Menetekel

27. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Die Trägergruppe rund um den Flugzeugträger USS John C. Stennis ist im Persischen Golf eingetroffen. Damit verfügen die USA im Persischen Golf über einen Kampfverband von zwei Trägergruppen mit über 100 Kampfflugzeugen und über 10.000 Soldaten – eine Truppenansammlung, wie es sie seit dem Angriff auf den Irak im Persischen Golf nicht mehr gegeben hat.

Millionen Tonnen Stahl

Und kaum ist der Verband um die Stennis eingetroffen und der 5. Flotte zugeteilt wurden, führt die US-Navy ein groß angelegtes Manöver durch um „zu demonstrieren, wie schlagkräftig“ zwei Trägergruppen in der Region sind. Dabei nimmt man eine Eskalation mit Iran sogar ausdrücklich in Kauf. Ein Sprecher der 5. Flotte weist (natürlich) einen Zusammenhang mit dem Cornwall-Vorfall entschieden zurück (1), verweigert allerdings auch die Auskunft auf die Frage, seit wann dieses Manöver denn geplant sei.

“Was wie ein Manöver aussieht, könnte der Auftakt zum Krieg sein. Die Vorsicht verlangt, dass wir unsere Schiffe einsetzen um die ihren zu beobachten. Es wäre schön, wenn ihre Regierung folgendes in Erwägung zöge. Wenn ihre Flugzeuge und unsere, ihre Schiffe und unsere so dicht nebeneinander manövrieren, dann ist dies ein äußerst gefährlicher Zustand. Auf diese Weise, Herr Botschafter haben Kriege angefangen.”

aus “Jagd auf Roter Oktober”

Zur gleichen Zeit findet auch ein Manöver der iranischen Flotte statt (2). „Eyeball to Eyeball“, wie Bush wohl sagen würde. Die Gefahr, daß bei diesen Flottenmanövern ein Zwischenfall passiert ist sehr groß. Dies erinnert an die Warnungen, die Seymour Hersh (3) und Zbigniew Brzezinski (4), die einen solchen „einkalkulierten“ Zwischenfall als provozierten Casus Belli vorhergesagt haben.

Blair menetekelt

Gleichzeitig verkündet Tony Blair vor der Presse kassandrenhaft, man werde eine „härtere Gangart einlegen“, wenn diplomatische Mittel versagen sollten. Einen Zusammenhang des Cornwall-Zwischenfalls mit den entführten iranischen Diplomaten bestreitet er derweil und vorverurteilt sie schon mal, als gäbe es in der „freien Welt“ keine Gerichte, die dafür zuständig wären.

Russland bereitet eine Evakuierung vor

Gleichzeitg bereiten russische Unternehmen bereits die Evakuierung ihrer Mitarbeiter aus Iran vor (5). Die geschah zuletzt im Irak kurz vor dem Angriff der USA. Die USA und Israel testen schon einmal die Raketenabwehr. Eine weitere Maßnahme der internationalen Eskalationsstrategie betrifft die Negev-Wüste. Hier testen die USA und Israel momentan ihre Raktenabwehrsysteme. (5)
Manöver dieser Art wurden ebenfalls vor dem Angriff auf den Irak durchgeführt. Nur die Russen möchten nicht so wirklich mitspielen
„Der Spielverderber“ sitzt mal wieder in Moskau. Und er schlägt immer deutlichere Töne an. Heute warnte ein Dokument des Außenamtes, das von Putin gebilligt wurde, in schon fast alarmisitschen Tönen von einem „Krieg der Zivilisationen“, den ein US-Angriff auf Iran nach sich ziehen würde. Die Russen hoffen noch auf eine diplomatische Lösung. Schon in den letzten Tagen waren immer lauter werdende Warnungen aus Moskau zu hören (6) (7)

Honi soit qui mal y pense

All dies sind Vorzeichen, bei denen man isoliert nichts Böses denken würde. Normalerweise ist mir auch jeglicher Alarmismus fremd. Aber in ihrer Gehäuftheit machen diese Menetekel einen doch skeptisch, ob die USA nicht willentlich auf eine Eskalation hinsteuern, in der sie „keine Wahl haben“, als „defensiv“ militärisch vorzugehen, wie es heißen würde. Wenn die Offiziellen jenseits des Atlantiks behaupten, es lägen keine Pläne vor, die einen Angriff auf den Iran beinhalten, so lügen sie schlicht

Operation TIRANNT (Theatre Iran Near Term)

Einem Bericht(8) in der Washington Times zu folge, haben die Planungsstäbe des Pentagon auf dem Höhepunkt des Irak-Krieges einen Plan entwickelt, gegen Iran in den Krieg zu ziehen. Dieser Plan bekam den Namen Operation TIRANNT (Theatre Iran Near Term). Die bloße Existenz eines solchen Plans ist natürlich nicht ungewöhnlich, da man von einem Staat, wie der USA, erwarten kann, dass sie sich für alle Eventualitäten bereithalten. Im Rahmen der Analyse des Irak-Krieges wurde dieser Plan laufend verfeinert und auf bestimmte Szenarien angepasst. TIRANNT basiert auf dem CONPLAN 8022-02 einem Plan, der entworfen wurde um den nuklearen Ambitionen der „Schurkenstaaten“ Nordkorea und Iran vorzubeugen. Dieser Plan sieht ausdrücklich den präventiven Einsatz sogenannter Mininukes vor (9). Die Strategen des Pentagons gehen dabei von einer Anzahl von 10.000 Zielen aus, die bei einem Angriff ausgeschaltet werden. Dafür stünden neben den beiden Trägergruppen mit seinen Cruise-Missles und Flugzeugen auch Langstreckenbomber aus der USA und den Stützpunkten Diego Garcia und Guam zur Verfügung, die „dank“ moderner Bewaffnung jeweils zwischen 150 und 300 Zielen bei einem Einsatz angreifen können. Ebenfalls stehen die Bodentruppen im Irak und die US-Airbases in Europa, Nahost und Zentralasien für ein solches Manöver bereit (10). Die sind wohlgemerkt Eventualpläne … hoffen wir einmal, das diese Eventualität nie eintreten wird.

