Heiner Flassbeck - Das Ende der Massenarbeitslosigkeit

19. Mai 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Wenn man Heiner Flassbecks Thesen so hört, könnte man denken, er sei Oskar Lafontaines wirtschaftspolitischer Sprecher – einer dieser Herren, die in den Talkshows der Nation von Vertretern der deutschen Industrie, der Großen Koalition und der deutschen Wirtschaftswissenschaften stets mitleidig als Ewiggestrige abgekanzelt werden, da sie die Zeichen der Globalisierung angeblich nicht erkannt hätten. Heiner Flassbeck ist allerdings Professor für Volkswirtschaftslehre, Chefvolkswirt der UN Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) und war früher Ressortleiter „Konjunktur“ beim DIW – er ist also mitnichten jemand, der die Globalisierung nicht verstanden hätte. Flassbeck ist einer der wenigen deutschen Volkswirte, die in Wissenschaftskreisen international konsensfähig sind und nicht als orthodoxes Fossil belächelt werden, wie die Herren, die fleißig in deutschen Talkshows erklären, warum man sparen und die Lohnkosten senken muss. Flassbeck sagt das genaue Gegenteil.

Dass Flassbecks Thesen an Lafontaine erinnern, ist übrigens kein Zufall. Er gilt als Lafontaines „Spiritus Rector“ und wurde von ihm während seiner Zeit als Finanzminister als Staatssekretär für Finanzen eingesetzt. In dieser Zeit versuchte er zusammen mit den Franzosen eine keynesianische Finanz- und Währungspolitik in der EU durchzusetzen, womit er bekanntlich scheiterte. Die Folgen dieses Scheitern sind bis heute einer der Hauptgründe für die hohe Arbeitslosigkeit, die schlechte Binnenkonjunktur und die gefährliche Situation, in der Deutschland steckt. Während der letzten dreißig Jahre hat sich Deutschland derart von der Exportwirtschaft abhängig gemacht, wie kein anderes Land. Da es in der globalen Gesamtwirtschaft aber keine Überschüsse und kein Defizite gibt, muss der deutsche Exportüberschuss von anderen Ländern auf „Pump“ finanziert werden. Wenn diese deutschen Boomzeiten sich allerdings dem Ende zuneigen, weil beispielsweise andere Nationen ihre Währungen abwerten müssen, wie es die USA in den letzten Jahren massiv machen, und dadurch der deutsche Export weg bricht, steht Deutschland vor einem sehr großen Problem.

Während alle anderen Industriestaaten – außer Japan – immer auf ein Gleichgewicht zwischen Außenhandel und Binnenkonjunktur (also der Nachfrage im eigenen Land) bedacht waren und sich teilweise (wie die USA) sogar durch massive Außenhandelsdefizite für die Weltwirtschaft „aufgeopfert“ haben, hat Deutschland jahrzehntelang über eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik und eine monetaristische Finanzpolitik die Binnenkonjunktur förmlich abgewürgt. Nach endlosen Nullrunden, Sparinitiativen und neoliberalen und neoklassischen Eingriffen in die Wirtschaft, steht Deutschland im internationalen Vergleich etwas sonderlich da. Einerseits ist Deutschland das Land, das von der Globalisierung am meisten profitiert – mit 80 Mio. Einwohnern exportiert Deutschland mehr Güter, als die USA mit ihren 400 Mio. Einwohnern, oder China mit seinen 1.300 Mio. Einwohnern, was für sich genommen schon grotesk ist. Auf der anderen Seite sind die Einkommen in keinem anderen OECD-Staat derart schwach entwickelt, wie in Deutschland. Das Land wird immer reicher, nur die Bürger werden – relativ und mittlerweile auch absolut – immer ärmer. Was bereits aus Gerechtigkeitsgründen negativ zu bewerten wäre, ist aber auch volkswirtschaftlich problematisch, da ein Großteil der Wirtschaft nicht vom Export profitiert, sondern über die Aufwertung der eigenen Währung sogar benachteiligt wird. Während Importe und lokal hergestellte Güter sich massiv verteuern, bleibt das Einkommensniveau der Bevölkerung weit hinter dieser Teuerung zurück, was sich negativ auf die Binnenkonjunktur ausschlägt.

