Jetzt ist aber mal gut?
geschrieben am 27. Juli 2011 von Thorsten Beermann
ein Gastartikel von Thorsten Beermann
Das Schicksal von Stuttgart 21 scheint entschieden. Der so genannte Stresstest für den neuen unterirdischen Durchgangsbahnhof wurde von den Schweizer Gutachtern von SMA abgenickt und auch wenn sich besonders die Grünen noch winden, wird die grün-rote Landesregierung wohl den Weiterbau gestatten, zumal die SPD-Führung sowieso nie etwas anderes vorgehabt hat. Während sich die Gegner des Projekts neu formieren, ist das Presseecho in dieser Frage nahezu eindeutig gegen die Protestler gerichtet. Jetzt muss es doch wirklich mal gut sein, oder? Wutbürger, go home!
Wenn man sich die Geschichte der Berichterstattung über S21 anschaut, überrascht diese Eindeutigkeit der Parteinahme nicht einmal. Denn von einer kurzen Atempause um die ungewöhnlich gewalttätige Räumung eines Parkabschnitts durch die Polizei am 30. September 2010 zeichneten die Medien, ob mit Vorsatz oder nicht, ein nahezu durch die Bank tendenziös verzerrtes Bild der Gegner des Projekts.
Das Bild der Demonstranten in den Medien schwankte in der Regel irgendwo zwischen weltfremden Baumkuschlern und ungewaschenen Krawalltouristen aus dem linksextremen Lager. Dass das Fundament der Gegner ein Kern von Personen war, die das Projekt seit mehr als zehn Jahren kritisch begleitet haben, spielte in der Berichterstattung nur selten eine Rolle.
Um zu erfahren, worum es den Gegner, zumindest den Ernsthaften, ging, durfte man sich ebenfalls nicht nur auf die Mainstream-Medien verlassen. Wollte man etwas über die mehr als dubiosen Umstände des Beschlusses zum Bau erfahren, in dem die baden-württembergische Landesregierung und die Vertreter der Stadt Stuttgart jede Möglichkeit der Bevölkerung, Einfluss zu nehmen, auf ein Minimum reduzierten, konnte man darüber mit etwas Glück in den Kommentaren lesen. In den Leitartikeln ging man darüber ebenso hinweg, wie über die Frage, ob S21 überhaupt eine Verbesserung der Bahn-Infrastruktur bringen würde oder nicht, wie auf der für den Güterverkehr aller Voraussicht nach unbefahrbaren Strecke nach Ulm, nicht sogar eine Verschlechterung darstellen würde.
Statt allerdings fachkundige Vertreter des Protests in den Vordergrund zu stellen, pflegten die Medien ihre Stereotypen und machten über Interviews und Einladungen in Talkshows Menschen wie Villenbesitzerinnen, die sich darüber echauffierten, bald „ihren Bahnhof“ nicht mehr von ihrer Terrasse aus sehen zu können und die selbsternannten Parkschützer, die über einzelne Bäume bittere Tränen vergossen zu Sprechern des Protests. Der eifrig etablierte Begriff des „Wutbürgers“ half nicht unbedingt, die Gegner als rational handelnden Akteur zu etablieren.
Die Befürworter, so ehrlich muss man an dieser Stelle sein, machten in der Berichterstattung eine kaum bessere Figur. Das lag allerdings weniger an der Vorauswahl durch die Medienvertreter, sondern eher daran, dass selbst Spitzenpolitiker des Bundes zur Verteidigung des Vorhabens nicht mehr vorzubringen hatte, als dass man in Deutschland ja „bald gar keine Projekte mehr durchsetzen könne, wenn man nun nachgäbe“ und dass die Wiederwahl der schwarz-gelben Landesregierungen doch als demokratische Legitimation genügen müssten.

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Bekanntlich beruhte der deutsche Aufmarschplan 1914 auf den Überlegungen Schlieffens, modifiziert durch Moltke, im Falle eines europäischen Krieges möglichst schnell mit weit ausgreifendem rechten Flügel die französische Armee zu umfassen und in einer Art Super-Cannae in einer gewaltigen Kesselschlacht zu vernichten. Auf diese Weise sollte der Krieg in Frankreich in wenigen Wochen entschieden werden, um sich dann den langsamer mobilisierenden Russen zuzuwenden. Bekanntlich kam es anders; die Franzosen zogen sich hinter die Marne zurück und erlaubten es den Deutschen nicht sie einzukesseln, während Russland wesentlich schneller mobilisierte als angenommen. Weihnachten 1914 fand deswegen in den Ende Herbst ausgehobenen Schützengräben statt und nicht zu Hause im Glanz des Sieges. Was aber wäre geschehen, wenn der Plan geklappt hätte? Wie könnte das Europa der Zwanziger Jahre aussehen, wenn das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte? Obgleich kontrafaktische Geschichte stets zu viele Unsicherheiten enthält, als dass man finale Aussagen treffen könnte, soll hier ein Versuch unternommen werden, ein solches Bild zu entwerfen.
Thilo Sarrazin darf also Mitglied der SPD bleiben. Alle Anträge auf einen Parteiausschluss, auch der des Vorstands, wurden zurückgezogen, Sarrazin hat eine Erklärung unterschrieben. Wenn man sich diese jedoch