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Iran, USA | 7 Kommentare

Offene Fragen über den Cornwall-Zwischenfall

26. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Am Freitag wurden 15 britische Soldaten, die im Rahmen eines Boarding-Einsatzes in einem Schlauchboot fuhren, von iranischen Schnellbooten festgenommen. Laut iranischen Angaben operierten die Schlauchboote in iranischen Hoheitsgewässern, die Briten behaupten indes, sie seien in irakischen Gewässern gewesen, als sie festgenommen wurden.

Wie dilettantisch ist die Royal Navy?

Wenn man die offizielle britische Stellungnahme einmal als wahr annehmen würde, so stellt sich doch die Frage nach der Professionalität der Royal Navy. Früher war ich selbst bei der Marine und habe im Rahmen mehrerer internationaler Manöver an Boarding-Manövern teilgenommen (damals als Vorbereitung auf den Adria-Einsatz der deutschen Marine) – daher habe ich einen gewissen Überblick, wie solche Manöver vonstatten gehen. Bei einem solchen Manöver sind laut Vorschrift alle Stationen auf Bereitschaft. Die Bediener und Offiziere am Radar betrachten jede Schiffsbewegung im Operationsgebiet mit Argusaugen. Die Helikopter (die Fregatte Cornwall hat Lynx MK 8 Helikopter an Bord) sind startbereit und bewaffnet. Feindliche Kriegsschiffe, wie die iranischen Schnellboote, werden auf dem Radar bereits gesichtet, wenn sie noch meilenweit von dem zu kontrollierenden Schiff entfernt sind. Selbst wenn die iranischen Schnellboote mit höchster Geschwindigkeit unterwegs sind, bleibt genügend Zeit für die Fregatte, so zu manövrieren, dass sie die Boarding-Crew schützen kann - idR ist die Entfernung zum verdächtigen Schiff weniger als eine Seemeile. Die Helikopter hätten bei diesem Manöver also nicht nur in der Luft sein müssen, wie sie es laut der Schilderung der Vorkommnisse auch waren sondern die iranischen Schnellboote von einem Übergriff abhalten müssen, der, wenn er so stattgefunden hat, wie die Briten dies behaupten, ein kriegerischer Akt war. Das die Helikopter sich anderen Aufgaben zugewendet haben, erscheint anlässlich der gespannten Lage, im höchsten Maße unprofessionell.

Entweder ist die Royal Navy also bei diesem Manöver dilettantischer vorgegangen, als man es sich vorstellen kann oder an ihrer Geschichte stimmt etwas nicht.

Iranische Flottenmanöver

Am letzten Wochenende haben die Iraner ein groß angelegtes Seemanöver abgehalten. In einer solchen Situation wird es von britischen und amerikanischen Beobachtern nur so gewimmelt haben – egal ob dies nun aus der Luft, von See oder aus dem All vonstatten ging. Daraus kann man drei Dinge schließen:

  • Erstens, hatte die britische Einsatzgruppe, eine noch bessere Aufklärung als sonst und hätte von den iranischen Schnellbooten im Operationsgebiet schon vor deren Auslaufen aus dem Hafen etwas erfahren.
  • Zweitens, heißt dies, dass es noch mehr Einheiten als üblich in Bereitschaft gegeben hat. Mit Sicherheit auch Hubschrauber, die das Boarding-Team hätten evakuieren können.
  • Drittens, heißt dies zwingend, dass britische und amerikanische Verbände Beweismaterial haben müssen, das ihre Behauptungen stützt, der Zwischenfall habe in irakischen Hoheitsgewässern stattgefunden.

Da es diese Beweise nicht gibt, muss man die britische Version anzweifeln. Insbesondere, wenn man die Aussage des irakischen Brigadegenerals Hakim Jassim, der für die Überwachung der irakischen Hoheitsgewässer zuständig ist, beachtetet (1)

“We were informed by Iraqi fishermen after they had returned from sea that there were British gunboats in an area that is out of Iraqi control”

Gebrauchtwagenschmuggler?

Der britische Einsatz als solcher, ist schon recht fragwürdig. Warum kontrolliert eine Fregatte, die laut Einsatzbeschreibung für die Verteidigung der irakischen Ölverladeterminals gegen „Terroristen“ und die Sicherheit im Operationsgebiet zuständig ist, verdächtige Frachtschiffe? Zumal, da das japanische [edit] indische Frachtschiff seine verdächtige Gebrauchtwagenfracht, bereits entladen hatte und vor Anker lag (2) und am Vortag bereits (erfolglos) aufgebracht wurde? Wenn es den britischen Stellen um die Konfessierung des Schmuggelgutes ging, warum hat man die betreffende Ladung nicht in Basra festgesetzt, wo sie laut offizieller Stellungnahme ja gelöscht werden sollte?

