwindigkeit des Internets kann das Medium „Zeitung“ natürlich nicht konkurrieren und sollte dies auch gar nicht versuchen – ein großer Vorteil des Mediums Internet ist allerdings die Archivierungsfunktion. Im Netz sind bei kompetenter Suche auch Artikel zu finden, deren „retardierendes“ Moment konserviert ist. Man schreibt (idealisiert ausgedrückt) für die Ewigkeit und nicht für den schnellen Moment. Ist die Zeitung längst im Altpapier verstaut, lebt der Artikel im Internet noch lange Zeiten weiter. Schirrmacher vermag es nicht, die schnelle Nachrichtenmeldung mit kurzer Halbwertzeit vom nachhaltigen Artikel zu trennen.

Genau so dünkelnd elitär wie die FAZ selbst, ist auch Schirrmachers Begriff des Journalismus. „Im Internet hängen die Redakteure weniger an ihrem Text. In der Zeitung muss ich um jedes Redigat stundenlange Diskussionen führen“. Ein wahrlich elitäres Problem, das im heutigen real existierenden Zeitungsjournalismus wahrscheinlich nur noch Herausgeber und Feuilleton-Chefs kennen. Der „normale“ Zeitungsjournalist hat „dank“ Personaleinsparungen und wahrgenommener Synergieeffekte gar nicht mehr die Zeit, ein Redigat großartig zu diskutieren. Schön, dass es Herrn Schirrmacher noch nicht so geht und er anscheinend Redaktionsmitglieder, die unter Abgabestress stehen, mit stundenlangem Palaver von ihrer Arbeit abhalten kann – Chefs dieser Kategorie sind meist sehr beliebt. Gerade Journalisten im Bereich „Nachrichten“ verlassen sich heutzutage leider all zu oft blind auf Agenturmeldungen – auch in den Redaktionen von Schirrmachers „Qualitätszeitungen“ hat diese Praxis Einzug gehalten.

Sicher täte man ihm allerdings unrecht, den altehrenwürdigen Zeitungen die Qualität ihrer Reportagen, feuilletonistischen Rezensionen oder Hintergrundberichte abzusprechen – natürlich sind sie es, die über das journalistische Personal und das Kapital verfügen, qualitativ hochwertige Berichte zu erstellen. Allerdings bewegen sie sich in einer Zwickmühle – dieser glaubwürdige und qualitativ hochwertige Content ist alleine nicht zu vermarkten, das zeigen die Auflagenstärken und Quoten von Fachpublikationen. Die klassischen Inhalte einer Zeitung, also Nachrichten und Kommentare aus dem Bereich der Politik, sind es, die aus einem Nischenprodukt ein viel verkauftes und daher bei Anzeigenkunden teuer umworbenes Produkt machen. Und genau in diesem Bereich stecken die Zeitungen in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise, die (auch) durch das Internet verstärkt wird.

Keines der „Mainstream-Medien“ bietet heutzutage eine echte Alternative, kein Medium hat ein klar zu fassendes Alleinstellungsmerkmal. Man unterscheidet sich höchstens in leisen Zwischentönen vom massenmedialen Einheitsbrei. Mantras und Dogmen werden heruntergebetet, ohne sie zu hinterfragen, während der Leser sich zunehmend in einem virtuellen Raum mit virtuellen Wahrheiten wägt. Nicht zuletzt Kampagnieros wie Schirrmacher sind es, die das Grab für die „Qualitätsmedien“ selbst schaufeln.

Zu Gutenbergs Zeiten waren es die Bibel in lateinischer Sprache, die nur von Eliten gelesen werden konnte, und kirchliche Hetzschriften gegen die Türken, die Auflage machten. Die Deutungshoheit verblieb auch in den Anfangszeiten des Buchdrucks bei den Eliten. Auch heute ist die herrschende Meinung, die durch Mainstream-Medien verbreitet wird, immer noch die Meinung der Herrschenden. Zwischen Partikularinteressen, die als Common Sense umgedeutet werden, und einer mal mehr, mal weniger latenten Hetze gegen andere Kulturkreise und Ideologien ist es bei den „Qualitätszeitungen“ zwischen den Zeilen still geworden, was freie Meinung und intellektuelles Querdenkertum angeht. Man wähnt sich in Monty Pythons berühmten „Spam-Sketch“ auf der erfolglosen Suche nach einem Gericht ohne Spam.

