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09. Oktober 2007 von Spiegelfechter
Ein deutscher Jugendnationalspieler entschloss sich aufgrund seiner israelischen Herkunft und familiärer Gründe dafür, nicht an einem Fußballländerspiel der Jugendnationalmannschaft in Teheran teilzunehmen. Ob seine Weigerung etwas mit den kolportierten Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu tun hat, ist unbekannt, darf aber vermutet werden. Quer durch alle Parteien brach ein Proteststurm los ? CDU-Generalsekretär Pofalla verurteilte die Gewissensentscheidung des 20-jährigen aufs Schärfste: ?Man müsse die Politik aus dem Sport heraushalten und es könne nicht sein, dass hier ein deutscher Nationalspieler aus religiösen und politischen Gründen seinen persönlichen Boykott gegen den Staat Iran vollzieht?. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Köhler, forderte vom DFB den Ausschluss des jungen Spielers: ?Als Nationalspieler repräsentiert er die Bundesrepublik. Da diese im Bewusstsein ihrer historischen Verantwortung, freundschaftliche Beziehungen zum iranischen Staat unterhält, wäre es ein großer Affront, dieses anti-iranische Verhalten stillschweigend zu dulden. Ich erwarte deshalb, dass der DFB den Spieler aus der deutschen Nationalmannschaft ausschließt?. Sein Vertreter Mazyek äußerte gegenüber SPON schwere Kritik: ?Es ist undenkbar und unmöglich, dass ein Nationalspieler einen privaten Muslimboykott initiiert?.
Eine solche Meldung scheint undenkbar ? mit vertauschten Rollen beobachten wir dieses Possenspiel gerade eben in den Medien. Ein in Teheran geborener 20-jähriger Fußballprofi, mit doppelter Staatsbürgerschaft, weigert sich ?aus persönlichen Gründen? an einem Länderspiel der deutschen U-21 Nationalmannschaft gegen die israelische Equipe teilzunehmen. Dies ist eine sportpolitische Frage, die nicht ohne Brisanz ist, platzt sie doch mitten in die momentane Anti-Iran Kampagne der deutschen Politik. Der junge Sportler mit dem Namen Ashkan Dejagah ist in seinem Protest indes nicht alleine. Boykotte gegen Israel, wegen dessen Unterdrückungspolitik in den palästinensischen Gebieten, werden von kanadischen, britischen und südafrikanischen Gewerkschaften, der “Church of England” und der “United Church of Canada” und der britischen Universitätsdozentengewerkschaft “Association of University Teachers” gefordert und durchgeführt. Fast alle arabischen und muslimischen Staaten boykottieren Israel auf mehreren Ebenen.
Im Bereich des Sports ist der Boykott keineswegs etwas neues. Neben den bekannten Olympia-Boykotten der kalten Krieger bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles, waren es vor allem die Boykotte afrikanischer Staaten, die gegen die Teilnahme Neuseelands demonstrierten, dessen Rugby-Mannschaft sich selbst nicht an den weltweiten Sportboykott gegen das Apartheidsregime in Südafrika hielt. Südafrika war wegen seiner Unterdrückungspolitik von 1964 bis 1992 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. Auch der Weltfußballverband FIFA schloss sich diesem Boykott an. 1992 war es Jugoslawien, das nicht an der Endrunde der Fußball-Europameisterschaft teilnehmen durfte. Bis 1998 hat es gedauert, bis ein serbisches Team wieder an internationalen Turnieren teilnehmen durfte ? andere Bürgerkriegsparteien, wie Kroatien, wurden freilich nicht boykottiert.
Es hängt anscheinend doch eher von globalstrategischen Fragen ab, ob ein Land sportlich boykottiert werden darf oder nicht. Israel hat da Glück ? da es von vielen asiatischen Staaten boykottiert wird, wurde es im sportlichen Bereich zu ?Europa ehrenhalber? ernannt. Bei der Qualifikation zur Fußball-WM 1958 wollten nacheinander die Türkei, Indonesien und der Sudan nicht gegen das Land, das 1934 und 1938 noch unter dem Namen ?Palästina/Eretz Israel? an der Qualifikation zur WM teilgenommen hatte, antreten. Da die FIFA keine Mannschaft zur WM zulassen wollte, die kein einziges Qualifikationsspiel bestritten hat, musste Israel fortan gegen die Ozeanien-Gruppe spielen, da der ?Ostblock? eine Aufnahme Israels in die UEFA boykottiert hatte. Mit dem Verschwinden des ?Ostblocks? wurde Israel letztendlich europäisch.