Brzezinskis Warnung

Der Vorfall erinnert an das Szenario, dass Zbigniew Brzezinski in einer Anhörung vor dem US-Senatsausschuss für Außenbeziehungen abgegeben hatte. Dort warnte er vor einer geplanten Eskalation, die ein solches Manöver herbeiführen könnte, um eine ‘defensive’ US-Militäraktion gegen Iran zu provozieren. Auslöser des Vorfalls im Shatt al Arab war die Gefangennahme von fünf iranischen Verbindungsoffizieren im kurdischen Arbil am 11. Januar. (3)
Das Iran derart unbesonnen handelt, ist ein schlechtes Zeichen für die Sensibilität der iranischen Militärführung. Selbst wenn Iran im Recht sein sollte, so ist dieses aggressive Handeln doch ein Akt der Unvernunft. Hätten die britischen Boarding-Crews ähnliche Anweisungen, wie die Amerikaner (4), so wäre dieser Zwischenfall zu einem militärischen Schlagabtausch eskaliert.

Britannia rules the waves?

Wenn man die Fakten betrachtet und den gesunden Menschenverstand benutzt, bleiben zwei möglichen Versionen über.

Entweder die britische Navy ist ein Haufen voller Dilettanten, der Operationsvorschriften nicht einhält und seine Soldaten fahrlässig in Gefahr bringt oder dies ist ein Täuschmanöver, das genau so geplant wurde. Hintergrund könnte z.B. eine Beeinflussung der britischen Öffentlichkeit sein, einen Truppenabzug abzulehnen oder gar in einem potentiellen Iran-Krieg Szenario Blairs Position zu stärken, an der Seite der USA zu kämpfen. Auch eine Beeinflussung der kritischen EU-Staaten ist denkbar. So sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Jens Berger

Update:

Auf einen Einwand bei den Kommentaren hin, die Fregatte wäre nicht näher an das zu boardende Schiff herangekommen, da dort das Wasser zu niedrig war, habe ich mal eine Google-Earth Karte auf die offizielle Karte des MOD projiziert (Große Version). Ich möchte deutlich herausstellen, das dies spekulativ ist. Klarheit könnte nur eine Seekarte des Gebietes bringen, die ich leider nicht habe.

Anhand der Google-Karte kann man die Seetiefe leider nur erahnen, aber die Entfernung ist und bleibt zu groß. Wenn man bedenkt, daß Al-Faw und sogar Basrah Häfen haben, die ohne Probleme von der Cornwall angelaufen werden können. In der Tat sieht es mehr so aus, als läge das aufgebrachte Schiff in unmittelbarer Nähe der Fahrrinne in den Shatt al-Arab.Legt man das Einsatzgebiet der Cornwall auf die Karte des MOD, so zeigt sich, daß das Schiff innerhalb des Operationsgebietes der Corwall aufgebracht wurde (Große Version).

Es ist doch fraglich, ob man eine Fregatte zur Überwachung eines Operationsgebietes einsetzt, das sie kaum befahren kann. Wofür gibt es Korvetten oder Schnellboote? Hier könnte man auch die Frage stellen, warum man nicht irakische Schnellboote das Manöver hat vornehmen lassen. Laut Einsatzbeschreibungen ist die irakische Marine nämlich assoziiert und stellt explizit Schnellboote und Boarding-Teams zu Verfügung:

  • Iraqi Marine (IqM) boarding teams are incorporated into Coalition patrols and security sweep teams in addition to providing point defence on the OPLATs (supported by US Navy mentoring teams)
  • The Iraqi Navy and Marines are being trained by the Naval Transition Team (NaTT) based in Umm Qasr and including elements from the Royal Navy, Royal Marines, US Navy and US Coastguard, ensuring that the training is not just seamanship and military in nature but also lends itself to law enforcement training. The Iraqi Navy is equipped with
    • 24 Fast Aluminium Boats (FAB) capable of 45 knots
    • 10 Rigid Hull Inflatable Boats (RHIB) capable of 50 knots
    • 5 Predator Class Patrol Boats (PB) 26m length capable of 30 knots
    • 2 PBs form a constant constant component in the Coalition and have been operating (virtually) 24/7 since April 2005c

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Don´t be a Dodo!

22. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Mehr durch Zufall, habe ich heute eine sehr “nette” Seite im Netz gefunden: A-Human-Right!

Hier setzt man sich für das Grundrecht auf Waffenbesitz ein - und dies mit Bildern, bei denen man sich als liberaler Mitteleuropäer vor Lachen den Bauch halten muss:

Man hat ja heute gelernt, daß laut Frau Schwarzer der deutsche Rechtsstaat vom Islamismus unterwandert ist, aber das man gleich ein Taliban ist, wenn man gegen bewaffnete unabhängige Frauen ist … nun ja, daß würde wohl sogar Frau Schwarzer zurückweisen (oder doch nicht? Man(n) weiß ja nie?!?)

Dies wird wohl die Antwort auf liberalere Abtreibungsgesetze sein … warum zeigt man hier keinen erschossenen Gynäkologen?

Wenn man(n) den Taliban gerade mal so von sich weisen kann, so wird es für das liberale Weichei hier schon schwieriger - denn wer den freien Waffenbesitz ablehnt, ist bekanntermaßen …

… ein Rassist:

… ein Schwulenfeind:

… ein chauvinistischer Macho:

… ein Kriegshetzer:

… und ein Antisemit, schon mal so und so:

Was aber am schwersten wiegt. Gegner des Waffenbesitzes sind potentielle Dodos! (das ist mein Favorit ;-):

Und auch zur Flugsicherheit hat man sich Gedanken gemacht:

Und mal ganz ehrlich - wer kann nach Betrachtung dieses Bildes noch ernsthaft Gegner des Waffenbesitzes sein?

