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> <channel><title>Spiegelfechter &#187; Russland</title> <atom:link href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/category/russland/feed" rel="self" type="application/rss+xml" /><link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress</link> <description></description> <lastBuildDate>Thu, 09 Feb 2012 09:11:58 +0000</lastBuildDate> <language>en</language> <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod> <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency> <generator>http://wordpress.org/?v=3.3.1</generator> <item><title>Der König von Moskau muss abdanken</title><link>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/4185/der-konig-von-moskau-muss-abdanken</link> <comments>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/4185/der-konig-von-moskau-muss-abdanken#comments</comments> <pubDate>Tue, 28 Sep 2010 16:17:38 +0000</pubDate> <dc:creator>Spiegelfechter</dc:creator> <category><![CDATA[Russland]]></category> <guid
isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=4185</guid> <description><![CDATA[Die Stadt Moskau ist ein Staat im Staate, eine gigantische Metropole, in der rund ein Zehntel der russischen Bevölkerung lebt, durch die mehr als 80% aller Kapitalströme des Landes laufen und in der 62 Dollar-Milliardäre leben. Der Bürgermeister dieser Stadt &#8230; <a
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class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/luschkow.png" alt="" width="200" height="185" />Die Stadt Moskau ist ein Staat im Staate, eine gigantische Metropole, in der rund ein Zehntel der russischen Bevölkerung lebt, durch die mehr als 80% aller Kapitalströme des Landes laufen und in der 62 Dollar-Milliardäre leben. Der Bürgermeister dieser Stadt gilt hinter dem Präsidenten und dem Premierminister als drittmächtigster Mann in Russland. Das hat Gründe, die untrennbar mit dem Namen des scheidenden Bürgermeisters Juri Luschkow verbunden sind &#8211; während die Reichtümer des Landes in der Periode des Raubtierkapitalismus in die Hände der Oligarchen fielen, machte der Moskauer Bürgermeister die Stadt zu seinem eigenen Lehensgebiet, das er wie ein absolutistischer Herrscher regierte. Doch der hemdsärmelige Luschkow kam der Macht des Kremls zu nahe und stand dem Präsidenten letztendlich im Weg.</p><h3>Der Stadtoligarch</h3><p>Juri Luschkow hatte schon zu Sowjetzeiten das Talent, sich zum Verbündeten von einflussreichen politischen Aufsteigern zu machen. Während die Sowjetunion sich auflöste, arbeitete Luschkow als Protegé unter Boris Jelzin bis zum Posten des stellvertretenden Bürgermeisters empor. Sein Vorgesetzter war zu diesem Zeitpunkt der Reformpolitiker Gawriil Popow, der mit weitreichenden Sonderbefugnissen von Boris Jelzin die Massenprivatisierung des Staatseigentums in der Hauptstadt einleiten sollte. Dies führte &#8211; wie fast überall im Lande &#8211; zu Chaos, Armut und Kriminalität, so dass Jelzin die Notbremse ziehen musste und Popow durch den bürgernahen Luschkow ersetzte. Dieser machte mit der Massenprivatisierung erst einmal Schluss und entwickelte seine ganz eigene Form der Privatisierung.</p><p>Wer in Moskau Teilhaber eines Staatsbetriebes werden wollte, musste in ein Joint-Venture einsteigen, bei dem die Stadt Moskau die Mehrheit der Anteile hielt &#8211; dies galt lange Zeit auch für ausländische Unternehmen. Eine Sonderrolle nahm hier vor allem der Sistema-Konzern ein. Sistema ist ein Kind von Wladimir Jewtuschenkow, der ein Schwager Luschkows ist. In der Wendezeit war Jewtuschenkow Vorsitzender des Moskauer Komitees für Wissenschaft und Technik (MCST), das er unter Luschkows Aufsicht mitsamt des Bürokratie und der Machtbefugnisse in seine eigene Privatfirma umwandelte. Das MCST fungierte fortan als Schnittstelle zwischen privater Wirtschaft und der Stadt Moskau. Um dieses Konstrukt zur eigenen Reichtumsmehrung zu perfektionieren, gründete Jewtuschenkow kurze Zeit später die AFK Sistema, eine Holding für ehemalige Staatsbetriebe.</p><p><span
id="more-4185"></span></p><h3>La ville, c´est moi</h3><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/baturina.png" alt="" width="200" height="225" />Zehn Jahre später kontrollierte die Stadt Moskau zusammen mit Sistema ein gigantisches Dienstleistungs- und Industriekonglomerat, in dem Banken, Versicherungen, Telekommunikations- und Medienunternehmen ebenso zusammengefasst sind, wie IT-Unternehmen, Handelsketten und Immobilienfirmen. Luschkows Schwager Jewtuschenkow zählt mit einem geschätzten Vermögen von 6,3 Mrd. US$ heute zu den reichsten Menschen der Welt, Sistema ist an der Londoner Börse notiert und bemüht sich um Seriosität &#8211; ob dazu das Aufsichtsratsmitglied <a
href="http://www.sistema.com/company/governance/directors/sommer">Ron Sommer</a> beitragen kann, darf jedoch bezweifelt werden.</p><p>Die Stadt Moskau hat an dieser wundersamen Erfolgsstory natürlich ihren Anteil. Luschkow hat de facto in allen Sistema-Unternehmen in seiner Stadt das Sagen, während sein Schwager Jewtuschenkow nicht nur die Milliarden einheimst, sondern auch das Geschäft seines Konzerns dank der Moskauer Einnahmen international ausdehnen kann. Vor wenigen Jahren war Sistema sogar als Großinvestor bei der Deutschen Telekom im Gespräch. Doch die Win-Win-Situation der Schwäger wird letztendlich natürlich von den Moskauern bezahlt. Nicht umsonst gilt Moskau als eine der teuersten Städte der Welt. Auch die Mafia verdient in Luschkows Lehensgebiet prächtig und darf ihre schwarzen Kassen im Gegenzug auch im Sistema-Reich <a
href="http://www.jamestown.org/programs/edm/single/?tx_ttnews[tt_news]=33941&amp;tx_ttnews[backPid]=166&amp;no_cache=1">weißwaschen</a>.</p><p>Wer sich die russische Milliardärsliste anschaut, wird auch auf eine Frau stoßen &#8211; Jelena Baturina, bis 1991 Assistentin von Luschkow, seit 1991 seine Gattin. Natürlich ist Baturina nicht durch ihren „grandiosen Geschäftssinn“ zur Milliardärin geworden, wie es Juri Luschkow immer augenzwinkernd kolportiert. Baturinas Imperium stützt sich auf das Bauunternehmen Inteco, das vor allem durch Aufträge der Stadt Moskau zu einem der größten Unternehmen des Landes wurde. Inteco <a
href="http://www.gif.ru/eng/news/reconstruction">baute</a> im Auftrag Luschkows nicht nur unzählige Appartementgebäude (in besten Zeiten bis zu 1,5 Millionen Quadratmeter Wohnraumfläche pro Jahr), sondern erhielt auch den <a
href="http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/article430274.ece">Zuschlag</a> bei der Modernisierung des 85.000 Sitzplätze umfassenden Moskauer Olympiastadions. Russland ist ein Hort der Korruption und Moskau ist die Hauptstadt der Korruption. Wann immer ein Journalist Inteco, Sistema, Luschkow, Baturina oder Jewtuschenkow in einem Atemzug mit dem Wort „Korruption“ genannt hat, wurde er jedoch postwendend mit Klagen überhäuft, denen von den handverlesenen Moskauer Richtern selbstverständlich auch gnadenlos stattgegeben wurde.</p><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/luschkow_02.png" alt="" width="200" height="211" />Die Russen sind so einiges gewöhnt. Ein selbstherrlicher Sonnenkönig wie Luschkow wäre wohl in jedem Land der Welt (außer Italien) von den Wählern abgestraft worden. Luschkow &#8211; in seinem Herzen ein erzkonservativer Politiker &#8211; beherrscht jedoch die Klaviatur des Populismus. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit spendierte Luschkow seinem Volk allerlei Brosamen vom Tisch des Herrn, wie beispielsweise kostenlose Tickets für den Nahverkehr für Rentner. Er spielte auch gezielt mit den Ressentiments seiner Wähler, wenn er beispielsweise Schwulenparaden wahlweise verbieten oder zusammenknüppeln ließ oder forderte, dass die ukrainische Hafenstadt Sewastopol „heim ins Reich“ zurückkehren müsse. Trotz der offensichtlichen Korruption und Vetternwirtschaft war Luschkow beim Moskauer Wahlvolk stets beliebt. Doch seine Popularität nahm in diesem Jahr merklich Schaden. Dabei hatte Luschkow doch eigentlich nichts getan, was man ihm nicht zutrauen würde. Vielleicht war der König von Moskau ein wenig zu selbstsicher und kam der Macht im Kreml ein wenig zu nahe. Denn dort sitzen bestenfalls Zweckverbündete von ihm, denen er eigentlich bereits seit Langem ein Dorn im Auge ist.</p><h3>Erzrivale Putin</h3><p>Luschkows politischer Höhenflug endete mit der Regentschaft Jelzins, und das Ende dieser Karriere, die eigentlich bis zum Kreml weitergehen sollte, trägt den Namen Putin. Zum Ende der Ära Jelzin gab es zwei Politclans, die eigentlich bereits das Fell des Bären verteilt hatten, bevor er erlegt wurde. Auf der einen Seite gab es die Marktliberalen und „Oligarchenfreunde“ rund um Tschubais und Gaidar, auf der anderen Seite die Netzwerker rund um Primakow und Luschkow. Juri Luschkow galt für beide Gruppen als Idealbesetzung für die Jelzin-Nachfolge. Doch dann knallte Boris Jelzin den geschockten Eliten im August 1999 seinen neuen Ministerpräsidenten vor den Latz &#8211; Wladimir Putin. Putin räumte auf, gab den starken Mann und wurde dafür vom Volk geliebt. Nachdem Luschkows Partei „Vaterland &#8211; ganz Russland“ bei den Dumawahlen 1999 nur als dritte Kraft ins Ziel kam, suchte er die Nähe zum neuen starken Mann und unterstützte Putins Präsidentschaftskandidatur im Jahre 2000.