Der bürgerliche Protest
geschrieben am 19. Januar 2009 von Spiegelfechter
Bei den Landtagswahlen in Hessen setzten sich die politischen Trends des letzten Jahres fort. Die „Volksparteien“ verlieren von Jahr zu Jahr mehr Anhänger, vor allem die SPD erodiert in der Wählergunst. Davon profitieren können vor allem die alte und die neue bürgerliche Alternative in Gestalt der FDP und der GRÜNEN. Auch wenn „Finanzkrise“ und „Kapitalismuskritik“ in aller Munde sind, kann die LINKE, die eigentlich von der gesellschaftlichen Großwetterlage am stärksten profitieren müsste, allerdings kein Kapital schlagen – für viel mehr als solide 5% scheint es in den westlichen Flächenstaaten mittel- bis langfristig nicht zu reichen. Der Protest der Verdrossenen der großkoalitionären Politik wählt bürgerlich oder meidet die Urnen – mit 61% lag die Wahlbeteiligung in Hessen so niedrig wie noch nie.
Der Dusel-König
Roland Koch gehört zweifelsohne zu den großen Wahlverlieren; einzig die Wählerflucht zur bürgerlichen Opposition konnte aus der Niederlage der CDU einen vermeintlichen Sieg machen. Koch kann über eine deutliche Mehrheit im „bürgerlichen Lager“ bequem eine Regierung – mit ihm an der Spitze – formen. Kochs CDU konnte allerdings vor fünf Jahren noch 48,8% der Stimmen gewinnen – dies waren 1.35 Mio. Wähler. Bei den gestrigen Wahlen entschieden sich nur noch rund 964.000 Hessen für Koch. Jeder dritte Hesse, der 2003 noch Koch wählte, wollte ihm in diesem Jahr nicht mehr seine Zustimmung geben. Koch konnte noch nicht einmal mehr Stimmen sammeln, als bei den letztjährigen Wahlen, als er durch seinen Rechtspopulismus im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik stand. Die CDU vermochte noch nicht einmal von der Selbstzerfleischung der SPD zu profitieren – Sieger sehen anders aus. Retter in der Not ist die FDP, der Preis für ihre Juniorpartnerschaft ist allerdings hoch. Wenn die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind, wird die FDP im Bundesrat eine Sperrminorität haben und damit die bundespolitische „Allmacht“ der Großen Koalition beenden.
Das Gümbel-Desaster
Thorsten Schäfer-Gümbel stand von Anfang an auf verlorenem Posten. Er konnte die Wahlen nicht gewinnen, selbst wenn er über das Charisma eines Willy Brandt, den politischen Scharfsinn eines Helmut Schmidt und die rhetorischen Fähigkeiten eines Oskar Lafontaine verfügen würde. Schäfer-Gümbel verfügt allerdings nur über das Charisma, den politischen Scharfsinn und die rhetorischen Fähigkeiten eines Schäfer-Gümbel – eher solide Hausmannskost als Haute Cuisine, aber dies ist für die SPD nicht eben ungewöhnlich. Schäfer-Gümbel wird daher auch ein „guter“ Oppositionsführer werden – ein SPD-Mann von altem Schrot und Korn, der zwischen den Flügeln moderierend und ohne Visionen den Absturz der ehemaligen Volkspartei sicher nicht wird verhindern können. Die SPD hat ihren herben Absturz auf 23,7% selbst zu verantworten. Vor einem Jahr setzten noch 36,7% der Hessen, die den Weg zur Urne gefunden haben, ihr Vertrauen in eine Partei, die Koch ablösen wollte und in den verschiedenen Sachpolitikfeldern eine Alternative zur CDU anbot. Die Partei zeigte sich allerdings weder fähig noch würdig, den Wählerwillen verantwortungsvoll wahrzunehmen.
