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29. Juli 2009 von Spiegelfechter
Die Schweinegrippe hat nun auch Deutschland erreicht. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts gibt es in Deutschland aktuell 3.810 Fälle von Schweinegrippe. Die meisten Neuinfektionen betreffen Urlaubsrückkehrer aus Spanien, aber auch die Zahl derer, die sich in Deutschland infiziert haben, nimmt stetig zu. Die aktuelle Entwicklung überrascht keinesfalls, schließlich gilt das Virus vom Typ H1N1/2009 Influenza als hoch ansteckend, aber glücklicherweise als wenig gefährlich. Es ist zu erwarten, dass sich die Zahl der Infizierten im nächsten Monat drastisch erhöhen könnte. Ob die Zahl der zu erwartenden Todesopfer über 10.000 bis 12.000 liegen wird, was dem normalen Durchschnitt an Grippetoten pro Jahr entspricht, oder sogar an die 35.000 heranreichen wird, die im Jahre 1998 an einem aggressiveren Subtypus der Grippe starben, darf jedoch bezweifelt werden. Experten gehen bei der Schweinegrippe in Industrieländern mit einem guten Gesundheitssystem von einer Mortalität von rund 0,1% aus. Selbst wenn sich jeder zehnte Bundesbürger infizieren würde, läge die Zahl der Opfer ?nur? bei rund 8.100, und somit sogar unter dem langjährigen Durchschnitt.
Natürlich, jedes einzelne Opfer, das sich vermeiden lässt, ist ein Opfer zu viel. Die bloße Bedrohung einer Grippe-Pandemie rechtfertigt jedoch keine panischen Überreaktionen, wie man sie weltweit – und vor allem in Europa – beobachten kann. Ob Milliardenausgaben für zweifelhafte Impfprogramme überhaupt sinnvoll sind, muss öffentlich diskutiert werden. Angst ist hierbei der denkbar schlechteste Ratgeber. Wenn Pharmaunternehmen und internationale Zulassungsbehörden nun für eine Aufweichung der Verfahren für klinische Studien insistieren, so ist eine kühle Abwägung der Nutzen und Gefahren vonnöten. Man darf die Schweinegrippe natürlich nicht unterschätzen, aber das Zeug zum ?Killervirus? hat sie zweifelsohne nicht und damit verbieten sich auch unüberlegte Sonderregelungen, die letztendlich der Bevölkerung potentiellen Schaden zufügen und zudem extrem teuer sind.
Tamiflu ? Panik kann teuer werden
Als die Menschheit panisch Angst hatte, an der Vogelgrippe zu sterben, gaben Regierungen Milliarden dafür aus, die Wundermittel Tamiflu und Relanza zu bunkern. Auch das verängstigte Volk griff gerne zu und bescherte Spammern und Arzneimittelfälschern satte Gewinne. Alleine die deutschen Bundesländer überwiesen 200 Millionen Euro an den Schweizer Tamiflu-Produzenten Hoffmann-La Roche, um gegen das Virus gewappnet zu sein. Einige Bundesländer gingen dabei mit den Steuergeldern verantwortungsvoller um als andere ? während Nordrhein-Westfalen für 30% seiner Bevölkerung Tamiflu einlagert, leistet sich Bremen nur 11%. Die Folgekosten sind dabei gewaltig ? Tamiflu ist nur begrenzt haltbar und Nordrhein-Westfalen wird schon in zwei Jahren seine Investition in die Beruhigung seiner Bewohner wiederholen müssen. Bremen geht auch in diesem Punkt vorsichtiger zur Sache und will einen Ersatz der Arzneimittel vom Stand der Forschung in den nächsten zwei Jahren abhängig machen.