</p><p>Seitdem verbindet Putin und Luschkow eine Art Symbiose. Putin war nie ein Freund des hemdsärmeligen Luschkow, war aber auf dessen Einfluss im wichtigen Moskauer Politzirkus angewiesen. Luschkow wiederum sah in Putin stets einen Feind, den er allerdings gewähren ließ, solange der ihm freie Hand in seinem Moskauer Reich ließ. Luschkows wirtschaftliche Macht wuchs in dem Maße, in dem Putin die Oligarchen in die Schranken verwies. Moskau war immer noch die Hauptstadt der Korruption und Luschkow konnte sich darauf verlassen, dass dies so lange so bleiben würde, wie Putin Luschkows Macht fürchtete &#8211; allen Sonntagsreden zum Trotz.</p><h3>Der talentierte Mr. Medwedew</h3><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/medwe1.jpg" alt="" width="200" height="182" />Diese Symbiose geriet jedoch in Gefahr, als Putin den Kreml verlassen musste und mit Dmitri Medwedew ein junger Reformer Präsident wurde. Medwedew trat nicht nur an, das politische System des Landes zu reformieren, sondern ließ seinen Reden über Korruptionsbekämpfung wundersamerweise auch Taten folgen &#8211; damit hatte Luschkow nicht gerechnet. Luschkow war vielmehr davon überzeugt, dass Medwedew nur eine blasse Marionette des Premierministers Putin sein und spätestens 2012 auch wieder den Kreml verlassen wird. Doch Medwedew denkt offensichtlich nicht daran, so schnell das Feld zu räumen. Stattdessen entmachtet er einen alten Provinzfürsten nach dem anderen. Nachdem im Juli Murtasa Rachimow, der die reiche Ölprovinz Baschkortostan 17 Jahre lang wie ein autokratischer Herrscher regierte, seinen Hut nehmen musste, pfiffen bereits die Spatzen von den Moskauer Dächern, dass Luschkow der nächste Kandidat auf Medwedews Abschussliste ist.</p><p>Die Spatzen sollten Recht behalten. Als Moskau im August im Smog von Torfbränden versank, erholte sich der Bürgermeister in seinem Alpenressort in Kitzbühel. Normalerweise wäre dies keiner der &#8211; meist staatlich kontrollierten &#8211; Medienanstalten eine Meldung wert gewesen. Doch auf Wunsch des Kremls wehte plötzlich ein scharfer Wind. Während die Moskauer ersticken, genießt ihr Bürgermeister die Tiroler Bergluft bei „Kühen mit Glöckchen und Dirndl mit großen Titten“ (O-Ton russisches Fernsehen). Luschkow nahm den Fehdehandschuh auf und suchte die Konfrontation. Er lästerte öffentlich über ein von Medwedew präferiertes Infrastrukturprojekt, kritisierte den Führungsstil des Präsidenten und versicherte den Medien im gleichen Atemzug, dass er die Rückendeckung des Premierministers habe und dessen Kandidatur für die Präsidentschaft im Jahre 2012 voll unterstütze. Doch Putin ging auf Tauchstation und befindet sich sich dort seit mehreren Wochen. Stattdessen war es der Präsident, der öffentlich zurückkeilte und Luschkow zunächst implizit und dann ganz explizit den Rücktritt nahelegte.</p><h3>Das Ende einer Ära</h3><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/luschkow_03.png" alt="" width="200" height="165" />Luschkow nutzte die Gelegenheit klein beizugeben jedoch nicht und ließ aus seinem Tiroler Exil, in das er von Medwedew geschickt wurde, um sich mal eine Woche „Auszeit“ zu nehmen und sich „Gedanken über seine Zukunft zu machen“, verkünden, er denke gar nicht daran, vorzeitig sein Amt zu räumen. Das war natürlich eine offene Kriegserklärung an den Kreml. Nun stand es Spitz auf Knopf &#8211; entweder Putin hätte sich eingeschaltet und Medwedew vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit zu einem Hanswurst degradiert, oder Medwedew würde seine Macht nutzen und Luschkow abservieren. Medwedew ließ zunächst zwei Dokumentationen über das Staatsfernsehen ausstrahlen, in denen Luschkow und seiner Gattin ganz offen Korruption unterstellt wird und machte dann heute kurzen Prozess mit seinem Konkurrenten, indem er ihn aus dem Amt des Moskauer Bürgermeisters entließ. Bis Medwedew und sein innerer Zirkel einen neuen Kandidaten auserkoren haben, wird Luschkows ehemaliger Vertreter Wladimir Resin die Amtsgeschäfte führen.</p><p>Doch was wird nun aus Luschkow? Wahrscheinlich gewährt ihm der Kreml nun eine letzte Chance, sich mit dem Milliardenvermögen seiner Sippe zur Ruhe zu setzen und der aktiven Politik den Rücken zu kehren. Sollte Luschkow diesen „goldenen Handschlag“ verweigern, könnte dies der Beginn eines der größten Anti-Korruptions-Verfahren der Geschichte sein &#8211; es besteht kein Zweifel daran, dass die Staatsanwaltschaft binnen weniger Wochen genug belastendes Material zusammenstellen kann, um Luschkow zum neuen Zellengenossen des ehemaligen Yukos-Chefs Chodorkowski zu machen. Gleichzeitig ist die Affäre Luschkow jedoch auch ein Gradmesser für die Machtverteilung innerhalb des Tandems Putin-Medewedew. Es scheint so, als habe sich Medwedew bereits eine solide eigene Machtbasis gründen und sich somit als neuer starker Mann durchsetzen können. Es wäre somit keinesfalls überraschend, wenn es 2012 anstatt einer dritten Amtszeit für Putin doch eine zweite Amtszeit für Medwedew geben könnte. Die Weichen für 2012, werden wahrscheinlich bereits in nächsten Wochen gestellt.</p><p><em>Jens Berger</em></p><div
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isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=3928</guid> <description><![CDATA[ein Gastbeitrag von Andreas Fecke mit einem Interview aus dem Jahre 2000 mit Alexander Jakowlew, einem der engsten Berater und Vertrauensperson Gorbatschows. Vor 25 Jahren wurde Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU, vor 20 Jahren bekam er den Friedensnobelpreis. An die &#8230; <a
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class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>ein Gastbeitrag von Andreas Fecke mit einem Interview aus dem Jahre 2000 mit <a
href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Nikolajewitsch_Jakowlew">Alexander Jakowlew</a>, einem der engsten Berater und Vertrauensperson Gorbatschows.</p><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/gorbi_01.png" alt="" width="200" height="196" />Vor 25 Jahren wurde Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU, vor 20 Jahren bekam er den Friedensnobelpreis. An die &#8220;Gorbi&#8221;-Euphorie insbesondere in Deutschland erinnern sich ältere Semester sicherlich &#8211; allerdings ist, wer 1985 20 Jahre alt war, heute 45. Und schon während der Gorbatschow-Jahre war die allgemeine deutsche Presseberichterstattung <em>(die Platitüden einiger westlicher kalter Krieger ausgenommen)</em> weniger auf die russisch-sowjetischen Hintergründe ausgerichtet als auf die Außenwirkungen von Glasnost und Perestroika.</p><p>Was wissen wir darüber, wie interessant ist das noch? Ist Gorbatschow heute für uns noch (oder war er es je?) ein &#8220;richtiger Russe&#8221; (oder Kommunist) oder eher ein Alien in der langen Reihe der Zaren, Lenins, Stalins, Chruschtschows, Breschnews und nunmehr Putins, in der sogar Jelzin kraft seiner Wodkaliebe und &#8220;russischen Bärenhaftigkeit&#8221; seinen Platz eroberte?</p><p>Dieser Artikel präsentiert in deutscher Übersetzung ein Kommersant-Interview aus dem Jahr 2000 mit <a
href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Nikolajewitsch_Jakowlew">Alexander Jakowlew</a>, einem der engsten Berater und Vertrauensperson Gorbatschows. Die Zeitung <a
href="http://translate.google.de/translate?hl=de&amp;sl=fr&amp;tl=en&amp;u=http%3A%2F%2Fwww.courrierinternational.com%2Fnotule-source%2Fkommersant">&#8220;Kommersant&#8221;</a> wurde 1990 mit dem Ziel qualitativer Arbeit zu Politik und Wirtschaft gegründet, war kritische Begleiterin der letzten Gorbatschowjahre, der Jelzinjahre und ist es seitdem weiterhin.</p><p>In den nächsten Tagen wird ein mein russischer Freund und Co-Übersetzers Andrey Komov ein Nachwort zu diesem Interview schreiben, das zusammen mit einer abschließenden Betrachtung Jens Bergers hier erscheienen wird.</p><p><span
id="more-3928"></span></p><h3>Er wollte die Partei um den Finger wickeln</h3><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/jakowlew.png" alt="" width="200" height="230" />Vor fünfzehn Jahren wählte die Vollversammlung des Zentralkommitees der KPdSU Michail Gorbatschow auf den Posten des Generalsekretärs. Einer seiner damaligen engsten Verbündeten, das Mitglied der Akademie der Wissenschaften Alexander Jakowlew, erzählt dem Korrespondenten der Rubrik &#8220;Briefe von der Macht&#8221; der Zeitung Kommersant, wie es Gorbatschow gelang, diesen Posten zu bekommen, wie er seine Macht nicht nutzte, und wie er sie schließlich verlor.</p><p>Originaltext: <a
href="http://www.kommersant.ru/doc.aspx?fromsearch=5ccce9f6-0314-444b-9b23-c706aa1d1c6e&amp;docsid=16617">&#8220;Он хотел обвести партию вокруг пальца&#8221;</a><br
/> <em>Übersetzung von Andrey Komov und Andreas Fecke,</em><br
/> <a
href="http://andreyandreas.blog.fr/2010/08/16/1985-comment-gorbatchev-avait-reussi-a-acceder-au-pouvoir-a-ne-pas-l-uitiliser-et-finalement-a-le-perdre-9189784/"><em>französische Übersetzung</em></a></p><h3>&#8220;Michail Sergejewitsch ist ein ausreichend vorsichtiger Mann&#8221;</h3><p><span
style="color: #800000;">Alexander, wie gelang es Gorbatschow, den Posten des Generalsekretärs zu bekommen</span></p><p>Und wenn ich Ihnen jetzt die Wahrheit erzählen würde?</p><p><span
style="color: #800000;">Das wünsche ich mir.</span></p><p>1983 ernannte man mich zum Direktor des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen (IMEMO) der Akademie der Wissenschaften. Für Gorbatschow wurde das IMEMO rasch seine wichtigste wissenschaftliche Organisation. Zwischen Michail Sergejewitsch und mir herrschte vollständiges Vertrauen. Nach dem Tod Andropows im Februar 1984 wurde, wie sie sich erinnern, der schwer kranke Tschernenko Generalsekretär. Die Frage der Macht blieb offen. Aber zu jener Zeit verleugnete Gorbatschow natürlich, dass er diesen Posten anstrebte. Und er unternahm keine sichtbare Aktivität, um ihn zu bekommen.</p><p><span