Was für die deutsche Bevölkerung ein Nachteil ist, ist für das deutsche Großkapital durchaus von Vorteil. Da die massiven Überschüsse, die alljährlich erzielt werden, mangels Nachfrage kaum im Inland investiert werden können, kauft man Stück für Stück internationale Konkurrenten auf. Während es in den Talkshows der Nation immer heißt, man müsse den Gürtel enger schnallen, weil das Kapital ins Ausland geht, wird umgekehrt ein Schuh daraus. Weil die Lohnentwicklung in Deutschland derart unterdurchschnittlich ist, existiert zuwenig Nachfrage, was Investitionen ins Ausland treibt – die logische Schlussfolgerung aus alledem kann daher nur heißen: Löhne rauf! Und dies ist auch eine der Hauptthesen, die Flassbeck in seinem äußerst lehrreichen Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ vertritt, das er letzte Woche in der SR2-Sendung „Fragen an den Autor“ dem Publikum vorstellte.

Flassbeck hält eine Lohnsteigerung in Höhe des Produktivitätszuwachses plus des Inflationsziels für empfehlenswert. Für Deutschland hieße dies – jedes Jahr Lohnsteigerungen in Höhe von mindestens 4%. Und da man in einer Volkswirtschaft gesamtwirtschaftlich nie Sparen kann, empfiehlt Flassbeck auch den Konsum zu stärken, da Ausgaben immer auch Einnahmen sind. Für die Rezepte der deutschen Politik, die immer auf ein „Sparen“ herauslaufen – was es so gar nicht geben kann –, hat Flassbeck bestenfalls Unverständnis über. Wenn verlautbart wird, man müsse für die Rente sparen, so heißt dies de facto, dass man der Konjunktur Geld entzieht und es anderen Investoren leiht – es kann keinen Gläubiger ohne Schuldner geben. Anstatt die eigene Wirtschaft anzukurbeln, stellt man also anderen Volkswirtschaften Geld zur Verfügung, damit sie ihre Konjunktur ankurbeln und die Nachfrage nach deutschen Exporten zunimmt. Dies mag ein nettes Instrument sein, die Exportbranche zu stärken, als Rentensystem ist dieses Konzept unsinnig. Ein Umverteilungssystem, wie die klassische Gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland kann nur durch Konsum gestärkt werden. Jeder ausgegebene Euro ist ja nicht weg, sondern landet auf der Einnahmenseite bei einem anderen Wirtschaftssubjekt und fließt über die Umverteilungssysteme auch wieder ins Rentensystem zurück. Solch grundlegende Basiskenntnisse der Volkswirtschaft sind allerdings weder in der Politik noch in den Wirtschaftsverbänden vorhanden.

Neben der Stärkung der Binnennachfrage ist die monetaristische Geldpolitik der EZB für Flassbeck eine Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und der EU. Flassbeck, der den Monetarismus für gescheitert hält, ist ein Verfechter einer aktiven Geldpolitik, wie sie die amerikanische Notenbank FED betreibt. Während es der EZB nahezu ausschließlich um die Geldwertstabilität geht, nutzt die FED die Zinsanpassungen auch aktiv, um konjunkturpolitische Ziele zu verwirklichen. Ein niedriger Zinssatz erhöht die Nachfrage nach Geld, welches neu investiert (und teilweise sicher auch konsumiert) werden kann, womit die Konjunktur nachhaltig gestärkt wird. Die EZB argumentiert ganz im Sinne des vom Neoliberalismus geprägten Monetarismus, dass jeder Eingriff des Staates in den Markt problematisch sei und für Ungleichgewichte und somit Marktstörungen verantwortlich sei – international hat dieser „deutsche“ Ansatz, der schon von der Bundesbank gepflegt wurde, allerdings wenig Freunde. Volkwirte wie Flassbeck sehen in dem niedrigen Inflationsziel von 2% auch keinen Fetisch und wünschen sich durchaus eine höhere Inflation, die durch niedrigere Zentralbankzinsen ausgelöst wird. Nur müssen dann natürlich auch die Lohnentwicklungen und die Entwicklungen staatlicher Transferleistungen mindestens 2% über dem Inflationssatz liegen.

