In den letzten zwei Wochen tauchten im Netz immer wieder Meldungen von einer Operation “Bite” (”Biss”) auf, die sich auf russische Experten oder Geheimdienstkreise bezogen. Die Meldung als solche war nicht eben unwahrscheinlich und wurde zwar nie direkt aber doch indirekt durch offizielle russische Stellen bestätigt. Was steckt also hinter dieser Meldung?
Eine russische Wochenzeitung veröffentlicht eine Meldung
Am 15. März veröffentlichte die russische Wochenzeitung “Argumenty Nedeli” einen Artikel des Journalisten Andrey Uglanov, der unter Berufung auf anonyme russische Militärexperten behauptete, die USA würden in der ersten Aprilwoche zu einem Luftschlag gegen Iran ausholen, der 12 Stunden dauern und 20 Ziele in Iran, die mit der Atomforschung in Verbindung stehen, zum Ziel haben solle. Die Operation solle den Namen „Bite“ („Biss“) tragen und neben den Primärzielen auch Abwehreinrichtungen der Iraner als Sekundärziele beinhalten. Dieser Angriff soll von Bombern, die auf Diego-Garcia stationiert sind, den Flugzeugträgern im Persischen Golf und der 6. US-Flotte im Mittelmeer geführt werden, unterstützt von Lenkwaffen-U-Booten im Pazifik, und abgesichert durch einen Truppenaufmarsch an den irakischen Grenzen zu Iran und Syrien.
Vier Tage später, am 19. März, verbreitete die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti den Bericht aus der “Argumenty Nedeli“ international, unter Nennung der Quelle und ergänzt mit Anmerkungen von RIAN. In der deutschen Forenszene und in der Blogosphere verbreitete sich diese Meldung wie ein Lauffeuer. Problematisch war indes, dass sie nicht verifizierbar war und nicht auf zuverlässige Quellen zurückging. Anonyme Sicherheitskreise sind halt keine Quelle, auf die man sonderlich viel geben sollte.

Trittbrettfahrer
Auf den fahrenden Zug sprangen natürlich schnell die ersten Trittbrettfahrer auf und verhalfen der Meldung zu einer weiteren Verbreitung – so z.B. ein gewisser russischer Ex-General namens Iwaschow, heute ein Think-Tank Krieger aus dem ultranationalistischen Milieu. Am 21. März nahm er in einem RIAN-Interview die Steilvorlage auf, mischte sie mit seinen eigenen verqueren Verschwörungstheorien und brachte das AIPAC als Mitverantwortlichen hinter den US-Plänen ins Spiel. In weiteren Publikationen nennt er noch wirre globalwirtschaftliche Verschwörungstheorien rund um die Dollarschwäche als „wahre“ Gründe und machte schon einmal die „bancrupt global bankers“ als Hintermänner aus, - eine antisemitische Umschreibung für „Finanzjudentum“. Leider werden seine Äußerungen in alternativen Medien gerne ungeprüft und ungefiltert weiterverbreitet, so wie die Äußerungen des Ultranationalisten Wladimir Schirinowski. Iwaschow sagte in einem Gespräch mit Pavel Felgenhauer, einem sicherheitspolitischen Analysten der für russische Zeitungen tätig ist, die Informationen über Operation “Biss” kamen nicht von ihm, sondern vom militärischen Geheimdienst GRU.
Offizielle Stellen schalten sich ein
Nachdem Iran am 23. März 15 britische Soldaten festnahm, spitzte sich die Situation zu. Hinter den Kulissen müssen die Russen entweder mit einer Eskalation seitens der USA gerechnet haben oder man wollte Meldungen über eine mögliche Eskalation politisch ausschlachten. Anders lässt es sich kaum erklären, dass am 30. März, mitten im Ringen um eine UN-Resolution in der „Causa-Cornwall“, die „alte“ Meldung von “Argumenty Nedeli” durch offizielle russische Stellen indirekt bestätigt wurde. Ein Sprecher des russischen Militärnachrichtendienstes berichtete in einer Pressekonferenz, man habe Informationen, dass die Vorbereitungen der US-Streitkräfte für einen Angriff auf Iran abgeschlossen seien und die US-Army nur noch auf ein politisches „Go“ warte.

Auf höchstem Niveau setzten russische Stellen die offene Konfrontation fort. Am 2. April bestätigten Jurij Baluewskij , Chef des russischen Generalstabes (russisches Pendant des Pentagons) und der stellvertretende Außenminister Andrei Denisow, wie ernst es Moskau ist. Beide warnten in Pressekonferenzen die USA vor einem Militäreinsatz an Russlands Südflanke. Denisow nannte einen Militäreinsatz in Iran „unakzeptabel“ und Baluewskij warnte die USA vor ernsthaften Konsequenzen, die sich daraus ergeben würden.
Warum “biss” Bush nicht?