style="color: #800000;">Hatte er in diesen Tagen nicht versucht, Werbung für sich zu machen? Ich hörte, er liebte es, im Kreise der Mitglieder des Politbüros mit seinen Kompetenzen zu glänzen &#8230;</span></p><p>Was meinen denn sie! Michail Sergejewitsch ist ein ausreichend vorsichtiger Mann. Der Generalsekretär lebte noch. So schwach er auch war, seine Macht war so groß, dass er bei einem geeigneten Anlass die radikalsten Entscheidungen hinsichtlich Gorbatschow hätte treffen können. Obwohl Michail Sergejewitsch mit seinem Verhalten, seiner Energie und seiner Gelassenheit jeden sehen ließ, dass sein Charakter das Risiko von etwas Neuem, Ungewohntem eingehen würde. Und er ließ die Parteielite, unsere Gerontokraten, hören, dass Gorbatschow ein Mann einer neuen Generation war, dass er aber einer der ihren bliebe, ein Mann der alten Schule.</p><p><span
style="color: #800000;">Mit anderen Worten: bis zum Tod Tschernenkos hat Gorbatschow keinen Vorwand geliefert, ihn der Machtambitionen zu verdächtigen?</span></p><p>Als der Gesundheitszustand Tschernenkos im Dezember 1984 allgemein sichtbar wurde, gab es dann seitens Gorbatschows gleichzeitig zwei Demonstrationen seiner Bereitschaft zur Macht. Zunächst versammelte er das gesamte ideologische Personal der Partei aus allen Regionen der UdSSR zu einer Konferenz. Dazu gab es aus den Reihen der Parteigänger Tschernenkos stark negative Reaktionen. Für die Presse gab es von Seiten der Macht keine Berichte von dieser Konferenz. Die Chefredakteure, die trotzdem wagten darüber zu schreiben, wurden hart bestraft.</p><p>Ich hatte an der Organisation dieser Konferenz teilgenommen, von Anfang bis Ende, und dann an der Erstellung des Berichtes von Gorbatschow. Ich sage nicht, dass dieser Bericht viele neue Ideen enthielt. Wesentlich war aber, dass er nicht viele alte Klamotten enthielt. Das stellte für gewisse Leute eine Verletzung dar.</p><p>Als der Gorbatschowbericht fertig war, gab es aus dem Lager Tschernenkos Kommentare. Man warf uns vor, die Rolle der Partei, also Tschernenkos, nicht genug herauszustellen. Michail Sergejewitsch sagte: &#8220;Jacke wie Hose. Wir fügen einen Absatz hinzu. Das ist nicht schlimm.&#8221; Also haben wir diesen weiteren Absatz geschrieben. Wir änderten aber nichts bezüglich der Bedeutung der ideologischen Arbeit der Partei, wie man es von uns verlangt hatte. Zu der Zeit war das eine Sensation. Es war, als hätten wir aus dem Vaterunser die Hälfte der Worte weggelassen. Damals war das ein sehr harter Schlag.</p><p>Desweiteren fand im selben Dezember Gorbatschows Reise nach England statt und sein sehr erfolgreiches Treffen mit Frau Thatcher. Ich war bei dieser Unterredung in kleinem Kreise dabei. Und ich sah, wie die Aggressivität dieser &#8220;Eisernen Lady&#8221; sich in etwas verwandelte, was mehr als höfliches Interesse war. Die Reise und das Treffen waren ein Erfolg, der den sowjetischen Führungsspitzen signalisierte, dass hier ein Mann war, den der Westen empfing, der mit dem Westen auf gleicher Augenhöhe sprechen konnte.</p><p><span
style="color: #800000;">Hatten Sie an der Vorbereitung dieser Reise teilgenommen?</span></p><p>Ich möchte meine Rolle nicht übertreiben. Gorbatschows Erfolg beim Treffen mit Thatcher war bei einer anderen Reise vorgezeichnet worden. Die erste westliche Persönlichkeit, die mit ihm sympathisierte, war nicht Thatcher, sondern der kanadische Premier Pierre Trudeau. Gorbatschow kam nach Kanada, als ich dort Botschafter der Sowjetunion war. Sein ungezwungenes Verhalten beeindruckte die kanadischen Führer. Anstelle eines privaten Treffens mit Trudeau gab es drei.</p><p>Man muss sagen, dass Gorbatschow ein sehr starker Verhandlungspartner war. Ihm gelang es, Entspanntheit mit Präzision zu kombinieren. Und das machte er virtuos. Er sagte sehr sehr interessante Dinge. Auch wenn man versuchte, wie in diplomatischer Praxis üblich, das Gespräch aufzuzeichnen, bleibt in der Erinnerung doch nur der Schlüsselsatz, auf den Gorbatschow das ganze Gespräch hinlenkte. Ich weiss genau, dass Trudeau den Führern der anderen Länder dann riet, auf Gorbatschow achtzugeben. Schließlich gelang es ihm dann, Thatcher zu erweichen. Das war eine sehr starke Bewerbung für die Macht. Eine internationale Bewerbung.</p><h3>Wir wollten nicht die Hofnarren sein</h3><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/tschernenko.png" alt="" width="200" height="245" /><span
style="color: #800000;">Wie haben Sie es also geschafft, aus den Mitgliedern des Politbüros Partisanen von Gorbatschow zu machen?</span></p><p>In den letzten Lebenstagen Tschernenkos, als sein Zustand hoffnungslos wurde, rief Jewgeni Primakow mich an und sagte mir, der Sohn des Außenministers und Politbüromitglieds Andrej Gromyko, Anatoli Gromyko, hätte ihn gebeten, ein Treffen mit mir zu organisieren. &#8220;Um Himmels Willen, ja!&#8221;, sage ich. Er kommt also, und sagt, als spräche er nur für sich selber, als käme es von ihm (ganz schlau und diplomatisch, wie alle sich gaben), dass sein Vater der Arbeit im Außenministerium müde ist, dass er Michail Sergejewitsch respektiert und dass er ihn das wissen lassen möchte.</p><p>Ich gehe sofort zu Michail Sergejewitsch und erzähle ihm alles. Lange denkt er nach, macht unaufhörlich seine Runden im Büro, und entscheidet: &#8220;Geh und frage, was dahinter steckt.&#8221; Also gehe ich wieder, rufe Anatoli an, der am nächsten Tag wieder erscheint. &#8220;Du weisst, Anatoli Andrejewitsch&#8221;, sage ich, &#8220;wir wollen nicht die Hofnarren sein. Ich meine, pack aus.&#8221; Er sagt: &#8220;Wenn ich es richtig verstehe, möchte Andrej Andrejewitsch eine aktive Rolle für das Schicksal Gorbatschows spielen. Meinen Vater betreffend glaube ich, dass der dessen Nomination in den Obersten Rat sehr gut akzeptieren könnte.&#8221;</p><p><span
style="color: #800000;">Was soll man unter &#8220;aktive Rolle&#8221; verstehen?</span></p><p>Das bedeutet, dass Gromyko der Erste sein würde, der dem Politbüro Gorbatschow für den Posten des Generalsekretärs vorschlagen würde. Das war sehr bedeutend. In der Breschnew-Ära hatte man alle Entscheidungen einstimmig getroffen. Und niemand würde dem ältesten Mitglied des Politbüros widersprechen.</p><p>Also gehe ich erneut ins Zentralkommitee. Erneut diskutiere ich mit Michail Sergejewitsch. Wir prüfen alle möglichen Reaktionen, wir wägen alles ab. Dann erklärt Gorbatschow, dass er, Gorbatschow, die Arbeit des Außenministers Andrej Gromyko schon immer geschätzt hat, ihn sehr respektiert und bereit ist, mit ihm zusammen zu arbeiten, in einem vom Politbüro und der Generalversammlung des ZK der Partei gesetzten Rahmen. De facto war dies sein Einverständnis zum Vorschlag Gromikos.</p><p>Am nächsten Tag lade ich Anatoli wieder ein und erzähle ihm alles, Wort für Wort. Er sagt: &#8220;Ich habe alles verstanden.&#8221; Er geht wieder zu seinem Vater und ruft mich von dort an: &#8220;Mein Vater hat alles genau verstanden. Aber, was denken Sie, ist es jetzt nicht Zeit für ein Treffen der beiden?&#8221; &#8220;Meine persönliche Meinung ist&#8221;, antworte ich, &#8220;ja, es ist der Zeitpunkt. Sie haben alle Chancen. Schließlich sind sie beide Mitglieder des Politbüros.&#8221;</p><p>Und besagtes Treffen hat stattgefunden. Ligatschow schreibt in seinen Memoiren, dass er sehr überrascht war, als Gromyko während der Sitzung des Politbüros aufstand und Gorbatschow für den Posten des Generalsekretärs vorschlug. Ich war natürlich nicht überrascht. Sodann wurde Gromyko noch einmal aktiv, mit seiner Initiative der Nominierung Gorbatschows auf der Generalversammlung des Zentralkommitees.</p><p><span
style="color: #800000;">Gab es Widersprüche?</span></p><p>Alle haben ihn unterstützt. Es ist ein Märchen, dass es jemanden mit einer abweichenden Meinung gegeben hätte. Oder dass es andere Kandidaten gegeben hätte, wie Grischin oder Romanov. In der Tat hatten die dienstbaren Geister Grischins für ihn politische Dokumente und Statements vorbereitet &#8211; beides für den Generalsekretärsposten. Nach dem Vorschlag Gromykows im Politbüro allerdings beeilte der sich, das Wort zu ergreifen, um die Kandidatur Gorbatschows wärmstens zu unterstützen. Und dann gab es, wie von uns vorgesehen, eine vollständige und einstimmige Unterstützung. Bei der Generalversammlung war es dann dasselbe.</p><p><span
style="color: #800000;">Also verdankt Gorbatschow seine Wahl Gromyko?</span></p><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/gromyko.png" alt="" width="200" height="274" />Nicht nur. Ich weiss, dass Ligatschow vor der Sitzung des Politbüros erfolgreiche Aktivitäten entfaltet hatte, um die Sekretäre der Regionalkommitees für die Wahl Gorbatschows zu gewinnen. Der wichtigste Faktor ist aber, dass es niemanden sonst gab, den man hätte wählen können. Die Mitglieder des Politbüros wären sich über andere Kandidaten schlicht und ergreifend nicht einig geworden. Romanov? Alle wussten, dass er trank. Grischin? Man mochte ihn nicht. Gerade weil er dachte, er sei nun an der Reihe für den Posten des Generalsekretärs.</p><p><span
style="color: #800000;">Und Alijew?</span></p><p>Nach Stalin wollte man an der Spitze des Landes niemanden mehr sehen mit einer anderen Nationalität als der russischen. Ich glaube, aus diesem Grunde ist seine Kandidatur gar nicht geprüft worden.</p><p><span