Für Ohren, die gewohnt sind, den deutschen Talkshowökonomen zu lauschen, klingt dies sicher alles „wirr“ und „unglaubwürdig“ – ein Grund mehr, Flassbecks Buch zu lesen. Es räumt mit vielen Vorurteilen auf, die pausenlos wiedergekäut werden, was sie allerdings kein Jota wahrer macht. Da das Buch für ein Werk, das sich mit volkswirtschaftlichen Themen beschäftigt, relativ flüssig und verständlich geschrieben ist, kann man es sicher auch Lesern empfehlen, die einen Einstieg in die Materie suchen.

Jens Berger

Bildnachweis: 2x Westend Verlag, DHM

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Raser Ackermann auf der Finanzlandstraße

21. März 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Eine goldene Regel des Finanzsystems besagt, dass man zusätzliche Rendite nur über ein gesteigertes Risiko erkaufen kann. Wer sein Erspartes auf ein Sparbuch bei der heimischen Sparkasse bringt, bekommt dafür nur 4% Zinsen; ähnlich verhält es sich bei Staatsanleihen von solventen und politisch stabilen Staaten. Dafür hat man allerdings eine nahezu 100% Sicherheit, dass man das Geld samt Zinsen auch wirklich ausbezahlt bekommt. Wer einem politisch und wirtschaftlich instabilen Staat Geld leiht, bekommt dafür eine Risikoprämie. Statt der 3,5%, die der deutsche Staat an Zinsen für geliehenes Geld bezahlt, muss beispielsweise Venezuela 11,2% Zinsen zahlen. Der Sparer bekommt deutlich mehr, wenn er das Geld denn auch ausbezahlt bekommt. Bei Aktienfonds oder abenteuerlichen Konstrukten auf dem Offenmarkt bekommt man zwar keine feste Rendite, hat aber – je nach Risikoneigung – die Chance wesentlich mehr Rendite zu erzielen. Aber je riskanter die Anlagestrategie ist, desto höher ist auch das Risiko, dass man am Ende mit leeren Händen dasteht, oder gar noch drauf bezahlen muss.

Auf deutschen Landstraßen gibt es ein Tempolimit von 100 km/h. Dieses Tempolimit wurde aufgestellt, um risikofreudige Raser davon abzuhalten, sich selbst und andere zu gefährden. Bei normalem Verkehr erreicht man eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 bis 80 km/h. Wer diese Durchschnittsgeschwindigkeit steigern will, muss sowohl das Risiko eingehen, geblitzt zu werden, als auch mit seinen Wagen zu verunglücken. Wer beispielswiese sagt, ich will eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 130 km/h erreichen, der erkauft diesen Geschwindigkeitsvorteil mit dem Risiko, bei einem riskanten Überholmanöver in der Kurve, frontal mit dem Gegenverkehr zu kollidieren.

Die Investmentabteilung der Deutschen Bank und andere Investmentbanken rühmen sich damit, 25% Kapitalrendite zu erzielen. Verglichen mit Omas sicherem Sparbuch ist das immens viel. Wenn Omas Sparbuch der sichere Fahrer im Volvo-Kombi ist, so stellt Ackermanns Investmentgeschäft einen BMW-Raser dar, der gewillt ist, Risiken einzugehen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Wer, wie Ackermann, 25% als Vorgabe nimmt, der überholt auch auf nasser Fahrbahn in der Kurve – anders kann er die Vorgaben nicht erreichen. Das Ganze geht vielleicht auch eine Zeit lang gut, und Ackermann hat den Ruf eines Teufelsfahrers, der in kritischen Momenten seinen Wagen recht gut beherrscht. Aber irgendwann passiert es einmal – ein Crash, der nicht nur Joe Ackermanns BMW zerfetzt, sondern auch die entgegenkommende langsam fahrende Oma in ihrem Volvo.

Jahrelang hat der Staat meist darauf verzichtet, auf der „Finanzstrasse“ Geschwindigkeitsbegrenzungen aufzustellen. Dort, wo er doch mal tätig wurde, kontrollierte er die Einhaltung aber nicht. Bestimmte Fahrer, wie Hedge-Fonds, hatten sogar die staatliche Genehmigung, so schnell zu fahren, wie sie wollten. Man sagte sich in Berlin und anderen Hauptstädten – „dann geht es halt etwas zügiger zu auf unseren Straßen – da passiert schon nichts“.

