Offener Brief an Mathias Döpfner

13. April 2007 von Gast - Drucken

Folgender Offener Brief wurde von “Jamas” als Kommentar zum Beitrag “BILD rettet die freie Welt” in diesem Blog verfasst und bezieht sich auf den unsäglichen Kommentar “… und Deutschland toleriert sich zu Tode”, den der Springer Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner in der WELT veröffentlicht hat. Mir gefiel er so gut, daß ich ihn als Beitrag eingestellt habe um ihn weiterzuverbreiten. Aus dem Forum von WELT-Online wurde er nämlich bereits wegzensiert.

Sehr geehrter Herr Döpfner,

ich möchte zwar generell nicht ihre Kompetenz in Frage stellen, aber mit solch’ einem grottigen Artikel gespickt mit Halbwahrheiten, Lügen und Verdrehungen tun sie weder den kriegstrunkenen Fans unter den Lesern noch Ihrem Neoconfinancier einen Gefallen (so leicht geht es mit Behauptungen..)

Eine Behauptung ist da zum Beispiel diejenige, Ahmadinedschad wollte Israel von der Landkarte fegen. Wann und wo soll er das gesagt haben? Sprechen Sie Persisch und haben es im Original gehört? Ich denke mal Sie sprechen es genauso gut wie die AFP-Journalisten, die unglücklicherweise das Zitat fälschlich weidergegeben haben. Jeder Farsi-Muttersprachler lacht sich über diese verlogene Übersetzung doch ins Fäustchen, inklusive mir.

Und wo gefährdet der beinahe zum Ersticken in die Ecke sanktionierte Iran die Welt? Mit markigen Parolen gegen den Westen, der seit dem 19. Jahrhundert in dem Land interventionistisch rumgewildert, Ressourcen geplündert und Marionetten-Regimes installiert hat? Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als man dem Schah im Westen zujubelte, natürlich, er ließ sich ja auch in Hochglanzmagazinen mit Frau beim Sommerurlaub ablichten, ebensowenig waren Bordelle und Prostituierte in Iran kein Problem - ja, sowas lobt die freie westliche Welt.

Schande über das Volk, das die Repressionen des Monarchen 1979 satt hatte und einer Islamischen Republik Tür und Tor ebnete. Schande über das Volk und die Studenten, die sich über die arrogante Benutzung Irans durch die Briten, USA oder Russland empörte und mit der Besetzung der Botschaft ein Signal setzen wollte.

Dieser intolerante Iran, wo Frauen in Teheran das Kopftuch bis zum Kopfrücken tragen und wählen dürfen - zeitgleich wird aber Riad von solch Ahnungslosen wie Ihnen hofiert, auch wenn Sie es nicht schreiben. Wozu auch? Der Casus Belli braucht eben die geballte Macht der Medien, sie helfen gerade dabei, der Bevölkerung Hunger auf einen Krieg mit dem demokratischsten (!) Land im Nahen Mittleren Osten geben.

Wir müssen eben alles töten, vernichten und eindämmen was uns nicht passt: Spinnen, Ratten, Kakerlaken und natürlich die bösen Islamisten. Früher waren es Kommunisten. Wozu braucht man da noch Diplomatie? Am besten sollte man auf alles Bomben werfen, was sich nicht mit der eigenen westlichen Weltansicht vereinbaren lässt. Und so werden USA und das Relikt des Kalten Krieges namens NATO sich noch die nächsten Jahrzehnte in Afghanistan abmühen, ein paar leicht bewaffnete Taliban einzudämmen. Besser bomben als plaudern, jawohl Herr Döpfner!

So axiomisch wird die ganze westliche Welt heiß auf ihre Weltansicht gemacht, das stereotypische Gut-Böse-Verhältnis. Ein Hoch dabei auf das Gute, den demokratischen, freien Westen, der auch mal bei gratis CIA-Flügen gen Guantanamo oder Kabul gerne ein oder beide Augen zudrückt.

Auch die Schlagworte zu diesem Artikel sind nicht nur dreist, sondern schlichtweg verlogen, hetzerisch und insgesamt nicht hinnehmbar.