Ich zumindest nicht mehr! Und das darf ich auch nicht, sonst dürfte ich diese Bilder laut Nutzungsbedingungen nicht in mein Blog stellen ;-)

Obgleich der Autor der Seite sich alle Mühe gibt, ernsthaft zu wirken, bin ich der Überzeugung, es handelt sich hierbei um eine (sehr gut gemachte) Persiflage - so dumm kann doch selbst das konservative Amerika nicht sein … oder?

Die Poster erinnern mich an die grandiosen WK-2 Posterpersiflagen von Whitehouse.org.

Wenn die Pro-Waffen Freaks, diese Bilder verbreiten und benutzen, so wie der Autor es ausdrücklich wünscht, machen sie sich letztendlich nur selbst lächerlich - Guerilla-Kunst mit einem tieferen Sinn. Aber auch wenn der Autor wirklich ein durchgeschossener Waffennarr ist, so bleibt dies für mich Kunst … welche ja bekanntlich im Auge des Betrachters liegt.

Jens Berger

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Die Djihad-Falle

21. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Die anderen Artikel der “Great Game”-Serie sind hier zu finden.

“Regret what? That secret operation was an excellent idea. It had the effect of drawing the Russians into the Afghan trap and you want me to regret it?”
Zbigniew Brzezinski – 1998 in einem Interview über die Unterstützung der Mudschaheddin

Von der afghanischen Falle …

Zbigniew Brzezinski war im Jahre 1979 Nationaler Sicherheitsberater der Carter-Regierung. In dieser Funktion war er einer der Architekten der heutigen Variante des Great Games. Mit der Operation Cyclone lockte er die Sowjets in Afghanistan in die Djihad- Falle. In einem Interview: mit dem Pariser Nouvel Observateur aus dem Jahre 1998 erklärt Brzezinski, man habe schon vor dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan die Mudschaheddin finanziell und materiell unterstützt und somit vorsätzlich diese Invasion provoziert. Man habe der Sowjetunion die „afghanische Falle“ gestellt und sie so in einen Krieg hineingezogen, den sie kaum hätten gewinnen könnten. Dies habe zur Demoralisierung und schlussendlich zum endgültigen Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums geführt.

Ausgehend vom Zusammenbruch der Sowjetunion entwarf Brzezinski als Hauptaufgabe der „einzig verbliebenen Weltmacht“ die Herstellung der Kontrolle über den Euroasiatischen Kontinent. Wer Eurasien beherrsche, beherrsche die Welt, so seine Grundthese. Wichtigstes Objekt solcher Interventionen ist für Brzezinski das, was er das „Schwarze Loch“ Eurasiens nennt, nämlich Russland. Russland, so Brzezinski, müsse unter allen Umständen daran gehindert werden, sich wieder zu einem eurasischen Imperium zu entwickeln. Brzezinksis Doktrin wird heute von den NeoCons in Washington in einer solchen Weise vorangetrieben, die selbst einen Brzezinski noch fast als Taube erscheinen lassen könnte.

.. zur Djihad-Falle

Im frühen 21. Jahrhundert scheint die USA Russland ein zweites Mal die „Djihad-Falle“ zu stellen und diesmal geht es um die südliche Flanke der Russischen Föderation. Russland ist vom „Krieg gegen den Terrorismus“, der ja de facto eher ein Krieg gegen den Islam ist, in einer besonderen Art und Weise betroffen. In Russland leben geschätzte 20 Millionen Muslime, rund 15% der Bevölkerung. Besonders stark sind die Muslime im Süden der Föderation vertreten, in den Kaukasusregionen Tschetschenien, Dagestan, Inguschetien und Nordossetien. Diese Regionen sind zwar wirtschaftlich eher unbedeutend, stellen aber die Schnittstelle zu den rohstoffreichen und geopolitisch wichtigen Südkaukasusrepubliken und dem Kaspischen Meer dar. Öl- und Gaspipelines vom Kaspischen Meer zu den Hochseehäfen des Schwarzen Meeres müssen diese Regionen durchkreuzen. Ein Ausscheiden dieser Regionen aus der Russischen Föderation würde also eine massive Kräfteverschiebung im Great Game bedeuten, da Russland keine Optionen mehr hätte, kaspische Energieströme ungehindert über sein Territorium zu transportieren.

