Zuerst holten sie die Raucher.
Ich schwieg, denn ich rauchte ja nicht.
Dann holten sie die Fettleibigen.
Ich schwieg, denn ich war ja schlank.
Dann holten sie die Trinker.
Ich schwieg, denn ich trank ja nicht.
Dann holten sie mich …
nur da war niemand mehr da, der protestieren konnte.
Frei nach Martin Niemöller
Was für ein Erfolg für die „Fit-for-Fun Generation“ – ab 2008 wird endlich in allen Gaststätten Deutschlands das Rauchen verboten sein. Die Diktatur des Pöbels hat wieder einmal über die Unvernunft gesiegt. Dem gesundheitsbewussten Jogger ist es auch schwerlich zuzumuten, täglich verschwitzt an Kneipen vorbeizuhasten, in denen übergewichtige Genussmenschen beieinander sitzen und bei einem alkoholischen Gärgetränk, sich oral an Giftstängeln berauschend, der Gemütlichkeit und der Geselligkeit frönen. Mit der Sünde kommt das Verderben und das ewige Leben erreicht nur der Tugendhafte.
Wir leben in neoreligiösen Zeiten, mit sehr variablen Glaubensbekenntnissen, jedoch sehr ähnlichen Strickmustern: Die einen glauben, das Böse lauere in vorehelichem Geschlechtsverkehr, die anderen, dass Zigarettenqualm sie selbst in homöopathischen Dosen krankmachen würde, während sie gleichzeitig nichts dagegen haben, sich dem vollen Aroma von Benzol und Verbrennungsmotoren auszusetzen und dabei genießerisch mit der Zunge zu schnalzen.
Für eine puritanische Gesellschaft ist die nicht sanktionierbare Sünde tabu – und das Rauchverbot in Gaststätten ist sicher nicht die Endstation auf der Fahrt in die universelle Glückseligkeit. Als nächstes geht es den Fettleibigen an den Kragen – in einer schönen neuen Welt, mit schönen neuen Menschen, ist ein solcher Makel nicht zu tolerieren. Entsprechende Ansätze, Fettleibige aus der Volks- und Solidargemeinschaft auszuschließen, gibt es bereits. Auch der Alkohol sollte eher ein Privileg der Eliten sein, die mit solchen Rauschmitteln auch umgehen können – über eine massive Erhöhung des Steueranteils wird es aber zu machen sein, dass Alkohol nicht in falsche Hände gerät. „Schundliteratur“ und „Pornographie“ stehen auch auf dem Index – ein von Sünden und bösen Gedanken umwehtes Hirn, kann schließlich nichts Produktives zur Volksgemeinschaft beitragen.
Um dies umsetzen zu können, müssen die Sünder stigmatisiert werden - „Schämen sollen sie sich, die Hunde, Raucher sind potentielle Mörder, die auch kleine Kinder fressen“, so könnte die Metabotschaft der medialen Volkshygiene lauten. Menschen, die Nichtraucher schützen wollen, argumentieren von einem hochmoralischen Standpunkt aus. Die Hilfskonstrukte, die dabei gebaut werden, relativieren sich indes bei näherer Betrachtung:
- Raucher schädigen die Volkswirtschaft.
Raucher haben einen sozialverträglichen Nebeneffekt – sie haben statistisch gesehen eine kürzere Lebenserwartung (statistisch gesehen, sterben Raucher zwar in einem höheren Alter als Nichtraucher, das ist aber eher eine statistische Spielerei, die nichts mit der Sache zu tun hat). Was den Raucher selbst nicht so sehr freuen dürfte, ist volkswirtschaftlich ein Vorteil. Für die Solidargemeinschaft ist derjenige optimal, der während seines Arbeitslebens kräftig in die Kassen einzahlt und mit Erreichen des Renteneintritts tot umfällt. Der Raucher kommt diesem Ideal ziemlich nahe. Eine durchschnittlich sieben Jahre längere Rentenbezugsdauer aller „umgedrehten“ Raucher wäre eine Katastrophe für die Solidarkassen und für die Finanzlücken der Pflegeversicherung müssten wahrscheinlich die Weihnachtsfeiertage gestrichen werden – daran sollte jeder Gesundheitsfanatiker denken, wenn er seine Radieschen unter dem Tannenbaum verzehrt.
