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  • Ägypten vor dem Showdown

    geschrieben am 03. Februar 2011 von Spiegelfechter

    Wer glaubte, dass die Ägypter tatsächlich mit friedlichen Protesten eine Demokratisierung des Landes erreichen könnten, muss seit den gestrigen Auseinandersetzungen am Kairoer Tahrir-Platz leider umdenken. Es scheint vielmehr so, als ob die Hardliner innerhalb der ägyptischen Junta nicht viel von einem “geordneten Übergang” halten. Morgen läuft das Ultimatum der Demonstranten ab. Sollte Husni Mubarak morgen nicht zurücktreten, droht Ägypten ein blutiges Wochenende. Es ist jedoch schwer zu sagen, welche Machtverschiebungen in den letzten Tage innerhalb der Junta stattgefunden haben. Die anfängliche Neutralität des Militärs ist jedoch bereits Geschichte. Für die Ägypter selbst sind diese Entwicklungen alarmierend. Dem westlichen Beobachter drängt sich zudem die Frage auf, ob die USA der Demokratiebewegung nicht hinter den Kulissen in den Rücken fallen.

    Der Marsch der Millionen, der am Dienstag eindrucksvoll gezeigt hat, welches Potential die friedliche Revolution besitzt, mag Beobachtern Sand in die Augen gestreut haben. “Das Volk” gegen “das Regime”, so der stark verkürzte Plot des Konflikts. So einfach ist es aber nicht. Rund um das Regime gibt es verschiedene Kräfte, denen sicherlich nichts an Reformen oder gar einem Systemwechsel gelegen ist. Die ägyptischen Streitkräfte sind ein Staat im Staate. Sie besitzen Unternehmen, Immobilien und Infrastrukturprojekte – ein großer Teil der Hotels am Roten Meer, in denen westliche Touristen ihre Devisen ausgeben, gehört beispielsweise dem ägyptischen Militär. Innerhalb des Systems hat das Militär einen eigenen Versorgungssektor aufgebaut, der ehemalige Stabsoffiziere mit sehr gut dotierten Posten außerhalb der Armee versorgen kann. Diese gut vernetzten Profiteure des Systems können natürlich kein Interesse an einem Systemwechsel haben. Auch in den aktiven Streitkräften gibt es eine signifikante Gruppe, die jeglichen Reformen kritisch gegenübersteht.

    Die Kräfte der Konterrevolution

    Wenn man die Fraktionen innerhalb der ägyptischen Eliten betrachtet, so kann man sie grob in die Autokraten (die alte Offiziersclique um Mubarak), die Plutokraten (Großindustrielle und Unternehmer, die dank der Protektion durch den Staat enorme Gewinne erzielen) und die Technokraten (in der Verwaltung, den Ministerien und dem Militär) aufteilen. Reformer finden sich naturgemäß am ehesten unter den Technokraten, bilden aber insgesamt eine verschwindende Minderheit innerhalb der Eliten. Neben den Eliten gibt es noch die Regierungspartei NDP mit ihren drei Millionen Mitgliedern, die ebenfalls kein homogenes Gebilde ist, sondern verschiedene Fraktionen von den Strukturreformern bis zu den Kleptokraten umfasst. Nicht vergessen sollte man zudem den gigantischen Sicherheitsapparat rund um das Innenministerium, der 1,5 Millionen Menschen einschließt. All diese Gruppen haben sehr viel zu verlieren, wenn das System tatsächlich stürzen sollte. Die Revolution des Volkes stößt somit auf eine gewaltige Konterrevolution der Systembegünstigten.

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    In den Kopf geschossen

    geschrieben am 24. Januar 2011 von Spiegelfechter

    Gabrielle Giffords, Tom Hurndall und palästinensische Kinder

    ein Gastbeitrag von Alison Weir

    Es ist schon etwas besonders Erschreckendes, wenn jemand in den Kopf geschossen wird. Vielleicht ist es das grausige Bild, die Zerstörung des Gehirns, und die klare Absicht zu töten, die dahintersteckt. Das kürzliche Schießen auf Arizonas Kongressfrau Gabrielle Giffords ist noch alptraumhafter, wenn man bedenkt, was für eine verheerende Verletzung sie hat.

