Was nicht passt, wird passend gemacht

geschrieben am 10. Februar 2009 von Spiegelfechter

Die Grenzen zwischen Borderline-Journalismus und Medienmanipulation sind fließend. Tom Kummer erfand Interviews mit Hollywood-Stars und verkaufte sie an das SZ-Magazin – die Interviews waren zweifelsohne literarisch wertvoll und spannend; ob ausgedacht oder authentisch, wen interessiert es? Interessanter war da schon der Fall Michael Born. Born inszenierte Dokumentarfilme und verkaufte sie an Stern-TV. In einem seiner Filmbeiträge werden beispielsweise indische Kinder gezeigt, die Teppiche nähen – angeblich Sklavenarbeiter, deren schmutzige Ware in den IKEA-Märkten verkauft wird. Die Bilder waren gestellt, von Born inszeniert. Angeblich hatte er aus erster Hand Informationen über Kinder, die in Sklavenarbeit Teppiche knüpfen, aber keine Bilder. Da half er halt nach. Ähnlich kreativ ging der britische TV-Journalist Robert Moore im Januar dieses Jahres vor, als er einen herzzerreißenden Filmbeitrag über frierende Bulgaren drehte, die Opfer des Gasstreits zwischen Russland und der Ukraine seien. Der kleine aber feine Unterschied: Moore ist ein renommierter Journalist. Er ist Europa-Korrespondent für ITN, einen der größten Nachrichtenanbieter der Welt, zu dessen Kunden unter anderen ITV und Channel 4, zwei große britische TV-Sender, und auch CNN zählen. Zuvor war Moore Washington-Korrespondent von ITN/ITV, er ist somit kein unbekannter freischaffender Contentlieferant, wie Kummer oder Born, sondern einer der bekanntesten britischen TV-Korrespondenten.

Am 9. Januar sendete CNN einen Beitrag über die Folgen des Gasstreits in Bulgarien. Korrespondent Moore hat sich für diesen Bericht in die bulgarische Stadt Pleven begeben und zeigt arme Menschen, die Holz in ihre heruntergekommenen Plattenbauten tragen müssen, und Kinder, die sich die Hände reibend über einem Elektroherd wärmen. Schuld, so Moore, sei der Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland – und damit, so war es in CNN offizielle Lesart Russland, das der Ukraine das Gas abgedreht haben soll. Als Beweis zeigte Moore einen digitalen Zähler in einem Heizkraftwerk, das – so Moore – vom Gasengpass betroffen sei. Der Zähler zeigte nur Nullen – Russland liefert nicht mehr, das bulgarische Volk friert. „EU Bürger, mitten an der Frontline im Gaskrieg“ – erschütternde Bilder.

Der Bericht von Moore wurde in Bulgarien bereits kurz nach der Ausstrahlung kontrovers diskutiert. Als erstes beschwerte sich die sozialistische Partei der Stadt Pleven über die tendenziöse Bildersprache. Moore filmte eine ärmliche Siedlung, in der Roma leben, und vermittelte den Eindruck, dies sei Pleven, dies sei Bulgarien – verdreckt, verarmt, verkommen. Daraufhin schickte der bulgarische Ministerpräsident Stanischew, der der sozialistischen Partei angehört, den Verantwortlichen bei ITN und CNN einen Beschwerdebrief, in dem er Moore Manipulationen vorwarf. Der Bericht – so Stanischew – strotze nur so von dümmlichen Stereotypen. Aber Stanischew wußte zu diesem Zeitpunkt anscheinend noch nicht, dass der gesamte Bericht Moores von Anfang bis Ende inszeniert war und in keinem Punkt der Realität entsprach.

