Iraks Öl unter dem Hammer

29. Juni 2009 von Spiegelfechter - Drucken

Auf viele Amerikaner wirkt das Gebaren der irakischen Regierung wie eine Demütigung. Morgen tritt die erste Stufe des „Status of Forces Agreement“ (SOFA) in Kraft und im Zawra-Park von Bagdad findet die größte Party statt, die das geschundene Land seit langer Zeit gesehen hat. Premier al-Maliki erklärte den morgigen Tag zum nationalen Feiertag und spricht huldvoll von einem „historischen Sieg“. Morgen muss der Abzug der Amerikaner aus den Städten und Dörfern Iraks abgeschlossen sein und die GIs müssen sich in ihre Militärbasen zurückziehen. Verlassen dürfen sie diese nur, wenn die irakische Regierung dies gestattet – momentan gestattet sie amerikanischen Soldaten beispielsweise die Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte. Ein glorreicher Sieg für die letzte verbleibende Supermacht sieht anders aus. Der amerikanische Militärradiosender wird zwar morgen nicht „White Christmas“ spielen müssen, aber bis zum Jahresende 2011 wird der Abzug der momentan noch 130.000 GIs abgeschlossen sein, wenn beide Staaten das SOFA einhalten.

Viele Kommentatoren und Analysten sind sich einig – die USA haben den Irak „nur“ wegen dessen Ölreichtum überfallen und wollten für Big Oil ein Stück vom Kuchen reservieren. Auch bei diesem Kriegsziel war das bisherige Engagement der Amerikaner von Scheitern und Versagen geprägt. Irak verfügt mit 115 Mrd. Barrel Rohöl über gewaltige Reserven – nur Iran und Saudi-Arabien besitzen noch größere Ölvorräte. Es gibt sogar Studien, nach denen unter irakischem Boden noch wesentlich größere Vorkommen schlummern – einige Analysten gehen sogar davon aus, dass Irak auf noch mehr Öl sitzt als Saudi-Arabien. Was nützt den Amerikanern allerdings das ganze Öl, wenn sie es nicht fördern dürfen? Das irakische Parlament hat sich bis heute geweigert, ein neues Ölgesetz zu verabschieden, das die Konzessionsvergabe an ausländische Ölfirmen gestattet. Nur die Regionalverwaltung in den halb-autonomen kurdischen Provinzen hat dreißig kleinere Verträge mit ausländischen Firmen abgeschlossen. Diese Verträge sind allerdings nach Lesart der Zentralregierung in Bagdad null und nichtig, weshalb sich an den Ausschreibungen der kurdischen Behörden auch kein größerer Konzern beteiligt hat – zu groß ist die Angst, es sich mit Bagdad zu verscherzen.

Sämtliches Öl im Süden des Landes wird momentan von staatlichen irakischen Firmen gefördert, es existieren nur zwei gültige Kooperationsverträge mit einer britischen und einer chinesischen Firma, die nur geringe Volumina betreffen und noch aus der Vorkriegszeit datieren. Das Ölministerium wollte ursprünglich, dem saudischen Modell folgend, die gesamte Ölförderung in irakischer Hand behalten und nur projektbezogene Dienstleisterverträge ausstellen. Die Rechnung des Ölministeriums ging jedoch nicht auf. Einerseits hat das Land seit dem Kollaps des Ölpreises im Juli letzten Jahres arge Finanzprobleme und kann die 50 Mrd. US$, die nötig wären, um die Ölförderung zu modernisieren, schlichtweg nicht aufbringen. Andererseits verhindern fehlendes Know-how, Korruption und Missmanagement eine effiziente Förderung. Die Förderquote des Landes dümpelt bei rund 2,3 Mio. Barrel pro Tag vor sich hin, mit sinkender Tendenz. Damit fördert der Nachkriegsirak weniger Öl als zu Saddams Zeiten 2003, als Sanktionen eine größere Förderquote verhinderten.

