Da hilft nur noch “Hubschraubereinsatz”

05. Juni 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Hans Mustermann ist Berufspolitiker, er ist noch jung, nicht sonderlich kompetent und in den Medien kommt er eigentlich nie vor – noch nicht einmal die Lokalpostille aus seinem Wahlkreis interessiert sich für ihn. Armer Hans Mustermann. Dabei würde er doch so gern auch mal bei der schnieken Frau Christiansen auf dem Sessel sitzen und mit wichtigem Gesicht Plattitüden von sich geben. Aber dafür müsste er erst in die Oberliga der Schaumschläger aufsteigen und das ist gar nicht so einfach – die Konkurrenz auf den hinteren Bänken ist hart.

Hans Mustermann hat allerdings die Zeichen der Zeit erkannt. Er ist ein moderner Politiker und weiß, dass das Volk in Zeiten des “drohenden Bürgerkrieges” harte Männer an seiner Spitze sehen will. Mustermann hat zwar nicht die geringste Ahnung von Polizeitaktiken, Deeskalationsstrategien und dem Grundgesetz – aber wer braucht so etwas, wenn er die BILD-Zeitung als sein Sprachrohr hat. BILD weiß alles und erklärt dem Leser die Zusammenhänge … oder das, was BILD dafür hält – da braucht es keine fachliche Kompetenz, die ist eher kontraproduktiv. Und BILD hat erkannt: „DIE LINKEN CHAOTEN GEBEN KEINE RUHE!“

Dagegen muss doch etwas getan werden. Mustermann sah die Chance, rief im Springer-Hochhaus an und bettelte nach einer Schlagzeile, unter der sein Namen prangt. Seinen eigentlicher Vorschlag, sich an den Siegern der Globalisierung zu orientieren und am Rostocker Altstadthafen wie weiland am Tian’anmen-Platz Panzer auffahren zu lassen, die den Schutz der friedlichen Demonstranten durch ihre überlegene Feuerkraft garantieren können, wurde von der BILD-Redaktion wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber erst einmal auf Donnerstag verschoben, so da auf der Titelseite neben den bereits gesetzten Artikeln „Frau Dr. Merkel rettet die Welt“, „Frau Dr. Merkel verspricht 750 Millionen für Afrika!“, „Frau Dr. Merkel ringt Bush historischen Klimakonsens ab!“ und der obligatorischen Wichsvorlage noch Platz ist.

Das war Hans Mustermann ein wenig zu vage aber die BILD-Redaktion hatte den rettenden Vorschlag schnell parat – wie wäre denn die GSG9 anstatt der Panzer? Mustermann wusste zwar aus dem Stehgreif jetzt nicht, was dieses GSG9 ist, aber das hörte sich doch gut an – er auf Seite 1 in der BILD-Zeitung und das sogar angezogen; Mutti wird stolz sein auf mich, dachte Mustermann.

Aktionismus war schon immer erste Wahl, wenn man weder Ahnung hat, noch Interesse daran, ein Thema ernsthaft zu hinterfragen. So lange es Mustermänner gibt, wird sich daran nichts ändern. Mustermann hat übrigens viele Namen und er sitzt in allen Parteien.

p.s.: Bei Meldungen wie dieser muss ich immer an den alten Klassiker “Hubschraubereinsatz” von Foyer des Arts denken:

Handtaschenräuber, Handtaschenräuber,
überall, überall Handtaschenräuber!
Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz,
Hubschraubereinsatz!

Update: BILDs Garant für gute Laune und Qualitätsjournalimus - F.J. Wagner - lässt es heute mal so richtig krachen. Absoluter Lesebefehl, für alle, die englischen Humor lieben … Wagner ist übrigens nicht Satiriker, sondern wirklich echt - zumindest glaube ich das.
Jens Berger

Bildnachweis: Bild.de, Montagen: Spiegelfechter, Material: Wikicommons, Oleschroeder.de.