Der bulgarische Fernsehjournalist Stojan Georgiew machte sich die Mühe und suchte die Drehorte auf, die Moore gefilmt hatte, und ging der Sache auf den Grund. Das Ergebnis erschüttert: Die gezeigten Plattenbausiedlung der Roma in Pleven, in der die Menschen so bitter gefroren haben sollen, waren nie an das zentrale Fernwärme- oder Gasnetz angeschlossen und konnten daher vom Gasstreit gar nicht betroffen sein. Die Bewohner dort heizen stattdessen mit Holz und Kohle. Was der britische Journalist eigentlich von ihnen wollte, wissen die gefilmten und befragten Roma bis heute nicht. Die Kinder, die sich die Hände im Film über einem Elektroherd „wärmten“, waren von Moore instruiert wurden – der Herd war offensichtlich noch nicht einmal eingeschaltet. Auch die Aufnahmen in dem bulgarischen Heizkraftwerk sind Manipulation – der gezeigte Zähler, der beweisen sollte, dass kein russisches Gas mehr ankommt, befindet sich in Wirklichkeit auf einer Rohrleitung, die seit Jahren nicht mehr in Betrieb ist und auch nichts mit der Gasversorgung zu tun hat. Anfragen von Georgiew ließ Robert Moore unbeantwortet. Britische Medien haben über diesem Medienskandal bisher noch nicht berichtet – im deutschsprachigen Raum berichtet bislang nur der Schweizer Tagesanzeiger über den Vorfall.

Moore filmte dabei tatsächlich einen Skandal – es ist ein Skandal, dass in der EU Menschen unter den Bedingungen leben müssen wie die Roma in Pleven. Aber von diesem Skandal will niemand etwas hören. Die gleichen Bilder verkaufen sich allerdings bestens, wenn es darum geht, den Gasstreit zu dramatisieren, Angst zu schüren und Stimmung gegen Russland zu machen. Moore ist in diesem Metier kein Neuling – auch im Vorfeld des Irakkrieges spielte er – damals als Washington-Korrespondent für ITN/ITV – eine unrühmliche Rolle.

Hintergrund:

Bulgarien war vom Gasstreit zweifelsohne am härtesten betroffen – von den „hunderttausenden Haushalten, in denen die Menschen frieren mußten“, welche in den Medien immer gerne zitiert wurden, weiß man in Bulgarien aber nichts. Die Fernheizungssysteme wurden relativ schnell von Gas auf Schweröl umgestellt und der Nachbar Griechenland konnte ebenfalls helfen. Wo aber waren die 22 Tage Gasreserve, von denen bulgarische Vertreter zu Beginn des Gasstreits sprachen? Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass der Gasstreit auch von der bulgarischen Regierung instrumentalisiert wurde. Im Rahmen des EU-Beitrittsverfahrens hatte sich die bulgarische Regierung verpflichtet, zwei Blöcke des Atomkraftwerkes Kozloduy abzuschalten. Der Beitrittsvertrag enthält allerdings eine Klausel, dass bei „andauernden Schwierigkeiten im Energiesektor“ eine Reaktivierung möglich wäre. Der Gasstreit ist nach Lesart der bulgarischen Politik ein solcher Sonderfall – auf dem Höhepunkt des Gasstreits beauftragte das bulgarische Parlament die Regierung, Kozloduy wieder in Betrieb zu nehmen.

Der Gasstreit ist vorüber und die Ukraine hat ihn auf ganzer Linie verloren. Statt einem Fixpreis von 235 US$ zahlt das Land nun 450 US$ pro 1.000 Kubikmeter als Basispreis. Wenn die Schilderungen von Igor Bakai, der als Berater der ukrainischen Seite an den Verhandlungen teilgenommen hatte, der Wahrheit entsprechen, war ein Missverständnis des ukrainischen Präsidenten Juschtschenko Auslöser der Krise. Beide Seiten waren bereits übereingekommen, einen Fixpreis von 235 US$ zu akzeptieren, als Juschtschenko die ukrainische Delegation von den Verhandlungen abzog – er war der Meinung, dass der Gazpromtarif für Westeuropa 250 US$ betrage und da waren ihm 235 US$ zu viel. Der Tarif für Westeuropa liegt allerdings bei 400 bis 450 US$, den muss die Ukraine nun auch zahlen – ein teures Missverständnis Juschtschenkos.

