BILD kämpft gegen die Mullahschwebebahn!

31. Mai 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Eine Unverfrorenheit sondergleichen! Da maßt sich der Irre aus Teheran (BILD-Slang für den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad) doch an, das Prunkstück deutscher Technologie kaufen zu wollen. Den Exportschlager schlechthin, der für “Deutschland” steht, wie sonst nur die Kuckucksuhr - den Transrapid, oder wie BILD es schreibt „unseren Transrapid“.

Warum Iran ausgerechnet den Transrapid für den Transport von jährlich 12 bis 15 Millionen Pilgern von Teheran ins 800 Kilometer entfernte Maschhad einsetzen will, bleibt wohl das Geheimnis der „Atom-Mullahs“. China und auch Deutschland haben offensichtlich kein Interesse daran, teure Spitzentechnik „Made in Germany“ einzusetzen, wenn es denn auch preiswerter geht.

Glaubt man Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden, so ist der Pilgerzug von Christen für Moslems gar nur eine Finte. Sie befürchtet allen Ernstes, „[dass] der geplante Transrapid nicht nur Pilger, sondern auch Waffen und Terroristen transportieren könnte.“ Das sollte die Marketingabteilung des Transrapid-Konsortiums nicht ungehört verpuffen lassen! Der Transrapid als Waffentransporter wäre eine geniale Nischenlösung. Dort wo es beim Waffentransport vor allem auf Geschwindigkeit ankommt und Kosten eine untergeordnete Rolle spielen, wäre der Transrapid erste Wahl … nun ja, hinter dem Flugzeug, Zügen, die funktionieren, und einem VW Polo mit einem „Eilige Arzneimittel“-Tarnaufkleber.

Das Problem der transrapidreisenden Terroristen, welches Frau Knobloch so sehr am Herzen zu Liegen scheint, könnte der deutschen Wirtschaft indes Folgeaufträge in Milliardenhöhe einbringen. Eine lückenlose Videoüberwachung, mit biometrischer Schnellidentifizierung und RFID-Fahrkarten, die mittels Geruchssensoren „böse“ Fahrgäste den Sicherheitsbehörden melden, wären, ähnlich wie der Transrapid selber, ein Wunschkind deutscher Politiker, das in Deutschland selbst, dem Volk ‘leider’ nur schwer zu vermitteln ist.

Aber Wirtschaft hin, Wirtschaft her, - der Arbeitsmarkt boomt und der „Weltmeister“ kann sich seine Kunden aussuchen. Als Anwalt des kleinen Mannes und einzig legitimes Sprachrohr für die Themen Rechtschaffenheit und Anstand mahnt die BILD auch tief betroffen: „Auch für Weltmeister gibt es Grenzen“, wobei der BILD-Setzer das obligatorische Ausrufezeichen hinter der Überschrift vergessen haben muss.

„Seit Jahrzehnten wird versucht, den Ajatollahs über enge Wirtschaftskontakte beizubringen, wie man sich auf der internationalen Bühne benimmt. Ergebnis? Fehlanzeige!“

Undank ist der Welten Lohn und Benimm für Mullahs ein Fremdwort – da macht man ihnen vor, wie sich eine Wirtschaftsnation nach deutschem Schrot und Korn zu benehmen hat, wie Betriebsräte in den Puff nach Brasilien eingeladen werden, Mitarbeiter nach Billigtarifen entlohnt werden, während die Kapitalmaximierung des oberen Managements internationalen Standards angepasst wird und Schmiergelder effektiv eingesetzt werden können. Und was kommt dabei heraus? Noch nicht mal den Hut nimmt dieser Ajatollah beim Essen ab – so wird das nie was, mit dem Benimm nach teutonischer Art.

„Im Klartext: Für einen Staat, der mit antisemitischen Tiraden Politik macht, ein Regime von Fanatikern, das Israel von der Landkarte tilgen will, gibt es keine Spitzentechnik „Made in Germany“.

Im Klartext: Spitzentechnik „Made in Germany“ gibt es nur für Staaten, die von der USA vor dem Weltsicherheitsrat bei jeder Gelegenheit geschützt werden, Angriffskriege starten, ein Apartheidsregime etabliert haben und anderen Staaten offen mit einem Atomschlag drohen, wenn diese ihre Nuklearambitionen nicht einstellen. Solche Staaten bekommen auch nicht nur Pilgerzüge, sondern „High-Tech“ aus deutschen Werften und Waffenschmieden. Bezahlen müssen solche Staaten ihre Waffentechnik auch nicht – für solche Staaten zahlt auch gerne der Steuerzahler.