Kategorie: Deutschland, Glosse | 34 Kommentare

Katerstimmung

04. Juni 2007 von Spiegelfechter - Drucken

„Damit konnte niemand rechnen“ – so lautet der Erklärungsversuch der Verantwortlichen der Anti-G8 Demonstrationen. Wirklich nicht? Es gehört schon ein großer Teil Naivität dazu, zu denken, bei der vorher seitens Politik und Sicherheitsbehörden unnötig aufgeheizten Atmosphäre, würde eine Großdemonstration mit - je nach Quelle - 2000 bis 3000 Angehörigen des Schwarzen Blocks friedlich verlaufen. Es lag förmlich in der Luft, dass bei der ersten potentiellen „Provokation“ seitens der Polizei, die Lage massiv eskaliert, wobei es letztendlich unerheblich ist, ob eine Provokation vorlag und von wem diese ausging. Die Aktionen oder Reaktionen des militanten Teils des schwarzen Blocks sind unentschuldbar und haben der „gemeinsamen Sache“ einen Bärendienst erwiesen, wobei man bezweifeln muss, dass diese „gemeinsame Sache“ von den Gewalttätern überhaupt geteilt wird. Durch die Gewalt wurde jegliche Form des substantiellen und inhaltlichen Protestes diffamiert, konterkariert und unterminiert.

Einen Ford Focus Kombi auf einem Behindertenparkplatz, das Sinnbild einer „Bonzenkarre“ schlechthin, abzufackeln und zerbrochene Gehsteigplatten über die Köpfe friedlicher Demonstranten hinweg auf die Polizei zu werfen ist keine politische Willenserklärung – es ist simples Hooligan-Benehmen, das sich selbst den Schein revolutionären Handels verleiht, indem es „linke“ Symbolik missbraucht. Wäre es nicht so traurig, man könnte herzhaft darüber lachen, dass eine wild gewordene tumbe Rasselbande vorgibt, das „Schweinesystem“ zu bekämpfen und ihm genau damit den größten Gefallen tut.

Die Linke übt sich derweil in Selbstkritik, Verdrängung und dem Aufstellen von Verschwörungstheorien. Selbst wenn man der Polizei in vielen Punkten Vorwürfe machen muss, so sind Thesen wie „die Gewalt ging einzig von der Polizei aus“, „die gewalttätigen Autonomen waren in Wirklichkeit V-Männer der Polizei“ oder „Zivilpolizisten lösten die Krawalle aus“ absurd und unreif. Natürlich kann man diese Verdrängungen und Projektionen verstehen – die Enttäuschung sitzt tief und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird die Schuldfrage einfach umgedreht und sich anhand der durchaus vorhandenen Indizien für Fehler und Provokationen der Polizei eine subjektive Wahrheit gebildet, die allerdings der objektiven Prüfung nicht standhält.

Wenn man tatsächlich der Überzeugung ist, ein am Rande des Demonstrationszuges stehender Polizeiwagen sei eine unerträgliche Provokation, die dessen Zerstörung rechtfertigt, so sollte man ernsthaft den eigenen Geisteszustand überprüfen lassen. Derartige Erklärungen erinnern in ihrer innewohnenden „Logik“ an den Vergewaltiger, der die Frau in Minirock für sein Verbrechen verantwortlich macht. Sind denn die militanten Autonomen pawlowsche Hunde, die beim Anblick eines Polizeiwagens nichts anderes können, als instinktiv darauf einschlagen? Wenn dem so ist, haben sie keine Verteidigung verdient und solche Argumentationsmuster führen sich als Erklärungsversuche selbst ad absurdum.

Die Linke und die Protestbewegung werden um schwierige Fragen nicht herumkommen – ein Umdenkprozess muss einsetzen, wenn sie nicht wollen, dass künftige Veranstaltungen ihrer Sache mehr schaden denn nutzen. Die kommenden Tage kann man als Generalprobe für den guten Willen verstehen. Da die Gewalttäter von Rostock laut Polizeiangaben, auf den Campingplätzen der Gipfelgegner auf den nächsten Einsatz warten, ist leider von einer Neuauflage der Krawalle auszugehen, wenn nicht hinter den Kulissen massiv auf diejenigen eingewirkt wird, die beim militanten Block etwas zu sagen haben.

