Ob die Deutsche Telekom weiterhin Sponsor des Profiradstalls “Team Telekom” sein wird, ist ungewiss. Vertreter des Radsports befürchteten einen negativen Imagetransfer durch eine zu enge Verbindung zu einem Unternehmen, welches gnadenlos Mitarbeiter outsourced und nicht am Unternehmensgewinn teilhaben lassen will.
So sähe die heutige Sportpolitikmeldung in einer (etwas) besseren Welt aus. Aber nein, auch im Radsport gelten die gleichen Regeln, wie in der Wirtschaft und der Entschluss eines jungen Burschen, von den verbotenen Früchten zu naschen, um auch seinen Teil des großen Kuchens abzubekommen, führte zu einem Empörungsaktionismus der Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten. Und wenn diese sich in eigener Sache moralinsauer aufplustern, ist meistens etwas faul an der Sache.
Man mag trefflich darüber streiten können, ob es zur medialen Grundversorgung der deutschen Öffentlichkeit gehört, dass die Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten exklusiv über Sportereignisse berichten, deren Übertragungsrechte mehrere Millionen Euro aus der Tasche der GEZ-Zahler kosten, die an anderen Stellen gestrichen werden müssen. Wer den Ausstieg der Öffentlich-Rechtlichen aus der Tour de France Übertragung aus diesem Grund begrüßt, hat per se gute Argumente und die Unterstützung des Autoren. Dies ist aber nicht der Grund, den ARD und ZDF anführen, sondern sie echauffieren sich in heuchlerischer Manier über die Umstände, die sie selbst mit geschaffen haben und die sie in anderen Bereichen keinesfalls kritisieren.
Woher kommt diese Scheinheiligkeit? Leistungssport ist ein Spiegel der Gesellschaft und des herrschenden Systems. Es geht in diesem Fall ja nicht um die Jugendkreismeisterschaften des Hochsauerlandkreises. Eine Topveranstaltung, wie die Tour de France, ist aus wirtschaftlicher Sicht ein riesiger Markt – die ARD nimmt von ihren Werbekunden bis zu 24.000 Euro für einen 30sekündigen Werbespot. Natürlich sind diese Summen, die die Werbetreibenden investieren – egal, ob sie einen Spot buchen oder eine Mannschaft direkt sponsern – im Endpreis der angebotenen Produkte enthalten. Da alle Markenanbieter Marketing betreiben und in vielen Fällen (Telekom/Strom) für den Endkunden keine Alternative vorhanden ist, zahlt der Endkunde die komplette Zeche – ob er will oder nicht.
ARD und ZDF haben nun in preisverdächtiger investigativer Kleinarbeit herausgefunden, dass im Profiradsport gedopt wird. Potzblitz! Das ist ja was ganz neues! Man sollte abwarten, bis ARD und ZDF auch herausfinden, dass der Michel bei seiner Steuererklärung gerne mal fünfe gerade sein lässt und nicht in jeder 30er-Zone wirklich 30 fährt. Wenn man jungen Männern Gehälter im hohen sechsstelligen Bereich anbietet, wenn sie die außerordentlichen körperlichen Leistungen erbringen, die für eine solche Rundfahrt von Nöten sind, braucht man sich nicht zu wundern, wenn einige Kandidaten zu illegalen und semilegalen Mitteln greifen, um sich am goldenen Manna zu laben. Es wäre naiv, das Gegenteil anzunehmen. Wenn die Mitbewerber mit illegalen und semilegalen Mitteln ihre Leistung steigern, ist es ebenfalls verständlich, dass sich diese Praxis auch bei Fahrern durchsetzt, die eigentlich solche Methoden ablehnen.
Die ARD war sogar Co-Sponsor des T-Mobile-Teams, das unlängst durch das Outing ehemaliger Aktiver in die Doping-Schlagzeilen geraten ist. Anzunehmen, bei dem Bonner Team handele es sich um eine Insel der Glückseligen in einem Ozean der Verderbtheit ist ebenfalls naiv – und kein Mensch mag der ARD abnehmen, sie wüsste nichts von den Dopingpraktiken, der Akteure, die sie mit dem Geld der Gebührenzahler beglückt hat.