„Für Antisemiten ist der Exportladen geschlossen – egal, ob es um Arbeitsplätze geht oder um Dollar-Millionen.“

Denn Dollar-Millionen lassen sich vortrefflich mit den Menschenrechtsfreunden in China, den Frauenrechtlern aus Saudi-Arabien, den lupenreinen Demokraten aus Turkmenistan und Usbekistan und den Umweltaktivisten aus Nigeria machen – da braucht man keine Antisemiten. Und ein Volk, dessen Präsident ein antisemitischer Idiot ist, muss sowieso in Sippenhaft genommen werden – gut, dass Bush zwar ein Idiot, aber kein Antisemit ist.

BILD hat sogleich drei „redliche“ Kommentatoren ausgegraben, die ihren üblichen Sermon zu diesem Thema kundtun dürfen, was BILD dann unter „Proteste in Deutschland!“ zusammenfasst, diesmal mit BILD-typischen Ausrufezeichen.

Einer der Kommentatoren ist der CDU-Hoffnungsträger, Merkel-Groupie und fleischgewordene feuchte Traum einsamer JU-Matronen Ecki von Klaeden – leider darf er in BILD nur sagen, dass er das iranische Angebot „unseriös“ findet – damit bügelt das Merkel seine all zu kecken Avancen auch immer ab.

Wo es um das Thema Iran und Antisemitismus geht, ist natürlich der wackere Kämpfer gegen Drogenkonsum und Zwangsprostitution Paolo Pinkel nicht weit. So befindet er in BILD - „Ein Skandal! Iran ist das gefährlichste Land der Welt, hat einen antisemitischen Irren an der Spitze.“ Warum Iran das gefährlichste Land der Welt sei, bleiben uns Pinkel und BILD selbstverständlich schuldig – dies ist auch eher die Außenseitermeinung von moralisch integeren Ex-Moderatoren und SPIEGEL-Redakteuren auf Steroiden - und daher auch gar nicht ernst zu nehmen.

Einen wichtigen Punkt bringt hingegen der CSU-”Außenexperte“ Lintner via BILD ins Spiel:

„Solange Teheran den Holocaust leugnet und Israel von der Landkarte tilgen will, sollten wir keine solchen Geschäfte mit den Mullahs machen.“

Nein, dies ist noch nicht der wichtige Punkt, sondern das übliche, bewusst gefälschte Mantra der Kriegshetzer und Kulturkämpfer, wenn es um den Iran geht.

„Außerdem ist der Transrapid ein Stück Hochtechnologie – und ich kann nicht ausschließen, dass die Iraner sich etwas abgucken wollen.“

Da legt Herr Lintner seinen Finger mit schonungsloser Offenheit mitten in die Wunde. Nicht auszudenken, wenn die Atommullahs sich „unseren“ Transrapid „abgucken“ und wohlmöglich mit einer billigen (atomgetriebenen?) Kopie „uns“ relevante Anteile auf dem boomenden Markt der Magnetschwebebahnen abgaunern würden. Nein, das geht natürlich auf keinen Fall. Da verkaufen “wir” den Transrapid doch lieber in ein Land, dessen Bewohner Achtung vor geistigem Eigentum und Patenten haben - nach China.

Jens Berger

Bildnachweis: Mockstar, Mary Loosemore, Sumergenius, Arbeiterfotographie.com

Kategorie: Ausland, Glosse, Iran, Medien, Politclowns | 31 Kommentare

Ein neuer kalter Krieg?

30. Mai 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Die längste Praline der Welt

Gestern führte Russland zwei Raketentests durch, die auch als deutliches Signal an den Westen zu verstehen sind. Um 14:20 (Moskauer Zeit) startete eine ICBM (interkontinentale ballistische Rakete) mit Mehrfachsprengköpfen (MIRV) vom Raketenstützpunkt Plesetsk und traf - laut russischen Verlautbarungen - ihre Ziele im 6.500 Kilometer entfernten Kura auf der Halbinsel Kamtschatka. Diese „neue“ Rakete ist eine Weiterentwicklung, der SS-27 (RS-12M1 - Topol-M), die modifiziert wurde, um statt nur eines Sprengkopfes mehrere, unabhängig steuerbare, Sprengköpfe zu tragen. Eine gänzlich überraschende und neue Entwicklung ist dies indes nicht, obgleich uns „Experten“ in den Medien dies glauben machen wollen. Im Dezember letzten Jahres kündigte Nikolai Solovtsov, Befehlshaber der strategischen Nuklearraketen, dies bereits an: eine MIRV-Variante der Topol-M soll gegen Ende des Jahrzehnts den strategischen Raketentruppen der russischen Armee zur Verfügung stehen. Bedenkt man, dass dies der erste Test eines Prototyps war, so erscheint der Zeitrahmen dafür realistisch. Was bei den „Experten“ der westlichen Medien für Aufregung sorgte, war nicht etwa die Rakete selbst, sondern deren russische Bezeichnung RS-24, was auf einen vollkommen neuen Raketentypen schließen lassen kann. So wie für die einen ein Schokoriegel die längste Praline der Welt ist, ist die RS-12M3 (geplante Modifikation der Topol-M) für das russische Militär eine RS-24. Dies hat den ganz einfachen Grund, dass ein neuer Raketentyp vom, zwischen den USA und Russland ausgehandelten, START-Abkommen anders gewertet wird als eine Modifikation vorhandener Raketen, die im Zweifelsfall sogar durch eben jenes START-Abkommen verboten ist.

