Die soziale Marktwirtschaft erodiert und wir schauen zu
10. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken
So wollt ich jeden Zweifel beseitigt wissen, dass ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand da der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.
Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits durch eine quantitativ sehr breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft gekennzeichnet. Die Neugestaltung unserer Wirtschaftsordnung musste also die Voraussetzung dafür schaffen, dass dieser einer fortschrittlichen Entwicklung entgegenstehende Zustand und damit zugleich auch endlich das Ressentiment zwischen „arm“ und „reich“ überwunden werden konnten. Ich habe keinerlei Anlaß, weder die materielle noch die sittliche Grundlage meiner Bemühungen mittlerweile zu verleugnen. Sie bestimmt heute wie damals mein Denken und Handeln.
Ludwig Erhard
Diese Textzeilen des „Vaters“ der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, Ludwig Erhard, sollte man heutzutage seinen Nachfolgern, die sich auch noch frech auf ihn berufen, ins Stammbuch schreiben. Seit rund 20 Jahren findet in allen OECD-Staaten eine Rekonstruktion des „Ancient Régimes“ statt – unter die „alten“ Reichen mischen sich die „neuen“ Reichen und die Mittelschicht ist zwar noch vorhanden, driftet aber in großen Teilen durch hausgemachte Massenarbeitslosigkeit und einen beispiellosen Abbau des sozialen Netzes in immer größer werdenden Teilen Richtung Unterschicht. Der Mangel an Kaufkraft, den Erhard volkswirtschaftlich für die Unterschicht projiziert, trifft heute allerdings auch die Mittelschicht. Eine Verbraucherumfrage unter 31.000 Deutschen ergab im Februar 2006, dass 11,17 Millionen oder 17,2% der Deutschen keinen einzigen Cent frei verfügbares Einkommen haben, weitere 6,58 Millionen unter 50 Euro, weitere 10,42 Millionen bis zu 100 Euro und 8,58 Millionen gerade einmal bis zu 150 Euro finanziellen Spielraum im Monat haben. Das heißt weit mehr als die Hälfte aller Deutschen haben nicht mehr als 150 Euro von ihrem Nettoeinkommen, die sie über den dringenden Lebensbedarf hinaus für Konsumausgaben im Monat zur Verfügung haben (1) . Ich schätze, dies ist es was Ehrhard meinte, wenn er von einer unzureichenden Kaufkraft breiter Maßen schrieb.
Die Schere zwischen oben und unten klafft immer weiter
Während die Reallöhne (Nettolohn inflationsbereinigt) in den letzten Jahren kontinuierlich sinken (0,9% im Jahr 2006), steigen die Vermögenszuwächse der oberen 10.000 in geradezu gigantischem Maße. So vermeldete gestern das Forbes-Magazin stolz, die von ihnen geführte Liste der 1000 reichsten Menschen der Welt konnte in 2006 einen Vermögenszuwachs von durchschnittlich 35% erzielen. (2) (3)
Nur auf die 55 deutschen Milliardäre bezogen, wäre dies ein Vermögenszuwachs von sagenhaften 81 Milliarden Dollar, also so ziemlich genau 1.000 Euro pro Bundesbürger. Und dies wohlgemerkt für 55 Menschen … nicht auszudenken, wie wunderbar ein soziales Netz gesponnen werden könnte, wenn nur die Hälfte der Vermögenszuwächse der oberen 10.000 vergesellschaftet werden könnte. Die dadurch angeschobene Binnenkonjunktur hätte überdies einen weitaus positiveren Effekt auf die deutsche Wirtschaft (also Mittelstand) als die Investitionen der oberen 10.000. Aber so etwas darf man in unserem Land ja nicht offen sagen, sonst wird man ja in die Nähe der „Steinzeitkommunisten“ gerückt, obwohl man sich letztlich nur bei Ludwig Erhard bedient. Ein tiefgreifender Paradigmenwechsel hat stattgefunden.
Wie konnte das passieren?
