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  • Deutschland, Deine Helden

    geschrieben am 19. Juli 2010 von Jens Berger

    Alle Jahre wieder versinkt Deutschland zum 20. Juli in eine eigenartige Gedenkkultur. Die Bundeswehr veranstaltet ihre Zapfenstreiche, im öffentlich-rechtlichen (und mittlerweile auch im privaten) Fernsehen reiht sich eine Guido-Knopp-Dokumentation an die andere und das ganze Land weiß plötzlich wieder, dass nicht alle Eliten des Dritten Reichs schlecht waren. Wohl dem Volk, das die Verdrängungskultur perfektioniert hat.

    Nachkriegsambivalenz

    Glaubt man der gefühlten Geschichtsschreibung, stand am 20. Juli 1944 das ganze Volk hinter den Helden des Widerstands, die das “heilige Deutschland” durch einen Tyrannenmord retten wollten. Nichts könnte falscher sein, der Kult um die adligen Verschwörer begann erst wesentlich später. Sogar in der Nachkriegszeit hatten die Deutschen ein – freundlich gesagt – ambivalentes Verhältnis zu den Verschwörern des 20. Julis. Im Jahre 1951 ergab eine demoskopische Studie, dass ein Drittel aller Befragten mit diesem Datum nichts verbindet oder keine Meinung dazu hat. Ein weiteres Drittel hatte eine positive, das letzte Drittel eine negative Einstellung zu Stauffenberg und Co. Ein Jahr später lehnte die Hälfte der Bevölkerung bei Umfragen strikt ab, Schulen nach Stauffenberg zu bennenen.

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    Furcht vorm kollektiven Fahnenschwenken

    geschrieben am 17. Juli 2010 von Jens Berger

    Die Deutschen und ihr Verhältnis zur Nation – ein Gastartikel von Benjamin Fredrich

    Seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 stehen die Deutschen wieder zu ihren Symbolen. Seitenscheitel und knapper Schnauzbart sind deshalb zwar nicht in Mode gekommen, doch wird immer wieder Skepsis gegenüber der neuen Bekundung nationaler Begeisterung geäußert. Wie gefährlich ist die gesellschaftliche Nationalisierung durch die Fußballweltmeisterschaft 2006 und 2010 wirklich?

    Wenn es um die Nation geht, wird besonders bei den Deutschen gerne debattiert. Jeder weiß, welches historische Erbe ein deutscher Staatsbürger hat und jeder weiß auch, dass sich ein 18-Jähriger nicht verantwortlich dafür fühlt.

    Ausgeprägter Nationalismus wird selbst in der CDU/CSU nur von Außenseitern ohne machtpolitischen Einfluss bekundet. Die NPD ist enorm verschuldet, seit 1953 weit von der 5% Hürde entfernt und die Bild-Zeitung konzentriert sich mehr auf niedere Instinkte als auf Nationalismus. Zudem hat Deutschland viele politische Kompetenzen an die Europäische Union abgegeben.

    So viel Nationalentzug schienen die Deutschen dann doch kein ganzes Jahrhundert zu verkraften, sodass die Fußballweltmeisterschaft 2006 wie ein Ventil für das lange Zeit unterdrückte Nationalgefühl diente. Auch anlässlich der WM in Südafrika schien es wieder so, als müssten die Fans das Schwenken der Fahne von über 60 Jahren nachholen.

    Politisch sind die Fahnenschwenker nicht grundsätzlich so national orientiert wie die Linken international. In der Masse werden die Fans überhaupt keine politischen Interessen verfolgen, auch wenn sich immer wieder Neo-Nazis unter den Zuschauern befinden. Anhänger der NPD und ähnlichen Gruppierungen sollten schon wegen der hohen Anzahl von nichtdeutschen Namen in der Nationalmannschaft verprellt worden sein. Und dennoch kann sich hinter dem neuen Zugehörigkeitsgefühl etwas Negatives verbergen.

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    Wir sind nicht eure Geldautomaten – Teil Zwei

    geschrieben am 13. Juli 2010 von Jens Berger

    ein Gastartikel von Wolf Wetzel

    Teil Eins erschien am 19. Juni auf dem Spiegelfechter

    Wir haben analysiert und vorhergesagt. Wir haben gewarnt und lange gewartet. Wir haben gehofft, gefordert, wir haben demonstriert. Es wird Zeit, dafür zu sorgen, dass das nicht eintritt, was wir alle nicht anders erwartet haben. Es wird höchste Zeit, nicht länger in eine andere Richtung zu zeigen – wir müssen sie selbst ändern.