Diese ICBM als direkte Antwort auf das geplante osteuropäischen Raktenabwehrsystem zu sehen, wie dies der SPIEGEL suggeriert, ist natürlich Unfug. Das Raketenabwehrsystem ist offiziell dazu bestimmt, ballistische Langstreckenraketen von “Schurkenstaaten” abzufangen, funktioniert aber - nach wie vor - nicht mal ansatzweise. Abgesehen davon, dass die bereits vorhandenen SS-27 Topol-M Raketen, aufgrund ihrer „semiballistischen“ Flugbahn, von diesem System wohl kaum erfasst werden können, ist es natürlich für ein Worst-Case Szenario unlogisch, dass die Russen eine ICBM aus Ostsibirien abschießen, um ein Ziel in Osteuropa zu treffen. Hierfür würden wohl Kurz- oder Mittelstreckenraketen eingesetzt, die im Idealfall vom amerikanischen Radar nicht erfasst werden können, – und exakt eine derartige Rakete haben die Russen gestern ebenfalls getestet und damit ein politisches Signal ausgelöst, welches sich sehr wohl als Auftakt eines neuen Rüstungswettlaufes deuten lässt.

Russlands de facto-Ausstieg aus dem INF-Vertag

Kurz nach dem ICBM-Test führte das russische Militär gestern um 17.50 auf der Basis Astrakhan einen, ebenfalls erfolgreichen, Test mit einer Cruise-Missile durch, die als Neuerung eine „variable Nutzlast“ (Iwanow) zu bieten hat. Diese Rakete hat von den Russen die Bezeichnung Iskander-M bekommen und ist eine Fortentwicklung der Iskander-K. Der Flugkörper ist für Radar praktisch unsichtbar, er kann mit einer dreifachen Schallgeschwindigkeit manövrieren, was die Möglichkeit bietet, jedes moderne Raketenabwehrsystem zu überwinden, und ist auch hochpräzise. Die Iskander-M hat „offiziell“ eine Reichweite von 280 Kilometern, wobei dies eher auf die Exportversion Iskander-E zutrifft, die nach internationalen Abkommen unter 300 Kilometern Reichweite haben muss. Experten gehen bei der Iskander-M von einer Reichweite von 450-500 Kilometern - bei einer konventionellen Nutzlast von 450 kg - aus.

Der Terminus „variable Nutzlast“ heißt de facto nichts anderes, als fähig, nukleare Sprengköpfe zu tragen. Ein nuklearer Sprengkopf mit einem Gewicht von 95-100 Kilogramm vergrößert auch die Reichweite der Rakete, sofern die anderen Parameter gleich bleiben, so dass man von einer Reichweite von über 500 Kilometern ausgehen muss, und hier wird es delikat, denn der INF-Vertrag, den die USA und sie Sowjetunion 1987 abgeschlossen haben, verbietet neben dem Besitz auch die Entwicklung von nuklearen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Der Test der Iskander-K ist also bereits ein Bruch des INF-Vertrags, den der russische Vizperemier und designierte Putin-Nachfolger Sergej Iwanow als „Relikt“ bezeichnete und welchen der russische Generalstabschef Juri Balujewski - im Angesicht des osteuropäischen Raketenabwehrsystems - bereits zur Disposition stellte.

