Ein Gespenst geht um in Berlin
19. Juni 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Während die beiden Volksparteien, die sich unisono in der politischen Mitte wähnen, in einer großkoalitionären Sinnkrise verharren, machten sich am Wochenende die polarisierenden Außenflügel des politischen Systems an die Aufgabe ihrer Neuerfindung. Während die libertären Vertreter des Besitzstandes in Stuttgart zur Abschaffung des Sozialstaates bliesen, feierte in Berlin die, aus PDS und den SPD-Rebellen der WASG fusionierte, LINKE ihre Geburt – eine Hybride aus einem altersschwachen Ostbaum und einem jungen Spaltpilz.
„Wir sind gekommen um zu bleiben“ war die Botschaft des Gründungsparteitages und sie verfehlte nicht ihr Ziel. Wenn man nur die hysterischen Kommentare fast aller politischen Gegner hören würde, müsste man denken, in Deutschland habe sich eine semistalinistische Partei gegründet, deren Ziel es ist, aus Deutschland eine Mischung aus Kuba und Nordkorea zu machen.
Der Herr Pofalla von der CDU setzt die LINKE populistisch merkbefreit mit der NPD gleich, Herr Niebel von der FDP pumpt sich auf wie ein hypertonischer Maikäfer und geifert über verfassungsfeindliche Kommunisten und Herr Heil von SPD mäandert über die Deutungshoheit des Begriffes „links“, den er als geistiges Eigentum der SPD verortet. In allen Äußerungen schwingt eine mystische Dämonisierung des linken Volkstribunen Lafontaine mit - gerade so, als sei Demagogie links der Mitte verboten. So unsinnig diese populistischen Kassandrarufe sind, so unklar ist die Zukunft, Programmatik und das Selbstverständnis der neugeborenen LINKEN.
Die LINKE stellt eher ein Sammelbecken diverser linker Strömungen dar als eine homogene Programmpartei. Exemplarisch für das Selbstbildnis der neuen Partei sind die Reden, die in Berlin gehalten wurden. Der neue Vorsitzende Lothar Bisky repräsentiert das pragmatische und besonnene, aber behäbige, PDS-Erbe der Reformsozialisten. Seine Rede – hoch intelligent, aber rhetorisch unausgefeilt, dröge vom Blatt abgelesen und tendenziell sedierend. Das genaue Gegenteil zur Bisky-Rede kam – wie zu erwarten – vom zweiten Vorsitzenden der neuen Partei, Oskar Lafontaine. Furios, rhetorisch einwandfrei und alle Zweige der Partei vereinend, legte er einen Parforceritt ab, der linke Positionen jenseits jeglicher Sachzwänge greifbar machte und in fast allen Punkten überzeugen konnte. Wenn sich die realpolitische Linie der LINKEN als Kompromiss zwischen dem intelligenten Pragmatismus Biskys und der populistischen Utopie eines Lafontaines vereinen wird, so wird die LINKE ihr Wählerpotential von 24% (Forsa) ernst nehmen können – the sky is the limit.
Aber abseits der beiden Positionsbestimmungen der großen alten Herren, gab es – wie bei einer linken Partei nicht anders zu erwarten – das, beinahe schon identitätsstiftende, basisdemokratische Klein-Klein. Ein zur Selbstzerfleischung neigendes Konglomerat aus Seminarmarxisten, politisch Korrekten, naiven Weltverbesserern, Salonsozialisten, zwanghaften Querulanten und Dogmatikern gehört zu einer Partei, die links der Mitte steht, wie die Maß Bier zur CSU. Ob es die LINKE schafft sich zum glaubwürdigen Vertreter der - von Lafontaine beschworenen - betrogenen Mehrheit zu erheben oder in einem chaotisch heterogenen System aufgeht, in dem Splittergrüppchen ihre weltanschaulichen Grabenkämpfe ausmachen und Partikularinteressen durchdrücken wollen, bleibt abzuwarten. Eine Partei, die sich nur auf Allgemeinplätze als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann, braucht niemand.