Bekanntlich blieb der US-Angriff in der ersten Aprilwoche aus, aber die russischen Experten halten die Töpfe in der Gerüchteküche am kochen und verschieben den Starttermin der Operation “Biss” auf frühestens Mai, nicht ohne den wahren Schuldigen für die “gezielte Desinformation” ausgemacht zu haben - Israel natürlich, wer sonst?
„Argumety Nedeli“ erklärt in ihrer heutigen Ausgabe, Tony Blair sei Auslöser der Verschiebung des Angriffes gewesen, da er Bush persönlich am Telefon bat, die Bombardierung hinauszuschieben, da diese nach der Freilassung der britischen Soldaten dem Volk schlecht zu vermitteln sei. Laut “Argumenty Nedeli” soll US-Aussenministerin Rice übrigens am 4. April im Berliner Hotel Intercontinental erfolglos versucht haben, einige EU-Staatschef von der Notwendigkeit eines schnellen Militärschlags gegen Iran zu überzeugen. Dies ist jedoch schwer vorstellbar, traf sie an diesem Tag um 14.00 EST doch den haitianischen Premier in Washington (1) (2)
Wie realistisch sind die russischen Warnungen eigentlich?
Dass die USA sich für einen großen Angriff operativ vorbereitet haben, erscheint eher unwahrscheinlich, obgleich sowohl der politische Wille, als auch die mittelfristige Planung für einen solchen Einsatz sicherlich vorhanden sein dürften. Zwei Trägergruppen sind zwar momentan im Persischen Golf und die USA können unter gewissen Umständen auch auf die 6. Flotte im Mittelmeer zurückgreifen, obgleich dies einen ernsten Konflikt mit den Staaten provozieren würde, die überflogen werden müssten, darunter die Türkei, die einen Iran-Krieg grundsätzlich ablehnt. Beim Angriff auf Irak 2003 standen den USA immerhin 6 Trägergruppen zur Verfügung und die iranische Luftwaffe/-abwehr ist um einiges höher einzuschätzen, als die von Sanktionen geschwächte irakische.
In Afghanistan führen die USA momentan ihre Frühjahrsoffensive gegen die Taliban durch, die sie mit massiven Lufteinsätzen bekämpfen wollen, um Verluste zu minimieren. Dies bindet natürlich einen Großteil der US-Kapazitäten im Osten Irans – für einen geordneten Aufmarschplan stünden diese also nicht zur Verfügung.

Desweiteren verfügen die USA nicht mal ansatzweise über genügend konventionelle Kräfte an den Grenzen zu Iran. Auch wenn kein Landkrieg geplant ist, so müssen die USA sich natürlich gegen Gegenangriffe Irans wehren können. Auch müssten die USA mit einem massiven Anstieg des Widerstandes in Irak rechnen, mit dem derzeitigen Aufgebot an Bodenkräften wären die USA schlichtweg überfordert mit der neuen Situation. Dies bekennen auch einige russische Experten, so z.B. Konstantin Sivkov, Mitglied eines russischen Think-Tanks, der schätzt, dass die USA mindestens zwei bis drei Monate bräuchten, bis sie eine adäquate Menge an konventionellen Kräften im Irak aufgebaut hätten – und dies ist momentan ohne einen besonderen Grund für Präsident Bush nicht machbar. Die Opposition bekämpft ja bereits seine momentane Truppenpolitik im Irak aufs schärfste, eine neuerliche Entsendung von Tausenden Soldaten ist nicht vorstellbar.
Wenn die USA Iran überfallen wollen und davon gehe ich zumindest für den Zeitraum der Präsidentschaft Bush aus, da die NeoCons ihre letzte Chance sehen, bevor die Demokraten ins Weiße Haus einziehen, so müssen sie Iran soweit provozieren, dass dieser den ersten Schritt tut, bzw. eine Situation herbeiführen, in der man die Presse dies glauben machen kann. Momentan ist kein Casus Belli für die NeoCons vorhanden. Sie haben keine Möglichkeit, einen Präventivschlag als unvermeidliche Ultima Ratio darzustellen, da bleibt den Spin Doctors noch viel Arbeit.

Ein Krieg bleibt also verhinderbar. Die Verhandlungen der Briten in der “Causa-Cornwall” haben gezeigt, wie es geht. Man muss mit Iran auf einer Augenhöhe sprechen und sie nicht wie ungezogene Kinder behandeln, dann sind Verhandlungslösungen möglich. Fraglich nur, ob die USA und Israel dies überhaupt wollen.
Die innerrussische Komponente
Das interessanteste an den russischen Gerüchten ist eigentlich ihre Rezeption durch die Medien. Während sie im Westen ausserhalb der Blogosphere nahezu unbemerkt blieben und auch in Iran niemanden vom Hocker rissen, waren sie in Russland Nachrichten- und Gesprächsthema Nummer 1, alle Fernsehsender haben ausführlich über die Operation „Biss“ berichtet. (2)
Dies erklärt sich, wenn man die Hintergrundgeschichten mit einbezieht. Im Vorfeld hat Russland seine Iran-Politik sehr stark dem Gusto Washingtons angepasst. Auf Iran wurde seitens Moskau Druck ausgeübt, die Uran-Anreicherung zu stoppen, die Brennstofflieferungen für das iranische AKW Busheer wurden unter fadenscheinigen Gründen gestoppt und Russland unterschrieb im UN-Sicherheitsrat die verschärften Sanktionen. Hat die USA Russland dieses Entgegenkommen gedankt? Nein, man übt Druck auf Russland aus, zeigt sich bei den Diskussionen über den Raketenabwehrschirm in Osteuropa unkonzilliant und erhöhte den Druck auf Teheran unilateral.

In Russland und im Kreml gibt es indes viele Pro-Iraner, die Iran teils als gutes Geschäftsfeld sehen, teils auf eine Energiepartnerschaft aus sind und teils einfach ihren alten Neigungen Antiamerikanismus und Antisemitismus frönen. Aus diesen Gruppen dürften wohl auch die Lecks stammen, die “Argumenty Nedeli” als „Quelle“ dienten. Mit Hilfe der regierungsnahen Medien und der ‘halbamtlichen’ Nachrichtenagentur RIA Novosti wurde so ein Szenario knostruiert, welches den russischen Hardlinern erlaubte, die russische Iranpolitik zu ändern. So kündigte Denisow bereits an, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Iran und Russland bzgl. des AKWs Busheer seien sicher schnell aus der Welt geschafft und Russland wolle die Brennstofflieferungen schnell wieder aufnehmen.
Jens Berger