Tschetschenien - Kampfgebiet der Wahabiten

Diese Aussicht lässt natürlich sowohl kalkulierende US-Geostrategen, wie Brzezinski, als auch die NeoCon-Falken in Washington frohlocken. Eine Destabilisierung des Nordkaukasus läge ganz in ihrem Interesse. Wie Seymour Hersh in seinem Artikel Die Neuausrichtung darlegt, sind die neuen Partner der USA im verdeckten Kampf für US-Interessen und gegen Gott und die Welt, die gleichen, die auch 79 bei der Operation Cyclone schon ihre Partner waren – die Saudis. Neben Erdöl hat Saudi-Arabien ein Exportgut, das vor allem in den mittelasiatischen Raum exportiert wird, den Wahabismus, eine radikale Form des Islam, der auch auf politische Einflussnahme aus ist. Unterstütz durch saudische Petro-Milliarden (auch als eine Art Schutzgeld vor einheimischen Extremisten, die der saudischen Königsfamilie ihr prunkvolles Leben übel nehmen) haben die Wahabiten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den nordkaukasischen Regionen eine Reislamisierungskampagne gestartet. Mit saudischem Geld werden wahabitische Imame bezahlt, Moscheen gebaut und Koranschulen unterhalten. Aber auch wahabitische Freischärler sickerten in den Kaukasus ein – die Parallelen zu Afghanistan in den 80ern sind offensichtlich. Der Freiheitskampf der Tscheschenen gegen Russland mag sicher auch historische Gründe haben. Der aggressive Islam in der Region, ist jedenfalls nicht traditionell sondern ein Import aus Saudi-Arabien. Die Protagonisten in diesem Kampf sind auf tscheschenischer und dagestanischer Seite auffällig häufig wahabitisch, genau so wie die ausländischen Kämpfer, die dort die lokalen Rebellen schulen. Prominente Rebellenführer wie Bassajew, Sadulajew und Maschadow (alle mittlerweile liquidiert) schlossen sich den Wahhabiten an und sind verantwortlich für Aktionen wie die Geiselnahme von Beslan oder den Angriff auf Dagestan, der den zweiten Tschetschenienkrieg auslöste. Man kann also mit Fug und Recht von einem Stellvertreterkrieg auf russischen Boden sprechen.

Unterstützung aus Washington

Medial sekundiert werden die wahabitischen Freischärler von einer prominenten Riege aus Kulturkämpfern, Falken, kalten Kriegern, Geostrategen und Medienprofis – meist aus den Think Tanks der NeoCons, die sich u.a. zum American Committee for Peace in the Caucasus (ACPC) (früher American Committee for Peace in Chechnya, gleiche Abkürzung) zusammenschlossen um Lobbyarbeit und mediale Propaganda zu leisten – was hinter den Türen dieses „Komitees“ noch so vor sich geht, darf allenfalls vermutet werden. Die Mitgliedschaft des „Afghanistan-Veteranen“ Brzezinski lässt eine direkte Beteiligung erahnen. Weiter prominente Mitglieder sind:

  • Richard Perle, NeoCon (Project for the New American Century (PNAC) und American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI)) und Ex-Berater des Pentagons
  • Elliott Abrams, NeoCon (alter Straussianer), Iran-Contra “Veteran” und Bushs Mann für geopolitische Fragen
  • Kenneth Adelman, NeoCon (PNAC) und ehemaliger UN-Botschafter (der Mann, der sagte, daß der Irak-Krieg ein „Spaziergang“ werde)
  • Midge Decter, NeoCon (Committee for the Free World und Heritage Foundation) und Rumsfeld-Biograph
  • Frank Gaffney, NeoCon (Center for Security Policy, PNAC)
  • Bruce Jackson, NeoCon (AEI, PNAC und andere) und ehemaliger Lockheed Martin Chef, momentan US-Repräsentant bei der NATO
  • Michael Ledeen, NeoCon (AEI) und Wortführer der Falken in punkto Iran-Krieg
  • R James Woolsey, NeoCon (PNAC), ehemaliger CIA-Chef und Mitinitator des Irak-Kriegs

Auch der Rest der Liste liest sich, wie ein “Who is Who“ der NeoCons und von Soros und Co bezahlten NGOs.

Nach dem Drama von Beslan machte ein „offener Brief“ in den Medien die Runde, mit dem „Persönlichkeiten des öffentlichen“ Lebens sich in einer Tonlage gegen Putin wandten, die an Zeiten des kalten Krieges erinnert. Man klagt Putin als Diktator an, der die demokratischen Werte verrate, während der Westen überall auf der Welt für Demokratie interveniere und wandte sich an die NATO und die EU mit der Aufforderung, ihre bisherige Politik mit Russland zu überprüfen. Bei Durchsicht der Unterschriftenliste stellt sich heraus, dass die Unterzeichner bis auf wenige Ausnahmen aus den Reihen der aktivsten NeoCons der USA stammen, von denen auch die Initiative für den „offenen Brief“ ausging; nicht wenige von ihnen finden sich auch als Mitglieder im American Committee for Peace in the Caucasus (ACPC) wieder. Auch namhafte Personen aus dem EU-Raum unterschrieben – u.a. der Grünen-Chef Bütikofer, Cem Ozdemir und Friedbert Pflüger. (1)

Politische Kampfbegriffe

Zu den Unterstützern der „tschetschenischen“ Sache zählt sich auch der Exil-Oligarch Boris Beresowski, ein Mann zweifelhaften Rufes, der mit krummen Geschäften rund um den Tscheschenien-Krieg zum Milliardär wurde. Ebenso wie die NeoCons hat er beste Verbindungen zu den Medien-Imperien und ebenso wie die NeoCons weiß er, wie man NGOs finanziert, die mit politischen Kampfbegriffen, wie „Demokratie“ und „Menschenrechten“ mediale Stimmung gegen Russland machen. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen. Das russische Vorgehen in Tschechenien ist zu verurteilen. Menschenrechtsverletzungen finden dort statt und müssen unterbunden werden – nur sind es sicher nicht die NeoCons oder Beresowski, die leuchtende Vorbilder der „Demokratie“ oder der „Menschenrechte“ wären. Darum geht es ihnen nicht. Ihnen geht es um Geopolitik, Öl, Geld und Macht. Daher sollten wir die Medien bei Berichten über den Nordkaukasus aufmerksam prüfen, inwieweit Meldungen vom Spin und Kampagnen seitens der Falken instrumentalisiert wurden.