Das Medium „Buch“ hatte erst später, zu Zeiten der „Reformation“ und der „Aufklärung“, seinen politischen Höhepunkt erreicht, als es genutzt wurde, um der herrschenden Meinung Alternativen gegenüberzustellen. An diesem Punkt ist auch das Internet angekommen. Graswurzel-Journalismus und eine Gegenöffentlichkeit sind es, die Herrn Schirrmacher Angst machen. „You can fool some people sometimes, but you can´t fool all the people, all the time“ – mit dem Netz und dem partizipativen Journalismus verlieren die großen Medien nicht nur Quoten und Auflagen, sondern vor allem die Deutungshoheit – wäre ich Herr Schirrmacher, ich hätte auch Angst.

Eine durchaus lesenswerte Replik auf Schirrmachers Rede ist erstaunlicherweise bei SPIEGEL-ONLINE erschienen. Der Autor Christian Stöcker gehört auch nicht etwa dem Feuilleton oder der Politik-Redaktion an, sondern dem Ressort „Wissenschaft und Netzwelt“ und hat eine relativ vernünftige Sichtweise der „neuen“ Medien.

p.s.: Die Radiosendung “HR2 Der Tag” hatte sich letztes Jahr dem Thema Medienkampagnen angenommen. Die Sendung Die Kampagnieros - Wie Mediendebatten inszeniert werden ist sehr lehrreich und wirft einen kritischen Blick auf Schirrmacher, Aust und Co..

Jens Berger

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Stone Merchant - Islamophobie auf DVD

21. Oktober 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Seit es das Kino gibt, wird es auch als Propagandainstrument benutzt. Der kommerziell erfolgreichste Film der Stummfilmära war das 1915 erschienene Epos „Die Geburt einer Nation“ - ein von Rassismus gespicktes Werk, das sich für die Rassentrennung stark macht. Sergej Eisensteins Klassiker aus dem Jahre 1925 „Panzerkreuzer Potemkin“ spielte bereits mit den filmischen Mitteln der Propaganda und gilt heute als einer der besten Filme aller Zeiten. Unter den Nationalsozialisten wurden sowohl antisemitische Propagandafilme, wie „Jud Süß“, als auch ästhetische Meisterwerke der Propaganda, wie Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ produziert. Die meisten deutschen Filme der Kriegszeit glänzten hingegen durch ihre betont unpolitische „Heile Welt Atmosphäre“ – in ihnen kamen weder Krieg noch Hitlergruß vor.

In der Zeit des Kalten Krieges wurde von Hollywood meist ein manichäisches Weltbild propagiert. Ein dunkles Reich des kollektivistischen Bösen im Kampf gegen die Kreuzritter der „freien Welt“. In den meisten amerikanischen Propagandafilmen dieser Zeit zeichnen sich die Gegner der amerikanischen Helden dadurch aus, dass sie nicht synchronisiert werden, meist schlecht und düster beleuchtet sind, keine oder niedere Motive haben und selbstverständlich am Ende entweder sterben oder missioniert werden, nachdem sie im Laufe des Filmes wahlweise den besten Freund, die Geliebte/Frau oder die Kinder des Helden getötet haben. Wenig phantasievoll wurde dieses Plot auf die Actionfilme der 90er Jahre übertragen, in denen Hollywood der alte Feind abhanden kam und durch den islamistischen Terroristen ersetzt werden musste.

Der Film „Ausnahmezustand“ aus dem Jahre 1998 nahm sich als erster Hollywoodfilm des Themas „islamistischer Terrorismus“ in einer selbstkritischen Art und Weise an. Neben den perfiden Terroristen spielt Bruce Willis als harter General, der im Kampf gegen den Terrorismus die Menschenrechte außer Kraft setzt, die zweite Fraktion der Antagonisten. In der Post-9/11 Ära hätte dieser General sicher Karriere gemacht:

Anthony ‘Hub’ Hubbard: Are you people insane? What are you talkin’ about?
General William Devereaux: The time has come for one man to suffer in order to save hundreds of lives.
Anthony ‘Hub’ Hubbard: One Man? What about two, huh? What about six? How about public executions?
General William Devereaux: Feel free to leave whenever you like, Agent Hubbard.
Anthony ‘Hub’ Hubbard: Come on General, you’ve lost men, I’ve lost men, but you - you, you *can’t* do this! What, what if they don’t even want the sheik, have you considered that? What if what they really want is for us to herd our children into stadiums like we’re doing? And put soldiers on the street and have Americans looking over their shoulders? Bend the law, shred the Constitution just a little bit? Because if we torture him, General, we do that and everything we have fought, and bled, and died for is over. And they’ve won. They’ve already won!
General William Devereaux: Escort him out.