    Der Ball rollt … und hat die Mittellinie überschritten

    Am 3. Juli 2010 fand in Frankfurt die von der ›Aktionsgruppe Georg Büchner‹ initiierte erste Konferenz statt. Wichtigstes Anliegen war, zuallererst in der Region eine möglichst breite Unterstützung für den Aktionsaufruf zu bekommen, mit dem Ziel, im Herbst eine Zentrale des Finanzsektors für einen kompletten Arbeitstag zu blockieren. Trotz des sehr kurzen Vorlaufs beteiligten über 50 Personen und AktivistInnen aus 29 Organisationen an dieser Konferenz.

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    Wider den Moraltotalitarismus!

    geschrieben am 05. Juli 2010 von Jens Berger

    Armes Land der Bayern. Fast jeder vierte volljährige Bewohner des stolzen Freistaats ist gestern dem Ruf der Fit-for-Fun-Dogmatiker gefolgt und hat sich in einem Volksbegehren für die Einführung des schärfsten Anti-Raucher-Gesetzes in Deutschland entschieden. Die Diktatur des Pöbels hat wieder einmal über die Unvernunft gesiegt. In Bayern wird damit bereits in wenigen Wochen der Tabakgenuss selbst in separaten Gaststättenräumen mit geschlossenem Lüftungssystem und in kleinen Eckkneipen verboten sein. Dem gesundheitsbewussten Jogger ist es auch schwerlich zuzumuten, täglich verschwitzt an Kneipen vorbeizuhasten, in denen übergewichtige Genussmenschen beieinander sitzen und sich bei einem alkoholischen Getränk oral an Giftstängeln berauschen und der Gemütlichkeit und der Geselligkeit frönen. Mit der Sünde kommt das Verderben und das ewige Leben erreicht nur der Tugendhafte.

    Doch dieser Teilerfolg ist der Anti-Raucher-Lobby noch nicht genug. Heute gehört uns Bayern und morgen die ganze Welt? Nun plant man bereits den bundesweiten Angriff auf die Freiheit von Wirten und ihren Gästen. Armes Deutschland, wohl den Bundesländern, in denen die Landesverfassung hohe Hürden für Volksbegehren eingebaut hat.

    Verbotswahn

    Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass das ehemalige Volk der Dichter und Denker und der Richter und Henker sich selbst seiner Freiheit beraubt? Der Michel hat eine neue alte Marotte wiederentdeckt, den Ruf nach Verboten. Das gefällt dem Michel gut, liebt der Michel doch Autoritäten, die ihm sagen, was er zu tun und zu lassen, zu denken und zu meinen hat – und wann er in Polen einmarschieren soll. War es früher der preussisch geprägte Ordnungssinn, der in Form von Obrigkeitswahn, vorauseilendem Gehorsam des deutschen Biedermanns und reglementierender Bürokratie unser Leben formte, so haben sich die Pickelhauben von gestern mit den Latzhosen von heute verbündet. Der Gesundheits-, Ernährungs- und Ökowahn der gut situierten, aber politisch desillusionierten und weltanschaulich sinnentleerten Mittelschicht mit Bildungshintergrund, hat sich längst zu einer Religion entwickelt.

    “Wer mehr als Hunger hatte, war einst Denker. Heute ist Denker, wer die Sattheit nicht länger erträgt.”
    Walter Fürst

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    54, 74, 90, 2010 – Jogis Mädchen träumt vom Sommermärchen

    geschrieben am 02. Juli 2010 von Jens Berger

    Angela Merkel macht es richtig. Es kriselt im Koalitionsgebälk, die Umfrageergebnisse dümpeln im demoskopischen Kellerloch vor sich hin und dann vermasseln ihr ihre Parteifreunde auch noch den Durchmarsch ihres Präsidentschaftskandidaten. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: die Hütte brennt, die Stimmung ist mies, die Kanzlerin im Popularitätsloch. Und was macht die Regentin? Sie setzt sich in ihren Flieger und schaut sich im fernen Südafrika das Fußballspiel der deutschen Equipe gegen die Argentinier an. Adieu Tristesse! Jogis Mädchen weiß, dass das positive Image der jungen deutschen Mannschaft nur positiv auf sie abfärben kann und Politik und Fußball in diesem unseren Lande oft Hand in Hand durch die Geschichte gehen.

    Das Wunder von Bern

    Als die westdeutsche Fußballnationalmannschaft 1954 sensationell gegen die hoch favorisierten, filigranen Ungarn den Weltmeistertitel holte, gab es zwar bereits ein geistiges Band zwischen Politik und Fußball, parteipolitisch wurde diese Symbiose allerdings noch nicht ausgeschlachtet. Konrad Adenauer konnte den Torpfosten nicht von der Eckfahne unterscheiden und ignorierte das Wunder von Bern, so gut er konnte. Das hatte natürlich einen guten Grund. Die internationale Rezeption des deutschen Sieges, zu dem im Berner Wankdorfstadion aus den Kehlen zehntausender mitgereister Schlachtenbummler die erste Strophe des Deutschlandlieds dröhnte, war – anders als es moderne Legenden gerne behaupten – vernichtend.

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