Ich empfehle ihnen mal eine Bildungsreise in den Iran bzw. in andere nahöstliche Länder. Am besten sie lernen noch Persisch sprechen, um den Orientalisten, Muttersprachlern und den zu diesem Thema wirklich bessere Gebildeten so einen geistigen Abfall zu ersparen.

Kategorie: Ausland, Iran, Medien | 15 Kommentare

Operation “Biss” - Wie ernst sind die russischen Warnungen zu nehmen?

13. April 2007 von Spiegelfechter - Drucken

In den letzten zwei Wochen tauchten im Netz immer wieder Meldungen von einer Operation “Bite” (”Biss”) auf, die sich auf russische Experten oder Geheimdienstkreise bezogen. Die Meldung als solche war nicht eben unwahrscheinlich und wurde zwar nie direkt aber doch indirekt durch offizielle russische Stellen bestätigt. Was steckt also hinter dieser Meldung?

Eine russische Wochenzeitung veröffentlicht eine Meldung

Am 15. März veröffentlichte die russische Wochenzeitung “Argumenty Nedeli” einen Artikel des Journalisten Andrey Uglanov, der unter Berufung auf anonyme russische Militärexperten behauptete, die USA würden in der ersten Aprilwoche zu einem Luftschlag gegen Iran ausholen, der 12 Stunden dauern und 20 Ziele in Iran, die mit der Atomforschung in Verbindung stehen, zum Ziel haben solle. Die Operation solle den Namen „Bite“ („Biss“) tragen und neben den Primärzielen auch Abwehreinrichtungen der Iraner als Sekundärziele beinhalten. Dieser Angriff soll von Bombern, die auf Diego-Garcia stationiert sind, den Flugzeugträgern im Persischen Golf und der 6. US-Flotte im Mittelmeer geführt werden, unterstützt von Lenkwaffen-U-Booten im Pazifik, und abgesichert durch einen Truppenaufmarsch an den irakischen Grenzen zu Iran und Syrien.

Vier Tage später, am 19. März, verbreitete die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti den Bericht aus der “Argumenty Nedeli“ international, unter Nennung der Quelle und ergänzt mit Anmerkungen von RIAN. In der deutschen Forenszene und in der Blogosphere verbreitete sich diese Meldung wie ein Lauffeuer. Problematisch war indes, dass sie nicht verifizierbar war und nicht auf zuverlässige Quellen zurückging. Anonyme Sicherheitskreise sind halt keine Quelle, auf die man sonderlich viel geben sollte.

Trittbrettfahrer

Auf den fahrenden Zug sprangen natürlich schnell die ersten Trittbrettfahrer auf und verhalfen der Meldung zu einer weiteren Verbreitung – so z.B. ein gewisser russischer Ex-General namens Iwaschow, heute ein Think-Tank Krieger aus dem ultranationalistischen Milieu. Am 21. März nahm er in einem RIAN-Interview die Steilvorlage auf, mischte sie mit seinen eigenen verqueren Verschwörungstheorien und brachte das AIPAC als Mitverantwortlichen hinter den US-Plänen ins Spiel. In weiteren Publikationen nennt er noch wirre globalwirtschaftliche Verschwörungstheorien rund um die Dollarschwäche als „wahre“ Gründe und machte schon einmal die „bancrupt global bankers“ als Hintermänner aus, - eine antisemitische Umschreibung für „Finanzjudentum“. Leider werden seine Äußerungen in alternativen Medien gerne ungeprüft und ungefiltert weiterverbreitet, so wie die Äußerungen des Ultranationalisten Wladimir Schirinowski. Iwaschow sagte in einem Gespräch mit Pavel Felgenhauer, einem sicherheitspolitischen Analysten der für russische Zeitungen tätig ist, die Informationen über Operation “Biss” kamen nicht von ihm, sondern vom militärischen Geheimdienst GRU.

Offizielle Stellen schalten sich ein

Nachdem Iran am 23. März 15 britische Soldaten festnahm, spitzte sich die Situation zu. Hinter den Kulissen müssen die Russen entweder mit einer Eskalation seitens der USA gerechnet haben oder man wollte Meldungen über eine mögliche Eskalation politisch ausschlachten. Anders lässt es sich kaum erklären, dass am 30. März, mitten im Ringen um eine UN-Resolution in der „Causa-Cornwall“, die „alte“ Meldung von “Argumenty Nedeli” durch offizielle russische Stellen indirekt bestätigt wurde. Ein Sprecher des russischen Militärnachrichtendienstes berichtete in einer Pressekonferenz, man habe Informationen, dass die Vorbereitungen der US-Streitkräfte für einen Angriff auf Iran abgeschlossen seien und die US-Army nur noch auf ein politisches „Go“ warte.