Um die Förderung zunächst zu stabilisieren und später auch auszuweiten, hat das irakische Ölministerium – ohne ein Ölgesetz als gesetzliche Grundlage – sich entschlossen, die Konzessionen für sechs Ölfelder zu versteigern. Sehr zum Missfallen der Ölkonzerne hat man sich allerdings nicht zu einem „Production Sharing Agreement“, bei dem die ausländischen Konzerne Förderrechte besitzen und den irakischen Staat an den Gewinnen teilhaben lassen, entschlossen, sondern zu technischen Serviceverträgen. Dem ausländischen Partnern wird zwanzig Jahre lang eine fixe Gebühr für deren vertraglich bestimmte Arbeiten zugestanden, während alle Rechte und die Entscheidungshoheit bei den Irakern bleiben. Das Unternehmen, das bei der Versteigerung die niedrigsten Kosten kalkuliert, erhält jeweils den Zuschlag.

Technische Serviceverträge sind gemeinhin unbeliebt – dabei geht es nicht nur um mangelnde Entscheidungsbefugnisse, es geht auch um Risiken. Glaubt man einigen irakischen Geologen, so befinden sich die Quellen im Süden des Landes in einem desolaten Zustand. Gerüchten zufolge soll der Grundwasseranteil im geförderten Öl sehr hoch sein. Dies kann entweder auf ein baldiges Versiegen hinweisen oder aber ein Anzeichen für grobe Fehler der irakischen Ölfördergesellschaften sein. Im schlimmsten Falle sind die angerichteten Schäden irreversibel. Es ist daher fraglich, ob und mit welchem Mitteleinsatz die ausländischen Ölgesellschaften die vertraglichen Förderquoten überhaupt erreichen können. Die irakische Regierung träumt von einer Gesamtförderung von 6 Mio. Barrel pro Tag – ob dieses überaus ehrgeizige Ziel überhaupt erreicht werden kann, darf bezweifelt werden.

Obgleich die jetzige Versteigerung den Ölkonzernen wenig Rendite bescheren dürfte, ist das Interesse gewaltig. 120 Unternehmen wollten an der Versteigerung teilnehmen, 35 von ihnen sind nach Auffassung des irakischen Ölministeriums dazu geeignet, die vertraglichen Pflichten auch wahrnehmen zu können. Darunter ist das komplette Who is Who der Ölbranche. Neben den amerikanischen und europäischen Branchenriesen von Big Oil bieten auch die russische Lukoil und die chinesische Sinopec mit, die sich durchaus Hoffnung auf Erfolg machen können. Es ist nämlich anzunehmen, dass es keinen Marktpreis geben wird, sondern dass sich die Bieter in einen ruinösen Wettkampf begeben werden.

Bei der ersten Runde der Versteigerungen geht es nämlich nur um bereits erschlossene Felder, die modernisiert werden sollen. Der „Hauptpreis“ für die Ölkonzerne sind jedoch Explorations- und Förderrechte für bislang noch nicht erschlossene und nicht entdeckte Ölfelder. Wer an diesem Geschäft teilhaben will, muss – so die Überzeugung von Analysten – einen Fuß in der Tür haben. Und wer jetzt nicht zum Zuge kommt, wird wahrscheinlich vergeblich vor der Türe warten. Für die Ölkonzerne ist diese Versteigerung daher hochriskant. Es gibt keine rechtlich bindende Regelung, dass die lukrativen Konzessionen überhaupt aus der Hand gegeben werden. Wenn sich das irakische Parlament in nächster Zeit zu einem Ölgesetz durchringen könnte, bei dem es ausländischen Unternehmen verboten wird, Rechte an der Förderung oder gar an den Reserven zu halten, wären die jetzt versteigerten Verträge zwar immer noch gültig, die Chance auf einen Teil vom irakischen Ölkuchen wäre für die Konzerne allerdings passé.

Bislang haben nur Streitigkeiten zwischen den kurdischen, den sunnitischen und den schiitischen Irakis eine Übereinkunft verhindert – es geht vornehmlich darum, welche Regionen an den Öleinkünften wie beteiligt werden. Die Sunniten, auf deren Gebieten kaum Ölfelder existieren, befürchten übergangen zu werden, während die Kurden ihre Konzessionen gerne selbst verteilen würden. Die Schiiten wiederum würden am liebsten alle Konzessionen zentral verwalten und parlamentarisch über die Verteilung der Gelder entscheiden – das wundert nicht, schließlich stellen sie nicht nur die Mehrheit der Bevölkerung, sondern auch die Mehrheit der Parlamentarier.