Die mediale Kampagne gegen Andrea Ypsilanti war verheerend. Ihr Wille, durch eine Tolerierung seitens der LINKEN die im Wahlkampf versprochene Politik umzusetzen, stieß bei der bürgerlichen Presse erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe. Ypsilantis großer Fehler war keineswegs der viel zitierte „Wortbruch“ – sie hätte in jedem Falle ihr Wort brechen müssen. Hätte sie sich für eine Große Koalition hergegeben, hätte sie ihre anderen Wahlversprechen nicht umsetzen können. Welcher „Wortbruch“ schwerer wiegt, liegt im Auge des jeweiligen Betrachters. Einen großen und unverzeihlichen Fehler machte Ypsilanti jedoch auf dem strategischen Parkett – eine Partei- und Fraktionsvorsitzende muss die Stimmung innerhalb ihrer Fraktion kennen, und wenn es Zweifel an der Aufrichtigkeit einiger Fraktionsmitglieder gibt, sollte man sich nicht aus der Deckung wagen und den Heckenschützen freies Schussfeld bieten. Mit ihrem strategischen Unvermögen hat Ypsilanti nicht nur ihre eigenen Ambitionen desavouiert, sondern auch die Aussicht auf eine mehrheitsfähige Politik „links der Mitte“ für lange Zeit beschädigt.
Ypsilanti stand bei ihrem „Vabanque-Spiel“ nicht einmal unter Druck. Die „linke Mehrheit“ war existent und die Vorstellung, einen geschäftsführenden Ministerpräsidenten Koch zu verhöhnen, indem man ihm die Umsetzung rot-rot-grüner Politik, die vom Landtag beschlossen wird, aufträgt, wäre durchaus eine Option gewesen, die sowohl wahltaktisch als auch inhaltlich für die SPD durchaus hätte reizvoll sein können. Ypsilanti setzte alles auf eine Karte, verlor und überließ die Partei ihrem Schicksal. Warum der Wähler eine Partei wählen sollte, die nicht fähig ist, den Auftrag des Wählers umzusetzen, und in deren Fraktion wilde Flügelkämpfe jegliche konstruktive Politik verhindern, ist nicht zu vermitteln. Nur noch jeder zehnte Hesse – 614.000 Seelen – wählte die Partei mit dem „S“ in ihrem Namen.
Die LINKE kann die Gunst der Stunde nicht nutzen
Welche Rahmenbedingungen müssten gegeben sein, um der LINKEN größtmöglichen Erfolg zu garantieren? Das Vertrauen in den Kapitalismus im Allgemeinen, und dem in Deutschland stark verbreiteten Neoliberalismus, müsste durch offen erkennbare Fehler im System beschädigt sein. Das Thema Gerechtigkeit müsste aufgrund der wirtschaftlichen Fehlentwicklung und der immer stärker aufklaffenden Schere zwischen Arm und Reich an Bedeutung gewinnen. Die Wähler im Lager links der Mitte müssten durch eine katastrophale Politik und Außendarstellung der SPD nach Alternativen suchen und die bürgerlichen Parteien dürften nicht über charismatische und talentierte Frontmänner verfügen. All dies beschreibt die politische Großwetterlage bei den hessischen Landtagswahlen par excellence. Die LINKE konnte allerdings trotz dieses gewaltigen Rückenwindes nur ihr Minimalziel erreichen und mit 5,4% auch bei den Neuwahlen in den hessischen Landtag einziehen. Was vor einem Jahr noch ein durchaus respektables Ergebnis war, ist heute eher als Enttäuschung zu werten. Fest steht – die LINKE konnte von der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht profitieren. Dies mag überraschen – der durchaus vorhandene Protest und die Unzufriedenheit mit der Großen Koalition haben die Wähler stattdessen in die Fänge der bürgerlichen Opposition getrieben oder sie zur Stimmenthaltung veranlasst.