In den letzten Monaten herrschen sehr schlechte Straßenverhältnisse. Einige Raser sind schon im Straßengraben gelandet – manchmal sogar mit tödlichen Folgen. Joe Ackermann hält allerdings nicht viel von Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber ein wenig mulmig wird auch ihm, zumal andere Raser, die nicht so gut fahren können wie er, mittlerweile auch ihn gefährden. Daher hat Ackermann nun Berlin vorgeschlagen, der Staat könne doch für die Unfallkosten seiner Raserei aufkommen, so dass er sich im Falle eines Crashs gleich wieder in einen neuen BMW setzen kann. Jeder Verkehrspsychologe würde Herrn Ackermann wahrscheinlich den Führerschein wegnehmen, da er mit seinem Verhalten und seiner Einstellung sich und andere gefährdet.

Finanzminister Steinbrück scheint von Ackermanns Vorschlag aber recht angetan zu sein. Man verständigte sich schon darauf, dass die Raser auch ein wenig Eigenbeteiligung leisten müssten, aber da es auch auf deutschen Landstraßen flott zugehen muss, kann man den Rasern kaum Vorschriften machen.

Das ist natürlich falsch – rigide Geschwindigkeitsbegrenzungen müssen her und an jeder Ecke sollte eine Radarfalle stehen. Notorische Raser wie Ackermann könnte man sogar mit einem GPS-Gerät pausenlos kontrollieren. Natürlich kann sich Raser Ackermann dann nicht mehr mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 130 km/h rühmen, aber die Sicherheit auf deutschen Straßen hätte dadurch gewonnen. Und wenn niemand mehr schneller als 80 km/h ist, dann können die Raser um Ackermann auch nicht mehr in ihren Cliquen mit ihren Raserabenteuern angeben und können so resozialisiert werden.

p.s.: Der Vergleich stammt vom Wirtschaftsweisen Bofinger. Er hat ihn in der Radiosendung “HR2-Der Tag: Ackermann, geh Du voran” geäußert, die auch Podcastempfehlung der Woche ist.

p.p.s.: Mit diesem Artikel verabschiede ich mich in die Osterfeiertage und tauche auch so schnell nicht wieder auf ;-)

Allen Lesern wünsche ich “Frohe Ostern!

Jens Berger

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Europas Armenhaus wird unabhängig

22. Februar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Podcast der Woche:

Ein sehr breites Themenspektrum deckt die Radio Sendung „Forum“ des SWR2 ab. Politische, gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Themen werden im Rahmen dieser werktäglichen Sendung behandelt. Die Sendung ist eine klassische Radiotalkshow mit drei Studiogästen, die meist Wissenschaftler oder Fachleute sind, die auch wirklich etwas zum Thema zu sagen haben. Denkverbote oder Proporzdenken sind in dieser 45minütigen Sendung zum Glück nicht anzutreffen.

In der Sendung vom 19.2.08, die diese Woche die Podcast-Empfehlung ist, diskutieren der Politikwissenschaftler Prof. Wolf Oschlies, der Balkan-Experte Norbert Mappes-Niediek und der kosovarische Schriftsteller Beque Cufaj über die einseitige Unabhängigkeitserklärung und die Zukunft des Kosovos. Vor allem Oschlies weiß dabei Akzente zu setzen und kritisiert faktenreich die Politik der EU und der UNMIK.

Einige Zusatzlinks zur Sendung:

- Europol schätzt, dass 40% des Heroins für den westeuropäischen und amerikanischen Markt über den Kosovo abgewickelt werden. Der britische “Janes Intelligence Review” geht sogar davon aus, das 70% des Heroins für den Markt in der Schweiz und in Deutschland über das Kosovo gehen. Die CIU geht sogar von 80% aus.

- Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) gibt die Zahl der aus dem Kosovo vertriebenen Serben mit 234.000 an.

- Unter den Augen von Kfor und UNO wurden bei den albanischen Progromen im Jahre 2004 noch einmal über 4.000 Serben und Roma vertrieben.

- Das European Roma Rights Center schätzt die Zahl der vertriebenen Roma auf rund 80.000.