Der Gewinner des Wochenendes ist der Sicherheits- und Präventionsstaat, den Schäuble und seine Spießgesellen herbeisehnen – sie können mit tief betroffenen Gesicht in die Fernsehkameras heucheln, ihre Aktionen seien so im nachhinein gerechtfertig und anlässlich des medialen Begleitfeuerwerks wird es ihnen leicht fallen, den nächsten „Sicherheitskatalog“ zu rechtfertigen. Ob die Beugung des Rechtsstaats im Vorfeld in irgendeinem Zusammenhang mit den Ausschreitungen steht, fragt natürlich niemand. Man hätte die Paranoia der sicherheitspolitischen Hardliner in Rostock und Heiligendamm hervorragend in ihrer ganzen Lächerlichkeit bloßstellen können – friedliche, bunte Demonstrationen, schwer gepanzerte Polizisten im fröhlichen Gespräch mit Demonstranten. Welch naiver Gedanke.

Empfehlung: “Haut ab, ihr Ego-Typen!”

Bildnachweis: Indymedia.org

Jens Berger

Kategorie: Deutschland | 48 Kommentare

SPON strickt an der Rostock-Legende [Update IX]

02. Juni 2007 von Spiegelfechter - Drucken

SPON dreht sich mal wieder seine eigene Wahrheit zurecht. Das es bei der G8-Demo in Rostock zu Krawallen kommen würde, war vorauszusehen. Leider versuchen die Medien mal wieder an einer Legende zu stricken - die Legende von Rostock soll lauten, daß die gewaltätigen Krawalle von den offiziellen G8-Kundgebungen angestachelt wurden.

So meldet SPON bereits in der Überschrift ihres Live-Tickers “Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen”.

Für 18.30 meldet SPON den Tickereintrag “[18:30] Auf der Kundgebungsbühne stachelt ein Redner die militante Szene auf: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.”

Das gleiche Zitat bringt SPON in seinem Artikel über die Kundgebung:

Als die ersten Autos brannten, stachelte ein Redner auf der Kundgebungsbühne die militante Szene noch mit klaren Worten auf: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.”

Für diejenigen, die die Kundgebung live auf Phoenix verfolgt haben, mag dies seltsam klingen - hat dies doch keiner der Redner gesagt. Besinnt man sich indes auf die spiegeltypischen Übersetzungschwierigkeiten, wird einem so einiges klar. SPON meinte die Rede des philippinischen Globalisierungskritiker Walden Bello - Träger des alternativen Nobelpreises. Natürlich hat er nicht die Worte geäußert, die SPON ihm unterschieben will, sondern in einem vernünftigen Ton Kritik an der Vermeidung des Themas Irak-Krieg beim G8-Gipfel geübt:

“We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice”.

Wie man dies mit - “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts” übersetzen kann, ist mir schleierhaft. Honi soit qui mal y pense.

Hier ein Mitschnitt von Phoenix, der das “strittige” Zitat enthält:

Update I: Einen guten Bericht über die Vorkommnisse in Rostock gibt es im Politblog.

Update II: Bellos Worte vom “Spirit of Genua” werden ebenfalls vom SPIEGEL aus dem Zusammenhang gerissen. Er erinnerte an den Geist von Genua als Abgrenzung zum Geist von Glenneagles - vorher kritisierte er die Banalisierung und Vereinnahmung der Anti-G8 Proteste in Glenneagles durch die Popbarden Bono und Geldorf. In diesem Kontext hat der “Spirit of Genua” natürlich nichts mit den Ausschreitungen in Genua zu tun, wie es der SPIEGEL suggeriert. Im Kommentarbereich bringt der User A.N. zusätzliche Informationen, die helfen den Kontext der Rede eindeutig als “nicht aufstachelnd” einzuordnen.

Es ist fast überflüssig, zu erwähnen, dass SPON die gefälschten Zitate nicht korrigiert hat und sie von Teilen der Presse bereits wiedergegeben werden. SPON hat sein sinistres Ziel erreicht - mit rund 2 Millionen Besuchern, die mit dieser gefälschten Meldung gefüttert werden, wird erfolgreich Meinungsmache betrieben - meine rund 2.000 Besucher wissen es jetzt zwar besser, sind aber natürlich in der eindeutigen Minderzahl. Und wer weiß, vielleicht ist diese absichtliche Fälschung nur die Spitze des Eisbergs, bei der SPIEGEL-Berichterstattung über Rostock. Ich kann nur jedermann raten, bei SPON Berichten äußerst kritisch zu sein und im Zweifel lieber nichts zu glauben, was dieses Magazin berichtet.

Update III: Es ist auffällig, dass SPON das gefälschte Zitat über eine Stunde später in den Ticker stellt. Wie man im Phoenix-Video sehen kann, ist das Zitat um 17.17 gefallen, was sich auch mit den bei SPON erwähnten “ersten brennenden Autos” deckt. Im Newsticker wird allerdings erst um 18.30 darauf eingegangen. Wiederum: Honi soit qui mal y pense.

Update IV: Was ein kleiner Blog-Artikel doch erreichen kann - SPON hat sich 23 Stunden nach der Falschmeldung zu einer kommentierten Korrektur hinreißen lassen, in der sie den schwarzen Peter der DPA unterschieben. Nun ist es mit solchen Meldungen leider wie mit der Büchse der Pandora - sind sie erst einmal in Umlauf, ist es unmöglich, sie zurückzuholen. Dennoch - Chapeau für diese “Gegendarstellung”. Der Vorwurf der mangelnden Sorgfältigkeit oder gar Fahrlässigkeit bleibt aber dennoch stehen.

Die “Gegendarstellung” im Volltext:

Ursprünglich hieß die Headline zu diesem Ticker: “Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen”. Das Zitat stammt aus einem Bericht von Helmut Reuter, Korrespondent der Nachrichtenagentur dpa in Rostock. In seinem Bericht von Samstag, 18.41 Uhr, hieß es:

“Um 17.30 Uhr werden die ersten Autos angezündet, während unweit vom Tatort auf der Kundgebungsbühne ein Redner die militante Szene noch mit klaren Worten aufstachelt: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.” Und dann beschwört er noch den Geist von Genua. Die italienische Hafenstadt ging 2001 mit einem zweifelhaften Eintrag in die G8-Annalen ein, als sich militante Demonstranten zwei Tage lang erbitterte Straßenkämpfe mit der Polizei lieferten.”

Wie sich später herausstellte, stammt das Zitat aus einer Rede von Walden Bello, philippinischer Soziologieprofessor und Träger des alternativen Nobelpreises. Walden Bello hielt auf der Bühne in Rostock eine engagierte Rede, während um die Versammlung herum bereits die Randale entbrannte. In dieser Rede sagte er: “…we have the spirit of Genoa”. Dann folgte eine Passage über den Irakkrieg, die mit folgendem Aufruf endete: “We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice.”

Teile der dpa-Darstellung hatte Spiegel Online in diesen Ticker übernommen. Die von Spiegel Online nach Rostock entsandten Kollegen waren zu dieser Zeit an anderen Stellen der Demonstration als Beobachter im Einsatz und hatten Bellos Ausspruch nicht persönlich mitbekommen. Heute um 15:59 verbreitete die Agentur dpa folgende Meldung:

“Rostock (dpa) - Der Aufruf zum “Krieg”, mit dem ein Redner während der Krawalle am Samstag in Rostock die militante Szene angestachelt hatte, war nach Darstellung der Protest-Organisatoren ein Übersetzungsfehler. Der zitierte Redner Walden Bello habe in seiner englischsprachigen Rede dazu aufrufen wollen, gegen den Krieg im Irak zu protestieren, teilte die globalisierungskritische Organisation Attac am Sonntag mit. In der deutschen Übersetzung wurde daraus: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.” Die Äußerung sei in diesem Zusammenhang missverständlich gewesen. Sie habe aber nicht auf Krawalle bei der Anti-G8-Demonstration abgezielt, betonte Attac.”

Die Agentur dpa hatte sich zuvor gegenüber Spiegel Online darauf berufen, dass ein Veranstaltungsteilnehmer auf der Bühne Bello übersetzt und wie in der dpa-Meldung vom Samstag wiedergegeben hätte. Spiegel Online bemüht sich derzeit, einen kompletten Mitschnitt der Veranstaltung zu bekommen, um dies zu überprüfen. Spiegel Online bedauert, die fehlerhafte Übersetzung von dpa übernommen zu haben.

Die Redaktion

Update V: Das ZDF-Blog vom G8-Gipfel hat die Geschichte der Falschmeldung aufgeklärt und liefert neben den Phoenix-Fernsehbildern auch den O-Ton des Übersetzers, wobei dem guten jungen Mann bei der entscheidenden Passage ein Hauch von Unsicherheit umweht:

Walden Bello: „Two years ago they said: Do not bring the war into the discussions. Just focus on poverty reduction. Well, we say: We have to bring the war right into this meeting. Because without peace there can be no justice.”