Auf höchstem Niveau setzten russische Stellen die offene Konfrontation fort. Am 2. April bestätigten Jurij Baluewskij , Chef des russischen Generalstabes (russisches Pendant des Pentagons) und der stellvertretende Außenminister Andrei Denisow, wie ernst es Moskau ist. Beide warnten in Pressekonferenzen die USA vor einem Militäreinsatz an Russlands Südflanke. Denisow nannte einen Militäreinsatz in Iran „unakzeptabel“ und Baluewskij warnte die USA vor ernsthaften Konsequenzen, die sich daraus ergeben würden.

Warum “biss” Bush nicht?

Bekanntlich blieb der US-Angriff in der ersten Aprilwoche aus, aber die russischen Experten halten die Töpfe in der Gerüchteküche am kochen und verschieben den Starttermin der Operation “Biss” auf frühestens Mai, nicht ohne den wahren Schuldigen für die “gezielte Desinformation” ausgemacht zu haben - Israel natürlich, wer sonst?

„Argumety Nedeli“ erklärt in ihrer heutigen Ausgabe, Tony Blair sei Auslöser der Verschiebung des Angriffes gewesen, da er Bush persönlich am Telefon bat, die Bombardierung hinauszuschieben, da diese nach der Freilassung der britischen Soldaten dem Volk schlecht zu vermitteln sei. Laut “Argumenty Nedeli” soll US-Aussenministerin Rice übrigens am 4. April im Berliner Hotel Intercontinental erfolglos versucht haben, einige EU-Staatschef von der Notwendigkeit eines schnellen Militärschlags gegen Iran zu überzeugen. Dies ist jedoch schwer vorstellbar, traf sie an diesem Tag um 14.00 EST doch den haitianischen Premier in Washington (1) (2)

Wie realistisch sind die russischen Warnungen eigentlich?

Dass die USA sich für einen großen Angriff operativ vorbereitet haben, erscheint eher unwahrscheinlich, obgleich sowohl der politische Wille, als auch die mittelfristige Planung für einen solchen Einsatz sicherlich vorhanden sein dürften. Zwei Trägergruppen sind zwar momentan im Persischen Golf und die USA können unter gewissen Umständen auch auf die 6. Flotte im Mittelmeer zurückgreifen, obgleich dies einen ernsten Konflikt mit den Staaten provozieren würde, die überflogen werden müssten, darunter die Türkei, die einen Iran-Krieg grundsätzlich ablehnt. Beim Angriff auf Irak 2003 standen den USA immerhin 6 Trägergruppen zur Verfügung und die iranische Luftwaffe/-abwehr ist um einiges höher einzuschätzen, als die von Sanktionen geschwächte irakische.

In Afghanistan führen die USA momentan ihre Frühjahrsoffensive gegen die Taliban durch, die sie mit massiven Lufteinsätzen bekämpfen wollen, um Verluste zu minimieren. Dies bindet natürlich einen Großteil der US-Kapazitäten im Osten Irans – für einen geordneten Aufmarschplan stünden diese also nicht zur Verfügung.

Desweiteren verfügen die USA nicht mal ansatzweise über genügend konventionelle Kräfte an den Grenzen zu Iran. Auch wenn kein Landkrieg geplant ist, so müssen die USA sich natürlich gegen Gegenangriffe Irans wehren können. Auch müssten die USA mit einem massiven Anstieg des Widerstandes in Irak rechnen, mit dem derzeitigen Aufgebot an Bodenkräften wären die USA schlichtweg überfordert mit der neuen Situation. Dies bekennen auch einige russische Experten, so z.B. Konstantin Sivkov, Mitglied eines russischen Think-Tanks, der schätzt, dass die USA mindestens zwei bis drei Monate bräuchten, bis sie eine adäquate Menge an konventionellen Kräften im Irak aufgebaut hätten – und dies ist momentan ohne einen besonderen Grund für Präsident Bush nicht machbar. Die Opposition bekämpft ja bereits seine momentane Truppenpolitik im Irak aufs schärfste, eine neuerliche Entsendung von Tausenden Soldaten ist nicht vorstellbar.

Wenn die USA Iran überfallen wollen und davon gehe ich zumindest für den Zeitraum der Präsidentschaft Bush aus, da die NeoCons ihre letzte Chance sehen, bevor die Demokraten ins Weiße Haus einziehen, so müssen sie Iran soweit provozieren, dass dieser den ersten Schritt tut, bzw. eine Situation herbeiführen, in der man die Presse dies glauben machen kann. Momentan ist kein Casus Belli für die NeoCons vorhanden. Sie haben keine Möglichkeit, einen Präventivschlag als unvermeidliche Ultima Ratio darzustellen, da bleibt den Spin Doctors noch viel Arbeit.

Ein Krieg bleibt also verhinderbar. Die Verhandlungen der Briten in der “Causa-Cornwall” haben gezeigt, wie es geht. Man muss mit Iran auf einer Augenhöhe sprechen und sie nicht wie ungezogene Kinder behandeln, dann sind Verhandlungslösungen möglich. Fraglich nur, ob die USA und Israel dies überhaupt wollen.

Die innerrussische Komponente

Das interessanteste an den russischen Gerüchten ist eigentlich ihre Rezeption durch die Medien. Während sie im Westen ausserhalb der Blogosphere nahezu unbemerkt blieben und auch in Iran niemanden vom Hocker rissen, waren sie in Russland Nachrichten- und Gesprächsthema Nummer 1, alle Fernsehsender haben ausführlich über die Operation „Biss“ berichtet. (2)

Dies erklärt sich, wenn man die Hintergrundgeschichten mit einbezieht. Im Vorfeld hat Russland seine Iran-Politik sehr stark dem Gusto Washingtons angepasst. Auf Iran wurde seitens Moskau Druck ausgeübt, die Uran-Anreicherung zu stoppen, die Brennstofflieferungen für das iranische AKW Busheer wurden unter fadenscheinigen Gründen gestoppt und Russland unterschrieb im UN-Sicherheitsrat die verschärften Sanktionen. Hat die USA Russland dieses Entgegenkommen gedankt? Nein, man übt Druck auf Russland aus, zeigt sich bei den Diskussionen über den Raketenabwehrschirm in Osteuropa unkonzilliant und erhöhte den Druck auf Teheran unilateral.

In Russland und im Kreml gibt es indes viele Pro-Iraner, die Iran teils als gutes Geschäftsfeld sehen, teils auf eine Energiepartnerschaft aus sind und teils einfach ihren alten Neigungen Antiamerikanismus und Antisemitismus frönen. Aus diesen Gruppen dürften wohl auch die Lecks stammen, die “Argumenty Nedeli” als „Quelle“ dienten. Mit Hilfe der regierungsnahen Medien und der ‘halbamtlichen’ Nachrichtenagentur RIA Novosti wurde so ein Szenario knostruiert, welches den russischen Hardlinern erlaubte, die russische Iranpolitik zu ändern. So kündigte Denisow bereits an, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Iran und Russland bzgl. des AKWs Busheer seien sicher schnell aus der Welt geschafft und Russland wolle die Brennstofflieferungen schnell wieder aufnehmen.

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Geopolitik, Iran, Russland, USA | 4 Kommentare

BILD rettet die freie Welt!

11. April 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Die freie Welt ist in Gefahr! Und wer kann sie retten? Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein - es ist die Super-BILD! So meldet heute die BILD …

Irans vom Atomwahn besessener Präsident Mahmud Ahmadinedschad fordert die freie Welt heraus.
In fast allen Hauptstädten sorgt die Ausrufung des Islam-Staates zur Nuklearmacht für Aufruhr!