Die stolze Präsentation des Raketentests vor der Weltpresse ist als deutliches Signal an den Westen zu verstehen, sich das Raketenabwehrsystem aus dem Kopf zu schlagen. Der Gegenwind für die Raketenabwehrsystembefürworter in Polen, Tschechien und vielleicht auch Litauen wird stärker werden, da beide Komponenten direkt im Radius von, bei Kaliningrad stationierten, russischen Iskander-K Raketen wären. Dies würde Europa wieder mitten in den kalten Krieg zurückholen, in dem Mitteleuropa Standort und Ziel von hunderten nuklearen Mittel- und Kurzstreckenraketen war. Es ist an der EU, dies zu verhindern und Polen und Tschechien in aller Deutlichkeit diese Flausen aus dem Kopf zu treiben – Russland hat den Fehdehandschuh aufgenommen und ist anscheinend bereit, einen neuen Rüstungswettlauf zu starten. Dies kann wohl keiner wollen.

Jens Berger

Bildnachweis: Kreml.ru, Lenta.ru

Kategorie: Ausland, Russland | 22 Kommentare

Ein kleiner Gedankengang zum Sicherheitsstaat

25. Mai 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Im Jahr, in dem ich geboren bin, stellte Bundeskanzler Willy Brandt die Vertrauensfrage, der Radikalenerlass wurde beschlossen, die Fahndung nach RAF-Mitgliedern erreichte den ersten Höhepunkt, die Bundeswehr verbot lange Haare, Heinrich Böll kämpfte gegen die BILD-Zeitung und bekommt (nicht dafür) den Literaturnobelpreis und die DDR legte Schutzzonen an der Westgrenze fest. Die Zeiten, in denen man “Mehr Demokratie wagen” wollte, waren vorbei, der Hauch von Aufbruch wurde ziemlich schnell erstickt. Sicherheitsfragen und Paranoia zerstörten das zart keimende Pflänzlein “Freiheit”.

Die Kindheit im Westen der Republik war unbeschwert - man “wußte”, wo man steht. Die Russen waren böse und die Amis waren gut. Im Osten herrschte der real existierende Sozialismus und wenn man Berlin oder Dresden besuchte, bekam man eine Idee davon, wie ein Sicherheitsstaat aussieht. Fragte das unbedarfte Kind, warum ein Staat seine Bürger denn kontrolliert, bespitzelt und überwacht, erhielt es von seinem Vater als Antwort - “Dieser Staat hat Angst vor seinen Bürgern, er ist halt kein Rechtsstaat”.

Als ich volljährig wurde, war das Leben nicht mehr so unbeschwert, der Kanzler hieß Kohl, der Westen übernahm den Osten und man erfuhr, wie so ein Sicherheitsstaat im Inneren aussah. Briefe wurden nach staatsgefährdenden Inhalten durchforstet, Duftproben von Systemgegnern wurden archiviert, kritische Bereiche durch Schutzzonen abgeriegelt, Bürger mit Videokameras überwacht, Wohnungen abgehört und die Unschuldsvermutung galt bei der Gefahrenabwehr nichts. Ein solches System, mußte von seinen Bürger über kurz oder lang gestürzt werden, so schien es.

Als hätte die DDR einen Virus in sich getragen, der eine Latenzzeit von vielen Jahren hat, entsteht nun in Gesamtdeutschland ein Sicherheitsstaat moderner Prägung - die real existierende Paranoia. Bürgerrechte werden außer Kraft gesetzt, “Regimegegner” systematisch bespitzelt, Sicherheitszonen definiert und Schutzzäune errichtet. Die Mittel des Sicherheitsstaates moderner Prägung ähneln denen des alten Sicherheitsstaates frappierend, gehen aber “dank” technischer Fortentwicklung in einigen Bereichen sogar darüber hinaus - gäbe es die Stasi 1.0 noch, hätte sie sicher auch ihre Freude an Bundestrojanern, Vorratsdatenspeicherung, Rasterfahndung und digitalen Fingerabrücken. Würde mich ein Kind heute fragen, warum dieser Staat seine Bürger kontrolliert, bespitzelt und überwacht, würde meine Antwort heute genau so lauten, wie früher die Antwort meines Vaters - “Dieser Staat hat Angst vor seinen Bürgern, er ist halt kein Rechtsstaat”.

Die DDR ist daran zugrunde gegangen, daß sie nicht der Staat der Bürger war. In Leipzig skandierten die Demonstranten “Wir sind das Volk”. Die Bundesrepublik ist natürlich noch nicht so marode wie die DDR und anders als diese hat die Bundesrepublik ein Grundgesetz, das den Rechtsstaat vorschreibt und den Sicherheitsstaat verbietet. Noch haben wir also alle Möglichkeiten den Sicherheitsstaat moderner Prägung zu verhindern. Let´s roll - “Wir sind das Volk”, erheben wir die Stimme.