Der Übersetzer auf der Bühne: “Vor zwei Jahren hat es geheißen: Wir sollen den Krieg nicht in die Diskussion mit reinbringen. Wir sollen uns nur auf Armutsbekämpfung konzentrieren. Aber ich sage: Wir müssen den Krieg hier mit reinbringen. Denn ohne Frieden kann es auch keine Armutsbekämpfung geben.“

Fest steht: Das Zitat von DPA/SPON ist auch in der Übersetzung so nicht gefallen! Der Übersetzer gibt weder den “strittigen” Satz von sich, noch das “abgschwächte” Zitat aus der Gegendarstellung. Auch entsteht keinesfalls der Eindruck, er würde den Bezug “hier mit reinbringen” auf die Demo beziehen.

Zurecht merkt das ZDF daher an:

Für die Medien, die auf diese Ungenauigkeit hereinfielen, ein schwerer Patzer und ein unangenehmes Zurückrudern in Gegendarstellungen. Das ZDF hat frühzeitig die missverständliche Deutung erkannt und den Zusammenhang eben nicht hergestellt.

Was für ein Seitenhieb auf das ehemalige “Sturmgeschütz der Demokratie” *hüstel*, das zur “Spritzpistole Angela Merkels” herabgesunken ist.

Danke an Alexander für den Hinweis.

Update VI: Heute um 12.59 hat DPA endlich einen umfassenden Widerruf, verbunden mit der Entschuldigung an Walden Bello veröffentlicht. Nur zur Erinnerung: Seit der falschen Pressemeldung sind mittlerweile fast 67 Stunden vergangen - eine Ewigkeit in der schnelllebigen Medienwelt. SPON hat reagiert und die Tickermeldung mit einem eindeutigen Kommentar versehen. Ferner bietet jetzt auch SPON das Video auf seinen Seiten an. Das ist zwar ein korrektes und entschiedenes Krisenmanagement, kommt aber viel zu spät.

Danke an Stefan Niggemeier für den Hinweis.

Update VIII: In seinem Blog zeichnet Stefan Niggemeier eine umfassende Chronologie des Falles “Falschmeldung”. Lesetipp!

Update IX: Stefan Niggemeier hat in seinem Blog auch die Reaktion einiger deutschsprachiger Zeitungen dokumentiert. Leider lassen die meisten Zeitungen hier Ehrlichkeit, Transparenz und Selbstkritik vermissen.

Bildnachweis: ZDF

Jens Berger

Kategorie: Deutschland, Medien | 155 Kommentare

Ablass für die Europas Erbsünde

01. Juni 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt
Ablassmönch Johann Tetzel

Der G8-Gipfel war ein Riesenerfolg für Afrika – so werden die Staatschefs es in ihrem Gipfelresümee mit wohlwollender Miene kundtun und die Popstars des Gutmenschentums wie Bono und Bob Geldof werden medienwirksam mit Merkel und Konsorten kuscheln, während das ekelhaft selbstgefällige Fazit einiger Medien einem aufgedunsenen Plantagenbesitzer gleichen wird, der sich selbst voller altruistischer Blasiertheit auf die Schultern klopft, da er die karge Wochenration für seine Sklaven angehoben hat - Zynismus pur, für die Einäugigen unter Blinden.

Geld ist für die G8-Staaten das Allheilmittel für die Nöte Afrikas - Geld tut nicht weh, man muss sich über Geld keine tief greifenden Gedanken machen, die Geschäfte mit Afrika laufen wie gehabt und Michel sitzt vor seiner BILD-Zeitung und ist angesichts der gigantisch anmaßenden Summen, die versprochen werden, derart gerührt, dass ihm leise eine Träne durchs Knopfloch rinnt – Frau Dr. Merkel ist gut, der Michel ist gut und der Neger soll nun mal zusehen, wie er bei so großzügigen Geschenken seine Dankbarkeit demonstrieren kann – und wenn vor dem nächsten G8-Gipfel wieder Bilder von herzergreifend süßen afrikanischen Kleinkindern gezeigt werden, die Hunger haben, zuckt der Michel halt wieder sein Portemonnaie. Wen interessiert es schon, ob die Milliarden irgendetwas bewirken, wen interessiert Afrika? Uns interessieren zu allererst wir selbst – und mit einem kleinen Ablass, der niemanden weh tut, ist unser Seelenheil erkauft und das Fegefeuer der Selbstreflexion bleibt uns erspart. Afrika ist Europas Erbsünde und der Ablasshandel blüht.

Aber wir sollten reflektieren, wenn es uns mit Afrika denn wirklich ernst sein sollte. Entwicklungshilfe, nach altem Muster, gleicht einem Flugzeug, das den Hilfeempfänger mit abgeworfenen Geldpaketen die Köpfe einschlägt oder Schokolade für Zuckerkranke, wie es der SPIEGEL anlässlich des vorletzten G8-Gipfels formulierte. Dem Hungernden nach jedem Messsonntag einen Fisch hinzuschmeißen, entlastet das Gewissen, ihm eine Angel zu geben, hilft allerdings nachhaltig. Für die Politik ist es einfach Entwicklungshilfe zu versprechen, oder Entwicklungspartnerschaft, wie es heute euphemistisch heißt – nachhaltige Afrikapolitik würde unser, im wahrsten Sinne des Wortes, überflüssiges Wirtschaftssystem in Frage stellen.

Was sind die Nebenwirkungen der bitteren Pille Entwicklungshilfe?
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint – und das gilt sogar für die „Akuthilfe“ mit Lebensmitteln. Wenn in Dürrezeiten akute regionale Hungersnöte auftauchen, die nicht regional in den Griff zu bekommen sind, ist selbstverständlich externe Nahrungsmittelhilfe angebracht, dies ist die moralische Pflicht der reichen Nationen. Diese seltenen Ausfälle sind indes rar, die Interessengruppen, die aus Hungersnöten Vorteile ziehen können sind hingegen zahlreich. Die reichen Staaten müssen zum Beispiel ihre hoch subventionierten Agrargüter irgendwie loswerden – Säcke mit Mais und Getreide vor den Kameras der Weltöffentlichkeit über vermeintlichen Hungergebieten abzuwerfen ist natürlich dem Wähler besser zu verkaufen, als Überschüsse zu vernichten. Da gibt es auch noch einen Tross von Medienleuten, denen Bilder von hungernden Kindern für gutes Geld abgekauft werden, während Hintergrundberichte über den „Patienten“ Afrika wie Blei in den Regalen liegen bleiben. Hinter dem Tross der Medienleute zieht der Tross der Hilfsorganisationen, die Medienpräsenz suchen – ist es doch die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihnen Spendengelder beschert. Sie verfahren nach ihrer eigenen Klippschul-Logik, mit der man einen Regenmacher staatlich entlohnen könnte. Wenn es regnet, war dies der Beweis, dass die Hilfe richtig ist, wenn der Regen ausbleibt, ist dies der Beweis, dass mehr Hilfe nötig ist.

Sobald ein „Krisengebiet“ allerdings mit Nahrungsmitteln überschwemmt wird, fängt das eigentliche Problem erst an. Maissäcke landen meist nicht bei den Bedürftigen, sondern auf den Märkten und zerstören so, vor allem in Dürrezeiten, den Markt für heimisches Getreide. Wenn die Nahrungsmittelmengen für die lokalen Märkte zu zahlreich sind, wird dieses Getreide exportiert und konkurriert gegen andere afrikanische Märkte, in denen es keine Dürreperiode gab. Direkte Folge ist es, dass die Preise für heimische Nahrungsmittel implodieren. Gegen „kostenloses“ Getreide, das vom Himmel fällt, können die einheimischen Hirsebauern nicht konkurrieren.
Einen sehr guten Hintergrundbericht hierzu hat Alex Renton verfasst: „How America is betraying the hungry children of Africa