Und wie - in “fast” allen Hauptstädten! In Ouagadougou (Burkina Faso) und Yaren (Nauru) vielleicht, die BILD-Auslandskorrespondenten werden es schon wissen… In den bekannteren Hauptstädten wurde Ahmadinedschads Bluff jedenfalls mit einer Mischung aus Larmoyanz und Phlegma aufgenommen. Die IAEO schätzt, Iran sei unverändert mehrere Jahre vom möglichen Bau einer Atombombe entfernt. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt in Berlin, Gernot Erler, warnt vor einer Überbewertung der iranischen Angaben, die CIA wiegelt ab (1), SPD-Außenexperte Gert Weisskirchen bezweifelt, dass Iran in absehbarer Zeit atomare Langstreckenraketen produzieren könne. Der australische Außenminister Downer sagt “Ich bin nicht sicher, ob das stimmt oder nicht”, das französische Aussenministerium lässt verkünden “Ankündigungen seien eine Sache, technische Realitäten eine andere” (2) und nahezu sämtliche russische Experten, die die Lage wohl am Besten einschätzen können, halten Irans Äußerungen für Falschinformationen. (3) Der ehemalige IAEO-Vize Bruno Pellaud fand gar folgenden schönen Vergleich: “Dass Iran behaupte, Kernbrennstoff im “industriellen Maßstab” herstellen zu können, sei etwa so, als würde die Schweiz ankündigen, sie lanciere eine neue Automarke, nachdem sie die erste Schraube oder das erste Rad produziert hat”. (4)

Beunruhigung auch in Berlin, nachdem der „Irre von Teheran“ angekündigt hat, der Iran werde ab sofort Uran im „industriellen Maßstab“ anreichern und dafür bis zu 50 000 Zentrifugen bauen (bisher 3000).

Dass Iran bisher 3000 Zentrifugen hätte, glauben neben der BILD allenfalls naive Leser der Horrormärchen der NeoCons aus Washington und Israel. Die IAEO geht von maximal 1000 Zentrifugen aus. Der Ausbau auf 3000, scheitert laut dem ZEIT-Experten Gero von Randow an der Nichtverfügbarkeit geeigneter Bauteile und -gruppen. (5) Randow berichtet auch, daß Experten schätzten, die Verfügbarkeit der laufenden Anlagen läge bei rund 20 Prozent. Bei allen “Prognosen”, die sich auf 3000 Zentrifugen beziehen, kann man also nach dem Stauts quo den Zeitrahmen verfünfzehnfachen. Das hieße 30 bis 45 Jahre, ein wahres “Heavens Gate of Opportunity”.

Um die “freie” Welt vor den imaginären Atomwaffen des “Irren aus Teheran” zu schützen, schwingen sich allerdings unsere Experten von BILD und CDU schon einmal kampfesmutig in den Ring. Es geht eigentlich darum, den “US-Abwehrschirm” zu bewerben, der trotz des Namens “uns” nicht vor den USA, sondern vor den bösen Gasrussen schützen soll … Ähhm Quatsch … vor dem “Irren aus Teheran” natürlich.

Lintner zu BILD: „Der US-Abwehrschirm muss über ganz Europa ausgedehnt werden. Dabei müssen wir notfalls auch bereit sein, Raketen in Deutschland aufzustellen. Bisher haben sich nur Polen und Tschechien zur Stationierung eines US-Abwehrschildes bereit erklärt.

Ja wenn Old-Europe mal nicht so zögerlich wäre, das hatte der alte Rummy schon gewusst. Mit diesen alten Europäern lässt sich halt kein Krieg mehr gewinnen. Aber auch im alten Europa gibt es Neueuropäer, auf die auch Rummy stolz wäre, zeigen sie sich doch lernfähig, wie man Falschinformationen streut um, (un)sicherheitspolitische Ziele zu erreichen.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Bundestags-Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU), fordert eine geschlossene Reaktion der NATO.

Polenz zu BILD: „Teheran hält unbeirrt an seinem Atomprogramm und an seiner Raketenrüstung fest. Die Frage einer gemeinsamen Abwehr gehört deshalb auf die Tagesordnung der NATO. Wir sollten ein Interesse haben, gemeinsam einen Schutzschild zu entwickeln!“

Die Sorge der Unions-Experten ist nicht unbegründet: Nach Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienstes (BND) hat Iran von Nordkorea 18 Raketen-Bausätze des mobilen Typs BM-25 mit 2500 km Reichweite gekauft.

Die rüsten iranische Techniker auf Basis der russischen U-Boot-Rakete SS-N-6 auf 3500 Kilometer Reichweite auf – das entspricht exakt der Entfernung Teheran-Berlin!

Informationen des BND? Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Interessanterweise nimmt kein internationales Portal für Militärtechnologie diese Meldung ernst, die interessanterweise von der BILD selbst in die Welt gesetzt wurde. Die Umrüstung einer veralteten U-Bootrakete aus den 60ern durch die Nordkoreaner bzw. die Iraner mutet Fachportalen (6) (7) und selbst dem israelischen Institute for National Security Studies absurd an. (8)

Aber Absurditäten sind ja der Fachbereich der BILD. Der Meister der BILD-Absurditäten ist deren Chefkasper vom Dienst F.J. Wagner. Der schrieb auch heute einen seiner berüchtigten Briefe an den iranischen Präsidenten, in dem er an alte Traditionen anknüpft.

Lieber iranischer Präsident,

Sie leugnen den Holocaust und drohen Israel mit Vernichtung und prahlen, nuklearen Brennstoff herstellen zu können – die A-Bombe.

Wow! Gleich drei Falschaussagen in einem Satz. Das ist selbst für BILD-Verhältnisse nicht schlecht. Ahmadinedschad mag ein widerwärtiger Antisemit sein, der den Holocaust für seine politischen Ziele instrumentalisiert, aber er leugnet ihn nicht (9) - schändlich ist dies sicher, aber eben doch etwas ganz anderes. Er droht Israel auch keinesfalls mit Vernichtung (9) und der nukleare Brennstoff, von dem er fabuliert, betrifft alleine wegen des Anreicherungsgrades lediglich die zivile Nutzung - alles andere ist selbst für Ahmadinedschad ferne Zukunftsmusik.

Warum, Herr Präsident, sind Sie so besessen, ein Bösewicht zu sein? Sind Sie ein Hass-Wirrkopf-Hitler, ein Al Capone, ein Hannibal Lecter?

Na immerhin nennt Wagner ihn mittlerweile “Präsidenten” und nicht mehr “Diktator”, aber dies ist nur ein rhetorischer Trick, denn Wagner fährt heute ganz großes Geschütz auf:

Wie böse sind Sie wirklich? Die Hit-Liste der großen Bösen ist groß. Sie reicht von Nero, Dschingis Khan, Stalin bis Hitler. In meiner Religion, der katholischen, gibt es das Böse, den Teufel.

Der “Irre von Teheran” ist nun also schon der Teufel. Wagners kindliche Abhandlung des Manichäismus ist kaum an Absurdität zu überbieten.

Nicht die USA, sondern wir alle müssen den Teufel dieser Tage austreiben: den Teufel, der uns Angst macht.

Ganz genau! Auch deutsche Jugendliche sollen auf dem Feld der Kampfes gegen den Teufel geopfert werden dürfen. Das ist doch gut für die Quote und da “wir” ja schon Papst sind - wer könnte da prädestinierter sein, den biblischen Kampf gegen den Teufel zu führen als der deutsche Michel? Ob der Teufel jetzt Stalin oder Ahmadinedschad heißt, wen interessiert es? Ob jetzt auf dem Koppel “Gott mit uns!”, “Meine Ehre heißt Treue!” oder “Einigkeit und Recht und Freiheit!” steht ist egal, solange es gegen das Böse geht.

Niemand will Tote sehen, Tschernobyl-Tote, Hiroshima-Tote, tote Kinder, tote Teddybären.

Nein, keine toten Teddybären, aber tote “böse” Iraner, die wollen “wir” von der BILD natürlich schon sehen - ist doch gut für die Quote.

Unsere Welt wird nicht zulassen, dass Sie uns Angst machen. Unsere Welt hat es satt, mit den Hitlers, den Saddams, den Stalins, den Gaddafis, den Maos, den Ho Chi Minhs, den Pol Pots zu leben.

Drum müssen wir auch alles töten, was uns Angst macht … Spinnen, Ratten, Menschen. Dies ist unsere Angsttherapie und da wir ja die Guten sind, so hoch kultiviert und moralisch integer, darf man uns dieses Recht nicht strittig machen. Wenn ein islamistischer Spinner die Bösen töten will, die ihm Angst machen, ist dies selbstverständlich etwas anderes. Dieses Privileg macht unsere Kultur auch weltweit so beliebt, das wissen wir. Und wenn es mal anders sein sollte, so haben wir Angst und dürfen uns wieder therapieren.