Wie es so weit kommen konnte, hat Paul Krugman in diesem exzellenten Artikel dargestellt. Und nein, auch Krugmann ist kein „Steinzeitkommunist“ sondern seines Zeichens Ökonomieprofessor (Yale, MIT, Stanford, Princeton), Ex-Berater der Clinton-Regierung und Kandidat für den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften.
“Nur wenigen Leuten ist bewusst, wie sehr sich in diesem Land die Kluft zwischen den sehr Reichen und dem Rest innerhalb relativ kurzer Zeit verbreitert hat. Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, setzt sich unweigerlich dem Verdacht aus, ‘Klassenkampf’ oder eine ‘Politik des Neides’ zu betreiben. Und nur wenige Leute sind tatsächlich willens, über die weitgehenden Auswirkungen dieser sich immer weiter öffnenden Schere zu sprechen - über die ökonomischen, sozialen und politischen Auswirkungen.
Doch was in den USA heute geschieht, kann nur verstehen, wer das Ausmaß, die Ursachen und Konsequenzen der zunehmenden Ungleichheit in den letzten drei Jahrzehnten begreift. Wer begreifen will, wieso es in Amerika trotz allen ökonomischen Erfolgs mehr Armut gibt als in jeder anderen großen Industrienation, der muss sich die Einkommenskonzentration an der Spitze ansehen.”
In diesem Artikel vergleicht Krugman die heutige Zeit mit dem „goldenen Zeitalter“ zu Beginn des letzten Jahrhunderts, das sich (in den USA) ebenfalls durch eine kleine Schicht superreicher Magnaten und eine breite Unter-/Mittelschicht „auszeichnete“, die nicht von der Wirtschaftsentwicklung profitierte. In den USA wurde dieses Missverhältnis in den 30ern durch Roosevelts New-Deal bereinigt. Diese Einkommenskompression hielt auch bis in die 70er Jahre an und wurde letztendlich durch die „Reaganomics“ aufgekündigt und dieser Dekompressioneffekt wird durch die Globalisierung weiter beschleunigt. Mit der Einkommensverschiebung hat sich allerdings auch die Ethik und Moral der besitzenden Gesellschaft geändert. Raffgierige Konzernlenker finden es absolut normal mit 8stelligen Jahresgehältern bezahlt zu werden und sich bis zum Lebensende fürstliche Apanagen, wie Villen samt Personal, ausstellen zu lassen. Krugman weist auch auf die erstaunliche Fähigkeit der Politik hin, eine Klientelpolitik für 10% der Bevölkerung zu betreiben und gleichzeitig bei den anderen 90% den Eindruck zu erwecken, dies sei gerechtfertigt. Diese Kunst beherrscht ja auch die deutsche Politik mit Bravour und Schützenhilfe der Organe des Kapitals, von ifo über IfW bis zum IW und unter ständiger Soufflage der Grauen Eminenzen Hans-Olaf Henkel und Roland Berger.
Die Entwicklung ist systemimmanent
Dabei ist der Fehler im System doch offensichtlich und der Mechanismus „Umverteilung“ kein sozialistischer Klassenkampf sondern eine Grundbedingung des Funktionierens eines Wirtschaftssystems, das frei agieren darf und dennoch auf sozialen Zusammenhalt konzipiert ist – und das ist die soziale Marktwirtschaft, nur leider wird dies immer wieder vergessen … oder verschwiegen. Besitzt ein Wirtschaftssubjekt aktives Kapital in einer Höhe, die ausreicht, das die Zinsen größer sind als die Summe, die es in diesem Zeitraum verkonsumieren kann, so wird dieses Wirtschaftssubjekt jedes Jahr reicher.