Für die afrikanischen Staaten ist es nicht mal leicht, sich gegen die unfreiwillige Hilfe zu wehren. Wenn die Regierung von Malawi beispielsweise der Meinung ist, eine regionale Dürreperiode aus eigenen Mitteln, mit eigenem Personal und eigenen Hilfslieferungen händeln zu können, so werden derlei Pläne vom weißen Mann schnell überworfen. Wenn Sambia in einer Situation, in der Hilfsorganisationen eine große Katastrophe prognostizieren, die lokalen Experten aber ganz anderer Meinung sind, US-Hilfslieferungen aus überschüßigen Gen-Mais Beständen ablehnt, so löst dies schon mal bei dem US-Botschafter bei der FAO grollende Worte aus: “Führer, die ihrem Volk Nahrung verweigern, sollten wegen schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden”. Überflüssig zu erwähnen, dass in beiden Fällen die Katastrophenmeldungen der Helfer übertrieben waren und Unmengen von “Hilfsgütern” auf den Märken die lokale Landwirtschaft schwer schädigten. Im Falle Zimbabwes wird derlei “Hilfe” sogar von Großbritannien strategisch eingesetzt, um zu belegen, dass Berufsparanoiker Robert Mugabe mit der Enteignung britischer Farmer das Land in den Ruin stürzt. Anlässlich der nimmer endenden “Hilfslieferungen” ist dies eine selbsterfüllende Prophezeiung - unabhängig davon, dass Mugabe in der Tat zu den schlimmsten Tyrannen gehört.

Hochsubventionierte EU-Exporte spielen auch im normalen Marktgeschehen eine fatale Rolle. Mit vom europäischen Steuerzahler bezahlten Agrarprodukten können einheimische Bauern meist nicht konkurrieren. Eine gesunde afrikanische Wirtschaft krankt bereits an solchen Dingen. Wenn die Märkte in Kamerun mit französischen Schlachtabfällen aus der Hühnerbrustproduktion, die tiefgekühlt containerweise nach Afrika verschifft werden, geflutet werden, kommt einem unweigerlich das Bild von den Abfällen vom Tisch der Reichen in den Sinn. Eine ähnlich fatale Wirkung haben die containerweise nach Afrika verschifften Kleiderhilfen - wie soll sich eine afrikanische Textilindustrie entwickeln können, wenn die lokale Märkte mit westlichen Altkleidern verstopft werden, die fast zum Nulltarif verfügbar sind. Sind diese Probleme ernsthaften Entwicklungshelfern längst bekannt, verschärft sich die Situation der Marktverdrängung einheimischer Produkte durch das chinesische Engagement in Afrika noch weiter. Für kostbare Rohstoffe zahlen die Chinesen gut und machen den Exportländern keine politischen Vorschriften, wie es die Amerikaner und Europäer so gerne tun - das ist natürlich gerne gesehen, erkauft wird dieser Vorteil allerdings durch chinesische Billigimporte, die die lokalen Märkte vollends ruinieren. Afrika ist der Verlierer der Globalisierung und kommt nun sogar unter die Räder der asiatischen Staaten, die von der Globalisierung profitieren.

Der IWF vergibt Kredite, die daran gebunden sind, die lokalen Märkte für die Industrienationen zu öffnen. Durch Konsum von Gütern aus den Industrienationen und die Zinsen für die Kredite fließt so mehr Geld in den Norden zurück als in den Süden floss - eine feine “Hilfe”. Entwicklungshilfe hat jahrzehntelang eine geopolitische Rolle gespielt - afrikanische Potentaten wurden vom Westen mit Unmengen an Geld überhäuft, wenn sie der Sowjetunion die kalte Schulter zeigten und westliche Wehrtechnik kauften. Gelandet sind die Unmengen an Geld daher zu großen Teilen in den Taschen westlicher Rüstungskonzerne - was übrig blieb, füllte schweizer Konten von korrupten Regierungsbeamten und Kleptokraten. Diese Situation hat sich nur in den Ländern verbessert, die keine wertvollen Rohstoffe ihr Eigen nennen. Aber auch dort begeht die Entwicklungshilfe Fehler, die anscheinend systemimmanent sind - Ziel der Entwicklungshilfe ist es eigentlich, sich selbst überflüssig zu machen; nur wer macht sich schon gerne überflüssig?