    Diejenigen von uns , die sich mit Israel-Palästina befassen, sind sich dieses Horrors sehr bewusst. Vor einigen Jahren untersuchte ich die Todesursache palästinensischer Kinder, die von israelischen Soldaten während der ersten Monate der 2. Intifada getötet worden waren. Beim Zählen lief mir ein kalter Schauer über den Rücken: ich entdeckte nämlich, dass die häufigste Todesursache in jenen Monaten ein „Schuss in den Kopf“ war. In den letzten zehn Jahren töteten die israelischen Militärs mindestens 255 palästinensische Kinder durch einen Schuss in den Kopf. Die Zahl mag tatsächlich höher sein, da bei vielen Fällen die spezielle körperliche Stelle des tödlichen Trauma nicht angegeben war. Außerdem schließt diese Statistik die vielen palästinensischen Kinder und Jugendlichen nicht mit ein, die von israelischen Soldaten in den Kopf geschossen worden waren, die aber irgendwie überlebt haben.

    Hier unten ist eine kleine Liste von denjenigen, die starben. (IDF steht für isr. Verteidigungskräfte, obwohl diese Kräfte in Wirklichkeit die Besatzungsarmee sind und gewöhnlich angreifen; die unten genannten Vorfälle spielten sich auf palästinensischem Gebiet ab.

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    Wir brauchen einen aktiveren Staat!

    geschrieben am 18. Dezember 2010 von Spiegelfechter

    ein Gastartikel von Stefan Sasse

    Kalifornien steht vor dem Bankrott. In Colorado werden Straßen abgerissen und Beleuchtungen nachts ausgeschaltet, weil Geld für die Wartung fehlt. In Detroit können Müllabfuhr und Lehrer nicht mehr bezahlt werden. In einer amerikanischen Kleinstadt in Tennessee brennen Häuser nieder, weil die Bewohner den Selbstbehalt der Feuerwehr nicht bezahlen können. Dem amerikanischen Sozialsystem, löchrig wie es ist, fehlen Milliarden. Die Gefängnisse laufen über. Und dabei sind die USA nur ein besonders plakatives Beispiel für eine Entwicklung, die alle Industriestaaten ergriffen hat. Der Staat ist immer weniger in der Lage, selbst elementaren hoheitlichen Aufgaben nachzukommen. In Deutschland ist die Entwicklung – noch – subtiler spürbar, etwa in der schlechten Winterräumung, in der Teuerung von Energie und Wasser, der langsam erodierenden Gesundheitsversicherung, den Rentenkürzungen und der zunehmenden Zahl an Obdachlosen. Diese Entwicklung ist eine Konsequenz des Rückzugs des Staates aus dem Alltagsleben, Konsequenz einer starken Beschneidung von Etats und Kompetenzbereichen unter dem Verdikt, dass die Bürger ihre Steuergelder am besten selbst verwalten und die Wirtschaft ohne staatliche Einmischung am stärksten boomt.

    Dieses Verdikt, man kann es nur so sagen, hat in die Irre geführt. In praktisch allen entwickelten Ländern geht es den Bürgern schlechter als noch vor 30 Jahren. Die Lebensqualität ist drastisch gesunken. Hilflos stehen die Staaten einer Finanzkrise gegenüber, die sie mit ihren verkrüppelten Kompetenzen nicht mehr eindämmen können. Ihre Arme wurden gefesselt und gebunden, und die Staaten bedanken sich auch noch dafür und denken, dass es das beste wäre. Millionen von Jobs sind entstanden, die so schlecht bezahlt sind, dass die Menschen, die sie in Vollzeit ausführen, nicht davon zu leben in der Lage sind. Alleine in Deutschland beträgt ihre Zahl deutlich über drei Millionen. Das Grundversprechen unseres Gesellschaftssystems, dass jeder, der fleißig arbeitet auch gut leben kann, wird nicht mehr eingelöst. Die Betrogenen halten ihren Teil der Abmachung jedoch noch gutwillig ein: die Reichen dürfen ihr Geld behalten, niemand will es ihnen wegnehmen. Noch nicht.

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    Willkommen im Informationskrieg

    geschrieben am 06. Dezember 2010 von Spiegelfechter

    “Die kommenden Monate werden eine neue Welt erleben, in denen die Weltgeschichte neu definiert wird”, so twitterte Wikileaks ganz unbescheiden am 21. November. Nur Insider wussten zu diesem Zeitpunkt, dass die Mannen rund um Julian Assange damit nicht etwa die Inhalte der sagenumwobenen Cablegate-Dokumente meinten, sondern den ersten Informationskrieg des Netzes, der letzte Woche durch den Beschuss der Whistleblower-Plattform eröffnet wurde.