Und zum Schluss noch vier ausgezeichnete Artikel:

Der Stern: Christoph Reuter - Mafia-Staat von UN Gnaden
Eurasisches Magazin: Kurt Köpruner - Vom intakten Jugoslawien zur Terror-Region Kosovo
Eurasisches Magazin: Wolf Oschlies - Zeitbombe kurz vor der Explosion
Eurasisches Magazin: Dirk Auer - Roma zwischen den Fronten

Jens Berger

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Die CIA und Geheimarmeen in Europa

08. Februar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Podcast der Woche:

Die Radiosendung Doppelkopf ist ein klassisches Talk-Radio Feature des HR-2. Werktäglich sitzen sich ein interessanter Gast und der Gastgeber rund 50 Minuten gegenüber und unterhalten sich abseits des Schnatterwahns des Mediums Fernsehen über interessante Themen. In der nächsten Woche werden u.a. der Klimaforscher Stefan Rahmstorf und der Lyriker Peter Handke zu Gast sein. Die Sendung, die ich heute empfehlen will, ist schon etwas älter und greift ein Thema auf, das leider nur sehr selten von seriösen Medien aufgegriffen wird: Der schweizer Historiker Danielle Ganser sprach am 16.11.2006 mit der HR-Journalistin Michaela Wunderle über das Thema „Die CIA und Geheimarmeen in Europa“.

Wenn auf einer Internetseite das Wort „Gladio“ zu lesen ist, klicken viele aufgeklärte Nutzer schnell weg, da sie ahnen, was jetzt kommt: Verschwörungstheorien. Dass man sich diesem Thema auch wissenschaftlich und seriös nähern kann, beweist Danielle Ganser, Historiker und Friedensforscher an der Uni Basel. Im Rahmen des Parallel History Project des Zentrums für Sicherheitspolitik an der ETH Zürich untersuchte Ganser, unterstützt von europäischen Kollegen, ein Kapitel des Kalten Krieges, das den wenigsten Menschen bekannt sein dürfte.

In den frühen 50er Jahren hatte der Westen Angst, von der Roten Armee überrollt zu werden. Da besetzte Länder während des Zweiten Weltkriegs mit „Guerilla-Kriegsführung“ und „Partisanentaktiken“ große Erfolge erzielen konnten, griff die NATO dieses Konzept auf und gründete in mehreren westlichen Ländern mit Hilfe von CIA und britischen MI6 so genannte „Stay-Behind-Organisationen“. Aufgabe dieser geheimen Kommandotruppen war es, sich bereit zu halten, um im Ernstfall eine wirksame „Resistance“ gegen die Truppen der Roten Armee aufbauen zu können. Dafür wurden riesige Waffenlager angelegt und in jedem Land geeignete Mitglieder rekrutiert. Da diese Gruppen streng antikommunistisch ausgerichtet sein sollten, wurden die Mitglieder vornehmlich im christlich-reaktionären und rechtsextremen Umfeld rekrutiert. In Italien und Deutschland spielten ehemalige Faschisten eine entscheidende Rolle.

Mit einer Verfestigung des Status-Quo und einem Frieden durch Abschreckung war die Gefahr einer sowjetischen Invasion in den 60er Jahren merklich gesunken. Für die bestehenden Geheimarmeen wurde in einigen Staaten allerdings recht schnell eine neue Aufgabe gefunden. Die Türkei und Italien spielten dabei eine besonders unrühmliche Rolle. Die italienische Geheimarmee trug den Namen Gladio - und dieser Begriff steht heute als Synonym für Geheimarmeen, Staatsterror und die Strategie der Spannung.

Im Italien der 60er Jahre stellten die Kommunisten zeitweise die stärkste Partei im Parlament. Für die NATO wäre es eine Katastrophe gewesen, wenn die Kommunisten die Regierung übernommen hätten oder beispielsweise auch nur den Verteidigungsminster gestellt hätten und ihre Geheimnisse direkt nach Moskau gekabelt würden. Gladio wurde eingesetzt, um mittels „False Flag Operations” und gezielter Desinformation die Gegenseite zu diskreditieren. Heute geht man davon aus, dass mindestens 200 Italiener durch Terroranschläge durch Gladio getötet wurden, die kommunistischen Organisationen, wie den Roten Brigaden, in die Schuhe geschoben wurden. Auch beim Mord am konzilianten christdemokratischen Ex-Regierungschef Aldo Moro (1978) wird von mehreren seriösen Stellen „Gladio“ eine Mittäterschaft zugeschrieben. Inwieweit NATO, CIA und MI6 in die Operationen von „Gladio“ verwickelt waren, ist historisch umstritten, da es zwar Hinweise für eine direkte Verbindung gibt, die sich aber nicht beweisen lassen.