Frei nach Hannes Wader: “Hoffen wir, daß ich in dem, was ich hier über diesen Albtraum schreibe, maßlos übertreibe - hätte mich zugern geirrt”.

Jens Berger

Linktipps:

Sehr empfehlenswert ist das Interview der Süddeutschen mit Burkhard Hirsch: “Wenn Schäuble eine andere Republik will, soll er gehen”

Ebenfalls Tacheles spricht Stern-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges: “Sicherheitsorganen knallen Sicherungen durch”

Kategorie: Deutschland, Stasi 2.0 | 23 Kommentare

Gottes Sprachrohr ist verstummt

24. Mai 2007 von Nick Abbe - Drucken

De mortuis nihil nise bene!”, das war bereits bei den Römern Brauch und gilt auch heute noch als Konsens. Dennoch ist es manchmal unerlässlich, einen kritischen Blick zurück zu werfen, zumal, wenn es sich bei dem Verblichenen um eine einflussreiche Führungspersönlichkeit der christlichen Rechten in den USA, deren Verflechtungen mit Wirtschaft und Politik hierzulande nur wenig bekannt sind, gehandelt hat.

Reverend Jerry Laymon Falwell Sr., der bekannte Fernsehprediger, verstarb letzte Woche in Lynchburg, VA. Der 1933 geborene Falwell gründete 1956 die Thomas Road Baptist Church in Lynchburg, Virginia, nachdem er im selben Jahr seinen Abschluss am Baptist Bible College in Springfield, Missouri, machte (1).

Bereits in den 50er und 60er Jahren legte er den Grundstein für seine spätere, kontroverse Reputation. So befürwortete der dementsprechend erzogene und aufgewachsene Falwell beispielsweise die Rassentrennung (2). Auch bezeichnete er die amerikanische Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) in seinen Predigten als eine falsche Bewegung („Civil Wrongs Movement“) und kritisierte u.a. Martin Luther King auf das schärfste. Politische Befürworter der Rassentrennung, wie z.B. George Wallace, waren in der „Old Time Gospel Hour“ - einer Sendung seiner Kirche - gerne gesehene Gäste (3).

Falwell vertrat in diesen Jahren weit verbreitete rassistische Positionen und nannte die Entscheidung des obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten gegen die Rassentrennung (Brown vs. Board of Education, 1954) falsch. Er begründete diese Position mit der, seiner Meinung nach, unzureichenden Religiosität und Bibel-Kenntnis des obersten Richters Earl Warren, denn „hätten er [Warren] und seine Kollegen den Willen Gottes gekannt, hätten sie diese Entscheidung nicht treffen dürfen. […] Wenn Gott eine Trennlinie gezogen hat, sollten wir diese nicht übertreten.“ Allerdings bedauerte Falwell diese Ansichten in späteren Jahren (4).

Es gibt allerdings auch eine andere, weitaus kritischere Sichtweise dieser Thematik: Chris Hedges, ein ehemaliger Journalist der New York Times und einer der führenden Autoren in den USA zum Thema christlicher Fundamentalismus, sagte in einem Interview: „[…] Jerry Falwell startete [seine Karriere] als rassistischer Demagoge, der darüber sprach, wie die Beendigung der Rassentrennung die weiße Rasse zerstören würde. So machte er sein Geld, so baute er seine Kirche auf. Und dann änderte er seine [persönliche] Geschichte in einer fast Stalin-artigen Säuberungsaktion und zerstörte die meisten Kopien seiner frühen Predigten, weil sie so bösartig und grob waren. Er predigte meiner Meinung nach immer noch Bigotterie und Rassismus. Nur hat er sich jetzt anderen Feindbildern zugewandt, Homosexuellen, Feministinnen und Immigranten beispielsweise. Aber dieser Mann hat das klassische Profil eines Demagogen… […] (5).“

Im Jahr 1971 gründete Jerry Falwell das „Lynchburg Baptist College“, das zwei Jahre später, nach einem Gerichtsverfahren gegen Falwell wegen Betruges (welches Falwell aber gewann), in „Liberty University“ umbenannt wurde (6). Hilfe bei der Reorganisation der „Liberty University“ bekam Falwell unter anderem von Sung Myon Moon, dem Besitzer der rechtskonservativen „Washington Times“ (7), (8). Eine der Kontroversen, die sich um diese Universität ranken, ist ihre Nähe zu kreationistischen Standpunkten bzgl. der Entwicklung der Erde.