style="color: #800000;">Und Scherbitsky, der Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine, der passte auch nicht wegen seiner Nationalität?</span></p><p>Die Elite nahm Scherbitsky nicht ernst. Vor allem, weil er keine theoretischen Arbeiten gemacht hatte. Aufgrund der allgemeinen ideologischen Alphabetisierung liebten die Parteieliten Theoretisches zur Lektüre. Und wenn jemand etwas geschrieben hatte, dann öffneten sich vor Erstaunen alle Münder. Der übliche Komplex ignoranter, halbgebildeter Leute. Also war der Führer selbst auch verpflichtet, einen Beitrag zur &#8220;Theorie&#8221; zu liefern. Erinnern wir uns: Andropow hatte einen langen Artikel über Marx veröffentlicht. Richard Kosopalow hatte den für ihn geschrieben. Aber was für ein Erfolg! Ich arbeitete zu jener Zeit in Kanada, aber die Bewunderung der Parteieliten für einen &#8220;in der Theorie so bewanderten&#8221; Führer, die war bis zu uns zu hören.</p><p><span
style="color: #800000;">Also hatte Gorbatschow mit der Organisation der Theoriekonferenz mit diesem Komplex gespielt?</span></p><p>Genau.</p><p><span
style="color: #800000;">Und Ryschkow, war der nicht als Kandidat für das wichtigste Amt angesehen worden?</span></p><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/gorbi_02.png" alt="" width="200" height="304" />Nein. Er war damals nur Sekretär des Zentralkomitees. Er hatte Einfluss auf den Verteidigungssektor und hätte sicherlich von seiner Unterstützung profitieren können. Mir scheint jedoch, dass die Führer des militärisch-industriellen Komplexes die Gefahr einer Wahl Gorbatschows noch gar nicht wirklich verstanden hatten. Sie hatten ihr Gespür für die Situation verloren. Sie waren es gewohnt, unter dem väterlichen Schutz der Generalsekretäre zu leben. Vielleicht glaubten sie, dass das ewig so weitergehen würde. Dass man ihnen Geld gab, ohne Rechenschaft einzufordern.</p><p><span
style="color: #800000;">War Gorbatschow also bereit zu solchen entscheidenden Aktionen wie der Reduzierung der Finanzen für den militärisch-industriellen Komplex?</span></p><p>Zu jener Zeit gab es innerhalb der Partei drei Ansichten über die Zukunft des Landes. Drei Strömungen. Die Parteigänger der ersten meinten, die Gesellschaft müsse reformiert werden. Die Anhänger der zweiten Strömung waren einverstanden mit der Notwendigkeit von Reformen, aber sie hatten Angst, diese zu beginnen. Und dann gab es jene, die meinten, überhaupt keine Reform sei nötig. Sie waren für die Restauration, sie meinten, man müsse die Disziplin wieder straffen, und alles würde gut laufen. Anders gesagt, waren sie für eine Art Systemreinigung &#8211; mit dem Ziel es zu stärken.</p><p>Gorbatschow pendelte zögernd zwischen der ersten und der zweiten Ansicht. Mal war er einverstanden, dass man die Überreste des stalinistischen Totalitarismus zerstören müsse, mal wurde aus ihm ein sehr moderater Reformer. Er verstand sehr gut, dass wir in einer anderen Zeit lebten. Dass man zunächst, unter dem Vorwand einer Verbesserung des Systems, die schwindelerregendsten Absurditäten wegräumen musste. Zum Beispiel die politische Unterdrückung. Das Verhalten gegenüber der Kirche ändern. Nebenbei bemerkt &#8211; niemand war dagegen. Er wollte zunächst den Medien begrenzte Freiheit geben. In der Wirtschaft musste etwas getan werden. Er meinte, mit Kooperationen beginnen zu müssen. Für diese Epoche waren das gute, progressive Ideen. Aber wie immer wurde das alles in der Praxis dann verstümmelt.</p><p><span
style="color: #800000;">Viellicht waren aber auch die ewigen Schwankungen Gorbatschows die Ursache des Scheiterns der Reformen?</span></p><p>Ich bin mit ihnen nicht einverstanden über das Scheitern. Alle Grundlagen der gegenwärtigen (<em>2000</em>) Demokratie, des parlamentarischen Systems, der Freiheit des Wortes, Glasnost, wurden in genau jenem Moment gelegt, von uns. Verstehen sie aber die Herausforderung, das Problem: Reformen hingen nicht nur vom Führer ab. Klar, wie Stalin kann ein Führer das ganze Land in Reih und Glied marschieren lassen. Wer nicht mit mir ist, der wandert ins Grab. 1985 und in den Folgejahren gab es jedoch keine fertigen Rezepte für unser Land. Ich erinnere mich gut, wie ich zwei Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, die in den Ansichten mit mir konform gingen, uns halfen, bat, einen öffentlichen Artikel zu schreiben über transformatorische Reformen der sozialistischen Wirtschaft in Richtung Markt. &#8220;Na los &#8211; sagte ich &#8211; macht eine Eulenspiegelei. Ich werde Euch anschließend verteidigen.&#8221; Glauben sie, die hätten etwas geschrieben? Nein. Die Angst war noch zu groß. Und hätte es auf einen Schlag Veränderungen gegeben, dann wäre ein neuer Andropow aufgetaucht und hätte gefragt: &#8220;Was, bitte schön, habt ihr unter Gorbatschow gemacht?&#8221;</p><p><span
style="color: #800000;">Habt ihr zu diesem Zeitpunkt das Land in eine Marktwirtschaft führen wollen?</span></p><p>Wir wollen uns keine Ideen anheften, die wir nicht hatten. Als Metall wertvoller und teurer war als der mit ihm gebaute Traktor, da verstanden alle, dass das nicht normal sein konnte. Dass man in der Wirtschaft etwas ändern musste. Sollte die freie Entwicklung der Preise eingeführt werden? Wir haben das diskutiert. Wir besprachen Preisreglementierungen, die sich der Marktpreisbildung angenähert hätten, ohne Fantasmen zu sein.</p><p><span
style="color: #800000;">Soll das heissen, die Transformation der Wirtschaft begann ohne irgendein Programm?</span></p><p>Während der ersten Etappe hatten wir eine Konzeption, in welche Richtung wir voranschreiten sollten. Beispielsweise war die Dezentralisierung der Wirtschaft notwendig. Aber welche? Davon hatten wir keine Ahnung. Wir verstanden die Notwendigkeit einer Reduzierung des Plansystems. Es war nicht möglich, alles zu planen, bis zum letzten Nagel, bis zu Haarnadeln. Aber dann: auf welches Niveau von Planung die Planwirtschaft reduzieren? Planwirtschaft branchenweise eindämmen? Oder nach Volumen der industriellen Produktion? Regionenweise?</p><p>Dasselbe Problem gab es mit der Meinungsfreiheit. In welchem Maß sollte die Presse reglementiert werden? Oder mit dem Parlamentarismus. Was für Wahlen sollte es geben? Bis zu welchem Punkt sollten die Alternativen reichen? Wir hätten konkrete Lösungen gebraucht, aber es gab keine.</p><h3>Ich schlug eine nicht unbedingt demokratische Machtstruktur vor</h3><p><span
style="color: #800000;">Warum fand man die Lösungen nicht, als die Macht vollständig in den Händen des Generalsekretärs Gorbatschow verankert war?</span></p><p><img
class="alignright" style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/glasnost.png" alt="" width="200" height="313" />Glasnost, die von uns vollzogene völlige Pressefreiheit, mischte sich ein. Von da an kümmerten sich alle Vollversammlungen des ZK mit egal welcher Tagesordnung vorrangig um ein Thema: die Reaktionen der Presse. Ich erinnere mich an die Vollversammlung über die Wirtschaft. Ryschkow präsentierte den Bericht. Damals waren Berichte normal. Ryschkows Bericht enthielt einige allgemein gehaltene Appelle zu Reformen. Alsdann gab es dazu einen oder zwei weitere Beiträge, und dann ging es los: &#8220;die Presse verhält sich nicht gut, Jakowlew hat ihr freie Hand gelassen.&#8221; Und dann hat man sehr schnell vergessen, warum man eigentlich versammelt war und man diskutierte nur noch mögliche Pressereaktionen.</p><p>Die Parteielite fühlte, dass die Presse sie sterben lassen würde. Ich disputierte unablässig mit Führern aller Ebenen. Unaufhörlich sagte man mir, die Presse diskreditiere die Partei und ihre Führung. Wie versuchte ich, die Situation im Politbüro und in den ZK-Versammlungen zu retten? Ich fragte: &#8220;Ist der Zeitungsartikel wahr oder nicht? Hat das so stattgefunden oder nicht? Wenn es Lügen sind, dann werden wir die Redakteure und Publizisten bestrafen, sie entlassen. Wenn es aber wahr ist, wer wird dann bestraft?&#8221; Gleichzeitig bat ich die mir nahestehenden Chefredakteure auf Knien: &#8220;Jungs, macht keine Fehler! Gebt ihnen keine Vorwände. Vergesst nicht, dass sich auf dem Weg der Reformen, auch der teilweisen Reformen, so ein Monster wie die KPdSU aufhält.&#8221; Der Generalsekretär hatte viele Befugnisse, aber er war nicht allmächtig. Er wollte die Partei um den Finger wickeln. Er hat es auch getan. Aber zu spät.</p><p><span
style="color: #800000;">Denken Sie, dass der Fehler bei der Wahl der Reformstrategien gemacht wurde?</span></p><p>Der Kardinalfehler. Man hätte mit der Transformation der politischen Machtstrukturen beginnen müssen. Man hätte Möglichkeiten finden müssen, sich freundschaftlich zu verständigen, die Beleidigungen zu überwinden und man hätte sich in zwei Parteien aufspalten müssen. Schon im Dezember 1985 schrieb ich Gorbatschow eine Notiz über die Spaltung der Partei. Ich schlug eine nicht unbedingt demokratische Machtstruktur vor. Ich dachte, zu jenem Zeitpunkt sollte der Präsident aus zwei Parteien heraus vorgeschlagen und gewählt werden, aber dass die siegreiche Partei dann die Regierung bildet. Gorbatschow sagte aber: &#8220;Das ist früh, Sascha, das ist früh.&#8221;</p><p>Als sich dann 1987 die Frage von alternativen Wahlen innerhalb der Partei stellte, gab es in der Elite ein Schisma. Die Ersten Sekretäre der Regionen bekamen Angst. Sie verstanden, dass sie nicht an der Macht bleiben würden. Und dass dann alles auf ein Parteidebakel hinauslaufen würde. Die Partei ist nicht 1991 eingegangen, sondern ein Jahr zuvor, als man auf dem 28. Kongress ein klar sozialdemokratisch abweichlerisches Programm verabschiedete. Nur unternahm dann Gorbatschows neues Umfeld erneut rein bolschewistische Maßnahmen, denken Sie nur an die Ereignisse in den baltischen Ländern.</p><p><span