Nach 9/11 wurde das Thema “islamistischer Terrorismus” weitestgehend aus dem Medium “Kinofilm” verbannt. Erstaunlicherweise nahmen sich bislang zwei große Filme des Themas an, die sehr differenziert mit dem Thema umgingen. Der Film „Syriana“ setzt den Terrorismus in den Kontext amerikanischer Außenpolitik, der Gier nach Öl und saudischen Extremismus´. Dabei geht der Film sehr verantwortungsvoll mit dem schwierigen Themenbereich um und vermeidet es moralische Kategorien, wie „Gut“ und „Böse“ zu verwenden. Wim Wenders legte in seinem subtilen Film „Land of Plenty” den Fokus auf die verletzte Seele Amerikas und erzählt die Geschichte eines traumatisierten Vietnamkriegsveteranen, der versucht in einer komplexen Welt, die er nicht versteht, seinen privaten Kampf für das Gute zu bestreiten, indem er auf eigene Faust vermeintliche islamistische Terroristen im Westen der USA jagt. Konfrontiert mit der Komplexität des Themas, fällt er in ein Loch der Orientierungslosigkeit, symbolisiert durch Ground Zero.

Das Thema „islamistischer Terrorismus“ wird durch Politik und Medien in den letzten Jahren zu einer allgegenwärtigen Gefahr riesigen Ausmaßes aufgebauscht – erstaunlich, dass dieses Thema im Film hauptsächlich in TV-Produktionen á la „24“ propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Nicht etwa Hollywood, sondern Europa wagt sich als erstes aus den Schiesscharten. Der Italiener Renzo Martinelli erzählt in seinem Film „Stone Merchant – Händler des Todes“, der nächste Woche als DVD auf den deutschen Markt kommt, vom verzweifelten Kampf des wachen Europäers gegen den sinisteren Islam. Das Drehbuch wirkt dabei so, als wäre es in Gemeinschaftsarbeit im PI-Blog geschrieben worden. Der tragische „Held“ des Filmes ist ein italienischer Professor mit dem Namen Bandini, der als Spezialist für „islamistischen Terrorismus“ und „Al-Quaida“ gilt. Beim Terroranschlag auf die US-Botschaft in Nairobi verlor er beide Beine und fristet seitdem, an der Seite seiner schönen Frau, im Rollstuhl sein Leben. Er ist ein Mahner vor dem Islam, dessen Ziel - in seiner Logik- die Zerstörung des Westens ist. Vollkommen ohne jegliche Ironie oder Differenziertheit wird dieser tragische „Held“ als einzig wache Geist in einer Welt voller Beschwichtiger und freiwilligen Opfern skizziert. Sein geistiger Horizont schwankt dabei zwischen Paranoia, Vorurteilen und blankem Hass – in einer Szene des Filmes kämpft er gegen den Herausgeber einer Zeitung, für die er schreibt, dass ein Artikel von ihm veröffentlicht wird, der als Kernbotschaft die Aussage trägt, „die Muslime können den Westen dankbar sein, wenn dieser sie vom Islam befreit“. Der Herausgeber will diesen Artikel allerdings nicht veröffentlichen - nicht etwa, weil er polemische Hetze ist, sondern weil er Angst vor Muslimen hat – der Karikaturenstreit lässt grüßen.

Der islamistische Terror ist in diesem Film allgegenwärtig. Am Anfang des Filmes wird die schöne Frau Bandinis durch einen von tapferen italienischen Polizisten verhinderten islamistischen Anschlag am Flughafen in Rom an einer geplanten Geschäftsreise gehindert. Nun haben die beiden endlich Zeit, zu ihrer Hochzeitsreise nach Kappadokien aufzubrechen – den ursprünglichen Reisetermin verhinderte der Terroranschlag, bei dem Bandini beide Beine verlor. Wir lernen – noch vor Faktoren, wie Wetter oder Fluglotsenstreiks, spielt der islamistische Terror mittlerweile eine gewichtige Rolle bei der Reisplanung.

In Kappadokien angekommen, hilft dem Pärchen der zufällig vorbeifahrende Shahid (gespielt von F. Murray Abraham), der sie mit einem mysteriös-charismatischen italienischen Edelsteinhändler namens Vicedomini (Harvey Keitel) bekannt macht. Dieser zeigt ihnen nicht nur die Geheimnisse Kappadokiens, sondern macht sich auch gleich an Frau Bandini heran, die aufopferungsvolle Gattin des rollstuhlfahrenden Helden. Klar, ein Italiener würde so etwas nie machen, zum Glück erfährt der Zuschauer später aber, dass Vicedomini ein Konvertit ist – da passt das krude Weltbild natürlich wieder. Wenn zwei Europäern im Nahen Osten von Muslimen Gastfreundschaft und Hilfe angeboten wird, kann irgendwas ja nicht stimmen – natürlich sind Shahid und Vicedomini in Wirklichkeit sinistere „Terror-Päpste, die einen terroristischen Angriff von epischer Größe planen, der den Westen in die Knie zwingen soll” (Pressetext des deutschen Verleihers Koch-Media).