Anlässlich des Geiseldramas von Beslan sprach Putin von fremden Mächten, „die sich beste Filetstücke aus uns herausschneiden wollen“. Die westlichen Medien wollten das als Hinweis auf Bin Laden und Al Quaida verstehen. Eine klare Anspielung auf Brzezinkis Formulierung der Filetstücke, die sich die USA auf dem „Eurasischen Balkan“ und im Kaukasus sichern müssten, erscheint indes wesentlich wahrscheinlicher.

tbc in Teil 4 - “Die SCO - Anti-NATO oder Todgeburt?” (in kürze online)

Jens Berger

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Kategorie: Ausland, Geopolitik, Great Game, Russland, USA | 3 Kommentare

Die kaspische Ellipse – Quell schwarzen Goldes

20. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Teil 1 der Serie “The Great Game” ist hier zu finden.

Die kaspische Ellipse – Quell schwarzen Goldes

Neben den geopolitischen Fragen spielt in der neuen Variante des Great Games vor allem die Sicherung der Energieressourcen die Hauptrolle. Im Kaukasus und der Kaspischen Region werden große Mengen an Erdöl und Erdgas gefördert und es wird angenommen, dass dort auch noch große Reserven auf die Entdeckung und Erschließung warten.

US-amerikanische Experten schätzen, daß sich in der kaspischen Region Reserven von bis zu 235 Milliarden Barrel Erdöl befinden (1), dies ist vergleichbar zu den momentanen Reserven in Saudi-Arabien und entspricht ungefähr 20% der weltweiten Ölreserven, nach aktuellem Stand. Es gibt allerdings auch wesentlich pessimistischere Schätzungen, die von einem Anteil von 4% ausgehen. Die gesicherten Reserven betragen 47 Mrd. Barrel (2) – aber selbst dieser Anteil ist höchst interessant, da dies immerhin hinter den OPEC-Staaten und Russland die weltweit größten gesicherten Reserven sind. Die Erdgasvorkommen sind ähnlich gewaltig. 10% der momentanen Erdgasförderung konzentriert sich auf die Gasfelder rund um das Kaspische Meer (1). Die prognostizierten Reserven dieser Region sind äquivalent zum Gasverbrauch der EU-25 für einen Zeitraum von fast 30 Jahren (auf heutigem Verbrauchsniveau). Würde man mit Iran den zweitgrößten Erdgasproduzenten und das Land mit den zweitgrößten Reserven hinzuzählen (Iran wäre relativ einfach an die vorhandenen und projektierten Pipelines anzuschließen), so verdoppelten sich diese eindrucksvollen Zahlen. Da Erdgas vornehmlich über leitungsgebundene Transportsystem verteilt wird, lässt sich hier der geopolitische Sprengstoff der Trassenführung der großen Pipelines abschätzen. Wenn Europa ernsthaft nach einer Alternative bzw. Ergänzung zu russischen Gaslieferungen sucht, so wäre hier im Zusammenspiel mit der Türkei und Georgien die perfekte Lösung griffbereit – aber Europa scheint sich nicht sonderlich anzustrengen die USA aus dem „Spiel“ herauszuhalten und die Chinesen und Inder schlafen ebenfalls nicht und loten bereits mögliche Trassen aus.

Das Jahrhunderprojekt

Aserbaidschan kann auf eine sehr lange Öltradition zurückblicken. Bereits im 10. Jahrhundert wurde in der Gegend Erdöl gewonnen und am Ende des 19. Jahrhunderts kamen über 50% der Weltölförderung aus der Gegend um Baku. Damals war Aserbaidschan eine Boomregion, dies ebbte erst ab, als man in Westsibirien ebenfalls Erdöl fand, dass näher an den Märkten lag und somit günstiger zu transportieren war. Sogar im Zweiten Weltkrieg spielte das kaukasische Öl eine Hauptrolle. Hitlers Unterfangen die Ölquellen im Kaukasus in Besitz zu nehmen war für das erdölarme Deutschland von höchster Priorität – der Versuch scheiterte jedoch kläglich im harten Winter des Kaukasus und durch die Überdehnung der Front, war dies der Todesstoß für die militärischen Abenteuer der Nazis an der Ostfront.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dauerte es nicht lange, bis internationale Ölmultis ihre Hände nach dem Filetstück der abtrünnigen GUS-Staaten ausstreckten. Und dies war für die Republiken auch durchaus sinnvoll, brachten die Ausländer doch modernes Know-How und die nötige Finanzkraft mit und gelang es den lokalen Politikern (neben fürstlichen Schmiergeldern) doch meist, recht ordentliche Verträge abzuschließen. So wurde das erste Großprojekt (das Tengiz-Feld in Kasachstan) als Joint-Venture zwischen Chevron und einer staatlichen kasachischen Ölgesellschaft projektiert. Chevron verpflichtete sich ca. 20 Mrd. $ über einen Zeitraum von 30 Jahren in die Erschließung zu investieren und dennoch bleiben rund 80% der Gewinne im Land (3). Kasachstan profitiert nicht unerheblich von diesen Geldern. Das Land weist mittlerweile ein BIP pro Kopf von 6.560 Dollar auf. Russland reagierte allerdings, gelinde gesagt, „pikiert“ auf die Avancen gegenüber dem ehemaligen Klassenfeind. Ein Umstand, der später beinahe das Aus für die kasachische Ölförderung bedeutet hätte.