style="color: #800000;">Sind Sie deshalb einen anderen Weg gegangen als Gorbatschow?</span></p><p>Einen anderen Weg? Ich konnte mit den Kanaillen, mit denen er sich dann umgab, nicht zusammenarbeiten. Mein harter Konflikt mit dem KGB über seine zukünfitge Rolle im Land ging weiter. Ich war mir sicher, dass sie sich in Richtung Putsch bewegten. Sie hatten keine andere Wahl: unter neuen Bedingungen, in einem demokratischen Staat, hätten all ihre Strukturen in der vorherigen Form sich nicht aufrecht erhalten lassen. Ich schrieb Gorbatschow über all das. Er lachte: &#8220;Du übertreibst deren Mut und mentale Kapazitäten.&#8221; Letzendlich hatte ich nicht übertrieben. Was passierte, ist sehr gut bekannt. Die schrieben auch an Gorbatschow, auch über mich: dass ich an der Spitze des Komplotts der Intellektuellen Moskaus und Leningrads gegen ihn sei, und andere Dümmlichkeiten.</p><p>Ich denke nicht, dass Gorbatschow das geglaubt hatte. Aber plötzlich empfang ich zehn mal weniger Informationen als zuvor, und was ich bekam, war wertloses Papier. Ich habe verloren, der KGB hat gewonnen. Das ist alles. Ich war mit der gorbatschowschen Art der Reformierung der Sowjetunion nicht einverstanden. Ich war für die Konföderation, er bestand auf dem Bundesstaat. Heute (2000) versucht Gorbatschow, die Ereignisse jener Zeiten neu zu überdenken. Ich will nicht als Ankläger sprechen noch als sein Verteidiger. Wir haben zusammen manche Stange Brot gebrochen, wir hatten viele gemeinsame Projekte, und wir haben viele Fehler gemacht. Die Zeit wird uns beurteilen, sie ist der beste Richter.</p><h3>Übersetzernachwort</h3><p><em>von <a
href="http://andreassozpol.blog.de/tags/russland/fullposts/ ">Andreas Fecke</a></em>: Dieses Interview ist auf dem Umweg einer dritten Sprache, der französischen, ins Deutsche übertragen wurden und daher nicht wörtlich zitierbar. Mein Russisch ist rudimentär, doch mein Freund Andrey Komov verständigen uns in der Arbeitssprache Französisch, die wir beide fließend sprechen; er legt vor, ich schreibe um, er korrigiert meine Fassung. Wir haben das oft so gemacht, entstanden ist hier ein hundertprozentig korrekter Text in Bezug auf Plauderton und Inhalt, aber manche Ausdrücke mögen im russischen Original etwas andere gewesen sein. Immerhin wurde die Übersetzung aber so noch einmal kontrolliert und verbessert.</p><p>Das Interview entbährt auf seine Art nicht einer gewissen Komik. Vielleicht hört man ja auch mal solche Zeugnisse aus den ehemaligen inneren Kreisen der SED-Führung, wo es kaum anders gewesen sein dürfte. Aber Gerechtigkeit soll walten: wie laufen solche Nominierungsprozesse hinter den Kulissen wohl in unseren heutigen Parteien ab, den &#8220;demokratischen&#8221;?</p><p>Entstanden ist diese Übersetzung, weil mein Freund Andrey mir den Text zuspielte nach meiner Frage, ob Gorbatschow damals wirklich von der Partei gewollt wurde. Oder ob er wohl, wie bei manchen Papstwahlen in der Geschichte, eine Art schwachbrüstige Notlösung seitens verschiedener gleichstarker Fraktionen war, die ihren Kandidaten nicht hätten durchsetzen können, also einen Hanswurst nach oben brachten, von dem sie glaubten, ihn schnell wieder loswerden zu können. Die dritte Lösung, &#8220;sie hatten keinen anderen&#8221;, hat mich dann doch überrascht.</p><p>Andrey Komov war in den Glasnost- und Perestroikajahren ein geachteter und treibender Redakteur im regime-oppositionellen, außerordentlich populären &#8220;Kanal Alternativa&#8221; des Leningrader Fernsehens. Wer dieses Interview von Interesse fand, wird mit seinem Essay <a
href="http://andreykomov.blog.de/2008/05/27/freiheit_svoboda_a_1089_a_1074_a_1086_a_~3709806/">&#8220;Freiheit&#8221;</a> (2007) als Anschlusslektüre gut bedient sein, wo er den Zeitraum 1985 bis zu Putin teils spannend erzählt, teils kritisch reflektiert.</p><p>Das Interview entstand 2000, als man die Machtübernahme Putins organisierte. Ein weiterer kleiner Text, auf erstaunliche Weise authentisch und historisch, ist (vom 31.12.1999) <a
href="http://andreassozpol.blog.de/2007/04/03/boris_jelzin_wird_immer_leben_anstelle_e~2202558/">die allerletzte Fernsehansprache Boris Jelzins</a>, in der er seinem Volk seinen Rücktritt mitteilt.</p><p><em>Andreas Fecke</em></p><div
class='wb_fb_bottom'><div
style="float:right;"></div></div><p>Dieser Feed wurde Euch präsentiert von</p> <iframe
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/><p><small>© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. <br/> </small></p><p><a
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isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=3251</guid> <description><![CDATA[Am 10. Juni versank der Süden Kirgisiens im Bürgerkrieg. Die Bilder erinnern an die Balkankriege, die zeitliche und organisatorische Koordination der Ereignisse erinnert jedoch eher an den Völkermord in Ruanda. In den Abendstunden tauchten maskierte Männer in den Strassen der &#8230; <a
href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/3251/genozid-in-zentralasien">Continue reading <span
class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/genza_01.jpg" border="1" alt="" />Am 10. Juni versank der Süden Kirgisiens im Bürgerkrieg. Die Bilder erinnern an die Balkankriege, die zeitliche und organisatorische Koordination der Ereignisse erinnert jedoch eher an den Völkermord in Ruanda. In den Abendstunden tauchten maskierte Männer in den Strassen der Städte Osh und Dschalalabad auf. Die Killerkommandos, die teils mit schwarzen Bandagen am Unterarm uniformiert waren, kamen mit Pickups, schossen mit automatischen Waffen in die Menge, stürmten Häuser und Wohnungen, brandschatzten, vergewaltigten und verbreiteten mindestens vier Tage lang Angst und Schrecken. Die Opfer dieses Massakers gehörten beinahe ausschließlich zur usbekischen Minderheit, die in Osh und Dschalalabad allerdings rund 60% der Einwohner stellt. Wer die Täter waren, ist bis heute unbekannt. Fest steht lediglich, dass ihr blutiges Handwerk orchestriert wurde und die Drahtzieher sich im Süden Kirgisiens offensichtlich gut auskannten und einen Bürgerkrieg unter den Ethnien auslösen wollten.</p><p>Diese Informationen sind die einzigen, die als relativ gesichert gelten können. Was danach <a
href="http://newtimes.ru/articles/detail/23431">passierte</a>, verliert sich im Rauschen von Propaganda und Gegenpropaganda. <a
href="http://alexdockg.wordpress.com/2010/06/21/warten-in-ungewissheit/">Augenzeugenberichte</a> und Beiträge in russischsprachigen <a
href="http://www.diesel.elcat.kg/">Internetforen</a> berichten von weiteren <a
href="http://www.ferghana.ru/article.php?id=6619">Massakern</a>, die diesmal von der südkirgisischen Bevölkerung begangen wurden. Usbeken rächt sich an ihren kirgisischen Nachbarn, die sich wiederum an den Usbeken rächten. Gerüchte, die weder verifzier- noch falsifizierbar sind, heizten die Lage überdies an und lösten zeitweise sogar eine Pogromstimmung aus. Mehrere Quellen sprechen beispielsweise von Gerüchten, usbekische &#8220;Banditen&#8221; hätten kirgisische Studentinnen im Studentenwohnheim von Osh als Racheakt misshandelt. Dieses Gerücht konnte allerdings von den Journalisten vor Ort trotz Recherche nicht bestätigt werden. Ob diese Gerüchte gezielt gestreut wurden, um Hass zu säen, oder ob solche Vorgänge sich dynamisch entwickeln, wenn der Mensch seine Zivilisation abstreift und zum blutrünstigen Tier wird, ist indes nicht zu sagen.</p><p><span
id="more-3251"></span></p><h3>Opfer und Vertriebene</h3><p>Die Zahl der Opfer lässt sich bestenfalls schätzen. Während die Übergangsregierung von einer Zahl von rund 2.000 Todesopfern spricht, schätzen Journalisten und Hilfsorganisationen vor Ort eine mindestens zehnmal so hohe Opferzahl. Da viele Leichname bereits auf der Strasse verbrannt wurden, wird man die genaue Zahl der Todesopfer auch nie in Erfahrung bringen. Todesopfer sind bei ethnischen Konflikten jedoch meist nur ein besonders dramatischer Nebeneffekt. Ziel jeder ethnischen Säuberung ist es, Menschen bestimmter Ethnien zu vertreiben. Die WHO <a
href="http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/asien-und-ozeanien/Eine-Million-Kirgisen-sind-auf-der-Flucht/story/11820281">schätzt</a> die Zahl der Binnenflüchtlinge mittlerweile auf 700.000 und die Zahl der Flüchtlinge, die bereits die Grenze ins benachbarte Usbekistan überschritten haben, auf 300.000. Inwieweit diese Zahlen belastbar sind, lässt sich jedoch schwer sagen. Sollten sie korrekt sein, würde dies bedeuten, dass ein Großteil der Usbeken in Kirgisien auf der Flucht ist. Fakt ist jedoch, dass sich das Land momentan in einer humanitären Ausnahmesituation befindet. Die Hilfsorganisationen sind auf derlei Massen von Flüchtlingen nun einmal nicht eingestellt.</p><p>Während viele Quellen von der &#8220;plötzlichen Eruption&#8221; der Gewalt vollkommen überrascht scheinen, reicht bereits ein Blick in die jüngere Vergangenheit aus, um diese Überraschung aufzulösen. Als sich die Sowjetunion im Jahre 1990 langsam auflöste und sich ein kurzfristiges Machtvakuum bildete, kam es in Osh schon einmal zu einem Massaker an der usbekischen Minderheit. Russische Teile der sowjetischen Streitkräfte konnten die Ruhe im Lande im August 1990 wiederherstellen. Im Oktober wurde mit Askar Akajew der erste Präsident von Gnaden des Kremls &#8220;gewählt&#8221;, der die spätere selbstständige &#8220;Kirgisische Republik&#8221; mit eiserner Hand führte. Kirgisen wurden aus den leitenden Positionen des Sicherheitsapparates entfernt und durch Russen ersetzt. Diese Russen sind jedoch mittlerweile bereits alle im Ruhestand und wurden wieder durch Kirgisen ersetzt. Usbeken sind weder im Militär noch in der Polizei oder der Regierung vertreten. Sogar in der usbekisch dominierten Oblast Osh stellen ethnische Usbeken gerade einmal ein Prozent der Exekutive (Innenministerium, Regionalregierung, Polizei). Das Massaker von Osh wurde in Kirgisien von Medien und der Politik fortan totgeschwiegen. Doch die Spannungen im zentralasiatischen Kessel gärten unter der Oberfläche weiter. An dieser Vogel-Strauß-Politik scheint sich nichts geändert zu haben &#8211; auch heute <a