Zur Zeit soll die „Liberty University“ nach Dozenten suchen (9), welche die These des so genannten „Young Earth Creationism“ propagieren - eine Theorie also, nach der die Erde nicht älter als mehrere tausend Jahre sein kann und von Gott geschaffen wurde, so dass Menschen und Dinosaurier noch zusammen gelebt haben. Das klingt zunächst vielleicht amüsant, aber man sollte sich vor Augen halten, dass dies als „wissenschaftliche Theorie“ gelehrt wird und im Endeffekt Scharlatanerie mit Wissenschaft gleichsetzt. Ein Dozent an der LU, Prof. Marcus R. Ross, äußerte in einem Interview die Ansicht, die Erde wäre maximal 10.000 Jahre alt, - erwarb aber seinen Ph.D. in Geowissenschaften mit einer Dissertation zum Thema einer bestimmten Reptilienart, die, wie er schrieb, vor ca. 65 Millionen Jahren ausstarb…

Doch zurück zu Jerry Falwells Lebenslauf: Nach der Niederlage des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater im Jahr 1964 realisierte eine Gruppe republikanischer Parteistrategen, dass ihre Parteibasis zu klein war, weshalb sie auf die Idee verfiel, diese auf die von ihnen so genannte „neue Rechte“ auszudehnen, - also vor allem eben auf die, oft konservativen, aber politisch inaktiven Kirchenmitglieder.

Einer jener Parteistrategen war Paul Weyrich, der 1973, mit großzügiger Unterstützung der Coors-Brauerei, die „Heritage-Foundation” gründete, mit dem Ziel, die Vorstellungen der „neuen Rechten” voranzubringen. Weyrich gründete außerdem u.a. das „Committee for the Survival of a Free Congress” (CSFC, ebenfalls mitfinanziert durch Coors), welches direkt und erfolgreich evangelikale und andere Kirchengemeinden erreichte. Dies resultierte 1975 in der Etablierung der „Christian Voice“, einer christlich-fundamentalistischen Interessen- bzw. Lobby-Gruppe, zusammen u.a. mit Robert Grant .

Im Jahr 1977 entstand dann, zusammen mit Jerry Falwell, die Bewegung „Moral Majority” . Dieser Zeitpunkt gilt für viele als die Geburt der „neuen christlichen Rechten“, also der politischen christlich-fundamentalistischen Bewegung, die inzwischen in weiten Teilen der republikanischen Partei Fuß gefasst hat. Die „Moral Majority“ bestand aus politisch-religiösen Aktivisten, die bestimmte Themen besetzten, die für sie zentrale Punkte einer christlichen Moral verkörperten, und die davon überzeugt waren, die Mehrheit der Amerikaner zu repräsentieren. Einige Themen auf der Agenda der „Moral Majority“ waren: die Durchsetzung ihres Familienbildes (der traditionellen Kernfamilie – arbeitstätiger Vater, Mutter als Hausfrau usw.) bei gleichzeitiger Bekämpfung der „Anti-Familien-Agenda“ (Liberalismus, öffentliche Schulen, alternative Lebenskonzepte, Pornographie u.a.) und insbesondere die strikte, dogmatische Ablehnung der Abtreibung.

Nachdem die „Moral Majority“ in der ersten Hälfte der 80er Jahre beachtlichen Einfluss auf die republikanische Partei ausübte (was durch den Reporter Michael Clark in einer Reihe von Artikeln beschrieben wurde und für einige Aufregung sorgte), war es ihr unter anderem gelungen, die Ratifizierung des „Equal Rights Amendment“, eines Gesetzes zur Gleichstellung der Geschlechter zu verhindern (gegen den Widerstand von Frauen- und Bürgerrechtsgruppen). Weiteren Widerstand (allerdings ohne Erfolg) leistete die Organisation u.a. gegen die Ratifizierung der SALT-Verträge zur nuklearen Abrüstung zwischen der UdSSR (10) und den USA. Auch rief Jerry Falwell seine Anhänger auf, das südafrikanische Apartheids-Regime zu unterstützen (11).

Im Jahr 1989 wurde die „Moral Majority“ für aufgelöst erklärt und ging in der „Christian Coalition“ des Reverend Pat Robertson auf. Jerry Falwell leitete weiter seine Kirche und publizierte seit 1995 das „National Liberty Journal“ (12). Im Jahr 1994 veröffentlichte er die so genannten „Clinton Chronicles“. Obwohl keinerlei Beweise vorlagen, propagierte die „Dokumentation“ einen angeblichen Kokain-Deal unter Beteiligung von Bill Clinton und verkaufte sich über 150.000 mal. In diesem, wie in anderen Fällen wurden beteiligte Zeugen bezahlt, während die „Dokumentation“ von einer Organisation finanziert wurde („Citizens for Honest Government“), die wiederum von Falwell Gelder erhielt.