Die Nachbarn aus Palästina spielen im asiatischen Verband. Heimspiele können sie freilich unter israelischer Besatzung keine abhalten ? dafür müssen sie nach Doha in Katar ausweichen. Trainiert wird in Ägypten, da die israelische Luftwaffe das “Palästina-Stadion” bombardiert hat, und damit den Fußball in Palästina zum Erliegen gebracht hat. Löblich, dass die FIFA sich für den Fußball in Palästina stark macht und u.a. ein neues Stadion in Beyt Lahya finanziert. Andere sind da weniger offen – so hat Großbritannien die palästinensische Jugend-Nationalmannschaft, die an einem Turnier in Chester teilnehmen sollte, wieder ausgeladen. Die Begründung lautete: ?Die Palästinenser seien zu arm, als dass ihnen vertraut werden [kann], dass sie wieder heimkehren.?
Sobald der Sport zum Spielball der Politik wird, ist dies problematisch. Wenn junge Menschen im friedlichen Wettkampf gegeneinander antreten, so ist dies völkerverständigend und zu begrüßen. Die Entscheidung des jungen Deutsch-Iraners ist bedauerlich, aber was medial daraus gemacht wird, ist zutiefst unanständig und schändlich. Die Aussage des stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Graumann, der aus dieser Entscheidung einen ?privaten Judenboykott? macht, ist Antisemitismus in Reinkultur. Die Politik Israels, die selbst in Israel selbst scharfe Kritik hervorruft, mit dem ?jüdischen Glauben? gleichzusetzen, ist polemisch ? geschieht dies in einem negativen Kontext, so darf man dies mit Fug und Recht ?Antisemitismus? nennen.
Die Vorsitzende des Zentralrates, Frau Knobloch, plädierte für einen Ausschluss des jungen Spielers, da “gerade sportliche Wettkämpfe friedlich, respektvoll ausgetragen [werden] und politische Spannungen [überwinden]“. Das hört sich ja ganz gut an – ob Frau Knobloch sich auch so geäußert hat, als der israelische Sportminister Matan Vilnai im Jahre 2000 forderte, man müsse einen Sportboykott gegen Österreich verhängen, um gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ zu demonstrieren? Man darf es bezweifeln. Auch hat man von Frau Knobloch keine Proteste gehört, als hintereinander die grünen Spitzenpolitiker, Beer, Beck und Cohn-Bendit im Vorfeld der Fußball-WM 2006 lautstark forderten, man müsse das iranische Team ausladen. Gut, dass sie nichts gegen das israelische Team gesagt haben.
Man mag es vielleicht nachvollziehen können, dass der DFB sich in ewig währender Freundschaft zu Israel unkritisch blind und taub stellt, und die Probleme in Palästina ihn nicht weiter interessieren ? von einem Spieler darf man dies indes nicht verlangen.
“I’ve been very distressed in my visit to the Holy Land; it reminded me so much of what happened to us blacks in South Africa. I have seen the humiliation of the Palestinians at checkpoints and roadblocks, suffering like us when young white police officers prevented us from moving about … If apartheid ended, so can the occupation, but the moral force and international pressure will have to be just as determined. The current divestment effort is the first, though certainly not the only, necessary move in that direction.”
Friedensnobelpreisträger und Gegner des südafrikanischen Apartheitsregime Desmond Tutu
Update: Wie SPON heute – unter Berufung auf die Wolfsburger Nachrichten – schrieb, ist Ashkan Dejagah heute von seinem Verein, dem VFL Wolfsburg, vom Training suspendiert wurden. Dies soll auf Anordnung des Vorstands des Finanziers VW geschehen sein – “Herr Winterkorn selbst hat sich da stark gemacht“. Das ist scheinheilig un bigott von Herrn Winterkorn, betreibt doch VW im iranischen Bam in einem Joint-Venture ein eigenes PKW-Werk, dass bis zu 200.000 Automobile produzieren soll. Was Frau Knobloch wohl dazu sagen würde? “KdF-Wagen” aus Hitlers Retortenstadt, von Antisemiten für Antisemiten gemacht?
Diese Meldung von SPON wurde umgehend vom VFL Wolfsburg richtiggestellt: Dejagah wurde laut der Offiziellen vom VFL von Trainer Magath nur für einen Tag beurlaubt, aber nicht suspendiert. SPON korrigierte den Artikel mittlerweile auch, so dass er kaum mehr wieder zu erkennen ist.
Schon fast löblich unaufgeregt klingt da der Kommentar von Henryk M. Broder: “Der Junge ist bisher nicht durch antiisraelische Äußerungen aufgefallen. Ich habe den Eindruck, dass das wieder eine typisch deutsche Stellvertreter-Diskussion ist. Wir erleben jeden Tag antisemitische Äußerungen, die niemanden aufregen. Der Zentralrat der Juden veranstaltet hier ein eher hysterisches Geschrei, dass nicht zur Dimension des Ereignisses passt.”
Jens Berger