href="http://alexdockg.wordpress.com/2010/06/15/1189/">gibt sich die Übergangsregierung</a> redlich Mühe, die Ereignisse zu marginalisieren.</p><h3>Ökonomische und demographische Probleme</h3><p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/genza_02.jpg" border="1" alt="" />In den letzten zwanzig Jahren verließen viele Russen, Tataren, Juden und Deutsche die Region. Mit ihnen verließ jedoch auch ein Teil der Intelligenzija die Region, die industriell mehr und mehr zurückfällt. Neben der Landwirtschaft und der Förderung von Rohstoffen haben die zentralasiatischen Republiken nicht viel zu bieten. Verfallene Werke aus Sowjetzeiten bilden das industrielle Rückgrat und sogar naturgegebene Standortvorteile können den ärmeren Republiken keine Zukunft bieten. So wird der Großteil der Energie, die in kirgisischen Wasserkraftwerken erzeugt wird, ins Ausland verkauft, während es im Land selbst regelmäßig Blackouts gibt. 30% bis 45% des kirgisischen Bruttoinlandsprodukts bestehen aus Transferleistungen von kirgisischen Arbeitsmigranten aus Russland. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise verloren jedoch die Migranten als erstes ihren Job und kehrten heim. In einem Land mit einer Arbeitslosenquote von über 20%, und einem Durchschnittslohn von 150 Dollar im Monat, führt dies natürlich zu Spannungen &#8211; vor allem in der Oblast Osh, die <a
href="http://www.rferl.org/content/Unemployment_Rising_In_Kyrgyzstans_Osh_Region/1566483.html">von der Arbeitslosigkeit</a> besonders betroffen ist.</p><p>Zentralasien hat nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein <a
href="http://inright.ru/articles/id_227">demographisches Problem</a>. Die Einwohnerzahl der zentralasiatischen Republiken ist &#8211; trotz Abwanderung &#8211; seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion förmlich explodiert. Heute leben in Kirgisien rund 20% mehr Einwohner als zu Sowjetzeiten; die meisten von ihnen sind jung und arbeitslos. Die Einwohnerzahl Usbekistans ist um rund 40% gestiegen, in Turkmenistan leben heute beinahe doppelt so viele Menschen wie 1990. Turkmenistan und Usbekistan haben Öl und Gas, die den dortigen Despoten zumindest so viel Geld in die Kassen spülen, dass sie die Bevölkerung ruhigstellen können. Kirgisien hat nichts von alledem. Das wichtige Ackerland der Bergrepublik liegt ausgerechnet im südkirgisischen Ferghanatal, in dem es momentan zum Genozid kommt. Hinter derlei Grausamkeiten steckt oft nacktes Kalkül.</p><h3>Wer ist der Drahtzieher?</h3><p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/genza_03.jpg" border="1" alt="" />Die Theorien, wer die Maskenmänner waren, die gezielt den Genozid auslösten, gehen weit auseinander. Je nach Quelle waren es Söldner im Auftrag der Familie des vertriebenen Despoten Bakijew, russische Elitetruppen oder Islamisten. All diese Theorien sind auf der einen Seite plausibel, tragen jedoch auch entscheidende Widersprüche in sich. Warum sollten Islamisten &#8220;inkognito&#8221; agieren und ausgerechnet die ebenfalls muslimischen Usbeken vetreiben? Es ist jedoch richtig, dass alle zentralasiatischen Republiken ein wachsendes Problem mit dem Islamismus haben. Einige Experten sprechen sogar schon von einer &#8220;Afghanisierung&#8221; der gesamten Region. Auch die Russen hätten ein Motiv, Unruhen auszulösen, um sich dann als Ordnungsmacht in Kirgisien unabdingbar zu machen. Kirgisien spielt jedoch für Russland kaum eine Rolle, und alleine der Umstand, dass Russland sich beharrlich weigert, Truppen ins Land zu schicken, ist das beste Indiz für die Unschuld des Kremls. Am wahrscheinlichsten ist es da noch, dass der Bakijew-Clan hinter den Vorfällen steckt. Im Mai wurde ein <a
href="http://www.neweurasia.net/politics-and-society/uncomfortable-questions-in-kyrgyzstan/">Telefonat</a> von Maxim und Janysh Bakijew, Sohn und Bruder des <a
href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2350/tulpenrevolution-2-0">gestürzten Despoten</a> Kurmanbeck Bakijew, veröffentlicht, in dem sie sich über die Möglichkeit unterhielten, bezahlte Unruhestifter zu engagieren, um das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen. All dies war aber im Juni bekannt und niemand erhofft sich eine Rettung durch die Bakijews. Im Gegenteil &#8211; die meisten Kirgisen warten sehnsüchtig auf das Eintreffen russischer Blauhelme, die endlich die Ordnung wiederherstellen. Noch jedoch zögert Russland. Sollte sich der Kreml eines Besseren besinnen, ist es jedoch mehr als unwahrscheinlich, dass die neue Ordnungsmacht ausgerechnet den gestürzten Despoten Bakijew wieder ins Amt hebt.</p><p>Die momentane Lage in Kirgisien ist absolut unübersichtlich. Die Kirgisen, mit denen ich heute sprach, wissen selbst nicht, ob das Morden in der südkirgisischen Region bereits gestoppt werden konnte. Die Stadt Osh ist fast komplett zerstört, sämtliche Cafés, Restaurants, Ladengeschäfte und Tankstellen wurden gebrandschatzt, viele Wohnhäuser sind niedergebrannt, die Infrastruktur ist zerstört. Selbst wenn das Morden aufhören sollte &#8211; wohin sollen die Flüchtlinge zurückkehren? Einen Eindruck der Geschehnisse geben <a
href="http://www.nachdenkseiten.de/?p=5961#h15">Augenzeugenberichte</a>, die in der letzten Woche verfasst wurden. Dem westlichen Beobachter bleibt nur Trauer und Schrecken. Wäre Kirgisien ökonomisch oder strategisch wichtig, hätte es schon längst internationale Interventionsanstrengungen gegeben. So teilt Kirgisien eben das Schicksal Ruandas.</p><p><em>Jens Berger</em></p><p><a
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isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=2350</guid> <description><![CDATA[Alle Jahre wieder zieht es die Menschen in einer zentralasiatischen Republik, die dem deutschen Nachrichtenkonsumenten bestenfalls namentlich bekannt ist, auf die Strasse. Mal werden derlei Eruptionen der Unzufriedenheit mit brutalster Gewalt erstickt, mal schwingt sich in der temporären Anarchie ein &#8230; <a
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style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/kirg_01.jpg" border="1" alt="" width="200" />Alle Jahre wieder zieht es die Menschen in einer zentralasiatischen Republik, die dem deutschen Nachrichtenkonsumenten bestenfalls namentlich bekannt ist, auf die Strasse. Mal werden derlei Eruptionen der Unzufriedenheit mit brutalster Gewalt erstickt, mal schwingt sich in der temporären Anarchie ein ehemaliges Regierungsmitglied zum Hoffnungsbringer auf, übernimmt die Macht, verspricht Friede, Freude, Eierkuchen und richtet kurze Zeit später eine erneute Despotie ein, die wenige Jahre später wieder gestürzt wird.</p><h3>Und täglich grüßt das Murmeltier</h3><p>Vor fünf Jahren waren es die Kirgisen, die gegen ihren Präsidenten Askar Akajew auf die Strasse gingen. Akajew, ein waschechter Intellektueller mit gutem Leumund, ehemals Präsident der Akademie der Wissenschaften, hatte es zu weit getrieben. Er startete als Demokrat und endete als Despot, der den ?Reichtum? des Landes an mafiöse Cliquen verteilte, die Wünsche des Volkes missachtete und die Menschenrechte mit Füßen trat. Im Jahre 2005 brachte er das Fass zum Überlaufen, aus spontanen Demonstrationen wurde ein Volksaufstand, Akajew floh ins Moskauer Exil und ein neuer Despot im Demokratengewand betrat die Bühne.</p><p>Auch Kurmanbek Bakijew sprach anfangs oft über Demokratie und das Wohl des Volkes. Bereits nach kurzer Zeit übertrumpfte er seinen Amtsvorgänger jedoch in den Disziplinen Korruption, Nepotismus, Despotismus und Unterdrückung der Menschenrechte mühelos. Noch vor wenigen Tagen dozierte Bakijew fröhlich darüber, dass die Demokratie nun einmal kein Modell für Kirgisien (oft auch Kirgistan oder Kirgisistan genannt) wäre und demokratische Organe für ihn bestenfalls eine beratende Funktion hätten. Die Worte ?Demokratie? und ?Menschenrechte? haben in Zentralasien allerdings noch nie eine Funktion gehabt, die über die von Public Relations für westliche Ohren hinausgingen.</p><p><span