Eine weitere Kontroverse löste Falwell aus, nachdem er die Anschläge am 11. September 2001 unter anderem als das Verschulden von „Heiden“, Abtreibungsbefürwortern, Feministinnen, Schwulen und Lesben, Bürgerrechtlern und allen, die versuchten, die USA zu säkularisieren, bezeichnete (wofür er sich nach heftigen Protesten entschuldigte). Neu war diese Art von Demagogie nicht, schließlich hatte Falwell bereits u.a. die Krankheit AIDS als „Strafe Gottes für Homosexuelle“ bezeichnet. Im Jahr 2004 gründete Falwell die „Moral Majority“ als „Moral Majority Coalition“ neu, obgleich zu diesem Zeitpunkt längst andere Personen grösseren Einfluss unter den christlichen Fundamentalisten inne hatten.

Jerry Laymon Falwell Sr. starb am 15. Mai 2007 an Herzversagen in seinem Büro an der „Liberty University“. Möge Gott seiner Seele gnädig sein.

(2) Marsh, Charles (1997). God’s Long Summer: Stories of Faith and Civil Rights. Princeton, New Jersey: Princeton University Press. ISBN 0691021341.

Der Autor studiert Amerikanistik, Anglistik und Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und arbeitet derzeit an seinem ersten Buch zur Thematik des christlichen Fundamentalismus’ in den Vereinigten Staaten.

Bildnachweis (von oben nach unten): Whitehouse.org, Liberty University, Freewilliamsburg.com, Amazon, The Age, Melbourne Indymedia

Kategorie: Ausland, USA | 18 Kommentare

Die Geister, die ich rief

22. Mai 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

Aus Goethes „Zauberlehrling”

Im nordlibanesischen Palästinenserflüchtlingslager von Naher al-Bared ist es gestern zu Kämpfen zwischen libanesischen Regierungstruppen und einer sinistren Extremistengruppe namens Fatah al-Islam gekommen. Die Kämpfe gingen von der libanesischen Armee aus, die Fatah-al Islam verdächtigt, hinter einem Bankraub zu stecken, bei dem 100.000 Dollar erbeutet wurden. Hilfsgruppen befürchten ein humanitäres Desaster, da das Camp, in dem sich die Fatah-al Islam Militanzen verschanzt haben, 40.000 Flüchtlinge beherbergt, die momentan von Strom- und Wasserversprgung abgeschnitten sind. Nach Angaben von Fatah al-Islam schießen die libanesischen Regierungstruppen wahllos in das Camp – glaubwürdige Opferzahlen sind bis dato noch nicht bekannt.

Wer ist eigentlich Fatah al-Islam, wer unterstützt sie? Einige deutsche Medien haben natürlich schnell einen Schuldigen bei der Hand:

WELT: ” Dass die Syrer ihn [Abu al-Aynayn] frei- und damit in den Libanon ließen, legt nahe, dass sie damit eine Absicht verfolgen. Etwa seit dem letzten Sommer gibt es immer wieder Berichte, dass al-Qaida versucht, sich im Libanon zu etablieren. Wenn Syrien seine Hand im Spiel haben sollte, dann vermutlich, um ein so massives Terrorpotenzial zu schaffen, dass das ganze Land dadurch in bürgerkriegsähnliche Zustände gestürzt werden könnte. Die mit Damaskus verbündete Hisbollah-Miliz könnte dann als ordnende Hand eingreifen.”

Ulrich Sahm von N-TV: „Die Syrien und El-Kaida nahestehende islamistische Fatah-al-Islam gelangte vor Monaten dank Syriens Geheimdienst in das Flüchtlingslager. Die Gruppe soll die pro-westliche Regierung des Fouad Siniora zu schwächen, wie es vom Süden her die Hisbollah-Miliz tut.”

Dass Syrien hinter der Fatah al-Islam stecken könnte, muss jedem, der sich mit der politischen Lage in Nahost beschäftigt hat, absurd vorkommen. Schwächen radikalsunnitische Gruppierungen doch vor allem die prosyrische Hisbollah, die bei den nächsten Wahlen wahrscheinlich die - spätestens seit dem israelisch-libanesischen Krieg - unbeliebte Siniora-Regierung ablösen dürfte.

Andere deutsche Medien, wie die Tagesschau berichten hingegen wesentlich kompetenter und ausgewogener.

