Franklin D. Roosevelt sagte in seiner ersten Amtsantrittsrede: „Das einzige, vor dem wir Angst haben müssen, ist die Angst selbst“. Die globale Finanzkrise entfaltet langsam ihre destruktive Wirkung und es sind nicht etwa ökonomische Gründe, die die Krise anfachen, sondern es ist die nackte „Angst“. Mit dem Kollaps einer der weltgrößten Investmentbanken, der amerikanischen Bear Stearns, die vor wenigen Monaten noch einen Wert von über 20 Mrd. US$ hatte, ist die Krise in die nächste Stufe übergegangen und es gibt keine Anzeichen, dass die Eigendynamik der Finanzkrise sich stoppen ließe.
Bear Stearns wurde am Wochenende unter tatkräftiger Vermittlung und Hilfe der FED und des US-Finanzministeriums für ein Handgeld von rund 236 Mio. US$ vom Konkurrenten JPMorgan Chase übernommen, um einen Konkurs zu verhindern. Wenn man bedenkt, dass das imposante Gebäude an der New Yorker Madison Avenue, in dem Bear Stearns in New York residiert, bereits rund das vierfache des Übernahmeangebots wert ist, mag man abschätzen können, wie es um den Wert der großen Investmentbanken bestellt ist, wenn diese in eine Liquiditätskrise geraten. Der Wert einer Ware wird immer durch Angebot und Nachfrage bestimmt und die politisch geduldete Nachfrage nach amerikanischen Investmentbanken scheint gegen Null zu gehen, wenn die FED sogar eine Ausfallgarantie für Kreditrisiken der Bear Stearns in Höhe von 30 Mrd. US$ ausstellen musste, um mit JPMorgan ins Geschäft zu kommen. Sicher hätte eine chinesische Großbank oder ein russischer oder arabischer Staatsfonds zu einem besseren Preis zugeschlagen, aber dies wäre für die USA ein Gesichtsverlust von monumentaler Größe.
Das Bemerkenswerteste am Bear Stearns Kollaps ist es, dass das Investmenthaus keinesfalls substanziell derart angeschlagen war, dass es zwingend in Schieflage geraten musste. Der Kollaps ereignete sich stattdessen, streng nach der Systematik der vorherrschenden Finanzkrise und letztendlich brach das „Misstrauen“ der anderen Banken dem New Yorker Giganten das Genick. Es waren Gerüchte über einen Liquiditätsengpass, die diesen erst ausgelöst haben – die self-fulfilling prophecy des Bankrotts.
Die Dynamik der Krise begann auf dem Subprimemarkt und hat mittlerweile nicht nur große Fonds erreicht, sondern wildert bereits in der Belle Etage des Finanzwesens – es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, biss die erste Großbank Opfer der Finanzkrise wird. Die Subprimekredite, die Auslöser der Krise waren, sind mittlerweile nur noch als Kontaminationsherd von Bedeutung. Es geht nicht mehr darum, dass Banken oder Fonds auf faulen Krediten sitzen, deren Ausfallrisiko überschaubar ist. Es geht darum, dass das Finanzsystem komplett intransparente strukturierte Produkte geschaffen hat, die aufgrund der Kredithebelwirkung keinen handelbaren Wert mehr haben, sobald sie keine Rendite mehr versprechen. Da niemand so genau wusste, welche Produkte davon betroffen waren, brach der komplette Markt von strukturierten Produkten ein.
Die zweite Stufe wurde eingeläutet, als man sah, dass die Liquiditätsdecke einiger Fonds und Banken bedenklich schrumpfte. Grund waren Wertkorrekturen bei strukturierten Produkten und bei Anteilen an Gesellschaften, die mit diesen Produkten handelten oder sie im Portfolio hatten. Die komplette Branche misstraute sich selbst und dadurch kam der Interbankenkredithandel weitestgehend zum Erliegen. Momentan sitzen viele Bankhäuser und Fonds auf Produkten, die keinen realisierbaren Marktwert mehr haben. Das heißt keinesfalls, dass diese Produkte nichts wert sind. Bei Liquidation oder Fälligkeit haben sie sehr wohl einen realen Wert. Wenn Banken und Fonds allerdings kurzfristig Liquidität benötigen, so nutzt ihnen das nichts, da sie diese Produkte kurzfristig nicht in Liquidität umwandeln können. Das ist Bear Stearns zum Verhängnis geworden – hätte das Haus die Möglichkeit gehabt, die Krise auszusitzen und hätte es die 30 Mrd. US$ Sonderkreditlinie der FED gehabt, die JPMorgan bekam, so wäre Bear Stearns mit blauen Flecken aus der Krise herausgekommen. JPMorgan wird gute Freunde in der FED von New York haben.
Die FED übt sich derweil in blindem Aktionismus, und nimmt eine Leitzinssenkung nach der anderen vor und lässt diese von immer höheren Tendern begleiten. Damit wird sie allenfalls ein paar Symptome kurzfristig lindern können, aber als bittere Nebenwirkung bewirkt dies eine Steigerung der Inflation, die sowohl die - mittlerweile wohl vorhandene - Rezession verschärfen, als auch den Dollarkurs noch weiter beschädigen wird. Bush und sein Finanzminister Paulson geben unterdessen die US-Version des berüchtigten „Comical-Ali“ und beschwichtigen die Weltöffentlichkeit mit der grotesken Aussage, es gäbe doch gar keine Krise und eigentlich sei alles doch bestens. US-Ökonomen diskutierten derweil schon das eigentlich Undenkbare – die Verstaatlichung einiger US-Großbanken und Investmenthäuser. Vor wenigen Jahren noch wäre man wegen solcher Gedanken von den US-Behörden auf eine schwarze Liste gesetzt worden.
Die Zeiten haben sich geändert – mit dem Vertrauen in den Finanzkapitalismus verschwindet auch das Vertrauen in das Dogma der selbst regulierenden Marktmechanismen. Sogar Deutsche Bank Chef „Joe“ Ackermann fordert flehentlich ein Eingreifen des Staates, um die Finanzbranche vor Schlimmeren zu bewahren. Im Kern hat Ackermann natürlich recht – ein großes Finanzinstitut ist etwas anderes, als eine Airline oder ein Automobilhersteller. Lässt der Staat eine angeschlagene Großbank in den Konkurs gehen, so hat dies katastrophale Folgen - nicht nur für die Branche, sondern auch für die Realwirtschaft und somit für den Staat. Von daher fällt es schwer, Nothilfemaßnahmen, wie die der FED, zu verurteilen, da sie die Wirtschaft vor Schlimmeren bewahren. Es ist keine Frage des „Ob“, sondern eine Frage des „Wie“ und „Joe“ Ackermann hat da natürlich seine eigenen Vorstellungen.
Er lobte ausdrücklich die Intervention der FED, mit der Bear Stearns durch Übernahme vor dem Konkurs gerettet wurde. Genau diese Art von Interventionen ist aber Gift für die Lernfähigkeit der Banker. Wenn der Staat jede Tölpelei der Banker durch Subventionen und Hilfsangebote abfedert, und so letztendlich gierige und unfähige Banker und Investoren vor dem Schlimmsten bewahrt, werden die immer auf das Eingreifen des Staates zählen und weiterhin in Papiere investieren, deren Risiko sie nicht verstehen und auch gar nicht verstehen wollen oder müssen. Daher muss man bei solchen Rettungsaktionen wohl den Mittelweg finden, der gewährleistet, dass die Schuldigen bestraft werden, ohne dass die Realwirtschaft dadurch über Gebühr beschädigt wird und Verluste solidarisiert werden.
