Europa spart sich zu Tode
geschrieben am 01. Juni 2010 von Spiegelfechter
Leiten die Sparprogramme der EU-Staaten eine Abwärtsspirale ein?
Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Land der EU neue Sparpläne präsentiert. Vor eineinhalb Jahren sah dies noch anders aus ? damals übertrumpften sich die Europäer gegenseitig im Schnüren immer neuer Konjunkturpakete, um die Realwirtschaft vor den Folgen der Finanzkrise zu retten. Ähnlich wie heutzutage, dachte auch damals niemand an abgestimmte Programme und jede Nation agierte nach ihrem eigenen Gusto: Deutschland subventionierte die Automobilindustrie mit der “Abwrackprämie”, während Frankreich die Binnennachfrage mit einer Senkung der Mehrwertsteuer und einer Erhöhung der Sozialleistungen ankurbelte.
Die strukturellen Ungleichgewichte im europäischen Haus haben sich dadurch freilich nicht verringert, sondern sind sogar noch weiter gestiegen. Die Gelder sind verpufft, heute hat die Eurozone rund sieben Billionen Euro Verbindlichkeiten und täglich werden es mehr. Das Staatsdefizit der Eurozonenländer hat sich seit 2007 versiebenfacht, alleine im Zeitraum von 2009 bis 2010 werden die Staatsschulden um rund 1,3 Billionen Euro steigen ? mehr als die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Zuerst warf man das Geld ohne Abstimmung aus dem Fenster, nun will man die Schulden ohne Abstimmung durch Einsparungen abbauen. Europas Zukunft ist düster.
Haushaltsdesaster
Die Neuverschuldungsgrenze der Maastricht-Verträge wird in diesem Jahr für nahezu alle europäischen Staaten Makulatur sein. Dabei sind es weniger die Hilfsgelder für den Finanzsektor, die mehrheitlich in Schattenhaushalten geparkt sind und daher nicht einmal in den offiziellen Zahlen auftauchen. Die Krise der Realwirtschaft, die der Finanzkrise folgte, hat jedoch weltweit die Staatshaushalte ruiniert.
Mit dem Rückgang der wirtschaftlichen Leistung sinken die steuerpflichtigen Gewinne der Unternehmen, mit der steigenden Arbeitslosigkeit sinken die Einnahmen aus der Einkommenssteuer und mit dem rückläufigen Volkseinkommen sinken natürlich auch die indirekten Steuereinnahmen, beispielsweise aus der Mehrwertsteuer.
Während die Einnahmen sinken, steigen die Ausgaben und die Zuschüsse für die Sozialsysteme. Ohne einen baldigen Wirtschaftsaufschwung werden die meisten europäischen Staaten noch lange die Maastricht-Kriterien von 3% Neuverschuldung ? gemessen am BIP ? verletzen.
Weiter auf Telepolis
Vertrauen Sie Deutschlands Nr. 1
Wissenschaftlich fundierter Test
www.PARSHIP.de




Wenn man die bisherigen Finanzmarktregulierungen anschaut, die in Deutschland seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers umgesetzt wurden, fällt einem bestenfalls das Wort “Peanuts” ein. Alle hehren Versprechen und Beteuerungen, das Finanzsystem zu zähmen, wurden bereits im Ansatz von Lobbyisten in- und außerhalb der Regierung jäh zunichte gemacht. Mit dem gestern verabschiedeten Euro-Rettungsschirm bürgt der deutsche Steuerzahler nun bereits mit über 700 Milliarden Euro für Risiken im Finanzsystem.
Als der Euro am 4. Januar 1999 zum erste Mal an den Devisenmärkten der Welt gehandelt wurde, notierte er bei 1,17 US$. Bis zum Oktober 2000 musste die schwächelnde Kunstwährung über 30% nachgeben und markierte am 26. Oktober 2000 mit 0,82 US$ ihren historischen Tiefpunkt. Die USA erlebten in diesen Jahren einen Boom, der vor allem die Finanzbranche in nie dagewesene Dimensionen torpedierte. Das Geld floss nach New York, der US$ war plötzlich eine ?harte? Währung, was der amerikanischen Realwirtschaft jedoch einen herben Schlag verpasste. Dann flogen auch noch zwei Flugzeuge in das WTC und die New-Econony-Blase platzte. Die FED reagierte, senkte die Leitzinsen, überschwemmte den Markt mit dem Dollar und löste damit neben einem Aufschwung der Realwirtschaft auch eine gigantische Blase an den Finanzmärkten aus, die als Urknall für die folgenden Finanzkrisen gelten kann. Die Geldpolitik der FED schwächte den Wechselkurs des Dollars nachhaltig und führte zu einer langen Abwertungsspirale. Als der Euro 2002 in Deutschland gesetzliches Zahlungsmittel wurde, notierte er noch unter 0,90 US$, kurz vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers war er fast 1,60 US$ wert ? beinahe doppelt so viel wie acht Jahre zuvor.
Das menschliche Hirn neigt zum Abstrahieren und zum Personifizieren. Schon unsere Vorfahren in der grauen Vorzeit konnten sich nicht damit abfinden, dass ihr Leben sich innerhalb eines höchst komplexen und dynamischen Systems abspielt. Um nicht vor der Komplexität kapitulieren zu müssen, dachte sich der Mensch Götter und Dämonen aus. Fiel die Ernte schlecht aus, zürnten die Götter der Gemeinschaft, breiteten sich Seuchen aus, waren dafür sinistere Dämonen verantwortlich. Die Dämonen von heute sind Spekulanten und Investmentbanker. Da man nicht weiß, wie deren System funktioniert ? und es wahrscheinlich auch lieber nicht wissen will ?, greift man lieber zu Abstraktionen und Personifizierungen.
Im Zuge der Finanzkrise haben die Regierungen nahezu aller Staaten sehr tief in die Taschen gegriffen, um Finanzsystem und Realwirtschaft vor dem sicheren Kollaps zu retten. Heute sind die OECD-Staaten mit 43 Billionen US$ verschuldet, was fast dem Bruttoinlandsprodukt der gesamten Welt entspricht. Alleine die Eurozone hat 7,7 Billionen US$ Verbindlichkeiten und täglich werden es mehr. Das Staatsdefizit der Eurozonenländer hat sich seit 2007 versiebenfacht, alleine 2009 und 2010 werden die Staatsschulden um rund 1,3 Billionen Euro steigen ? mehr als die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts.