Quis custodiet ipsos custodes?
Juvenal
Bevor der G8-Gipfel eigentlich beginnt, gibt es bereits den ersten Verlierer. Die klassischen Medien liefern ein erbärmliches Bild. Ihrer Rolle als vierte Gewalt, die die Staatsgewalt kontrolliert, werden sie nicht einmal im Ansatz gerecht. Wenn man die klassischen Medien tatsächlich als Kontrolleure der staatlichen Macht sieht, so muss man anlässlich der Fehler und Versäumnisse der klassischen Medien folgende Frage stellen: Quis custodiet ipsos custodes? Wer überwacht die Wächter? Hier haben sich die „alternativen Online-Medien“ und die Blogosphere als die wahren Wächter herausgestellt.
Doch zunächst zu den Fehlern der klassischen Medien:
Die Causa „Bello“
Die Nachrichtenagentur DPA veröffentlicht am Samstag eine grob fahrlässige Falschmeldung, die von den Redaktionen ungeprüft und anscheinend unreflektiert weitergegeben wird. Eine umfassende Chronologie dieses Mediendebakels hat Stefan Niggemeier in seinem Blog aufgezeichnet.
Aber wer denkt, dass die Gegendarstellung der DPA - zumindest in Betreff auf die Falschmeldung selbst - bei den Medien ein „Hallo wach“ ausgelöst haben könnte, der täuscht sich gründlich. Selbstgerechte und bornierte Nachrichtenmacher beleidigen den Leser und dessen Intelligenz mit einer unglaublichen Sturheit, wie der Pantoffelpunk in seinem Blog darlegt. Der Name der verantwortlichen Agentur ist in diesem Falle „Nachrichtenmanufaktur“ – Nomen est omen, vielleicht sollte man dort nicht Fakten machen, sondern über sie berichten.
Die Causa „Rebel Clown Army“
Die Konkurrenz vom Deutschen Depeschen Dienst - DDP - glänzte gestern darin, subjektive Einschätzungen der Polizei als Tatsachen darzustellen und angebliche Fakten nicht zu überprüfen. Stattdessen reicherte man den Artikel mit fragwürdigen Schnellschüssen an. So zimmert man aus der Eigenauskunft der „Rebel Clown Army“, man betreibe „kreativen Widerstand“ und sei mit „spöttischen Gelächter dort erfolgreich, wo Bomben ihr Ziel verfehlen“ Indizien, die für deren Gewaltbereitschaft sprechen sollen - Schnellrecherche per Google, wie es scheint, grotesk aus dem Zusammenhang gezogen um anscheinende Fakten aus dem Mund der Polizei zu untermauern.
Ein Anruf beim Sprecher der Clowns hätte genügt, um Zweifel an der Version zu hegen, ein Anruf bei den beiden Krankenhäusern der Stadt hätte die Version der Polizei schnell als Lüge enttarnt, wie SPON es herausfand. Allerdings war es auch SPON, das neben dem NDR ebenfalls die Falschmeldung verbreitet hatte – und dies sogar als Aussage und nicht als Zitat. Auch der NDR hat die Meldung mittlerweile verbessert, ein Fragezeichen hinter die Überschrift „Chemische Flüssigkeiten gegen Polizisten?“ gesetzt und Zitate aus dem SPON-Artikel eingebracht. Die DDP-Meldung wurde zum Glück von keinem Online-Medium veröffentlicht (nach meinen Informationen) - wie dies im Printbereich aussieht, ist unbekannt.
Die Causa „Verletztenzahlen“
Wie es Florian Rötzer vom Onlinemagazin Telepolis heute umfassend darlegt, wurde seit Samstag von den Medien mit falschen Verletztenzahlen operiert. So ist die Zahl von über 1000 Verletzten – darunter 433 Polizisten -, laut Focus, völlig aus der Luft gegriffen. Auch die 30 schwerverletzten Polizisten sind nicht zu verifizieren. Laut Angaben der Rostocker Klinken und des Katastrophenhilfsstabes gab es keinen einzigen Schwerverletzten – alle Patienten seien nach ambulanter Behandlung wieder entlassen wurden.