Bei der Krankenversicherung ergibt sich – allen gegenteiligen Behauptungen zum trotz – ein ähnliches Bild. Je älter ein Mensch wird, desto anfälliger ist er für schwere Krankheiten und teure Behandlungen. Je älter ein Mensch ist, desto teurer ist er für die Krankenversicherungen. Natürlich ist die Behandlung eines tabakabususbedingten Lungenkarzinoms eine teure Angelegenheit, würde der Raucher aber nicht an diesem Karzinom sterben, so würde er ein paar Jahre später mit hoher Wahrscheinlichkeit an einem anderen Karzinom sterben, dessen Behandlung ähnlich teuer ist. Die dazwischen liegenden Jahre kommen die Kassen allerdings teuer zu stehen, da ein Rentner die Krankenkassen deutlich mehr kostet, als er ihnen einbringt. Ein großer Teil der „Tabaktoten“ stirbt indes sozialverträglichkeitsoptimiert im frühen Rentenalter an einer Herz-Kreislauferkrankung – einen „günstigeren“ Tod gibt es für die Krankenkassen fast nicht.
Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik, also ein ausgewiesener Fachmann auf diesem Gebiet, bemerkt dazu:
„Die berühmte Untersuchung von Leu und Schaub von der Universität Basel zu Rauchen und Gesundheitskosten in der Schweiz, die u.a. zu dem Ergebnis kamen, daß die Schweiz langfristig eher mehr statt weniger für die Gesundheit ausgeben müßte, wenn es dort seit hundert Jahren keine Raucher gäbe. So paradox das auf den ersten Blick auch klingt, aber das Gesundheitswesen würde durch ein totales Rauchverbot nicht billiger, sondern langfristig nur noch teurer (weil nämlich die Kosten, die in den Extra-Lebensjahren des Nichtrauchers entstehen, die vorher gesparten Ausgaben mehr als aufwiegen). Wenn man also ernstnimmt, was man die letzten Monate zu Bonus-Malus beim Krankenkassenbeitrag liest, müßten den Rauchern kein Malus, sondern ein Bonus auf ihren Kassenbeitrag eingeräumt werden.“
Eine Studie der Erasmus-Universität in Amsterdam kam zu den gleichen Ergebnissen wie die schweizer Forscher.
- Raucher in Kneipen sind eine Belästigung und verbreiten Gestank
Olfaktorische Wahrnehmungen werden erst im Kopf hedonisch bewertet, dies ist ein weitestgehend subjektiver Vorgang - einige Menschen stört der Geruch von Tabakrauch, andere Menschen nehmen keine Störung wahr. Ist der Raucher schuld daran, dass sein Gegenüber Rauch als störend empfindet? Soll sich der “Hässliche” dafür entschuldigen, dass sein Äußeres von gewissen Menschen als störend empfunden wird?
Den einen stören lange Haare, den anderen Glatzen, den einen stört laute Musik, den anderen stören Hunde, einer hasst knutschende Schwule, der andere Schweißausdünstungen, Tabakrauch oder Autoabgase.
Auf alle individuellen Spleens kann die Gesellschaft schwerlich Rücksicht nehmen. Sofern es im Bereich des Taktes und des Anstandes liegt, ist eine Rücksichtnahme natürlich geboten. Gesetzliche Maßnahmen dürfen höchstens dann nötig werden, wenn das Außerachtlassen von Takt und Anstand seitens der “Störenden” den “Gestörten” objektiv in besonderem Maße belästigt. Da sich ein Großteil der Nichtraucher aber keinesfalls durch Rauch besonders belästigt fühlt, ist auch kein Grund gegeben, hier gesetzlich zu intervenieren. Soll man Hunde verbieten, die Langhaarigen zum Frisör schicken, Schwule wegsperren? Nein, man kann es nicht jedem recht machen und das ist gut so.
Das Rauchverbot in niedersächsischen und hessischen Kneipen hat zu der kuriosen Entwicklung geführt, dass Raucher und Nichtraucher ihr Näslein in überfüllten Großkneipen und Diskotheken heute stärker rümpfen müssen, als vorher. Die Umgebungsluft entspricht einer Mischung aus Alkoholfahnen, Knoblauch, Zwiebeln und billigem Parfum, gespickt mit einer kräftigen Note Schweiß, mit einem herben Abgang aus Fürzen und Gammel. Der Mensch stinkt, wenn er sich nicht wäscht, und einige Gerüche lassen sich auch durch Hygiene kaum verhindern. Für all diese unerfreulichen Gase diente früher der Rauch als neutralisierender Faktor – das verwöhnte Näslein wird sich umgewöhnen müssen.