Das Modell „Tengiz“ wurde auch bei dem größten Erdölprojekt, dem aserbaidschanischen „Jahrhundertprojekt“ als Vorbild genommen. Nur wollte man hier nationale Interessen nivellieren und entschied sich für ein multinationales Konsortium anstatt für einen Partner. Der AIOC (Azerbaijan International Operating Company) gehörten ursprünglich neben BP, Chevron und der aserbaidschanischen SOCAR noch weitere Unternehmen aus Norwegen, Japan der Türkei und den USA an.

Pipelines - die Lebensadern des 21. Jahrhunderts

In Europa, das seit der Ölkrise von 1973 seine Abhängigkeit von der OPEC und insbesondere vom politisch instabilen Persischen Golf mindern will, hat der Ölreichtum am Kaspischen Meer Euphorie ausgelöst. Nur ein Problem gibt es – Das Öl liegt tausende Kilometer von Hochseehäfen entfernt, aus denen es Tanker zu den Märkten der Welt bringen können. Die Pipelines, die das schwarze Gold des Kaspischen Meeres zu den Hochseehäfen befördern sollen, sind ein Politikum erster Güte und besonders für die Staaten Aserbaidschan und Georgien die Eintrittskarte in westliche Gefälligkeitsscheckbuchdiplomatie.

Ursprünglich wollte Chevron das kasachische Öl über Turkmenistan und Iran zu den iranischen Verladeterminals im Persischen Golf transportieren. Hier machte Washington aber einen Strich durch die Rechnung. Amerikanische Unternehmen müssen Washingtons Boykott gegenüber Iran einhalten, da wird auch nicht (bzw. schon gar nicht) für eine Ölpipeline eine Ausnahme gemacht. Die einzige Alternative stellt Russland dar, über dessen Gebiet das Öl zum schwarzen Meer gepumpt werden konnte. Russland fühlte sich allerdings wegen der Nichtmiteinbeziehung bei der Exploration kasachischer Ölfelder gehörig auf den Schlips getreten. Eine alternative Route durch das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und von dort aus über Georgien in die Türkei blockierte Russland durch seine Marine auf dem Kaspischen Meer – Kanonenbootdiplomatie der Neuzeit. Die USA mussten dem schwachen Präsidenten Jelzin eine signifikante Beteiligung am Pipelinekonsortium und hohe Transitgebühren versprechen, so das dieser einlekte.

Das kasachische Öl von den Tengiz-Feldern wird seit 2001 von der Pipeline des Caspian Pipline Consortium zum 1500 km entfernten russischen Schwarzmeerhafen Novorossiysk gepumpt. Eigner des Konsortiums sind neben dem russischen und dem kasachischen Staat, das Förderunternehmen Chevron, diverse russische und europäische Unternehmen, sowie der Staat Oman. In der ersten Baustufe befördert die Pipeline bis zu 560.000 b/t (Barrel pro Tag). Eine zweite Stufe, die für 2010 projektiert ist, wird die Kapazität auf 1.300.000 b/t erweitern. Interessant an dieser Pipeline ist die, ursprünglich nicht freiwillige, Kooperation von Russland mit dem amerikanischen Ölmulti Chevron. Diese Pipeline ist aber mittlerweile Russlands Lieblingskind im Süden – Russland ist direkt beteiligt, die Trasse verläuft größtenteils über russisches Gebiet und das Öl wird über einen russischen Schwarzmeerhafen exportiert. Russland hat also die Kontrolle über diese Trasse.
Ähnlich wie für den östlichen Teil des Kaspischen Meers, war auch für den westlichen Teil der direkte Weg über Iran politisch blockiert. Für die ersten Stufen des „Jahrhundert-Projektes“ wählte Aserbaidschan eine politisch neutrale Lösung. Über die „Western Early“ und die „Northern Early“ Pipelines gingen die Lieferungen einerseits über Georgien und andererseits über Russland zu Schwarzmeerhäfen. Beide Pipelines zusammen können aber jährlich lediglich 230.000 b/t transportieren. Ein Bruchteil der potentiellen Förderung. Außerdem verläuft die russische „Northern Early“ quer durch Tscheschenien, ist also alles andere als sicher.

BTC - Contra Russland, aber pro USA?

Die USA wollten, aus geopolitischem Kalkül, sowohl Iran umgehen, als auch dem Konkurrenten im Great Game, Russland, keine Einflussmöglichkeit auf die zu erwartenden Reichtümer aus Aserbaidschan überlassen. Damit man auch die regionalpolitisch wichtige Türkei mit einspannen wollte, wählte man eine wirtschaftlich unsinnig erscheinende Variante, die allerdings den Vorteil hat, dass man den Bosporus umgehen kann, der ein wahres Nadelöhr für Supertanker ist. Russland hat als Alternative zum Bosporus übrigens in der letzten Woche die Burgas-Alexandroupolis Pipeline mit Bulgarien und Griechenland abgesegnet. (4)