Wenn der Sprecher der Polizei scheinheilig einräumt, es gäbe keine Richtlinie für die Kategorisierung von Verletzungen und daher habe man es den Betroffenen selbst überlassen, die Schwere ihrer Verletzung zu bewerten, so kennt der gute Mann sein eigenes Handwerk nicht. Es gibt ein Straßenverkehrsunfallstatistikgesetz (StVUnfStatG), welches klar regelt, was eine „schwere Verletzung“ ist – und zwar sind dies Verletzte, die stationär behandelt werden müssen. Warum die Polizei diese Gesetze nicht kennen will? Die Antwort dürfte klar sein.
Der Fehler im System
„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“
Hiram Johnson
Wenn man nur diese drei offen gelegten Fehler betrachtet, so zeichnet sich die Ohnmacht der klassischen Medien als systemimmanente Fehlfunktion ab. Presseagenturen haben das „Faktenmonopol“ und ihnen wird seitens der weiterverarbeitenden Medien blind geglaubt, selbst wenn Fehler in den Agenturberichten bereits bekannt sind. Hierbei ist man betriebsblind und hat Scheuklappen auf. Hinweise von Lesern oder aus der Welt des Bürgerjournalismus – der Blogosphere – werden als unseriös und faktenresistent abgebügelt.

Mit Meldungen, wie den genannten, wird Politik betrieben. Es sind Meldungen wie diese, die zu absurden Forderungen nach der GSG9 oder Gummigeschossen führen. Es sind Meldungen wie diese, die von den Paranoikern demnächst als Begründung für neue Sicherheitskataloge herangezogen werden. Es sind Meldungen wie diese, die die angespannte Lage in Heiligendamm eskalieren lassen können um neue Meldungen wie diese zu produzieren.
“Orgie der Gewalt”, “Gewaltexzesse” und “Chaoten, die den Krieg wollen” – das sind Schlagzeilen, die sich gut verkaufen. Aber haben sie einen wahren Kern oder sind sie Projektionen in den Hirnen von „Nachrichtenmachern“? Vorsicht ist geboten.
Wenn Nachrichtenagenturen und die Medien selbst Verlautbarungen von Pressesprechern der Polizei ungeprüft als Faktum darstellen, so versagen sie in ihrer Aufgabe als vierte Gewalt, die die Staatsmacht kontrollieren soll. Und paradoxerweise sind es die Bürger selbst, die mittels Blogs, Foren und anderen Plattformen die Medien kontrollieren. Dies ist die Gegenöffentlichkeit gegen das Meinungsmonopol, die ein Ideal von „Web 2.0“ ist. Wer überwacht die Wächter? Es sind wir!
Update: Der SPON-Ticker und DPA hauen auch heute wieder mächtig auf den Putz und verkaufen Pressemeldungen der Polizei als Realität, um sie kurze Zeit später zu widerrufen:
+++ Verletzte Polizisten mit Helikoptern ausgeflogen +++
[14:15] Mehrere verletzte Polizeibeamte sind mit Hubschraubern aus der Umgebung von Heiligendamm ausgeflogen worden. Ein Polizeisprecher bestätigte entsprechende dpa-Informationen. Über die Zahl der verletzten Beamten machte er keine Angaben. Beobachter vor Ort melden weiter, dass Polizisten zur Verstärkung der Kräfte vor Ort mit Hubschraubern eingeflogen werden.