Die für heute angesetzte Versteigerung musste bereits um einen Tag verschoben werden – Schuld war ein Sandsturm, der einigen Teilnehmern der Versteigerung die Anreise „verweht” hat. Morgen – am Nationalfeiertag – wird die Auktion nun allerdings stattfinden. Wenn nicht Big Oil, sondern die internationale Konkurrenz aus Frankreich, Russland oder China zum Zuge käme, wäre dies für die „Koalition der Willigen“ eine gehörige Ohrfeige. Wer auch immer den Zuschlag erhält – die Risiken, dass der „Sieger“ keine sprudelnde Quelle mit schwarzem Gold, sondern ein schwarzes Loch für die Konzernfinanzen ersteigert, ist sehr groß. Die Ölfirmen sind Getriebene in einem Wettlauf um die letzten Reserven. Warum lassen sich die Konzerne auf derlei Risiken ein? Larry Goldstein, Direktor der unabhängigen „Energy Policy Research Foundation” kennt die Antwort: “Zu fragen, warum Ölfirmen am Irak interessiert sind, ist so, als ob man fragen würde, warum Bankräuber Banken überfallen - weil dort nun einmal das Geld liegt”.

Jens Berger

Hintergrund und Analyse:

Gina Chon - Big Oil ready for big gamble in Iraq
Patrick Cockburn - Who Will Control Iraq’s Oil?
Naswar Alsaadi - Iraqi Oil, Black Gold or Black Hole

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Kategorie: Ausland, Energie, USA | 42 Kommentare

Unterwegs im Augiasstall

26. Juni 2009 von Spiegelfechter - Drucken

Die Bankenlobby will sich vom Weißen Haus nicht ins ­Geschirr nehmen lassen und wehrt sich gegen Obamas “White Paper”. Auch die ­Republikaner setzen auf ­Widerstand

Sage mir, wer dich kritisiert, und ich sage dir, was du richtig gemacht hast. Wie kaum anders zu erwarten, stoßen Barack Obamas Pläne für mehr Regulierung der Finanzmärkte sowohl bei deren Akteuren selbst als auch der politischen Konkurrenz auf harsche Ablehnung. Der Kampf gegen das, was Horst Köhler einmal das „Monster der Finanzmärkte“ nannte, wird für Obama zur Herkulesaufgabe. Noch vor wenigen Monaten stand das internationale Bankensystem kurz vor der Kernschmelze. Billionen Dollar wurden weltweit zur Rettung von Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften eingesetzt – wie hoch der Schaden für den Steuerzahler sein kann, wenn eines Tages die Endabrechnung präsentiert wird, ist nicht im Geringsten abzusehen.

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Die Stunde der Demagogen

01. Mai 2009 von Nick Abbe - Drucken

Barack Obamas Präsidentschaft als neue Chance für „patriotische“ Demagogen

Bereits die Wahlkampf-Rhetorik des Jahres 2008 hatte in den Vereinigten Staaten zu einer weiteren Zuspitzung der öffentlichen Debatte über die Zukunft des Landes geführt, bei der Teile des republikanischen Lagers zeigten, wo sie stehen: rassistische Verunglimpfungen und sogar Aufrufe zum Lynchmord waren, insbesondere in der „Fangemeinde“ der Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, keine Seltenheit.

Im Endeffekt symbolisierte ein Ereignis in der Wahlnacht die Zukunft der republikanischen Partei. Als John McCain seine Niederlage eingestand und Obama zur gewonnenen Wahl gratulierte, erhob sich ein gellendes Pfeifkonzert, begleitet von Buhrufen, aus den Reihen der versammelten Republikaner. Exakt diese Stimmung griff der einflussreiche erzkonservative Radiomoderator Rush Limbaugh auf, als er sich lauthals ein Scheitern der Präsidentschaft Obamas wünschte und die Worte des republikanischen Präsidentschaftskandidaten damit direkt in Frage stellte:

„[…] Wieso müssen wir das Spiel nach ihren Regeln spielen? Wieso sollen wir die Voraussetzung akzeptieren, dass wir ihm aufgrund der historischen Natur seiner Präsidentschaft Erfolg wünschen sollen? Das ist positive Diskriminierung, wenn wir dies tun. Wir wollen Versagen fördern, wir wollen Inkompetenz fördern, wir wollen da stehen und dem, was er tut, nicht widersprechen – nur wegen der Farbe seiner Haut?“