Wir wollen friedlich frühstücken, Mittag essen, Abend essen und mit unseren Frauen abends ins Bett gehen. Mehr will die Menschheit nicht.

Na ja, Herr Wagner, ein wenig Bösewichte töten ist aber schon drin? Nicht dass der Iraner noch auf die Idee käme, nicht mehr zu wollen als friedlich existieren zu dürfen, - DIES ist ein Vorrecht des Westens.

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Iran, Medien | 13 Kommentare

Britische Spiegelfechtereien

10. April 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Der britische Boulevard hat seine Helden gefunden und waidet sie nach aller Kunst aus. Und das ist gut so und geschieht mit dem Einverständnis von Blair und MOD, können diese doch so auf Nebenkriegsschauplätzen von ihrem Versagen ablenken und echte Helden kreieren, nach denen das Vaterland nur so dürstet. Unsäglich ist da schon das neidische Wadenbeissen des britischen PR-Experten Max Clifford, der dieses Veranstaltung als PR-Maßnahme geißelt, die “dem MOD ganz gut ins Konzept passt” - wahrscheinlich hat ihm die Konkurrenz die Helden vor der Nase weggeschnappt.

Natürlich suchte man sich die niedersten Chargen aus, die in einem Interview auch zig mal “Fuck” sagen, der britische Boulevardleser soll sich ja schließlich identifizieren können. Merke: Soldaten vorführen, das macht nur der Mullah. Diese “tapferen” Bauernopfer auf der Schlachtbank der Öffentlichkeit müssen sich natürlich erst mal artig entschuldigen und (wir Männer kennen das doch) wer kann schon einer weinenden Frau Vorwürfe machen?

BRAVE Navy hostage Faye Turney told yesterday how she burst into tears and APOLOGISED to her family for being a captive in Iran (1) (2)
I thought ‘Oh f***. I stood up and pushed on it and said ‘F*** off’.

Ein nahezu brillantes Meisterstück ihr übrigens während der Haft gelungen:

“I told them, ‘How do I know? I’m just the bloody boat driver’. I tried to play the dumb blonde.”

Mrs “F***” spielte das naive Blondchen, dies muss eine oscarreife Vorstellung gewesen sein - wer käme schon im Traum auf eine solche Idee?
Tränen kamen der verantwortungsvollen Mutter und Heldin auch, als sie in der Gefangenschaft an ihre Familie denken musste. Wie kann dieses “fanatische” iranische Regime einer so verantwortungsvollen Mutter, die hauptberuflich bewaffnet den Irak befreit eigentlich so eine Angst einjagen?

Throughout her time as a prisoner of the fanatical Iranian regime, the thought of her only child growing up without a mother had reduced her to tears.

Auf die Idee, daß Kriegseinsatz und Verantwortung für die Familie nicht so toll zusammenpassen kommt Frau Turney natürlich nicht, sehnt sie sich doch schon das nächste patriotische Abenteuer herbei, das ihre Tochter zu einer Halbwaisen machen könnte:

“I’m proud to be in the Royal Navy and of the girls and lads I serve with. I’m going back to it. They’re not going to break me.”

Der böse Mullah hat auch eine abscheuliche Einstellung, was die Freigabe von Filmmaterial angeht. Durch die Veröffentlichung der Fernsehbilder, hat er der jungen Heldin in ihrem Familienkreis einen vielleicht nicht wieder gut zu machenden Schaden hinzugefügt - wer sonst keine Sorgen hat (das Zitat betrifft die Zeit während der Inhaftierung):

“I saw the footage of me smoking and I was horrified. My mum didn’t know I smoked and I thought she’d be furious with me.