id="more-2350"></span></p><h3>Willkommen in der Vorhölle</h3><p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/kirg_02.jpg" border="1" alt="" width="200" />Als die Sowjetunion noch existierte, gab es keine Demokratie und auch die Menschen- und Bürgerrechte existierten nur auf dem Papier ? dafür gab es aber zumindest einen funktionierenden Staatsapparat, an den man Beschwerden über korrupte Funktionäre richten konnte und ? was noch wichtiger ist ? eine bescheidene materielle Sicherheit. Die Renten kamen relativ pünktlich, niemand musste hungern oder konnte sich elementare Dinge wie Wasser, Strom oder Heizung nicht leisten. Mit den neuen postsowjetischen Republiken kam der Despotismus. Demokratie und Menschenrechte spielten gar keine Rolle mehr, der Staatsapparat war selbst korrupt und die materielle Basis implodierte. In den rohstoffreichen zentralasiatischen Republiken schmierten wenigstens die üppigen Exporterlöse die marode Volkswirtschaft, Kirgisien entwickelte sich jedoch zum hoffnungslosen Fall.</p><p>Ein Land wie Kirgisien bezieht 47% seines Bruttoinlandsprodukts durch Transferleistungen im Ausland lebender Kirgisen. Dies sind meist junge Männer, die beispielsweise auf den Baustellen Moskaus zu ? selbst für russische Verhältnisse ? Dumpinglöhnen arbeiten und sich jeden Morgen auf einer Art Straßenstrich von interessierten Bauunternehmern anheuern lassen. Doch die Wirtschaftskrise ist auch an der pulsierenden russischen Metropole nicht vorbeigegangen. Die Baustellen für neue Prunk- und Glaspaläste stehen mangels finanzieller Reserven der Bauherren und dank mangelnder Nachfrage still und als erstes waren es natürlich die Gastarbeiter, die ihren Job verloren. All dies interessierte den Präsidenten Bakijew herzlich wenig. Als er jüngst die Energiekosten um stolze 50% erhöhte, um seiner Familie und seinen Freunden noch mehr Geld in die Taschen zu spülen, lief das Fass über.</p><h3>Revolution? Aber nicht doch!</h3><p>Spontan erhoben sich am Dienstag in einigen Provinzstädten die Menschen und ließen ihrer Wut freien Lauf. Regierungsmitglieder, die den Mob beruhigen wollten, wurden unversehens verdroschen ? der Innenminister wurde derartig malträtiert, dass NGOs bereits über seinen Tod berichteten (er wurde später allerdings schwer zugerichtet, aber lebendig gesichtet) und dem Vizepremier wurde (Berichten zufolge) ein Auge ausgeschlagen. Als die Aufstände am Mittwoch auf die Hauptstadt Bischkek (ehemals Frunse) übergriffen, war schnell klar, dass die Zeit von Bakijew abgelaufen war. Dieser rief eine Ausgangssperre aus, an die sich niemand hielt und flog kurz darauf in seinem Privatjet davon. Ob er sich im Westen des Landes, in der Nachbarrepublik Kasachstan oder bereits in den USA aufhält, ist nicht bekannt.</p><p>Ebenso schnell wie Bakijew die Bühne verließ, betraten sie seine potentiellen Nachfolger. Rosa Otunbajewa, selbst ehemals Außenministerin unter Bakijew und zuvor Botschafterin in Washington, rief sich zur Oppositionsführerin aus, übernahm im Namen eines 13köpfigen Komitees die Amtsgewalt und versprach dem Volk noch am selben Abend Neuwahlen und eine neue ? diesmal wirklich ? demokratische Verfassung. Die Botschaft hört der Beobachter wohl, allein ihm fehlt der Glaube. Es war keine Revolution, die sich in den letzen zwei Tagen in Kirgisien abspielte, sondern eine spontane Eruption der Unzufriedenheit. Otunbajewas wohl einzige Legitimation begründet sich aus ihrem Versprechen, die Energiepreiserhöhungen mit sofortiger Wirkung rückgängig zu machen. Damit ist die Ursache der Ausschreitungen beseitigt und das Volk erst einmal besänftigt. Wer nun aber glaubt, in Kirgisien brächen neue Zeiten an, der sollte nicht allzu enttäuscht sein, wenn das Murmeltier bereits in Kürze wieder grüßt.</p><h3>Etappensieg im Great Game für Moskau</h3><p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/kirg_03.jpg" border="1" alt="" width="200" />Noch vor wenigen Jahren war Kirgisien ein umworbenes Terrain im Great Game. Moskau und Washington schmierten die Despoten im Hintergrund so lange, bis sie ihr Ziel erreicht hatten oder als schmollender Verlierer das Feld räumen mussten. Der letzte Schlagabtausch ging 1:0 für Washington aus. Nach den Anschlägen von 9/11 brauchte man die zentralasiatischen Republiken als Hub im Krieg gegen Afghanistan. Auch in Kirgisien eröffneten die Amerikaner eine Airbase ? heute die letzte in dieser Region. Dies kam beim ehemaligen Gegenspieler der USA, den Russen, natürlich überhaupt nicht gut an ? US-Militärbasen im eigenen ?Vorgarten? waren dem wieder erstarkten Kreml ein Dorn im Auge. Wladimir Putin nahm den Ball auf und bot Bakijew Kredite über zwei Milliarden US$ an, wenn er die Amerikaner aus dem Land wirft. Bakijew dachte nicht daran, pokerte allerdings mit Moskau und Washington und gewann. Die Amerikaner durften bleiben, mussten allerdings fortan die dreifachen Pachtgebühren für ihre ? nun umbenannte &#8211; Airbase bezahlen. Putins Geld behielt Bakijew ebenfalls. Er bemächtigte sich dabei eines Taschenspielertricks, da er den Russen lediglich die Schließung der alten Airbase versprochen hatte, die es nun dank des Namenswechsels ja auch nicht mehr gab. So sieht wohl zentralasiatische Geschäftstüchtigkeit aus &#8211; im Westen würde man dies wohl Bauernschläue nennen.</p><p>In Moskau weint man Bakijew daher auch keine Träne nach. Der Machtwechsel kommt den Russen sehr gelegen. Ob diese Freude nachhaltig sein wird, darf jedoch auch bezweifelt werden. Rosa Otunbajewa gilt nicht eben als anti-amerikanisch oder pro-russisch und ihre erste Amtshandlung bestand darin, den Amerikanern zu versichern, die Pachtverträge für die US-Airbase in Kirgisien zu achten. Im Juli laufen diese Verträge aus, dann kann der nächste Poker beginnen, mit dem Otunbajewa das nötige Kleingeld einsammeln kann, um sich die Macht zu sichern.</p><p>Kirgisien ist zwar immer noch ein wichtiger Hub für die US-Armee und ihren Afghanistan-Krieg. Die zentrale Bedeutung des kleinen Landes ist jedoch längst passé. Die USA haben das Great Game in Zentralasien mit Pauken und Trompeten verloren. Nun sind es die Russen und die Chinesen, die sich um die rohstoffreiche Region streiten. Die Region Zentralasien ist jedoch nicht nur als Exporteur von Rohstoffen bedeutend, sondern auch als Brut- und Keimzelle des Islamismus. Usbekistan und Tadschikistan haben bereits sehr ernste Probleme mit den Gotteskriegern und auch in Kirgisien entwickelt sich der Islamismus zu einem ernsten Problem. Verantwortlich für diese Entwicklung ist neben den Kriegen der USA und der Spendierlaune saudischer Ölprinzen, die sich damit einen Ablassbrief bei den saudischen Gotteskriegern erkaufen, allerdings auch das russisch-amerikanisch-chinesische Geschacher im Great Game.</p><h3>Vom Etappen- zum Pyrrhussieg?</h3><p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px;" src="http://www.spiegelfechter.com/img/afg.jpg" border="1" alt="" width="200" />Solange diese Staaten Despoten stützen, nur um der anderen Großmacht eins auszuwischen, entwickelt sich eine kritische Masse in der religiösen Bevölkerung. Auch in Kirgisien hat der Islamismus beim normalen Volk, das unter der Despotie am meisten leidet, der Demokratie schon lange den Rang als erste Alternative abgelaufen. Wenn die Großmächte es nicht schaffen, in ihren zentralasiatischen Protektoraten lebenswerte Verhältnisse entstehen zu lassen, könnten diese Staaten bald wie Dominosteine umfallen. Es ist zwar nicht damit zu rechnen, dass Islamisten dort mittelfristig einen Gottesstaat errichten, Bürgerkriege und eine Destabilisierung der Region wären jedoch eine denkbare Folge. Schon heute vergeht in Tadschikistan und Usbekistan kaum ein Tag, an dem es keine Gefechte zwischen Islamisten und Regierungstruppen gibt. Sollte Otunbajewa nicht Wort halten, wird auch Kirgisien in diesem Sumpf versinken.</p><p>Heute mag sich der Kreml über den Machtwechsel freuen ? diese Freude könnte Medwedjew und Putin jedoch schon bald im Halse stecken bleiben. Nicht Deutschland, sondern Russland und im kleineren Maße auch China werden am Hindukusch verteidigt. Es ist natürlich vollkommen absurd, dass Kreuzberg oder Neu-Kölln bei religiösen Unruhen in Zentralasien zu neuen Nebenkriegsschauplätzen im Kampf der Kulturen werden könnten. Russlands gesamte Südflanke bis hin zur Wolga ist jedoch akut durch den politischen Islam bedroht. Die autonomen Kaukasusrepubliken Dagestan, Inguschetien und Tschetschenien sind dabei lediglich die akutesten Epizentren eines erstarkenden Islamismus ? das Zentrum des russischen Islams ist die Stadt Kasan an der Wolga, die von Moskau ungefähr so weit entfernt ist wie das weißrussische Minsk. Aber auch China sieht sich durch den Islamismus bedroht ? die Unruheprovinz Xingjiang (chin. ?Westmark?) grenzt direkt an Kirgisien.</p><p>Gleich welchen Namen der neue Machthaber von Kirgisien tragen wird, es ist vor allem im Interesse Russlands und Chinas, dass in der zentralasiatischen Republik stabile Verhältnisse einkehren. Im Great Game mag Moskau einen kleinen Etappensieg verbucht haben. Dieser Sieg könnte sich jedoch schon bald als Pyrrhussieg herausstellen. Es scheint fast so, als spielten die Großmächte ihr Great Game in Zentralasien ohne Netz und doppelten Boden. Dies könnte sich als ein fataler Fehler  herausstellen ? ein Siegeszug des Islamismus in Zentralasien wäre für keine der Großmächte eine wünschenswerte Entwicklung. Eine Alternative wäre die Stärkung der zivilgesellschaftlichen Kräfte in diesen Staaten. Russland und China stehen mit diesen Kräften jedoch auf Kriegsfuß und auch die USA und Europa lassen nur allzu gerne mal Fünfe gerade sein, wenn sie sich davon einen Vorteil im Great Game versprechen. Die westliche Öffentlichkeit schreit zwar Zeter und Mordio, wenn China ethnische Unruhen in Tibet niederschlagen lässt &#8211; wenn die deutschen Außenminister Fischer und Steinmeier jedoch erwiesenen &#8220;Menschenrechts- und Demokratiefreunden&#8221; wie Islam Karimow (Spitzname: Der Schlächter von Taschkent) und dem skurrilen Despoten Saparmurat Nijasov, der sogar einen Monat nach sich benennen ließ, die Hände zu schütteln, herrscht dröhnendes Schweigen. So hat die Zivilgesellschaft in Zentralasien freilich keine Chance. Die Saat für die nächste ?Revolution? in Kirgisien könnte bereits in diesen Tagen gesät werden ? nur dass die nächste Revolution auch eine grüne sein könnte.</p><p>Leseempfehlungen zum Thema:</p><p>M.K. Bhadrakumar &#8211; <a
href="http://www.thehindu.com/2009/07/20/stories/2009072055470800.htm">Islamist fighters on the Silk Road</a><br
/> M.K. Bhadrakumar &#8211; <a
href="http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/KB18Ag01.html">US and Russia see common cause</a><br
/> Simon Tisdall &#8211; <a
href="http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/apr/08/kyrgyzstan-vladimir-putin-barack-obama">Kyrgyzstan: a Russian revolution?</a><br