Man beachte dabei den letzten Teilsatz, der deutlich zeigt, dass Limbaugh trotz gegenteiliger Äußerungen implizit die rassistische Karte spielt, denn nichts anderes ist sein Verweis auf die Hautfarbe des Präsidenten, die mit dessen Kompetenz oder Inkompetenz nicht das Geringste zu tun hat. Und um auf Nummer sicher zu gehen, darf auch der Hinweis auf Obamas vermeintlich sozialistisches Gedankengut nicht fehlen:

„Wir reden über mein Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, meine Nichten, meine Neffen, eure Kinder, eure Enkel. Wieso um alles in der Welt wollen wir ihnen noch mehr Liberalismus und Sozialismus aufbürden? Wieso sollten wir dies tun? Ich kann darauf nur mit vier Worten antworten: ‚Ich hoffe, er scheitert.’ […]
Wenn meine Partei das ganze Konzept des Sieges geopfert hat, tut mir leid, dann bin ich wohl der einzig wahre Republikaner, und die sind allesamt Verräter.“

Limbaugh, der mit seiner Radiosendung bis zu 20 Millionen Zuhörer pro Woche erreicht, ist der dickste Fisch im Teich der rechtspopulistischen Meinungsmacher. Selbst der momentane Parteivorsitzende der Republikaner, Michael Steele, der es gewagt hatte, Limbaughs Rhetorik als „aufhetzend“ und „hässlich“ zu kritisieren, war anscheinend gezwungen, sich kurz darauf brav bei dem „einzig wahren Republikaner“ zu entschuldigen.

Bill O’Reilly, Michael Savage, Glenn Beck und andere erzkonservative Radio- und TV-Moderatoren folgen in Limbaughs „Windschatten“ wie die Stock-Cars beim Daytona 500. Nun ist ihre Stunde gekommen, denn blieb ihnen während der acht Jahre von Bushs Amtszeit nichts anderes übrig, als den Demokraten und deren Anhängern Defätismus und mangelnden Patriotismus bis hin zum Landesverrat vorzuwerfen. So können sie nunmehr die volle Bandbreite der Anschuldigungen bemühen.

„A Revolution’s comin’!“

Mit einem demokratischen Präsidenten im Weißen Haus und einer demokratischen Mehrheit im Kongress eröffnen sich den selbsternannten Gralshütern konservativer amerikanischer Werte sogleich andere Möglichkeiten, zum Rundumschlag gegen Liberale und „säkulare Humanisten“ auszuholen. So können Limbaugh, O’Reilly und Co. versuchen, das Gesicht Obamas zum Gesicht der Wirtschaftskrise zu machen, welche die Vereinigten Staaten fest im Griff hat. Ein probates Mittel dafür ist es, die Ängste von Bürgern, die gegen verschwenderische Politiker demonstrieren, aufzugreifen und in bestimmte Richtungen zu lenken.

Dies lässt sich zum Beispiel an den sogenannten „Tea Parties“ veranschaulichen, die in den letzten Wochen in zahlreichen amerikanischen Städten und Gemeinden stattfanden und in der Tradition der „Boston Tea Party“ von 1773 stehen sollten, um damit zu verdeutlichen, dass der Hort der Tyrannei nunmehr von London nach Washington umgezogen ist. Interessant dabei ist jedoch, dass gerade FOX News und die bereits erwähnten Moderatoren während der achtjährigen Amtszeit George W. Bushs keinerlei Veranlassung sahen, gegen die „Tyrannei Washingtons“ Stimmung zu machen – obwohl in diesen acht Jahren eine sehr reale und beunruhigende Akkumulation exekutiver Machtbefugnisse stattfand (die mit Obamas Amtsantritt freilich nicht endete).

Gleichwohl ist es vor allem der TV-Sender FOX News, der die „Tea Parties“ mit seiner Berichterstattung populär zu machen versuchte, wobei vor allem der ehemalige CNN-Angestellte Glenn Beck eine führende Rolle einnahm – um mit einschlägigen Studiogästen umgehend das altbekannte Schreckensszenario der „New World Order“ neu aufs Tapet zu bringen und vor einem kommenden Bürgerkrieg zu warnen.

Demzufolge ist es nicht verwunderlich, dass die „Tea Party“-Veranstaltungen recht schnell von Vertretern und Sympathisanten rechtskonservativer bis rechtsradikaler Gruppen und Organisationen vereinnahmt wurden. Ein „seltsames Gemisch“ aus „Birthers“ (gemeint sind Anhänger der christlichen Rechten) und „Birchers“ (Vertreter der militant antikommunistischen „John Birch Society“) fand sich zum „tea-bagging“ zusammen, um gegen den gemeinsamen Feind zu demonstrieren.