Der Protest der Bürgerlichen
Schon bei den Landtagswahlen in Bayern konnte vor allem die bürgerliche Opposition von der Schwäche der Großkoalitionäre profitieren. Auch in Hessen hießen die Wahlgewinner FDP und GRÜNE. Vor allem der große Gewinner FDP konnte allerdings weder personell noch thematisch glänzen – einzig und alleine der Umstand, dass CDU und SPD derart glücklos agierten und der Wähler das bürgerliche Lager nicht verlassen wollte, war entscheidend für den Erfolg der FDP. Für den Beobachter mag dies anachronistisch wirken – die Partei, deren Ideologie sich für die Finanz- und Wirtschaftskrise verantwortlich zeigt, profitiert in Zeiten der Krise von der Rat- und Planlosigkeit der anderen Parteien.
Parteienforscher machen bereits einen Lagerwahlkampf für das Superwahljahr 2009 aus. Ein schwarz-gelbes Bündnis ist aber nur ein Teil des potentiellen Lagerwahlkampfs. Zum „klassischen“ bürgerlichen Lager gesellen sich mittlerweile die SPD, deren politische Inhalte von denen der CDU kaum mehr abzugrenzen sind und die GRÜNEN, die voll und ganz im „neuen bürgerlichen Lager“ angekommen sind. Weder SPD noch GRÜNE haben vor, einen Wahlkampf gegen das „bürgerliche Lager“ zu führen. Wenn sich jedoch auch auf Bundesebene der Trend zu Schwarz-Gelb manifestieren kann, stehen die Chancen gut, dass ein Umdenken stattfindet. Der SPD kann nicht dauerhaft daran gelegen sein, die Rolle des Juniorpartners der CDU zu übernehmen, wenn es für Schwarz-Gelb mal nicht reichen sollte, und die GRÜNEN haben von ihren guten Wahlergebnissen nichts, wenn ihnen auf Dauer kein größerer Partner zur Verfügung steht, der gewillt und im Stande ist, eine Regierung mit ihnen zu bilden.
Jens Berger
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Das Gewissen steht natürlich als ethisch-moralische Komponente nicht unter der Interpretationshoheit der gottlosen Sozen, sondern es ist Gott selbst, der über die Gewissensentscheidungen der Menschen zu urteilen hat. Da Gott aber bis heute weder eine Kommentarspalte in der WELT noch einen Internetauftritt hat, ist es sein politischer Arm in Deutschland, dem das Urteil zusteht, wann in der Politik das Gewissen einmal eine Rolle spielen darf. Ähnlich wie es im Klerus selbst keine Sünde gibt, gibt es in der Partei mit „C“ in ihrem Namen auch kein Gewissen – zumindest haben christdemokratische Abgeordnete davon noch nie öffentlich Gebrauch gemacht. Das Gewissen ist eine Tugend der SPD, was nicht unproblematisch ist, da der politische Gegner alter Zeiten ja die Interpretationshoheit innehat.
Während die vier rechten Aufrechten bei Beckmann wenigstens würdig im Beiprogramm des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer auftreten durften, mussten sich Ypsilanti und ihr Famulus Schlaffer-Gimpel am Dienstag vom knallharten Powertalker Johannes Baptist Kerner in einer Freakshow im Rahmenprogramm von Ufologen und Löffelbiegern vorführen lassen. Um es vorwegzunehmen – weder Ypsilanti noch Schräger-Bembel haben etwas über Hitlers Autobahnen gesagt und durften das Studio auf regulärem Wege verlassen. Im Fernsehen durfte Frau Ypsilanti natürlich auch nichts gegen das Gewissen der gewissenlosen Verräter sagen, da der Vorzeigejournalist des Trash-TVs sich von seinen Assistenten für einen solchen Fall sicher knallharte Fragekärtchen hat vorbereiten lassen. Die Quintessenz Ypsilantis lautete daher auch wenig überraschend, dass auch sie ein Opfer sei. Opfer der Medien, Opfer der Parteirechten und Opfer des knappen Wahlergebnisses. Auf die Erkenntnis, dass sie Opfer ihrer eigenen Dummheit, Opfer ihres Dilettantismus´ und Opfer ihrer eigenen Hybris