+++ Polizei: Keine Verletzten ausgeflogen +++
[15:23] Die Polizei meldet, die Lage rund um Heiligendamm habe sich beruhigt. Polizeisprecher Axel Falkenberg wies auf die anhaltende Gesprächsbereitschaft gegenüber den Demonstranten hin. Beim Einsatz von Wasserwerfern sei zwar die Deeskalationsstrategie der Polizei kurzzeitig beendet worden. Es zeige sich aber auch, dass der Gesprächsfaden trotzdem nicht abgerissen sei. Die Polizei revidierte ihre Angaben, dass mehrere verletzte Polizisten mit Hubschraubern ausgeflogen worden seien. Es gebe acht verletzte Beamte. Diese würden vor Ort ambulant versorgt.
Update II: Einen lesenswerten Artikel über diese und weitere bedenklich stimmende Medienberichte und Bildunterschriften hat Somlus Welt im Artikel “Hase und Igel” aufgezeigt.
Update III: MaloXP vom Citronengras-Blog meint es gut mit uns und fordert zum SPONtanen Boykott auf - wobei er natürlich meine vollste Unterstützung hat. Hätte ich einen Arzt, würde mir das auch raten (Denken Sie an Ihren Blutdruck). Ich gelobe meine SPON-Besuche auf “medienwissenschaftliche Feldarbeit” zu beschränken ;-)
Update IV: Wie immer hart am Puls der Zeit ist die Titanic und führt einen Ticker ein, der dem von SPON in nichts nachsteht.
- 19.00: Fernsehzimmer: gemeinsames “Heute”-Gucken unter Aufsicht von Sicherheitskräften
- 19.10: Bush verschlechtert erneut Klima (Stinkbombe), Einsatz von Gummigeschossen
Update V: Die KAVALA hat eine Pressemeldung herausgegeben, die besagt, dass Demonstranten nahe des Kontrollpunktes “Galloprennbahn” sich mit Molotow-Cocktails bewaffnen. DPA hat diese Meldung als Zitat weitergegeben. Nach Angabe von Indymedia und der Jungen Welt ist dies eine bewußt in die Welt gesetzte Falschmeldung. Die Deutsche Welle, Financial Times, N24 und andere geben diese Meldung unkommentiert wieder. Der Tagesspiegel gibt diese Meldung sogar als Tatsache wieder: “Als es dämmert rotten sich am Blockadepunkt Galopprennbahn vermummte Autonome zusammen. Sie haben Molotow-Cocktails dabei”.
Die Version der Jungen Welt:
In den Presseveröffentlichungen der Polizei wurde zum ersten Mal gegen 18 Uhr der Blockade an der Rennbahn unterstellt, Demonstranten würden sich u.a. mit Molotow-Coctails bewaffnen. Die Pressesprecher von »Block G 8« dementieren aufs Schärfste diese offensichtlich gezielt verbreitete Falschmeldung. »Bestätigt wird unsere Darstellung von diversen Journalisten, die vor Ort das Geschehen miterlebt haben«, so »Block G 8«. Richtig sei vielmehr, daß bei der Blockade an der Rennbahn am Osttor ein zeitweise vermummter Zivilbeamter enttarnt wurde, der Demonstranten vorher aufgefordert hatte, sowohl Steine zu werfen als auch den Zaun zu beschädigen. Weiterhin meldete die Polizei die Auflösung mehrerer Blockaden unter anderem in Börgerende. »Dies ist falsch«, so »Bock G 8«. Tatsächlich würden Teilnehmer von »Block G 8« seit 14 Uhr die Zugangsstraße nach Heiligendamm in Börgerende blockieren. »Dort sind zur Stunde noch immer 1.500 Blockierer auf der Straße.« Auch die Blockade an der Rennbahn beim Osttor ist seit 11.30 Uhr blockiert. Noch befinden sich etwa 2.000 Menschen dort auf der Straße und bereiten sich auf die Nacht vor. Die Kampagne »Block G 8« will morgen früh ausführlich auf der Pressekonferenz im Pressezelt Stadthafen über die Desinformation der Polizei informieren, appelliert aber schon jetzt: »Wir fordern alle Medien auf, sich nicht auf ungeprüfte Meldungen der Polizei zu verlassen.« (jW)
Die Polizei missbraucht die mangelnde Sorgfalt der Presse massiv für ihre Zwecke und DPA und einige Medien machen mit - ein trauriges Bild.