Schnell wurden die Schuldigen an den derzeitigen Zuständen ausgemacht: Kommunisten, die Evolution und die Gehirnwäsche der Medien. Selbst konservative Blogger waren angesichts von Forderungen, „die Bücher“ (die Rede war von Lehrbüchern zur Evolution) zu verbrennen, geschockt ob des „verwirrten Zeugs“, welches die Zuhörer anscheinend regelrecht „aufsaugten“.

Trotz der durchaus amüsanten Enthüllung einer Reporterin, die vor laufender Kamera erläuterte, welche Bedeutung der Begriff „tea-bagging“ sonst noch hat, sollte man an dieser Stelle nicht übersehen, welche Bedeutung diese Zusammenkünfte haben. Auch wenn sie ein Zeichen des „intellektuellen Zusammenbruchs“ der konservativen Bewegung, die Anfang der 1990er rapide an Macht und Einfluss gewann, sind – die Frage ist, welche „Kollateralschäden“ dieser Zusammenbruch noch verursachen könnte.

Nicht ohne Grund schreckt die Obama-Administration bis jetzt vor einem Schritt zurück, den der Präsident laut eigener Aussage befürwortet: ein Verbot von Sturmgewehren und ähnlichen Waffen. Ein solcher Schritt könnte, im Zusammenhang mit sich zuspitzenden sozialen Missständen und der zunehmend hysterischen Rhetorik erzkonservativer Protagonisten, eine Steigerung der Gefahr durch „homegrown terrorism“ mit sich bringen.

Bereits während Clintons Präsidentschaft war es zu einem Anwachsen der amerikanischen Miliz-Szene gekommen, die sich in der Mehrheit aus einem diffusen Gemisch wertkonservativer, ultra-patriotischer „Survivalists“, Regierungs- und Steuergegnern und um ihre „verfassten Rechte“ besorgter Waffennarren zusammensetzt. Doch auch Vertreter explizit rechtsextremer Ideologien sind in diesem Umfeld zu finden (beispielsweise in der „Militia of Montana“). Nach dem Bombenanschlag von Oklahoma City im Jahre 1996 hat sich deren Stellung insofern verstärkt, als dass sich eher moderat eingestellte Milizangehörige im Zuge dessen erschrocken von der Szene abwandten. Weitere Splittergruppen im rechten Spektrum sind im Neonazi-Lager und in einigen christlich-fundamentalistischen Gemeinden und Organisationen angesiedelt.

Schmutzkampagne oder legitime Warnung?

Droht nun ein erneutes „Erwachen“ dieser Gruppierungen? Das US-Heimatschutzministerium (DHS) sah sich immerhin gezwungen, in einer Bekanntmachung vor der möglichen Gefahr einer „gewalttätigen Radikalisierung“ rechtsextremer Gruppierungen zu warnen. Trotz allem Skeptizismus gegenüber Verlautbarungen dieser Mega-Behörde mit dem ominösen Namen und ihren, teils fragwürdigen Praktiken im „Anti-Terror-Kampf“, lohnt sich ein genauerer Blick in dieses Dokument.

Dabei handelt es sich um einen überaus sachlichen und inhaltlich nachvollziehbaren Überblick über Motivationen rechtsextremer Gruppen und Einzelpersonen und das daraus resultierende Risikopotential durch diese Akteure. Es werden darin weder Waffenbesitzer mit Rechtsextremisten gleichgesetzt, noch werden Veteranen des US-Militärs pauschal als potentielle Rechtsextremisten dargestellt. Und doch sind genau dies die Vorwürfe, die von den „üblichen Verdächtigen“, von Limbaugh und Co. bis hin zum Gründer der „Christian Coalition“, Pat Robertson, gebetsmühlenartig wiederholt werden.

Im altbekannten “paranoid style” behaupten die urplötzlich zu Kritikern des Department of Homeland Security mutierten Erben Joe McCarthys, dieser Report diene der Verunglimpfung patriotischer, christlicher Amerikaner und heimkehrender Veteranen seitens einer Regierung, die Kritiker mundtot zu machen versuche. Der eigentliche Anlass des DHS-Berichtes, so Limbaugh, sei die Assoziierung der „Tea Parties“ mit Rechtsextremisten. Ob sich das besagte Ministerium tatsächlich die Mühe macht, Veranstaltungen zu verunglimpfen, die sich allein durch ihre Namensgebung der Lächerlichkeit preisgeben, sei dahingestellt.