Aserbaidschans westlicher Nachbar Georgien gehört seit längerem zu Washingtons Einflussbereich, als NATO und EU Kandidat (in weiter Ferne) bietet sich dieses Land natürlich als Transitroute an. Der weitere Verlauf kreuzt das türkische Hochland, in dem 2.000 Höhenmeter überwunden müssen (3). Denkt man an die Energie, die die Pumpstationen hierfür benötigen, ist dies ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. Endstation der 1.700 km langen Pipeline ist der türkische Mittelmeerhafen Ceyhan, der mitsamt seinen ansehnlichen Ölverladeterminals seit Beginn des Irak-Boykotts (Oil for Food) sehr wenig zu tun hatte (eine Pipeline vom Irak geht nach Ceyhan). Nach ihrer Trassenführung wurde diese Pipeline BTC (Baku-Tiblissi-Ceyhan) genannt. Bei den Russen stieß dieses Projekt, wie kaum anders zu erwarten, aus eine Mischung aus Unverständnis (hatten die Amerikaner nicht im Rahmen der Globalisierung auf Kosteneffizienz gepocht) und blankem Hass. Die russische Variante wäre mit rund 2 Mrd. $ übrigens rund halb so teuer wie die BTC gewesen. Gegen die russische Variante sprach, neben geopolitischen Ressentiments der USA, allerdings auch die Trassenführung via Tschechenien, hier wäre die Pipeline Anschlägen und illegalen Entnahmen gegenüber schwer zu schützen gewesen, so die Argumente der USA – von der durch Tschechenien verlaufenden „Northern Early“ sind jedenfalls keine Dinge dieser Art bekannt.

Gas und Öl für Europa

Betrieben wird die BTC von einem Konsortium, das von der britischen BP angeführt wird. Für BP gab die Möglichkeit einer parallel verlaufenden Gaspipeline den Ausschlag, sich bei der BTC finanziell zu engagieren. Die Parallelleitung führt ab Erzurum zu den europäischen Märkten. Für die europäische Energiepolitik ist dies eine gute Alternative zu den russischen Lieferungen. Die propagierte Diversifizierung der Erdgasimporte kann über diese Pipeline zu einem guten Teil erfolgen. Die Anbindung Europas an die Erdgasvorkommen des kaspischen Raumes ist ansonsten eher suboptimal. Eine Pipeline von Turkmenistan über Iran in die Türkei, ist bereits in den 90ern am Widerstand Washingtons gegen das Transitland Iran gescheitert. Nachdem Russland die turkmenische Erdgasproduktion in den 90ern durch eine Weigerung der Durchleitung stark eingeschränkt hat, hat Gazprom in den letzen Jahren Turkmenistan als preiswerte Quelle entdeckt. 2003 haben Gazprom und Turkmenistan einen 25jährigen Vertrag über die komplette Förderkapazität Turkmenistans abgeschlossen – damit sind eine Südtrasse oder eine alternative Route nach China erst einmal passé.

Bei der Ölversorgung hat nicht etwa die USA sondern Europa die besten Karten im Ölpoker am Kaspischen Meer. Die beiden wirklich großen Pipelines CPC und BTC führen nach Westen zum Schwarzen Meer und Mittelmeer. Da Russland selbst ein Nettoexporteur ist und deshalb kein Interesse am Import dieser Erdölmengen hat, ist Europa die Region, in die am günstigsten exportiert werden kann und in der deshalb das meiste kaspische Öl gekauft wird. Der Mythos, dass die USA sich in der Region so sehr engagiert haben, um das kaspische Öl für den eigenen Verbrauch zu sichern, widerspricht aller ökonomischer und sicherheitspolitischer Vernunft. Für die USA ist es um ein Vielfaches günstiger, die Öltransporte aus dem Persischen Golf oder aus Westafrika militärisch zu sichern, und auch die Exportkosten sind dort niedriger. So betragen die Exporte der kaspischen Region in die USA auch lediglich 6% und für die Zukunft wird auch keine Steigerung erwartet (1). Aber die USA engagieren sich natürlich nicht als rein altruistischen Gründen in der Region. Ein Verbündeter, der von ihnen abhängig ist, ist ihnen natürlich wesentlich genehmer als ein Verbündeter, der an Russlands Energietropf hängt – und jeder Barrel, der nach Europa geht, erreicht den großen Konkurrenten auf der Bühne der Weltwirtschaft, China, nicht. Jedes Prozent, dass Chinas Wirtschaft aufgrund mangelnder Ölimporte nicht wachsen kann, ist ein Erfolg für die amerikanische Politik.

(1) Energy Information Administration (EIA) - World Energy Outlook 2006
(2) BP World Energy Review – 2005
(3) Friedemann Müller: Machtspiele um kaspische Energie?

Vertiefende Informationen zu diesem Thema bietet das Buch “The new Great Game” des deutschen Authors Lutz C. Klevemann.

Jens Berger

Fortsetzung in Teil 3 “Die Djihad-Falle”

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Kategorie: Ausland, Geopolitik, Great Game, Grundlagen, Iran, Russland | 5 Kommentare

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  • superguppi @162 Possimist Man kann nicht von einem Artikel auf die gesamte Zeitung schließen. Die Artikel von Lucas...
  • Possimist Viele Sachen die hier beim Spiegelfechter oder auch bei den NachDenkSeiten kritisiert werden, werden auch...
  • Spiegelfechter @Jonas Mayer Aber, aber … SPON-Journalisten schreiben doch nicht ab! Das ist wohl eher ein...
  • Jonas Mayer Ich finde ja, man sollte sich mal kritisch darüber auslassen, dass der SPIEGEL, wie 90% aller - ach so...
  • Mark F. Es gibt doch einen und nur einen Alphablogger in Deutschland: Peter Turi. Der besitzt die Internet-Adressen...
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