Zumindest dürfen die Scharfmacher der sogenannten politischen Mitte sich wieder beruhigen können – eine revolutionäre Kraft geht von der LINKEN sicher nicht aus. Auch sie würden – und zwar streng quotiert -, käme es zum Umsturz, erst einmal eine Fahrkarte lösen, bevor sie den Bahnhof stürmten.
Der Gründungsbonus ist vorhanden, die Zeichen der Zeit stehen gut, die SPD ist im großkoalitionären Wahnsinn verfangen und mit Lafontaine und Bisky hat die LINKE ein führungsstarkes Doppel an ihrer Spitze. Bis zur Wahl 2009 sollte dieser Anfangsvorschuss halten, wenn die Sektierer sich halbwegs im Zaum halten. Aber spätestens 2009 muss die LINKE sich zur grundsätzlichen Antwort auf die Frage des Regierungswillens bekennen. In einer rot-roten oder rot-rot-grünen Koalition wird die LINKE nur einen Teil ihrer politischen Forderungen durchsetzen können. Viele Punkte, wie Mindestlohn, Rücknahme einiger Komponenten der Agenda 2010 oder ein gestärkter Ordoliberalismus sind beispielsweise durchaus konsensfähig zum linken Flügel der SPD. Ob die dogmatische Linke und die Sektierer in den Reihen der LINKEN so viel Realpolitik vertragen werden, sei dahingestellt. Die Alternative wäre die Totalopposition. Diese Variante hieße keineswegs, nicht auf die reale Politik einzuwirken. Mit geschickten - auch populistischen - Äußerungen und Positionierungen kann so ein nachhaltiger Druck auf die lahmende SPD und die - ihre Tradition verleugnenden – Grünen aufgebaut werden.
Klar ist – die LINKEN werden einen tief greifenden Einfluss auf die Gesäßgeographie Deutschlands haben. Vor allem die SPD kann es sich nicht leisten, eine fahlrötliche Kopie der CDU zu bleiben. Auch wenn es den ehemals sozialdemokratischen Zweckopportunisten schwer fällt, den gefallenen Engel und Widergänger der Sozialdemokratie als Partner in Betracht zu ziehen, so kann die SPD der LINKEN nicht das komplette traditionell sozialdemokratische Feld überlassen, will sie nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden – denn momentan sind die LINKEN die wahren Sozialdemokraten.
Jens Berger
Bildnachweis: ZEIT, Bundestag, AP, Titanic-Magazin
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Der Bundesparteitag der FDP ist eine wahre Fundgrube für Absurditäten. Ein ganzer Saal voll mit Menschen, die man im wahren Leben lieber nicht sehen will. Adrette BWL-Studenten, mit kecken Gel-Frisuren, hellblauen Business-Hemden und feschen hellgelben Krawatten, braungebrannte Jungjuristinnen im Chanel-Kostümchen, deren Ausstrahlung die menschliche Wärme eines Zwangsvollstreckungsbescheides hat, und Unmengen dynamisch wirkender Freiberufler mit dem mondänen Grinsen, welches den Erfolgsmenschen ausmacht.
Man will die Erbschaftssteuer zur Ländersache machen – das klingt schön föderal und deregulierend, so was mag der Wähler. Die Steuerrebellen der FDP führen an, dass einige Bundesländer kaum Einnahmen aus der Erbschaftssteuer haben – damit sind die östlichen Bundesländer gemeint, was auch wenig verwundert, da die Gelder der neuen Länder ja mit Vorliebe auf den Konten der Alpha-Menschen mit Wohnsitz im Westen und Süden der Republik landen. Daher sollten die östlichen Bundesländer auch die Erbschaftsteuer abschaffen, der Verwaltungsaufwand sei höher als der Ertrag aus dieser Steuer. Und da in unserer globalisierten, neoliberalen Welt ja Hobbes alte Bezeichnung des Naturzustandes (bellum omnium contra omnes - Krieg aller gegen alle) die Freiheit im Sinne der FDP repräsentiert, gilt: Wenn ein Bundesland die Erbschaftssteuer abschafft, ziehen unsere Alpha-Menschen alle dort hin, weshalb die anderen Bundesländer diese Steuer auch schnellstens senken oder abschaffen müssen. Ein Bundesland ohne Alpha-Menschen versinkt in Chaos, Armut und Bürgerkrieg – so etwas muss verhindert werden. Natürlich wird kein blaubehemdetes, braungebranntes Alpha-Menschlein in die brandenburgische Pampa ziehen, da dort der Weg zum nächsten Nobel-Italiener viel zu weit ist, aber die Drohung reicht. Das lehrt uns die neoliberale Logik.