Technisch komplexe Tiefbrunnen im Sudan, die nur mit viel Know-How zu betreiben sind und mangels passender Schulung der Einheimischen nach wenigen Jahren versiegen; hochmoderne Wasserwerke und Kläranlagen in Lagos - einer Stadt, die zu über 80% nicht an Wasser- oder Abwasserleitungen angeschlossen ist und andere hoch ambitionierte Großprojekte nach westlichen Gusto haben eins gemein: Das Geld fließt in die Industrienationen zurück, schöne Hochglanzbroschüren von der Projektübergabe werden gedruckt und nach kurzer Zeit sind die projektierten Anlagen außer Betrieb, da es an Wartung, qualifizierten Personal, Kapital oder Ersatzteilen fehlt. Das nächste Projekt wartet ja schon. Selbstverständlich gibt es auch positive Projekte, zum Beispiel im Bereich der Wasserversorgung. Da wäre zuallererst das Sodis-Verfahren zu nennen - ein sinnvoller, nahezu kostenloser Ansatz, der nachhaltig wirkt. Beim Sodis-Verfahren wird das Wasser in PET-Flaschen in der Sonne mehrere Stunden erwärmt, was die gefährliche bakterielle Verunreinigung des Wassers eliminiert. Prinzipiell müssen nur die Frauen in den Dörfern geschult werden - im Idealfall von Landsleuten - und das war es. Keine millionenteuren High-Tech Anlagen, keine ambitionierten Großprojekte, kein Wunder, dass dies Organisationen nicht gefällt, die mit so etwas ihr Geld verdienen.

Was sollten die G8-Länder also tun, um Afrika zu helfen? Weitere Milliarden in ein marodes Entwicklungshilfesystem pumpen und an den Symptomen herumdoktern oder versuchen die Ursachen für die chronische Krankheit des schwarzen Kontinents zu beseitigen? Ein fairer Marktzugang, verbunden mit einem Abbau der Subventionen, wäre die erste Hilfe, die wirklich etwas bringen würde. Nur so kann Baumwolle aus Burkina-Faso gegen die Konkurrenz aus Spanien konkurrieren, nur so kann in Gambia eine Erdnussfabrik gewinnbringend gegen die übermächtige US-Konkurrenz bestehen. Bezahlen würden wir diese Hilfe auch - aber nicht über die Entwicklungshilfe sondern an der Supermarktkasse. Das sind wir Afrika aber schuldig.

Zu solchen politischen Schritten wird sich die Weltelite sich aber nie durchringen können - auch beim G8-Gipfel 2015 auf einer englischen Bohrplattform in der Nordsee werden Bono und Geldof wieder mehr Geld für “die Armen” fordern und alle Politiker mit ernsten Gesichtern eine Aufstockung der Geldmittel versprechen. Afrika mon amour, so bitter es ist, Du bist verloren. Die reichen Nationen werden dich ewig am Tropf halten und durch den Tropf fliesst das Gift, das Dich an ihn fesselt.

p.s.: Der Autor hat Afrika bereist und kennt die Verhältnisse aus eigener Erfahrung - es gibt wenig, was ihn so bitter und hoffnungslos stimmt, wie das Schicksal der sympathischen Menschen dort. Seine Seele kauft der Autor sich übrigens durch regelmäßige Geld- und Sachspenden an eine Grundschule in Gambia frei, deren Schulleiter er dort persönlich kennengelernt hat.

Lesenswerte Artikel: »Geld allein hilft nicht«, Faire Chancen statt Almosen, Wofür das Ganze?

SPON hat heute auch einen “herrlichen” Verriss der zynisch, bigotten BILD-Kampagne mit “Sir” Bob Geldof gebracht - Lesetipp.
Jens Berger

Bildnachweis: Bild, 5x Spiegelfechter/privat (CC)

Kategorie: Ausland | 11 Kommentare

Seite 5 von 5«12345

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  • superguppi @162 Possimist Man kann nicht von einem Artikel auf die gesamte Zeitung schließen. Die Artikel von Lucas...
  • Possimist Viele Sachen die hier beim Spiegelfechter oder auch bei den NachDenkSeiten kritisiert werden, werden auch...
  • Spiegelfechter @Jonas Mayer Aber, aber … SPON-Journalisten schreiben doch nicht ab! Das ist wohl eher ein...
  • Jonas Mayer Ich finde ja, man sollte sich mal kritisch darüber auslassen, dass der SPIEGEL, wie 90% aller - ach so...
  • Mark F. Es gibt doch einen und nur einen Alphablogger in Deutschland: Peter Turi. Der besitzt die Internet-Adressen...
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