ist, warteten sowohl Kerner als auch die Zuschauer vergebenes. Wenigstens Schufa-Kimble durfte sich erstmalig und wahrscheinlich auch letztmalig einem größeren Publikum zeigen und es mit dem Mutterwitz eines Verwaltungsbeamten für sich einnehmen. Der Wahlverlierer in spe kann einem dabei fast leid tun – er ist sicher ein talentierter Nachwuchspolitiker, der zur falschen Zeit in den Ring gezerrt wird, um sich vom amtierenden Champion des Populismus´ abschlachten zu lassen. Aber in der Politik und in der Liebe ist nun einmal alles erlaubt und Herr Schnöder-Krempel
Die Welt, wie wir sie kennen, wird am nächsten Dienstag aufgehört haben zu existieren. Eine Wahl wird die Weichen stellen – nein, es geht nicht um die US-Präsidentschaftswahlen, die nur im Windschatten eines viel bedeutenderen Ereignisses stattfinden: der Wahl des hessischen Ministerpräsidenten. Als einziger Kandidat steht die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti zur Wahl. Wenn man dem Amtsinhaber Roland Koch Glauben schenken darf, droht Hessen im Falle des Machtwechsels die Deindustralisierung, die schleichende Demontage des hessischen Autobahnnetzes und im schlimmsten Falle gar der Kommunismus. Der Untergang des Abendlandes und nur die SPD kann dies noch verhindern. Glaubt man indes der Kandidatin, erblüht am Dienstag im Herzen von Deutschland die soziale Moderne und die ökologische Erneuerung – etwas kleiner geht es bei der SPD-Rebellin anscheinend nicht.
Die Bildung einer rot-grünen Regierung unter Duldung der LINKEn ist nur möglich, wenn alle Abgeordneten dieser drei Parteien ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle machen – rechnerisch hätte das Bündnis zwar zwei Stimmen Vorsprung, aber die Abgeordnete 
Die Chancen für Andrea Ypsilanti, am Dienstag Ministerpräsidentin zu werden, stehen 50:50. Wird sie von ihren Parteifeinden gemeuchelt, ist dies das Ende ihrer politischen Karriere. Gelingt ihr das Kunststück, werden ihr alle Türen offen stehen. Eine SPD, die nach der drohenden Niederlage 2009 neue Bündnismöglichkeiten sucht, wird neben Klaus Wowereit auch nicht an Andrea Ypsilanti vorbeikommen. Aber bis dahin ist es noch weit. Was könnte einen Heckenschützen in der SPD bewegen, Ypsilanti der kläffenden Meute zum Fraß vorzuwerfen? Neben politischen Differenzen, die wahrscheinlich keine Rolle spielen, sind Machtinteressen ein Hauptmotiv. Wenn Ypsilanti nach allen Regeln der Kunst der Lächerlichkeit preisgegeben werden kann, wird dies die hessische SPD in ihren Grundfesten erschüttern. Die SPD-Linke wird für viele Jahre desavouiert sein und das Postenkarussell nimmt wieder volle Fahrt auf, diesmal mit neuer Besetzung – eine grandiose Karrierechance für opportunistische Netzwerker. In einer Partei, in der Franz Müntefering als Beispiel für Bodenhaftung, der stets schlecht gelaunte Peter Struck als Sinnbild für Konsequenz und der mäandernde, profillose Sigmar Gabriel als Nachwuchshoffnung gelten, ist Platz für alle. Hereinspaziert, meine Damen und Herren, Manege frei – Willkommen im Zirkus SPD, Narreteien und halsbrecherische Drahtseilakte ohne Netz und doppelten Boden.
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“Das Netz hat jedoch auch vor allen möglichen anderen Krisen und Ereignissen gewarnt, die...
@Christopher Nimm das bitte jetzt nicht persönlich: Es ist vollkommen unerheblich...
@Jamas: Danke für alle deine Ausführungen! Ich fände es wirklich gut, wenn du in Zukunft hier...
@…fechter “Im Nachhinein ist man natürlich klüger – zumindest dieses Mindestmaß...
@kwon wobei es auch meldungen darüber gab, dass es eine vereinbarung zwischen presse...