- Das Rauchverbot in Gaststätten hat in anderen Ländern zu positiven Ergebnissen geführt und den Umsatz der Wirte gesteigert
Die Gesundheitsapostel haben einen Sieg errungen und können sich freuen, der Tabakkonsum ist in den betreffenden Ländern zwar zurückgegangen, dennoch stieg z.B. in Irland die Zahl der jugendlichen Raucher seit der Einführung des Rauchverbots in Gaststätten. Für die Wirte ist dies allerdings alles andere als positiv. Seit Einführung des Rauchverbotes ist die Zahl der Pubs in Irland um über 1.000 zurückgegangen. Vor allem in ländlichen Gebieten sterben die Pubs – laut einer Wirtin, sind die Pubs nur noch bei Beerdigungen voll. In Wales sind die Umsätze der Pubs seit Einführung des Tabakverbotes um 20% gesunken, in Schottland um 15% und in England ist der Ausschank von Bier auf dem niedrigsten Niveau seit 1930. Da das Rauchverbot in Großbritannien noch sehr jung ist, gibt es noch keine verlässlichen Zahlen über die Konkurse von Gaststätten, die Zahl der Bingo-Hallen dürfte im Zuge des Rauchverbotes um ein Drittel zurückgehen.
Gerade Großbritannien als gutes Beispiel heranzuziehen, ist also im doppelten Sinne unglücklich. Denn wer soll sich ein Land zum Vorbild nehmen, dessen Bewohner sich freiwillig per CCTV und ASBOs vollüberwachen und gängeln lassen. In punkto Bürgerrechte und Freiheit sind die Briten das zurückgebliebenste Land in ganz Europa, wieso sollte man sich ausgerechnet die Untertanen der Queen bei einer Frage über persönliche Freiheiten zum Vorbild machen?
Und wie sieht es im Rest der Welt aus? Spanien führte lauthals ein ähnlich rigides Gesetz wie die deutschen Länder ein – und musste es bereits zurücknehmen und auf ein erträgliches Maß stutzen, bei dem der Wirt selbst entscheiden kann, ob er seine Gaststätte zum Raucher- oder Nichtraucherlokal macht. In Griechenland wurde das Gesetz bereits wieder zurückgenommen, weil sich keiner daran hielt. In Italien hält sich auch fast keiner an das Gesetz – nur in den touristisch überlaufenen Zentren der Metropolen wird es beachtet, auf dem Lande signalisiert die offene Kneipentür „Raucher“, die geschlossene Kneipentür „Nichtraucher“, und da in Italien das Leben in den Strassencafés spielt, die nicht betroffen sind, ist es den meisten Italienern auch egal, was die Herren aus dem Palazzo Chigi da so beschließen. Den puritanischen Amerikanern ist eh nicht mehr zu helfen, die Schweizer setzen – grundliberal, wie sie sind – auf Eigenverantwortung und in Japan führen solche Gedanken höchstens zu einem Schmunzeln. Dort reagiert man mit hoch entwickelten Klimaanlagen und Luftfiltern auf das „Raucherproblem“ – Frau Merkel lässt diese Arbeitsplätze ja lieber in der Windenergiebranche entstehen.
- Kneipen sind „öffentlicher Raum“ und der Wirt muss seine Gäste schützen
Selbstverständlich darf der Staat in öffentlichen Gebäuden das Rauchen untersagen. Auch Private dürfen dort das Rauchen untersagen, wo sie das Hausrecht ausüben – wenn die Bahn oder der Arbeitgeber das Rauchen verbieten will, so ist sie/er zunächst einmal im Recht. Als Privatperson hat man die Wahl, seine Gäste in der Wohnung rauchen zu lassen, sie auf den Balkon oder die Terrasse zu bitten oder das Rauchen komplett zu untersagen. Ein Gastwirt hat diese Wahl mit dem neuen Gesetz nicht mehr. Er darf seine Gäste nicht mehr so empfangen und bewirten, wie er gerne möchte.
Dabei stellt eine Gaststätte mitnichten einen „öffentlichen Raum“ dar, den jeder betreten darf - der Türsteher eines Nobelclubs wird diese Forderung lachend von sich weisen. Der Wirt hat in seiner Gaststätte Hausrecht und wenn er es seinen Gästen erlauben will, ihrem sündigen Genuss zu frönen, so ist dies sein ureigenstes Recht. Wenn ein militanter Nichtraucher dies nicht anerkennen will und sich durch die Rauchschwaden über Gebühr belästigt fühlt, so hat er leider Pech – das Leben ist kein Wunschkonzert. Um Nichtraucher adäquat zu schützen, könnten Wirte Warnschilder anbringen, so dass sich niemand fahrlässig in Gefahr begeben muss. In Peepshows und ähnlichen Etablissements hat man sich eine Altersregelung ausgedacht, um Jugendliche vor den seelischen Grausamkeiten, die sei dort zu erwarten haben, prophylaktisch zu schützen – warum soll es nicht ähnliche Regelungen für „Raucherkneipen“ geben? Eine klare Zeichengebung (so wie das für Niedersachsen angedachte und wieder verworfene „R“) würden einen größtmöglichen Schutz für echte und psychosomatische Opfer des Rauches bedeuten.