Auch in Deutschland gab es eine Geheimarmee. Mit aufgebaut wurde sie von Reinhard Gehlen – im Dritten Reich General und Chef der Ost-Abteilung militärischen Geheimdienstes und unter Adenauer Kernzelle des neuen Bundesnachrichtendienstes. Bereits im Jahr 1952 packte der ehemalige SS-Hauptstürmführer Hans Otto bei der Frankfurter Kriminalpolizei aus und deckte die deutsche Gladio-Sektion mit dem Namen „Technischer Dienst des Bundes Deutscher Jugend“ auf. Besonders brisant war, dass bei der Aktion Listen gefunden wurden, die Namen von führenden Sozialdemokraten und Kommunisten enthielten, die im Falle einer Sowjetinvasion liquidiert werden sollten – auf der Liste standen auch so illustre Namen wie „Wehner“ oder „Apel“. Nach einem kurzen Aufschrei wurde die ganze Sache auf Weisung von Oben eingestellt und Spuren wurden vernichtet.

Nach neuen amerikanischen Dokumenten bestanden die Geheimarmeen in Deutschland allerdings wesentlich länger. Auch das Oktoberfestattentat von 1980 steht im Verdacht, mit „Gladio“ in Verbindung zu stehen. Sicher scheint zumindest, dass der Sprengstoff aus einem „Geheimdepot“ der deutschen Sektion in der Lüneburger Heide stammte – zu dumm, dass der Betreiber des Depots, das vermeintliche Mitglied der deutschen Gladio-Sektion, der Rechtsextremist Heinz Lembke, einen Tag bevor er bei der Staatsanwaltschaft über seine Hintermänner auspacken konnte, tot in seiner Zelle aufgefunden wurde. Ein spannendes Thema.

Das Buch von Danielle Ganser “Nato-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung” erscheint im März 2008 in deutscher Sprache, kann aber schon vorbestellt werden.

p.s.: Danke an den User “Isularossa” für den Hinweis auf diese Radiosendung.

Jens Berger

Bildnachweis: Wikicommons und Danille Ganser

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SR2-Fragen an den Autor mit Christoph Butterwegge

25. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Podcast der Woche:

Die Sendung “Fragen an den Autor” wird vom Saarländischen Rundfunk seit fast 40 Jahren ausgestrahlt und gehört damit zu den Klassikern der anspruchsvollen Radioprogramme. Wie der Name schon sagt, stellt sich jede Woche der Autor eines renommierten Sachbuches den Fragen des Interviewers und des Publikums. Neben den aktuellen Sendungen, die wöchentlich als Podcast ins Netz gestellt werden, bemühen sich die Macher momentan, die besten Sendungen aus fast 40-jährigen Geschichte als Klassiker im Podcast verfügbar zu machen.

Eine Perle unter den jüngsten Sendungen ist die Sendung mit dem Sozialwissenschaftler Professor Christoph Butterwegge. Dessen aktuelles Buch “Kritik des Neoliberalismus” ja auch schon seit längerer Zeit als Buchempfehlung beim SPIEGELFECHTER gelistet ist. In diesem Buch gehen Butterwegge und seine beiden Koautoren dem Wort und gleichzeitig Unwort der letzten Jahre nach: Was ist “Neoliberalismus”, was steckt hinter ihm, wie sieht seine Geschichte aus, was wollen eigentlich seine Vertreter und warum ist er eigentlich die vorherrschende Denkschule in der aktuellen Politik und Wirtschaftswissenschaft?

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will. Für Leser, die bis dato noch gar keine Erfahrungen auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik haben, ist das Buch wahrscheinlich zu komplex, da es bereits in der Einleitung “in medias res” geht. Wer allerdings halbwegs regelmäßig wirtschaftspolitische Text in seiner Tageszeitung oder dem SPIEGELFECHTER liest, wird kaum Probleme mit dem Anspruch haben und eine wertvolle Informationsquelle finden.

Ist das Buch eher theoretisch gehalten, geht Butterwegge in der SR2-Sendung vornehmlich auf die praktischen Implikationen ein. Anhand von mehreren Beispielen aus der momentanen politischen Diskussion (Mindestlohn, Bahnprivatisierung) erklärt er die “Denke” des Neoliberalismus und wirft die entscheidenden Fragen auf, die in den Medien viel zu selten gestellt werden.

Jens Berger

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