Die Zweifel aus der Hansestadt sind mehr als berechtigt. Ob Tamiflu überhaupt gegen die Vogelgrippe hilft ist mehr als umstritten. Nur in Labortests des Herstellers konnte eine Wirksamkeit belegt werden. Bei der Schweinegrippe, wie bei allen anderen aktuellen Virenstämmen, wirkt Tamiflu wohl nicht. Eine Studie des amerikanischen Ärzteblatts hat ergeben, dass 98,5% aller Grippeviren, die in dieser Saison kursieren, gegen Tamiflu resistent sind. Als Grund für diese massive Resistenzbildung nennen die Autoren auch den unkritischen Einsatz des Medikaments. Wenn es also irgendwann einmal ein ?Killervirus? geben sollte, das eine Mutation aus Vogel- oder Schweinegrippe und einem grassierenden Humaninfluenza-Virus darstellt, so ist es sehr wahrscheinlich, dass Tamiflu und Relanza überhaupt nicht wirken. Der staatliche Medizinschrank stellt somit wohl eher ein sehr teures Placebo gegen die Panik des Volkes dar. Aufklärung wäre billiger und wahrscheinlich auch wirksamer. Selbst wenn Tamiflu wirken sollte, so handelt es sich bei dieser Arznei lediglich um ein Mittel, das die Folgen einer Grippeerkrankung mildert und deren Verlauf um einen oder zwei Tage verkürzt. Prophylaktisch kann und darf dieses Mittel nicht eingesetzt werden – dafür benötigt es zugelassene Impfstoffe.
Deutschland impft!
Gegen den Widerstand der Krankenkassen werden nun auf deren Kosten Impfstoffe gegen die Schweinegrippe im Wert von mindestens 550 Millionen Euro geordert, mit Option auf weitere Impfstoffe im Wert von 2 Milliarden Euro. 30% der Bevölkerung sollen mit diesen Impfstoffen auf freiwilliger Basis versorgt werden, wobei Risikogruppen bevorzugt werden. Noch gibt es diesen Impfstoff allerdings gar nicht. Laut Staatssekretär Schröder soll er aber bereits Ende September oder Anfang Oktober zur Verfügung stehen. Woher Schröder diesen Zeitplan nimmt, ist nicht ersichtlich. Forscher, die an den Testreihen, die ab nächster Woche beginnen, teilnehmen, sprechen von einer Zulassung nicht vor November. Wenn man sich die Verbreitung des Schweinegrippevirus anschaut, so ist zu erwarten, dass zu diesem Zeitpunkt die Grippewelle bereits ihren Höhepunkt überschritten haben dürfte. Für die teuren Impfstoffe wäre es dann bereits zu spät. Wenn Deutschland also den Impfstoff des Herstellers Novartis bereits im September zulassen will, so müssen die Behörden unweigerlich geltende Zulassungsregeln außer Kraft setzen. Mit diesem Verfahren haben sich bereits die Briten vorgewagt. Die European Medicines Agency (EMA) hat als zentrale europäische Zulassungsbehörde den Zulassungsprozess verkürzt ? neben Großbritannien wollen auch Schweden, Frankreich und Griechenland Impfstoffe einsetzen, die nicht ausreichend getestet wurden.
Das Vorgehen der Europäer stößt bei der WHO auf barsche Kritik. Der zuständige Grippe-Experte der WHO ist Keiji Fukuda, der sich sich in aller Deutlichkeit äußerte: ?Zu den Dingen, bei denen man keine Kompromisse eingehen darf, zählt die Sicherheit von Impfstoffen. Sicherlich gibt es bestimmte Bereiche, bei denen man Einsparungen vornehmen kann, aber es gibt auch Bereiche, bei denen man ganz einfach keine Einsparung vornehmen darf.? Die Briten, die ihre Impfstoffe von Glaxo-Smith-Kline, Novartis und dem US-Unternehmen Baxter entwickeln lassen, sehen dies anders ? da die Herstellung von Grippeimpfstoffen sich im Kern nicht voneinander unterscheidet, könnte man auf ältere Vergleichsstudien über den Vogelgrippe-Erreger zurückgreifen.
Dieses Argument ist allerdings mehr als fadenscheinig: Sowohl Glaxo-Smith-Kline, als auch Novartis setzen beim Schweinegrippeimpfstoff auf teilweise nicht zugelassene Hilfsstoffe, sogenannte Wirkverstärker, die das Immunsystem des Körpers zur vermehrten Bildung von Influenza-Antikörpern anregen sollen. Die Wirkverstärker von Glaxo-Smith-Kline sind derweil nirgends zugelassen und Novartis Wirkverstärker MF59 ist auf europäischer Ebene nur für Personen ab 65 Jahren zugelassen. In der ersten Welle wollen die Briten aber vor allem Kleinkinder und Schwangere impfen ? und für eben diese Zielgruppen gibt es bislang kaum klinische Tests, auf die man zurückgreifen könnte.