Interessant wird in diesem Kontext die Frage, wer eigentlich Fatah al-Islam ist und wer sie unterstützt hat, wenn man den exzellenten Artikel “Die Neuausrichtung” von Seymour Hersh gelesen hat (das englischsprachige Original erschien am 5.3.2007 im New Yorker) – besonders der dritte Teil des Berichtes (Djihadis im Libanon) ist sehr aufschlussreich, um die aktuelle Entwicklung zu verstehen.

Laut Hershs Bericht haben die USA und ihre Verbündeten aus Saudi-Arabien direkt und über die prowestliche libanesische Siniora-Regierung vor allem im Nord-Libanon massiv sunnitische Splittergruppen materiell und finanziell unterstützt, um diese gegen die schiitische und prosyrische Hisbollah zu positionieren. Hershs Quelle - ein ehemaliger US-Geheimdienstler und Regierungsberater - gesteht ein, dass dies zu „ernsthaften unbeabsichtigten Konsequenzen führen [könne]” und ein „ein sehr risikoreiches Unterfangen” sei.

Mahnende Stimmen habe es schon damals gegeben. So sagte Hersh ein saudischer Diplomat: „Sie hassen zwar die Schiiten, aber sie hassen die Amerikaner um so mehr. Wenn wir versuchen, sie zu überlisten, werden sie letztlich nur uns überlisten. Das wird grauenhaft enden.”

In seinem Bericht geht Hersh sogar konkret auf die (laut deutschen Medien) bis gestern fast unbekannte Fatah al-Islam ein.

Alastair Crooke, ein langjährigen britischer Nachrichtendienstler und ehemaliger Sicherheitsberater von Javier Solana, sagte Hersh damals in einem Interview, dass eine sunnitische Extremistengruppe, Fatah Al Islam, sich im nordlibanesischen Flüchtlingscamp Naht al-Bared von ihrer prosyrischen Mutterorganisation, der Fatah Al-Intifada, abgespalten hat. Damals zählten sie, laut Crooke, weniger als 200 Mitglieder. „Mir wurde erzählt, dass sie innerhalb von 24 Stunden von Leuten, die sich als Vertreter der libanesischen Regierung ausgaben, Waffen und Geld angeboten bekamen - wahrscheinlich um damit gegen die Hisbollah vorzugehen”, vermutete Crooke.

Selbstverständlich war dies nicht nur Crooke, sondern auch den Amerikanern bekannt – traf aber voll deren politische Linie für den Libanon. Leslie H. Gelb, ehemaliger Präsident des Council of Foreign Relations, erzählte Hersh, dass es der US-Politik dabei weniger um “pro Demokratie” als viel mehr um “pro amerikanische Nationale Sicherheit” ginge. Die US-Administration sah die Hisbollah als Hauptbedrohung für ihre Interessen und daher „[müsse] jeder möglichen Veränderung in den Machtverhältnissen des Libanons durch die USA entgegengewirkt werden - und wir haben das Recht jeder nicht-schiitischen Organisation zu helfen, einen solchen Wechsel zu verhindern. Dies sollten wir der Öffentlichkeit erzählen, anstatt von Demokratie zu sprechen.”

Offene Worte – nur wäre anzumerken, dass die USA sich beim Spiel mit dem Feuer ja bereits mehrfach verbrannt hatten. Ohne „kreative” Experimente der USA gäbe es weder die Taliban noch die Al-Quaida. Aber aus Fehlern lernt man in Washington nicht – nun hat man sich, in voller Gewissheit um die Gefahr, eine neue Terrorgruppe gezüchtet. Die getöteten Palästinenser in Naher al-Bared werden es den „weisen” Führern der westlichen Welt sicher danken.

Einen sehr empfehlenswerten Artikel über Syrien, den Libanon und Fatah al-Islam hat heute Sami Moubayed bei Asia-Times verfasst.

Jens Berger

Bildnachweis: 2x Al-Jazeera, Wikipedia, UNO

Kategorie: Ausland, USA | 12 Kommentare

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Sollte der Westen die Olympischen Spiele in China boykottieren?

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  • Paul Lanon @38 Vielen Dank, für den kurzen und schmerzhaften Einblick in die Gewerkschaftswelt. Ist es so, wie ich...
  • Konfusius Zur Ehrenrettung des Mephistopheles; Goethe lässt ihn sagen: Ich bin ein Teil von jener Kraft Die Böses...
  • Frank Schenk Oh, hat da jemand noch an die Gewerkschaften geglaubt und wurde nun bitter enttäuscht? Ich war 17 Jahre...
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