Clipquelle: IMDB
Die populäre Vorstellung, dass Vermögen mit der Zeit aufgebraucht werden, wenn man nicht arbeitet, ist falsch – Geld arbeitet und zwar effizienter als es ein Arbeiter oder Angestellter je könnte. Besitzt ein Erbe beispielsweise 102 Millionen Euro, von denen 2 Millionen passiv sind (z.B. die Villa, in der er lebt) und 100 Millionen aktiv „arbeiten“, so hat er am Ende des Jahres (ja nach Rendite der Anlage) zwischen 5 und 10 (oder gar mehr) Millionen Euro mehr. Wenn er nun nicht gerade über seine Verhältnisse lebt und einsieht, dass Fussballvereine oder Superyachten nur was für Superreiche sind, so ist er ohne eigenes Zutun ein großes Stück reicher – ob er jetzt noch als Anwalt oder Geschäftsführer arbeitet ist eher irrelevant. Die Summe, die sein Kapital erwirtschaftet hat, ist in diesem Falle so groß, dass berufliche Tätigkeiten eher als ehrenamtliche Hobbies ins Gewicht fallen. Auf der anderen Seite hat derjenige, der für sein Überleben arbeiten muss (und das ist die übergroße Mehrheit), in den meisten Fällen nicht die Möglichkeit sein Vermögen innerhalb eines Jahres um die 5% bis 10% Kapitalrendite zu steigern. Seine Zugewinne durch Arbeit werden von Miete, Lebenshaltungskosten, Mobilitätskosten oder Zinslast (wenn er gebaut hat) zu einem beachtlichen Teil aufgezehrt. Was überbleibt, reicht in den besten Fällen für eine Altervorsorge, die den Status-Quo aufrechterhält. Seine Einnahmen (Lohn, Gehalt) steigen wesentlich geringer, als die des Investors (das ist ja auch normal in einem Wirtschaftssystem, das den Wagenden (Investierenden) belohnt).
Dies zu akzeptieren ist aber nicht systemimmanent
Jeder, der die Grundzüge der Mathematik beherrscht sieht sofort, dass durch ein solches Verteilungssystem, das Ungleichgewicht permanent zunimmt. Besitzt im Jahr x der Reiche z.B. 80% des Volksvermögens und vermehrt diese Menge im Jahr in einem höheren Maße (y) als der Werktätige, der die anderen 20% besitzt, so ist im Jahr x+1 das Verhältnis 80+y zu 20-y. Die Lehre vom Zinseszins macht hierbei auch klar, dass y von Jahr zu Jahr exponential steigt. Genau das erleben wir seit rund 25 Jahren. Ein gesundes System, dass auf seinen sozial ausgewogenen Fortbestand aus ist, greift hier regulierend ein, so dass über Umverteilungsmechanismen (z.B. Erbschaftssteuer, progressive Steuersätze oder gar Vermögenssteuer) das Verhältnis ungefähr gleich bleibt. Positiver Nebeneffekt ist ein allgemeines Partizipieren am volkswirtschaftlichen Gewinn und eine Ankurbelung der Binnenkonjunktur. Herr Aldi kann die Milliarden, die er jedes Jahr auf seinen Kapitaleinsatz als Rendite erzielt, nicht in die Binnenkonjunktur stecken, dass ist klar. Der volkswirtschaftliche Effekt von einer Millionen Bürgern, die jeweils 1.000 Euro bekommen ist weitaus positiver, als eine Milliarde Euro in den Händen von Herrn Aldi - jeder Handwerker wird dies bestätigen können.
Man kann also nur hoffen, dass das Volk aufwacht und den Politikern Dampf unter dem Hintern macht keine 10%-Klientelpolitik mehr zu betreiben, sondern das zu tun, für das sie gewählt wurden: Den Wohlstand aller zu mehren und für einen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft zu sorgen.
Jens Berger
Tags:
Einkommensverteilung soziale Marktwirtschaft Umverteilung Volkswirtschaft
Kategorie: Deutschland, Neoliberalismus, Wirtschaft | 3 Kommentare






















































































