Schluss mit Wachstum
geschrieben am 20. Dezember 2011 von Thorsten Beermann
Von Thorsten Beermann.
Wir reden am Thema vorbei. Und zwar permanent. Dieser Eindruck entsteht am laufenden Band, wann immer ich mich dem Thema (Welt-)Wirtschaftskrise/Schuldenkrise/Eurokrise befasse. Egal ob man im linken, im konservativen oder im wirtschaftsliberalen Spektrum schaut, egal ob es um Europa oder die USA geht – man ist sich im Allgemeinen einig, dass es jetzt vor allem darum geht, das Wachstum wieder anzukurbeln und damit die Ökonomien aus dem Tal der Rezession zu ziehen.
Natürlich, die sekundenschnelle Spekulation mit Milliardenbeträgen müsste eingedämmt werden, vielleicht eine (staatliche) europäische Ratingagentur die Allmacht der eng mit der Privatwirtschaft verschlungenen Agenturen in den USA aufbrechen. So ganz einig ist man sich auch nicht, ob man jetzt sparen oder eine Art Marshallplan in Gang setzten soll, ob die Menschen noch weiter zurückstecken müssen oder ob nicht eigentlich der Konsum durch höhere Löhne anzuregen ist, ob die Reichen besonders besteuert werden sollen oder ob sich Leistung endlich wieder lohnen muss, aber in einer Perspektive stimmen fast alle überein: die Wirtschaft ist eine grundsätzlich gut laufende Maschine, die etwas ins Stottern gekommen ist, aber schon wieder anspringen wird, wenn man nur das Richtige tut.
Die Wahrheit könnte kaum weiter entfernt liegen, denn was immer getan wird, um die Wirtschaft anzuschieben: es löst nicht die tiefer liegenden systemimmanenten Probleme. Theoretisch mag es möglich sein, den Konsum noch einmal in Gang zu bringen und den großen Knall einige weitere Monate oder Jahre weiter aufzuschieben. Der nahezu nahtlose Übergang der Immobilien- in die Banken- und kurz darauf die Staatschulden- bzw. Staatsanleihenkrise macht aber selbst da wenig Hoffnung. Doch in einem Punkt hätten fast alle Experten sogar Recht: um das System noch einmal in Gang zu setzen, bräuchte es kräftiges Wachstum. Den Artikel weiterlesen »
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Schon bei seinem Amtsantritt am 1. November war klar, dass der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, schwerwiegendere Entscheidungen wird treffen müssen als seine Vorgänger Jean-Claude Trichet und Wim Duisenberg. Denn inzwischen ist in Euroland die Refinanzierungskrise so weit fortgeschritten, dass die „Bazooka“, also der unbegrenzte Aufkauf von Staatsanleihen, als die Ultima Ratio erscheint. Oft heißt es, Draghi habe dabei nur noch die Wahl zwischen „Pest und Cholera“. Packt er die Bazooka aus, drohe Inflation, wenn nicht, breche der Euro zusammen. Dies scheinen die Alternativen zu sein.
Die EFSF ist zu klein bemessen, um auch Italien zu schützen, gleiches gilt für den ESM, der erst 2013 in Kraft treten soll. Solange es keinen „Kreditgeber der letzten Zuflucht“ (Lender of Last Resort) gibt, der über ausreichende Munition verfügt, droht der Eurozone ein ruinöser Kampf um die Gunst der Finanzmärkte. Um was geht es? Will die Eurozone vermeiden, dass die Akteure an den Finanzmärkten für Staatsanleihen bestimmter Eurostaaten Zinsaufschläge verlangen, die diese Staaten erst recht in eine fiskalische Notlage bringen, muss sie das Ausfallrisiko dieser Anleihen minimieren. Rendite (Zins) und Risiko gehören zusammen, nur eine glaubwürdige Senkung des Risikos kann die Zinsen wieder in normale Dimensionen bringen.