Wenn ein Staat kaum getestete Arzneimittel bei Schwangeren und Kleinkindern einsetzt, so ist die Abwägung zwischen potentiellem Nutzen und potentieller Gefahr komplett außer Kraft gesetzt, und es herrscht die reine Panik vor. Verschärfend kommt hinzu, dass die Arzneimittelhersteller ohne klinische Tests gar nicht wissen können, in welcher Dosis die Impfstoffe ihre Wirkung entfalten ? zu niedrig dosiert, bringt die teure Impfung nichts, zu hoch dosiert, kann sie potentiell sogar schädigen.
Panische Europäer, vorsichtige Amerikaner
Obwohl es auch in den USA massiven Druck auf die Arzneimittelzulassungsbehörden gibt, hat man sich jenseits des Atlantiks dazu entschlossen, die Impfstoffe erst einmal klinisch zu testen. Vor allem der Umstand, dass die eingesetzten Wirkverstärker allesamt in den USA nicht zugelassen sind, mache dies nötig, so ein Sprecher der Arzneimittelzulassungsbehörden. In einer ersten Testphase werden ab August Erwachsene im Abstand von 21 Tagen geimpft, und erst wenn es nach der zweiten Impfung keine besonderen Beobachtungen gibt, wird das Testverfahren auf Minderjährige und Kinder ausgeweitet. Sollten auch diese Tests erfolgreich verlaufen, wird der Impfstoff in den USA zugelassen.
Europas Pharmazeuten machen den Reibach
Ob die Eile der Europäer wirtschaftliche Gründe hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Weltweit eifern über zwanzig Pharmakonzerne um die Herstellung des Impfstoffes und lukrative Verträge mit den Regierungen. Die Nase vorne haben die Europäer. Sogar die USA kaufen ihre Impfstoffe vor allem in Europa – 45% vom Schweizer Unternehmen Novartis, 26% vom französischen Pharmakonzern sanofi-aventis und 19% vom australischen Hersteller CSL. Den Rest beziehen die Amerikaner aus Großbritannien von Glaxo-Smith-Kline und AstraZeneca. Der amerikanische Pharmakonzern Baxter kommt hingegen im eigenen Lande nicht zum Zug ? er liefert nach Eigenangaben an Großbritannien, Irland und Neuseeland, hergestellt werden die Impfstoffe allerdings nicht in den USA, sondern in Österreich und Tschechien.
Die Schweinegrippe ist für die Pharmakonzerne ein Milliardengeschäft ? weltweit stellt man sich auf die Produktion von über 2 Milliarden Impfdosen ein. Ob dieser ?Impfwahn? überhaupt noch durch irgendetwas zu rechtfertigen ist ? diese Frage stellt kaum jemand. Natürlich wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn ein penibel getesteter Impfstoff an Mitarbeiter des Gesundheitssystems und an besonders anfällige Personen ausgegeben wird. Bei ?normalen? Grippewellen sind über 90% der Todesopfer über 65 Jahre alt, die meisten von ihnen leiden bereits an erheblichen Vorerkrankungen. Auch bei der Schweinegrippe, die milder verläuft als normale Grippen, sind nahezu alle Todesopfer durch Vorerkrankungen geschwächt. Eine behutsame Impfung dieser Risikogruppen wäre sinnvoller und vor allem wesentlich günstiger für den Steuerzahler, als jegliche Form von Massenimpfungen ? zumal mit nicht ausreichend getesteten Impfstoffen.
Als im Jahre 1976 ein anderer Typus der Schweinegrippe grassierte, mussten die Impfungen wegen Komplikationen abgebrochen werden, nachdem einige Geimpfte an der Nervenkrankheit Guillain-Barré-Syndrom erkrankten. Seriöse klinische Testreihen brauchen allerdings ihre Zeit ? bevor die Impfstoffe auf dem Markt sind, könnte die Pandemie allerdings bereits viele ?Kunden? befallen haben, was sich negativ auf die Verkaufszahlen auswirken würde. Die in den Medien grassierenden Bilder von künstlich beatmeten Patienten in Krankenhäusern schaffen derweil erst den Markt für Impfstoffe. Dabei sind diese Bilder atypisch für die Erkrankung. Der Lübecker Hygiene-Experte Werner Solbach erinnert daran, dass das Krankheitsbild der Schweinegrippe meist dem einer normalen Erkältung gleiche und eine ?häusliche Isolation? die beste Therapie sei. Aber mit häuslicher Isolation lässt sich nun einmal kein Geld verdienen.
Jens Berger