Jens Berger

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Es geschah am hellichten Tag

geschrieben am 03. Februar 2009 von Spiegelfechter

Der Mord an einem Tschetschenen in Wien weitet sich zu einer Staatsaffäre aus

Wien am 13. Januar um 12:30 – auf offener Straße schießen zwei Männer mit Tarnjacken auf Umar Israilow ein. Der 27jährige Tschetschene erliegt kurze Zeit später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Täter fliehen in einem grünen Volvo, der von einem dritten Mann gefahren wird, vom Tatort. Noch am Nachmittag verhaftet die Polizei den 40jährigen Halter des Volvos – einen Tschetschenen, der den urösterreichischen Namen Otto Kaltenbrunner angenommen hat. Kaltenbrunner wird verdächtigt, den Fluchtwagen gefahren zu haben und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. In den folgenden Tagen wurden weitere sieben Tschetschenen festgenommen, die Kaltenbrunners Umfeld zugeordnet werden. Ein Mord am hellichten Tag und auf offener Straße – vom Tatverlauf her sogar eher eine Hinrichtung. Die österreichische Polizei geht zunächst davon aus, dass es sich um einen Mordfall im Umfeld der Organisierten Kriminalität handelt und ermittelt in diese Richtung. Kurze Zeit später kommen jedoch politische Hintergründe ins Spiel und der Mordfall bekommt internationale Brisanz.
Ramsan Kadyrow

Der ermordete Umar Israilow gehörte früher der Leibgarde des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow an. Nach eigenen Angaben gehörte er vor der Rekrutierung durch Kadyrow zu einer Jihadisten-Gruppeund wurde von Kadyrow selbst durch Folter und Drohungen vor die Wahl gestellt, bei dessen Miliz anzuheuern, oder umgebracht zu werden. Als er später bei ihm in Ungnade fiel, suchte er in Österreich als politischer Flüchtling Asyl. Israilow wollte im Exil auspacken – auspacken über Morde, Folter und Kriegsverbrechen, auspacken über Insiderinformationen, die er als Mitglied des engeren Kreises um Kadyrow sammeln konnte. Bereits im Jahre 2006 strengte er beim Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg eine Klage gegen Kadyrow an. Die Klage wurde abgewiesen und Israilow gelangte ins Visier tschetschenischer und russischer Sicherheitsdienste.

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Der Russe lügt!

geschrieben am 07. Januar 2009 von Spiegelfechter

Man kennt es bereits aus dem Georgien-Krieg. Wenn es zwei unterschiedliche Versionen von einem Ereignis gibt und eine davon aus Russland stammt, wird in einigen Pressehäusern die russische Version als falsch, die gegenteilige Version als korrekt dargestellt. Warum sollte dies im Gasstreit anders sein?

Nach den Aussagen des ukrainischen Gasversorgers Naftogaz hat Russland heute über Nacht die Gaslieferungen in die Ukraine komplett eingestellt. Russland wiederum erklärt die Tatsache, dass kein Gas über die Ukraine an europäische Endkunden ausgeliefert wird, mit dem Umstand, dass die Ukraine alle vier Transitpipelines geschlossen habe.

Ein Vertreter der Gazprom erklärte dazu:

Es ist im höchsten Maße zynisch, wenn die Ukraine Russland vorwirft, die Gaslieferungen in die Ukraine zu stoppen. Jedes Schulkind weiß, dass wenn man das eine Ende einer Pipeline verschließt, man am anderen Ende unmöglich weiteres Gas einspeisen kann. Daher liegt die komplette Verantwortung auf ukrainischer Seite.

Als Journalist ist man der Neutralität verpflichtet und auch wenn Experten die russische Variante für stichhaltiger halten, sollte man die unterschiedlichen Lesarten erläutern und Zitate einer Konfliktpartei als indirekte Rede weitergeben und nicht als Fakt. Was aber machen Teile der Presse in ihren Artikelüberschriften?

Quelle:Berliner Zeitung

Quelle: WELT

Quelle: BILD

In keinem der Artikel wird die ukrainische Version als Fakt dargestellt, sondern – so wie es sein sollte – als indirektes Zitat mit Quellangabe. Die Überschriften suggerieren dem Leser jedoch, dass die ukrainische Version den Tatsachen entspräche. Ist dies manipulativ, reißerisch oder einfach nur journalistische Unfähigkeit? Letzeres wäre eine Erklärung, wenn die Unfähigkeit sich auf die Konfliktparteien verteilen würde. Dem ist aber nicht so – egal ob es sich um das einseitige Vertrauen auf georgische Quellen, oder ein manipulaitv gekürztes Interview mit dem russischen Ministerpräsidenten handelt; immer ist es die russische Seite, die “Opfer” der Einseitigkeit ist.