Update VI: So langsam scheint SPON aufzuwachen und etwas vorsichtiger zu sein. Nicht nur, dass (zumindest mE nach) heute kein grober Schnitzer im Ticker vorhanden war - nein, SPON schreibt auch einen kritischen Artikel über die Informationspolitik der beiden Seiten und das undurchschaubare Melungddickicht. Leider sind sie dabei keinesfalls selbstkritisch und erwähnen nichts von ihrer Rolle bei der Verteilung von Falschmeldungen - dies wäre ein Chance gewesen. Leider hat SPON sie nicht ergriffen und so wirkt der ansonsten löbliche Artikel nur wie eine Schuldzuweisung an Polizei und Sprecher der G8-Gegner.
Besonders interessant ist im erwähnten Artikel der zwischen den Zeilen stehende Verdacht, es seien Agents Provocateurs seitens der Behörden in die Demonstranten eingeschleust wurden, die dann auch für Gewaltaktionen mitverantwortlich wären.
“Tatsache ist, dass wir keinen Beamten vermissen, es handelt sich also um keinen Kavala-Polizisten”, sagt der Polizeisprecher. So etwas gehöre seiner Meinung nach auch “nicht in einen Rechtsstaat, das wäre inakzeptabel und unverhältnismäßig”. Allerdings, was beispielsweise der Verfassungsschutz tue, darüber sei er nicht informiert. Ein Dementi klingt anders
In diesem heiklen Fall, kann wohl nur ein Untersuchungsausschuss des Bundestages für Klarheit sorgen. Ströbele und die LINKEN werden dies sicher bei begründeter Verdachtslage initiieren.
Update VII: Am Freitag mittag hat die KAVALA doch zugegeben, dass sie zivile Beamte im Einsatz hat, die sich unter die Demonstranten mischten - warum man einen Tag vorher niemanden vermisst hat, weiß nur die KAVALA. Das anlässlich des “Dementis” vom Vortag, die Polizei damit bestätigt, daß sie inakzeptabel gegen den Rechtsstaat verstösst ist überfällig, da offensichtlich. Schäuble und Co müssen sich ernsthafte Fragen gefallen lassen, wie sie die nicht tolerablen Ausfälle der Behörden in Punkto Vorgehen und Informationspolitik rechtfertigen. Schäuble steht als Innenminister direkt in der Verantwortung für diese Missstände.
Danke an Zaphodia für den Hinweis!
Update VIII: Stefan Niggemeier hat in seinem Blog auch die Reaktion einiger deutschsprachiger Zeitungen dokumentiert. Leider lassen die meisten Zeitungen hier Ehrlichkeit, Transparenz und Selbstkritik vermissen.
Update IX: Ein besonders klägliches Bild gibt die “seriöse” NZZ ab. Anstatt die schon berüchtigte Falschmeldung der DPA, die einen ausführlichen Widerruf herausgegeben hat, zu korrigieren, kartet sie lieber gegen Blogger aus. Was für ein Armutszeugnis aus Zürich - dort bevorzugt man anscheinend die eigene Wahrheit anstatt der Realität.
Jens Berger
p.s.: Ich bekenne mich selbst schuldig, von den Falschmeldungen und tendenziösen Berichten manipuliert worden zu sein. Als direkt auf die unglaubliche Enttäuschung, dass die Gewalt bei den Demonstrationen den Feinden der Grundrechte in die Arme spielt, mit den hohen Verletztenzahlen operiert wurde, war ich beeinflusst durch die Medienberichte selbst zu unkritisch. Dies hat mich zum harschen Kommentar „Katerstimmung“ verleitet, den ich heute anders schreiben würde.
Bildnachweis: NDR, Carlsen Comics, Fox, IMDB