Zur Not sollte das Vermögen eines vor der Insolvenz stehenden Finanzhauses übergangsweise zwangsverstaatlicht werden. Der Staat könnte in dieser Übergangszeit Forderungen anderer Finanzhäuser wertneutral – dass heißt ohne Zinsansprüche – in Form von staatlichen Garantien, die von der EZB als Sicherheit akzeptiert werden – begleichen und er ist liquide genug um den Langmut zu besitzen, Papiere, für die es keinen Markt gibt, so lange zu halten, bis sie liquidiert werden können. Ist die Liquidierung abgeschlossen, könnte der Staat die Forderungen aus den Garantien, je nach Liquidationsergebnis, erfüllen. In der Übergangszeit könnte das kriselnde Finanzhaus kommissarisch vom Staat weitergeführt werden, bis die Schieflage beendet ist. Nach Artikel 14 GG ist der Staat durchaus legitimiert, zum Wohle der Allgemeinheit auch komplexere Eigentumsverhältnisse außer Kraft zu setzen.
Der Staat muss intervenieren – und zwar nicht erst dann, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Der Finanzsektor ist für die Wirtschaft zu wichtig, als dass man ihn einem Haufen risikoaffiner Hasardeure überlassen könnte, die die Weltwirtschaft mit einem Kasino vergleichen. Strengere Finanzkontrollsysteme und eine höhere Transparenz sind dringend von Nöten, um das Finanzsystem zu sanieren. Die vorhandenen Schutzmaßnahmen haben weltweit versagt. Weder die deutsche Bankenaufsicht BaFin, noch ihre zahlreichen amerikanischen Pendants, haben ihre Aufgabe auch nur im Ansatz erfüllt. Die Ratingagenturen haben versagt, genau so wie die Wirtschaftsprüfer und die unternehmensinternen Aufsichtsgremien. Hier ist ein radikaler Umbau notwendig – höhere Mindesteigenkapitalanforderungen, strikte Regulationen für Kredithebelgeschäfte, die Verpflichtung, transparente Produkte anzubieten, und eine Verbot, mit Produkten zu handeln, die diese Forderungen nicht erfüllen.
Da es nicht Aufgabe des Steuerzahlers sein kann, für das Versagen von einzelnen Bankmanagern geradezustehen, muss ein Notfonds geschaffen werden, der in einem solchen Falle einspringt. Wenn es eine Institution geben soll, die faule Kredite aufkauft oder für verzockte Kreditlinien geradesteht, so können sich die Banken selbst einen solchen Notfallfonds aufbauen – ein solcher Fonds sollte sogar vom Staat vorgeschrieben sein, um im Notfall Liquidität zur Verfügung zu stellen. Der Staat erlässt jedes Jahr hunderte, wenn nicht sogar tausende, verpflichtende Betriebspläne, wenn technische Vorgaben, die ein Unternehmen einzuhalten hat, im Interesse der Allgemeinheit stehen – warum gibt es solche Betriebspläne nicht für Banken, die täglich mit der Überlebensfähigkeit der ganzen Volkswirtschaft jonglieren?
„Joe“ Ackermann weiß vermutlich gar nicht, wie recht er eigentlich hat – auch wenn er etwas ganz anderes damit sagen wollte. Mit dem Glauben an das Goldene Kalb „Markt“, schwindet auch der Glauben an die Erfolgsrezepte des Neoliberalismus. Der „Markt“ ist nicht das Nonplusultra und der „Staat“ ist keinesfalls überflüssig – es wird Zeit das zu begreifen. Die Äußerungen aus der Politik lassen allerdings nicht den geringsten Grund zur Hoffnung, man hätte dort begriffen, was zu tun sei. Wahrscheinlich muss das Finanzsystem erst verbrennen, damit aus der Asche etwas Neues entstehen kann.
Jens Berger
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Nouriel Roubini - Rising Risk of a Systemic Financial Meltdown:The 12 Steps to Financial Disaster
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