Der britische Boulevard hat jedenfalls eine Ungeheuerlichkeit ausgemacht, die bis dato Menschenrechtsorganisationen entgangen ist. Die Anzüge, in die man die britischen Soldaten steckte, entsprachen nämlich nicht dem bekanntlicher hoch kultivierten Geschmack der SUN-Leserschaft - ein eindeutiger Verstoß gegen die Bottroper Konventionen. Sandalen, hellbeige Hotpants und ein zu enges Shirt mit der Aufschrift “I went to Iran and all I got was this lousy T-Shirt” wären dem kulturellen Sitten der Briten sicher angemessener gewesen.

Make no mistake, Ahmadinejad is as cheap and nasty as the ill-fitting suits he sent the hostages home in.

Der “normale” Brite ist auch mit dem Handwerk eines Schneiders nicht vertraut, so daß der “böse” Iraner ihm da schon mal einen Schrecken einjagen kann:

FREED British hostage Faye Turney told last night how she feared she was being measured for her COFFIN by her evil Iranian captors.

Die Briten haben auch schon ihre Lehren aus dem Vorfall gezogen - der “Giftzwerg” (das ist ja mal originell) aus Teheran darf jedenfalls keine Atombombe haben.

And his behaviour over the past two weeks shows why the world must never allow this poison dwarf to develop a nuclear bomb.

Und wenn er es weiter versucht, wird ihn der britische Boulevard sicher in Steinzeit zurückbomben - wahrscheinlich mit kostenlosen CD-Beilegern mit geschmacklosen Tittenbildchen.

Gerade zu geschmacklos kommt einem da schon die Kritik von den Zurückgebliebenen britischer Todesopfer im Irak und in Afghanistan an dem Geschachere vor, die von “Heldentum” eine gar zu pathetische Vorstellung haben. Der moderne Held ist kein Alec Guiness aus “Bridge on the River Kwai”, der sich foltern lässt und immer nur seine Dienstnummer und seinen Rang sagt und jegliche Kooperation mit dem Feind ablehnt, nein, moderne Helden werden in den Medien gemacht und singende Vögelchen sind besser zu verkaufen als griesgrämige Prinzipienreiter. Und das Deutsche Sprachrohr, die BILD, präsentiert uns gerne harsche Töne ohne sie selbst zu äußern, solange man den Kollegen von der Insel damit einen auswischen kann (3):

Der Militärhistoriker Sir Max Hastings: „Ich hoffe, niemand kommt auf die Idee, ihnen eine Medaille zu geben. Sie verdienen vielleicht unser Mitleid, aber unser Respekt gebührt ihnen nicht. Ihr Auftreten war armselig!“

In der „New York Post“ ätzte Kolumnist Ralph Peters: „Schäbige und feige Waschlappen! Im Himmel kotzt Winston Churchill edlen Whisky.“

Das „Wall Street Journal“: „Warum haben die Gefangenen … so bereitwillig mit ihren Häschern zusammengearbeitet? Sie sind doch Marinesoldaten, die vermutlich darin ausgebildet sind, Propaganda-Auftritten zu widerstehen.“

Briten-General Sir Michael Gray: „Zu meiner Zeit hätten die Iraner höchstens den Namen und den Dienstgrad gekriegt und damit basta!“

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Glosse, Iran, Medien | 9 Kommentare

Frohe Ostern!

06. April 2007 von admin - Drucken

An dieser Stelle möchte ich bei den Lesern für das positive Feedback über dieses junge Blog und die qualitativ hochwertigen Kommentare bedanken. Gerade am Anfang eines solchen Projektes tut solch positives Feedback sehr gut ;-)

Jetzt fahre ich aber erstmal in einen kurzen Osterurlaub, weshalb der Spiegelfechter auch bis Dienstag nicht weiter aktualisiert wird.

Danke und Frohe Ostern!

Jens Berger

(c) c´t

Kategorie: Allgemein | Kommentieren

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  • Possimist Viele Sachen die hier beim Spiegelfechter oder auch bei den NachDenkSeiten kritisiert werden, werden auch...
  • Spiegelfechter @Jonas Mayer Aber, aber … SPON-Journalisten schreiben doch nicht ab! Das ist wohl eher ein...
  • Jonas Mayer Ich finde ja, man sollte sich mal kritisch darüber auslassen, dass der SPIEGEL, wie 90% aller - ach so...
  • Mark F. Es gibt doch einen und nur einen Alphablogger in Deutschland: Peter Turi. Der besitzt die Internet-Adressen...
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