Man kann einem jungen Mann schwerlich den Vorwurf machen, er habe sittenwidrig gehandelt, wenn er im Endeffekt nur das nachmacht, was ihm die Gesellschaft vormacht: The Winner takes it all - und jeder, der die Möglichkeit dazu hat, sollte seine 15 Minuten Ruhm versilbern. Ein Herr Ackermann, der dem Bürger - der ihn indirekt bezahlt - ein hämisches Victory-Zeichen entgegenstreckt, ist er das Vorbild, Regeln, die dem gesellschaftlichen Mainstream anachronistisch anmuten, nach dem eigenen Vorteil zu dehnen. Brot und Spiele sind es, die das Volk verlangt. Früher haben die Gladiatoren für ihren Ruhm und ihr Einkommen ihr Leben riskiert – heute ist der Preis nicht ganz so hoch, aber wer glaubt, ohne Schaden an der Gesundheit zu nehmen, im knallharten Kampf um Ruhm und Reichtum im Sport mithalten zu können, wirkt ebenfalls anachronistisch. Ist es nicht das Ideal der Leistungsgesellschaft so erfolgreich zu werden, dass man für den Weg, der das Ziel ist, 60 bis 80 Stunden pro Woche investieren muss? Treibt der Jungmanager nicht Raubbau an seiner Gesundheit? Ist das Nomadenleben auf dem Weg in die Führungsetagen sozial verträglich? Und wie sieht es in anderen Sportarten aus? Macht sich die Gesellschaft Sorgen um die Gesundheit der Jungmillionäre, die mit über 300 km/h im Kreis fahren? Werden ARD und ZDF die Olympia-Übertragung einstellen, wenn der erste Dopingfall publik wird?
Wenn TV-Anstalten Millionen in “das System” pumpen und hinterher jammern, dass nicht nur Altruisten bei diesem gewinnträchtigen Spiel mitmachen, ist dies bigott. Sich herauszureden, indem man Regeln fordert, deren Einhaltung nur mangelhaft kontrolliert wird, ist heuchlerisch – das kennt ein jeder Autofahrer. Wenn man weiß, wo Radarfallen stehen, wird man sich in deren Nähe ordnungsgemäß verhalten und ansonsten nach eigenem Gusto verfahren. Denkt man allerdings, dass hinter einem eine zivile Verkehrskontrolle fährt, erwacht in einem der Fahrschüler, der gerade seine Prüfung ablegt. Dies soll im Radsport nicht möglich sein? An finanziellen Mitteln hapert es ja nicht. Eine einfache Lösung wäre es, dass Kontrollsystem zu forcieren und dem Team jedes Sünders eine schmerzhafte Strafe aufzuerlegen. Das würde dazu führen, dass es im Interesse des Arbeitgebers wäre, seine Arbeitnehmer so zu kontrollieren, dass sie die Regeln einhalten. Die Bundesbank überprüft schließlich auch die Taschen ihrer Mitarbeiter und verlässt sich nicht nur auf deren Gesetzestreue und die abschreckende Wirkung des StGBs.
Wenn man „den Dopingsumpf“ halbwegs trocken legen will, ist weder krawalliger Aktionismus noch Hysterie hilfreich, wie die ARD und ZDF an den Tag legen. Wer bessere Kontrollen fordert und laut aufschreit, wenn diese Kontrollen tatsächlich etwas zu Tage fördern, agiert wie der Dieb der „Haltet den Dieb!“ schreit
Die Tour ist durch den Dolchstoss der deutschen Medien eben so wenig tot, wie der Sport per se ehrlich und rein ist. Wer seit Jahren Gefallen an den Bildern der Tour findet und den Sport in sein Herz geschlossen hat, der tut dies weiterhin. Wer Sport prinzipiell ablehnt, millionenschwere Sportevents wegen des Kommerzcharakters ablehnt oder Radfahren schlicht und einfach langweilig findet, dem ist die Entscheidung von ARD und ZDF egal. Ehemals interessierte Betrachter, die sich erst jetzt vom Leistungssport abwenden, müssen sich den Vorwurf der Naivität gefallen lassen. Wenn ARD und ZDF auch in anderen Bereichen so konsequent wären, müssten sie auch die Politikberichterstattung einstellen, da auch dort „in Einzelfällen“ mit illegalen und semilegalen Mitteln gearbeitet wird und der Zuschauer nach Strich und Faden belogen wird und Wirtschaftsnachrichten oder Börsenberichte wären so wie so verboten.
p.s.: Der Autor verfolgt, sofern es ihm zeitlich möglich ist, seit über 10 Jahren die Tour de France und wird dies weiter tun - es gibt ja noch den Sender “Eurosport”, bei dem man allerdings dümmliche Werbung ertragen muss und der sich standhaft weigert, die Käse- und Weinsorten der gerade durchfahrenen Region vorzustellen. Quel malheur!
Update: ARD und ZDF haben die Rechte an Pro7/SAT1 abgegeben. SAT1 will schon heute in die Berichterstattung einsteigen. Damit ist der erzieherische Aspekt, den die Öffentlich-Rechtlichen großspurig in den Raum gestellt haben, vollends ad absurdum geführt. Dem Zuschauer wird es egal sein - wer Sportübertragungen von SAT1 kennt, wird Eurosport so wie so den Vorzug geben. Und das SAT1 dem Zuschauer etwas über lokale Käse- und Weinspezialitäten erzählt, ist auch nicht zu erwarten … es sei denn, es handelt sich um Werbekunden.
Jens Berger
Bildnachweis: Bildblog, Effort, Titanic-Magazin, dangiles73, Titanic-Magazin