Dafür erobert der Konvertitenbösewicht Vicedomini das Herz von Frau Bandini, die er für seine Terrorplanungen benutzen will. „Schwachheit, dein Name ist Weib!“, dies wußte schon Hamlet. Der geprellte Gatte hat allerdings nicht nur einen wachen Instinkt für die allgegenwärtige Gefahr durch den Islam, er bemerkt selbstverständlich auch, dass sein untreues Weib eine „Affaire de Coeur“ mit einem Konvertiten eingegangen ist. Genau so wie der Rest Europas hört auch seine Frau nicht auf seine vergeblichen Kassandra-Rufe, der Muslim sei von Boshaftigkeit und Hass gegen den Westen erfüllt und wer sich mit ihm einlässt, wird dies bereuen. Und genau so wie der Rest Europas muss Frau Bandini so viel „Appeasement“ teuer bezahlen. Auf einer Fähre im englischen Hafen Dover sprengen die Terroristen sich selbst, Frau Baldini und eine Substanz namens „Rotes Quecksilber“ in die Luft. Hoffentlich sieht Wolfgang Schäuble nie diesen Film – ein solches Szenario mit fiktiven Substanzen passt doch hervorragend in seinen Paranoia-Katalog.

In der pathetischen Schlussszene erklärt der Herr Professor seinen Studenten (und mit ihnen den Zuschauern) noch einmal die krude Metabotschaft dieses Filmes: Im 17ten Jahrhundert hatte der Islam seine größte Ausdehnung und die Türken standen vor Wien. Heute ist der Islam wieder so weit und stellt eine Bedrohung dar, die Europa in seinen Grundfesten bedroht. Damals gab es eine „heilige Allianz“, in der ein vereintes christliches Europa den Islam besiegte und zurücktrieb. Und was ist heute? Der Abspann setzt ein und der Zuschauer wird mit dieser Frage alleine gelassen. Soll er seinen Döner-Verkäufer verprügeln oder sich für die Armee einschreiben?

Ein solch stumpfes, undifferenziertes und von Lügen und Stereotypen gespicktes Machwerk hat es selten gegeben. Man kann schon fast von Glück reden, dass der Film derart schlecht gemacht und schlecht gespielt ist, dass seine offensichtlich manipulative Propaganda zu durchschaubar ist. Immerhin schaffte Regisseur Martinelli das selten Kunststück, einen Film abzuliefern, bei dem der aufgeklärte Zuschauer sich in der Mitte des Filmes freuen würde, wenn der rollstuhlfahrende Held endlich von den Bösewichten umgebracht würde oder wenigstens ein einziges Mal ein Antagonist auftauchen würde, der ihn mit Argumenten als das darstellt, was er ist – ein dumpfer Hetzer. Ebendies ist auch der ganze Film – dumpfe Hetze. Der Vorsitzende des größten italienischen Verbandes der Muslime, Hamza Piccardo, kritisierte diesen Film auch vollkomen zu recht, als “voll von Vorurteilen und Stereotypen - eine Karikatur, die nicht zu tolerieren sei.” Schändlich auch, dass große Schauspieler, wie F. Murray Abraham und Harvey Keitel (unvergessen in Smoke) sich zu solchen Machwerken hinreißen lassen. Heinrich George und „Kolberg“ wie „Jud Süß“ lassen grüßen – letzterer trägt das Label „FSK-Vorbehaltsfilm“, dieses Label würde „Stone Merchant“ auch gut zu Gesichte stehen.

Bildnachweis: Amazon, DHM, Medusa

Jens Berger

Kategorie: Medien | 103 Kommentare

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  • superguppi @162 Possimist Man kann nicht von einem Artikel auf die gesamte Zeitung schließen. Die Artikel von Lucas...
  • Possimist Viele Sachen die hier beim Spiegelfechter oder auch bei den NachDenkSeiten kritisiert werden, werden auch...
  • Spiegelfechter @Jonas Mayer Aber, aber … SPON-Journalisten schreiben doch nicht ab! Das ist wohl eher ein...
  • Jonas Mayer Ich finde ja, man sollte sich mal kritisch darüber auslassen, dass der SPIEGEL, wie 90% aller - ach so...
  • Mark F. Es gibt doch einen und nur einen Alphablogger in Deutschland: Peter Turi. Der besitzt die Internet-Adressen...
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