- Wo der Markt versagt, muss der Staat eingreifen
Glaubt man Frau Bätzing oder der politischen Haute Volée, so haben rauchfreie Kneipen ein riesiges Marktpotential – nur leider wissen das die Wirte nicht und die Kundschaft ist bis dato auch nicht mit einer signifikanten Nachfrage nach solchen Etablissements aufgefallen. Das verwundert, sagen doch Umfragen, dass sich ein Großteil der Bevölkerung genau das wünscht. In Niedersachsen ist das „Antirauchergesetz“ bereits seit einem halben Jahr, respektive eineinhalb Monaten (seit dem 1. November wird das Gesetz auch vollstreckt), in Kraft – der Ansturm auf die Kneipen blieb freilich aus, was auch kaum anders zu erwarten wäre, weiß doch jeder Marktforscher, dass nur Umfragen unter realen und potentiellen Kunden relevant für diese Art von Umfragen sind. Auch wenn 90% der Bevölkerung eine Anhängerkupplung an einem Ferrari chic finden würden, so sieht dies die Kundengruppe ein wenig anders und Ferrari wäre gut beraten, von solch Innovationen abzusehen.
Die Gruppe der Kneipengänger besteht zu einem signifikanten Teil aus Rauchern – Gelegenheitsraucher gehen ihrem Laster meist bei einem Bierchen in der Kneipe nach. Auch die Nichtraucher, die gerne gesellig sind, haben eine hohe Rauchbelästigungsschwelle. Es gibt natürlich Einzelfälle, wie beispielsweise Asthmatiker, die gerne in Kneipen gehen würden, für die der Rauch aber ein echtes Problem darstellt. Die militanten Nichtraucher, die die Diskussion durch laute Zwischentöne beherrschen, gehören jedenfalls nicht zur Gruppe der potentiellen Kneipengäste. Puritaner, Extremisten und Radikalinskis jeglicher Couleur neigen nicht zu Geselligkeit, da die Gesellschaft sie als unangenehm empfindet und nichts mit ihnen zu tun haben will. Dies ändert sich durch das Rauchverbot um kein Jota und das wissen sie auch und bleiben den Kneipen – allen Lippenbekenntnissen zum trotz – auch weiterhin fern.
All dies führt zu skurrilen Situationen wie folgender, die in Niedersachsen schon Normalität ist: In einer neuerdings schlechter gefüllten Kneipe musste eine Trennwand gezogen werden, um den Rauchern ein Habitat zu schaffen. In dieser Rauchzelle sitzen Raucher und Nichtraucher eng beieinander und haben ihren Spaß so wie früher – der einzige Unterschied ist die schlechtere Luft, da sich der Rauch trotz Lüftung auf einen kleineren Luftraum verteilt, womit niemanden ein Gefallen getan wurde. Der große Nichtraucherbereich, samt Theke, ist fast menschenleer. Die wenigen Gestalten an der Theke bekunden auch, ihnen wäre es lieber, wenn wieder geraucht werden dürfte - die saubere Luft sei zwar nett, ersetze aber nicht die verlorene Gemütlichkeit und der neuerliche Separatismus der Masse spalte die Gesellschaft. Ist es das, was die Politik will?
Raucher rauchen meist nur dort, wo sie dürfen und stören ungern ihre Mitmenschen. Raucher zahlen auch gerne die Magen-/Darm-/Leberkrebsbehandlungen der “gesunden” Nichtraucher, die Raucher dank ihrer ungesünderer Lebensweise und des vorzeitigen Ablebens meist gar nicht erst bekommen, da diese Krebsarten idR nur Menschen über 80 bekommen. Raucher zahlen auch gerne die künstlichen Kniegelenke und Hüften für Extremsportler, die es zeitlebens nicht lassen können, ihren Körper zu schädigen. Raucher zahlen auch gerne die OPs, Hubschraubereinsätze und Rehamaßnahmen für Skisportler, Motorradfahrer, Mountainbiker oder Drachenflieger, die mit ihren Hobbys “unnötige” Risiken eingehen.
So ist das mit den Rauchern, sie scheinen irgendwie die toleranten Menschen zu sein, die anderen Menschen auch ihren “unvernünftigen” Spaß gönnen können. Warum gönnt man nicht auch den Rauchern ihren „unvernünftigen“ Spaß?
p.s.: Im Jahre 1692 wurde im Herzogtum Lüneburg die Todesstrafe für “unerlaubtes Rauchen” gesetzlich festgeschrieben - da stellt die gesellschaftliche Diskriminierung heutiger Tage ja schon einen kleinen Fortschritt dar. Bei der 1848er Revolution war eine der Kernforderungen der Demonstranten die Aufhebung des Rauchverbots im Berliner Tiergarten. Wir können also hoffen.
Jens Berger