/> Owen Matthews &#8211; <a
href="http://www.newsweek.com/id/236021">Despotism Doesn?t Equal Stability</a><br
/> David Stern &#8211; <a
href="http://www.realclearworld.com/articles/2009/07/26/an_inevitable_outcome_in_kyrgyzstan_96982.html">An Inevitable Outcome in Kyrgyzstan</a></p><p>Zum Thema auf dem Spiegelfechter:</p><p><a
href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1582/das-great-game-ist-entschieden">Das Great Game ist entschieden</a><br
/> <a
href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/92/djihad_falle">Die Djihad-Falle</a></p><p><em>Jens Berger</em></p><div
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isPermaLink="false">http://www.spiegelfechter.com/wordpress/?p=2178</guid> <description><![CDATA[Als der amerikanische Radiosender CBS 1938 Orson Welles Hörspiel &#8220;Krieg der Welten&#8221; ausstrahlte, kam es landesweit zu Irritationen ? das Szenario, in dem Marsianer unvermittelt die USA angreifen, war offenbar nicht abstrus genug, um nicht von einigen Hörern ernst genommen &#8230; <a
href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2178/der-irre-von-tiflis-lasst-es-krachen">Continue reading <span
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style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px" src="http://www.spiegelfechter.com/img/bruenato2.jpg" border="1" alt="" />Als der amerikanische Radiosender CBS 1938 Orson Welles Hörspiel &#8220;Krieg der Welten&#8221; ausstrahlte, kam es landesweit zu Irritationen ? das Szenario, in dem Marsianer unvermittelt die USA angreifen, war offenbar nicht abstrus genug, um nicht von einigen Hörern ernst genommen zu werden. Der moderne &#8220;Krieg der Welten&#8221; heißt <a
href="http://georgiamediacentre.com/content/fake_news_scandal_now_real_international_incident_london_times">&#8220;Kronika&#8221;</a> und das Sujet wurde nach Georgien verlagert. Die Marsianer von heute sind ? wie könnte es anders sein &#8211; die Russen, die von skrupellosen georgischen Oppositionspolitikern zu einem Angriffskrieg animiert wurden. Anders als Orson Welles Hörspiel wurde Kronika jedoch mit dem Vorsatz ausgestrahlt, Verwirrung und Panik zu verbreiten. Es darf als sicher gelten, dass niemand anders als der georgische Präsident Michael Saakaschwili hinter dieser Sendung steckt. Dem chronisch neben der Spur liegenden Saakaschwili scheint kurz vor den Kommunalwahlen offensichtlich die letzte vorhandene Sicherung durchzubrennen.</p><h3><span
id="more-2178"></span></h3><h3>Ein starkes Stück</h3><p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px" src="http://www.spiegelfechter.com/img/sc_02.jpg" border="1" alt="" />Samstag zur Primetime ? der größte georgische Fernesehsender Imedi TV unterbricht das laufende Programm für eine Sondersendung. Innerhalb der beliebten Nachrichtensendung <a
href="http://www.iptv.ge/en/imedi-videos/imedi-qronika">Kronika</a> wird im Stil einer Sonderreportage über ein Horrorszenario berichtet: Georgische Oppositionspolitiker haben sich in ihrem Kampf gegen Saakaschwili mit den Russen verbündet und sie um tatkräftige Hilfe gebeten. Ein martialischer Präsident Medwedew erklärt den &#8220;Terroristen&#8221; den Krieg, russische Panzer rollen Richtung Tiflis, es wird von Bombardierungen und Aufständen berichtet. Präsident Saakaschwili soll von Oppositionellen umgebracht worden sein und führende Oppositionspolitiker hätten eine pro-russische Regierung gebildet. Die Verräter tragen die Namen Alasania und Burdshanadse ? ersterer Oppositionskandidat bei den Bürgermeisterwahlen in Tiflis, die im Mai stattfinden, letztere aussichtsreichste Gegenkandidatin bei den 2013 stattfindenden Präsidentenwahlen. Krieg, Tod, Verwüstung, Unruhen &#8230; fiktiv versteht sich, nur dass man das Publikum lediglich in einem kurzen schwammigen Satz vor der Ausstrahlung auf die Fiktion vorbereitet hat. Keine Untertitel, die den fiktiven Charakter betonen, stattdessen &#8220;O-Töne&#8221;, die westlichen Diplomaten, oppositionellen Politikern  und russischen Offiziellen in den Mund gelegt worden.</p><p
align="center"><object
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href="http://www.georgien-nachrichten.de/index.php?rubrik=aussenpolitik&#038;cmd=n_einzeln&#038;nach_id=17301&#038;PHPSESSID=ak0n8hmmr0mjp55ar4hpva00l6">sogar ergeben</a>, dass niemand anderes als Saakaschwili selbst dafür gesorgt haben soll, dass die gefälschte Sondersendung von Kronika keine Warnhinweise enthielt.</p><h3>Saakaschwili hat überreizt</h3><p><img
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px" src="http://www.spiegelfechter.com/img/saaka6.jpg" border="1" alt="" />Ein Mann wie Saakaschwili ist eine einzige Katastrophe für Georgien. Er ist wankelmütig, verlogen und hat offensichtlich jeglichen Sinn für die Realität verloren. Er führt sein Land mit eiserner Hand, unterdrückt die Opposition und agiert wie ein geisteskranker Potentat. Spätestens seit seinem Fünftagekrieg gegen Russland, den er mit Pauken und Trompeten verloren hat, ist Saakaschwili auch international isoliert. Die EU und die USA gehen auf Distanz und kritisieren offen die Menschrechtsverletzungen in Georgien. Von einem NATO-Beitritt Georgiens ist längst keine Rede mehr. Die Auslandsinvestitionen <a
href="http://www.georgien-nachrichten.de/index.php?rubrik=geoportal&#038;cmd=n_einzeln&#038;nach_id=17305&#038;PHPSESSID=64021gf7asdelb9kqienfs35k2">brechen ein</a>, während die Wirtschaft des Landes schwer unter der neuen Eiszeit zwischen Georgien und Russland zu leiden hat. Hätte Saakaschwili nicht einen durch und durch korrupten Staatsapparat aufgebaut, bei dem sich viele Funktionsträger an den Trögen der Macht satt fressen können, hätte ihn das Volk sicherlich bereits aus dem Land gejagt. Saakaschwili ist jedoch ein talentierter PR-Profi ? was im Westen lächerlich und clownesk wirkt, kommt im eigenen Land offensichtlich gut an. Vor allem versteht er, auf der Klaviatur der Angst vor dem großen Nachbarn zu spielen. Auch wenn die Mehrheit des Volkes Saakaschwili verachtet, in den Machtbereich Russlands möchte sie auf keinen Fall kommen. Solange Saakaschwili dem eigenen Volk vorgaukeln kann, die Alternative zu ihm sei die russische Knute, wird es die Opposition schwer haben.</p><p>Ende Mai finden in Georgien Kommunalwahlen statt. Vor allem die Wahlen um das Bürgermeisteramt von Tiflis gelten als Signal für die Zukunft des Landes. Jeder dritte Georgier lebt in Tiflis und der Bürgermeister der Hauptstadt ist eine der mächtigsten Personen im Lande. Mit Irakli Alasania hat die Opposition einen aussichtsreichen Kandidaten ins Rennen geschickt. Der ehemalige georgische UN-Botschafter Alasania galt einst als Ziehsohn und enger Verbündeter Saakaschwilis. Nach dem Fünftagekrieg trat er jedoch aus Protest gegen die Politik des Präsidenten von all seinen Ämtern zurück und wechselte die Seiten. Wenn er die Bürgermeisterwahlen gewinnen sollte, wäre er neben der ehemaligen Präsidentin Nino Burdschanadse wohl der aussichtsreichste Gegner von Saakaschwili bei den 2013 stattfindenden Präsidentschaftswahlen.</p><div
style="float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px"><script type="text/javascript">google_ad_client = "pub-5297724921840688";
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src="http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js"></script></div><p>Saakaschwili hat Angst und versucht nun alles in seiner Macht stehende, Alasania zu beschädigen. In diesem Kontext ist auch die unsägliche Kronika-Sendung zu betrachten. Man darf gespannt sein, mit welchen Mitteln Saakaschwili noch zu Werke gehen wird. Im Vorfeld machte die Opposition bereits auf hanebüchene Unregelmäßigkeiten bei den Wahllisten aufmerksam. So existieren in den offiziellen Wahlverzeichnissen mehrere Wohnungen, in denen angeblich mehr als 100 Menschen leben und 50.000 Wähler sollen im Jahre 1890 <a
href="http://www.georgien-nachrichten.de/index.php?rubrik=innenpolitik&#038;cmd=n_einzeln&#038;nach_id=17246&#038;anfang=0">geboren sein</a> ? so viele 120jährige gibt es jedoch auf der ganzen Welt nicht. Diese Unregelmäßigkeiten dürften jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein.</p><h3>Hollywood soll´s richten</h3><p>Der Westen sollte den &#8220;Irren von Tiflis&#8221; endlich ganz fallen lassen &#8211; ihn weiter zu tolerieren, schadet letztendlich vor allem den Georgiern selbst. Der Mann, der Millionen Steuergelder für PR-Profis in den USA und Europa ausgibt, scheint die Macht der PR zu überschätzen. Ein Produkt wie Saakaschwili kann noch nicht einmal der beste Spindoctor mit Millionenbudgets erfolgreich verkaufen. Um wenigstens die westliche Öffentlichkeit in die Irre zu führen, hat sich Saakaschwili etwas ganz besonderes ausgedacht. Er lässt gerade in Hollywood einen Spielfilm über den Fünftagekrieg drehen. In <a
href="http://www.imdb.com/title/tt1486193/">&#8220;Georgia&#8221;</a> sollen dann die bekannten Schauspieler Val Kilmer (als amerikanischer Journalist) und Andy Garcia (als Saakaschwili) die Mär vom russischen Überfall verbreiten. Ein glückliches Händchen hatte Saakaschwili bei diesem PR-Coup jedoch nicht ? ausgerechnet Renny Harlin, fünffache mit der Golden Himbeere &#8220;geehrt&#8221;, soll den Propagandafilm realisieren.</p><p><em>Jens Berger</em></p><div
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/><p><small>© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. <br/> </small></p>]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2178/der-irre-von-tiflis-lasst-es-krachen/feed</wfw:commentRss> <slash:comments>69</slash:comments> </item> </channel> </rss>