    In welcher Welt werden wir in zehn Jahren leben? Ginge es nach den “Kontrollfreaks” der westlichen Regierungen, wird das Netz im Jahr 2020 supranational rigide kontrolliert, um nationale Interessen bestmöglich zu fördern und jedwede Bedrohung der nationalen Interessen zu unterbinden – die “Great Firewall of China” wird weltweit zum Standard. Ginge es jedoch nach den “Cyberanarchos”, werden wir 2020 mühelos im Netz auch Kranken- und Steuerakten sowie Nacktfotos unserer Nachbarn finden, da Informationen Allgemeingut sind und der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden dürfen. Das sind, freilich grotesk zugespitzt, die unvereinbaren Positionen der beiden Kriegsparteien. Wer am Ende gewinnen wird, ist nicht vorherzusagen. Verlieren wird im jedem Fall der normale Netzbürger, der von beiden Seiten offensichtlich als nicht schützenswerter Kollateralschaden angesehen wird.

    Sollen alle Informationen frei sein?

    Von vielen Netzjournalisten, Aktivisten und Bloggern wird Julian Assange als eine Art Messias gefeiert. Doch was hat der blasse Australier eigentlich getan, um ihn derart unkritisch zu verehren? Assanges Plattform Wikileaks hat sich vorgenommen, die Welt dadurch zu verbessern, dass man Informationen von Staaten und Unternehmen das Siegel der Vertraulichkeit nimmt und sie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Dies fußt direkt auf dem 1984 veröffentlichten “Hackerkodex”, der besagt: “All information should be free.” Dieser Anspruch ist absolut und lässt keinen Raum für Abwägungen.

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    809 Kommentare

    Die Washingtoner Depeschen

    geschrieben am 29. November 2010 von Spiegelfechter

    Hat Guido Westerwelle eine “überschäumende Persönlichkeit” und ist er “eitel”, “inkompetent” und “aggressiv”? War die Ernennung Dirk Niebels zum Entwicklungshilfeminister eine “schräge Wahl”? Ist Horst Seehofer ein “unberechenbarer” “Populist” mit “begrenztem Horizont”? Diese Fragen lassen sich allesamt spontan bejahen und werden wohl auch von Lesern abseits der politischen Blogosphäre kaum anders bewertet. Schön, dass Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes der USA dies genauso sehen. Ist es nun ein Scoop, wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass im State Departement offensichtlich keine kollektive Verblödung vorherrscht und die internen Depeschen der Mitarbeiter der US-Botschaften und –Konsulate in Inhalt und Ton eher an Volker Pispers als an unkritische Hofberichterstattung erinnern? Sicher nicht. Der eigentliche Scoop an “Cablegate” ist vielmehr, dass einem äußerst einflussreichen und mächtigen Ministerium die Verwundbarkeit eines Informationsgateways vor Augen geführt wurde, der selbst bei wohlwollender Betrachtung eher als Sollbruchstelle für “vertrauliche” Informationen gesehen werden kann.

    Cablegate

    Welchen Nachrichtenwert können 251.287 Dokumente haben, wenn 50 Redakteure des SPIEGEL ganze fünf Monate über ihnen brüten und dann bei der Veröffentlichung der großen Titelgeschichte nur Belanglosigkeiten publizieren? Es gibt zwei Antwortmöglichkeiten auf diese Frage:

    - Die Redakteure verstehen ihren Beruf nicht und die Dokumente enthalten noch einige Überraschungen für findige Rechercheure.

    - Die Dokumente sind relativ belanglos und ihre Veröffentlichung als vermeintlicher “Scoop” ist eher ein Marketing-Coup.

    Welche Antwort zutrifft, lässt sich erst sagen, wenn die Dokumente wirklich komplett veröffentlicht wurden. Die ersten 226 Dokumente, die auf der Cablegate-Seite von Wikileaks veröffentlicht wurden, bieten bei erster Sichtung jedenfalls genauso wenig brisante Informationen wie die in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL vorgenommene Auswertung der gesamten Dokumente. Da Wikileaks lieber namhafte Exklusivpartner als die Öffentlichkeit informiert, kann man sich bei der ersten Bewertung nicht darauf beziehen, was die Dokumente vielleicht beinhalten. Man kann jedoch aus dem Fehlen wirklich brisanter Informationen bei der Veröffentlichung des SPIEGEL bereits ahnen, dass auch der Rest der Dokumente keine großen Sensationen beinhaltet.

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