Dass es auch anders geht, beweist dieses mal die Tagesschau, die ein erfreulich neutrales Interview mit ihrem Russland-Korrespondenten Stefan Stuchlik führte.

Jens Berger

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Europa guckt in die Röhre

geschrieben am 07. Januar 2009 von Spiegelfechter

Russland und die Ukraine streiten sich ums Gas und der Westen bangt um seine Energiesicherheit

Deutschland fröstelt sich durch den Winter und vernimmt mit Sorge bedrohliche Nachrichten aus der fernen Ukraine. Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine ist seit Neujahr eskaliert – heute versiegte erstmals die Gaslieferung in einigen osteuropäischen Ländern komplett und auch in Deutschland kommt bereits weniger Gas aus Russland an. Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine ist ein Streit um den Gaspreis und um den Gasdurchleitungspreis. Die Ukrainer bezahlten bisher relativ wenig für die Gaslieferungen aus Russland, jetzt wollen die Russen mehr Geld. Umgekehrt wollen die Ukrainer mehr Geld von den Russen für den Gastransport nach Westen und nebenbei geht es auch noch um Zwischenhändler, die sich dank intransparenter Firmenkonstrukte eine goldene Nase am Gas aus dem Osten verdienen. 42% des in Europa verbrauchten Erdgases kommt aus Russland, 80% davon wird über Pipelines transportiert, die über das Staatsgebiet der Ukraine führen. Auch wenn es beim Streit nur um bilaterale Fragen geht, ist auch der Rest Europas betroffen, da das Transitland Ukraine offensichtlich größere Mengen des Gases, das für die Endkunden in Europa bestimmt ist, für den eigenen Bedarf abzweigt. Die EU ist alarmiert und wird wohl oder übel intervenieren müssen, wobei ein großzügiger Kredit an die zahlungsunfähige Ukraine die wahrscheinlichste Lösung für das Gasdilemma ist.

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Katerstimmung in Georgien

geschrieben am 28. November 2008 von Spiegelfechter

Neuere Medienberichte, die Untersuchungen der OSZE und von Menschenrechtsorganisationen werfen ein düsteres Bild auf Georgien

In der Nacht vom 7. auf den 8. August dieses Jahres versuchte Georgien mit einer Militärattacke die abtrünnige Provinz Südossetien wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Das Ergebnis dieses militärischen Abenteuers war für Georgien desaströs – Russland, das sich als Schutzmacht Südossetiens sieht, erwiderte den Angriff, zwang die vergleichsweise winzige georgische Armee in die Knie und besetzte weite Teile des Landes. Als nach fünf Tagen die Waffen schwiegen, begann der Krieg am grünen Tisch. Georgien sieht sich derweil keinesfalls als Aggressor, sondern behauptet, sich wahlweise gegen eine russische Invasion oder Angriffe südossetischer Freischärler in Notwehr “vorwärts verteidigt” zu haben. Die georgische Lesart der Geschehnisse bestimmte auch monatelang die Medienberichte und die Politik des Westens. Unabhängige Untersuchungen westlicher Medien, der OSZE und von Menschenrechtsgruppen, die in diesem Monat veröffentlicht wurden, verbannen die georgische Version nun endgültig in das Reich der Lügen.

Der Westen reagiert auf diese Enthüllungen verhalten. Die Pläne für eine schnelle NATO-Mitgliedschaft Georgiens liegen vorerst auf Eis und zwischen dem Westen und Russland zieht langsam diplomatisches Tauwetter auf. Die Verhandlungen über die Frage des zukünftigen Status der abtrünnigen georgischen Teilrepubliken Abchasien und Südossetien gestalten sich hingegen zäh und Beobachter erwarten, dass ein Durchbruch erst dann erzielt werden kann, wenn der georgische Präsident Saakaschwili abgelöst wird.

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