Eher dürften es Fälle wie der des 22-jährigen Richard Poplawski sein, die der Hintergrund des DHS-Berichtes sind. Der registrierte Republikaner, bekennende Rechtsextremist und Glenn Beck-Fan erschoss am 4. April 2009 drei Pittsburgher Polizisten und verletzte zwei weitere schwer, bevor er verletzt festgenommen werden konnte. Zwei der getöteten Polizisten hatten keine Chance: als sie, alarmiert durch einen Notruf von Poplawskis Mutter, vor Ort eintrafen, lockte sie der mit kugelsicherer Weste, einem AK-47 Sturmgewehr und zwei weiteren Waffen ausgestattete Täter in einen Hinterhalt. Beide Polizisten starben kurz hintereinander durch Kopfschüsse.

Republikaner am Scheideweg

Vielleicht sind es ja Republikaner wie Poplawski, Limbaugh und Robertson, die einen altgedienten Parteisoldaten wie Senator Arlen Specter dazu brachten, seinen Übertritt von den Republikanern zu den Demokraten zu erklären. Seiner Aussage nach befindet sich der Senator aus Pennsylvania zunehmend im Widerspruch mit der „republikanischen Philosophie“ seiner ehemaligen Partei, die inzwischen „weiter und weiter nach rechts“ tendiere.

Specter ist nicht der erste, der die lautstarke Dominanz konservativer Extremisten in der republikanischen Partei anprangert. Auch die Senatoren Olympia Snowe (Maine) und Lindsay Graham (South Carolina) äußerten ihre Frustration über den Kurs der Partei, deren Haltung gegenüber moderaten Republikanern inzwischen dem bekannten Prinzip „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ entspräche.

Auch der derzeitige Vorsitzende, Michael Steele, der dem Bild des „typischen“ Republikaners nun wirklich nicht entspricht, dient sich inzwischen den Limbaughs und Robertsons der Grand Old Party an, in dem er zum Beispiel behauptet, bei einer Veranstaltung von Abtreibungsgegnern durch sinistre Gestalten mit „Notizblock und Kamera“ bespitzelt worden zu sein (er meinte Agenten der Homeland Security, keine Journalisten). Dies und seine, offensichtlich durch starken Druck seitens der Partei zustande gekommene, Entschuldigung bei Rush Limbaugh zeigt sehr deutlich, wer bei den Republikanern zunehmend den Ton angibt. Wie lange sich die Republikaner unter diesen Bedingungen als Konkurrenten zu den Demokraten halten können, bleibt abzuwarten.

Es wäre nicht das erste Mal in der amerikanischen Geschichte, dass das Dilemma einer Partei zu einer äußerst erfolgreichen Neugründung führt. Die republikanische Partei selbst war einmal eine solche Neugründung – und stellte sechs Jahre nach ihrer Gründung den 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: Abraham Lincoln.

Nick Abbe

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Kategorie: USA | 51 Kommentare

Das dysfunktionale Duo

22. März 2009 von Spiegelfechter - Drucken

Die Handelsbeziehungen zwischen China und den USA im Zeichen der Weltwirtschaftskrise
Der Aufstieg Chinas zur Fabrik der Welt wäre ohne die USA nicht denkbar gewesen. Ohne Chinas Aufstieg wäre allerdings auch der Absturz der USA bereits längst erfolgt. China und die USA sind aneinander gekettet in einem Handelssystem, dessen Schieflage immer dramatischer wird.

Chinas Währungsreserven, die zu rund 70% auch in US-Dollar gehalten werden, wuchsen gemäß den offiziellen Zahlen alleine im letzten Jahr um 400 Mrd. US$ auf fast 2.000 Mrd. US$. Dies entspricht rund einem Siebtel des amerikanischen Bruttoinlandproduktes eines Jahres – eine bemerkenswerte Summe. China investiert einen Großteil seiner Währungsreserven in US-Staatsanleihen. Die Neuverschuldung von rund 350 Mrd. US$, die China den USA im letzten Jahr somit ermöglichte, macht [extern] rund 10% des chinesischen Bruttoinlandproduktes aus. Jeder zehnte Yuan, der in China erwirtschaftet wird, geht also als Kredit in die USA. Große Teile des amerikanischen Wohlstandes sind somit – direkt und indirekt – vom kommunistischen Konkurrenten finanziert.