Die Strategie der FDP erklärt auf Phoenix auch ein wenig telegener blaubehemdeter hessischer Abgesandter mit gelber Fliege, den die Kamera sichtbar nervös macht. Ja, er habe viele Unternehmen, überall in Deutschland, er sei ein Unternehmer - so verkündet er mit fliehenden Blicken, als dürfe das Finanzamt nichts davon wissen. Die größte Sorge dieses Alpha-Menschen ist es, dass er an allen Standorten unterschiedlich hohe Gewerbesteuer zahlen muss, da solle man diese doch lieber abschaffen. Dieser brillanten Logik kann man sich natürlich kaum verschließen. Gut, dass Italien keine FDP hat, sonst würden die dortigen Mafiapaten sicher auch fordern, es sei nicht einzusehen das es an den Gerichten des Landes unterschiedliche Strafen für gewisse Verbrechen gäbe, dies sei ineffizient, drum müsse man diese Strafen aus dem Gesetzbuch streichen. Das arme FDP-Steueropfer plädiert auch gleich verbal verworren für eine Streichung der Erbschaftssteuer. Dann könne der Sohn ja nicht mehr das Vermögen des Vaters erben. Mit diesem argumentativen Kracher erobert der gute Mann sicher die Marktplätze von Kassel bis Frankfurt. Ein echter Hoffnungsträger dieser sympathischen Partei.
Etwas später kommt der große Auftritt von Dirk Niebel. Es ist an ihm, die Gründung der Linkspartei zu kommentieren. Dafür setzt Niebel ein so böses Gesicht auf, dass man denken könnte, er hätte gerade seine Frau inflagranti mit Guido Westerwelle beim Oralsex überrascht. Mit diesem oscarreifen Gesicht stellt er ein Schildchen vor sich auf, auf dem der uralte Dregger-Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ geschrieben steht, über den FDP-Urgestein Burkhard Hirsch nach 
Im Zeichen der wieder entdeckten Fröhlichkeit, lädt die FDP dieses Wochenende zu ihrer Prunksitzung nach Stuttgart. Den Auftakt machte der FDP-Beauftragte für Humorfragen Guido Westerwelle. Und er ließ es gleich krachen. Der SPIEGELFECHTER war dabei und hat für Sie neben den Highlights seiner
Die FDP ist die letzte politische Kraft, die noch gegen die Achsenverschiebung der Republik nach links ankämpft.
Da macht sich große Frustration breit über die sogenannte große Koalition und den Stillstand, der von ihr ausgeht. Diesen bürgerlichen Protest will die FDP einfangen. Denn eine Politik, die nur noch über sogenannte Unterschichten und Heuschrecken redet und dabei die breite Mitte der Gesellschaft vergisst, riskiert Wohlstand und demokratische Stabilität.
Die Regierung muss vielmehr dafür sorgen, dass denen, die arbeiten, am Monatsende mehr Netto vom Brutto übrig bleibt. Dafür stehen wir als FDP.



Am 6. Juni schrieb imonkey hier im Blog einen
Dies ist ein Einsatz der Bundeswehr im Inneren, der äußerst kritisch zu bewerten ist. Wenn die Bundeswehr im Inneren Aufklärungsflüge gegen Demonstranten fliegt, so ist dies ein Einsatz, der sehr wohl von öffentlichem Interesse ist und keinesfalls abseits der politischen Diskussion in dunklen Hinterzimmern beschlossen werden kann.