Der amerikanische Analyst Brad Setzer hält die offiziellen Zahlen sogar für untertrieben. Er schätzt die chinesischen Währungsreserven sogar auf 2.300 Mrd. US$, wovon 1.700 Mrd. US$ in dollarnotierten Schuldverschreibungen aus den USA bestünden – demnach wäre jeder Amerikaner, vom Säugling bis zum Greis, indirekt mit durchschnittlich 5.600 US$ bei der Volksrepublik China verschuldet. Das hieße aber auch, dass jeder Amerikaner in der Vergangenheit für 5.600 US$ Waren aus China auf Pump gekauft hat.

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Kategorie: China, USA, Wirtschaft | 31 Kommentare

Gott wird dich erschießen - wenn ich es nicht mache

16. März 2009 von Nick Abbe - Drucken

Die evangelikale Fernsehkirche TBN fordert Spenden von Leuten, die sie sich nicht leisten können, und begleitet Missionare in Afghanistan mit der Kamera.

Das “Trinity Broadcasting Network” (TBN) ist eines der größten Medienunternehmen der Vereinigten Staaten, und der wohl meistgesehene religiöse TV-Sender weltweit. Mit der Verknüpfung von religiösen Inhalten, politischer Ideologie und modernster Technik beschreitet TBN neue Wege – und erzielt damit hohe finanzielle Profite.

“Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!” – diese (hochdeutsche) Version eines Zitates des Dominikaner-Mönches Johann Tetzel bringt den Missbrauch des kirchlichen Ablasshandels auf den Punkt. Ging es beim Gnadenakt der Ablassgewährung eigentlich um das Erlassen von Sündenstrafen gegen gute Taten des reuigen Sünders, entwickelte sich der Ablasshandel im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zu einem Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Beschränkte sich der Ablasshandel allerdings auf Katholiken, so findet sich heutzutage ein ähnlicher Ansatz in einem anderen, mit der katholischen Kirche konkurrierenden Segment des Christentums: die so genannte “prosperity theology”. Besonders verbreitet, aber nicht ausschließlich darauf beschränkt, ist diese Lehre in Gemeinden der Pfingstbewegung und der charismatischen Bewegung, die Untergruppen der evangelikalen Bewegung darstellen.
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Dieses “Wohlstandsevangelium” beruht auf der Annahme, Wohlstand – insbesondere materieller Besitz, persönlicher und geschäftlicher Erfolg, sowie körperliche Gesundheit – seien sichtbare Zeichen der Gnade Gottes. Diese ließe sich beispielsweise durch die Förderung und Verbreitung des Evangeliums in aller Welt erlangen – eben auch in Form finanzieller Spenden an selbsternannte Mittler zwischen Gott und der Welt.

Verbreitung erfuhr diese Lehre in den letzten Jahrzehnten vor allem auch durch die “Wort-des-Glaubens”-Bewegung, als deren Vater der 2003 verstorbene Prediger Kenneth Hagin gilt. Diese Bewegung war vor allem in Pfingstgemeinden und in charismatischen Gemeinden vertreten, hat sich aber auch überkonfessionell ausgebreitet. Trotzdem ist sie, aufgrund ihrer Lehren, selbst in evangelikalen Kreisen so heftig umstritten, dass sie teilweise der Häresie bezichtigt wird.

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Kategorie: USA | 17 Kommentare

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  • Nur_mal_so @salvo Na zumindest die Qualität und die Wünsche der “Zeit” kann man den Leuten im Iran...
  • Nur_mal_so @SF Danke für deine Antwort, und hatte natuerlich auch schon den vorigen Artikel gelesen ;-) Weiss...
  • salvo p.s ich zitiere aus dem im Artikel verlinkten Artikel von U. Ladurner in der zeit “Der Aufstand in Iran...
  • name Klar total Jens, immer und überhaupt, MA ist Hitler und noch viel mehr. Mich kotzt es an, wenn hier...
  • Max Krapp @ 65 Zu einem Teil der Vorwürfe hat sich ja JB schon geäußert. Ich kann mich nicht daran erinnern,...

SR2 - Fragen an den Autor: Das Ende der Massenarbeitslosigkeit

Hitmeister Superblogs 2008